Reisebericht: Mit Fahrrad, Bus und Zug durch Kuba

Reisebericht 121 Antworten · 17,4k Aufrufe · gestartet 29. Juli 2020 von Gu-ko
Themenstarter275 Beiträge · seit 201405. Aug. 2020 · #21
Champagner schrieb:Hi Gu-Ko,

...
Aber dann hab ich deinen tollen Bericht von vorne gelesen und bin mal wieder total begeistert von deinen Fotos! Tolle Farben und Stimmungen! Vielen Dank dafür!
Gu-ko schrieb:
Zu diesem Zeitpunkt ahne ich nicht, dass dieser Hut für eine dramatische Wendung meiner Radtour verantwortlich sein wird.
🤩 Und jetzt bin ich natürlich ziemlich gespannt!

LG Bele
Danke! 🙂

Das mit dem Hut wird bald geklärt. 🤨
Guko Reiseberichte: Reisebericht: Bilder einer Äthiopienreise Reisebericht: Mit Bus, Matatu und Liemba durch Ostafrika Reisebericht: Mit Öffis durch Ostafrika u. Ost-Kongo Reisebericht: Mit-Fahrrad Bus-und Zug durch-Cuba
2'396 Beiträge · seit 201106. Aug. 2020 · #22
Im staatlichen Dienstleistungssektor gibt es oft viel zu viele Angestellte mit viel zu geringer Motivation.
Das politische Ziel ist halt Vollbeschäftigung
Bei den geringen Löhnen (ca. 25-35 CUC/Monat) kann ich sogar verstehen, wenn sie nur so tun als würden sie arbeiten. Und das nicht sehr überzeugend. Im Restaurant haben die zahlreichen Kellner einen Wettbewerb im Weggucken ausgetragen. Aber privat haben uns die Kubaner ihr Leid geklagt, wie schwer sie arbeiten müssten.
Kuba ist ein Land, in dem man unglaublich viel Schönes erleben kann, aber es gibt auch immer wieder Situationen, wo man nur verwundert den Kopf schüttelt. 😄
Bei mir überwiegt in der Erinnerung das Schöne, bei meiner Frau leider nicht. Sie hat sich seitdem geweigert, noch mal nach Cuba zu fliegen.
Ein riesiger Unterschied zwischen den beiden Reisen war übrigens der Wechsel in der Einstellung der Bevölkerung.
Auf der ersten Reise haben wir (die Reisegruppe) nur ein junges Pärchen getroffen, das sich beklagt hat. Ihr Hauptkritikpunkt war, wir konnten es kaum glauben: die Musik(!) 🤩 . Um tolle Musik zu hören, müssten sie amerikanische Sender einstellen, und da sei der Empfang so schlecht. 😵 Ansonsten war der Satz, den ich damals lernte: Después del triunfo de la revolución ..., z.B. gleich zu Beginn in La Habana, als ich die pitoresken Kolonialgebäude fotografierte, kam ein alter Mann auf mich zu und meinte, ich solle doch nicht die alten Häuser, sondern lieber die neuen (langweiligen) Hochhäuser fotografieren, die seit dem Triumph ...
10 Jahre später trafen wir nur eine ältere Frau, die den Revolutionären dankbar war. Sie erzählte uns, dass sie vor der Revolution Zimmermädchen war, aber Dank der Revolution eine Ausbildung machen und studieren konnte. Wenn ich es recht erinnere, hatte sie als Ingenieurin gearbeitet. Ansonsten war der Konsum in den Gesprächen ein großes Thema. Eine junge Frau beklagte sich ganz empört, dass sie auf die libreta nur eine Hose im Monat (!) beziehen könne. Wenn die gewusst hätte, wie oft ich mir eine neue Hose kaufe! 😄 Und natürlich wurden wir immer wieder angesprochen, ob wir in den "Intershops" (habe vergessen, wie die hießen) nicht etwas einkaufen könnten. So habe ich verschiedene Badehosen ausgesucht und sie mir über den Kopf gehalten, damit der draußen stehende Käufer sie begutachten konnte. Die Verkäufer werden sich ihr Teil gedacht haben. 😗
Diese Läden waren mehr als bizarr. Einheimischen (außer den Angestellten) war das Betreten verboten. Andererseits fragte man sich aber, welcher Tourist sich im Urlaub in Cuba eine Waschmaschine oder einen Kühlschrank kauft. 🤪

