Unterwegs in den 1970er Jahren

550 Antworten · 99,5k Aufrufe · gestartet 24. Juli 2011 von wernerbauer
Bilder klein
Antworten
2'338 Beiträge · seit 200723. Okt. 2011 · #101
Hallo zusammen

Wernerbauer schrieb:
Ich finde, dass zu diesem Thema noch ein paar Gschichtln zu Routenplanung/Orientierung/Navigation in der Zeit vor GPS und Navi passen würden und glaube, dass Lilytrotter, Erika, Gernot, Camelthorn und……… einige Erfahrungen und Anekdoten über das (Ver-)Fahren in dieser Zeit in petto hätten.
Eigentlich kann ich mich nicht daran erinnern, dass wir uns auf unserer Reise oft verfahren haben, und wenn, dann merkten wir es bald und kehrten einfach wieder um. Für Afrika war die Michelin-Karte Gold wert, da praktisch alle Strassen eingezeichnet waren. Ganz anders sah es ab Indien aus, aber hier schreiben wir ja über Afrika

Zur Kommunikation mit den Daheimgebliebenen kann ich folgendes berichten: Solange ich in Kapstadt wohnte, war der Schriftverkehr mit meiner Familie sehr rege. Telefoniert habe ich innerhalb eines Jahres nur einmal mit daheim, und zwar kurz bevor wir unsere Reise in die Heimat antraten.

Als wir dann im Mai 1971 unseren Trip starteten, schrieb ich nicht mehr so oft und telefoniert wurde gar nicht mehr. Die wehrpflichtigen Schweizer Männer mussten sich damals immer mal zwischendurch in den Schweizer Botschaften melden und ich glaube sogar das Dienstbüchlein vorweisen. Das war dann in Nairobi/Kenia, Delhi/Indien und Ankara/Türkei. Dorthin ließen wir auch jeweils unsere Post schicken. Die Freude über Briefe von daheim war natürlich immer gross.

Eigentlich war es gut, dass man nicht immer auf dem neusten Stand der Dinge war, denn sonst wären wir z.B. niemals nach Uganda gefahren. Klar, hatten wir auch einen knisternden Weltempfänger dabei, aber der Empfang war trotz Zusatzantenne meistens so schlecht, dass das Teil selten eingeschaltet wurde. So kam es dann auch, dass wir völlig unbeschwert einen Monat lang in Uganda rumfuhren und erst mit der Zeit so nach und nach merkten, dass hier etwas Unfassbares im Gange war. Idi Amin war frisch an die Macht gekommen. Dass sogar ein gigantischer Völkermörd stattfand, haben wir erst erfahren, als wir schon lange wieder in der Heimat angekommen waren. Ich möchte heute nicht näher auf das Erlebte eingehen, sondern das vielleicht später mal beschreiben.

Zusammenfassend kann ich über die Navigation oder Kommunikation sagen, dass wir nichts, was es heute an elektronischen Hilfsmitten gibt, vermisst haben. Das gab es damals nicht und basta.

Im Vergleich zu den asiatischen Ländern, wie Indien, Pakistan, Afghanistan, Iran usw. war das Reisen in Afrika total entspannend und eigentlich einfacher als heute. Korruption und Abzockerei waren unbekannt.

Zur damaligen Zeit war ein ganz anderer Typ Leute unterwegs als heute. Man hielt zusammen und gab anderen Reisenden jede erdenkliche Info gerne weiter. Für Memmen und Feiglinge war diese Art des Reisens sicher nichts. Wichtig war, dass man nervlich und körperlich fit und robust war.

Der Stress, den die heutigen Touristen sich selbst auferlegen ist ja manchmal wirklich nicht mehr zu überbieten. Da wird schon Monate voraus gebucht und jeder Streckenabschnitt zig-mal hinterfragt. Fragen über Zahnbürsten, Haarfön, Handyempfang, Faserpelz ja oder nein, Schuhe, Kreditkarten, Sicherheit, wie steht‘s mit dem Wetter im April 2015, Reservereifen, Versicherungen, Broteinkauf, Mietwagen, Preise, Insektenmittel usw. werden in verschiedenen Foren jeweils geduldig und mit Freude beantwortet. Man erhält dank dem Internet auf jede Frage eine Antwort und reist genau nach Exel-Liste und Stundenplan, und trotzdem noch mit der Überzeugung, sich auf ein riesen Abenteuer einzulassen. Auch diejenigen, welche im heutigen Computerzeitalter Afrika durchqueren, tun das auf eine ganz andere Art und Weise wie früher, da bald jeder eine Homepage eingerichtet hat und unterwegs Stunden und Tage dafür aufwendet, diese zu aktualisieren.

Obwohl auch ich mich dieser Hilfsmittel bediene, gilt für mich oft folgender Spruch: Computer helfen uns, Probleme zu lösen, die wir ohne sie gar nicht hätten.

Erika
Meine Reiseberichte: 1971: Mit dem VW-Bus von Kapstadt bis Mombasa http://www.namibia-forum.ch/forum/132-reiseziele-tipps/197270-unterwegs-in-den-1970er-jahren.html?start=120 2013: Durch den wilden Westen Tansanias (Am Anfang war die Hülle) http://www.namibia-forum.ch/forum/158-diverses/278559-am-anfang-war-die-huelle.htm 2013: Nordmosambik, mal schön - mal hässlich + ein Stück Südtansania http://www.namibia-forum.ch/forum/150-diverses/279223-reisebericht-nordmosambik-mal-schoen-mal-haesslich.html 2014: Auf bekannten und unbekannten Pfaden durch Tansania http://www.namibia-forum.ch/forum/158-diverses/282862-auf-bekannten-unbekannten-pfaden-durch-tansania.html 2015: Eine Reise wird zum Alptraum/Kenia http://www.namibia-forum.ch/forum/156-diverses/285693-eine-reise-wird-zum-alptraum.html
4'129 Beiträge · seit 200826. Okt. 2011 · #102
Lange haben wir uns unterhalten und in unseren Köpfen gekramt, wie es denn nun früher eigentlich war, mit der Routenplanung, dem Verfahren und dem Navigieren.



Navigieren.
Ja, nannte man es überhaupt so?
Nein, natürlich nicht. Man hatte einfach nur gelernt sich mit Karte und Kompass zu orientieren. Das war’s.
Das Wort ‚Navigation’ findet sich in meinen Aufzeichnungen erstmals 1999, da fuhren wir in Libyen das erste Mal mit GPS, als reinem Navigationsgerät, ohne aufgespielte Karten. Da war die Wüste nackt, die Wegepunkte setzten wir.



Zum Verfahren oder zu Navigationsfehlern können wir sagen, dass wir uns heutzutage im südlichen Afrika mehr denn je verfahren, - weil wir nicht mehr so gut aufpassen, nicht genau hingucken und einfach die Abfahrten verschwätzen... – „dank“ GPS mit aufgespielter T4A sind wir nachlässig geworden. Es ist einfach zu entspannend, im Zweifelsfall auf dieses kleine Teil zu schauen und unmittelbar zeigt es einem: Ich bin falsch gefahren.

Schon immer gehörte das Sich-Verfahren dazu.

Verfahren macht nix, - aber, man muss es bemerken (auch ohne GPS) und dann richtig handeln! Und wer ohne eine entsprechende Reserve in der Wildnis unterwegs ist, begeht einen Kardinalfehler.

Grundsätzlich fuhr man früher nach Michelinkarten 1:4Million (manchmal 1:1Million), wie Erika schon erwähnte. Die waren wirklich gut und verlässlich, was übrigens leider nachgelassen hat. In neueren Karten fehlen plötzlich alte Strecken, obwohl sie noch existieren und befahrbar sind...
Allerdings haben wir uns für extreme Strecken zusätzlich noch weiterer Karten bedient, russische Fliegerkarten und Messtischblätter, wenn es denn welche gab.

