Reisebericht

Reisebericht: Mit Fahrrad, Bus und Zug durch Kuba

von Gu-ko · begonnen 29. Juli 2020 · 29 Teile

Teil 129. Juli 2020
Dass es im Namibia-Forum auch interessante Reiseberichte gibt, die nicht direkt von Namibia oder Afrika handeln, finde ich cool 😎.

Mit Fahrrad, Bus und Zug durch Kuba – Der Osten

In den letzten Jahren war Kuba eines meiner Lieblingsreiseziele außerhalb Afrikas. Ich habe den Inselstaat mehrfach mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Bus, Zug Sammeltaxi, LKW) und mit dem Fahrrad bereist. Immer selbstorganisiert und ohne festen Zeit- oder Streckenplan. Das ermöglicht mir ein Maximum an Flexibilität und Spontanität, auch wenn ich manchmal morgens noch nicht genau weiß, wo ich abends aufschlagen werde.


Tropisches Ostkuba bei Baracoa

Also, wer sich für Kuba interessiert, oder für unkonventionelles Reisen, oder fürs Radeln, oder sogar für alles zusammen, ist herzlich eingeladen, an meiner Kuba-Radel-Safari 🙂 teilzunehmen. 


Ausläufer der Sierra Maestra – Ostkuba

Radreisen gehören für mich zu den spannendsten Reisearten. Nicht immer und nicht überall, aber in Kuba sind die Voraussetzungen sehr gut. Zwar gibt es kaum Radwege, oder eine spezifische Radverkehrsinfrastruktur, dafür aber verkehrsarme Landstraßen, die den Radfahrer durch einsame Gegenden und tolle Landschaften führen. Und wenn man unterwegs mal Probleme hat, trifft man überall auf freundliche und hilfsbereite Menschen.

So jedenfalls meine Erfahrung.


Und auch ziemlich cool 😎 , man darf als Radfahrer auf die Autobahn.


Camión – Für Personentransport umgebauter LKW: preisgünstig, unbequem, authentisch.


Lechero - Kubanischer Bummelzug

Zugfahren ist in Kuba (noch) etwas Besonderes. Diesmal hatte ich die Gelegenheit mit dem Lechero (Bummelzug) von Guantanamo nach Holguin zu fahren. Für die 170km lange Strecke benötigt er stolze sieben Stunden. Trotz, oder gerade wegen der Langsamkeit kann ich solche Zugfahrten genießen. Ein kubanischer Bummelzug ist immer ein Erlebnis. Der Weg ist das Ziel.

Aber davon später mehr.

Die Route



---- Fahrradstrecke
---- Bus/Sammeltaxi
---- Zug

Für eine große Kartenansicht HIER klicken

Meine Radsafari beginnt in Santiago de Cuba. Santiago gilt als die afrikanischste aller kubanischen Städte. Sie ist bekannt für ihre afrokubanische Kultur, für ihre Musikszene, für ihre Revolutionsgeschichte und für ihre prächtigen Kolonialbauten. Während viele kubanischen Provinzstädte recht verschlafen wirken, ist in Santiago immer etwas los.

Zunächst werde ich von Santiago entlang der Küste Richtung Westen radeln, dann in einem großen Bogen um die Sierra Maestra herum wieder zurück nach Santiago. Die Küstenstraße zwischen Santiago und Pilon ist so etwas wie eine Traumstrecke für Radfahrer. Sie führt durch eine touristisch kaum frequentierte Landschaft mit einsamen Stränden, schroffen Bergen (Sierra Maestra) und extrem wenig Verkehr.

Meine Tour verlief allerdings nicht immer traumhaft… aber auch dazu später mehr.
Teil 231. Juli 2020
Ankunft in Holguin und Fahrt nach Santiago


Internationaler Flughafen "Frank País" in Holguin

Die meisten Touristen, die nach Ostkuba fliegen, landen auf dem internationalen Flughafen "Frank País" in Holguin. Holguin liegt etwa 60km von dem Feriengebiet Guardalavaca entfernt, dessen Sandstrände vor allem von Pauschalurlaubern besucht werden. Mein Ziel, Santiago de Cuba, liegt in der entgegengesetzten Richtung, etwa 170 km südlich von Holguin.

Wie schon bei früheren Einreisen werde ich an der Passkontrolle zunächst fotografiert, dann muss ich ein paar Fragen nach dem Grund meines Aufenthaltes beantworten und meistens wollen sie noch wissen, wo man zu wohnen gedenkt. Verboten ist das Übernachten bei Privatpersonen, Freunden oder Bekannten. Man muss also entweder ein Hotel angeben, oder eine Casa Particular, eine staatlich lizenzierte Privatunterkunft.

Nachdem ich alle Fragen beantwortet habe, komme ich ohne größere Verzögerungen durch die weiteren Zollformalitäten. Vielleicht liegt es daran, dass ich nur ein einziges Gepäckstück dabeihabe. Die Zöllner konzentrieren sich auf die Reisenden, die mit Bergen von Koffern, Kartons und Reisetaschen ankommen. So wie z.B. die Kubanerinnen auf Heimaturlaub, die Gepäckwagen vor sich herschieben, auf denen sie ihre Habe zu mehreren Metern hohen Türmen gestapelt haben. Sie werden zu den seitlich stehenden Tischen gewunken und nach gründlicher Inspektion geht das Gefeilsche um die Höhe des zu entrichtenden Zolls los... 😉

Vom Flughafen bringt mich ein Sammeltaxi nach Santiago. Es ist ein gigantischen US-Oldtimer aus vorrevolutionären Zeiten, eine "Maquina", wie die Kubaner diese Gefährte nennen. Der Wagen ist so breit, dass auf den Sitzbänken locker fünf Personen nebeneinander Platz hätten. In einer Maquina nach Santiago zu fahren vermittelt gleich zu Beginn Kubafeeling. Kubafeeling vermitteln allerdings auch die stinkenden Camiones (LKWs), hinter denen wir herfahren und die den Innenraum zeitweise in eine Gaskammer verwandeln, bis der Fahrer endlich überholt.


Zuckerrohr

Ich sitze am offenen Fenster und lasse mir den warmen Fahrtwind um die Ohren streichen. Dunkle Gebäude huschen vorbei, später Dörfer mit kleinen Häusern, staubigen Straßen und spinnennetzartig gespannten Stromleitungen. Dann, bis zum Horizont, Weideland und Zuckerrohrfelder. Das weiche Licht der Abendsonne lässt die Gegend schöner aussehen, als sie tatsächlich ist.

Als wir nach etwa zweieinhalb Stunden Fahrt die ersten Häuser Santiagos sehen, ist es längst dunkel.


Es ist dunkel, als wir in Santiago ankommen


Santiago

Schließlich setzt mich der Fahrer des Sammeltaxis vor einem unscheinbaren Haus unweit des Zentrums ab. Das Haus, die Casa Tita, ist eine Casa Particular, also eine private Zimmervermietung. Die Casas Particulares sind eine preisgünstige Alternative zu den staatlichen Hotels und da man direkt bei Kubanern zuhause wohnt, ergeben sich oft interessante und hilfreiche Kontakte. In der Regel bekommt man ein sauberes Zimmer mit Doppelbett, Dusche und WC, Aircondition, oft auch Kühlschrank und TV. Das kostet je nach Saison und Ort zwischen 12 - 25 CUC. (1 CUC, oder Peso Convertible genannt, entspricht 1 USD)

Ich habe mein Zimmer in der Casa Tita für die ersten drei Nächte über Airbnb reserviert. Ich plane drei Tage in Santiago zu bleiben. Übermorgen bekomme ich mein Fahrrad, das ich von Deutschland aus bei „Profil-Cuba-Reisen“ gemietet habe. Ich hätte, wie schon auf früheren Touren, mein eigenes Rad mitbringen können, aber diesmal habe ich mich entschieden eins zu mieten, hauptsächlich aus Bequemlichkeit, so spare ich die Mühen der Verpackung und des Transports.


Santiago de Cuba


Santiago de Cuba

Trotz der späten Stunde werde ich herzlich begrüßt. Mein Zimmer ist klein, fensterlos, fast ein bisschen düster, aber es hat einen Zugang zu einer Terrasse mit Tischchen und Stühlchen und üppigen tropischen Pflanzen, die aus rostigen Dosen und Plastikbehältern wachsen.

Aber das einzige, was ich heute noch brauche, sind eine Dusche und ein Bett.
Teil 302. Aug. 2020
In Santiago de Cuba


Santiago de Cuba

Es ist noch dunkel, als der Hahn des Nachbarn zu krähen beginnt. Befreundete Hähne antworten aus allen Himmelsrichtungen, dann ist es für ein paar Minuten ruhig, aber sobald ich wieder eingeschlafen bin, geht die Kräherei von vorne los.
Das ist grausam. Bald gebe ich es auf schlafen zu wollen, setze mich auf meine kleine Terrasse und warte auf den Morgen.

Ab etwa 6 Uhr tauchen Händler auf der Straße auf. Man hört ihre singenden Rufe lange bevor man sie sieht:

„Huevos, el huevo, pan, mantequilla“. („Eier, Brot, Butter!)

Manche haben eine Trillerpfeife dabei um auch noch die letzten Schlafmützen zu wecken. An die kubanische Geräuschkulisse werde ich mich erst noch gewöhnen müssen.

Inzwischen knurrt mein Magen gewaltig. Meine letzte Mahlzeit war das dürftige Abendessen im Condor-Flugzeug. In den meisten Casas Particulares kann man Frühstück bekommen, aber Zadis, die außer Zimmervermieterin auch noch Ärztin ist, ist im Krankenhaus bei ihrer Arbeit. Also muss ich mir selbst etwas organisieren.

Als ich im Jahre 2001 das erste Mal nach Kuba kam, war es außerhalb der Touristenresorts manchmal schwierig, etwas Anständiges zu essen zu finden. Es gab nur staatliche Geschäfte und Restaurants und deren Angebot war oft von schlechter Qualität, oder schlichtweg ausverkauft. Vor ein paar Jahren wurde den Kubanern erlaubt, private Kleinunternehmen zu gründen. Daraufhin entstanden überall Cafeterias, Pizzerias und kleine Restaurants, sodass die Verpflegung heute kein Problem mehr ist. Und auch die Qualität ist deutlich gestiegen.


Cafeteria Kenia

Es dauert nicht lange, bis ich eine Cafeteria entdecke. Durch ein vergittertes Fenster kann man von der Straße aus Bocaditos (belegte Brötchen), Tortilla, Sandwiches, Café, Pizza und Getränke bestellen. In den Cafeterias bezahlt man in Moneda Nacional (CUP), nicht zu verwechseln mit dem Peso Convertible, dem CUC.

Zu den Besonderheiten Kubas gehört das Zweiwährungssystem. Zum einen gibt es die „Moneda Nacional“ (MN), auch „CUP“ genannt und parallel dazu den „Peso Convertible“ auch „CUC“, oder „Devisa“ genannt. Für Ausländer ist es am Anfang recht verwirrend, da man oft nicht weiß, ob die Preise in CUC oder CUP ausgezeichnet sind.

Umgerechnet wird wie folgt: 1 CUC = 24 CUP = 1USD = ca. 0,85 €

Mein Frühstück, Brötchen mit Rührei, 4 Cafecitos und ein Batido de Guayaba (Guaven-Smoothie) kostet gerade mal 20 Pesos MN, also etwa 0,75€. Ich frage mich, wie die Leute bei solchen Preisen Gewinn erwirtschaften können.


Santiago – Im Morgenlicht ist Santiago am schönsten (zum Fotografieren)


Geiler Oldtimer vor meiner Casa in der Calle Santo Tomás


Santiago wurde auf vielen Hügeln erbaut
Teil 402. Aug. 2020
Santiago Sightseeing


Revolutionäres Santiago

Da ich mein Fahrrad erst morgen bekomme, habe ich einen Tag Zeit, durch Santiago zu streifen. Santiago ist eine lebhafte und auch eine hübsche Stadt. Ich verliere mich gerne in den schmalen, bisweilen steilen Sträßchen und Gassen der auf Hügeln gebauten Altstadt. Man kann stundenlang umherbummeln, historischen Gebäude und Kolonialhäuser bewundern und Musikkneipen besuchen, die die Straßen nach Sonnenuntergang mit den Rhythmen der Live-Bands erfüllen.

Mit den Motorradtaxis kommt man überall hin, und das schnell und für wenig Geld. Allerdings braucht man gute Nerven, wenn sie mit hoher Geschwindigkeit durch die löchrigen und verkehrsreichen Straßen brettern. Die engen Straßen der Innenstadt sind mehr oder weniger schachbrettartig angeordnet, die Kreuzungen unübersichtlich. Die Fahrer scheinen sich darauf zu verlassen, dass alle Verkehrsteilnehmer die Vorfahrtsregeln einhalten und rasen, ohne die Geschwindigkeit zu reduzieren, über nicht einsehbare Kreuzungen. Das ist manchmal gruselig.