LG aus HH,
Karsten
[size =3] Infos NordTZ 22 https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/301813-infos-nordtansania-juni-juli-22.html?start=0 RB Kenia 2020 https://www.namibia-forum.ch/forum/156-diverses/299653-kurzer-rb-kenia-sept-2020.html?start=0 Reisebericht Südtanzania 2013 http://www.namibia-forum.ch/forum/158-diverses/282710-tanzanias-sueden-daumendruecken-hilft-nicht-immer.html Kurzbericht 7 Wochen Nam-Bots 2012 http://www.namibia-forum.ch/forum/16-unterkuenfte/254072-kurzbericht-7-wochen-nam-bots.html Bericht Zimbabwe 1995: ... 30 Tage Gefängnis http://www.namibia-forum.ch/forum/139-off-topic/241529--30-tage-gefaengnis.html Reisebericht 2008: 18 Nights in the Bush - ha-ha-ha http://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/263931-18-nights-in-the-bush-ha-ha-ha.html Nordtansania Feb. 2015 - Kein RB http://www.namibia-forum.ch/forum/158-diverses/285690-tansania-februar-2015-kein-reisebericht.html?limitstart=0&start=12] Walking Safari Zimbabwe 97 https://www.namibia-forum.ch/forum/148-diverses/287052-walking-safari.html?limitstart=0
zuletzt bearbeitet 06. Aug. 2020
573 Beiträge · seit 201406. Aug. 2020 · #23
Hallo Guko,
Mit Begeisterung und Interesse lese ich hier mit. Du weckst bei mir Erinnerungen, die noch ganz frisch sind. Wir sind dieses Jahr am 19.3. von einer Mietwagen Rundreise von West nach Ost zurück gekehrt. DANKE dafür, dass du mich nochmals mit dem Fahrrad mitnimmst.
GLG
Martina
2020: Februar/März Kuba und mehr https://martinasreisen.blog/ 2019 Mai/Juni: Botswana - Caprivi - Vic Falls hier im Forum https://www.namibia-forum.ch/forum/22-reiseberichte/297741-slow-motion-runde-um-s-okavango-delta.html 2018 Sizilien, Äolische Inseln, La Reunion und mehr: https://martinasreisen.blog/ 2018 Ost-Sizilien und Liparische Inseln Reisebericht: https://www.umdiewelt.de/mTravelogue.php?t=9215&m=p 2017 Island - Spitzbergen - Nordkap - Norwegen Reisebericht: http://www.umdiewelt.de/Europa/Nordeuropa-oder-Skandinavien/Island/Reisebericht-9019/Kapitel-0.html 2016 Vietnam Reisebericht: https://www.vivien-und-erhard.de/forum/index.php?thread/9522-knapp-3-wochen-vietnam-von-s%C3%BCd-nach-nord-reisebericht/&pageNo=1 2015 Namibia Reisebericht: https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/286330-namibia-die-erste-mai-2015-ein-traum.html
Themenstarter275 Beiträge · seit 201407. Aug. 2020 · #24
Martina56 schrieb:Hallo Guko,
Mit Begeisterung und Interesse lese ich hier mit. Du weckst bei mir Erinnerungen, die noch ganz frisch sind. Wir sind dieses Jahr am 19.3. von einer Mietwagen Rundreise von West nach Ost zurück gekehrt. DANKE dafür, dass du mich nochmals mit dem Fahrrad mitnimmst.
GLG
Martina
Martina, dein Interesse freut mich 🙂 Wenn ihr im März noch in Kuba wart, dann habt ihr die Reise wohl gerade noch vor dem Lockdown geschafft? Ich habe gesehen, du hast eine Reiseblog geschrieben, den werde ich mir gleich nochr anschauen.
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Themenstarter275 Beiträge · seit 201407. Aug. 2020 · #25
Chivirico – La Mula

Normalerweise bin ich kein ausgesprochener Frühaufsteher, aber als Radfahrer, insbesonders in Kuba, tut man gut daran, zeitig aufzustehen. Morgens ist die Luft noch angenehm kühl und das goldene Licht der Morgensonne verzaubert die Landschaft. Wenn möglich versuche ich noch vor Sonnenaufgang aufzubrechen.

Mein heutiges Tagesziel ist der Campismo „La Mula“. Campismos sind keine Campingplätze, wie man vermuten könnte, sondern Ferienanlagen, geschaffen für den nationalen Tourismus, also für Kubaner. Inzwischen erlauben manche Campismos auch Ausländer als Gäste. In Campismos kann man einfache Häuschen mieten, für die Verpflegung gibt es ein Restaurant und oft noch eine Devisen-Bar, in der Rum und Bier verkauft wird.

Auf den nächsten 100 km ist der Campismo La Mula die einzige Übernachtungsmöglichkeit.


Der frühe Morgen ist die beste Zeit um Fahrrad zu fahren

Bevor ich aufbreche erwartet mich noch das Frühstück. Die meisten Casas Particulares bieten ihren Gästen für 3 - 5 CUC Frühstück an. Wenn ich nicht mit dem Fahrrad unterwegs bin, ziehe ich es oft vor, in Cafeterias zu frühstücken. Erstens ist es dort deutlich billiger (ca. 0,5 - 1 CUC) und zweitens habe ich morgens meistens noch keinen großen Hunger und da wäre so ein reichhaltiges Casa-Frühstück einfach zu viel.

Aber als Radfahrer ist ein gutes Frühstück essenziell. Wenn man in Kuba in einsameren Gegenden unterwegs ist, weiß man oft nicht, wann und wo und was man als nächstes zu essen bekommt.

Und meine Casa-Wirte wissen was ein Radler braucht. Der Frühstückstisch ist vollgepackt mit gebratenem Schinken, frittierten Bananen, Käse, Eier, Früchten, Kaffee, Saft und Brot. Eines muss man den Chiviriqueños lassen, von Essen verstehen sie etwas. Als ich den letzten Krümel vertilgt habe, befürchte ich fast zu platzen. Heute werde ich keine weitere Nahrung brauchen.


Es geht weiter, immer die Küste entlang

Durch das üppige Frühstück wird es etwas später bis ich losfahre. Die Sonne ist bereits ein ganzes Stück über den Horizont geklettert und deutlich zu spüren. Auch wenn die Luft noch kühl ist, werde ich in ein bis zwei Stunden wieder das Gefühl haben, durch einen Backofen zu fahren.

Da ich von Osten nach Westen fahre, habe ich die Sonne im Rücken, was viel angenehmer ist, als von vorne gebraten zu werden. Um Kopf und Nacken zu schützen setze ich schon bald wieder den alten Hut von La Abuela auf. Der sieht zwar etwas lächerlich aus, erfüllt aber seinen Zweck.


Küstenstraße zwischen Chivirico und Pilon



Die Landschaft wirkt trocken, die Berghänge sind mit dornigen Büschen und gedrungenen Bäumen bewachsen, die winzigen Felder der Campesinos karg und steinig. Entlang der Küste klammern sich stachlige Säulenkakteen an steile Felsen. Das Meer ist nie weit entfernt, die dunklen Strände sind jedoch so steinig, dass es schwierig sein würde, mehr als die Füße im Meer zu baden. Die Menschen wohnen in strohgedeckten Holzhäuschen, die oft von Kakteenhecken eingezäunt sind. Manche winken mir zu, als ich vorbeifahre, andere starren nur ausdruckslos hinter mir her.