Wichtig war natürlich auch DAS Buch aller deutschsprachigen Afrika-Durchquerer: Der Därr: Erst -Transsahara. Dann- Durch Afrika. Und natürlich weitere Reisführer.

Ein weiteres wesentliches Standbein der Orientierung war der Informationsaustausch mit Menschen: Reisende, Overlander-Fahrer, Einheimische, insbesondere Lorry-Fahrer! und Karawanenführer (dafür musste man natürlich arabisch können). Überall befragte man Leute und wenn es drauf ankam, alle Nase lang. Das kostete z.T. viel Zeit, denn man kann nicht mal eben anhalten und aus dem Autofenster seine Frage an den Mann rufen. Da muss man sich an Regeln halten, sonst kann man keine Gastfreundschaft und gute Information erwarten.


Mit knappen Vorräten und wenn es in extremen Gegenden drauf ankommt (das allerdings, sollte man beurteilen können!), verfährt man sich quasi gar nicht oder nur unbedeutend kurz, denn dann ist man sich der Gefahren bewusst und fährt sehr aufmerksam und ist konzentriert bei der Sache. Dann kontrolliert man sich ständig. Wichtig ist, seine Grenzen zu kennen, an Kilometern und Zeit, an Vorräten (Kraftstoff, Wasser, Nahrung) und die eigenen Fähigkeiten nicht zu überschätzen (Orientierung, Erfahrung, mentale Stärke, allg. Know-How, Schrauberfähigkeiten, körperliche Kraft, med. Notversorgung, usw.) – Je nachdem, kann man seinen Radius bestimmen, wie weit man sich allein in die Wildnis begeben kann und sich nicht gleichzeitig in Lebensgefahr.

Insbesondere in den abgelegenen Gebieten der Sahara überprüfte man häufig die Richtung und hatte den Kompass ständig im Blick. Zuvorderst aber führte man genauestens das Strecken-Buch! Man machte bei jeder Gabelung und jedem Bergle seine Notizen, manchmal gab es an exponierten Stellen Steinmännchen, manche „Hauptstrecken“ waren alle 10 km mit Balisen bestückt, das waren ca. 3 m hohe Eisenstangen (manchmal Eisenbahnschienen), die die Orientierung wesentlich erleichterten, besonders bei schlechter Sicht. Die Unterhaltungen verliefen ungefähr so: „Sach mal...“ - „Km: 178.“ - „Richtung?“ - „Hm, was würdest du sagen, so vorwiegend die letzten Kilometer: SSW?“ - „Hmm. - Marker: rechts-ab kl.Tafelberg.“ - „Hmm.“ - man wird maulfaul mit der Zeit. Außerdem wissen wir, wenn wir uns angeregt unterhalten, passen wir nicht auf...
Man hielt auch häufig an, beugte sich dann über die Karte(n) und die Aufzeichnungen, berechnete seine Position, zog seine Striche, machte seine Kreuzchen, besprach die Route, traf ggf. neue Entscheidungen, revidierte Navigationsfehler, suchte sich erneut markante Punkte (und wenn man extreme Strecken mit Mehreren fuhr, hielt man sich an die gemeinsam besprochene Richtung). Man wusste fast immer, wo man sich befand.
Und wenn man feststellen musste, dass man falsch war, drehte man eben um, wenn man nicht sicher sein konnte, dass es eine weiterführende Möglichkeit auf den richtigen Weg geben würde.
Ernsthaft verfahren haben wir uns nie. Um das zu schaffen, hätten wir alles Wissen über Bord werfen müssen und das geht nicht, dazu sind wir einfach zu „lebensängstlich“... - wir fuhren ja fast immer allein.

In der „Postgeschichte“ erwähnte ich zwei besondere Situationen in punkto Orientierung:
Die Wanderung im Djebel Marra, das ist ein sehr zerklüftetes kleines Gebirge im Darfur. Auf der Wanderung waren wir mit Kompass und Messtischblatt (des Brunnenbauers des regionalen Entwicklungshilfeprojektes) unterwegs und befragten unterwegs die Bewohner der Gegend, allerdings nicht mehr im Gebirge selber, dort trafen wir Niemanden.
Die Strecke Birao-Bria (Zentralafrika), ist ein typisches Beispiel dafür, dass sich alle Planungen in Luft auflösen können und man gut daran tut, in engem Kontakt zu lokalen Bevölkerung zu reisen. Die von uns geplante Strecke Birao-Ngolo-Ndélé (die übliche Strecke Richtung Bangui), war nach der extremen Regenzeit im Nov.86 noch immer unter Wasser. Alle Lorries warteten schon länger, auf das erste Fahrzeug aus der Gegenrichtung. Sowas kriegt man dann mit, wenn man sich mit den Fahrern unterhält. Die einzige „Alternative“, wenn man nicht noch weitere Wochen warten wollte, war die Strecke Birao-Bria. Da fuhr eigentlich kein normaler Mensch und LKWs schon sowieso nicht, denn für die war die Strecke zu schmal, die Steigungen in der Chaine des Bongos viel zu steil, deshalb kannte sie auch niemand.
Manchmal konnte eben Niemand wirklich Auskunft über eine Strecke geben, selbst wenn diese als gelbe „Hauptverbindung“ (route importante) in der Michelin Karte ausgewiesen war. Diese Kategorisierung sagt nicht an sich etwas über die aktuelle Beschaffenheit aus, nur über ihre Bedeutung als Verbindung, als die Karte erstellt wurde und unsere war seit 1975 nicht neu aufgelegt worden. Über die Strecke Birao-Bria konnte nur einer etwas sagen: Der Pater von Birao. Der war immerhin ein Stück mit seinem Landrover gefahren, - und zwar ein halbes Jahr zuvor, vor der Regenzeit... ansonsten flog er mit seiner Cessna.

Das GPS ist für uns heute eine gute zusätzliche Möglichkeit zur Karte, eine echte Erleichterung und zusätzliche Sicherheit. Aber es verleitet auch, nicht mehr aufzupassen! Ahnungslose Reisende verführt es dazu, sich in Regionen zu wagen, in die sie sich sonst nie begeben würden und in denen sie schlichtweg überfordert sind.

Ja, auch wir können den Eindruck bestätigen:
Erst seit GPS gibt es das Penible, erst seitdem geht es um den kürzesten/genauesten Weg, um die schnellsten Zeiten und den genauesten Streckenzustand. Nichts darf überraschen, weil man sonst nicht mehr zurecht kommt, viele sind in permanentem Zeitstress unterwegs, - die teure Buchung wird sonst verpasst, die geplanten Strecken sind zu lang, jede Abweichung vom „Normalen“ wird zum Problem. Fähigkeiten werden gekauft, anstatt sie sich anzueignen. Folge: Stresssituationen und Fehlentscheidungen. Problematisch allerdings, ist eine immer häufiger anzutreffende Einstellung: Es gibt ja genug Andere, die mir im Bedarfsfall helfen und ich hab SatPhon. - Aber der Arzt ist dann trotzdem noch weit und bestenfalls wird es nur teuer.

