Reisebericht: Mit Fahrrad, Bus und Zug durch Kuba

Reisebericht 121 Antworten · 17,4k Aufrufe · gestartet 29. Juli 2020 von Gu-ko
573 Beiträge · seit 201412. Aug. 2020 · #41
Hallo Guko,
Solche Verletzungen braucht wirklich kein Mensch. Wie schlimm. Du warst auf jeden Fall sehr tapfer.
Manchmal ist es schon erstaunlich, was einem alles auf Reisen passieren kann.
Dein Bericht ist auf jeden Fall super spannend.
Ich hoffe, dass in ein paar Tagen das Radfahren wieder ohne allzu große Schmerzen möglich ist.
GLG
Martina
2020: Februar/März Kuba und mehr https://martinasreisen.blog/ 2019 Mai/Juni: Botswana - Caprivi - Vic Falls hier im Forum https://www.namibia-forum.ch/forum/22-reiseberichte/297741-slow-motion-runde-um-s-okavango-delta.html 2018 Sizilien, Äolische Inseln, La Reunion und mehr: https://martinasreisen.blog/ 2018 Ost-Sizilien und Liparische Inseln Reisebericht: https://www.umdiewelt.de/mTravelogue.php?t=9215&m=p 2017 Island - Spitzbergen - Nordkap - Norwegen Reisebericht: http://www.umdiewelt.de/Europa/Nordeuropa-oder-Skandinavien/Island/Reisebericht-9019/Kapitel-0.html 2016 Vietnam Reisebericht: https://www.vivien-und-erhard.de/forum/index.php?thread/9522-knapp-3-wochen-vietnam-von-s%C3%BCd-nach-nord-reisebericht/&pageNo=1 2015 Namibia Reisebericht: https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/286330-namibia-die-erste-mai-2015-ein-traum.html
Themenstarter275 Beiträge · seit 201413. Aug. 2020 · #42
Martina56 schrieb:Hallo Guko,
Solche Verletzungen braucht wirklich kein Mensch. Wie schlimm. Du warst auf jeden Fall sehr tapfer.
Manchmal ist es schon erstaunlich, was einem alles auf Reisen passieren kann.
Dein Bericht ist auf jeden Fall super spannend.
Ich hoffe, dass in ein paar Tagen das Radfahren wieder ohne allzu große Schmerzen möglich ist.
GLG
Martina
Danke. Die ersten drei Tage war ich echt im Zweifel, ob ich meine Radreise fortsetzen kann. Aber ich bin recht zäh... 😉
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Themenstarter275 Beiträge · seit 201413. Aug. 2020 · #43
Anderos schrieb:Was für eine super coole Reise und ein sehr ausführlicher informativer Bericht! Herzlichen Dank, ich konnte da richtig mit eintauchen...
Danke 🙂
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Themenstarter275 Beiträge · seit 201415. Aug. 2020 · #44
Pilón

Pilón ist mit rund 30000 Einwohner eine Kleinstadt und in dieser dünnbevölkerten Gegend quasi das Zentrum der Zivilisation. Es gibt zwei oder drei Minisupermärkte, eine Bank, einen Terminal de Autobus (Busbahnhof), ein Hospital und einen schattigen Parque mitten im Zentrum.


Pilón

In der Casa Dalia werde ich schon erwartet. Mein Casawirt aus Marea del Portillo hat mich angekündigt, so dass Dalia und ihr Mann über mich Bescheid wissen. Trotzdem muss ich die ganze Geschichte noch einmal erzählen, wobei sie meinen Bericht mit mitfühlenden „Ay, ay, ay“ und „Dios mio“ – Ausrufen kommentieren.

Dalia rät mir ab, das örtliche Krankenhaus aufzusuchen. Dort muss ich mit langen Warteschlangen, mangelnder Hygiene und unmotiviertem Personal rechnen und zudem sei die Behandlung für Ausländer teuer. Sie schlägt vor, eine befreundete Ärztin, die im Hospital arbeitet, könnte nach der Arbeit kommen und mich behandeln. Dann müsste ich nicht ins Hospital gehen. Das ist mir recht, denn auf Krankenhausbesuch habe ich tatsächlich keine große Lust. Von früheren Besuchen weiß ich, dass kubanische Krankenhäuser nicht zu den Orten gehören, die man freiwillig gerne besucht.

Am Abend kommt Doctora und untersucht meine Verletzungen. In den vergangenen Tagen hat sich auf den Wundflächen ein weißer Fibrinbelag gebildet. Der muss weg, sagt Doctora, da sich darunter Infektionen bilden können.

Sie streift sich ein Paar Gummihandschuhe über und beginnt mit der Behandlung. Dazu packt sie in braunes Packpapier eingewickelte Stoffstückchen und eine Kernseife aus. Zuerst seift sie die Wunden kräftig ein, dann bearbeitet sie mit den Stoffstückchen den Fibrinbelag. Leider ist der ziemlich zäh und Doctora muss, zu meinem Leidwesen, ganz schön schrubben.

Dalia, die auch unbedingt etwas zu meiner Genesung beitragen will, hat derweil aus Blätter und Kräuter einen Sud zubereitet, den sie mir fast kochend über Arme und Beine schüttet.

„Esto desinfecta la herida“ (Das desinfiziert die Wunde) sagt sie und tätschelt mir beruhigend den Arm, als ich aufstöhne.

Ich könnte bei der Behandlung der beiden vor Schmerz an die Decke gehen, aber es ist die einzige Option, die ich im Moment habe. Diese Prozedur wiederholen sie zweimal am Tag, drei Tage lang.