Als ich einmal kurz anhalte um ein Foto zu machen, kommt eine junge Frau aus einem der Häuschen gerannt und ruft mir zu:

„Yuma, casate conmigo“. (Ausländer, heirate mich)

Ich fahre schnell weiter. 😉


Strohgedeckte Holzhäuschen

Gegen 10 Uhr erreiche ich einen winzigen Ort namens Uvero. Ein paar Häuser, ein Miniladen, eine Cantina. Wasser kann ich nirgends kaufen, da der Miniladen geschlossen ist. In der Cantina haben sie immerhin Pomos de Naranja (Orangenlimonade) und Cerveza (Bier). In Kuba muss man nehmen, was es gerade gibt. Also trinke ich zwei Flaschen Orangenlimonade, süß und klebrig, aber kalt und um den süßen Geschmack wieder loszuwerden, spüle ich ein Bierchen hinterher.

Dann sitze ich ein Weilchen im Schatten eines akazienähnlichen Baumes und betrachte das Leben von Uvero. Viel gibt es da allerdings nicht zu sehen, ein paar Leute schlurfen die Straße entlang, andere chillen im Schatten der Veranden ihrer Häuser, oder der Bäume. Niemand bewegt sich schnell, oder eilig, kein Fahrzeug, kein Motorengeräusch stört die Stille. Nur ein paar Grillen zirpen und etwas weiter weg, das Rauschen der Brandung. Die Szenerie wirkt so einschläfernd, dass ich tatsächlich fast eingeschlafen wäre, hätte mich nicht ein älterer Campesino angesprochen. Wie fast jeder Kubaner, mit dem ich mich unterhalte, fragt er mich zuerst, woher ich komme und wohin ich gehe. Als er hört, dass ich Deutscher bin, erzählt er stolz, dass seine Tochter in Deutschland lebt:

„Mi hija vive en Alemania, Dusseldoff“ (Meine Tochter lebt in Deutschland, Düsseldorf)

Wie in ländlichen Gebieten nicht ungewöhnlich, mündet unser Gespräch in eine Einladung. Er erwähnt seine Frau, die eine gute Köchin sei und sein Haus, das „muy fresco“ und „muy tranquilo“ (sehr kühl und sehr entspannt) sei. Ich könne dort auch übernachten und erst morgen weiterfahren.

Ich bin immer wieder erstaunt über die Gastfreundschaft dieser einfachen Landmenschen. Der Mann macht nicht den Eindruck, als wolle er aus der Einladung irgendwelche materiellen Vorteile ziehen, er ist einfach nur freudlich und einen Ausländer im Haus zu haben, ist in dieser abgelegenen Gegend eine Abwechslung. Einen Moment überlege ich die Einladung anzunehmen. Aber nur einen Moment, dann erwidere ich, dass ich heute noch nach La Mula fahren möchte. Vielleicht das nächste Mal?

Er schreibt seine Adresse auf einem Papierfetzen und geht seines Weges. Und ich fahre meines Weges.

Kurz hinter Uvero treffe ich auf eine ziemlich kaputte Brücke. Sie wurde schon vor Jahren bei einem Hochwasser zerstört, aber nie repariert. Trotzdem wird sie von Fußgängern und „leichteren“ Fahrzeugen weiterhin benutzt. Für die anderen gibt es eine Umfahrung durch das Flussbett. Aktuell ist der Fluss knochentrocken, aber ich könnte mir vorstellen, dass zu bestimmten Jahreszeiten Wasser fließt und es dann nicht einfach ist, durchzukommen.


Die zerstörte Brücke bei Uvero






Je weiter ich Richtung Westen komme umso einsamer und wilder, aber auch schöner wird die Gegend. Die Bergzüge der Sierra Maestra werden schroffer und steiler, manchmal stürzen fast senkrechte Felswände zur Küste hinab.

Ich muss ein paar Anstiege bewältigen, aber nichts Dramatisches. Für die 45 km von Chivirico nach La Mula benötige ich zwar fast 5 Stunden, aber das liegt nicht am Schwierigkeitsgrad, sondern an den vielen Stopps, die ich einlege. Ich halte oft, fotografiere, genieße die Landschaft, unterhalte mich hier und da mit einem Campesino.


Null Verkehr


Einsame Playas
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Themenstarter275 Beiträge · seit 201407. Aug. 2020 · #26
Campismo La Mula

Gegen Mittag erreiche ich den Campismo La Mula. Die Anlage liegt zwischen einem steinigen Strand und dem Rio La Mula. Auf dem schattigen Gelände verteilen sich etwa zwei Dutzend Cabañas (Hütten, Häuschen). Die meisten werden für Moneda Nacional (CUP) an Kubaner vermietet. Sie sind sehr spartanisch eingerichtet, die Gäste müssen Bettwäsche, Ventilator, Geschirr etc. selber mitbringen. Dafür kostet die Übernachtung nur ein paar Pesos.

Für ausländische Touristen gibt es spezielle ‚Devisenhäuschen‘, die mehr kosten und etwas mehr Komfort bieten. Für 8.50 CUC (mit Frühstück) bekomme ich eines der „Luxus“häuschen. Der Luxus besteht aus einer Toilette/Dusche, einem Ventilator, der Bettwäsche und einem Kühlschrank. Und der Hammer: Der Kühlschrank ist bis zum Rand mit kaltem Bier gefüllt. 🤩 Was das bedeutet, kann nur nachvollziehen, wer schon mal mit dem Fahrrad nach La Mula gefahren ist.


Die Devisen-Cabaña


Mit kaltem Bier gefüllter Frio - Luxus pur

Leider funktioniert die Dusche nicht. Als ich die Rezeptionistin entsetzt anschaue meint sie mit einem Blick auf mein verschwitztes Äußeres:

„Chico, báñate en el río! El agua es muy rica“ (Junge, wasch dich im Fluß, das Wasser dort ist sehr gut.)