Erst seit GPS haben wir in der Sahara Leute getroffen, die eine „Direttissima“ von A nach B gefahren waren (nicht einmal im Ansatz hätte man die Strecke so nennen können und nirgends wurde die Strecke bis dato so bezeichnet), - aber sie nannten es so, als wir sie fragten, wie sie denn gefahren seien. Da mussten wir schon ein herzliches Lachen unterdrücken. Junge schicke Schnösel, die stolz einen kleinen Dünenzug durchschaufelt hatten, den man mit entsprechendem Fahrverhalten und weiten Bögen problemlos und mit viel Spaß durchqueren kann. Ihren schicken 4x4 sahen wir später auf der Fähre wieder: Ein trauriges zerknautschtes, mit Tape zusammengeklebtes Etwas, mehrfach überschlagen, Fahrzeugführer an Krücken und mit Kopfverband.
Das zu: „La direttissima“ nach GPS.

Eine weitere neuere Navigations-Situation erinnern wir aus Libyen, wo wir schön querab in der Hammada unterwegs waren (aus Sicherheitsgründen nicht allein) und dort Pisten-/Richtungsdiskussionen hatten, über den richtigen Weg: Nach GPS geradeaus..., da gab es auch eine ausgefahrene Spur, aber laut alter Karten gab es eine andere Strecke, um das Ziel zu erreichen. Die stärker befahrene Piste stellte sich dann als das heraus, was wir vermutet hatten: Eine Prospektionspiste...
GPS ist eben nicht alles.


Und dann wäre da ja auch noch die Routenplanung, - die gab’s auch. Aber die hatte fürs Reisen insgesamt nur untergeordnete Bedeutung oder besser gesagt eine ganz andere Bedeutung, als sie heute hat, denn die äußeren Umstände zwangen einen nur allzu oft, alles umzuschmeißen und neu zu planen. Was dann im Endeffekt bedeutete, dass man nur noch im Großen und Ganzen eine ungefähre Richtung hatte, um in kleinen Etappen und über völlig andere Strecken zu einem ähnlichen Ziel zu kommen und von dort aus zum nächsten... Alles andere hat sich auf langen Reisen in extremen Gegenden nicht bewährt Das Beste war immer, sehr gut ausgerüstet und für mehrere Wochen autark zu sein, dann konnte man alles Andere in Ruhe auf sich zukommen lassen und spontan neue Entscheidungen treffen und neue Wege beschreiten.


Und zu guter Letzt:
In Ostafrika und insbesondere im südlichen Afrika gab es ja schon damals recht viele gute Straßen, dort hat man sich entspannt mit der Landkarte orientiert. Allerdings haben wir dort in den wilden Ecken auch unsere Streckenaufzeichnungen gemacht. Im Makgadikgadi und Nxai Pan (hatten beide kein Gate) war man total allein. Im Chobe und insbesondere Moremi gab es die vielen kleinen Wege und die Wasserdurchquerungen waren schon immer recht anspruchvoll und dort konnte man sich auf längeren Gamedrives ziemlich leicht verfahren, weil man nicht Wege sondern Tiere guckte. Sich zu verfahren war zwar nicht gefährlich, aber man durfte genauso wenig im NP in der Wildnis übernachten, wie heute und wollte bei Sonnenuntergang am Campingplatz sein, denn in der Dunkelheit war dort nix mehr mit zurechtfinden, wenn man sich da nicht auskannte (abgesehen davon war es natürlich ebenso verboten, wie heute).
Auch hatten wir keine guten Karten nur diese „niedliche“ Shell Map





und den handgezeichnete Zettel, den man am Gate bekam, der war aber auch kaum besser. Gute Karten gab’s wahrscheinlich in SA, aber wir kamen von Norden. Es bestand auch noch kein allgemeiner Bedarf für NP Karten. Wenn man Touristen traf, dann vorwiegend auf den offenen Fahrzeugen der Lodges, es gab quasi nur Hochpreis-Tourismus mit geführten Touren.


Gruß lilytrotter
Gruß lilytrotter Always look on the bright side of life... :-) Walvisbay boomt
zuletzt bearbeitet 22. Apr. 2016
Gast26. Okt. 2011 · #103
... Deine /Eure Berichte verführen einen zum Träumen - aber auch zu Bedauern.

Vielen, vielen Dank für die Eindrücke

Grüße baboon
1'287 Beiträge · seit 200827. Okt. 2011 · #104
baboon schrieb:... Deine /Eure Berichte verführen einen zum Träumen - aber auch zu Bedauern.

Hallo Baboon,

also ich sehe hier überhaupt keinen Grund des Bedauerns. Ich lese mit großer Spannung und Freude die Berichte von lillytrotter, werner, erika und den anderen. Aber ich lese auch Bücher von Afrika Reisenden aus den 50er Jahren oder gar von welchen aus dem 19. Jarhundert oder vom Anfang des letzten Jahrhunderts. Verglichen mit diesen Reisenden waren Reisen in den 70er Jahren (fast) genauso hightec wie sich unsere Reisen jetzt anfühlen.

Will damit sagen es gibt immer eine Entwicklung, die dazu führt, dass der Blick zurück nostalgisch verklärt die Gegenwart irgenwie stressig und uncool aussehen lässt.
Wie schon am Anfang dieses Thread behauptet bleibe ich dabei, dass wir, die wir jetzt reisen, bestimmt in 20 Jahren ähnlich klingende Geschichten in Foren aufschreiben. So von Reisen die wir mit Benzin getriebenenen, handgeschalteten Autos ohne permanente Internetverbindung "geschafft" haben. 😉

Ausserdem helfen mir die Ausführungen in diesem Thread sehr, meine eigene Reisen zu machen. Also weniger Planung, Tipps von anderen unterwegs einholen. Als wir 2009 durch Mosambik reisten, haben wir so ziemlich jeden Ort, den wir besucht haben vorher als Tipp von Reisenden und Ansässigen bekommen. Ich hatte nur so grob ein paar Punkte auf die Karte gemalt, die ich mir anschauen wollte. Alle Punkte haben wir nicht geschafft. Man kann also, wenn man will auch mit GPS und/oder Satphone eine wunderbare Zeit in Afrika verbingen, die dann (fast) so abenteuerlich ist, wie das Reisen in den 70er. Das ist eben noch immer das Schöne an diesem wunderbaren Kontinent.

Also kein Bedauern bitte 🙂

Gruß
Carl
Madam und Boss Unterwegs (2014/15) "Bacon and Eggs - A day's work for a chicken; A lifetime commitment for a pig." (Anon) "I will go anywhere, provided it be forward" (David Livingston)
zuletzt bearbeitet 27. Okt. 2011
2'338 Beiträge · seit 200727. Okt. 2011 · #105
Hallo zusammen

Botswana 1988
Unseren ersten Trip nach Botswana unternahmen wir 1988 von Namibia aus. Obwohl das für mich rückblickend fast schon in der Neuzeit war, ist der Unterschied zu heute geradezu unglaublich.

Ab Windhoek bis Gobabis war die Strasse geteert und dann folgte bis zur Botswana-Grenze eine Schotterstrasse. Anschliessend fuhr man bis Ghanzi auf einem tief ausgefahrenen, einspurigen Sandweglein. Hin und wieder gab es eine Ausweichstelle. Der Verkehr war minim. In Ghanzi existierte das Hotel „Kalahari Arms“ bereits, aber Camping dort war nicht möglich. Man suchte sich einfach irgendwo am Strassenrand ein ebenes Plätzchen und stellte sich hin. Ab Ghanzi bis Maun war der Weg ein wenig breiter, aber nicht viel besser. In Maun war genau 1 km Strasse geteert.

Maun war eine kleine, schmutzige Streusiedlung. Treffpunkt für die wenigen Touristen war ein Restaurant gegenüber dem Flugfeld (Gernot kennt das sicher noch), von wo man sich die neusten Informationen über Moremi und Chobe erhoffte. Übernachtet haben wir damals im Crocodile Camp, welches man über Tiefsand und eine kleine Holzbrücke erreichte. Dort trafen wir auch den Schweizer Botswana-Pionier Willi Zingg, der in Xakanaxa/ Moremi ein Zeltcamp besass und uns dorthin zu einem Bootstrip einlud, was wir sehr gerne annahmen. Ausserdem unternahmen wir eine 3-tätige Flugsafari nach Chiefs Island ins Delta, was schon damals sündhaft teuer, aber absolut lohnenswert war.