Parque Cespedes - Kathedrale Nuestra Señora de la Asunción

Der zentrale Platz von Santiago ist der Parque Cespedes. An seiner Südseite steht die Kathedrale Nuestra Señora de la Asunción, an seiner Nordseite das Ayuntamiento (Rathaus), von dessen Balkon aus Fidel Castro einst den Sieg der kubanischen Revolution verkündete. Leider fegte Hurrican Sandy im Jahre 2012 fast alle Bäume des Parks weg, sodass man dort kaum noch ein schattiges Plätzchen findet.


Parque Cespedes - Ayuntamiento

Den besten Blick über den Parque Cespedes, und über weite Teile der Altstadt bis hinunter zum Hafen, hat man von der Dachterrasse des Hotels Casa Granda.

Ich lasse jetzt, ohne viel zu kommentieren, ein paar Fotos folgen, die auf meinen Streifzügen durch Santiago entstanden:


Santiago - Palacio Provincial


Santiago – Motorrad-Taxis


Santiago


Santiago


Santiago


Santiago


Kubaner sind leidenschaftliche Dominospieler


Santiago


Santiago


Enramadas – Die zentrale Einkaufsstraße Santiagos


Santiago
Teil 502. Aug. 2020
Santiago – Ich bekomme mein Fahrrad


Santiago - Hafen

Am nächsten Tag bringen die kubanischen Angestellten von Profil-Cuba-Reisen mein Fahrrad in die Casa. Leider erst nachmittags, sodass der erste bezahlte Tag für meine Tour verloren ist.

Das Fahrrad ist technisch in Ordnung und macht den Eindruck, als würde es die geplante Strecke durchhalten. Ich mache gleich eine Testrunde, die Schaltung schaltet perfekt, die Bremsen tun auch was sie sollen. Lediglich die Reifen hätte ich mit etwas dicker gewünscht. Noch ein Kritikpunkt ist der Flaschenhalter, er ist zu klein für die kubanischen 1,5 Liter Wasserflaschen.

Im Eingangsbereich der Casa, zwischen Topfpflanzen und Schaukelstühlen, bereite ich das Fahrrad für meine Tour vor. Sattel- und Lenkertaschen, Werk- und Flickzeug habe ich aus Deutschland mitgebracht. Die Lenkertasche macht etwas Probleme, weil die Maße der Halterung nicht mit den Maßen des Lenkers übereinstimmen. Aber nach einigem hin- und her passt auch das.

Ich werde nur das Nötigste mitnehmen. Alles was ich nicht direkt für die Tour brauche, kann ich in der Casa zur Aufbewahrung zurücklassen.

La Abuela (die Oma) sitzt wie gewohnt in ihrem Schaukelstuhl neben der Eingangstür und beobachtet mein Tun. Natürlich will sie wissen, was ich vorhabe. Als ich ihr erzähle, dass ich alleine mit dem Fahrrad die Sierra Maestra umrunden will, sagt sie kopfschüttelnd:

„Ay, ay, madre mia, que cosa“. („Meine Güte, was für eine Sache“)

Dann schlurft sie in eines der hinteren Zimmer und kommt mit einem alten Hut zurück. Er erinnert an einen dieser Fischer- oder Anglerhüte, mit einer breiten Krempe ringsherum. Sie reicht mir den Hut mit den Worten:

„Pa‘que el sol no te queme“. („Damit dich die Sonne nicht verbrennt.“)

Und damit keine Missverständnisse aufkommen fügt sie noch hinzu:

„Prestado, no regalado“ („Nur geliehen, nicht geschenkt.“)

Der Hut ist alt, hässlich und fleckig, aber ich nehme ihn gerne. Ein Sonnenschutz für den Kopf fehlt mir tatsächlich noch.

Zu diesem Zeitpunkt ahne ich nicht, dass dieser Hut für eine dramatische Wendung meiner Radtour verantwortlich sein wird.


Sanriago - Catedral Basílica de Nuestra Señora de la Asunción

Einen letzten Sundowner nehme ich auf der Dachterrasse des Hotels „Casa Granda“ ein. Der Blick über den Parque Cespedes bis zum Hafen ist immer wieder schön, vor allem abends, wenn das Licht der untergehenden Sonne den Himmel und die Stadt golden färbt. Während es langsam dunkel wird, kann ich einen ersten Blick auf die Ausläufer der Sierra Maestra werfen, die in der Ferne im Dunst versinken.

Morgen kann es losgehen. 🙂

Hasta Mañana.
Teil 604. Aug. 2020
Santiago de Cuba - Chivirico

Um 6 Uhr klopft es an meine Zimmertüre.

„Desayuno“ (Frühstück)

Ich habe so fest geschlafen, dass mich nicht einmal der Hahn in Nachbars Garten wecken konnte.

In der Küche erwartet mich ein Frühstück, das ausgereicht hätte, eine Kleinfamilie satt zu machen. Normalerweise habe ich um diese Zeit noch keinen Hunger, aber heute haue ich rein was geht, wer weiß, wann es wieder etwas zu essen gibt.

Als ich vor Sonnenaufgang die Casa verlasse, sind Santiagos Straßen noch dunkel und fast menschenleer. Das Fahrrad ist beladen wie ein Packesel und ich muss mich erst noch an das veränderte Fahrverhalten gewöhnen. Ich frage mich, ob ich nicht doch zu viel Gepäck dabeihabe, allerdings machen schon die 6l Wasser einiges an Gewicht aus. Ein Wasserverbrauch von 6-7 Litern an einem heißen Fahrradtag ist nicht ungewöhnlich.

Unterwegs ist es manchmal schwierig, an unbedenkliches Trinkwasser zu kommen. Zwar kann man an jeder Hütte um Wasser bitten, aber man weiß nie, aus welchen Tanks oder Kübeln dieses geschöpft wird. Zur Sicherheit habe ich einen Vorrat an Micropurtabletten (Wasserdesinfektion) dabei.

Die Straße Richtung Chivirico ist leicht zu finden. Inzwischen sind schon ein paar Camiones und Pferdekutschen unterwegs, beladen mit Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Noch ist die Luft angenehm kühl. Die ersten Strahlen der Morgensonne tauchen die Landschaft in ein sanftes Licht. Ich freue mich auf den Tag.


Zwischen Santiago und Chivirico

Kubanische Camiones ziehen gerne fettige, schwarze Rauchfahnen hinter sich her. Vor allem, wenn sie in den unteren Gängen beschleunigen. Vermutlich ist der Diesel von schlechter Qualität, oder die Motoren zu versifft, um eine halbwegs saubere Verbrennung zu erreichen. Jedes Mal, wenn mich so ein Luftverpester überholt, werde ich minutenlang in eine Rußwolke eingehüllt. Ich versuche dann die Luft anzuhalten, bis sich der schlimmste Gestank verzogen hat. Beim Radfahren kann man die Luft allerdings nicht lange anhalten…😳

Doch schon wenige Kilometer hinter Santiago gehört mir die Straße praktisch alleine. Immer seltener tauchen Fahrzeuge auf, der Verkehr wird ländlicher, gelegentlich eine Maquina, Pferdegespanne, oder Reiter.


Küstenstraße zwischen Santiago und Pilon

Ich komme gut voran, das Fahrrad läuft wie von selbst. Ich überhole Radfahrer und Pferdekutschen, ab und zu winkt mir ein Campesino hinterher. Kleine Gehöfte und bunte Holzhäuschen flitzen vorbei. Schlanke Palmen, die in Gruppen beieinanderstehen, setzen hübsche Akzente in die Landschaft. Und dann sehe ich endlich das Meer. Tiefblau und glitzernd liegt es vor mir.

Die Straße führt jetzt entlang der Küste, vorbei an kleinen Stränden, die Playa Bueycabon, Playa El Frances oder Mar Verde heißen. Diese Strände sind nicht vergleichbar mit den Touristenstränden in Varadero oder Guardalavaca. Sie sind dunkel, oft steinig, dafür fast immer menschenleer.


Die Küstenstraße zwischen Santiago und Pilon ist einsam und verkehrsarm, eine Traumstrecke für Radfahrer

Gegen 10 Uhr mache ich an der Playa El Frances eine erste Pause. Der Strand ist sandig und es gibt knorrige Bäume, die Schatten spenden. Es könnte ein hübscher Ort sein, wenn nicht reichlich Plastikmüll, zerdrückte Bierdosen und Glasscherben herumlägen. Vermutlich wird der Strand an Wochenenden von Santiagueros besucht und es gibt niemand, der anschließend saubermacht.

Ich futtere ein paar Kekse und einen Schokoriegel. Dann springe ich ins Wasser und wasche mir den Schweiß von den Knochen. So langsam wird es warm und die erste 1,5l Wasserflasche ist bereits leer.

Als ich weiterfahre, es ist später Vormittag, wird es richtig heiß. Es kommen ein paar Anstiege, die zwar nicht besonders steil sind, aber durch die Hitze, die zudem von der Straße reflektiert wird, ist es sehr schweißtreibend. Es gibt kaum Wind, stellenweise fahre ich wie durch einen Backofen. Zum Glück habe ich den Hut von La Abuela dabei. Ohne ihn hätte ich einen ordentlichen Sonnenbrand im Nacken und auf der linken Gesichtshälfte bekommen.

Schon gegen Mittag erreiche ich das Motel Guama. Das Motel liegt wenige Kilometer von Chivirico, meinem Tagesziel, entfernt. Die Lage ist toll, man hat von den Chalets einen schönen Ausblick auf die Bucht mit ihren Mangroveninseln. Der Standort und der günstige Preis (15 CUC) machen es zu einem Übernachtungs-Tipp auf dieser Küstenstrecke.


Motel Guama

Spontan beschließe ich die Nacht dort zu verbringen. Das Motel Guama ist, wie praktisch alle kubanischen Hotels, staatlich. Es ist für kubanische Touristen konzipiert, Ausländer dürften hier in der Minderheit sein. Die Angestellten solcher Hotels sind oft schlecht ausgebildet, unmotiviert und hoffnungslos unterbezahlt.

In der Rezeption sitzt eine gelangweilte Angestellte. Sie ist gerade dabei, ihre Fingernägel zu maniküren, als ich eintrete. Ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen, oder mich zu begrüßen, sagt sie:

„Todo completo“ (alles belegt)

Das ist irgendwie seltsam, denn ich sehe weder Autos noch Menschen auf dem Gelände. Keines der Chalets sieht bewohnt aus.

Ich frage deshalb mehrmals nach, ob nicht doch ein Zimmer frei sei, aber die Rezeptionistin bleibt dabei:

„Todo completo“

Schließlich meint sie, sie könne mir helfen, eine andere Unterkunft zu finden. Es gäbe in Chivirico eine Casa Particular, dort könne ich ein Zimmer bekommen. Sie drückt mir die Visitenkarte der Casa in die Hand und beschreibt den Weg.

Ich fahre enttäuscht weiter.


Ich bin nicht der einzige Radfahrer

Chivirico

Also fahre ich weiter bis Chivirico. Chivirico (ca. 5000 Einwohner) ist der letzte größere Ort bis Pilon. Es gibt zwei oder drei Casa Particulares, einen Laden, eine Bank, ein CUC-Restaurant und ein Peso-Restaurant.

Kaum sehe ich die ersten Häuser von Chivirico spricht mich ein Kubaner an. Er stellt sich als Casa-Besitzer vor und möchte mir ein Zimmer vermieten. Wie sich herausstellt, hat die Rezeptionsangestellte vom Motel bei ihm angerufen und meine Ankunft angekündigt.

Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich war das Motel nicht ausgebucht. Es ist in Kuba üblich, dass die Casa-Besitzer für die Vermittlung eines Gastes eine Provision bezahlen. Die Motelangestellte bekommt für jeden weitergeschickten Touristen 5 CUC/Nacht Vermittlungsbebühr. Damit verdient sie wahrscheinlich mehr, als mit ihrem regulären Gehalt. Und sie hat weniger Arbeit im Hotel. Auch das ist typisch für Kuba.

Viel zu tun gibt es in Chivirico nicht. Im kleinen Peso-Dorfrestaurant an der Hauptstraße esse ich zu Abend. Das einzige Gericht ist Oveja en Salsa, Arroz und Tostones (Schafbraten mit Soße, Reis und frittierte Bananenscheiben) für 33 CUP (ca. 1.60€). In den staatlichen Peso-Restaurants macht man nicht immer die besten Erfahrungen, aber hier haben sie das Essen wirklich lecker hingekriegt. Ich bestelle gleich noch eine zweite Portion.

