DillingerThemenstarter796 Beiträge · seit 201526. März 2020 · #1
Hallo,
gestern habe ich bei Aldi einen Sack Holzkohle gekauft. Zuhause habe ich gesehen, dass er aus Namibia kommt. Sie soll aus einem, für die Natur sehr gutem Projekt stammen und zur Entbuschung beitragen. Da wird behauptet, dass diese Holzkohle eine der ökologischsten Holzkohlen weltweit ist. Kennt ihr solche Projekte und ist es empfehlenswert solch ein Produkt zu kaufen? Holzkohle aus Afrika für meinen Grill, hat mir doch etwas zu denken gegeben. Ich möchte keinesfalls einen Raubbau an der Natur unterstützen. Ich hoffe es stimmt, dass es richtig ist, die Savannenlandschaft von Buschwerk zu befreien und somit Grundwasser zu schonen und die ursprüngliche Savannenlandschaft für Tier und Natur wider herzustellen. Wird in Namibia auch darauf geachtet, dass nicht doch der ein oder andere Baum der Holzkohlengewinnung zum Opfer fällt? Was halten die in Namibia ansässigen von der Holzkohlengewinnung?
BikeAfrica7'296 Beiträge · seit 200626. März 2020 · #2
Hallo Markus,
Dillinger schrieb:gestern habe ich bei Aldi einen Sack Holzkohle gekauft. Zuhause habe ich gesehen, dass er aus Namibia kommt. Sie soll aus einem, für die Natur sehr gutem Projekt stammen und zur Entbuschung beitragen. Da wird behauptet, dass diese Holzkohle eine der ökologischsten Holzkohlen weltweit ist.
das mag für die Herstellung ja vielleicht zutreffen, aber wenn man bedenkt, dass das Zeug danach um die halbe Welt transportiert wird, habe ich meine Zweifel an der Ökologie. Müsste hier nicht in Deutschland nach den beiden trockenen Sommern so viel Totholz rumgammeln, mit dem man nichts mehr anfangen kann? Oder ist Holzkohle aus unserem Holz nicht geeignet (weiß ich wirklich nicht)?
Gruß Wolfgang
Mit dem Fahrrad unterwegs in Namibia, Zambia, Zimbabwe, Malawi, Tanzania, Kenya, Uganda, Kamerun, Ghana, Guinea-Bissau, Senegal, Gambia, Sierra Leone, Rwanda, Südafrika, Eswatini (Swaziland), Jordanien, Thailand, Surinam, Französisch-Guyana, Alaska, Canada, Neuseeland, Europa ...
Entbuschung ist hier eines der größten wirtschaftlichen Themen des Landes. Du findest zum Thema (und auch Holzkohle aus NAM) schon Threads hier. Federführend bei der Erstellung von Studien zur Nutzung von "unnützem" Busch ist die GIZ. Ich meine in den alten Threads hatte ich auch die genauen Richtlinien zur Entbuschung (welche Büsche, welche Dichte etc) gepostet.
Viele Grüße aus Windhoek Christian
Vom 23. August bis 6. September, 10. Oktober bis 18. Oktober 2026, 5. Dezember 2026 bis 17. Januar 2027 und 1. bis 30. Mai 2027 nicht/kaum im Forum aktiv!
Holzkohle aus Entbuschungsprojekten ist eigentlich grundsätzlich zu befürworten.
Problem 1: Wer stoppt den Burschen vor Ort, wenn er mehr oder weniger absichtlich neben dem unerwünschten Büschen auch 'wertvollere' Vegetation mit verbrennt und in Holzkohle verwandelt. (Zumindest in Südamerika ist die Holzkohleproduktion auch ein Nebenprodukte der illegalen Regenwaldrodungen, das dürfte in Namibia weniger der Fall sein.)
Problem 2: wurde schon genannt. Spätestens bei der Bewertung des ökologischen Fußabdrucks eines Sacks Grillkohle müsste Holzkohle aus Namibia wegen der riesigen Transportstrecke gegen die weit verbreitete polnische Holzkohle gnadenlos verlieren.
DillingerThemenstarter796 Beiträge · seit 201526. März 2020 · #5
Hallo Wolfgang, hallo Christian,
ich habe gerade einen Artikel der GIZ zu diesem Thema durchgelesen (Danke Christian). Sehr informativ und nun verstehe ich die Sache etwas besser. Ja mit der Verschiffung ist das so eine Sache, ökologische Aspekte gegen wirtschaftliche abzuwägen. Ich für meinen Teil unterstütze da lieber die Menschen vor Ort. Ich habe neulich in Hamburg eine Hafenrundfahrt gemacht. Da sind wir an einem der größten Containerschiffen vorbei gefahren. Als Information gab es Angaben zur Menge der transportierten Kleidungsartikel, wie transportiertes Gewicht, Fahrstrecke, Schwerölverbrauch usw. Wenn in Deutschland Hemden und Hosen für 5,- angeboten werden, sollte man sich hier eher Gedanken um die Ökologie machen.
freshy3'883 Beiträge · seit 201126. März 2020 · #6
BikeAfrica schrieb: Müsste hier nicht in Deutschland nach den beiden trockenen Sommern so viel Totholz rumgammeln, mit dem man nichts mehr anfangen kann? Oder ist Holzkohle aus unserem Holz nicht geeignet (weiß ich wirklich nicht)?