Arztbesuch

Während der folgenden Tage kümmern sich Dalia und ihr Mann um mich, fast, als wäre ich Teil der Familie. Dalia lässt es sich nicht nehmen, zweimal am Tag ihren heilenden Sud aufzukochen und mir über Arme und Beine zu schütten. Sie laden mich zum Mittagessen ein, machen Einkäufe für mich, waschen meine Wäsche, bringen ständig Kaffee und helfen bei der Wundversorgung, die ich ab dem dritten Tag selber übernehme. Und das alles nicht gegen Extrabezahlung, sondern einfach, weil sie gute Menschen sind.

Mein Zimmer liegt etwas entfernt vom Wohnhaus an einem kleinen Innenhof. Tagsüber kann ich im Schatten der Bäume sitzen und mich mit Dalia, oder irgendwelchen Besuchern unterhalten, die gelegentlich vorbeikommen. Nur eine Sache macht mir zu schaffen. Jeden Morgen, ab etwa vier Uhr, kräht ein Hahn in Nachbars Garten, als würde er dafür bezahlt. Wieder und immer wieder. Nur durch eine dünne Steinmauer getrennt, ist er fast so laut, als säße er in meinem Zimmer. Weiter entfernt wohnende Hähne nehmen den Ruf auf, noch weiter entfernt wohnende Hähne antworten. So geht das reihum, bis mein Hahn wieder an der Reihe ist. Trotz Klopapier in den Ohren ist da an Schlaf nicht mehr zu denken.

Als ich Dalia daraufhin anspreche, zuckt sie nur mit den Schultern und sagt:

„No puedo hacer nada, es el gallo del vecino“ (Ich kann nichts machen, es ist der Hahn des Nachbarn)

Die Leute scheint das nicht zu stören. Mich würde es allmählich zum Wahnsinn treiben, wenn ich hier leben müsste.

Warum man in Kuba überall Schlange stehen muss

Jeden Nachmittag, wenn die Sonne schon deutlich tiefer steht, mache ich einen Spaziergang zum zentralen Park. Der Park ist eine WiFi-Area, also ein Ort, an dem man Zugang zum Internet haben kann. Abgesehen von den größeren Touristenhotels, sind die WiFi-Areas die einzige Möglichkeit ins Internet zu kommen. Man findet sie meistens in Parks oder auf öffentlichen Plätzen. Man erkennt sie an der Vielzahl der Menschen, die dort mit ihren Smartphones, Tablets und Laptops herumsitzen und den Zugang nutzen. Je mehr Menschen sich an so einem Hotspot befinden, umso langsamer ist die Verbindung. Aber im Parque von Pilón gibt es nur wenige Internetnutzer, so dass ich stets eine (für kubanische Verhältnisse) flotte Verbindung habe.

Um ins Netz zu kommen, kauft man bei der ETECSA (kubanische Telekom) Internetzeit in Form von Guthabenkarten (Tarjetas de Navegación). 1 Stunde kostet 1 CUC. Da meine Karten alle aufgebraucht sind, gehe zur Verkaufsstelle der ETECSA um neue zu besorgen. Ich habe Glück, vor mir ist nur ein Kunde, also kein Schlangestehen. Das ist in Kuba alles andere als selbstverständlich, meistens muss man für die Tarjetas lange anstehen, oder sie für den doppelten Preis auf der Straße kaufen.

Doch zu früh gefreut. In Kuba geht selten etwas schnell. Die ETECSA-Angestellte, eine Dame mittleren Alters, ist damit beschäftigt, ein Bündel Geldscheine zu zählen. Sie betrachtet jeden einzelnen Schein von beiden Seiten, legt ihn dann auf den Tisch und streicht ihn sorgfältig glatt, dann kommt der nächste dran und so geht das Schein für Schein. Ihre Hände bewegen sich wie in Zeitlupe. Zuletzt schnürt sie das Bündel mit einem Band zusammen und legt es in eine Schublade. Sie tippt das Ergebnis ihrer Zählung in den Computer, betrachtet den Monitor, holt das Bündel wieder aus der Schublade, öffnet das Bändchen und beginnt von neuem zu zählen…

Ihr Telefon klingelt und sie unterbricht die Zählarbeit.

„Hola Mimi, cómo estás?“ (Hallo Mimi, wie geht es dir?)

Während sich hinter mir eine Warteschlange (Cola) bildet, die rasch länger wird, unterhält sie sich mit „Mimi“. Sie plaudern entspannt über ihre Pläne fürs Wochenende, über gemeinsame Bekannte und was weiß ich noch alles.

Nachdem sie das Telefonat mit Mimi beendet hat, zählt sie das Geld noch einmal durch. Das Bändchen drumherum und ab in die Schublade. Der Kunde vor mir bekommt seine Quittung und ich bin dran.

Für den Kauf der Internet-Tarjetas muss ich meinen Ausweis vorzeigen. Sie beginnt die Daten in ein Formular einzutippen. Dann fragt sie mich, welche Nationalität ich habe.

Ich sage: „Aleman“. (Deutsch)

Ein strahlendes Lächeln geht über ihr Gesicht. Sie greift ihr Smartphone und scrollt durch die Menüs. Stolz zeigt sie mir Fotos ihrer Familie:

„Mi hija, ella vive en Alemania, esta casada con un Aleman“ (Meine Tochter, sie lebt in Deutschland, sie ist mit einem Deutschen verheiratet)

Das kommt mir bekannt vor, es scheinen einige kubanische Töchter in Deutschland verheiratet zu sein. 😉

Während die Schlange hinter mir länger wird und die Eingangstüre erreicht, muss ich alle Fotos ihrer in Deutschland verheirateten Tochter ansehen und bewundern. Die ersten Wartenden verlassen bereits wieder das ETECSA-Büro. Aber niemand beschwert sich. Nur einer versucht sich vorzudrängen, wird aber mit einem scharfen „Espere!“ (Warte!) zurückgescheucht.

