MzeekenyaThemenstarter527 Beiträge · seit 201319. Jan. 2016 · #21
Guter Rat ist teuer
Ich suchte einen der gelben Kanarienvögel, Männer und Frauen, die im Auftrag der Kommune Parkgelder kassieren. Logischerweise war keiner weit und breit zu sehen. Als ich einen fand und ihm erzählte, was mir bzw. dem Wagen passiert sei, schüttelte er den Kopf und sagte "in Nanyuki wurde noch nie ein Wagen geklaut oder aufgebrochen. Wir haben zwar öfter mal einen Mord oder Totschlag - aber Wagen klauen, nein, das gibt's bei uns nicht". Nun, dachte ich, dann lande ich im Guinness Buch der Rekorde als erster Mzungu, dem in Nanyuki das Auto sozusagen unter dem Hintern geklaut wurde. Und ich war auch noch selber schuld, denn aus reiner Bequemlichkeit hatte ich einen verborgenen Schalter, der den Stromkreis zur Zündung unterbricht, nicht umgelegt. So eine Sch...
Im Notfall - oder um Geld zu sparen - haben drei Erwachsene und der Fahrer auf einem BodaBoda Platz!
Der Parkplatz-Ticketverkäufer - er hiess Thomas, wie ich später erfuhr - schleppte mich in ein Geschäft und fragte, ob jemand gesehen habe, wie mein LandCruiser vor ihren Augen gestohlen worden sei. Nein, niemand. Man riet mir, mich so schnell wie möglich mit der Polizei in Verbindung zu setzen - die Jungs seien ganz schön fix und würden den LandCruiser bald finden. "Hat jemand die Nummer der Polizei?" fragte ich die umstehenden Leute - es waren inzwischen sicher zwei Dutzend, die alle den Kopf schüttelten. "Am bestens ist es, du nimmst ein BodaBoda und fährst gleich selbst hin - dann geht es schneller," meinte einer. Da ich aber mit der Polizei auf Kriegsfuss stehe - oder besser gesagt, sie mit mir, legte ich keinen gesteigerten Wert auf ein Treffen.
Der Parkschein-Verkäufer, ein überaus lieber und hilfsbereiter junger Mann, deutete auf einen gelben LandRover und fragte "ist es nicht der da?" und als ich verneinte, auf einen grünen LandCruiser... "Hör mal mein Freud, du hältst mich wohl für blöd?", "Nein", sagte er, "aber man wird noch fragen dürfen". Womit er recht hatte. Dann zeigte er zum fernen Horizont, weit die Strasse hinunter Richtung Samburu und sagte "dort unten steht auch ein weisser". So weit wie mein Helfer sehe ich nicht mehr scharf - aber ich traue mich fast nicht, es zu sagen: Dort unten, fast am Ende der Welt, stand mein gesuchter LandCruiser. Unberührt, sozusagen jungfräulich, sofern man das von einem 27 Jahre alten Auto sagen kann, das 310 000 km auf dem Buckel hat. Ich weiss bis heute nicht, wie der Wagen dorthin gekommen ist!
Als ich heute wieder in die Stadt fuhr und vor Modsan parkierte, kam Thomas angerannt. Er strahlte über's ganze Gesicht und meinte "Mzee, ich passe auf deinen Wagen auf. Und wenn du nicht mehr weisst, wo du ihn hingestellt hast, dann sag ich es dir." So liebenswürdig sind die meisten Kenianer und die Hilfsbereitschaft von Thomas war mir 100 ksh wert, obwohl ich heute ganz genau wusste, wo ich den LandCruiser wieder finden würde. Nebenbei: Fast ganz Nanyuki kennt inzwischen meine Geschichte und ich werde immer wieder gefragt "hast du den gestohlenen LandCruiser wieder gefunden?"
Consolata ist die Köchin im Lilly Pond
Moses bedient die Gäst im Liily Pond IMMER mit einem Lächeln
Mary hat früher auch im Lilly Pond gearbeitet, betreibt aber heute eine kleine Agentur für lokalen Tourismus. Sie hat mich gebeten, ihr einen Mann aus Deutschland oder der Schweiz zu vermitteln. Ihre drei Kinder wünschen sich einen Papa - der ursprüngliche ist abgehauen, wie das in Kenia hin und wieder, um nicht zu sagen oft, passiert.
Sophia arbeitet im Kenchick und serviert knusprig frittierte Hähnchen
Joseph hat einen Halbtagesjob: am Vormittag verkauft er Zeitungen
Thomas hat versprochen, solange ich in Nanyuki bin, auf mich aufzupassen...
Übrigens: Ich bin ein Stück weit in das kalte, regenreiche Nanyuki verliebt und kann nicht einmal sagen wieso. Deshalb widme ich der Stadt einige Bilder und hoffe, sie noch oft und lang besuchen zu können. Vor allem auch deshalb, weil hier noch nie ein Auto gestohlen worden ist!
MzeekenyaThemenstarter527 Beiträge · seit 201319. Jan. 2016 · #22
Botswanadreams schrieb: Na lieber M., das Muster ist ja schon mal vielversprechend und bei 6750 Bildern kann es wohl gar nicht so schlecht gewesen sein, wie Du vermutet hattest. LG Christa
Hallo Christa, nein, nein, ich habe nichts vermutet, sondern das wiedergegeben, was ich zugetragen bekam. Zum Glück hat sich die Futtersituation durch viel Regen Ende November/Anfang Dezember für die Viehhalter so weit verbessert, dass sie ihre Tiere nicht mehr in die National-Reservate treiben müssen (Ausnahme: Shaba, wo vor allem Ziegen- und Schafherden sind). Gruss M.
Ziegen- und Schafherde im fast trockenen Uaso Nyiro, aufgenommen von der Waso-Bridge aus, die Buffalo Springs und Samburu miteinander verbindet.
MzeekenyaThemenstarter527 Beiträge · seit 201319. Jan. 2016 · #23
Doppelpost... Dafür ein alter Herr, der ziemlich aufgebracht war.
Butterblume3'700 Beiträge · seit 200919. Jan. 2016 · #24
Hallo Mzee,
Parkplatzdemenz! 😄 🤪 🤩 Tolle Story!
Sie hat mich gebeten, ihr einen Mann aus Deutschland oder der Schweiz zu vermitteln.
Da ließe sich durchaus ein erfolgreiches Business aufziehen. Hätte auch noch +- 10 Interessentinnen. Vielleicht gibs dann auch Discount, was die Transportkosten anbelangt.