Die Fahrt durch den Moremi und Chobe war schon ein kleines Abenteuer, da kaum anständiges Kartenmaterial vorhanden war und man sich andauernd per Kompass orientieren musste, deshalb hat sich auch fast jeder irgendwann mal verfahren. Ich hatte damals die Fähigkeit, anhand des Sonnenstandes zu merken, wenn wir in die falsche Himmelsrichtung fuhren. Diese Gabe hab ich nun aber leider ein wenig verloren, seit wir neuerdings mit tracks4africa reisen. Die Camps waren sehr einfach und nur mit einem Plumpsklo ausgestattet. Für die Abfallentsorgung wurde von der Parkverwaltung eine Grube ausgehoben, worin sehr zur Freude der Hyänen und Affen der Müll entsorgt wurde.

Das Savuti-Camp war an einer anderen Stelle wie heute und zwar direkt neben dem legendären Lloyds Camp. Im Savuti-Kanal waren nur noch einzelne Wassertümpel mit Hippos und ein abgestürztes Sportflugzeug lag mitten drin. Einige Monate zuvor musste im Camp ein Elefant erschossen werden. Er hatte sich auf’s Autos aufbrechen spezialisiert und viel Schaden angerichtet
.
Schlussendlich kamen wir nach vielen Tagen wohlbehalten in Kasane an. Gegenüber der Chobe Safari Lodge, wo auch die einzige Tankstelle war, gab es einen kleinen Lebensmittelladen mit Tiefkühler. Die Strasse zwischen Kasane bis zur Namibia-Grenze war natürlich auch nicht geteert und ziemlich mies. Während der Regenzeit blieben dort regelmässig Lastwagen hängen.

Dann, ab Ngoma folgte eine Schotterstrasse, die erst in Rundu endete.Im Zentrum von Katima Mulilo waren Bunker aus Sandsäcken aufgestellt, da ja immer noch Krieg herrschte. In Kongola musste man sich in ein Buch einschreiben und bekam sowie ich mich erinnern kann für die 199 km vier Stunden Zeit um den Caprivistreifen zu durchqueren. Per Funk wurde ans andere Ende nach Bagani gemeldet, dass jemand dann und dann gestartet sei und falls man in der vorgegebenen Zeit nicht angekommen war, wurde man vom Militär gesucht. Es war für uns sehr beruhigend, dass immer wieder Fahrzeuge der Wehrmacht patrouillierten, da ja die Gegend wegen des Krieges mit Angola als ziemlich unsicher galt.

Wir unternahmen diesen Trip mit zwei anderen Fahrzeugen, d.h. zu sechst. Im Nachhinein muss ich schon sagen, dass das eigentlich mehr eine Belastung, als eine Hilfe für uns war. Die Frau eines unserer Kollegen war der Sache überhaupt nicht gewachsen, obschon sie bereits die halbe Welt bereist hatte. Nach einigen Tagen im Sand litt sie plötzlich an schlimmen Angstzuständen. Sie konnte nicht mehr schlafen, weinte die ganze Zeit, konnte kaum mehr sprechen und zitterte am ganzen Körper. Da ich kurz vor Antritt der Reise unter einem Nierenstein mit schlimmen Koliken gelitten hatte, gab mir der Arzt ein Betäubungsmittel mit, welches wie eine Narkose wirkte. Naja, ich verpasste ihr hin und wieder so eine Bombe, welche sie, um die Wirkung zu verstärken, mit einem doppelten Brandy runterspülte 🤩 . Sie war dann jeweils für einige Stunden praktisch im Koma, aber wenigstens war die Angst weg. Moremi und Chobe unter Narkose, das hat ihr bestimmt keinen Spass gemacht. Kaum waren wir wieder in der Zivilisation, war die Welt für sie wieder in Ordnung.

Auch unser Kollege vom dritten Fahrzeug hatte sich total verändert. Er rastete wegen jeder Kleinigkeit aus, schrie andauernd seine Frau an und war mit den Nerven total am Ende, schade.

Über die Eintrittspreise kann ich leider nichts mehr sagen, jedenfalls kostete es nicht viel und ein Unterschied zwischen Einheimischen und „non residents“ wurde sowieso nicht gemacht.

Erika

P.S. Baboon, du brauchst kein Bedauern mit uns zu haben. Wir machten das alles höchst freiwillig, freudig und stressfrei. Zudem war es keine besondere Leistung, da schon damals lange vor unserer Zeit unzählige Leute mit zum Teil richtigen Klapperkisten auf Tour waren. Man war halt bescheidener und stellte an Unterkünfte, Duschen, Toiletten usw. überhaupt keine Ansprüche. Zudem fiel die heute übliche lästige monatelange Planung und Vorbuchung komplett weg. Platz war auch ohne vorherige Reservierung immer massenhaft vorhanden.
Meine Reiseberichte: 1971: Mit dem VW-Bus von Kapstadt bis Mombasa http://www.namibia-forum.ch/forum/132-reiseziele-tipps/197270-unterwegs-in-den-1970er-jahren.html?start=120 2013: Durch den wilden Westen Tansanias (Am Anfang war die Hülle) http://www.namibia-forum.ch/forum/158-diverses/278559-am-anfang-war-die-huelle.htm 2013: Nordmosambik, mal schön - mal hässlich + ein Stück Südtansania http://www.namibia-forum.ch/forum/150-diverses/279223-reisebericht-nordmosambik-mal-schoen-mal-haesslich.html 2014: Auf bekannten und unbekannten Pfaden durch Tansania http://www.namibia-forum.ch/forum/158-diverses/282862-auf-bekannten-unbekannten-pfaden-durch-tansania.html 2015: Eine Reise wird zum Alptraum/Kenia http://www.namibia-forum.ch/forum/156-diverses/285693-eine-reise-wird-zum-alptraum.html
Gast27. Okt. 2011 · #106
Hallo Carl,
hallo Erika,
ich bin begeistert. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass meine keck formulierte Bitte so dermassen wunderbar übererfüllt wird. Vielen, vielen Dank für Deine Mühe. Es war mir eine große Freude zu lesen, wie entspannt Ihr damals gereist seit. Oft ist ja gerade ein Blick in Vergangenheit sehr hilfreich die eigenen Befindlichkeiten zu relativieren. Ein bisschen neidisch bin ich nun auch
Gerade wir Forumsnutzer können uns ja (fast) gar nicht mehr vorstellen, dass man auch ohne minütliche Planung jeglicher nur denkbarer Situationen, äusserst präzise vorbereiteter GPS Koordinaten, ohne Telefon, ohne Allrad (!) und nur mit einer Papierkarte durch Botswana zu fahren. Aber genau Deine Beschreibungen helfen mir in jedem Falle alles mal wieder etwas weniger durch "Ausrüstungsbrille" zu sehen.
Nach bald 20 Jahren "eigener" Afrikaerfahrungen wage ich durchaus Bedauern zu äussern - ich träume den "alten" Zeiten schon gelegentlich hinterher. Auch ich kenne die Navigation im Delta noch mit Papierkarte und Kompaß inkl. falsch gewählter Abzweigungen. Es gab zwar schon GPS , wollten (konnten) wir uns aber nicht leisten. Und auch wir sind angekommen 😗 Es war alles noch einfacher und abenteuerlicher, das fehlt mir heute manchmal. Insbesondere dann, wenn ich altbekannte Plätze wiedersehe...