Auch heute gehe ich früh schlafen. Meine Casa liegt im Zentrum Chiviricos. Alle Nachbarn haben ihre Fernseher, oder Musikanlagen, auf Anschlag gedreht, dazu mischt sich das Kläffen der Hunde und das allgemeine Geschnatter und Geschrei kubanischer Barios. Trotzdem schlafe ich schnell ein. Vielleicht habe ich mich schon etwas an die kubanische Lärmkulisse gewöhnt.
Teil 707. Aug. 2020
Chivirico – La Mula

Normalerweise bin ich kein ausgesprochener Frühaufsteher, aber als Radfahrer, insbesonders in Kuba, tut man gut daran, zeitig aufzustehen. Morgens ist die Luft noch angenehm kühl und das goldene Licht der Morgensonne verzaubert die Landschaft. Wenn möglich versuche ich noch vor Sonnenaufgang aufzubrechen.

Mein heutiges Tagesziel ist der Campismo „La Mula“. Campismos sind keine Campingplätze, wie man vermuten könnte, sondern Ferienanlagen, geschaffen für den nationalen Tourismus, also für Kubaner. Inzwischen erlauben manche Campismos auch Ausländer als Gäste. In Campismos kann man einfache Häuschen mieten, für die Verpflegung gibt es ein Restaurant und oft noch eine Devisen-Bar, in der Rum und Bier verkauft wird.

Auf den nächsten 100 km ist der Campismo La Mula die einzige Übernachtungsmöglichkeit.


Der frühe Morgen ist die beste Zeit um Fahrrad zu fahren

Bevor ich aufbreche erwartet mich noch das Frühstück. Die meisten Casas Particulares bieten ihren Gästen für 3 - 5 CUC Frühstück an. Wenn ich nicht mit dem Fahrrad unterwegs bin, ziehe ich es oft vor, in Cafeterias zu frühstücken. Erstens ist es dort deutlich billiger (ca. 0,5 - 1 CUC) und zweitens habe ich morgens meistens noch keinen großen Hunger und da wäre so ein reichhaltiges Casa-Frühstück einfach zu viel.

Aber als Radfahrer ist ein gutes Frühstück essenziell. Wenn man in Kuba in einsameren Gegenden unterwegs ist, weiß man oft nicht, wann und wo und was man als nächstes zu essen bekommt.

Und meine Casa-Wirte wissen was ein Radler braucht. Der Frühstückstisch ist vollgepackt mit gebratenem Schinken, frittierten Bananen, Käse, Eier, Früchten, Kaffee, Saft und Brot. Eines muss man den Chiviriqueños lassen, von Essen verstehen sie etwas. Als ich den letzten Krümel vertilgt habe, befürchte ich fast zu platzen. Heute werde ich keine weitere Nahrung brauchen.


Es geht weiter, immer die Küste entlang

Durch das üppige Frühstück wird es etwas später bis ich losfahre. Die Sonne ist bereits ein ganzes Stück über den Horizont geklettert und deutlich zu spüren. Auch wenn die Luft noch kühl ist, werde ich in ein bis zwei Stunden wieder das Gefühl haben, durch einen Backofen zu fahren.

Da ich von Osten nach Westen fahre, habe ich die Sonne im Rücken, was viel angenehmer ist, als von vorne gebraten zu werden. Um Kopf und Nacken zu schützen setze ich schon bald wieder den alten Hut von La Abuela auf. Der sieht zwar etwas lächerlich aus, erfüllt aber seinen Zweck.


Küstenstraße zwischen Chivirico und Pilon



Die Landschaft wirkt trocken, die Berghänge sind mit dornigen Büschen und gedrungenen Bäumen bewachsen, die winzigen Felder der Campesinos karg und steinig. Entlang der Küste klammern sich stachlige Säulenkakteen an steile Felsen. Das Meer ist nie weit entfernt, die dunklen Strände sind jedoch so steinig, dass es schwierig sein würde, mehr als die Füße im Meer zu baden. Die Menschen wohnen in strohgedeckten Holzhäuschen, die oft von Kakteenhecken eingezäunt sind. Manche winken mir zu, als ich vorbeifahre, andere starren nur ausdruckslos hinter mir her.

Als ich einmal kurz anhalte um ein Foto zu machen, kommt eine junge Frau aus einem der Häuschen gerannt und ruft mir zu:

„Yuma, casate conmigo“. (Ausländer, heirate mich)

Ich fahre schnell weiter. 😉


Strohgedeckte Holzhäuschen

Gegen 10 Uhr erreiche ich einen winzigen Ort namens Uvero. Ein paar Häuser, ein Miniladen, eine Cantina. Wasser kann ich nirgends kaufen, da der Miniladen geschlossen ist. In der Cantina haben sie immerhin Pomos de Naranja (Orangenlimonade) und Cerveza (Bier). In Kuba muss man nehmen, was es gerade gibt. Also trinke ich zwei Flaschen Orangenlimonade, süß und klebrig, aber kalt und um den süßen Geschmack wieder loszuwerden, spüle ich ein Bierchen hinterher.

Dann sitze ich ein Weilchen im Schatten eines akazienähnlichen Baumes und betrachte das Leben von Uvero. Viel gibt es da allerdings nicht zu sehen, ein paar Leute schlurfen die Straße entlang, andere chillen im Schatten der Veranden ihrer Häuser, oder der Bäume. Niemand bewegt sich schnell, oder eilig, kein Fahrzeug, kein Motorengeräusch stört die Stille. Nur ein paar Grillen zirpen und etwas weiter weg, das Rauschen der Brandung. Die Szenerie wirkt so einschläfernd, dass ich tatsächlich fast eingeschlafen wäre, hätte mich nicht ein älterer Campesino angesprochen. Wie fast jeder Kubaner, mit dem ich mich unterhalte, fragt er mich zuerst, woher ich komme und wohin ich gehe. Als er hört, dass ich Deutscher bin, erzählt er stolz, dass seine Tochter in Deutschland lebt:

„Mi hija vive en Alemania, Dusseldoff“ (Meine Tochter lebt in Deutschland, Düsseldorf)

Wie in ländlichen Gebieten nicht ungewöhnlich, mündet unser Gespräch in eine Einladung. Er erwähnt seine Frau, die eine gute Köchin sei und sein Haus, das „muy fresco“ und „muy tranquilo“ (sehr kühl und sehr entspannt) sei. Ich könne dort auch übernachten und erst morgen weiterfahren.

Ich bin immer wieder erstaunt über die Gastfreundschaft dieser einfachen Landmenschen. Der Mann macht nicht den Eindruck, als wolle er aus der Einladung irgendwelche materiellen Vorteile ziehen, er ist einfach nur freudlich und einen Ausländer im Haus zu haben, ist in dieser abgelegenen Gegend eine Abwechslung. Einen Moment überlege ich die Einladung anzunehmen. Aber nur einen Moment, dann erwidere ich, dass ich heute noch nach La Mula fahren möchte. Vielleicht das nächste Mal?

Er schreibt seine Adresse auf einem Papierfetzen und geht seines Weges. Und ich fahre meines Weges.

Kurz hinter Uvero treffe ich auf eine ziemlich kaputte Brücke. Sie wurde schon vor Jahren bei einem Hochwasser zerstört, aber nie repariert. Trotzdem wird sie von Fußgängern und „leichteren“ Fahrzeugen weiterhin benutzt. Für die anderen gibt es eine Umfahrung durch das Flussbett. Aktuell ist der Fluss knochentrocken, aber ich könnte mir vorstellen, dass zu bestimmten Jahreszeiten Wasser fließt und es dann nicht einfach ist, durchzukommen.


Die zerstörte Brücke bei Uvero






Je weiter ich Richtung Westen komme umso einsamer und wilder, aber auch schöner wird die Gegend. Die Bergzüge der Sierra Maestra werden schroffer und steiler, manchmal stürzen fast senkrechte Felswände zur Küste hinab.

Ich muss ein paar Anstiege bewältigen, aber nichts Dramatisches. Für die 45 km von Chivirico nach La Mula benötige ich zwar fast 5 Stunden, aber das liegt nicht am Schwierigkeitsgrad, sondern an den vielen Stopps, die ich einlege. Ich halte oft, fotografiere, genieße die Landschaft, unterhalte mich hier und da mit einem Campesino.


Null Verkehr


Einsame Playas
Teil 807. Aug. 2020
Campismo La Mula

Gegen Mittag erreiche ich den Campismo La Mula. Die Anlage liegt zwischen einem steinigen Strand und dem Rio La Mula. Auf dem schattigen Gelände verteilen sich etwa zwei Dutzend Cabañas (Hütten, Häuschen). Die meisten werden für Moneda Nacional (CUP) an Kubaner vermietet. Sie sind sehr spartanisch eingerichtet, die Gäste müssen Bettwäsche, Ventilator, Geschirr etc. selber mitbringen. Dafür kostet die Übernachtung nur ein paar Pesos.

Für ausländische Touristen gibt es spezielle ‚Devisenhäuschen‘, die mehr kosten und etwas mehr Komfort bieten. Für 8.50 CUC (mit Frühstück) bekomme ich eines der „Luxus“häuschen. Der Luxus besteht aus einer Toilette/Dusche, einem Ventilator, der Bettwäsche und einem Kühlschrank. Und der Hammer: Der Kühlschrank ist bis zum Rand mit kaltem Bier gefüllt. 🤩 Was das bedeutet, kann nur nachvollziehen, wer schon mal mit dem Fahrrad nach La Mula gefahren ist.


Die Devisen-Cabaña


Mit kaltem Bier gefüllter Frio - Luxus pur

Leider funktioniert die Dusche nicht. Als ich die Rezeptionistin entsetzt anschaue meint sie mit einem Blick auf mein verschwitztes Äußeres:

„Chico, báñate en el río! El agua es muy rica“ (Junge, wasch dich im Fluß, das Wasser dort ist sehr gut.)

In Kuba gibt es für jedes Problem eine Lösung. 😄

Unweit des Campismo gibt es zum Baden geeignete Stellen im Fluss. Das Wasser ist klar und angenehm kühl. Der Rio La Mula dient den Einheimischen als Wasch- und Badeplatz. Ein Campesino schrubbt gerade sein Pferd, als ich dort ankomme. Dann seift er sich selber ein und springt zu seinem Pferd ins Wasser. Andere waschen ihre Kleider, oder planschen im Wasser herum. Ich habe meine Kernseife dabei und tue ebenso.

Dabei komme ich mit einem der Wäscher ins Gespräch. Er stammt aus Santiago und ist auf Familienbesuch in La Mula.

Nachdem ich ihm erzählt habe, wer ich bin und woher ich komme, was ich in Kuba mache, welchen Familienstand und wieviel Kinder ich habe, warnt er mich sehr eindringlich vor der Gefahr, überfallen und beraubt zu werden. Er sagt, dass es in dieser Gegend sehr wenig Polizisten gibt, und so ein Yuma (Ausländer) mit Fahrrad wäre eine attraktive Beute für die örtlichen Räuber. Er rät mir, mich nie allzuweit von meinem Fahrrad, oder meinen Sachen zu entfernen.

„Ten mucho cuidado“ (Sei sehr vorsichtig), sagt er mehrmals.

Diese Warnung passt irgendwie nicht in diese friedliche Landschaft, ich nehme mir trotzdem vor aufzupassen.


Campismo La Mula, Sonnenuntergang

Zum Sonnenuntergang setze ich mich an den Campismo-Strand. Er ist so steinig, dass es fast unmöglich ist, sich bequem hinzusetzen. Während die Sonne malerisch hinter den Ausläufern der Sierra Maestra verschwindet, versuche ich die zahlreichen Moskitos zu ignorieren, die sich hungrig auf mich stürzen. Außer dem Zirpen der Grillen, dem Summen der Insekten und dem gedämpften Donnern der Brandung, ist es ruhig und friedlich. Offensichtlich bin ich der einzige Gast im Campismo. Selbst die Angestellten sind längst nach Hause gegangen.

Dass es bisweilen lebhafter zugehen muss, beweisen die Abfälle, die am Strand herumliegen: leere Bierdosen, Rumflaschen und Verpackungen von Kondomen.

Schnell wird es dunkel. Ein bisschen unheimlich ist es schon, ganz alleine auf dem unbeleuchteten Gelände zu sein. Da ich heute bereits vor Überfällen gewarnt wurde, bin ich etwas sensibilisiert. Als ich zurück zu meinem Häuschen gehe, sehe ich immerhin im Eingangsbereich einen Wächter herumsitzen.

Leider hat meine Luxushütte kein Moskitonetz. Überall wo ich hinschaue, krabbelt geflügeltes und ungeflügeltes Getier herum. Als ich in einen Keks beiße, habe ich plötzlich Mund und Hand voller winziger Ameisen, die mich schmerzhaft attackieren.