In Kuba gibt es für jedes Problem eine Lösung. 😄

Unweit des Campismo gibt es zum Baden geeignete Stellen im Fluss. Das Wasser ist klar und angenehm kühl. Der Rio La Mula dient den Einheimischen als Wasch- und Badeplatz. Ein Campesino schrubbt gerade sein Pferd, als ich dort ankomme. Dann seift er sich selber ein und springt zu seinem Pferd ins Wasser. Andere waschen ihre Kleider, oder planschen im Wasser herum. Ich habe meine Kernseife dabei und tue ebenso.

Dabei komme ich mit einem der Wäscher ins Gespräch. Er stammt aus Santiago und ist auf Familienbesuch in La Mula.

Nachdem ich ihm erzählt habe, wer ich bin und woher ich komme, was ich in Kuba mache, welchen Familienstand und wieviel Kinder ich habe, warnt er mich sehr eindringlich vor der Gefahr, überfallen und beraubt zu werden. Er sagt, dass es in dieser Gegend sehr wenig Polizisten gibt, und so ein Yuma (Ausländer) mit Fahrrad wäre eine attraktive Beute für die örtlichen Räuber. Er rät mir, mich nie allzuweit von meinem Fahrrad, oder meinen Sachen zu entfernen.

„Ten mucho cuidado“ (Sei sehr vorsichtig), sagt er mehrmals.

Diese Warnung passt irgendwie nicht in diese friedliche Landschaft, ich nehme mir trotzdem vor aufzupassen.


Campismo La Mula, Sonnenuntergang

Zum Sonnenuntergang setze ich mich an den Campismo-Strand. Er ist so steinig, dass es fast unmöglich ist, sich bequem hinzusetzen. Während die Sonne malerisch hinter den Ausläufern der Sierra Maestra verschwindet, versuche ich die zahlreichen Moskitos zu ignorieren, die sich hungrig auf mich stürzen. Außer dem Zirpen der Grillen, dem Summen der Insekten und dem gedämpften Donnern der Brandung, ist es ruhig und friedlich. Offensichtlich bin ich der einzige Gast im Campismo. Selbst die Angestellten sind längst nach Hause gegangen.

Dass es bisweilen lebhafter zugehen muss, beweisen die Abfälle, die am Strand herumliegen: leere Bierdosen, Rumflaschen und Verpackungen von Kondomen.

Schnell wird es dunkel. Ein bisschen unheimlich ist es schon, ganz alleine auf dem unbeleuchteten Gelände zu sein. Da ich heute bereits vor Überfällen gewarnt wurde, bin ich etwas sensibilisiert. Als ich zurück zu meinem Häuschen gehe, sehe ich immerhin im Eingangsbereich einen Wächter herumsitzen.

Leider hat meine Luxushütte kein Moskitonetz. Überall wo ich hinschaue, krabbelt geflügeltes und ungeflügeltes Getier herum. Als ich in einen Keks beiße, habe ich plötzlich Mund und Hand voller winziger Ameisen, die mich schmerzhaft attackieren.

Ich erschlage ein paar der fettesten Moskitos, die als blutiger Matsch an der Wand kleben bleiben. Als ich ein paar Minuten später nachschaue, sehe ich, dass die sterblichen Überreste der Moskitos von Miniameisen abgebaut werden, die in langen Kolonnen die Wände überqueren. Noch ein paar Minuten später, ist nichts mehr da. Perfektes Recycling. 😎

Bevor ich ins Bett gehe, öle ich mich äußerlich dick mit Autan, und innerlich mit einer ordentlichen Portion Rum, ein. Dann stelle ich den Ventilator auf volle Pulle und versuche zu schlafen.
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zuletzt bearbeitet 07. Aug. 2020
2'191 Beiträge · seit 201608. Aug. 2020 · #27
Hallo Guko,

herzlichen Dank für Deinen Reisebericht der anderen Art. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass es Menschen gibt, die so reisen. Wenn ich mir Dein Avatar anschaue, dann bist Du auch keine 20 mehr. Für mich wäre das schrecklich: zum einen per Fahrrad in einem Land wie Kuba und dann in Unterkünften wo es vor Spinnen, Ameisen und Käfern wimmelt und duschen in irgendeinem Bach. Deswegen ziehe ich meinen Hut vor Dir, dass Du so etwas machst. Ich gehöre da eher zur Luxusfraktion: schöne Unterkünfte, gutes Essen, gut motorisiertes Auto.... 😎

Umso spannender Dein Reisebericht. Ich freue mich auf Fortsetzung.

LG

Gabi
10.2023 Gardenroute // 03.2023 Namibia // 03.2022 Swakop, Etosha und Damaraland // 08:2021 Uganda // 01.2021: Caprivi // 10.2020: Etosha pur // 04.2019: KTP, Tok Tokkie Trail und Sossusvlei // 06.2018: Swakopmund und Etosha // 08.2017: Kalahari, KTP, Fish River, Soussusvlei, Swakopmund // 04.2016: Gardenroute
Themenstarter275 Beiträge · seit 201408. Aug. 2020 · #28
Gabi-Muc schrieb:Hallo Guko,

herzlichen Dank für Deinen Reisebericht der anderen Art. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass es Menschen gibt, die so reisen. Wenn ich mir Dein Avatar anschaue, dann bist Du auch keine 20 mehr. Für mich wäre das schrecklich: zum einen per Fahrrad in einem Land wie Kuba und dann in Unterkünften wo es vor Spinnen, Ameisen und Käfern wimmelt und duschen in irgendeinem Bach. Deswegen ziehe ich meinen Hut vor Dir, dass Du so etwas machst. Ich gehöre da eher zur Luxusfraktion: schöne Unterkünfte, gutes Essen, gut motorisiertes Auto.... 😎

Umso spannender Dein Reisebericht. Ich freue mich auf Fortsetzung.