Herzliche Grüße Marina
Das Morgen gehört demjenigen, der sich heute darauf vorbereitet. Afrikanische Weisheitwww.butterblume-in-afrika.de
MzeekenyaThemenstarter527 Beiträge · seit 201320. Jan. 2016 · #25
Butterblume schrieb:
Parkplatzdemenz! 😄 🤪 🤩 Tolle Story!
Da ließe sich durchaus ein erfolgreiches Business aufziehen. Hätte auch noch +- 10 Interessentinnen. Marina
. Mary ist nicht die einzige in meinem "Auftragsbüchlein". Ich verzichte trotzdem dankend. Nicht zuletzt, weil ich selbst einige Jährchen mit (m)einer Kamba zuerst liiert und dann ver-ehelicht war. Die Frau hat mich gegen alle Bemühungen schwarzer Schönheiten immunisiert und obwohl ich sie nicht in bester Erinnerung habe, bin ich ihr dafür dankbar. Grüsse aus dem a...kalten und verregneten Nanyuki. M.
PS. Wenn's bei der Parkplatzdemenz bleibt, kann ich noch von Glück reden.
MzeekenyaThemenstarter527 Beiträge · seit 201322. Jan. 2016 · #26
Lang, lang ist's her
Als ich 1966 mit meinem Bruder das erste Mal nach Kenia kam, war eines unserer ersten Ziele das Samburu National Reserve. Damals begann allerdings bei Isiolo die sogenannte "Northern Frontier", d.h. man konnte das ganze nördliche Kenia nur mit einer Spezialbewilligung bereisen. Der Grund waren umher streifende Somalibanden, die Shiftas, die für zahlreiche Überfälle und Morde verantwortlich waren. Obwohl der Samburu-Park nur 30 km nördlich von Isiolo liegt, musste man sich für seinen Besuch in Nairobi ein Permit besorgen, dessen Ausstellung sechs bis acht Wochen benötigte. Wir hatten weder Lust noch die Zeit, auf eine Bewilligung, die möglicherweise nicht erteilt wurde, zu warten, sondern reisten mit unserem VW-Bus auf gut Glück von Nairobi nach Isiolo. Dort angekommen, fuhren wir zur vom Militär blockierten Strasse, wo man uns mit der Begründung abwies, dass uns die vorgeschriebene Bewilligung fehle. Wir behaupteten, in Nairobi habe man uns gesagt, dass wir das benötigte Permit direkt in Isiolo erhalten könnten. Der Offizier, zu dem man uns gebracht hatte, schimpfte wie ein Rohrspatz auf "diese Sesselfurzer in Nairobi" - gab uns aber, oh Wunder, eine Ausnahme-Genehmigung für drei Tage Samburu-Wildreservat!
Es dauerte noch einige Jahre, bis die Restriktionen bezüglich der "Northern Frontier" aufgehoben und die Shiftas in den Nordosten des Landes vertrieben wurden, wo sich die Banden bis zum heutigen Tag herum treiben, Busse und LKWs überfallen und Leute umbringen. Die Zufahrt zu den drei Reservaten Shaba, Buffalo Springs und Samburu ist aber zur Zeit problem- und gefahrlos möglich; seit einigen Jahren sogar auf einer guten und breiten Teerstrasse. Bevor der Tourismus aus verschiedenen Gründen, die hier nicht aufgezählt werden sollen, vor einigen Jahren zusammenbrach, gehörten Buffalo Springs und Samburu zu den meistbesuchten Schutzgebieten Kenias, während das Shaba-Reservat eher ein Dornröschen-Dasein fristet und lange nicht so gut erschlossen ist, wie die beiden anderen. Die besten Chips (Pommes) Kenias
Nach ein paar Tagen Aufenthalts in Nanyuki, dem Besuch alter Freunde und meiner bewährten Autowerkstatt, in der mein LandCruiser nach Strich und Faden "verwöhnt" wurde und einen grossen Service erhielt, fuhr ich dem Buffalo Springs National Reserve entgegen.
Die Strasse stieg von Nanyuki, das auf rund 1 950 m ü.M. liegt, bis auf über 2 500 m ü.M. an und führte an ausgedehnten Weizen- und Gerstenfeldern vorbei. Hier oben, am Fusse des Mount Kenya, fällt relativ viel Regen und zwar nicht nur während der Grossen (oder Langen) und der Kleinen (oder Kurzen) Regenzeit, sondern das ganze Jahr. Das begünstigt den Getreideanbau, der fast ausschliesslich in den Händen weisser Farmer - Engländer, die in 4. und 5. Generation im Land sind - liegt.
Fast die Hälfte der Getreideerträge stammen aus diesem Gebiet. Auf einem schmalen Streifen zwischen dem Farmland und der Hauptstrasse bauen die kenianischen Farmarbeiter Kartoffeln, Sukuma Wicki (Brassica oleracea) an, eine Pflanze, die mit dem Kohl verwandt ist und fast täglich zusammen mit Ugali, Maisbrei, gegessen wird. Ich - und so gut wie alle meiner weissen Freunde - verstehen unter Delikatesse allerdings etwas anderes... Das Gemüse sieht ähnlich aus wie unser einheimischer Mangold. Angebaut auf diesen schmalen Streifen Kulturlandes werden auch Mais, seltener Hirse, Gerste und weitere Feldfrüchte. Die Kartoffeln aus diesem Gebiet sind von ausserordentlicher Qualität und erzielen auf den lokalen Märkten beste Preise.
44 km nördlich von Nanyuki steht eine kleine Baracke (GPS N: 00°06.412 E: 037°24.543, 8223 feet), in der einheimische Frauen ein lokales Restaurant eingerichtet haben, in dem es die vermutlich besten Chips/Pommes (in Kenia nennt man Pommes frites chips und das, was wir unter Chips verstehen Crisp) gibt: Chuckies Chips Restaurant. Für 100 ksh bekommt man einen mächtigen Teller voller Pommes. Angeboten wird auch eine Art dicker Suppe, die Green Germ genannt wird und aussieht wie gekotzte Hundesch... in die noch eine kleine Schaufel Chips geschmissen wird und bei den Kenianern helle Begeisterung auslöst. Auf meine Frage, um was es sich bei der Green Germ handle, meinte eine der Frauen "um eine Art Linsen". Ich weiss nicht, ob der biblische Esau seinem jüngeren Bruder Jakob sein Erstgeburtsrecht für einen Teller Green Germ verkauft hätte...
Schon wieder Terrorismusverdacht?