Lange Wartezeiten und Schlangestehen gehört zum Alltag in Kuba und meistens nehmen die Menschen es ohne zu murren hin. Endlich bekomme ich meine Internetkarten und bin froh, aus dem ETECSA-Büro herauszukommen.


Straßenfest in Pilón


Straßenfest in Pilón

Am dritten und letzten Abend schlendere ich ein letztes Mal durch Pilón. In zwei Wochen soll ein Volksfest stattfinden. Dafür werden schon die ersten Fressstände und Karussells aufgebaut. Es gibt gekochte Maiskolben, Chicharrónes (frittierte Schweinehaut), Cajitas (Pappschächtelchen mit Reis, Bohnen und Fleisch), und Krabbenspieße – eben alles, wonach das kulinarische Herz eines Pilóneros verlangt. Die frittierten Krabben sind tatsächlich lecker, bei den Chicharrónes halte ich mich zurück.

Morgen werde ich meine Radreise Fortsetzen. Da ich durch die unfreiwilligen Aufenthalte in Marea del Portillo und Pilón mehrere Tage verloren habe, muss ich die ursprünglich geplante Route etwas kürzen. Ich habe das Fahrrad nur für 15 Tage zur Verfügung und eine Verlängerung ist laut Vermieter nicht möglich. Ich streiche also den Abstecher über Niquero zu den Playas Coloradas und mache mich auf den direkten Weg nach Media Luna.
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2'396 Beiträge · seit 201115. Aug. 2020 · #45
Hallo Gu-ko,
ja, der Service-Gedanke ist nicht gerade sehr ausgeprägt in Cuba:
Wir wollten an der Coppelia das berühmte Eis probieren. Als ich an der Reihe war, bestellte ich 2 Kugeln Eis. "No hay." (Gibt es nicht.) Auf Nachfrage: "Sólo vendemos 3!" (Wir verkaufen nur 3!)
Das ist aber nichts Cuba-spezifisches, in einer Eisdiele in der DDR wollten wir einen Eisbecher ohne Sahne. "Haben wir nicht." 😐 ??? "Wir haben nur Eisbecher mit Sahne!" 🤩
Noch mal ein herzliches Dankeschön für Deinen interessanten Bericht, der so viele Erinnerungen hervorruft. Das soll jetzt aber mein letzter Einwurf gewesen sein, nicht, dass Bele noch einen Infarkt bekommt. 😎
LG aus HH,
Karsten
[size =3] Infos NordTZ 22 https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/301813-infos-nordtansania-juni-juli-22.html?start=0 RB Kenia 2020 https://www.namibia-forum.ch/forum/156-diverses/299653-kurzer-rb-kenia-sept-2020.html?start=0 Reisebericht Südtanzania 2013 http://www.namibia-forum.ch/forum/158-diverses/282710-tanzanias-sueden-daumendruecken-hilft-nicht-immer.html Kurzbericht 7 Wochen Nam-Bots 2012 http://www.namibia-forum.ch/forum/16-unterkuenfte/254072-kurzbericht-7-wochen-nam-bots.html Bericht Zimbabwe 1995: ... 30 Tage Gefängnis http://www.namibia-forum.ch/forum/139-off-topic/241529--30-tage-gefaengnis.html Reisebericht 2008: 18 Nights in the Bush - ha-ha-ha http://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/263931-18-nights-in-the-bush-ha-ha-ha.html Nordtansania Feb. 2015 - Kein RB http://www.namibia-forum.ch/forum/158-diverses/285690-tansania-februar-2015-kein-reisebericht.html?limitstart=0&start=12] Walking Safari Zimbabwe 97 https://www.namibia-forum.ch/forum/148-diverses/287052-walking-safari.html?limitstart=0
3'883 Beiträge · seit 201115. Aug. 2020 · #46
Guko schrieb:
"Nur eine Sache macht mir zu schaffen. Jeden Morgen, ab etwa vier Uhr, kräht ein Hahn in Nachbars Garten, als würde er dafür bezahlt. Wieder und immer wieder. Nur durch eine dünne Steinmauer getrennt, ist er fast so laut, als säße er in meinem Zimmer. Weiter entfernt wohnende Hähne nehmen den Ruf auf, noch weiter entfernt wohnende Hähne antworten. So geht das reihum, bis mein Hahn wieder an der Reihe ist. Trotz Klopapier in den Ohren ist da an Schlaf nicht mehr zu denken."

Ich kann wirklich mitfühlen!!! Trotzdem muss ich grinsen, denn auf Kreta hatten wir während unserer gesamten Anwesenheit in einem damals noch typisch kretischen Dorf Nacht für Nacht so ein Hundekonzert. Die Dorfbewohner zuckten nur mit den Achseln. Im Norden Queenslands war es eine Familie Curlews, die nicht nur uns, sondern auch Buschhühner genervt hat.
Aber solche Erlebnisse bleiben im Gegensatz zu den vielen ruhigen Nächten gut im Gedächtnis, nicht wahr?

Ich freue mich, dass es dir besser geht. Wärst du mit derartigen Verletzungen daheim auch so bald wieder ins Büro (oder wo auch immer du arbeitest) gefahren?