LG

Gabi


Hi Gabi, ich danke dir für den Kommentar und für dein Interesse an meinem Reisebericht. 🙂

Mit Luxus und Komfort kann ich auch gut leben und ich reise nicht immer und überall hin mit dem Fahrrad. Aber da mein normales (Arbeits-)Leben, wie wohl bei den meisten Mitteleuropäern, in geregelten und gesicherten Bahnen verläuft, genieße ich es, Urlaube etwas abenteuerlicher und spontaner zu gestalten. Beim Fahrradfahren kommt dann noch die sportliche Komponente dazu, es ist einfach ein tolles Gefühl, eine schwierige Strecke aus eigener Kraft zurückgelegt zu haben. Je nachdem wie man Luxus definiert, kann auch Verzicht Luxus sein. Aber ich verstehe natürlich auch, dass nicht jeder so reisen möchte. Was das Alter anbelangt, ich habe auf meinen Fahrradreisen auch schon über 70-jährige 😎 getroffen, die mit dem Fahrrad unterwegs waren. Solange man körperlich gesund ist, ist das Alter kein Hindernis.

LG Gu-Ko
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zuletzt bearbeitet 08. Aug. 2020
6'369 Beiträge · seit 201108. Aug. 2020 · #29
Hoi Gu-Ko

Erstmal danke für den tollen Reisebericht mit den wunderschönen Fotos!
Fotografierst Du noch immer mit Deiner MFT-Kamera?
Wenn ja, wie bearbeitest Du die Bilder dass die alle so wunderschön rauskommen?
Hast Du da ein Lightroom-Preset oder bearbeitest Du jedes Bild einzeln?
Gruss, Picco B) Meine Reiseberichte: Nord- und Süd-Tansania, Kenya, Ruanda, Uganda, Botsuana/Sambia, DR Congo, und als ausserafrikanische Gebiete: Costa Rica und Mt. Everest BC (klick hier)
Themenstarter275 Beiträge · seit 201408. Aug. 2020 · #30
picco schrieb:Hoi Gu-Ko

Erstmal danke für den tollen Reisebericht mit den wunderschönen Fotos!
Fotografierst Du noch immer mit Deiner MFT-Kamera?
Wenn ja, wie bearbeitest Du die Bilder dass die alle so wunderschön rauskommen?
Hast Du da ein Lightroom-Preset oder bearbeitest Du jedes Bild einzeln?
Hoi Picco,

die meisten Fotos sind mit meiner inzwischen schon betagten mft-Kamera (Lumix GX7) entstanden. Parallel dazu fotografiere ich auch mit einer APS-C-Kamera, der Sony a6000. Qualitätsunterschiede sind jedoch nur in höheren ISO-Bereichen zu sehen. Da hat APS-C die Nase leicht vorne.
Bearbeiten tue ich jedes Foto, das es verdient hat, individuell, keine Presets. Die Bearbeitung in Lightroom beinhaltet i.d.R. Weißabgleich, Belichtungskorrekturen, Kontrast, Schärfe, Rauschreduzierung und Bildausschnitt. Da ich in RAW fotografiere, kann ich in der Nachbearbeitung z.B. ausgefressene Lichter oder zugelaufene Schatten gut korrigieren und auch den Weißabgleich erst am PC einstellen.
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274 Beiträge · seit 201708. Aug. 2020 · #31
Moin,
toller bericht, schöne Fotos.
Ich wußte doch, das ich etwas (Cuba) verpasst habe.
6'369 Beiträge · seit 201109. Aug. 2020 · #32
Hoi Guko

und danke für Deine Antwort!
Wobei ich schon irgendwie darauf gehofft habe so eine kleine Preset-Datei zu erhalten, zumal ich ja auch MFT-Kameras benutze...das war wohl nichts....Mist! 😄
Du schaffst es wirklich die Fotos wunderschön herzurichten, Chappeau!
Gruss, Picco B) Meine Reiseberichte: Nord- und Süd-Tansania, Kenya, Ruanda, Uganda, Botsuana/Sambia, DR Congo, und als ausserafrikanische Gebiete: Costa Rica und Mt. Everest BC (klick hier)
Themenstarter275 Beiträge · seit 201409. Aug. 2020 · #33
HartmutBremen schrieb:Moin,
toller bericht, schöne Fotos.
Ich wußte doch, das ich etwas (Cuba) verpasst habe.
Danke. Und was nicht ist, kann ja noch werden. 🙂
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Themenstarter275 Beiträge · seit 201410. Aug. 2020 · #34
La Mula - Marea del Portillo


Bei La Mula

Als der Campismo-Hahn zu krähen beginnt, ist es genau sieben Uhr. Einen Moment glaube ich, er säße direkt neben mir auf dem Kopfkissen und nicht zum ersten Mal frage ich mich, was diese verflixten Viecher eigentlich veranlasst, jeden Morgen so einen Krach zu veranstalten. Gut ist, dass ich früh loskomme. Heute möchte ich auf jeden Fall vor der großen Hitze des Tages aufbrechen.

Einer der Vorteile beim Radreisen ist, dass man nicht viel zu packen hat. Ich muss nur meine wenigen Sachen in den Satteltaschen verstauen, den Luftdruck der Reifen prüfen, und fertig. Duschen fällt wegen Wassermangel sowieso aus.

Der Cantinero (Kantinenwirt) hatte mir gestern versprochen, dass es um halb acht Uhr Frühstück geben soll. Im Campismo-Restaurant ist allerdings niemand zu sehen, alles ist verrammelt und dunkel. Ich gehe zum Rezeptionsgebäude. Auch hier keine Menschenseele. Ich klopfe gegen Türen und Fenster und rufe laut:

„Hola, hay alguien?“. (Hallo, ist hier jemand?)