Vom Chuckies Chips Restaurant sind es noch 35 km nach Isiolo, dem Tor zum Norden und zu den oben erwähnten Schutzgebieten. Von rund 2 500 m ü.M. geht es bis auf 900 m ü.M. hinunter und zwar so steil, dass überall Warntafeln stehen, die darauf hinweisen, dass LKWs mit dem kleinsten Gang abwärts fahren sollen. Ab und zu liegt ein umgestürzter Laster mit Anänger im Strassengraben. Beim technischen Zustand der Lastzüge wundert man sich, dass nicht noch mehr passiert. Ich nahm's gemütlich und schaute mir die schöne, fruchtbare Gegend ausgiebig an. Auf halber Strecke passierte ich die Einfahrt zur Lewa Wildlife Conservancy (http://www.lewa.org/), ein berühmtes privates Wildschutzgebiet, das aus dem Zusammenschluss mehrerer "weisser" Farmen entstanden ist und, je nach Quelle, 55 000 bis 60 000 acres gross ist (ein acre misst ca. 4047 m2). Anders als die staatlichen Wildschutzgebiete ist die Lewa Downs, wie sie auch genannt wird, professionell gemanagt und bestens organisiert. Eintritt und Unterkunft bewegen sich allerdings in astronomischen Höhen. Als Gegenleistung erhält man jeden denkbaren Luxus, eine Spitzenküche und zweimal pro Tag ausgedehnte Pirschfahrten. Und zu sehen gibt es viel: alle Big Five - Lewa ist vor allem für seine Rhinos bekannt -, Netzgiraffen, Steppen- und Grévyzebras, ein Dutzend verschiedener Antilopen und fast 400 verschiedene Vogelarten. Da ich mir einen Aufenthalt weder leisten konnte noch wollte, beschränkte ich mich darauf, den Eingang zu fotografieren. Es dauerte keine zehn Sekunden, bis ein Parkwächter in Tarnuniform aus seinem Häuschen stürzte, wild gestikulierte und schrie "no pictures, no pictures". Na, wenn du meinst, dachte ich und fuhr dem nahen Isiolo entgegen.
lilytrotter4'129 Beiträge · seit 200822. Jan. 2016 · #27
Hallo, Mzeekenya,
wir genießen es so sehr! Dein humorvoller Bericht ist gespickt mit netten und aberwitzigen Geschichten und den kleinen Pikanterien, die das Leben so würzen.
Genial afrikanisch: dein Bild des jungen Eierkochers am Bogoria ungenial afrikanisch: deine Begegnungen mit der Kenianischen Polizei – du scheinst da eine besondere Affinität zu haben... sehr schön: das Bild deiner langjährigen Freundin und ihr großherziges Angebot an deine Tochter! So sind sie, die Guten. Der Anblick von Ugalikloß und SukumaWiki drängt sich in unseren Kopf und uns steigt der Geruch des gebratenen Tilapia in die Nase...
...und deine Parkplatzdemenz-Story: Wie geil ist das denn! 🤪 Nanyuki’s Schenkelklopfer für die heranwachsende Generation! ...und der kleine gelbe Kanarienvogel kann immer dazu beitragen, dass du ab dem Moment unter seinem persönlichen Schutz gestanden hast, ...armes altes Muzungu... 😛 😉 wir amüsieren uns so sehr! Ziemlich coole Geschichten, aus dem gewöhnlichen Alltag.
...sehr bedauerlich, die allgemeine Entwicklung im Land, die wir persönlich für ein Drama halten, denn: Kenya war für uns das Paradies! Wir haben es in den 80ern viele Monate lang genießen dürfen. Alles profitierte vom Tourismus. Es gab nur wenig gefährliche Ecken, wie den Norden, da marodierten die Shiftas auch in den späten 80gern fleißig... oder manche Strandabschnitte... Es tummelten sich sehr viele Touristen im Land und an der Küste gar Massentourismus (der allerdings war auch z.T. recht peinlich...) – aber, es ging Land und Leuten gut, Schwarzn wie Weißen. Es war eine ziemlich entspannte Zeit! Wir haben es soo genossen. Nach der Durchquerung trafen sich alle Individualreisenden in der Twiga Lodge und Lady Delamere ging noch täglich mit ihrem kleinen Hund an den Strand... Kaum ein Reisender hat sich damals für Südafrika interessiert, die Apartheit hatte noch ihre weitreichenden Auswirkunken; - War man erst einmal mit einem Südafrikanischen Stempel im Pass gesegnet, war die Rückkehr mindestens schwierig...
Nun leiden alle unter dem islamistischen Terrorrismus und den fehlenden Einnahmen. Ein Trauerspiel. Es schmerzt, immer wieder zu hören und zu sehen, wie schlecht es den Leuten seit Jahren geht und die Muzungus verkaufen mittlerweile bis hinauf nach Lamu - insbesondere dort ihre (Swaheli) Häuser... Vieles gerät mittlerweile offensichtlich aus den Fugen, auch aus deinen Beschreibungen zeigt es sich. Und langsam fangen wir an, daran zu zweifeln, ob wir die Orte der Erinnerung wirklich wieder aufsuchen möchten... Vielleicht ist es ja auch ganz schön, einige Orte einfach so zu „bewahren“, wie es die eigenen Illusionen noch hergeben... Auf der anderen Seite spüren wir seit Jahren die kleine Sehnsucht keimen... mal sehn was wird
Vielen Dank für deine starken Geschichten! Und deine aussagestarken Bilder.
Gruß von den lilytrotters
Gruß lilytrotter
Always look on the bright side of life... :-)
Walvisbay boomt
MzeekenyaThemenstarter527 Beiträge · seit 201322. Jan. 2016 · #28
Isiolo ist eine Gangsterstadt, in der es wöchentlich, oft täglich bzw. nächtlich zu Schiessereien und Auseinandersetzungen kommt. In und um der/die Stadt leben fast ein Dutzend verschiedene Ethnien, die sich meist nicht grün sind und nicht lange zögern, mit alten Flinten, aber auch Kalaschnikovs aufeinander zu ballern. Die "Nation" und der "Standard" berichten regelmässig von fünf, sechs und mehr Toten. Turkanas, Gabras, Rendille, West-Pokot, Borana, Kikuyus und Samburus gehen aufeinander los. Die Stadt hat eine gewaltschwangere Atmosphäre und ich mag sie nicht, sondern bringe sie immer so schnell wie möglich hinter mich. Als ich schon fast hindurch gefahren war, überholte mich einer dieser verhassten dunkelblauen Polizei-LandCruiser und ich wurde an den Strassenrand gewinkt. Zwei blau gekleidete Polizisten, zwei Meter hoch und einen breit, und ein kakibekleideter, mit einem Stöckchen bewehrter Offizier stiegen aus und kamen auf mich zu. Der Kakioffizier, steif wie ein Ladestock, verlangte meinen Führerschein. Den studierte er dann von hinten und vorne und wunderte sich, wieso kein Ablaufdatum darauf stand. In Kenia muss man alle sechs Monate bis drei Jahre seinen Führerschein verlängern lassen - eine sprudelnde Geldquelle für das Government. Ich klärte ihn über die schweizerischen Usanzen auf.