Es gibt genügend Baumarten, die sich für Holzkohle eignen würden: z.B. Eichen und Buchen. Vor Jahren gab es noch einige Köhlereien im südlichen Westfalen, doch die sind mit den Jahren immer mehr zurückgegangen. Es dauert und ist ein schweres Geschäft, das heutzutage nichts mehr einbringt, einen Meiler aufzubauen und zu betreuen. Die verbliebenen Meiler sind jetzt Touristenattraktionen. Heimische Holzkohle wird inzwischen bis auf Ausnahmen industriell hergestellt und ist viel teurer als solche von weit her, wo Menschen für einen Hungerlohn arbeiten müssen.
BikeAfrica7'296 Beiträge · seit 200626. März 2020 · #7
freshy schrieb:
BikeAfrica schrieb: Müsste hier nicht in Deutschland nach den beiden trockenen Sommern so viel Totholz rumgammeln, mit dem man nichts mehr anfangen kann? Oder ist Holzkohle aus unserem Holz nicht geeignet (weiß ich wirklich nicht)?
Es gibt genügend Baumarten, die sich für Holzkohle eignen würden: z.B. Eichen und Buchen.
Danke für die Antwort. Ich hatte mich ein bisschen unglücklich ausgedrückt. Der Nachname "Köhler" in Deutschland zeigt ja, dass das geht. Die heutigen Wirtschaftswälder bestehen ja großteils aus Fichten und das meiste Totholz auch. Daraus wird man vermutlich keine vernünftige Holzkohle machen können. Eichen und Buchen sollte man -sofern sie nicht von selbst umgefallen sind- derzeit eh besser stehen lassen.
Gruß Wolfgang
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freshy3'883 Beiträge · seit 201126. März 2020 · #8
Ich muss noch ergänzen, dass sich dicke Bäume nicht für Holzkohle eignen, sie sollten nicht stärker als (Männer-)armdick sein. Hinsichtlich Nadelholz hast du Recht, das brennt so schnell wie Zunder runter.
Topobär5'479 Beiträge · seit 200927. März 2020 · #9
Yoda911 schrieb: Problem 1: Wer stoppt den Burschen vor Ort, wenn er mehr oder weniger absichtlich neben dem unerwünschten Büschen auch 'wertvollere' Vegetation mit verbrennt und in Holzkohle verwandelt.
Hallo Christoph,
da sprichst Du genau das große Problem bei Holzkohle aus Namibia an. Ich konnte bei unserer letzten Reise in Namibia einen frisch entbuschten Bereich im Auob-Tal besichtigen. Da stand dann gar nichts mehr. Auch die großen Bäume, für die das Tal bekannt ist, waren verschwunden. 📎 069agerodetesAuobtal.jpg Aus diesem Grund kaufe ich keine Holzkohle aus Namibia. Ganz allgemein sehe ich Holzkohle aus der 3.Welt kritisch. Nicht allein wegen der Transportwege, sondern vor allem weil bei der Gewinnung oftmals Schindluder getrieben wird.
Ich konnte bei unserer letzten Reise in Namibia einen frisch entbuschten Bereich im Auob-Tal besichtigen. Da stand dann gar nichts mehr.
Ausnahme, nicht die Regel! Ich kenne viele Farmer die Holzkohle machen (und es werden in Dürrezeiten immer mehr) und da wird regelmäßig sogar streng kontrolliert (Landwirtschaftsministerium bisher, nun Umweltministerium). Jeder Farmer erhält eine Zertifizierung, da er ansonsten nicht die Holzkohle für den Export nutzen darf usw. Neben der Holzkohle ist aber vor allem auch Boskos ("Buschkost"; z. B. https://informante.web.na/boskos-goes-industrial/) zunehmend wichtig. ABER: Entbuschung durch chemische Mittel ist was ganz anderes, dient auch nicht der Holzkohleherstellung sondern schlichtweg der Verbesserung des Weidelandes. Hierbei wird häufig großflächig ((Flugzeug/Hubschrauberspritzung) agiert.
Viele Grüße Christian
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BikeAfrica7'296 Beiträge · seit 200627. März 2020 · #12
Danke Michael,
ich fand das sehr hilfreich. Ich wusste zwar grob, wie Holzkohle hergestellt wird, aber es ist ja doch sehr aufwändig. Wir gehen halt einfach in den Supermarkt und kaufen 'nen Sack für 3-4 Euro und denken nicht weiter drüber nach.
Gruß Wolfgang
Mit dem Fahrrad unterwegs in Namibia, Zambia, Zimbabwe, Malawi, Tanzania, Kenya, Uganda, Kamerun, Ghana, Guinea-Bissau, Senegal, Gambia, Sierra Leone, Rwanda, Südafrika, Eswatini (Swaziland), Jordanien, Thailand, Surinam, Französisch-Guyana, Alaska, Canada, Neuseeland, Europa ...