Keine Antwort. Da fällt mir ein, dass ich gestern einen Guardia (Wachmann) beim Campismo-Eingang gesehen habe. Den muss ich allerdings erst wecken und seine schlaftrunkene Auskunft hilft auch nicht weiter:

„Es posible que alguien viene entre nueve y diez“ (Möglicherweise kommt jemand zwischen 9 und 10 Uhr)

Das heißt aber auch, es ist möglich, dass niemand kommt, oder, dass erst viel später jemand kommt.

So lange will ich nicht warten. Dann muss ich halt ohne Frühstück los. Blöder ist allerdings, dass ich nirgends Trinkwasser kaufen kann. Ich habe nur noch eine 1,5L Wasserflasche aus Chivirico. Das reicht nicht für den ganzen Tag und unterwegs wird es vermutlich nichts zu kaufen geben.

Hinter meiner Cabaña ragt eine Wasserleitung aus dem Boden. Es ist die einzige Möglichkeit, meine leeren Flaschen aufzufüllen. Da das Wasser vermutlich aus dem Rio La Mula stammt, in dem die Leute ihre Tiere, ihre Kleider und sich selbst waschen, und wer weiß was sonst noch einleiten, tue ich lieber ein paar Wasserdesinfektionstabletten (Micropur) dazu.

Und los geht’s.


Höhenprofil La Mula – Marea del Portillo

Mein Tagesziel ist das ca. 55km entfernte Marea del Portillo. Das Höhenprofil der heutigen Strecke zeigt vier Peaks. Sie sind nicht besonders hoch, sehen aber steil aus.

Ich folge zunächst einer ungeteerten Straße, voller Geröll und Schlaglöcher. Fahrtechnisch nicht besonders schwierig, aber ich muss mich permanent konzentrieren, um größeren Brocken und Löchern rechtzeitig auszuweichen. Zwischendurch gibt es geteerte Straßenabschnitte, dann wieder Strecken, die mal vor langer Zeit geteert waren, aber im Laufe der Jahre durch Erosion weitgehend entteert wurden.

Die Anstiege sind steil und knackig, aber gut zu schaffen, da sie nicht allzu lang sind. Der Himmel ist wolkenlos, die Sonne brennt, mein Wasserverbrauch ist hoch. Ich frage mich, ob das zum Problem werden könnte.



Aufgrund starker Unwetter und Steinstürze ist die Straße abschnittsweise schwer beschädigt. Nach jedem Hurrikan verschwindet ein Stück der Küste und die Straße ist oft tage- oder wochenlang unpassierbar.


WOW - Was für eine Landschaft!

Landschaftlich ist es zweifellos der schönste Streckenabschnitt der gesamten Küstenstraße. Wild, unzugänglich und mit wunderschönen Ausblicken auf einsame Buchten und auf ein strahlend blaues Meer.

Während des ganzen Tages begegnen mir nur zwei motorisierte Fahrzeuge. Hier zu sein, und das aus eigener Muskelkraft geschafft zu haben, ist ein berauschendes Gefühl.


Kubas Küste


Eingestürzter Tunnel


Abenteuerliche Straße entlang der kurvenreichen und wilden Küste



Radeln macht hungrig. Vor allem, wenn man, wie ich, ohne Frühstück gestartet ist, fällt man irgendwann in ein Leistungsloch. Plötzlich ist alle Energie weg und man bekommt einen Heißhunger auf Kohlehydrate und überhaupt auf alles Essbare. Dann hilft nur anhalten und etwas essen.

Unweit einer kleinen Ansiedlung setze ich mich in den Schatten einer Palme. Ich habe noch ein paar Kekse, ein Stück Käse und ein paar Schokoriegel im Gepäck. Dazu brühwarmes Campismo-Wasser aus dem Rio Mula.

Ich sitze nicht lange, da setzt sich ein älterer Campesino zu mir. Wie die meisten Menschen dieser Gegend ist er einfach gekleidet, in der Hand hält er eine Machete, auf dem Kopf sitzt ein Strohhut.

„Hola Compay“, beginnt er das Gespräch.

Ich biete ihm von meinem Proviant an, doch Kekse mit Käse will er nicht. Kann ich ihm auch nicht verdenken, der Käse ist seit Santiago schon mehrmals geschmolzen und sieht wenig vertrauenswürdig aus.

Wir reden ein bisschen über dies und das. Natürlich will auch er wissen, woher ich komme und wohin ich gehe, welche Nationalität ich habe, wie oft ich schon in Kuba war, ob ich verheiratet bin, wie viele Kinder ich habe und ob es in Deutschland wirklich so kalt ist.

In den Städten und den Touristengebieten Kubas kann es nerven, wenn man immer wieder die gleichen Fragen beantworten soll und die Gespräche oft nur auf eine Bettelei, ein Provisionsgeschäft, oder ähnliches hinauslaufen. Hier ist das nicht so, die Leute haben echtes Interesse an Kommunikation und freuen sich über die kleine Abwechslung, die ein Fremder in ihr Leben bringt.

Unser Gespräch dauert nicht lange, da lädt er mich zu sich nach Hause ein. Als wäre es das normalste der Welt, einen verschwitzten, käseessenden Fremden bei sich einzuquartieren, bietet er mir an, in seinem Haus ausruhen, zu übernachten, zu essen und meine Wasservorräte auffüllen. Er bietet mir alles an, was sein bescheidenes Leben erübrigen kann.

Aber wie schon tags zuvor in Uvero lehne ich die Einladung ab. Ich habe einfach noch zu viel Energie in den Knochen. Hätte ich diesmal die Einladung angenommen, wäre wahrscheinlich alles anders gekommen, nichts von dem wäre passiert, was wenige Stunden später passieren wird.

Aber frisches Trinkwasser brauche ich dringend. Das Rio La Mula Wasser hat inzwischen Badewassertemperaturen erreicht, und auch geschmacklich wird es immer grenzwertiger.