Dann begann das übliche Fragespiel. Woher? Wohin? Bist du Resident? Bist du allein? Wo wohnst du in Kenia? Hast du unterwegs fotografiert? Aha, dachte ich, so läuft der Hase. "Ja, habe ich den Eingang zur Lewa Wildlife Conservancy aufgenommen. Soviel ich weiss, ist das nicht verboten." "I have to phone", sagte der Offizier und wählte auf seinem Handy eine Verbindung, von der ich annahm, dass es sich um eine Polizeizentrale handelte. Er buchstabierte meinen Namen und meinte "sie werden zurück rufen" und führte das Verhör weiter. "Was hast du sonst noch fotografiert?" "Komm wir schauen uns die Bilder an", sagte ich und zusammen liessen wir die letzten 30 oder 40 Bilder auf dem Kameramonitor durchlaufen. "Wieso hast du die Strasse fotografiert?" "Weil sie so schön und neu ist". "Und wieso hast du diesen Baum fotografiert?" "Weil er so schön ist". "Das könnte aber auch ein Treffpunkt sein," schloss der Offizier messerscharf. "Bist du Moslem?" wollte er wissen. "Nein, wie kommst du darauf?" "Du hast eine Moschee fotografiert." "Ich habe auch einen Bananenlastwagen fotografiert, obwohl ich Bananen nicht mag", entgegnete ich. Nebenbei bemerkt: Afrikaner sind für Ironie völlig unempfänglich... Das Handy klingelte und der Ladestock unterhielt sich mit seinem Gewährsmann, hängte auf und wählte gleich wieder eine Nummer. Das gleiche Spiel wie vorher: Name, Vornahme, dann nach einem Blick auf mich gab er mein Signalement durch, "älter, weisser Bart, allein, ja, ein weisser LandCruiser, ausländische Kennzeichen SH XYZ, okay, ich frage ihn. Ich rufe gleich wieder zurück." Dann, an mich gewandt: "Wieso hast du den Eingang zu Lewa Downs fotografiert?" "Ist das verboten?" "Nein, aber heutzutage muss man vorsichtig sein!" "Aber kein einziger Terrorist ist älter als 30, 35!" trumpfte ich auf. Einer der blauen Polizisten, die bisher nur zugehört hatten, sagte "doch, Osama bin Laden, der war über 50!" "Ja", sagte sein Chef, "aber der war der Boss". Gutes Argument. Das Handy klingelte wieder. Der Offizier erklärte wieder die ganze Story und sagte dann "ja, ja, ist okay, ich sag's ihm". Und zu mir gewandt "das war jetzt der Sicherheitschef von Lewa Downs. Er lässt dir ausrichten, du sollst das nächste Mal zuerst fragen, bevor du ihren Eingang fotografierst". So alt kann der gar nicht werden! In meinem ganzen Leben habe ich nirgends eine so hysterische Atmospähre erlebt, wie sie zur Zeit in Kenia herrscht. Ich durfte weiter fahren. Vielleicht sollte ich besser meinen Bart abnehmen; eventuell sehe ich doch ein bisschen wie ein Terrorist aus?
Durch die ganze Diskussion mit den Gesetzeshütern war es inzwischen 18.00 Uhr geworden und die "Gadissa-Lodge", in der ich sonst immer übernachtet hatte, war mangels Kunden geschlossen worden.
Endlich: Game drives im Buffalo Springs
Zum Glück war der Chokaa Gate (GPS: N: 00°36.394, E: 037°39.661m Höhe ü.M. 2 880 feet), durch den ich üblicherweise in den Park fahre, keine 30 km weit entfernt und ich erreichte ihn kurz vor dem dunkel werden. Die Ranger dort kennen mich seit Jahren und lassen mir gewisse Freiheiten: ich kann gratis auf dem Parkplatz übernachten, am Morgen früher weg fahren und am Abend später als die Parkregeln besagen, auf dem Campingplatz eintreffen. Natürlich erhalten sie von Zeit zu Zeit eine kleine Zuwendung, die in keinem Buchhaltungsbuch erscheint. Eine Hand wäscht bekanntlich die andere. Wir unterhielten uns eine kurze Weile. Die Dunkelheit brach, wie in den Tropen üblich, überraschend schnell an und die Ranger gingen zu ihren nicht allzufernen Unterkünften nach Hause, während ich, nachdem es dunkel war, die Bilder des Tages noch einmal in aller Ruhe anschaute.
MzeekenyaThemenstarter527 Beiträge · seit 201322. Jan. 2016 · #29
Liebe Lilytrotters. Euer positives Feedback freut mich; selbst als Profi ist man für gute Zusprüche empfänglich. Zum Glück habe ich das Stadium des rot-werdens schon einige Zeit hinter mir und kann mich bei Komplimenten einfach nur noch freuen... Über die Zustände in Kenia will ich lieber nicht ausführlich schreiben. Es würde mir den Magen umdrehen - und ausserdem möchte ich ja wieder nach Kenia reisen... Gruss M.
Butterblume3'700 Beiträge · seit 200922. Jan. 2016 · #30
Haha, Mzwee,
Von rund 2 500 m ü.M. geht es bis auf 900 m ü.M. hinunter und zwar so steil, dass überall Warnhinweise stehen, die darauf hinweisen, dass LKWs mit dem kleinsten Gang abwärts fahren sollen.
auf diesem Teilabschnitt durften wir unseren ächzenden Minivan auch schon einmal um einige Personen erleichtern, die angeschoben haben…
… und die Pommes-GPS ist natürlich herzlich willkommen! 😘
Lewa Wildlife Conservancy - Eintritt und Unterkunft bewegen sich allerdings in astronomischen Höhen.
Eine Campingmöglichkeit gibt´s wohl immer noch nicht, oder? Ian Craig und der Northern Rangelandtrust würden mich wahnsinnig interessieren. Das Konzept scheint wirklich aufzugehen.