Ich erschlage ein paar der fettesten Moskitos, die als blutiger Matsch an der Wand kleben bleiben. Als ich ein paar Minuten später nachschaue, sehe ich, dass die sterblichen Überreste der Moskitos von Miniameisen abgebaut werden, die in langen Kolonnen die Wände überqueren. Noch ein paar Minuten später, ist nichts mehr da. Perfektes Recycling. 😎

Bevor ich ins Bett gehe, öle ich mich äußerlich dick mit Autan, und innerlich mit einer ordentlichen Portion Rum, ein. Dann stelle ich den Ventilator auf volle Pulle und versuche zu schlafen.
Teil 910. Aug. 2020
La Mula - Marea del Portillo


Bei La Mula

Als der Campismo-Hahn zu krähen beginnt, ist es genau sieben Uhr. Einen Moment glaube ich, er säße direkt neben mir auf dem Kopfkissen und nicht zum ersten Mal frage ich mich, was diese verflixten Viecher eigentlich veranlasst, jeden Morgen so einen Krach zu veranstalten. Gut ist, dass ich früh loskomme. Heute möchte ich auf jeden Fall vor der großen Hitze des Tages aufbrechen.

Einer der Vorteile beim Radreisen ist, dass man nicht viel zu packen hat. Ich muss nur meine wenigen Sachen in den Satteltaschen verstauen, den Luftdruck der Reifen prüfen, und fertig. Duschen fällt wegen Wassermangel sowieso aus.

Der Cantinero (Kantinenwirt) hatte mir gestern versprochen, dass es um halb acht Uhr Frühstück geben soll. Im Campismo-Restaurant ist allerdings niemand zu sehen, alles ist verrammelt und dunkel. Ich gehe zum Rezeptionsgebäude. Auch hier keine Menschenseele. Ich klopfe gegen Türen und Fenster und rufe laut:

„Hola, hay alguien?“. (Hallo, ist hier jemand?)

Keine Antwort. Da fällt mir ein, dass ich gestern einen Guardia (Wachmann) beim Campismo-Eingang gesehen habe. Den muss ich allerdings erst wecken und seine schlaftrunkene Auskunft hilft auch nicht weiter:

„Es posible que alguien viene entre nueve y diez“ (Möglicherweise kommt jemand zwischen 9 und 10 Uhr)

Das heißt aber auch, es ist möglich, dass niemand kommt, oder, dass erst viel später jemand kommt.

So lange will ich nicht warten. Dann muss ich halt ohne Frühstück los. Blöder ist allerdings, dass ich nirgends Trinkwasser kaufen kann. Ich habe nur noch eine 1,5L Wasserflasche aus Chivirico. Das reicht nicht für den ganzen Tag und unterwegs wird es vermutlich nichts zu kaufen geben.

Hinter meiner Cabaña ragt eine Wasserleitung aus dem Boden. Es ist die einzige Möglichkeit, meine leeren Flaschen aufzufüllen. Da das Wasser vermutlich aus dem Rio La Mula stammt, in dem die Leute ihre Tiere, ihre Kleider und sich selbst waschen, und wer weiß was sonst noch einleiten, tue ich lieber ein paar Wasserdesinfektionstabletten (Micropur) dazu.

Und los geht’s.


Höhenprofil La Mula – Marea del Portillo

Mein Tagesziel ist das ca. 55km entfernte Marea del Portillo. Das Höhenprofil der heutigen Strecke zeigt vier Peaks. Sie sind nicht besonders hoch, sehen aber steil aus.

Ich folge zunächst einer ungeteerten Straße, voller Geröll und Schlaglöcher. Fahrtechnisch nicht besonders schwierig, aber ich muss mich permanent konzentrieren, um größeren Brocken und Löchern rechtzeitig auszuweichen. Zwischendurch gibt es geteerte Straßenabschnitte, dann wieder Strecken, die mal vor langer Zeit geteert waren, aber im Laufe der Jahre durch Erosion weitgehend entteert wurden.

Die Anstiege sind steil und knackig, aber gut zu schaffen, da sie nicht allzu lang sind. Der Himmel ist wolkenlos, die Sonne brennt, mein Wasserverbrauch ist hoch. Ich frage mich, ob das zum Problem werden könnte.



Aufgrund starker Unwetter und Steinstürze ist die Straße abschnittsweise schwer beschädigt. Nach jedem Hurrikan verschwindet ein Stück der Küste und die Straße ist oft tage- oder wochenlang unpassierbar.


WOW - Was für eine Landschaft!

Landschaftlich ist es zweifellos der schönste Streckenabschnitt der gesamten Küstenstraße. Wild, unzugänglich und mit wunderschönen Ausblicken auf einsame Buchten und auf ein strahlend blaues Meer.

Während des ganzen Tages begegnen mir nur zwei motorisierte Fahrzeuge. Hier zu sein, und das aus eigener Muskelkraft geschafft zu haben, ist ein berauschendes Gefühl.


Kubas Küste


Eingestürzter Tunnel


Abenteuerliche Straße entlang der kurvenreichen und wilden Küste



Radeln macht hungrig. Vor allem, wenn man, wie ich, ohne Frühstück gestartet ist, fällt man irgendwann in ein Leistungsloch. Plötzlich ist alle Energie weg und man bekommt einen Heißhunger auf Kohlehydrate und überhaupt auf alles Essbare. Dann hilft nur anhalten und etwas essen.

Unweit einer kleinen Ansiedlung setze ich mich in den Schatten einer Palme. Ich habe noch ein paar Kekse, ein Stück Käse und ein paar Schokoriegel im Gepäck. Dazu brühwarmes Campismo-Wasser aus dem Rio Mula.

Ich sitze nicht lange, da setzt sich ein älterer Campesino zu mir. Wie die meisten Menschen dieser Gegend ist er einfach gekleidet, in der Hand hält er eine Machete, auf dem Kopf sitzt ein Strohhut.

„Hola Compay“, beginnt er das Gespräch.

Ich biete ihm von meinem Proviant an, doch Kekse mit Käse will er nicht. Kann ich ihm auch nicht verdenken, der Käse ist seit Santiago schon mehrmals geschmolzen und sieht wenig vertrauenswürdig aus.

Wir reden ein bisschen über dies und das. Natürlich will auch er wissen, woher ich komme und wohin ich gehe, welche Nationalität ich habe, wie oft ich schon in Kuba war, ob ich verheiratet bin, wie viele Kinder ich habe und ob es in Deutschland wirklich so kalt ist.

In den Städten und den Touristengebieten Kubas kann es nerven, wenn man immer wieder die gleichen Fragen beantworten soll und die Gespräche oft nur auf eine Bettelei, ein Provisionsgeschäft, oder ähnliches hinauslaufen. Hier ist das nicht so, die Leute haben echtes Interesse an Kommunikation und freuen sich über die kleine Abwechslung, die ein Fremder in ihr Leben bringt.

Unser Gespräch dauert nicht lange, da lädt er mich zu sich nach Hause ein. Als wäre es das normalste der Welt, einen verschwitzten, käseessenden Fremden bei sich einzuquartieren, bietet er mir an, in seinem Haus ausruhen, zu übernachten, zu essen und meine Wasservorräte auffüllen. Er bietet mir alles an, was sein bescheidenes Leben erübrigen kann.

Aber wie schon tags zuvor in Uvero lehne ich die Einladung ab. Ich habe einfach noch zu viel Energie in den Knochen. Hätte ich diesmal die Einladung angenommen, wäre wahrscheinlich alles anders gekommen, nichts von dem wäre passiert, was wenige Stunden später passieren wird.

Aber frisches Trinkwasser brauche ich dringend. Das Rio La Mula Wasser hat inzwischen Badewassertemperaturen erreicht, und auch geschmacklich wird es immer grenzwertiger.

Wir gehen zu seinem nahegelegenen Haus, das auf einem schattigen Grundstück steht. Es ist ein hübscher Ort und unglaublich friedlich. Die Frau des Campesino begrüßt mich herzlich, als wären wir alte Bekannte und bringt mir eine 1,5 Liter Flasche Wasser.

😎 Cool! Eiskaltes Wasser ist in dieser Gegend unerwarteter Luxus und genau das, was ich am dringendsten benötige.

Ich danke herzlich und strample weiter Richtung Osten.


Nach jedem Anstieg...


…folgt…


…das nächste Panorama.


Für den Fotografen in mir...


...ist die Gegend ein Eldorado.


Die letzte Abfahrt vor meinem Tagesziel Marea del Portillo

Irgendwann habe ich die letzte Höhe erklommen, das letzte Panorama bewundert und fotografiert 😉, und vor mir liegt nur noch eine, letzte Abfahrt nach Marea del Portillo, meinem Tagesziel. Die Straße ist hier extrem schlecht, kurvig und abschüssig. Alte gesprungene Teerreste wechseln mit Schotter- und Geröll, tiefe Furchen und Schlaglöcher überziehen die Fahrbahn. Wegen der kaputten Oberfläche muss ich sehr konzentriert fahren. Ich darf den Blick keine Sekunde von der Straße abwenden. Da es bergab geht, lasse ich mein Fahrrad trotzdem ziemlich flott laufen. Ich genieße den kühlenden Gegenwind und freue mich schon auf ein kaltes Bier in Marea del Portillo.

Plötzlich reißt mir ein Windstoß den Hut (von La Abuela) vom Kopf. Reflexartig versuche ich mit der linken Hand danach zu greifen. Im selben Moment gerät mein Vorderrad in eine Spurrille, das Fahrrad kommt ins Schleudern. Da ich nur eine Hand am Lenker habe, kann ich es nicht abfangen. Ich werde im hohen Bogen auf die Straße geschleudert und schlittere mehrere Meter über Steine, Schotter, Teer. Ich spüre noch, wie Arme, Beine und auch mein Kinn über die raue Oberfläche schrammen.

Dann bleibe ich, kurz vor Marea del Portrillo, mitten auf der Straße liegen.
Teil 1012. Aug. 2020

Viva la Revolución 😉

Marea del Portillo

Langsam komme ich wieder zu mir. Mein Körper fühlt sich wie betäubt an, als hätte man mir ein Anästhetikum verabreicht. Erst als ich mich auf alle Viere hochkämpfe, kommen die Schmerzen. Es brennt überall und höllisch. Am schlimmsten hat es meinen rechten Arm erwischt. Ein handtellergroßes Stück Haut ist wie weggeraspelt. Eine weitere tiefe Wunde ziert mein linkes Knie. Von Kinn und Lippen tropft es rot auf mein T-Shirt. Überall an den Händen sind kleinere und größere Schürfwunden.

Ein Campesino, der den Sturz beobachtet hat, kommt auf mich zugerannt. Schon von weitem ruft er:

„Ay Dios mio, que pasó, que pasó…“ (Oh mein Gott, was ist passiert, was ist passiert)

Zu dem Zeitpunkt muss ich ein erschreckendes Bild abgegeben haben. Ich hüpfe mit schmerzverzerrtem Gesicht auf der Straße herum, überall Blut, und dazu mein „Ay ay ay“ (Au Au Au) Geschrei. Mein Fahrrad liegt ein paar Meter entfernt am Straßenrand, ein Teil des Gepäcks ist im Gelände verstreut.

Nachdem ich mich ein bisschen beruhigt habe, meint der Campesino, etwa einen Kilometer entfernt gäbe es ein Consultorio Medico (eine Art Miniklinik), und er würde mich dorthin bringen. Da ich noch zu benommen bin um etwas Sinnvolles zu tun, nimmt er mein Fahrrad und sammelt die verstreuten Gepäckstücke ein. Sogar der Hut von La Abuela aus Santiago ist dabei. Dann marschieren wir los. Er schiebt das Fahrrad, ich humple nebenher.

Tatsächlich habe ich Glück im Unglück, denn es ist nicht allzu weit bis zu dem Consultorio Medico. Auf der Veranda eines unscheinbaren, einstöckigen Gebäudes sitzen und stehen etwa 10 bis 12 Personen, hauptsächlich Frauen und Kinder. Als sie mich sehen, geht ein erschrecktes Murmeln durch die Wartenden. Eine Frau steht auf und bietet mir einen Platz auf einem Bänkchen an.

„Sientate! El medico viene pronto“ (Setz dich! Der Arzt kommt gleich) sagt sie.

Und dann:

„Que te pasó?“ „Un accidente?“ (Was ist mit dir passiert? Ein Unfall?)

Alle starren mich an, während ich antworte:

„Me caí con la bicicleta en la loma“ (Ich stürzte mit dem Fahrrad am Abhang)

Allgemeines Gemurmel:

„Ay, ay mi madre, que cosa, oye eso…“

Nach einer guten halben Stunde kommt der Arzt. Als Notfall darf ich als erster ins Untersuchungszimmer. Dort nimmt der Arzt zuerst meine Personalien auf, befragt mich nach dem Unfallhergang und notiert schließlich alles in Formularen.