Einen schönen Sonntag wünscht
freshy
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Themenstarter275 Beiträge · seit 201416. Aug. 2020 · #47
KarstenB schrieb:Hallo Gu-ko,
ja, der Service-Gedanke ist nicht gerade sehr ausgeprägt in Cuba:
[...]

Hallo Karsten, das stimmt, ich könnte noch viele ähnliche Geschichten erzählen, in einigen staatlichen Restaurants und Geschäften hatte ich das Gefühl, die Angestellten betrachten die Kunden als Störfaktor in ihrem Tagesschlaf 🤨 ...aber, wie ich schon schrieb, im privaten Dienstleistungssektor hat sich in den letzten Jahren viel getan, vor allem dort, Leistung mit Geld verdienen verbunden ist.
Was mich immer erstaunt hat, war, dass die Menschen das klaglos hinnehmen.
KarstenB schrieb:Das soll jetzt aber mein letzter Einwurf gewesen sein, nicht, dass Bele noch einen Infarkt bekommt. 😎
Ich hoffe nicht, dass es dein letzter Einwurf war, ich freue mich über Rückmeldungen, sonst habe ich das Gefühl. einen Monolog zu halten. 🙂
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zuletzt bearbeitet 16. Aug. 2020
Themenstarter275 Beiträge · seit 201416. Aug. 2020 · #48
freshy schrieb:
Ich freue mich, dass es dir besser geht. Wärst du mit derartigen Verletzungen daheim auch so bald wieder ins Büro (oder wo auch immer du arbeitest) gefahren?

Einen schönen Sonntag wünscht
freshy
Hallo freshy, zuhause hätte mich jeder Arzt mindestens drei Wochen krankgeschrieben. Solange dauerte es, bis die Wunden einigermaßen geschlossen waren. Aber für meine Radtour wäre es das Ende gewesen, deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als Zähne zusammenbeißen und weiterfahren.
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zuletzt bearbeitet 16. Aug. 2020
443 Beiträge · seit 201416. Aug. 2020 · #49
Hallo Guko,
ich radle virtuell (wie auch sonst 😄 ) begeistert mit, denn auf Kuba sind wir noch nicht gewesen. Das müssen wir auf unser nächstes Leben verschieben. Aber auch dann nur mit Pedelec!
Danke für diesen informativen RB.

Ute
4'382 Beiträge · seit 201516. Aug. 2020 · #50
Schönen guten Tag, Guko,
Du brauchst nicht zu befürchten, daß Du monologisierst, auch ich fahre virtuell mit Interesse und Neugier mit. Allerdings nicht mit einem ganz so fortschrittlichen Vehikel wie Ute 😉
Du scheinst ja gut Spanisch zu sprechen!? Respekt, nicht nur deshalb. Freue mich auf mehr aus dieser mir unbekannten Ecke der Welt!
Friederike
https://www.namibia-forum.ch/forum/22-reiseberichte/305239-2-froestelnde-senioren-cufs-in-botswana-august-24.html https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/299590-namibia-2008-cufscher-verbindungsstresstest.html https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/285307-cuf-in-botswana-2013.html https://www.namibia-forum.ch/forum/30-reiseberichte/285473-cuf-im-ktp-und-moremi-juli-august-2014.html https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/287481-cuf-maeandern-durch-den-norden-namibias-v-o-nach.html?start=0 https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/294392-cufs-8woechige-antiviruskur-erfolgreich-oder-nicht.html https://www.namibia-forum.ch/forum/22-reiseberichte/300961-cufs-6-wo-haengemattenauszeit-v-covid19-in-bots-nam.html https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/298077-kurz-trocken-skelettenkueste-suedwaerts-april-mai-19.html?start=0 https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/303543-62-tage-auf-der-entschleunigungsspur-nam-bots-nam.html
Themenstarter275 Beiträge · seit 201422. Aug. 2020 · #51
UDi schrieb:Hallo Guko,
ich radle virtuell (wie auch sonst 😄 ) begeistert mit, denn auf Kuba sind wir noch nicht gewesen. Das müssen wir auf unser nächstes Leben verschieben. Aber auch dann nur mit Pedelec!
Danke für diesen informativen RB.

Ute
Danke 🙂
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Themenstarter275 Beiträge · seit 201422. Aug. 2020 · #52
CuF schrieb:Schönen guten Tag, Guko,
...
Du scheinst ja gut Spanisch zu sprechen!? .
Friederike
Ja, ich habe mehrere Jahre in spanisch sprechenden Ländern gelebt. In Kuba ist es ein Vorteil, wenn man die Sprache spricht, vor allem, wenn man ins ländlich Kuba kommt. Kubaner lernen zwar etwas Englisch in der Schule, aber Fremdsprachkenntnisse sind meistens nur sehr rudimentär vorhanden. Gelegentlich traf ich auch auf Kubaner, die Deutsch konnten, das hatten sie meistens in der Ex-DDR gelernt. Natürlich kommt man auch ohne, oder mit geringen Spanischkenntnissen durchs Land, aber es macht einfach viel mehr Spaß, wenn man sich mit den Leuten unterhalten kann.
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8 Beiträge · seit 201722. Aug. 2020 · #53
Moin, freue mich auch auf Fortsetzung. 😎
Gruß Franz
Themenstarter275 Beiträge · seit 201423. Aug. 2020 · #54
Pilón - Media Luna

Um 6 Uhr klopft Dalia an meine Zimmertür:

„Desayuno“ (Frühstück)

Ich bin, dem nachbarlichen Hahn sei Dank, schon seit halb vier Uhr wach. Noch ein paar weitere Nächte und ich hätte ihm den Hals umgedreht. Gut daran ist, dass ich schon alles gepackt habe und mein Fahrrad abfahrbereit auf dem Hof steht.