Das bremst bislang nicht den Willen wieder nach Afrika zu reisen, vorzugsweise in Länder mit nicht ganz so heftig entwickelter touristischer Infrastruktur.

Sag mal Erika, waren die Kollegen der 1888'er Botswanareise "auf MalariaProphylaxe" 😄 ; hört sich ja fast so an?

Also - ich trauere eher den alten Zeiten nach - ist aber wohl auch eine Frage des Alters...

Und natürlich in 20 Jahren wird die heutige Art des Reisens als abenteuerlich empfunden werden, alleine schon deswegen:

http://www.unric.org/de/uno-schlagzeilen/26574-uno-weltbevoelkerungsbericht-bald-7-milliarden-menschen-auf-der-erde

Viele Grüße

baboon
ThemenstarterGast31. Okt. 2011 · #107
Hallo und Danke an alle, habe alles mit großem Interesse gelesen und genossen.
@ Nostalgie und/oder war es damals schöner?
Subjektive Wahrnehmungen und Geschmäcker sind sowieso zu respektieren und als solche außer Streit gestellt. Für mich ist obige Frage nicht mit Ausrüstung und dgl. sondern mit Erlebnissen assoziiert und da ist meine Antwort vorbehaltslos: JA. Was es (für mich) so einzigartig machte, war, dass diese Region mit großartiger Natur und Tierwelt ziemlich einfach und mit nur geringen Vorkenntnissen auf eigene Faust zu bereisen war. Trotzdem war es einsam, man war oft fast, meistens ganz alleine, wodurch das Erleben ein sehr „privates“ wurde. Dass man das noch dazu auch mit kleinem Budget erleben konnte, war ein zusätzlicher Bonus. Außerdem glaube ich, dass der Tierbestand der „großen Grasfresser“ damals unvergleichlich besser war als jetzt.
Es war mir aber auch immer klar, dass das nicht so bleiben wird/konnte bzw. habe ich nie damit gerechnet. Die Welt hat sich eben verändert, es gab ein dramatisches Bevölkerungswachstum, die Armut ist erdrückend und der Druck auf alle Ressourcen ist dementsprechend groß. Die damals wirksamen „natürlichen“ Schutzmechanismen für solche Plätze sind weggefallen, wie z. B.: Beschwerliche oder schlechte Zugänglichkeit, schlechte Infrastruktur oder Versorgung, keine Bequemlichkeit, vermeintliche oder echte Risiken aller Art, keine Kommunikationsmöglichkeiten, keine Bekanntheit oder Reiseinformationen ect., etc.. Nichts davon existiert mehr, bleiben also nur „verordnete“ Schutzmaßnahmen (NP) und rigorose Zugangsbeschränkungen, ansonsten wird „die Bude gestürmt“.
In diesem Zusammenhang sehe ich die Eröffnung immer neuer Lodges in (!) den NP in Botswana als schlechte Entwicklung. Die paar Betten mehr sind selbst (noch) nicht "das" Problem. Bei diesem Preisniveau steigt aber der Personal-, Güter-, Energie- und damit Transportbedarf explosionsartig. Dann ist es rasch vorbei mit einem naturnahen Erlebnis für die, die noch wissen was das ist.
Als wir dann nach 20 und mehhr Jahren wieder einige Male in Botswana waren, waren natürlich relativ mehr Besucher, aber absolut hält sich das, durch das gegrenzte Angebot, noch alles in Grenzen. Es hat uns jedes Mal gut gefallen, obwohl anders, und wir waren sehr froh das wieder zu sehen. Was uns aber viel mehr als ein paar Leute mehr gestört hat, war wie schlecht und falsch sich Manche benahmen, auch wie blasiert und im Grunde desinteressiert viele waren, nach dem Motto: Löwe abgehakt und schnell weiter.
In den meisten Fällen ist die Ursache für falsches Benehmen (hoffentlich nur) Unwissenheit, obwohl man schon erwarten könnte, dass die Leute auch mal hin und wieder ihren Hausverstand einsetzen. Vor ein paar Wochen wurde hier im Forum geplant, besonders aussagekräftige ältere Beiträge und Reisetipps in einem "E-Book" zu bündeln. Vielleicht könnten die Mitwirkenden darin auch ein Kapitel über "Buschbenimm" aufnehmen, damit das Buscherlebnis so bleibt wie es sein sollte.
Absolut imponiert hat uns der wirtschaftliche und soziale Fortschritt in den Ländern der Region, wobei bezüglich Infrastruktur der Wandel in Botswana besonders groß war. Was von uns ausländischen Nostalgikern bejammert wird, war/ist für die Menschen der Region echter Fortschritt...genauso wie für viele Besucher, die ohne diese Entwicklung nie hingefahren wären.
So waren wir so viele Jahre später auch nicht enttäuscht, auch nicht bedauernd, aber sicherlich ein bisschen wehmütig.

@Erika und den „Buschkoller“ ihrer Reisegenossen, soweit dieser nicht durch Lariam verursacht war (baboon).
Am Kaa Gate im KTP hatten wir folgendes Erlebnis: Wir hatten den Zeltplatz mit Klo. Ein älteres Paar vom Nachbarplatz (ohne Klo), gerade erst aus Namibia angekommen, fragte uns, ob sie sich direkt zu uns dazu stellen könnten. Bald wurde klar, dass sie nicht die Nähe zum Loo suchten, sondern die Nähe zu uns, denn sie fürchteten sich 50 m weiter weg. Wir hatten keine Lust zu dieser Gruppendynamik und ich habe ihnen vorgeschlagen, dass sie einfach rufen sollten und ich käme sie dann holen, wann immer sie zum Häuschen oder sonst was wollten, auf unserem Platz wollten wir aber unter uns bleiben. Das haben sie dann brüsk abgelehnt und am nächsten Morgen haben sie nicht gegrüßt. Dabei standen sie erst am Anfang ihrer Tour und wir fragten uns, wie es ihnen weiter ergangen ist, denn zwischen den Stellplätzen im KTP und Mabuasehube sind überall große Abstände. Ich erzähle das, weil diese Episode auch eine Veränderung gegenüber damals veranschaulicht. Damals sind nur Leute zu solchen Plätzen gefahren, die schon wussten dass sie das auch mögen. Jetzt kommen auch viele Leute, die das auch noch "machen" wollten, obwohl sie sich eigentlich dabei nicht wohl fühlen. Ist ja keine Schande, aber die Leute hätten ihre ersten Campingererfahrungen in Afrika besser woanders machen sollen.
Grüße Werner
4'129 Beiträge · seit 200801. Nov. 2011 · #108
Wie nett sich hier alle Geschichten doch ergänzen! Uns bereichert das sehr.
Plötzlich erklärt sich nun auch, warum im letzten Jahr in Savuti die Suche nach unserem alten Standplatz so erfolglos war und wir keinen der alten Bäume fanden... Danke, Erika.
In Serondela war es einfach, der Baum steht nämlich noch.



Ja, war es denn wirklich damals schöner?

Mein Mann sagt: Eindeutig, JA.
Ich sage: Es ist jetzt schöner.
Wir einigen uns darauf: Es ist immer noch sehr schön.
Es war damals mehr basic, das vor allem. Total pur. Und es war einmalig und ist unwiederbringlich. Es ist in unser Leben eingeflossen und in unseren Herzen und unseren Köpfen verwahrt (wenn auch manchmal ganz schön weit hinten...😗 ).