Anschließend untersucht er mich auf innere Verletzungen und auf gebrochene Knochen. Zum Glück ist alles heil geblieben. Auch meine geplatzte Lippe muss nicht genäht werden. Er schreibt noch ein Rezept für ein Schmerzmittel auf, dann ist die Arbeit des Doktors getan.


Consultorio Medico

Zwei Enfermeras (Krankenschwestern) übernehmen die weitere Behandlung. Sie schrubben die verschmutzten Wunden mit Wasser und Kernseife aus. Zuerst die großen, dann die kleineren. Eine ziemlich schmerzhafte Prozedur. Jedes Mal, wenn ich aufstöhne, streichelt eine der Enfermeras mitleidig meine Schulter. Insgesamt zählen sie zwölf Schürfwunden. Zuletzt wird eine Salbe aufgetragen, Verbandsmaterial gibt es nicht. Ich soll morgen früh wiederkommen.

Die Behandlung ist kostenlos, was mich erstaunt. Zwar ist das kubanische Gesundheitssystem für Kubaner kostenlos, aber Ausländer werden in der Regel zur Kasse gebeten. Aber vielleicht ist das in dieser abgelegenen Ecke Kubas anders.


Mein Knie – Eine der zwölf Schürfwunden

Wer Blut sehen kann 🤩 , für ein scharfes Bild HIER klicken

Als nächstes muss ich ein Zimmer suchen. Ich brauche dringend ein Bett und ein paar Stunden Ruhe. In Marea del Portrillo gibt es meines Wissens drei Casas Particulares. Eine davon ist die Casa Barbara. Der Vermieter betrachtet mich zuerst etwas verwundert, als ich in meiner blutverschmierten Kleidung und den offenen Wunden vor ihm stehe, aber nachdem ich ihm von meinem Unfall erzählt habe, bekomme ich ein nettes, kleines Zimmer mit Terrasse.

Ich lege mich sofort hin und versuche zu schlafen. Nachts wache ich immer wieder auf. Jedes Mal, wenn ich mich im Schlaf drehe und dabei mit meinen offenen Wunden etwas berühre, durchfährt mich heftiger Schmerz.


Die Casa Barbara verfügt sogar über einen Fitnessbereich, für mich momentan eher uninteressant… 😉

Marea del Portrillo ist ein kleines Nest. Es gibt ein paar staubige Straßen, einen Dorfladen, ein oder zwei Restaurants und das Minikrankenhaus. Vielmehr kann ich nicht entdecken. Als ich am nächsten Tag in den kleinen Dorfladen komme um Wasser zu kaufen, höre ich eine Kundin zur Verkäuferin sagen:

„Mira, ese es el que cayó en la loma“ (Schau mal, das ist der, der am Hang gestürzt ist)

Diesen Satz höre ich in Marea del Portillo noch ein paar Male. Offenbar hat sich das Ereignis herumgesprochen und ich bin zu einer lokalen Berühmtheit geworden.

Die Verkäuferin mustert mich von oben bis unten und sagt dann:

„Ayayayayai“ (Ohjeohjeohje) 🙂


Campesinos

Während der nächsten zwei Tagen gehe ich jeweils morgens und abends zum Consultorio. Die Behandlungsprozedur wiederholt sich jedes Mal. Meine Wunden werden kräftig geschrubbt und mit Salbe eingestrichen. Verbandsmaterial gibt es nicht. Das hat den Vorteil, dass die Verletzungen an der frischen Luft besser heilen, aber den Nachteil, dass der Staub der Straße ungehindert eindringen kann und, was fast noch unangenehmer ist, ich muss ständig winzig kleine Fliegen abwehren, die sich durch das rohe Fleisch magisch angezogen fühlen.


Ostkuba - Zuckerrohrfelder

Am dritten Tag beschließe ich ins etwa 20 km entfernte Pilon weiter zu ziehen. Pilon hat ein größeres Krankenhaus und ich hoffe dort Verbandsmaterial zu bekommen. Als ich versuche mit dem Fahrrad zu fahren, merke ich sofort, dass ich das nicht packe. Es ist zu schmerzhaft. Bei jeder Bodenunebenheit könnte ich laut aufschreien. Und dann ist da noch der Schweiß, der in die Wunden läuft und höllisch brennt.

Mein Zimmervermieter besorgt einen uralten Lada mit Gepäckträger, der mich mitsamt Fahrrad nach Pilon bringt.
Teil 1115. Aug. 2020
Pilón

Pilón ist mit rund 30000 Einwohner eine Kleinstadt und in dieser dünnbevölkerten Gegend quasi das Zentrum der Zivilisation. Es gibt zwei oder drei Minisupermärkte, eine Bank, einen Terminal de Autobus (Busbahnhof), ein Hospital und einen schattigen Parque mitten im Zentrum.


Pilón

In der Casa Dalia werde ich schon erwartet. Mein Casawirt aus Marea del Portillo hat mich angekündigt, so dass Dalia und ihr Mann über mich Bescheid wissen. Trotzdem muss ich die ganze Geschichte noch einmal erzählen, wobei sie meinen Bericht mit mitfühlenden „Ay, ay, ay“ und „Dios mio“ – Ausrufen kommentieren.

Dalia rät mir ab, das örtliche Krankenhaus aufzusuchen. Dort muss ich mit langen Warteschlangen, mangelnder Hygiene und unmotiviertem Personal rechnen und zudem sei die Behandlung für Ausländer teuer. Sie schlägt vor, eine befreundete Ärztin, die im Hospital arbeitet, könnte nach der Arbeit kommen und mich behandeln. Dann müsste ich nicht ins Hospital gehen. Das ist mir recht, denn auf Krankenhausbesuch habe ich tatsächlich keine große Lust. Von früheren Besuchen weiß ich, dass kubanische Krankenhäuser nicht zu den Orten gehören, die man freiwillig gerne besucht.

Am Abend kommt Doctora und untersucht meine Verletzungen. In den vergangenen Tagen hat sich auf den Wundflächen ein weißer Fibrinbelag gebildet. Der muss weg, sagt Doctora, da sich darunter Infektionen bilden können.

Sie streift sich ein Paar Gummihandschuhe über und beginnt mit der Behandlung. Dazu packt sie in braunes Packpapier eingewickelte Stoffstückchen und eine Kernseife aus. Zuerst seift sie die Wunden kräftig ein, dann bearbeitet sie mit den Stoffstückchen den Fibrinbelag. Leider ist der ziemlich zäh und Doctora muss, zu meinem Leidwesen, ganz schön schrubben.

Dalia, die auch unbedingt etwas zu meiner Genesung beitragen will, hat derweil aus Blätter und Kräuter einen Sud zubereitet, den sie mir fast kochend über Arme und Beine schüttet.

„Esto desinfecta la herida“ (Das desinfiziert die Wunde) sagt sie und tätschelt mir beruhigend den Arm, als ich aufstöhne.

Ich könnte bei der Behandlung der beiden vor Schmerz an die Decke gehen, aber es ist die einzige Option, die ich im Moment habe. Diese Prozedur wiederholen sie zweimal am Tag, drei Tage lang.


Arztbesuch

Während der folgenden Tage kümmern sich Dalia und ihr Mann um mich, fast, als wäre ich Teil der Familie. Dalia lässt es sich nicht nehmen, zweimal am Tag ihren heilenden Sud aufzukochen und mir über Arme und Beine zu schütten. Sie laden mich zum Mittagessen ein, machen Einkäufe für mich, waschen meine Wäsche, bringen ständig Kaffee und helfen bei der Wundversorgung, die ich ab dem dritten Tag selber übernehme. Und das alles nicht gegen Extrabezahlung, sondern einfach, weil sie gute Menschen sind.

Mein Zimmer liegt etwas entfernt vom Wohnhaus an einem kleinen Innenhof. Tagsüber kann ich im Schatten der Bäume sitzen und mich mit Dalia, oder irgendwelchen Besuchern unterhalten, die gelegentlich vorbeikommen. Nur eine Sache macht mir zu schaffen. Jeden Morgen, ab etwa vier Uhr, kräht ein Hahn in Nachbars Garten, als würde er dafür bezahlt. Wieder und immer wieder. Nur durch eine dünne Steinmauer getrennt, ist er fast so laut, als säße er in meinem Zimmer. Weiter entfernt wohnende Hähne nehmen den Ruf auf, noch weiter entfernt wohnende Hähne antworten. So geht das reihum, bis mein Hahn wieder an der Reihe ist. Trotz Klopapier in den Ohren ist da an Schlaf nicht mehr zu denken.

Als ich Dalia daraufhin anspreche, zuckt sie nur mit den Schultern und sagt:

„No puedo hacer nada, es el gallo del vecino“ (Ich kann nichts machen, es ist der Hahn des Nachbarn)

Die Leute scheint das nicht zu stören. Mich würde es allmählich zum Wahnsinn treiben, wenn ich hier leben müsste.

Warum man in Kuba überall Schlange stehen muss

Jeden Nachmittag, wenn die Sonne schon deutlich tiefer steht, mache ich einen Spaziergang zum zentralen Park. Der Park ist eine WiFi-Area, also ein Ort, an dem man Zugang zum Internet haben kann. Abgesehen von den größeren Touristenhotels, sind die WiFi-Areas die einzige Möglichkeit ins Internet zu kommen. Man findet sie meistens in Parks oder auf öffentlichen Plätzen. Man erkennt sie an der Vielzahl der Menschen, die dort mit ihren Smartphones, Tablets und Laptops herumsitzen und den Zugang nutzen. Je mehr Menschen sich an so einem Hotspot befinden, umso langsamer ist die Verbindung. Aber im Parque von Pilón gibt es nur wenige Internetnutzer, so dass ich stets eine (für kubanische Verhältnisse) flotte Verbindung habe.

Um ins Netz zu kommen, kauft man bei der ETECSA (kubanische Telekom) Internetzeit in Form von Guthabenkarten (Tarjetas de Navegación). 1 Stunde kostet 1 CUC. Da meine Karten alle aufgebraucht sind, gehe zur Verkaufsstelle der ETECSA um neue zu besorgen. Ich habe Glück, vor mir ist nur ein Kunde, also kein Schlangestehen. Das ist in Kuba alles andere als selbstverständlich, meistens muss man für die Tarjetas lange anstehen, oder sie für den doppelten Preis auf der Straße kaufen.

Doch zu früh gefreut. In Kuba geht selten etwas schnell. Die ETECSA-Angestellte, eine Dame mittleren Alters, ist damit beschäftigt, ein Bündel Geldscheine zu zählen. Sie betrachtet jeden einzelnen Schein von beiden Seiten, legt ihn dann auf den Tisch und streicht ihn sorgfältig glatt, dann kommt der nächste dran und so geht das Schein für Schein. Ihre Hände bewegen sich wie in Zeitlupe. Zuletzt schnürt sie das Bündel mit einem Band zusammen und legt es in eine Schublade. Sie tippt das Ergebnis ihrer Zählung in den Computer, betrachtet den Monitor, holt das Bündel wieder aus der Schublade, öffnet das Bändchen und beginnt von neuem zu zählen…

Ihr Telefon klingelt und sie unterbricht die Zählarbeit.

„Hola Mimi, cómo estás?“ (Hallo Mimi, wie geht es dir?)

Während sich hinter mir eine Warteschlange (Cola) bildet, die rasch länger wird, unterhält sie sich mit „Mimi“. Sie plaudern entspannt über ihre Pläne fürs Wochenende, über gemeinsame Bekannte und was weiß ich noch alles.

Nachdem sie das Telefonat mit Mimi beendet hat, zählt sie das Geld noch einmal durch. Das Bändchen drumherum und ab in die Schublade. Der Kunde vor mir bekommt seine Quittung und ich bin dran.

Für den Kauf der Internet-Tarjetas muss ich meinen Ausweis vorzeigen. Sie beginnt die Daten in ein Formular einzutippen. Dann fragt sie mich, welche Nationalität ich habe.

Ich sage: „Aleman“. (Deutsch)

Ein strahlendes Lächeln geht über ihr Gesicht. Sie greift ihr Smartphone und scrollt durch die Menüs. Stolz zeigt sie mir Fotos ihrer Familie:

„Mi hija, ella vive en Alemania, esta casada con un Aleman“ (Meine Tochter, sie lebt in Deutschland, sie ist mit einem Deutschen verheiratet)

Das kommt mir bekannt vor, es scheinen einige kubanische Töchter in Deutschland verheiratet zu sein. 😉

Während die Schlange hinter mir länger wird und die Eingangstüre erreicht, muss ich alle Fotos ihrer in Deutschland verheirateten Tochter ansehen und bewundern. Die ersten Wartenden verlassen bereits wieder das ETECSA-Büro. Aber niemand beschwert sich. Nur einer versucht sich vorzudrängen, wird aber mit einem scharfen „Espere!“ (Warte!) zurückgescheucht.