"Und wieso hast du diesen Baum fotografiert?" "Weil er so schön ist". "Das könnte aber auch ein Treffpunkt sein," schloss der Offizier messerscharf. "Bist du Moslem?" wollte er wissen. "Nein, wie kommst du darauf?" "Du hast eine Moschee fotografiert." "Ich habe auch einen Bananenlastwagen fotografiert, obwohl ich Bananen nicht mag", entgegnete ich.
Herrlich!!! Wir amüsieren und köstlich über dein Geplänkel mit der Staatsgewalt!
Herzlichen Dank für diesen sehr besonderen Bericht Marina
Das Morgen gehört demjenigen, der sich heute darauf vorbereitet. Afrikanische Weisheitwww.butterblume-in-afrika.de
MzeekenyaThemenstarter527 Beiträge · seit 201322. Jan. 2016 · #31
Hi Butterblume,
Dem einen oder anderen mögen Diskussion mit Polizei, CID, GSU und ähnlichem Gesocks Spass machen - mir nicht. Aber anscheinend ziehe ich diese Typen an wie Scheisse die Fliegen. Ich hätte noch mindestens ein Dutzend ähnlicher Situation, wobei ich jene besonders rührend fand, als ein Polizist, den ich ums Verrecken nicht schmieren wollte, zu meinem Sohn ging und sagte "this is not a good man!". Tja, Pech gehabt...
MzeekenyaThemenstarter527 Beiträge · seit 201322. Jan. 2016 · #32
Auf los geht's los
Am nächsten Morgen gab's, wie immer, wenn ich Game drives mache, frühe Tagwache. Meine innere Uhr arbeitet mit schweizerischer Präzision und klingelt 05.30 Uhr. Keine Minute früher, keine später. Gestern hatte es unterwegs kräftig geregnet - einer dieser heftigen, ja gefährlichen tropischen Sturzregen, die Flüsse innerhalb von Minuten um Meter ansteigen lassen können. Nicht nur in der Wüste kann man in einem Bachbett ertrinken, wenn irgendwo in den Bergen Niederschläge fallen. Das passiert auch in Kenia immer wieder. In der Trockenzeit bauen die Menschen ihre Hütten viel zu nah an den Flüssen, um sich einen weiten Weg beim Wasserholen zu ersparen. Jedes Jahr ertrinken Dutzende von Menschen, die nicht früh genug vor den Wassermassen flüchten konnten. Als ich um 05.35 Uhr aufstand, funkelten über mir Hunderte von Sternen und ich fand schnell das Kreuz des Südens, das in kurzer Zeit verblassen würde. Da ich weder frühstücke - von einer halben Flasche Fruchtsaft abgesehen - noch ein Zelt einpacken muss, wie unten stehendes Bild zeigt, bin ich innerhalb von fünf Minuten abfahrbereit. Die Kapdrosseln singen und die Gelbkehlfrankoline schreien in den jungen Morgen hinaus. Um 06.00 Uhr wird der Himmel im Osten heller und das ist für mich das Zeichen, loszufahren. Ich suche dann nicht unbedingt Tiere. Es ist noch zu dunkel, für gute Bilder. Ich fahre zu einem oder mehreren Bäumen, die ich, wenn immer möglich, am Abend vorher ausgesucht habe oder die ich von früheren Besuchen kenne. Dort warte ich auf den Sonnenaufgang.
So lief das Ritual auch diesmal ab. Es wurde sehr schnell hell und eine Viertelstunde nach sechs Uhr konnte ich die Wagenlichter schon ausschalten. Ich hatte fast eine halbe Stunde Zeit, mir eine schöne Akazie auszusuchen. Die Sonne geht um diese Jahreszeit ziemlich genau um 06.45 Uhr auf. Nachdem ich die Umgebung nach Löwen abgesucht - ihr Brüllen hatte mich nachts um zwei Uhr geweckt - und nichts Verdächtiges gefunden hatte, stieg ich aus dem Wagen und komponierte im Geist schon mal das "perfekte Bild". Von den Rangern hatte ich erfahren, dass sich keine anderen Besucher im Buffalo Springs befanden. Ich konnte deshalb ohne die Gefahr von Denunzianten den Wagen verlassen. Die Fahrer der Kleinbusse (sie werden von den Einheimischen despektierlich "this Nairobi boys" genannt), sind nämlich Spezialisten im Verpfeifen, wobei die Ranger bei meinen gelegentlichen "Übertretungen" der Park rules immer wieder mal ein Auge zugedrückt haben.
Löwen sind in den Parks ein spezielles Kapitel. Sie sind die Tierart, die bei Besuchern am meisten gewünscht wird. Im Samburu bzw. Buffalo Springs ist ihre Population bei weitem nicht so gross, wie z.B. in der Massai Mara, in der das Futterangebot viel grösser ist als in der Halbwüste nördlich von Isiolo. Ab und zu reissen sie eine Kuh, wenn die Samburu ihre Rinderherden in die Park getrieben haben. Dann gibt es unter den Viehhirten böses Blut und die jungen Krieger beratschlagen über Vergeltungsmassnahmen. Ich habe so gut wie immer Löwen gefunden, wenn ich mich drei Tage und länger in dem Gebiet aufgehalten habe. Oft allein durch das Beobachten des Verhaltens anderer Tiere wie Impala, Beisa-Oryx und Grantgazellen. Löwen können sich unglaublich gut verstecken. Ein ausgewachsenes Tier ist selbst im nur gerade 30 cm hohen, dürren Gras auch aus einer Entfernung von vier bis fünf Metern kaum zu entdecken. Ich war daher recht vorsichtig, wo ich meine Schritte hinsetzte. Ich war früher oft bei Löwen und Löwenrudeln ausgestiegen - meist um meiner Begleitung oder mir selbst zu beweisen, was ich doch ein mutiger Kerl sei... Es gibt zwei Situationen, wo ich das nie in Erwägung gezogen habe und wohl darum auch die letzten 50 Jahre überlebt habe: bei Löwen an einem Riss und bei einer Löwin mit Jungen. Man kann sich, wenn man es nie erlebt hat, nicht vorstellen, wie schnell Löwen sein können. 50 Meter legen sie in drei, vier Sekunden zurück und wer mehr als einige wenige Meter vom Wagen ist, hat nicht einmal Zeit, ein letztes Gebet auszusprechen. Nun, an jenem ersten Morgen fand ich keine Löwen (sie mich auch nicht) und wurde demzufolge auch nicht aufgefressen. Aber ich erlebte einen herrlichen Sonnenaufgang über den Hügeln, wobei ich mich mit dem Fotografieren sputen musste, denn in den Tropen steigt die Sonne innerhalb ganz kurzer Zeit am Himmel hoch und schon nach fünf Minuten ist sie ein rotsilberner, glühender Feuerball. Zufrieden packte ich meine Ausrüstung zusammen, stieg in den L/C ein und freute mich über den jungfräulichen Tag und das Fehlen jeglicher Touristen.