Das Reisen war damals durchaus abenteuerlicher, aber ich vermisse das nicht, mein Mann schon! Ich bin ja nie gereist, um Abenteuer zu haben. Er schon. Mir wäre das zu banal. Ich bin immer gereist, weil ich den Kontakt zu fremden Kulturen und ihren Menschen liebe (mein Mann liebt auch die Menschen, aber noch mehr das Abenteuer, ich hingegen habe es nur für die anderen Erlebnisse gern in Kauf genommen). Andererseits suchen wir gemeinsam die Einsamkeit der Wildnis und die Tierbeobachtungen. Das lieben wir beide.
Und wenn uns das Abenteuer heute manchmal erwischt, nehmen wir es mit...😜


Das Reisen war damals manchmal auch sehr anstrengend. Aber wir hatten viel Zeit und das war wunderbar. Und das war es auch, was für uns das Reisen damals so schön machte. Wir waren frei! Wir haben, uns einfach entscheiden können zu bleiben, wenn es uns gefiel! Und das brachte auch die schönsten Erlebnisse!

Eigentlich gefällt uns das Reisen heutzutage sehr gut. Es erscheint uns einfacher, besser einschätzbar, "luxuriöser" und dafür teurer. Aber wir sind nun auch älter und in der glücklichen Lage, genug Geld für unsere moderne Reiseform zu haben, - obwohl wir noch immer nicht in Lodges übernachten. Unseren heutigen Reisestil hätten wir uns damals nicht leisten können, schon gar nicht über eine so lange Zeit.
Wir können uns nicht beschweren, alle Plätze, die uns nicht gefallen, verlassen wir bald möglichst und fahren sie nicht wieder an, es gibt genug anderes. Der Informationsfluss ist ziemlich zuverlässig (z.B. hier im Forum!), sodass wir uns mit der Auswahl der Orte selten vertun. Übervolle Plätze überraschen anfänglich, insbesondere dann, wenn man alte Plätze der Erinnerung aufsucht: So war z.B. im letzten Jahr die überfüllte Savuti Campsite ein absoluter Schock für uns, aber uns scheint, dass das mit dem Schock auch immer ein wenig an einem selbst liegt. Man darf eben nicht glauben, alles bliebe beim Alten.

Und an dieser Stelle möchte ich mich über die Mehrzahl der 4x4-Individualreisenden äußern: Es ist zum Glück so, dass der weit überwiegende Teil der Touristen sich angepasst verhält und gar nicht unangenehm auffällt!
Und die Doofen sind weit in der Minderzahl! Die fallen einem nur so auf, weil man von soviel Ahnungslosigkeit und Arroganz (häufig leider gepaart mit Distanzlosigkeit) doch immer ziemlich überrascht und dann genervt ist. Solche Leute können einem leider nachhaltig schöne Urlaubsstunden versauen, das erinnert man dann noch ziemlich lange.
Und Ignoranten, - die gab es schon immer. Egal wo. Ob Sahara, Kenya oder Namibia. Wir erinnern noch gut, Moremi 89, einspurig, zwei Bakkies kamen uns entgegen, wir fuhren auf die Seite. Auf der Ladefläche hingen fröhlich gröhlende Bier-Trinker mit erhitzten Gesichtern und hübsch sonnenverbranntem Nacken. Ihren leeren Flaschen begegneten wir dann auf dem Rest der Strecke zum South Gate. Darauf angesprochen, schüttelte der Ranger genervt den Kopf. Die Botswaner nannten diese Touren abfällig: „Bottle-Safaris“.

Das Besondere unserer damaligen Reisen bestand einfach auch darin, dass es nur recht wenig Leute machten, aus schon mehrfach genannten Gründen.

Es geht bei all dem ja immer nur um unsere individuelle Wünsche und Träume, nach „heiler“ Welt, der Ruhe und dem inneren Frieden in der Einsamkeit, weit weg von allem, nur mit der Schöpfung und sich allein.
Das aber, kann man auch immer noch haben, nur eben nicht mehr überall da, wo man es früher hatte. Viele Plätze bleiben einem noch, um sein „exklusives“ Reisen zu pflegen. Gerade die Erfahrung ist ja das große Pfund, das man dabei in die Waagschale werfen kann, denn man findet noch genügend Plätze, wo man all das hat, was man sucht und all das nicht da ist, was man nicht sehen will. Ist ja selbst in Europa so: Paddelt man z.B. durch die Rhein-Auen, könnte man sich fast wie mitten im Okavango Delta fühlen...

Gruß lilytrotter
Gruß lilytrotter Always look on the bright side of life... :-) Walvisbay boomt
zuletzt bearbeitet 01. Nov. 2011
1'003 Beiträge · seit 200801. Nov. 2011 · #109
Noch einmal vielen Dank für Eure Einsichten in die wilde Zeit 🙂

Ja, die Welt verändert sich und damals wäre es ja für viele von uns gar nicht möglich gewesen, mal so für 3-4 Wochen nach Afrika zu reisen, insofern verdanken wir das auch der verbesserten Infrastruktur.

Genießen kann man das alles heute auch noch aber mit zunehmender Einfachheit der Reise kommen natürlich auch Leute, die das eben machen, weil es inn ist. Und da muss ich Lilly rechtgeben, in die Wildnis zu fahren und dann Angst vor der Wildnis zu haben - das erschliesst sich einem nicht richtig - zumal am KAA Gate ja auch die Ranger in der Nähe sind ... .
Aber die Welt rückt durch ihre Entwicklung auch zusammen und der Horizont erweitert sich beträchtlich - das sind Möglichkeiten, die heute weitaus mehr Leuten zur Verfügung stehen, als damals.

Und es geht auch andersrum (man beachte seine Krawatte 😉 )
Van Zyl neuer Rektor der TU Chemnitz
Gruss
Christian
1'287 Beiträge · seit 200801. Nov. 2011 · #110
lilytrotter schrieb:
Wir einigen uns darauf: Es ist immer noch sehr schön.
Eine wunderbare Zusammenfassung! 🙂

Eine Frage habe ich aber noch an die 70er und 80er. Musste man in dieser Zeit nicht so viel arbeiten oder wie kommt es, dass Ihr offensichtlich so viel Zeit hattet? Oder auch anders gefragt, was mache ich falsch? 😉

Ich meine ich will mich nicht beklagen, konnte ich doch vor zwei Jahren dank Sabatical Regelung insgesamt drei Monate am Stück durch Afrika reisen, aber das nächste Mal dauert nun wieder ein bisschen.
Okay die sechs Wochen Urlaub im Jahr sind ja im Weltmaßstab gesehen auch nicht zu bemängeln, aber verglichen mit drei oder sechs Monaten doch eher kurz.

Danke und die besten Grüße aus Berlin
Carl
Madam und Boss Unterwegs (2014/15) "Bacon and Eggs - A day's work for a chicken; A lifetime commitment for a pig." (Anon) "I will go anywhere, provided it be forward" (David Livingston)
zuletzt bearbeitet 01. Nov. 2011
409 Beiträge · seit 200901. Nov. 2011 · #111
carl schrieb:
lilytrotter schrieb:
Wir einigen uns darauf: Es ist immer noch sehr schön.
Eine wunderbare Zusammenfassung! 🙂

Eine Frage habe ich aber noch an die 70er und 80er. Musste man in dieser Zeit nicht so viel arbeiten oder wie kommt es, dass Ihr offensichtlich so viel Zeit hattet? Oder auch anders gefragt, was mache ich falsch? 😉

Carl
Tja, Carl, das ist wohl eine Frage der Prioritaetensetzung. Mit der (Lebens-)Zeit ist es nicht viel anders als mit dem Beton, fuer den in den Achtzigern in der Werbung mit dem Slogan "Es kommt darauf an, was man daraus macht" geworben wurde.
Damals gab es auch nicht mehr Zeit an sich. Aber es gab mehr Menschen, die sich getraut haben, abseits des Mainstreams biographische Eckpunkte zu setzen.
Und das manchmal auch zu dem Preis, dass die Karrierekurve eine kleine Delle kriegte.