Lange Wartezeiten und Schlangestehen gehört zum Alltag in Kuba und meistens nehmen die Menschen es ohne zu murren hin. Endlich bekomme ich meine Internetkarten und bin froh, aus dem ETECSA-Büro herauszukommen.


Straßenfest in Pilón


Straßenfest in Pilón

Am dritten und letzten Abend schlendere ich ein letztes Mal durch Pilón. In zwei Wochen soll ein Volksfest stattfinden. Dafür werden schon die ersten Fressstände und Karussells aufgebaut. Es gibt gekochte Maiskolben, Chicharrónes (frittierte Schweinehaut), Cajitas (Pappschächtelchen mit Reis, Bohnen und Fleisch), und Krabbenspieße – eben alles, wonach das kulinarische Herz eines Pilóneros verlangt. Die frittierten Krabben sind tatsächlich lecker, bei den Chicharrónes halte ich mich zurück.

Morgen werde ich meine Radreise Fortsetzen. Da ich durch die unfreiwilligen Aufenthalte in Marea del Portillo und Pilón mehrere Tage verloren habe, muss ich die ursprünglich geplante Route etwas kürzen. Ich habe das Fahrrad nur für 15 Tage zur Verfügung und eine Verlängerung ist laut Vermieter nicht möglich. Ich streiche also den Abstecher über Niquero zu den Playas Coloradas und mache mich auf den direkten Weg nach Media Luna.
Teil 1223. Aug. 2020
Pilón - Media Luna

Um 6 Uhr klopft Dalia an meine Zimmertür:

„Desayuno“ (Frühstück)

Ich bin, dem nachbarlichen Hahn sei Dank, schon seit halb vier Uhr wach. Noch ein paar weitere Nächte und ich hätte ihm den Hals umgedreht. Gut daran ist, dass ich schon alles gepackt habe und mein Fahrrad abfahrbereit auf dem Hof steht.

Auch Dalias Mann ist aufgestanden, um mich zu verabschieden. Ich muss den beiden versprechen, mich bald zu melden und zu erzählen, wie es mir auf meiner weiteren Reise ergangen ist. Dann winken sie mir noch eine Weile hinterher, während ich langsam die holperige Straße Richtung Ortsausgang fahre.

Es war fast unmöglich gewesen, in Pilón Verbandsmaterial zu bekommen, weder im Hospital, noch in der Apotheke. Dalia gelang es nach einigen Telefonaten eine schon etwas angestaubte Mullbinde zu organisieren. Um Arm und Bein gewickelt hoffe ich damit die immer noch offenen Wunden vor Staub und Sonne zu schützen.



Pilon liegt schnell hinter mir. Das Sträßchen ist in gutem Zustand und zunächst eben. Ich bin froh, dass es endlich weitergeht. Ich werfe einen letzten Blick auf Pilón, das im dunstigen Licht der aufgehenden Morgensonne wie ein verschlafener Fischerort wirkt, was es ja auch ist.



Der erste Anstieg lässt nicht lange auf sich warten. Wenige Kilometer hinter Pilon windet sich die Straße in mehr oder weniger steilen Serpentinen den Berg hinauf. Wald wechselt mit Busch, dazwischen nackte Felsen, an die sich agavenartige Pflanzen klammern.

Nach den erzwungenen Ruhetagen freuen sich meine Beinmuskeln wieder aktiv sein zu dürfen. Ich trete trotz der Steigung flott in die Pedale. Dummerweise verrutschen durch die Bewegungen immer wieder die Verbände. Die Reibung ist schmerzhaft und auch der Schweiß, der in die Wunden läuft, ist alles andere als angenehm.

Irgendwann wickle ich die nutzlos gewordenen Verbände ab. Doch dann kommt ein neues Problem. Die kräftig gewordene Sonne brennt auf meinen aufgeschürften rechten Arm. Da die Sonnenbestrahlung noch unangenehmer als Reibung ist, wickle ich ein (sauberes) T-Shirt um den Arm. So geht es einigermaßen, aber angenehm ist etwas anderes.


Alto del Mareon – Gedenkminute für die Revolutionäre

Zweimal komme ich an revolutionären Gedenkstätten vorbei, La Aguadita und Alto del Mareon, wo Castro, Che Guevara & Co. einst die Revolution vorantrieben.


Landstraße zwischen Pilón und Media Luna

Nachdem ich die Ausläufer der Sierra Maestra überquert habe, führt mich eine schnurgerade Landstraße durch eine flache, offene Landschaft. Zuckerohrfelder bis an den Horizont, ab und an durchfahre ich kleine, bäuerliche Ortschaften.

Auch auf dieser Strecke sind nicht viele Fahrzeuge unterwegs. Aber nach der Einsamkeit der Küstenstraße kommt mir die Landstraße geradezu verkehrsreich vor. Anfangs begegnen mir hauptsächlich Pferdekarren, Kutschen und Reiter, später zunehmend auch motorisierte Fahrzeuge, Traktoren, Camiones und PKWs.

Da meine heutige Tages-Etappe nur etwa 45 km beträgt, habe ich reichlich Zeit und trödle vor mich hin. Ein paar Mal raste ich an schattigen Stellen und schaue dem Verkehr der Landstraße zu:


Auf der Landstraße zwischen Pilón und Media Luna


Öffentlicher Personennahverkehr


Auf der Landstraße zwischen Pilón und Media Luna


Maquina - Landstraße zwischen Pilón und Media Luna


Auf der Landstraße zwischen Pilón und Media Luna


Die Gebrüder Castro sind auch im hintersten Landeszipfel präsent



Media Luna

Trotz Trödelei und vieler Pausen erreiche ich mein Tagesziel schon gegen Mittag. Media Luna ist mir sofort sympathisch. Ein kleiner Ort, überschaubar, unspektakulär und untouristisch. Viele Häuser sind aus Holz gebaut und haben luftige Veranden. Das verleiht dem Ort etwas Karibik-Charme.


Media Luna



Media Luna hat auch einen hübschen Parque mit einem verspielten Pavillon und schattigen Bäumen, unter denen man die Hitze des Nachmittags gut aushalten kann.

In der einzigen Casa Particular des Ortes bekomme ich problemlos ein Zimmer. Das Haus hat eine Terrasse mit Schaukelstühlen auf der man gemütlich abhängen und dem Treiben auf der Straße zuschauen kann.


Casa Paricular El Almendro in Media Luna

Pedro, mein Zimmervermieter, erzählt, dass ich seit über zwei Wochen sein erster Gast sei. Media Luna liegt nicht gerade an den gängigen Touristenrouten und außerdem ist zurzeit keine Saison. Manchmal übernachten Radfahrer in seinem Haus, die wie ich die Küstenstraße entlangfahren, oder Touristen, die individuell mit dem PKW unterwegs sind.

Da wird mir bewusst, dass ich, seit ich Santiago verlassen habe, nur zwei Ausländer gesehen habe. Der erste kam mir unweit von Chivirico (bei der kaputten Brücke) entgegen, ein Profi-Radler, durchtrainiert und mit Hightech-Ausrüstung. Er war so schnell an mir vorbei, dass ich kaum „hola“ hinterherrufen konnte, den zweiten sah ich im Wifi-Parque in Pilón.


Media Luna

Media Luna hat sogar einen Strand. La Doctora aus Pilón gab mir den Rat mit auf den Weg, ich solle wo immer möglich, im Meer baden, das Salzwasser würde den Heilungsprozess beschleunigen.

Also, vamos a la playa.

Ich radle einen staubigen Feldweg Richtung Strand. Plötzlich sehe ich eine Ansammlung von Menschen, die einen Reiter anfeuern, der in mörderischem Tempo auf ein Drahtseil zureitet, das in etwa zwei Meter Höhe über den Weg gespannt ist. An dem Draht sind nebeneinander drei Ringe befestigt. Der Reiter versucht in vollem Galopp einen bleistiftgroßen Stift durch einen der Ringe zu stoßen. Das sieht unheimlich schwierig aus, und muss tatsächlich noch viel schwieriger sein.

Das Publikum hat seinen Spaß. Die Guajiros (Landvolk) wetten, trinken Rum aus Plastikbechern und johlen und schreien jedes Mal, wenn sich ein Reiter in hohem Tempo den Ringen nähert.


Reiterspiele in Media Luna


Ein bleistiftgroßer Stift muss durch einen der Ringe gestoßen werden

Ich schaue dem wilden Treiben eine Weile zu, doch dann brennt mir die Sonne zu sehr auf den Schädel und ich fahre weiter zum Strand. Der ist klein, fast menschenleer und wird es wohl nie in die Liga berühmter Strände Kubas schaffen, aber um etwas im Wasser herum zu planschen und meine Wunden vom Schmutz des Tages zu reinigen, ist es perfekt.

Während ich im Wasser plansche kommt eine Familie mit kleinen Kindern vorbei. Ich höre, wie die Mutter zu den Kindern sagt:

„Mira, mira un turista“ (Schau, schau ein Tourist)

Ich muss grinsen. 😄 Viele Touristen scheinen sich tatsächlich nicht nach Media Luna zu verirren.

Auf dem Rückweg zur Casa mache ich einen Stopp in der Cafeteria El Sudito. Der lange und heiße Tag hat mich durstig gemacht und dagegen hilft kaltes Bier bekanntlich am besten. Es ist eine staatliche Cafeteria und dementsprechend bescheiden ist das Angebot: Bier, Rum, Zigarren und Zigaretten und von allem nur eine Sorte.

An den Tischen sitzen Campesinos, auf den Tischen steht Presidente-Bier. Ich hole mir auch ein Presidente-Bier und setze mich an einen freien Tisch. Das Bier schmeckt etwas wässrig, ist aber schön kalt. Obwohl ich in dieser Umgebung recht exotisch wirken muss, beachtet mich niemand. Die meisten trinken schweigend ihre Cerveza.

Ich sehe, wie ein älterer, wettergegerbter Mann zum Tresen geht und sich fünf Päckchen Criollos sin filtro (filterlose Zigaretten) geben lässt. Er riecht nacheinander an allen Päckchen und wählt dann eines aus. Die anderen gibt er dem Cantinero zurück.

Ein anderer Gast bekommt ein großes Glas Rum. Er nimmt einen tiefen Schluck, schüttet den Rest in die hohle Hand und reibt sich damit Gesicht und Arme ein. Sichtlich erfrischt verlässt er das Lokal.

Und ich bestelle noch ein Presidente. 😎
Teil 1330. Aug. 2020
Manzanillo - Bartolomé Masó

Am nächsten Morgen bin ich wieder mal früh auf den Beinen. Es ist noch dunkel und nicht einmal die Hähne krähen, als ich im engen Treppenhaus meiner Casa das Fahrrad bepacke. Die ersten Sonnenstrahlen streichen über das noch schläfrige Städtchen, als ich Manzanillo verlasse. Doch mit der Schläfrigkeit ist es bald vorbei. Als ich auf die Straße Richtung Bayamo stoße, herrscht dort trotz der frühen Stunde reger Verkehr. Menschen fahren, oder laufen zur Arbeit, LKWs, Busse und landwirtschaftliche Fahrzeuge überholen mich mit dröhnenden und rußenden Motoren.


Manzanillo – der erste Fahrradweg, den ich in Kuba gesehen habe

Aber, Kuba ist immer für eine Überraschung gut. Zum ersten Mal komme ich in den Genuss eines Fahrradweges. Ich wusste bislang nicht einmal, dass es so etwas in Kuba überhaupt gibt. Allerdings ist der Radweg eine abenteuerliche Angelegenheit voller Löcher und Bodenwellen. Radfahrer sind zwar vor dem recht dichten Verkehr geschützt, müssen aber gut aufpassen, nicht in einer der zahlreichen Furchen und Rillen hängen zu bleiben.


Straße Manzanillo - Bayamo

Auf Schildern wird immer wieder vor gefährlichen Streckenabschnitten gewarnt. Man bekommt die Zahl der Unfälle, Toten und Verletzten mitgeteilt. Ob es die Fahrweise positiv beeinflusst, weiß ich nicht.


Bei Sonnenaufgang verlasse ich Manzanillo

Eine erste Pause mache ich in Yara. Yara ist ein kleines Städtchen auf halben Weg zwischen Manzanillo und Bayamo. Hier zweigt die Straße nach Bartolomé Masó, meinem heutigen Tagesziel, ab.

Inzwischen bin ich mächtig durstig geworden und auch mein Magen knurrt hörbar. Das Frühstück heute Morgen in der Casa in Manzanillo war mehr als kärglich gewesen.