Auch Dalias Mann ist aufgestanden, um mich zu verabschieden. Ich muss den beiden versprechen, mich bald zu melden und zu erzählen, wie es mir auf meiner weiteren Reise ergangen ist. Dann winken sie mir noch eine Weile hinterher, während ich langsam die holperige Straße Richtung Ortsausgang fahre.

Es war fast unmöglich gewesen, in Pilón Verbandsmaterial zu bekommen, weder im Hospital, noch in der Apotheke. Dalia gelang es nach einigen Telefonaten eine schon etwas angestaubte Mullbinde zu organisieren. Um Arm und Bein gewickelt hoffe ich damit die immer noch offenen Wunden vor Staub und Sonne zu schützen.



Pilon liegt schnell hinter mir. Das Sträßchen ist in gutem Zustand und zunächst eben. Ich bin froh, dass es endlich weitergeht. Ich werfe einen letzten Blick auf Pilón, das im dunstigen Licht der aufgehenden Morgensonne wie ein verschlafener Fischerort wirkt, was es ja auch ist.



Der erste Anstieg lässt nicht lange auf sich warten. Wenige Kilometer hinter Pilon windet sich die Straße in mehr oder weniger steilen Serpentinen den Berg hinauf. Wald wechselt mit Busch, dazwischen nackte Felsen, an die sich agavenartige Pflanzen klammern.

Nach den erzwungenen Ruhetagen freuen sich meine Beinmuskeln wieder aktiv sein zu dürfen. Ich trete trotz der Steigung flott in die Pedale. Dummerweise verrutschen durch die Bewegungen immer wieder die Verbände. Die Reibung ist schmerzhaft und auch der Schweiß, der in die Wunden läuft, ist alles andere als angenehm.

Irgendwann wickle ich die nutzlos gewordenen Verbände ab. Doch dann kommt ein neues Problem. Die kräftig gewordene Sonne brennt auf meinen aufgeschürften rechten Arm. Da die Sonnenbestrahlung noch unangenehmer als Reibung ist, wickle ich ein (sauberes) T-Shirt um den Arm. So geht es einigermaßen, aber angenehm ist etwas anderes.


Alto del Mareon – Gedenkminute für die Revolutionäre

Zweimal komme ich an revolutionären Gedenkstätten vorbei, La Aguadita und Alto del Mareon, wo Castro, Che Guevara & Co. einst die Revolution vorantrieben.


Landstraße zwischen Pilón und Media Luna

Nachdem ich die Ausläufer der Sierra Maestra überquert habe, führt mich eine schnurgerade Landstraße durch eine flache, offene Landschaft. Zuckerohrfelder bis an den Horizont, ab und an durchfahre ich kleine, bäuerliche Ortschaften.

Auch auf dieser Strecke sind nicht viele Fahrzeuge unterwegs. Aber nach der Einsamkeit der Küstenstraße kommt mir die Landstraße geradezu verkehrsreich vor. Anfangs begegnen mir hauptsächlich Pferdekarren, Kutschen und Reiter, später zunehmend auch motorisierte Fahrzeuge, Traktoren, Camiones und PKWs.

Da meine heutige Tages-Etappe nur etwa 45 km beträgt, habe ich reichlich Zeit und trödle vor mich hin. Ein paar Mal raste ich an schattigen Stellen und schaue dem Verkehr der Landstraße zu:


Auf der Landstraße zwischen Pilón und Media Luna


Öffentlicher Personennahverkehr


Auf der Landstraße zwischen Pilón und Media Luna


Maquina - Landstraße zwischen Pilón und Media Luna


Auf der Landstraße zwischen Pilón und Media Luna


Die Gebrüder Castro sind auch im hintersten Landeszipfel präsent



Media Luna

Trotz Trödelei und vieler Pausen erreiche ich mein Tagesziel schon gegen Mittag. Media Luna ist mir sofort sympathisch. Ein kleiner Ort, überschaubar, unspektakulär und untouristisch. Viele Häuser sind aus Holz gebaut und haben luftige Veranden. Das verleiht dem Ort etwas Karibik-Charme.


Media Luna



Media Luna hat auch einen hübschen Parque mit einem verspielten Pavillon und schattigen Bäumen, unter denen man die Hitze des Nachmittags gut aushalten kann.

In der einzigen Casa Particular des Ortes bekomme ich problemlos ein Zimmer. Das Haus hat eine Terrasse mit Schaukelstühlen auf der man gemütlich abhängen und dem Treiben auf der Straße zuschauen kann.


Casa Paricular El Almendro in Media Luna

Pedro, mein Zimmervermieter, erzählt, dass ich seit über zwei Wochen sein erster Gast sei. Media Luna liegt nicht gerade an den gängigen Touristenrouten und außerdem ist zurzeit keine Saison. Manchmal übernachten Radfahrer in seinem Haus, die wie ich die Küstenstraße entlangfahren, oder Touristen, die individuell mit dem PKW unterwegs sind.

Da wird mir bewusst, dass ich, seit ich Santiago verlassen habe, nur zwei Ausländer gesehen habe. Der erste kam mir unweit von Chivirico (bei der kaputten Brücke) entgegen, ein Profi-Radler, durchtrainiert und mit Hightech-Ausrüstung. Er war so schnell an mir vorbei, dass ich kaum „hola“ hinterherrufen konnte, den zweiten sah ich im Wifi-Parque in Pilón.