Wir gehen zu seinem nahegelegenen Haus, das auf einem schattigen Grundstück steht. Es ist ein hübscher Ort und unglaublich friedlich. Die Frau des Campesino begrüßt mich herzlich, als wären wir alte Bekannte und bringt mir eine 1,5 Liter Flasche Wasser.

😎 Cool! Eiskaltes Wasser ist in dieser Gegend unerwarteter Luxus und genau das, was ich am dringendsten benötige.

Ich danke herzlich und strample weiter Richtung Osten.


Nach jedem Anstieg...


…folgt…


…das nächste Panorama.


Für den Fotografen in mir...


...ist die Gegend ein Eldorado.


Die letzte Abfahrt vor meinem Tagesziel Marea del Portillo

Irgendwann habe ich die letzte Höhe erklommen, das letzte Panorama bewundert und fotografiert 😉, und vor mir liegt nur noch eine, letzte Abfahrt nach Marea del Portillo, meinem Tagesziel. Die Straße ist hier extrem schlecht, kurvig und abschüssig. Alte gesprungene Teerreste wechseln mit Schotter- und Geröll, tiefe Furchen und Schlaglöcher überziehen die Fahrbahn. Wegen der kaputten Oberfläche muss ich sehr konzentriert fahren. Ich darf den Blick keine Sekunde von der Straße abwenden. Da es bergab geht, lasse ich mein Fahrrad trotzdem ziemlich flott laufen. Ich genieße den kühlenden Gegenwind und freue mich schon auf ein kaltes Bier in Marea del Portillo.

Plötzlich reißt mir ein Windstoß den Hut (von La Abuela) vom Kopf. Reflexartig versuche ich mit der linken Hand danach zu greifen. Im selben Moment gerät mein Vorderrad in eine Spurrille, das Fahrrad kommt ins Schleudern. Da ich nur eine Hand am Lenker habe, kann ich es nicht abfangen. Ich werde im hohen Bogen auf die Straße geschleudert und schlittere mehrere Meter über Steine, Schotter, Teer. Ich spüre noch, wie Arme, Beine und auch mein Kinn über die raue Oberfläche schrammen.

Dann bleibe ich, kurz vor Marea del Portrillo, mitten auf der Straße liegen.
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zuletzt bearbeitet 10. Aug. 2020
3'883 Beiträge · seit 201110. Aug. 2020 · #35
Oh nein, Guko, rasendes Gesicht auf Schotter kommt gar nicht gut. Ich hoffe, das Fahrrad ist nicht den Hang hinunter gerutscht. Schreib schnell weiter, damit ich mir nicht zu lange deinen Anblick vorstellen muss.

Mitfühlende Grüße
freshy
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1'543 Beiträge · seit 201311. Aug. 2020 · #36
Mensch, Guko, Cliffhanger mag ich gar nicht 😵 , aber ich kann mir schon vorstellen, dass du ordentlich etwas abbekommen hast 😮 ! Hoffentlich hast du schnell Leute getroffen, die dir beim Verarzten deiner Wunden helfen konnten!

Dein Bericht gefällt mir weiterhin sehr, sehr gut 🙂 !
Herzliche Grüße
Beate
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Themenstarter275 Beiträge · seit 201412. Aug. 2020 · #37
freshy schrieb:Oh nein, Guko, rasendes Gesicht auf Schotter kommt gar nicht gut. Ich hoffe, das Fahrrad ist nicht den Hang hinunter gerutscht. Schreib schnell weiter, damit ich mir nicht zu lange deinen Anblick vorstellen muss.

Mitfühlende Grüße
freshy
Danke für die Anteilnahme. Heute abend gehts weiter. 🙂
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Themenstarter275 Beiträge · seit 201412. Aug. 2020 · #38
Old Women schrieb:Mensch, Guko, Cliffhanger mag ich gar nicht 😵 , aber ich kann mir schon vorstellen, dass du ordentlich etwas abbekommen hast 😮 ! Hoffentlich hast du schnell Leute getroffen, die dir beim Verarzten deiner Wunden helfen konnten!

Dein Bericht gefällt mir weiterhin sehr, sehr gut 🙂 !
Herzliche Grüße
Beate
Sorry für den Cliffhanger 🙂 Ich bin fast fertig mit der Fortsetzung.
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Themenstarter275 Beiträge · seit 201412. Aug. 2020 · #40

Viva la Revolución 😉

Marea del Portillo

Langsam komme ich wieder zu mir. Mein Körper fühlt sich wie betäubt an, als hätte man mir ein Anästhetikum verabreicht. Erst als ich mich auf alle Viere hochkämpfe, kommen die Schmerzen. Es brennt überall und höllisch. Am schlimmsten hat es meinen rechten Arm erwischt. Ein handtellergroßes Stück Haut ist wie weggeraspelt. Eine weitere tiefe Wunde ziert mein linkes Knie. Von Kinn und Lippen tropft es rot auf mein T-Shirt. Überall an den Händen sind kleinere und größere Schürfwunden.

Ein Campesino, der den Sturz beobachtet hat, kommt auf mich zugerannt. Schon von weitem ruft er:

„Ay Dios mio, que pasó, que pasó…“ (Oh mein Gott, was ist passiert, was ist passiert)

Zu dem Zeitpunkt muss ich ein erschreckendes Bild abgegeben haben. Ich hüpfe mit schmerzverzerrtem Gesicht auf der Straße herum, überall Blut, und dazu mein „Ay ay ay“ (Au Au Au) Geschrei. Mein Fahrrad liegt ein paar Meter entfernt am Straßenrand, ein Teil des Gepäcks ist im Gelände verstreut.

Nachdem ich mich ein bisschen beruhigt habe, meint der Campesino, etwa einen Kilometer entfernt gäbe es ein Consultorio Medico (eine Art Miniklinik), und er würde mich dorthin bringen. Da ich noch zu benommen bin um etwas Sinnvolles zu tun, nimmt er mein Fahrrad und sammelt die verstreuten Gepäckstücke ein. Sogar der Hut von La Abuela aus Santiago ist dabei. Dann marschieren wir los. Er schiebt das Fahrrad, ich humple nebenher.