Ich kenne noch zwei Köhler in 80 km Umkreis, also im östlichen Württemberg. Ist wohl heute mehr Touristenattraktion als sonstwas, aber es gibt es noch. Wer will, kann sich durchaus anschauen, wie aufwändig das Verfahren ist. Dass in einer "Geiz-ist-geil-Gesellschaft" Handwerk nicht mehr gewürdigt wird, ist sowohl offensichtlich als auch altbekannt. Wer das anspricht, gilt üblicherweise als "rotgrünlinksversifft", obwohl es vorherrschend konservatives und mittelständisch-liberales Denken ist. Aber das Polit-Marketing ist eh nicht mein Ding.
Wer will, kann sich jedenfalls auch heute noch die Köhler-Kunst in D anschauen und sich dann eine informierte Meinung bilden, so oder so. Hauptsache informiert! Ohne Scheuklappen, Verbohrtheit und Parteipropaganda. Gilt m.E. übrigens nicht nur für die Köhlerei - ich bevorzuge Bildung gegenüber Propaganda.
Nur mal so als Info. Hier bekommen die Hersteller der Holzkohle pro Tonne etwa 1000 Namibia Dollar. Es geht dann für bis zu 2500 Namibia Dollar an den Vertrieb (meist alles zu Jumbo Charcoal westl. außerhalb von Okahandja) und von dort ins Ausland.
Viele Grüße Christian
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phantom197 Beiträge · seit 201028. März 2020 · #15
hi,
ich sehe diese thema sehr zweigespalten.
auf der einen seite das negative:saecke fuer die kohle werden unter anderem in POLEN produziert,arbeiter verdienen fast garnichts und tagelang rauchen diese tonnen vor sich hin.
auf der positive seite: EINDRINGERbusch wird (teilweise)entfernt (grundwasserspiegel KANN dadurch steigen) und der landbesitzer hat wieder "mehr" nutzbares weideland fuer seine tiere.
also,ohne ein "GRUENER" zu sein,der transport,vor allem fuer die leeren saecke,absolutes NO.
my two cents
waterlike873 Beiträge · seit 201428. März 2020 · #16
@topobär:
genau das haben wir bei unserer letzten Reise dort auch beobachtet. Das ist sicher nicht nachhaltig... und hoffentlich wirklich die Ausnahme.
freshy3'883 Beiträge · seit 201128. März 2020 · #17
Nun mische ich mich noch einmal ein, denn Corona ist nicht das einzige Problem auf unserem Planeten. Die Verhältnisse bei der Herstellung von Holzkohle in Namibia kenne ich nicht, doch so romantisch wie auf dem Foto von Dirk Heinrich geht es mit Sicherheit nicht zu. Anbei ein paar Schnappschüsse aus Sambia 2019. Dort werden riesige Flächen Wald verbrannt und zu Holzkohle verarbeitet. Wir sind im Oktober weite Strecken durch dunkelgraue Gegenden gefahren, manchmal bis zum Horizont verbrannte Wälder. Brandrodung, Köhlerei und der Verkauf von Holzkohle sind für viele Familien die einzige Einnahmequelle, denn mehr als die Hälfte der Familien hat keinerlei Einkünfte. Die Flächen werden zu Äckern, auf denen Investoren (nicht nur aus China) Mais und Soja anbauen. Auch Wilderer verbrennen Waldstücke, damit dort Gras wächst, wo sie dann einfacher aufs Wild schießen können. Inzwischen sollen 40% der ursprünglichen Waldflächen vernichtet worden sein. An den Straßen stehen viele VerkäuferInnen mit ihren 40kg schweren Kiepen mit Holzkohle, die in ausrangierte Maissäcke geschaufelt und der überstehende Rest kunstvoll vergittert wird. Damit es nicht so staubt, bildet oft eine Lage großer Blätter das Dach. Wir sind an Hot Spots vorbeigefahren, wo Menschenmengen versuchen, ihre Kohlesäcke zu verkaufen. Ich frage mich, ob die ArbeiterInnen je in der Lage sein werden, sich und teilweise ihre Kinder vom Kohlestaub zu befreien. Das Leben mit und im Kohlestaub ist sehr gesundheitsschädlich, wie wir aus den früheren Kohlebergwerken im Ruhrgebiet wissen.
nur mal so am Rand, ich bekomme immer das Kotzen wenn ich zum Beispiel beim Einkaufen Papiertüten bzw. Kartons angeboten bekomme. Das gleiche ist mit der Holzkohle aus dem Osten bzw. Südosten Europas.
Es gibt nur noch wenige ursprüngliche Urwälder in Polen, Ukraine, Rumänien und Bulgarien.
Und da wird die letzte Jahre wild viel Holz gefällt, um den Scheiß zu produzieren. Ebenso für die "Umweltfreundlichen Holzpelets".
Wer einmal die Wälder in den Karpaten gesehen hat, mit den Wölfen und Braunbären etc., dem kommen die Tränen!
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