An der Hauptstraße sehe ich einige Stände mit Bocaditos (Sandwich) und einen Guarapo-Stand. Guarapo ist der aus frisch geschnittenem Zuckerrohr gewonnene Zuckerrohrsaft. Mittels einer Zuckerrohrpresse, die gleich hinter dem Verkaufsstand steht, wird der Guarapo frisch gepresst. Dabei wird das Zuckerrohr mehrmals zwischen zwei Walzrädern hindurchgezogen, bis kein Tropfen mehr herauskommt. Das Ergebnis ist ein milchiges, süßlich schmeckendes Getränk, das, mit geschreddertem Eis gekühlt, für 0,5 – 1 Peso MN (CUP), also etwa 0,03 € - 0,06 € verkauft wird.


Guarapopresse

Mir klebt von der staubigen Landstraße die Zunge am Gaumen und ich stürze mich zuallererst auf den Guarapo-Stand. Der Guarapo schmeckt so köstlich, dass ich erst nach dem fünften oder sechsten Glas aufhören kann zu trinken. Da der Zuckerrohrsaft mit Eis vermischt wird, hoffe ich, dass das Eis sauber ist. Ich vertraue mal meinem robusten Magen.

Die Verkäuferin strahlt mich an:

„Con eso tienes energía para todo el día“ (Das gibt dir Energie für den ganzen Tag)

Ein Campesino grinst mich an und ergänzt:

„Y por toda la noche“ (Auch für die ganze Nacht)

Alle Anwesenden kichern.

In Kuba gilt Guarapo als Wunder- und Heilmittel für alles Mögliche. Kubanische Männer schwören auf eine aphrodisierende und leistungssteigende Wirkung, für andere ist es ein Lebenselixier schlechthin. Für einen durstigen Radfahrer ist ein eiskalter Guarapo das Beste was ihm an einem heißen Tag passieren kann.

Da ich jetzt tatsächlich vor Energie strotze 😎, lege ich die letzten 20 km bis Bartolomé Masó ohne weitere Pausen zurück. Die Strecke ist wieder angenehmer zu fahren, kaum Verkehr und immer die Sierra Maestra vor Augen.


Landstraße nach Bartolomé Masó


Landstraße nach Bartolomé Masó

Bartolomé Masó

Bartolomé Masó ist ein Städtchen am Rande der Sierra Maestra. Nach der Einsamkeit der Landstraße wirkt Masó quirlig und voller Leben, aber tatsächlich ist es ein kleines Nest mit einer Central Azucarera (Zuckerfabrik), ein paar kioskartigen Geschäften entlang der Hauptstraße und dem Hotel Balcon de la Sierra.

Von Maso aus sind es nur noch 23 km bis Santo Domingo, bzw. bis zum Nationalpark Turquino, eine der unwegsamsten Gegenden Kubas. Im Nationalpark liegt die höchste Erhebung des Landes, der Pico Turquino. Von dem verschlafenen Bergdorf Santo Domingo aus kann man Wanderungen zur Comandancia de la Plata machen, der ehemaligen Kommandozentrale der kubanischen Revolutionäre. Unter anderen waren hier Ché Guevara und die Castro-Brüder Fidel und Raul.


Die Ausläufer der Sierra Maestra bei Bartolomé Masó

Ich bin vor ein paar Jahren schon einmal mit dem Fahrrad von Bartolomé Masó nach Santo Domingo gefahren. Das war, was Steilheit anbelangt, eine der extremsten Strecken, die ich jemals mit dem Fahrrad bewältigt habe. Damals beschrieb ich die Tour in einem Reisebericht wie folgt:

„Um es kurz zu machen, die ersten 15 km sind relativ locker zu fahren, mal geht’s hoch, dann wieder runter, durch eine faszinierende Berglandschaft. Dass es die Sierra in sich hat, wird mir auf den letzten sieben Kilometer vor Santo Domingo unmissverständlich klar. Was da kommt, sind keine ‚lomas‘ (Hügel), das ist Schinderei vom Feinsten. Ein Anstieg nach dem anderen, einer fieser als der andere. Dazu knallt die Sonne genau von vorne. Habe ich einen Anstieg geschafft, geht’s steil bergab und gleich dahinter ebenso steil wieder hoch. Der Straßenbelag besteht aus waschbrettartigem Beton, ansonsten hätten die Fahrzeuge mit ihren oft abgefahrenen Reifen keine Chance.

Schließlich wird es so steil, dass ich schieben muss. Aber selbst das Schieben des beladenen Fahrrades ist unglaublich anstrengend und schweißtreibend. Während ich mich dem Ende meiner Kräfte nähere, taucht plötzlich ein Campesino („Cuido animales“) wie aus dem Nichts auf und ohne viele Worte zu verlieren hilft er mir beim Schieben. Während wir eine Pause machen erzählt er von Unfällen, die sich auf der Strecke in den letzten Jahren ereignet hatten, vor allem Camiones (LKWs), deren Bremsen versagten. Wir essen Käse und Brot aus Maso, dann verschwindet er auf einem schmalen, steilen Trampelpfad.“


Diesmal werde ich mir diese Schinderei nicht antun. Stattdessen fahre ich zum einzigen Hotel und checke dort ein. Das Hotel Balcon de La Sierra ist eine angenehme Überraschung. Es liegt am Rande des Städtchens auf einer Anhöhe und man hat von dort einen phantastischen Blick auf die Berge. Für 15 CUC bekomme ich einen kompletten Bungalow, mit zwei Schlafzimmer, Wohnzimmer und Küche. Was will man mehr?


Hotel Balcon de La Sierra

Etwas oberhalb der Bungalows befindet sich eine Hotel-Bar mit Swimmingpool. Der Pool ist zwar wegen was auch immer geschlossen, aber von dort hat man die beste Aussicht auf die Umgebung. Links, die Gebirgsketten der Sierra, auf der rechten Seite weites Land, aus dem mehrere kegelförmige Bergen ragen.


Hotel Balcon de La Sierra – Sundowner zum Sunset

Der Tag verabschiedet sich zu einem prächtigen Sonnenuntergang, den ich bei einem Sundowner genieße. Später entstehen noch seltsame Lichterscheinungen am dunkler werdenden Himmel.




Seltsame Lichterscheinungen nach Sonnenuntergang
Teil 1430. Aug. 2020
Bartolomé Masó – Bayamo

Und wieder einmal bin ich früh auf den Beinen. Den Sonnenaufgang über der Sierra Maestra möchte ich keinesfalls verpassen. Zunächst sind Berge und Täler in dicke, graue Nebelbänke gehüllt, die Luft ist ungewohnt frisch. Aber schon bald färben die ersten Sonnenstrahlen die Landschaft in zarte Rosa- und Orangetönen.


Am nächsten Morgen


Die Sierra Maestra am frühen Morgen

Nachdem sich die Nebel verzogen haben verabschiede ich mich von der Sierra Maestra und mache mich auf den Weg nach Bayamo. Die knapp 50km bis Bayamo kann man in 3 Stunden gut schaffen. Unterwegs mache ich ein paar mal Halt, um an kleinen Cafeterias Nahrung zu fassen. Die Auswahl ist überall gleich überschaubar:

„Pan con Queso“ (Brot mit Käse),
„Pan con Jamon“ (Brot mit Schinken).
„Pan con Queso y Jamon“ (Brot mit Käse und Schinken

Zum Glück gibt es hin und wieder Guarapo-Stände, so dass ich mich mit flüssigem Zuckerrohr tunen kann.


Frühstück in der Cafeteria

Als ich wieder auf die Hauptverbindungsstraße Manzanillo – Bayamo einbiege, nimmt der Verkehr stark zu. Manchmal wird es bedrohlich eng, wenn gleichzeitig ein Fahrzeug entgegenkommt und ein Camion sich von hinten nähert. Ich höre dann hinter mir das Aufheulen des Motors, wenn der Fahrer herunterschaltet, um dann, sobald die Fahrbahn frei ist, wieder voll beschleunigend an mir vorbeizurasen. In solchen Situationen bleibt mir nichts anderes übrig, als soweit irgend möglich am rechten Fahrbahnrand zu fahren und zu hoffen, dass die Bremsen der Fahrzeuge funktionieren und, dass die Fahrer ihr Handwerk beherrschen.

Definitiv keine Traumstrecke für Radfahrer.


„29 Unfälle, 5 Tote, 42 Verletzte“


Kleiner Rast mit Che

Gegen Mittag rolle ich wohlbehalten in Bayamo ein.
Teil 1507. Sept. 2020
Bayamo


Bayamo Parque Cespedes

Einst war der Parque Cespedes in Bayamo einer der schönsten Kubas. Im Schatten uralter, mächtiger Laubbäume spielten Kinder, trafen sich Alt und Jung, um tagsüber der Hitze der Straßen zu entkommen. In den Blättern Bäume zwitscherten tausende Vögel. Ich habe es selbst erlebt, als ich im Jahre 2008 Bayamo besuchte.

Eines Tages beschlossen die für Stadtplanung zuständigen Funktionäre, dass sämtliche Laubbäume im Rahmen einer Neugestaltung des Parks entfernt werden sollen. Man stelle sich diesen Wahnsinn vor, 60-80 Jahre alte, gesunde, schattenspendende Bäume wurden gefällt, weil sie der Neugestaltung des Parks im Wege standen. Die Argumente für die Fällung waren, dass Laubbäume zuviel Schmutz verursachen, dass ihre Wurzeln die neugangelegten Wege beschädigen könnten und das sie die Wi-Fi-Verbindung stören würden.

Im Jahre 2017 war es dann soweit, alle Bäume wurden abgeholzt. Heute lässt die unerbittliche Sonne dort niemanden mehr auf den Bänken sitzen, tagsüber ist der Park wie ausgestorben.

Entsprechend der Schock, der mich trifft, als ich Bayamo gegen Mittag erreiche und mir erst einmal ein schattiges Plätzchen im Parque suchen möchte. Außer einer handvoll schlanker Palmen, die zwar hübsch anzusehen sind, aber als Schattenspender überhaupt nicht taugen, gibt es keinen einzigen Baum mehr. Dafür flimmernde Hitze und gleißende, spiegelnde Bodenplatten.


Bayamo – Der Parque im Jahr 2008, Treffpunkt für jung und alt.


Bayamo – Der Parque im Jahr 2008 mit altem Baumbestand.

In Bayamo bleibe ich nur eine Nacht. Da die Strecke Bayamo – Santiago stark befahren und auch landschaftlich nicht so reizvoll ist, packe ich am nächsten Morgen mein Fahrrad in den Bus und lasse mich nach Santiago fahren. Die kubanischen VIAZUL-Busse nehem problemlos Fahrräder mit, was sehr angenehm ist, hat man mal keine Lust eine bestimmte Strecke zu fahren, steigt man einfach in den Bus.

Bayamo – Santiago – Siboney


Unterwegs

Als wir gegen Mittag in Santiago ankommen, habe ich plötzlich keine Lust mehr auf Lärm, Hitze und Stadt. Ein paar Strandtage wären deutlich verlockender. Vor dem Terminal de Autobus frage ich einen der Maquina-Fahrer, ob er mich ins ca. 15 km entfernte Siboney fahren würde. Siboney ist ein kleiner Küstenort und quasi der Hausstrand Santiagos. Vor allem an Wochenenden zieht es viele Santiagueros nach Siboney, unter der Woche ist ist es dort eher ruhig.

Nachdem ich mit dem Fahrer einen akzeptablen Preis ausgehandelt habe, laden wir das Fahrrad in die Maquina. Sie ist so geräumig, dass wir das Fahrrad auf die Rückbank stellen können, ohne das Vorderrad abzumontieren. Immer wieder erstaunlich, wie geräumig diese US-Oldtimer konstruiert wurden.

Vamos a la playa. 🙂
Teil 1607. Sept. 2020
Siboney (bei Santiago)


Siboney

Der Strand von Siboney ist nichts Besonderes, aber gut genug, um mal zwei oder drei Tage dort abzuhängen. Er wird hauptsächlich von Kubanern besucht, ausländische Touristen sind selten.

Da ich das Fahrrad in zwei Tagen zurückgeben muss, mache ich noch ein paar Ausflüge in die Umgebung.

Das Museo Nacional de Transporte befindet sich knapp 10 km Richtung Osten. Es besitzt eine Sammlung von Oldtimern, unter anderem Autos aus dem ehemaligen Besitz von Batista und den Castros. Das behauptet zumindest mein Reiseführer.

Man kann sich fragen, warum überhaupt in Kuba ein Automobilmuseum besuchen, schließlich fahren genug Oldtimer auf den Straßen herum. Aber im Umkreis von Siboney gibt es nicht wirklich viel, was man besuchen kann. Also fahre ich da hin.