MzeekenyaThemenstarter527 Beiträge · seit 201323. Jan. 2016 · #33
Italienische Kriegsgefangene...
Nicht nur die Briten haben sich im östlichen Afrika Kolonien geschaffen, sondern auch die Italiener. Sie bildeten aus Äthiopien, Somalia und Eritrea Italienisch-Ostafrika. 1940 griffen sie die englischen Kolonien an und erlitten im November 1941 eine vernichtende Niederlage, die zugleich das Ende ihrer ostafrikanischen Besitzungen bedeuteten. Viele der italienischen Soldaten kamen in Kenia in Kriegsgefangenschaft. Sie blieben dort nicht untätig, sondern bauten Strassen und bei Mai Mahiu eine Kirche, die überall in Italien stehen könnte. Ausserdem legten sie im Gebiet des heutigen Buffalo Springs National Reserves, das damals noch kein Wildreservat war, einen Swimming Pool (GPS: N 00°35.400, E 037°39.261, 2979 feet ü.M.) an, der bis zum heutigen Tag erhalten blieb. Kristallklares Wasser, das vom Mount Kenya stammt, lockt Menschen und Tiere an. Der Swimming Pool wurde so gebaut, dass Wildtiere und das Vieh der Samburus, die in der Trockenzeit das Recht haben, ihre Tiere im Park weiden zu lassen, kein Wasser trinken können. Allerdings gibt es gleich daneben sehr gutes, fliessendes Wasser, das oberirdisch nach Nordwesten fliesst und nach einigen hundert Metern einen Sumpf bildet, in dem sich immer viele Wasservögel aufhalten und Elefanten, Giraffen, Antilopen und vieles mehr zur Tränke kommen.
Nachdem ich den kurzen, intensiven Sonnaufgang dutzendfach auf den Chip gebannte hatte, beschloss ich, mal kurz beim Swimming Pool vorbei zu schauen. Vermutlich waren noch kaum Tiere dort; sie kommen meistens erst im Laufe des späteren Vormittags und über Mittag, wenn die Sonne vom Himmel knallt. So war es denn auch. Eine Horde Anubis-Paviane sass auf der Umrandung des Schwimmbeckens. Sie sind fast die einzigen Tiere, die ans Wasser gelangen, weil Mauern und dergleichen für sie keine Hindernisse darstellen. Die grossen Affen haben ausser dem Leoparden kaum natürliche Feinde und haben sich in vielen Gebieten, vor allem dort, wo Gemüse und Obst angpflanzt wird, zu Schädlingen entwickelt, gegen die es kaum ein Mittel gibt. Die mächtigen Männchen mit ihren fingerlangen Eckzähnen nehmen es mit jedem Hund auf und wenn sich mehrere zusammen tun, nimmt jeder Leopard Reissaus. Ich habe im Laufe der Jahre immer wieder intensive Begegnungen mit Pavianen gehabt. Überall wo Touristen hinkommen und sich z.B. aus Lunchpaketen verpflegen, Chips naschen oder eine Frucht essen, ist schnell der Teufel los.
Die Paviane verlieren ihre ursprüngliche Scheu und überfallen die unvorsichtigen Besucher furchtlos. Selbst in Autos dringen sie ein. Als ich vor längerer Zeit mit Freunden von der Deutschen Botschaft auf Safari war und wir auf dem Public Campsite im Samburu unser Frühstück vorbereiteten, näherte sich ein rundes Dutzend Anubis-Paviane. Wir waren etwa zwanzig Leute. Männer, Frauen und Kinder. Als die Affen vielleicht noch drei, vier Meter entfernt waren, gingen wir Männer mit Stöcken auf die Paviane los und rannten ihnen über den Campingplatz nach. Genau auf diesen Moment hatte eine andere Gruppe gewartet und eroberte buchstäblich die Tische bzw. unser Frühstück, denn besonders die grossen Männchen haben vor Frauen und Kindern nicht den geringsten Respekt. Wir waren unsere Brötchen, die Butter und alle Früchte los und ich nehme an, dass sich die Paviane im Busch ins Fäustchen gelacht haben. Ein zweites Mal, am nächsten Morgen, funktionierte ihre Taktik allerdings nicht mehr. Ein paar der Männer blieben bei den Tischen und wehrten die Affen erfolgreich ab, während die anderen Männer sie in den Busch vertrieben. Wir lernten schnell, dass sowohl die Paviane wie die Grünen Meerkatzen sehr grossen Respekt vor Zwillen haben und meist schon losrennen, wenn man noch nicht einmal einen Stein "geladen" hat. Einfache, handgemachte Steinschleudern kann man in Kenia vielerorts für wenige Schillinge kaufen.
Durch die Flussniederung zum Uaso Nyiro
Vom Swimming Pool aus führen mehrere Strassen durch eine schneeweisse Kalkstein-Landschaft, in der wenig Gras wächst und nur ab und zu eine verkrüppelte Akazie. Nach Regenfällen blühen in der Einöde hunderte von Malvenstauden, die man hier nicht erwartet. Hier sieht man so gut wie immer auch Grantgazellen und Beisa-Oryx und meistens auch einige Netzgiraffen.
Diese wohl schönste der neun Giraffenarten hat ein relativ kleines Verbreitungsgebiet, das sich auf Nordkenia, Südäthiopien und Teile Somalias beschränkt. Ihres apparten Fellmusters aber auch des Fleisches wegen wird sie stark bejagt und ist in vielen Teilen ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets ausgerottet worden. Ich entdeckte in nicht allzugrosser Ferne einen einzelnen Bullen, der in den Kronen einer Akazie die frischen Triebe zwischen den fingerlangen Dornen heraus pflückte. Giraffen sind, zumindest für einen Fotografen, nicht gerade die fastizierendsten Tiere; sie können ohne weiteres eine halbe Stunde lang zur Salzsäule erstarrt stehen und unverwandt in die gleiche Richtung starren. Ich stellte in den folgenden Tagen fest, dass sich keine Weibchen und Jungtiere in den beiden Reservaten aufhielten, sondern nahezu ausschliesslich solitäre Bullen. Ein einziges Mal sah ich zwei Männchen, die insofern interessant waren, als sie völlig verschiedene Fellmuster zur Schau trugen.