Thinkaboutit.

Camelthorn
"Nothing is more powerful than an idea whose time has come" (Victor Hugo)
Gast01. Nov. 2011 · #112
Hallo Werner,
Hallo Lillytrotter,

da bleibt mir nichts als Euch Beiden 100%ig zuzustimmen...

Grüße baboon

Aber auch Camelthorn hat Recht - gleichwohl, nur mit einer Delle ist es heute vielleicht nicht mehr getan. Ich fühle mich in meinem Job bereits nach 4 Wochen wie der Azubi 😈
4'129 Beiträge · seit 200801. Nov. 2011 · #113
Damals wie heute war es eine Frage der Prioritäten, camelthorn sagte es schon.
Die einen kauften sich einen neuen Golf und flogen auf die Balearen, wir lagen derweil nach der Arbeit unterm Auto und schweißten und schraubten.

Ich vermute mal, man musste damals genauso viel arbeiten. Wir haben immer viel gearbeitet und wir waren sparsam. Wir denken aber auch, es war damals einfacher seine Arbeit zu verlassen und nach der Rückkehr schnell wieder etwas zu finden.

Eine Bemerkung zu richtig oder falsch machen: Keiner macht da was falsch, man muss sich nur entscheiden, was einem wichtig ist im Leben. Und dann ist es gut. Man stelle sich nur vor, es würden alle gleich machen, wer könnte sich dann die Fingerfertigkeit z.B. als Herz-Operateur erarbeiten und wer die Wissenschaften vorantreiben??

Das, was wir für uns entschieden haben, ist nicht übertragbar und auch wir haben dafür auf einiges Andere verzichtet.
Stichwort Karriereknick: Ja.
Man muss in der Lage sein, immer von unten wieder anzufangen.

Auch das was Erika schrieb, können wir bestätigen: Jeder der heute so was macht, heute geht an die Presse, schreibt ein Büchlein und macht seine HP und Blog (haben damals auch schon einige versucht, sich ihre Reise übers Schreiben zu finanzieren oder sich Sponsoren fürs Fahrzeug zu suchen).

Eines aber, ist heute wirklich anders. Es ist ein Statussymbol geworden, sich so etwas „leisten“ zu können: Exotik und Abenteuer werden gekauft. Davon lebt eine ganze Branche. – Ich meine NICHT die vielen, ebenso Afrika-Infizierten, die sich tapfer ihre nächste 3 wöchige Afrikareise erarbeiten, und auch nicht die, die sie sich entscheiden von Lodge zu Lodge zu reisen, dies aber mit Liebe zur Sache machen! - sondern solche Großmäuler, die man ab und an trifft (auch in ganz anderen Zusammenhängen), die über ihre elitären „Safaris“ und „Abenteuerreisen“ schwadronieren, - da geht es nur um Punkte sammeln auf der Status-Skala, abhaken der „100 Places you have to see...“ mitreden zu können und zu toppen, was der geliebte Kollege gemacht hat. Alles muss man gemacht haben, spezialisierte Reiseangebote wachsen wie Pilze aus dem Boden, das Reiseziel ziert das Prestige und nährt das Ego, ebenso wie Automarken, Möbel und Fine Food. Das kurbelt die Wirtschaft an.
Das mit dem Prestige war damals allerdings das genaue Gegenteil: Wir waren suspekt! Keiner konnte es verstehen.


Aber im Moment habe ich den Eindruck, dass wir uns von den schönen alten Reisegeschichten entfernen und zum Langzeitreisen wechseln, das war nicht meine Absicht, ich hatte es nur zwischendurch für nötig gehalten die Umstände zu erwähnen, damit die Erlebnisse in den Reisegeschichten im entsprechenden Kontext stehen und besser verständlich werden.


Gruß lilytrotter
Gruß lilytrotter Always look on the bright side of life... :-) Walvisbay boomt
ThemenstarterGast03. Nov. 2011 · #114
Hallo, ich füge hier jetzt auch noch eine alte Karte ein und zwar diese Michelinkarte Nr. 155, „Africa, Central and South“, 1 : 4.000.000 aus 1969, Kostenpunkt 1,25 Rand.

Michelin_1969_1.JPG


Michelin_1969_3.JPG


Michelin_1969_2.JPG


Man beachte die freien Flächen in Teilen von Zim, Moz und Bots. Das ca. Mitte/Ende der 60er proklamierte Moremi ist noch nicht eingezeichnet.
Für die Touren entlang der Hauptstraßen war die Orientierung natürlich einfach und man ist mit den üblichen Straßenkarten gut zurechtgekommen. Diese waren in bzw. für SA sehr gut. Es gab auch vom Touringclub (AA) einen hervorragenden Autoatlas, mit Illustrationen und Text, praktisch schon ein Reiseführer. Reiseführer für Mozambique oder Botswana gab es nicht. Wahrscheinlich gab es da in Europa ein besseres Bücherangebot, wo man auch Verhaltenstipps für solche Fahrten finden konnte.
Für Botswana und Mozambique gab es nur die Karten vom AA, die ich leider nicht mehr habe. Aber es war im Prinzip nicht viel mehr drauf als auf obiger Michelinkarte, nur das Papierformat war größer und auf der Rückseite standen ein paar elementare Länderinformationen. Die Pisten abseits der Fernverbindungen waren entweder nicht erfasst und wenn, höchstens als allgemeine Richtungsangabe zu werten. Für solche Routen waren die Karten auch ungenau in Bezug auf Ortsnamen und Entfernungen zwischen Abzweigungen und Beschilderungen an den Wegekreuzungen gab es praktisch keine, man (ich) konnte sich schon leicht verfahren. Natürlich hat man das irgendwann bemerkt und solange man sich rechtzeitig seiner Grenzen bewusst wurde, konnte man auch nicht „verloren gehen“. Die eigentliche Unsicherheit bzw. Verunsicherung war immer der Spritverlust wegen "leerer Kilometer". Denn der Spritvorrat war immer (zu) knapp, weil es am Land keine verlässliche Versorgung gab und der Verbrauch der damaligen Benziner mit Vergasermotoren und 4-Ganggetrieb bei diesen Fahrverhältnissen und querfeldein sehr hoch war, mindestens 50% höher als bei modernen Autos.

@ Erika und Botswana 1988
Danke Erika, deine Schilderung der Straße aus/nach Namibia ist noch genauso wie wir das 1977 erlebt haben, die gute Straße wurde demnach erst relativ spät gebaut.

10_MaunnachGhanzi1977.jpg


In Moremi gab es nach meiner Erinnerung bis 1977 nur einen (erlaubten) Campingplatz bei 3rd Bridge, weil es dort den Fluss für Baden und Trinken gibt und sonst keine Infrastruktur war. Beim South Gate war nichts, nicht ein Mal ein richtiges gate (nur ein Platz mit den guides, wo man auch bezahlt hat), obwohl man sich natürlich draußen überall in und durch die Büsche schlagen konnte, wenn man die Ortskenntnis hatte. Die direkten Straßen nach North Gate und Xakanaxa gab es glaube ich nicht. Ein North Gate bzw. eine Durchfahrtsmöglichkeit muss es aber schon gegeben haben, weil ein Mal Overlander (London > Kapstadt, organisiert) aus dieser Richtung durchkamen. Die waren schon so fertig, dass sie nur auf der Brücke und im Wasser gelegen sind und an Ausfahrten und Tieren kein Interesse mehr hatten.
Wir sind ein paar Mal bis ca. Hippo Pools (glaube ich) gefahren, ich kann mich aber nicht an einen Campingplatz bei Xakanaxa erinnern, der muss erst später entstanden sein.
Gab es bei deinem Besuch 1988 auch noch so viele Tsetsefliegen? Bei unseren Besuchen musste man sich im Wald und Buschland noch einwickeln wie eine Mumie, sonst wäre man ausgesaugt worden.