Tatsächlich habe ich Glück im Unglück, denn es ist nicht allzu weit bis zu dem Consultorio Medico. Auf der Veranda eines unscheinbaren, einstöckigen Gebäudes sitzen und stehen etwa 10 bis 12 Personen, hauptsächlich Frauen und Kinder. Als sie mich sehen, geht ein erschrecktes Murmeln durch die Wartenden. Eine Frau steht auf und bietet mir einen Platz auf einem Bänkchen an.

„Sientate! El medico viene pronto“ (Setz dich! Der Arzt kommt gleich) sagt sie.

Und dann:

„Que te pasó?“ „Un accidente?“ (Was ist mit dir passiert? Ein Unfall?)

Alle starren mich an, während ich antworte:

„Me caí con la bicicleta en la loma“ (Ich stürzte mit dem Fahrrad am Abhang)

Allgemeines Gemurmel:

„Ay, ay mi madre, que cosa, oye eso…“

Nach einer guten halben Stunde kommt der Arzt. Als Notfall darf ich als erster ins Untersuchungszimmer. Dort nimmt der Arzt zuerst meine Personalien auf, befragt mich nach dem Unfallhergang und notiert schließlich alles in Formularen.

Anschließend untersucht er mich auf innere Verletzungen und auf gebrochene Knochen. Zum Glück ist alles heil geblieben. Auch meine geplatzte Lippe muss nicht genäht werden. Er schreibt noch ein Rezept für ein Schmerzmittel auf, dann ist die Arbeit des Doktors getan.


Consultorio Medico

Zwei Enfermeras (Krankenschwestern) übernehmen die weitere Behandlung. Sie schrubben die verschmutzten Wunden mit Wasser und Kernseife aus. Zuerst die großen, dann die kleineren. Eine ziemlich schmerzhafte Prozedur. Jedes Mal, wenn ich aufstöhne, streichelt eine der Enfermeras mitleidig meine Schulter. Insgesamt zählen sie zwölf Schürfwunden. Zuletzt wird eine Salbe aufgetragen, Verbandsmaterial gibt es nicht. Ich soll morgen früh wiederkommen.

Die Behandlung ist kostenlos, was mich erstaunt. Zwar ist das kubanische Gesundheitssystem für Kubaner kostenlos, aber Ausländer werden in der Regel zur Kasse gebeten. Aber vielleicht ist das in dieser abgelegenen Ecke Kubas anders.


Mein Knie – Eine der zwölf Schürfwunden

Wer Blut sehen kann 🤩 , für ein scharfes Bild HIER klicken

Als nächstes muss ich ein Zimmer suchen. Ich brauche dringend ein Bett und ein paar Stunden Ruhe. In Marea del Portrillo gibt es meines Wissens drei Casas Particulares. Eine davon ist die Casa Barbara. Der Vermieter betrachtet mich zuerst etwas verwundert, als ich in meiner blutverschmierten Kleidung und den offenen Wunden vor ihm stehe, aber nachdem ich ihm von meinem Unfall erzählt habe, bekomme ich ein nettes, kleines Zimmer mit Terrasse.

Ich lege mich sofort hin und versuche zu schlafen. Nachts wache ich immer wieder auf. Jedes Mal, wenn ich mich im Schlaf drehe und dabei mit meinen offenen Wunden etwas berühre, durchfährt mich heftiger Schmerz.


Die Casa Barbara verfügt sogar über einen Fitnessbereich, für mich momentan eher uninteressant… 😉

Marea del Portrillo ist ein kleines Nest. Es gibt ein paar staubige Straßen, einen Dorfladen, ein oder zwei Restaurants und das Minikrankenhaus. Vielmehr kann ich nicht entdecken. Als ich am nächsten Tag in den kleinen Dorfladen komme um Wasser zu kaufen, höre ich eine Kundin zur Verkäuferin sagen:

„Mira, ese es el que cayó en la loma“ (Schau mal, das ist der, der am Hang gestürzt ist)

Diesen Satz höre ich in Marea del Portillo noch ein paar Male. Offenbar hat sich das Ereignis herumgesprochen und ich bin zu einer lokalen Berühmtheit geworden.

Die Verkäuferin mustert mich von oben bis unten und sagt dann:

„Ayayayayai“ (Ohjeohjeohje) 🙂


Campesinos

Während der nächsten zwei Tagen gehe ich jeweils morgens und abends zum Consultorio. Die Behandlungsprozedur wiederholt sich jedes Mal. Meine Wunden werden kräftig geschrubbt und mit Salbe eingestrichen. Verbandsmaterial gibt es nicht. Das hat den Vorteil, dass die Verletzungen an der frischen Luft besser heilen, aber den Nachteil, dass der Staub der Straße ungehindert eindringen kann und, was fast noch unangenehmer ist, ich muss ständig winzig kleine Fliegen abwehren, die sich durch das rohe Fleisch magisch angezogen fühlen.


Ostkuba - Zuckerrohrfelder

Am dritten Tag beschließe ich ins etwa 20 km entfernte Pilon weiter zu ziehen. Pilon hat ein größeres Krankenhaus und ich hoffe dort Verbandsmaterial zu bekommen. Als ich versuche mit dem Fahrrad zu fahren, merke ich sofort, dass ich das nicht packe. Es ist zu schmerzhaft. Bei jeder Bodenunebenheit könnte ich laut aufschreien. Und dann ist da noch der Schweiß, der in die Wunden läuft und höllisch brennt.

Mein Zimmervermieter besorgt einen uralten Lada mit Gepäckträger, der mich mitsamt Fahrrad nach Pilon bringt.
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zuletzt bearbeitet 12. Aug. 2020