Ich setzte nach einer kurzen Weile den Weg Richtung Flussniederungen fort, die zum einen aus Grassavannen bestehen, zum anderen von hohen Doumpalmen bewachsen sind. Ausserdem ist der Uaso Nyiro River nah und die Tiere müssen nicht weit zum Wasser gehen. Im Dezember hatte es allerdings mehrmals ausgiebig geregnet und es gab zahlreiche Wasserlachen und -pfützen, in denen das Wild seinen Durst stillen konnte. Alle drei National Reservate, Buffalo Springs, Samburu und Shaba liegen in einer semiariden Zone mit jährlich weniger als 400 mm Niederschlägen. In der langen Trockenzeit, von Dezember bis März/April, trocknet in manchen Jahren der Uaso Nyiro völlig aus. Die Elefanten graben dann im sandigen Flussbett 50 bis 80 cm tiefe Löcher, in die von unten das Wasser einsickert. Andere Tiere wie Giraffen, Impalas und Paviane profitieren von diesem "Wasserservice". Angeblich trocknete der Fluss bis in die 70er Jahre nie aus; die zunehmende Bevölkerung auch in den halbwüstenartigen Gebieten verbraucht inzwischen soviel Wasser für die Pflanzungen und Plantagen, dass es immer öfter zu Wassermangel kommt. Anders als die Quellen bei den Buffalo Springs, die von den Niederschlägen gespiessen werden, die am Mount Kenya fallen, erhält der Uaso Nyiro sein Wasser aus den Aberdare Mountains. Weil dort Jahrzehnte lang rücksichtslos Wälder abgeholzt und Gemüsefelder angelegt wurden, konnte der Boden die Niedeschläge nicht mehr speichern; es floss auf direktem Weg in den Uaso Nyiro und von dort in die Lorian Sümpfe, wo das meiste Wasser verdunstet.
Auf Freiersfüssen
Bevor sich die Strasse zum Fluss senkt, hörte ich von einem der hinteren Räder ein Abrollgeräusch, das ich als Plattfuss diagnostizierte. Leider hatte ich recht, sah, dass der hintere linke Reifen fast die ganze Luft verloren hatte, parkte den L/C am Strassenrand und holte den Wagenheber heraus. Das Wechseln eines Rades ist kein Kunststück, wenn man das richtige Werkzeug dazu hat. Bedeutend kräftezehrender ist dann das Hochheben und fixieren des Tonnen schweren, platten Reifens auf das dafür bestimmten Gestell. Das von mir weiter oben erwähnte Dutzend junger, kräftiger Kerle, das jeweils um den Wagen herum steht, fehlte in diesem Falle völlig. Ich hatte zwar, unter dem Wagen, einen zweiten Ersatzreifen, aber im Buffalo Springs und im Samburu Reservat liegen soviele sechs, sieben Zentimeter lange, eisenharte Dorne auf den Strassen, dass man sich im Nu einen zweiten oder gar dritten Plattfuss einhandelt. Als erstes wollte ich deshalb den Reifen reparieren lassen. Ein entgegen kommender Minibus mit einigen Touristen gab mir Gelegenheit, den Fahrer nach einer Lodge zu fragen, die Plattfüsse repariert. Die meisten Lodges in den Parks stellen nämlich tagsüber aus Kostengründen ihre Dieselgeneratoren ab. Dann kann man zwar den Reifen flicken lassen, ihn aber nicht aufpumpen. Luft gibts dann erst wieder ab 18.00 oder 18.30 Uhr.
Innerhalb weniger Tage trocknen die Wasser führenden Bachbette aus und hinterlassen geometrische Muster
MzeekenyaThemenstarter527 Beiträge · seit 201323. Jan. 2016 · #34
Als deshalb ein Touristenbus vom Chokaa Gate herkam, hielt ich ihn auf und fragte den Driver, welche Lodge a) Reifen flicke und b) die auch gleich aufpumpen könne. "Entweder die Ashnil Lodge, unten am Fluss," meinte der Mann, "oder die Samburu Simba Lodge, drei Kilometer von hier." Ich kannte beide und entschied mich für die Simba Lodge. Ein Riese von einem Mann, wohl einen Kopf grösser als ich, hob den platten Reifen sozusagen mit dem kleinen Finger von seinem Gestell und hatte in wenigen Minuten den Sprengring und den Pneu von der Felge gelöst, den Schlauch heraus gezogen und ihn zur Kontrolle aufgepumpt. Unter einem alten Flicken strömte Luft in homöophathischer Menge heraus. Ein neuer, grösserer Flicken drauf - und schon war der Schlauch wieder brauchbar. Nachdem der Mann - er hiess Salomon - seinen Job im Nu erledigt hatte, wollte er etwas über mein Woher und Wohin wissen. "Reist du ganz allein?", wollte er wissen. "Ja, wie du siehst." "Hakuna bibi?" (Swahili: keine Gemahlin) "Nein. Ich war mit einer Kamba verheiratet. War nicht die beste Idee." "Oh, oh, oh, eeeeh", meinte Salomon, "Kambafrauen sind Hexen. Das ist in Kenia bekannt. Du erwachst eines morgens und deine Eier sind weg!" "Da habe ich aber Glück gehabt. Meine wollte nur mein Geld. Das einzige Mal im Leben, dass ich froh war, keines zu haben", meinte ich. "Aber ich will keine Bibi mehr." "Eeee, du bist doch noch jung. Ohne Bibi bist du wie ein Auto ohne Räder." "Nein, ich habe genug," sagte ich. "Just for fun." "Hör mal Mzee, ich mache dir einen Vorschlag. Ich bin mit einer Samburu verheiratet und das sind gute Frauen. Sie lassen dir deine Eier. Meine Frau kennt einige Frauen in ihrem Dorf, die für einen Mann wie dich wie gemacht sind. Du gibst mir deine Handynummer und spätestens in zwei Monaten kann ich dir mindestens zwei Frauen vorstellen." "Was soll ich mit zwei Frauen?" "Du suchst dir eine aus und wenn dir beide gefallen, behältst du beide."
"Ich will aber keine Frauen in meinem Alter. Die sehen ja alle aus wie meine eigene Grossmutter." "Nein, nein, die sind so um die vierzig. Die haben eine eigene Hütte und jedes Mal, wenn du von einer Safari zurück kommst, hast du ein Heim und deine Frau kocht dir Ugali und Sukuma Wicki," lockte Salomon. Ich habe auf meinen Reisen gelernt, fast alles zu essen. Aber Ugali und Sukuma Wicki sind zwei Gerichte, die erstens zuwenig Fleisch enthalten und mir zweitens im Mund und dann in der Speiseröhre stecken bleiben und letzten Endes meinen Magenausgang zukleistern. Ich habe nie begriffen, wie ein Volk von über 40 Millionen sich den grössten Teil seines Lebens freiwillig von diesen fürchterlichen Dingen ernähren kann und sie am liebsten dreimal am Tag geniesst. "Okay Salomon," lenkte ich ein. "Ich gebe dir meine Handynummer und du rufst mich an, wenn du für mich eine gute Occasion gefunden hast." "Ja, so machen wir das. Und dann kommst du ins Samburugebiet und wir gehen in die Dörfer."