Auf dem Weg zum Museum gelingen mir ein paar Tierbeobachtungen… 😎


Museo Nacional de Transporte


Museo Nacional de Transporte


Museo Nacional de Transporte - Maya Cuba

Auch kann man in diesem Museum das einzige Auto bewundern, das Kuba jemals produziert hat. Ein winziges, einzylindriges Gefährt Namens Maya Cuba, von 1963. Irgendwie sieht es aus, als hätte man es aus diversen Schrottteilen zusammengebaut…


Museo Nacional de Transporte

Die Rückgabe des Fahrrades an die Mitarbeiter von Profil-Cuba-Reisen in Santiago verläuft problemlos. Das Fahrrad wurde bei dem Unfall nicht beschädigt, lediglich eine meiner Ortlieb-Taschen hat ein paar Risse und ein Loch bekommen. Vermutlich hat die Tasche das meiste abgefangen.

Auch den Unglückshut gebe ich zurück. La Abuela hatte mir ja ausdrücklich eingeschärft:

„Prestado no es regalado“ (Geliehen ist nicht geschenkt) 😉

Und ich will sie keinesfalls enttäuschen. Als ich sie aufsuche um ihr den alten, fleckigen Hut wieder zurückzugeben, freut sie sich sehr. Als sie meine aufgeschürften Arme und Beine sieht, muss ich natürlich erzählen, was mir passiert ist. Die alte Frau ist so nett und voller Mitgefühl, dass ich die verhängnisvolle Rolle des Huts nicht erwähne.
Teil 1707. Sept. 2020
Und wie geht es weiter?

Ich habe noch knapp zwei Wochen Kuba vor mir. Nach einigem hin und her überlegen habe ich beschlossen, von Santiago mit dem Bus nach Baracoa weiterzufahren. Baracoa liegt im sogenannten „tropischen Osten“ der Provinz Guantanamo. Ihre größte Sehenswürdigkeit ist die üppige, reiche Natur, die die Stadt umgibt.

Ich will versuchen dort noch einmal ein Fahrrad für eine kürzere Tour zu mieten.
Teil 1810. Sept. 2020
Santiago – Baracoa

Am nächsten Morgen sitze ich im VIAZUL-Bus Santiago - Baracoa. VIAZUL ist eine ursprünglich auf ausländische Touristen ausgerichtete Busgesellschaft, die alle größeren Städte und auch die meisten Touristenzentren anfährt. In den letzten Jahren wird die Buslinie zunehmend auch von den Kubanern genutzt, die sich die vergleichsweise teuren Tickets leisten können. Die andere große staatliche Busgesellschaft wird unter der Marke ASTRO betrieben und ist Kubanern vorbehalten. Da die Fahrpreise staatlich subventioniert werden, kosten die Tickets nur etwa ein Drittel der VIAZUL-Preise. Dafür gibt es oft wochenlange Wartelisten und wer früher verreisen will muss die Ticketverkäufer bestechen.


Küstenstraße zwischen Santiago und Baracoa

Die Fahrt von Santiago nach Baracoa dauert gut sechs Stunden. Erster und einziger Stopp ist nach knapp zwei Stunden Fahrzeit in Guantanamo. Der Bus ist gut besetzt, aber nicht voll. Die meisten Fahrgäste sind Touristen-Pärchen, altersmäßig so Anfang bis Mitte Zwanzig. Ein paar Kubaner sind auch dabei, aber sie sind deutlich in der Minderzahl. Verwunderlich ist das mangelnde Interesse der Touristen (und der Kubaner) an der Landschaft, die wir durchfahren. Die meisten sitzen hinter zugezogenen Vorhängen, schlafen, oder tippen auf ihren Smartphones herum.


Küstenstraße zwischen Guantanamo und Baracoa


Küste zwischen Guantanamo und Baracoa




Sierra de Purial

Die gut ausgebaute Straße schlängelt sich mal entlang der felsigen Küste, dann durchs karge Hinterland und durch kleine, schläfrige Ortschaften. Obwohl ich die Strecke schon von früheren Reisen kenne, bin ich immer wieder fasziniert von der staubtrockenen, wüstenartigen Landschaft, die hinter Guantanamo beginnt. Auf den steinigen Böden wachsen fast nur noch Kakteen und dornige Büsche. Alles ist auf Hitze und Trockenheit eingestellt. Als ich bei einer kurzen Rast den klimatisierten Bus verlasse, kann ich kaum glauben, dass man bei diesen Backofentemperaturen leben kann.


Die Passstraße „La Farola“ Richtung Baracoa

Hinter Cajo Babo beginnt die enge und teilweise steile Passstraße „La Farola“ über die Sierra de Purial. Mit jedem Höhenmeter ändert sich die Vegetation von halbtrockener, wüstenähnlicher Kaktuslandschaft hin zu tropisch-grüner Bergwelt. Die Luft wird schwüler und feuchter, Wolkenbänke füllen die Täler. Wir haben ein paar schöne Ausblicke auf die umliegenden Bergketten, bevor es in vielen Kurven wieder bergab nach Baracoa geht.


La Farola – Die Passstraße


La Farola – Die Passstraße
Teil 1910. Sept. 2020
Baracoa

Baracoa ist die tropischste Stadt Kubas. Sie ist von Bergketten umgeben, deren steilen Hänge mit Regenwäldern bedeckt sind. Hier wächst alles, was warm und feucht braucht, Palmenwälder, Bananen, Kaffee, Kakao. Baracoa ist für sein heißes Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit berühmt. Für Naturliebhaber gehört die Landschaft um Baracoa zu den schönsten Kubas. Zu den sehenswerten Destinationen gehört der Alexander-von-Humboldt-Nationalpark, der Tafelberg El Yunke, mehrere Flüsse (Rio Moa, Rio Toa, Rio de Yumurí) und abgelegene Strände.


Baracoa


El Yunque, der Tafelberg und Wahrzeichen Baracoas

Im Baracoa-Busterminal werden wir von einer Schar Casa-Besitzer erwartet. Alle reden durcheinander, preisen ihre Unterkünfte an, oder strecken den Ankommenden bebilderte Heftchen hin, auf denen ihre Casas zu sehen sind. Die Konkurrenz scheint groß zu sein.

Eine Señora hält mir ein Fotoalbum unter die Nase.

„Casa con vista al mar“ (Haus mit Meeresblick) "Solo 15 CUC" (nur 15 CUC) sagt sie.

Meeresblick hört sich für mich gut an. Da man in Kuba immer ein bisschen handeln kann, frage ich:

„Con desayuno?“ (Mit Frühstück?)

Sie nickt, und ich sage: „OK“.

Die meisten anderen Touristen im Bus haben wohl schon Unterkünfte vorreserviert, sie werden mit Namensschildern erwartet.


Casa mit Meeresblick.

Tatsächlich kann ich von der oberen Terrasse meiner Casa, wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, den versprochenen Meeresblick genießen. 😉

Während wir zur Casa laufen erzähle ich meiner Casa-Wirtin von meinem Vorhaben, ein Fahrrad auszuleihen, um zur Playa Maguana zu radeln. Sie gibt mir die Adresse eines örtlichen Fahrradverleihers. Sobald ich in die Casa eingecheckt habe, gehe ich dorthin.

Camilo, ein sympathischer junger Kubaner, betreibt den „Baracoa Bike Rental“ (baracoabikerental.com), Fahrradverleih und Reparatur. Wer schon mal versucht hat, in Kuba ein gutes Bike auszuleihen, weiß, dass das nicht einfach ist. Ok, in den letzten Jahren hat sich das Angebot deutlich verbessert, trotzdem ist es immer noch ein ziemliches Glücksspiel.

Aber bei Camilo werde ich fündig. Für 10 CUC (2 Tage) bekomme ich ein ordentliches Fahrrad. Schaltung funktioniert, Bremsen sind ok, nur die Kette rutscht manchmal ein bisschen durch, wenn ich zu stark „Gas“ gebe. Aber ich will nicht zu kritisch sein…

Erstaunlich wie vertrauensvoll Camilo die Fahrradübergabe gestaltet. Kein Dokument muss unterschrieben werden, keine Kaution hinterlegt, er fragt mich lediglich nach meinem Namen und in welcher Casa ich wohne.


Baracoa


Baracoa


Jeden Tag regnet es mindestens einmal


El Yunque

Tja und am nächsten Morgen bin ich schon wieder unterwegs. In der vergangenen Nacht hat es heftig geregnet und als ich losfahre, künden dicke Wolken weitere Regenschauer an. Unterwegs bekomme ich tatsächlich ein paar Wolkenbrüche ab. Aber das ist nicht schlimm, ich stelle mich irgendwo unter und warte bis der stärkste Regen vorbei ist.

Die Straße ist zunächst geteert, später ungeteert, dann wieder halb geteert, aber insgesamt gut befahrbar. Nur auf Brücken muss ich aufpassen, da sich dort oft breite und tiefe Risse gebildet haben. Mein Rad läuft fast wie von selbst. Einheimische grüßen vom Straßenrand her, manche winken mir im Vorbeifahren zu, oder rufen etwas hinterher, Kinder legen sich mächtig ins Zeug um mich mit ihren Fahrrädern zu überholen.


Straße Baracoa Richtung Maguana


Einer der Flüsse zwischen Baracoa und Maguana


Brücken sind oft in schlechtem Zustand


ÖPNV


Einer der Rios


Patria o Muerte


Manchmal wünscht man sich als Radfahrer eine Gasmaske
Teil 2014. Sept. 2020
Letzter Tag in Baracoa


Baracoa Malecón

Obwohl sich mein Zimmer auf dem Dach eines zweistöckigen Hauses im Zentrum Baracoas befindet, werde ich in aller Frühe von einem dieser nervigen Hähne geweckt. Zuerst kann ich es kaum glauben, ich bin doch nicht auf dem Campo. Ein Blick aus dem Fenster klärt mich auf. Ein Nachbar auf der gegenüberliegenden Straßenseite betreibt eine Hühnerzucht auf seinem Balkon im zweiten Stock, Luftlinie nur wenige Meter von meinem Bett entfernt. In Havanna hatte ich schon Balkone gesehen, die zur Schweinezucht mißbraucht wurden, aber Schweine krähen wenigstens nicht in aller Frühe.

Ein Blick auf die Uhr, es ist kurz nach vier.

Als ich aus dem Bett steige, trete ich in etwas nasses, kaltes. In meinem Zimmer haben sich überall Pfützen gebildet, stellenweise steht das Wasser knöcheltief. In der Nacht hat es gestürmt und heftig geregnet. Fenster haben in Kuba überwiegend keine Glasscheiben, sie werden über Lamellen-Fensterläden geöffnet, oder geschlossen. Wegen der Luftzirkulation hatte ich die Lamellen halb offengelassen, was bei dem nächtlichen Starkregen zu der Überschwemmung geführt hat. Zum Glück ist mein Rucksack wasserdicht, denn der steht mitten in der größten Lache.

Da ich heute nichts Besonderes vorhabe, verbringe ich den Tag mit Müßiggang. Ein bissl spazieren, in den Parks sitzen und Erdnüsse essen, den Malecon entlanglaufen und das eine oder andere Foto schießen. Ich glaube vielmehr habe ich an diesem Tag nicht gemacht.


Baracoa


Baracoa


Baracoa


Baracoa

Halt, noch etwas habe ich an diesem Tag erledigt. Ich war beim VIAZUL-Busbahnhof, denn meine Zeit in Kuba neigt sich unweigerlich dem Ende zu, und schon in wenigen Tagen geht mein Flieger von Holguín zurück nach Deutschland und so langsam aber sicher muss ich meine Rückreise planen. Der „normale“ Weg von Baracoa nach Holguín würde über Santiago führen. Das heißt, mit dem VIAZUL-Bus nach Santiago und von dort mit Bus oder Sammeltaxi nach Holguín.

Irgendwo habe ich mal gehört, dass zwischen Guantánamo und Holguín ein Zug verkehren soll. Eine Zugfahrt würde bestimmt mehr Spaß machen, als die Fahrt mit dem VIAZUL. Ich habe auf früheren Reisen schon andere Bahnstrecken Kubas kennengelernt und diese entschleunigte Art des Reisens hat durchaus seine Reize. Solange man es nicht eilig hat. Also kaufe ich ein Busticket nach Guantánamo, für den morgigen Tag.

Abends regnet es wieder, dadurch sind Straßen und Parks menschenleer. Ich empfinde die leichte Abkühlung als ganz angenehm, die Kubaner haben schreckliche Angst vor 'gripe', kaum fallen die ersten Regentropfen sind die Straßen wie leergefegt.

Ich gehe früh schlafen und diesmal schließe ich die Fensterläden und stecke ich mir ein Paar selbstgebastelte Oropax in die Ohren.

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