Media Luna

Media Luna hat sogar einen Strand. La Doctora aus Pilón gab mir den Rat mit auf den Weg, ich solle wo immer möglich, im Meer baden, das Salzwasser würde den Heilungsprozess beschleunigen.

Also, vamos a la playa.

Ich radle einen staubigen Feldweg Richtung Strand. Plötzlich sehe ich eine Ansammlung von Menschen, die einen Reiter anfeuern, der in mörderischem Tempo auf ein Drahtseil zureitet, das in etwa zwei Meter Höhe über den Weg gespannt ist. An dem Draht sind nebeneinander drei Ringe befestigt. Der Reiter versucht in vollem Galopp einen bleistiftgroßen Stift durch einen der Ringe zu stoßen. Das sieht unheimlich schwierig aus, und muss tatsächlich noch viel schwieriger sein.

Das Publikum hat seinen Spaß. Die Guajiros (Landvolk) wetten, trinken Rum aus Plastikbechern und johlen und schreien jedes Mal, wenn sich ein Reiter in hohem Tempo den Ringen nähert.


Reiterspiele in Media Luna


Ein bleistiftgroßer Stift muss durch einen der Ringe gestoßen werden

Ich schaue dem wilden Treiben eine Weile zu, doch dann brennt mir die Sonne zu sehr auf den Schädel und ich fahre weiter zum Strand. Der ist klein, fast menschenleer und wird es wohl nie in die Liga berühmter Strände Kubas schaffen, aber um etwas im Wasser herum zu planschen und meine Wunden vom Schmutz des Tages zu reinigen, ist es perfekt.

Während ich im Wasser plansche kommt eine Familie mit kleinen Kindern vorbei. Ich höre, wie die Mutter zu den Kindern sagt:

„Mira, mira un turista“ (Schau, schau ein Tourist)

Ich muss grinsen. 😄 Viele Touristen scheinen sich tatsächlich nicht nach Media Luna zu verirren.

Auf dem Rückweg zur Casa mache ich einen Stopp in der Cafeteria El Sudito. Der lange und heiße Tag hat mich durstig gemacht und dagegen hilft kaltes Bier bekanntlich am besten. Es ist eine staatliche Cafeteria und dementsprechend bescheiden ist das Angebot: Bier, Rum, Zigarren und Zigaretten und von allem nur eine Sorte.

An den Tischen sitzen Campesinos, auf den Tischen steht Presidente-Bier. Ich hole mir auch ein Presidente-Bier und setze mich an einen freien Tisch. Das Bier schmeckt etwas wässrig, ist aber schön kalt. Obwohl ich in dieser Umgebung recht exotisch wirken muss, beachtet mich niemand. Die meisten trinken schweigend ihre Cerveza.

Ich sehe, wie ein älterer, wettergegerbter Mann zum Tresen geht und sich fünf Päckchen Criollos sin filtro (filterlose Zigaretten) geben lässt. Er riecht nacheinander an allen Päckchen und wählt dann eines aus. Die anderen gibt er dem Cantinero zurück.

Ein anderer Gast bekommt ein großes Glas Rum. Er nimmt einen tiefen Schluck, schüttet den Rest in die hohle Hand und reibt sich damit Gesicht und Arme ein. Sichtlich erfrischt verlässt er das Lokal.

Und ich bestelle noch ein Presidente. 😎
Guko Reiseberichte: Reisebericht: Bilder einer Äthiopienreise Reisebericht: Mit Bus, Matatu und Liemba durch Ostafrika Reisebericht: Mit Öffis durch Ostafrika u. Ost-Kongo Reisebericht: Mit-Fahrrad Bus-und Zug durch-Cuba
zuletzt bearbeitet 23. Aug. 2020
573 Beiträge · seit 201423. Aug. 2020 · #55
Guten Abend Guko,

interessant Dein Bericht für mich von den untouristischen Orten auf Cuba. 🙄 Ich genieße Deine Erzählungen sehr und die Bilder noch mehr. Und ja, das Salzwasser heilt die Wunden. 🙂 Habe ich erst vor 2 Monaten in Südfrankreich auch erfahren... Nur die Zahnkrone auf Abwegen konnte das Salzwasser auch nicht retten. 😵
Aber solche Dinge sind nur Nebensache!
Liebe Grüße
Martina
2020: Februar/März Kuba und mehr https://martinasreisen.blog/ 2019 Mai/Juni: Botswana - Caprivi - Vic Falls hier im Forum https://www.namibia-forum.ch/forum/22-reiseberichte/297741-slow-motion-runde-um-s-okavango-delta.html 2018 Sizilien, Äolische Inseln, La Reunion und mehr: https://martinasreisen.blog/ 2018 Ost-Sizilien und Liparische Inseln Reisebericht: https://www.umdiewelt.de/mTravelogue.php?t=9215&m=p 2017 Island - Spitzbergen - Nordkap - Norwegen Reisebericht: http://www.umdiewelt.de/Europa/Nordeuropa-oder-Skandinavien/Island/Reisebericht-9019/Kapitel-0.html 2016 Vietnam Reisebericht: https://www.vivien-und-erhard.de/forum/index.php?thread/9522-knapp-3-wochen-vietnam-von-s%C3%BCd-nach-nord-reisebericht/&pageNo=1 2015 Namibia Reisebericht: https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/286330-namibia-die-erste-mai-2015-ein-traum.html
Themenstarter275 Beiträge · seit 201426. Aug. 2020 · #56
Martina56 schrieb:Guten Abend Guko,

interessant Dein Bericht für mich von den untouristischen Orten auf Cuba. 🙄 Ich genieße Deine Erzählungen sehr und die Bilder noch mehr. Und ja, das Salzwasser heilt die Wunden. 🙂 Habe ich erst vor 2 Monaten in Südfrankreich auch erfahren... Nur die Zahnkrone auf Abwegen konnte das Salzwasser auch nicht retten. 😵
Aber solche Dinge sind nur Nebensache!
Liebe Grüße
Martina
Danke 🙂
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Themenstarter275 Beiträge · seit 201426. Aug. 2020 · #57
Media Luna – Manzanillo

Ich wäre gerne noch einen Tag im sympathischen Media Luna geblieben, aber die Zeit drängt und ich möchte nicht schon wieder einen Ruhetag einlegen. Mein heutiges Ziel ist die Hafenstadt Manzanillo, mit über 100 000 Einwohner die zweitgrößte Stadt der Provinz Granma.