Kaptriele sind von ihrer Umgebung kaum zu unterscheiden
"Bevor ich weiterfahre, rafiki (Freund), solltest du mir noch ein bisschen etwas über den Brautpreis erzählen." "Der ist für einen reichen Mzungu ein Hühnerschiss. Sieben Kühe, zwei Schafe und 20 000 Schillingi in bar. Das ist fast geschenkt." Von den Folgekosten erzählte Salomon nichts. Das ist wie bei einem Auto: die Anschaffung ist das eine, der Unterhalt das andere. "I am not a tourist, Salomon. Also werden wir über den Preis verhandeln, wenn es zu einer Heirat kommen sollte. Und wenn ich mich nach zwei oder drei Jahren von ihr scheiden lassen will, bekomme ich dann den Brautpreis zurück?" Salomon grinste: "Samburus können sich nicht scheiden lassen. Deine Kühe und dein Geld sind auf alle Fälle weg. Aber Samburus können mehrere Frauen haben. Da musst du dich gar nicht scheiden lassen. Nimmst einfach eine andere". Diese Aussicht beruhigte mich ungemein. Ein Matriarchat scheinen die Samburus nicht gerade zu haben! Ich bezahlte die Schlauchreparatur und gab Salomon ein fürstliches Trinkgeld von 100 ksh. Dann fuhr ich zum Uaso Nyiro runter und sah die ersten Elefanten dieser Safari.
Gestern Abend rief Salomon an und sagte, er habe schon mal zwei Frauen, die ich mir unbedingt anschauen müsse... Ich versprach ihm, nach der Marareise, die morgen Sonntag starten wird, ins Samburuland zu fahren. Ich muss ja nicht heiraten, ich darf.
Einfach herrlich. Deine Art, Episoden aus der Vergangenheit, Wissenswertes zu Land und Leuten mit einem Game Drive zu mixen, liest sich wie ein Buch. Du schaffst es, meine Vorfreude erheblich zu steigern. Besten Dank für die Fortsetzung.
Viel Spass in der Mara. LG Christa
www.botswanadreams.de
"Alles, was ich jetzt wollte, war nach Afrika zurückzukommen. Ich hatte es noch nicht einmal verlassen, aber wenn ich nachts aufwachte, lag ich lauschend da, bereits voller Heimweh danach."
Ernest Hemingway
MzeekenyaThemenstarter527 Beiträge · seit 201323. Jan. 2016 · #36
Hi Christa. Danke für's Lob (ich fasse es jedenfalls so auf). A propos Buch: zusammen mit meiner Frau (keiner Afrikanerin) habe ich in 40 Jahren über 70 Bücher verfasst und illustriert... Und was Stories betrifft: Morgen fahre ich bekanntlich für unbestimmte Zeit in die Mara. Wenn ich zurück bin, wird erst Buffalo Springs zuende geführt, dann Samburu und letzten Endes die Mara. Allerdings kann mir zur Zeit niemand sagen, wie die Wetter- und Bodenverhältnisse in der Mara sind bzw. ich höre alles von "staubtrocken" bis "die stehen alle unter Wasser". Es ist wie mit den Viehherden im Samburu - man muss selber hinfahren und sich ein Bild machen. Schönes Weekend und Gruss aus Nanyuki (wo's seit 48 Stunden nicht mehr geregnet hat). Mzeekenya
Klar war das ein Lob. Mach es doch nicht so spannend. Dann gib doch mal bitte einen Link zu einem Deiner eigenen Lieblingsbücher.
Nochmals schöne Zeit in der Mara. Die Gnus sind ja nun wieder in der Serengeti, aber reizvoll ist die Mara sicher auch ohne Gnus.
LG Christa
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"Alles, was ich jetzt wollte, war nach Afrika zurückzukommen. Ich hatte es noch nicht einmal verlassen, aber wenn ich nachts aufwachte, lag ich lauschend da, bereits voller Heimweh danach."
Ernest Hemingway
MzeekenyaThemenstarter527 Beiträge · seit 201323. Jan. 2016 · #38
Botswanadreams schrieb:Hi Mzee gib doch mal bitte einen Link zu einem Deiner eigenen Lieblingsbücher. Christa
Natürlich, wie anscheinend du auch, Die grünen Hügel Afrikas, dann die Afrikaromane von Robert Ruark. Das erste Buch von Kuki Gallmann (ich träumte von Afrika). Und da ich ein älteres Semester bin, auch die Bücher von Rene Gardi, Attilio Gatti (ein genialer Schwindler), Carl Georg Schillings, dem Fotografen und Artur Heye. Ausserdem finde ich die Bücher von Jonathan Scott bewundernswert und jene von Art Wolf und Frans Lanting. Auch Fritz Pölking hat mir immer gut gefallen. Vorbilder habe ich keine... aber Anerkennung für meine "Berufskollegen", weil ich weiss, was für eine Riesenarbeit hinter einem guten Bild steckt. Zufrieden? M.
zusammen mit meiner Frau (keiner Afrikanerin) habe ich in 40 Jahren über 70 Bücher verfasst und illustriert...
Ich meinte eigentlich 1, 2 oder 3 aus den über 70 von Dir verfasst und illustrierten. Aber danke für Deine Tipps. Da gibt es noch was zum nachschauen für mich, denn alles ist mir nicht bekannt.
LG Christa
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"Alles, was ich jetzt wollte, war nach Afrika zurückzukommen. Ich hatte es noch nicht einmal verlassen, aber wenn ich nachts aufwachte, lag ich lauschend da, bereits voller Heimweh danach."
Ernest Hemingway
lilytrotter4'129 Beiträge · seit 200823. Jan. 2016 · #40
Hi, Botswanadreams,
schau mal unter den Stichwörtern/Informationen im Netz, die Mzeekenya uns allen unter seinem Avatar zur Verfügung gestellt hat. Da wirst du schnell fündig. 🙂
Grüßles lilytrotter
Gruß lilytrotter
Always look on the bright side of life... :-)
Walvisbay boomt