Wieder unterwegs – zwischen Media Luna und Manzanillo

Die Landstraße führt auch heute schattenlos und wie mit dem Lineal gezogen, durch endlose Zuckerrohrplantagen. Der löchrige Straßenbelag erinnert an einen Schweizer Käse, die Schlaglöcher, Risse und Spurrillen zwingen mich zum Slalomfahren.


Landschaft Ostkuba

Später wechseln Zuckerrohrfelder mit Weide- und Ackerland. Gut genährte Kühe grasen unter schlanken Königspalmen. Rinder sind in Kuba Staatseigentum, wer eine Kuh tötet muss nach kubanischem Strafrecht mit bis zu 10 Jahren Gefängnis rechnen, für den illegalen Handel mit Rindfleisch drohen fünf Jahre.

Noch habe ich die Landstraße fast für mich allein, doch das soll sich im Verlaufe des Tages ändern.


Öko-Landwirtschaft

Vor allem die kleinen Privatbauern bearbeiten ihre Felder noch mit von Ochsengespannen gezogenen Holzpflügen. In den Staatsbetrieben geht es zwar moderner zu, effizient ist deren Arbeitsweise auch nicht. Trotz fruchtbarer Böden muss Kuba den größten Teil seiner benötigten Lebensmittel importieren.

An einer Straßenkreuzung, im Schatten eines mächtigen Baumes, mache ich ein Päuschen. Radfahren macht hungrig und ich habe noch ein paar angeschmolzene Schokoriegel im Gepäck.

Während ich meinen Schokoriegel kaue, taucht wie aus dem Nichts ein Campesino auf. Ein Gesicht aus Falten und Bartstoppeln, ein Mund fast ohne Zähne. Sein Alter ist schwer zu schätzen. Er nuschelt etwas Unverständliches, ich verstehe bloß einzelne Worte:

„nieto“ (Enkel) und „familia“ (Familie).

Da ich gerade einen Schokoriegel im Mund habe, nuschle ich freundlich etwas zurück und so nuscheln wir eine Weile hin und her, bis er ein dickes, leicht ramponiertes Fotoalbum aus einem Beutel zieht und aufklappt.

Das Album ist gefüllt mit über Jahrzehnte gesammelte Fotos seiner Familie. Bilder von Babys und Kleinkindern, von Papas und Mamas, Tias und Tios (Tanten und Onkel), Primas und Primos (Cousinen und Cousins). Oft sind die fotografierten Personen um riesige rosarote Zuckertorten gruppiert, oder stehen vor kitschigen knallbunten Fotostudiohintergründen, oder einmal, auf das Foto ist er besonders stolz, klammern sich zwei Kinder im Krabbelalter auf einem Motorrad fest ("la moto del fotografo") und starren ernst, fast grimmig, in die Kamera. Auch die Personen auf den anderen Bildern blicken steif und angespannt. Auf keinem Foto lacht oder lächelt jemand. Ein Fototermin scheint in Kuba eine ernste Angelegenheit zu sein.

Kubanische Familien sind groß und als ich schon befürchte, das Album würde überhaupt kein Ende nehmen, taucht auf der Straße ein Camion auf. Der Campesino packt sein Album wieder ein und gibt dem Fahrer Zeichen anzuhalten. Er wünscht mir alles Gute für meine Reise und, dass Gott mich segne (que Dios te bendiga), dann klettert er auf die Ladefläche des LKWs und verschwindet genauso flugs wie er aufgetaucht ist.

Inzwischen ist es deutlich wärmer geworden. Jetzt erst merke ich, dass kleine, hochfrequent surrende Fluginsekten unablässig versuchen in meinen Ohren zu landen. Höchste Zeit für einen Ortswechsel. Den Kopf voller Bilder von unbekannten Menschen und rosaroten Zuckertorten fahre ich weiter Richtung Manzanillo.

Je näher ich Manzanillo komme, umso lebhafter wird die Straße. Trotz des teilweise sehr schlechten Straßenbelags brettern die Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbei. Camiones vollgestopft mit Menschen, aber auch PKWs, landwirtschaftliche Fahrzeuge und Motorräder.

Schwarzer, stinkender Dieselqualm wird wieder zum Problem. Dazu brennt die Sonne kräftig ins Gesicht und der Schweiß in den Wunden. Unter diesen Bedingungen macht Fahrrad fahren nicht wirklich Spaß.


Hässliche Plattenbauten bei Manzanillo

Manzanillo

Als ich Manzanillo erreiche, suche ich mir als erstes eine Unterkunft im Stadtzentrum. Ich bin froh, das Fahrrad für heute abstellen zu können. Anschließend wasche ich den Dreck der Straße aus meinen Wunden.

Doctora aus Pilon hatte mir eingeschärft, mindestens zweimal pro Tag alle Wunden gründlich mit Kernseife auszuwaschen und solange zu schrubben, bis sich der Fibrinbelag ablöst. Die Schrubberei hat zur Folge, dass die tieferen Verletzungen immer wieder zu bluten beginnen. Da es in diesem Teil Kubas kein Verbandsmaterial zu geben scheint, bleibt mir nichts anderes übrig, als nach der Reinigung ein Desinfektionsmittel aufzutragen und mit den offenen Wunden herumzulaufen.

Dass ich ein bisschen gruselig aussehe, merke ich immer wieder an den Reaktionen der Menschen, mit denen ich in Geschäften, Restaurants, oder auf der Straße in Kontakt komme:

„Dios mio, qué te pasó, eso no se ve bien, no es facil…“ usw (Mein Gott, was ist dir passiert, das sieht nicht gut aus, das Leben ist nicht einfach…“)


Manzanillo Parque

Manzanillo hat ein hübsches Zentrum. Um den Parque Céspedes gruppieren sich koloniale Gebäude, denen man spanische und maurische Einflüsse ansieht. Vor allem der Pavillon (die Glorieta) im Mittelpunkt des Parques beeindruckt durch eine Architektur, die man eher in Nordafrika erwarten würde. Überbleibsel einer Vergangenheit, als Kuba noch "die reichste Kolonie der Neuen Welt“ war.


Pavillon „Glorieta“


Manzanillo - Maurisch geprägte Architektur

Darüber hinaus wirkt Manzanillo auf mich eher etwas trist. Je weiter ich mich vom Zentrum entferne, umso unbelebter wirken die Straßen, umso vernachlässigter die Gebäude. Schade, mit etwas Pflege und Restauration könnte Manzanillo ein Schmuckstück sein.


Manzanillo

Der Himmel verfinstert sich zunehmend und plötzlich schüttet es wie aus Kübeln. Überall bilden sich Pfützen, Wasserläufe und kleinere Überschwemmungen. Im Nu sind Straßen und Plätze menschenleer, das gesamte Leben in den Straßen kommt zum Erliegen.

Als ich mich vor den Wasserfluten in ein Restaurant retten will, stellt sich mir eine uniformierte Angestellte in den Weg. Nachdem sie mich gründlich von oben bis unten betrachtet hat, sagt sie in abweisendem Ton:

„Aqui no se puede entrar en camiseta“ (Hier darf man nicht in einem T-Shirt eintreten)

Es ist eines dieser staatlichen Peso-Restaurants, in die man nur eingelassen wird, wenn man ordentlich gekleidet ist. T-Shirts, halblange Hosen, oder gar Sandalen gelten nicht als ordentlich.

Wunderlich ist diese Kleiderordnung vor allem deshalb, weil sich die meisten staatlichen Peso-Restaurants nicht gerade durch ein gehobenes Ambiente auszeichnen. Standard sind fleckige Tischdecken auf denen sich Fliegen tummeln, lange Wartezeiten trotz vieler, untätiger Angestellten, und kaltes Essen trotz langer Wartezeiten. Und wenn man satt werden will, bestellt man am besten gleich zwei Portionen. Dafür kostet ein Essen selten mehr als 1 CUC.

Da ich schon bei früheren Kubareisen mit der Kleiderordnung staatlicher kubanischer Restaurants konfrontiert wurde, habe ich in meinem Gepäck extra ein (ordentliches) Hemd mit Kragen. Aber jetzt gerade habe ich es nicht dabei. Zum Glück gibt es gegenüber einen Paladar, ein privat geführtes Restaurant, und dort bekomme ich, auf sauberen Tischtüchern ohne Fliegen 😎 , trotz meines ärmellosen T-Shirts, etwas zu essen.

Den Rest des Tages verbringe ich mit Wäsche waschen und chillen. Mehr als eine Nacht werde ich nicht in Manzanillo bleiben.
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zuletzt bearbeitet 26. Aug. 2020
4'382 Beiträge · seit 201527. Aug. 2020 · #58
Lieber Gu-ko,
nicht nur Deine Fotos und überhaupt diese gesamte Reise sind/ist bemerkenswert . Auch Dein Humor gefällt mir sehr, vor allem diese Sequenz
„Kubanische Familien sind groß und als ich schon befürchte, das Album würde überhaupt kein Ende nehmen...“

.....ein sehr amüsiertes Danke - nicht ohne Deine Blessuren zu bemitleiden
Friederike
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zuletzt bearbeitet 27. Aug. 2020
Gast27. Aug. 2020 · #59
Hallo Gu-ko, ich bin Späteinsteiger...PS aber deswegen nicht weniger begeisterter Mitleser 🙂
Herzlichen Dank, deine Reiseberichte sind für mich immer was Besonderes.
Vor ein paar Monaten war (wo?) eine ungewöhnliche TV-Reportage über Kuba. Von einem (US?) amerikanischen Journalisten über den Alltag in Städten und am Land. Er hatte vor Jahrzehnten als junger Mann die Akzeptanz des damaligen Fidel Castro - Regimes gewonnen, Kontakte und Freundschaften geknüpft und so Reportagen über den kubanischen Alltag produziert. Über die folgenden Jahrzehnte hat er dann, in längeren Abständen, immer wieder dieselben Personen und Familien besucht und interviewed und so entstand eine sehr sympathische und sehr informative Dokumentation über das harte Leben von zwei Generationen einfacher kubanischer Bürger in der Stadt und am Land. Hätte dir wahrscheinlich gefallen…..aber du machst ja sowas selber. Respekt!!
Danke und Grüße, Werner
zuletzt bearbeitet 27. Aug. 2020