@ Müll im Moremi und überall.
Wenn man Papier und Plastik (damals fast nicht vorhanden) verbrennt, organisches „unterwegs kompostiert“, Konservendosen (damals kein Aluminium) ordentlich im Feuer ausbrennt, flach klopft und tief vergräbt und Glas wieder mit nimmt, bleibt überhaupt kein Müll zurück. Leider haben das viele nicht gemacht.

@ Zeit und Geld fürs Reisen, damals und jetzt
Ich möchte in Erinnerung bringen, dass es damals noch die 48 Stundenwoche mit Arbeit am Samstag gab. In SA hatte ich auch damals schon ein „all-inclusive“ Arbeitsverhältnis und sicherlich mehr gearbeitet (auch samstags) als in einem gleichartigen Job in Österreich, allerdings auch besser verdient. Es gab aber vergleichsweise mehr Urlaubstage, auch alle 5 Jahre einen zusätzlichen Monat “longservice leave“ und manchmal ein paar Wochen zusätzlich asl Kompensation für lange Perioden mit 60/70 Stundenwochen. Unsere längste Tour von ca. 10 Wochen ging aber auch erst nach Beendigung meines Arbeitsverhältnisses. Schwierige Fernreisen und Expeditionen (wie von Erika und Lilytrotter) waren für eine junge Familie mit Kleinkindern sowieso nicht möglich. Bezüglich Reisen in der Region waren wir natürlich privilegiert, weil wir vor Ort waren. Wir haben praktisch jeden freien Tag genützt um irgendwo hinzu fahren, was aber nur leistbar war, weil wir meistens gezeltet haben, und wenn mal nicht, haben wir in den NP meistens die billigste Bungalowkategorie genommen. Diese war damals sehr spartanisch und wenn heute eine Kaserne so ausgestattet wäre, würde jemand die Menschenrechtsliga anrufen. Hat aber damals niemanden gestört, war Luxus pur nicht schon wieder Zelt rauf und runter machen zu müssen. Nach unserer Rückkehr nach Österreich war für viele Jahre an solche Fernreisen nicht zu denken, bloß zu träumen. Es gut uns heute echt gut.
Grüße Werner
2'338 Beiträge · seit 200704. Nov. 2011 · #115
Hallo zusammen

Danke Werner für die Ausschnitte aus der alten Michelin-Karte und das Foto von dem Sandweglein, das weckt Erinnerungen 🙂 ! Ja, man sieht gut, dass es in Botswana damals noch gar keine Teerstrassen gab. Mit dem Ausbau der Verbindungswege wurde erst anfangs der Neunzigerjahre begonnen. Erst wurde nach und nach geschottert und dann geteert. Bis alles fertig war, dauerte es Jahre. Manche Teilstücke waren von den Nordkoreanern so hauchdünn geteert worden, dass nach der Fertigstellung gleich die Ausbesserungstrupps nachfolgten, da sich nach kurzer Zeit Schlaglöcher gebildet hatten. Anhand dieser Karten kann man sich mal ein Bild machen, wie langsam man vorankam. In unserem Fall 1988: Ab Gobabis über Ghanzi, Maun, Moremi, Chobe, Kasane, Katima Mulilo bis Rundu war mit Ausnahme des 1 km langen Teerstücks in Maun nur Tiefsand, normaler Sand oder bestenfalls Schotter. Da lag es nicht drin, mal kurz an einen Namibiaaufenthalt eine Woche Botswana plus Besuch der VicFalls dranzuhängen.

Im Moremi gab es die Camps South Gate, 3rd Bridge mit herrlicher Bademöglichkeit, Xakanaxa und North Gate bereits, aber wie gesagt war alles noch viel spartanischer als jetzt und das Abfallproblem war überhaupt nicht gelöst. Für Moremi hatten wir eine Kopie einer Karte dabei, die auf einem Reissbrett gezeichnet worden war, ohne Angabe von Kilometern usw 😵 . Sie war wenig hilfreich, denn es waren nur diejenigen Spuren aufgezeichnet, die der Verfasser kannte, aber man konnte immerhin daraus lesen, in welche Himmelsrichtung die paar Spuren führten. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir immer wieder ausstiegen um mit dem Kompass die Richtung zu prüften und dass einmal alle drei Kompasse in eine andere Richtung zeigten, was zur Folge hatte, dass die eine Kollegin schlagartig von einen Heulkrampf geschüttelt wurde 🤨 . Die Zeit war für sie wieder reif für eine Narkosetablette plus doppeltem Brandy 🙄 .

Den Tsetse-Fliegen hatte man mitte der Achtzigerjahre den Kampf angesagt und erreicht, dass sie nach und nach verschwanden. Diese Massnahme hatte zur Folge, dass die Einheimischen ihre Rinder bis weit ins Delta treiben konnten, da dort mehr Futter und Wasser vorhanden war. Die masslose Überweidung wurde dort fortgesetzt. Ich habe aber gehört, dass das irgendwann von den Behörden auf Drängen der Naturschützer gestoppt wurde, was auch gut war, denn sonst hätte das Delta bald so verwüstet und abgefressen ausgesehen wie der Panhandle in der Trockenzeit 🙁 .

Einige von euch haben sich gefragt, wie man Langzeitreisen in früheren Zeiten mit dem Job vereinbaren konnte. Dazu kann ich nur sagen, wenn man wirklich etwas will, dann geht das immer, auch heute noch. Natürlich ist das Problem mit dem Karrierenknick vorhanden, aber es muss jeder für sich entscheiden, was ihm wichtiger ist im Leben. Wir hatten das Glück, dass in der Schweiz grosser Personalmangel herrschte, als wir Ende 1971 von unserer Reise nach Hause kamen. Unsere Sachen waren noch nicht mal ganz ausgepackt als wir bereits wieder einen Job in meiner alten Firma plus Wohnung hatten 🤩 .

Erika
Meine Reiseberichte: 1971: Mit dem VW-Bus von Kapstadt bis Mombasa http://www.namibia-forum.ch/forum/132-reiseziele-tipps/197270-unterwegs-in-den-1970er-jahren.html?start=120 2013: Durch den wilden Westen Tansanias (Am Anfang war die Hülle) http://www.namibia-forum.ch/forum/158-diverses/278559-am-anfang-war-die-huelle.htm 2013: Nordmosambik, mal schön - mal hässlich + ein Stück Südtansania http://www.namibia-forum.ch/forum/150-diverses/279223-reisebericht-nordmosambik-mal-schoen-mal-haesslich.html 2014: Auf bekannten und unbekannten Pfaden durch Tansania http://www.namibia-forum.ch/forum/158-diverses/282862-auf-bekannten-unbekannten-pfaden-durch-tansania.html 2015: Eine Reise wird zum Alptraum/Kenia http://www.namibia-forum.ch/forum/156-diverses/285693-eine-reise-wird-zum-alptraum.html
1 Beiträge · seit 201107. Nov. 2011 · #116
Hallo!

Bezueglich der Digitalisierung alter Dias kann ich sagen, dass ich neulich auch meine ganze Diasammmlung auch ausgepackt habe und es zunaechst selbst versucht habe, dann aber schnell den Gedanken aufgegeben habe und auf einen profesionellen Scan-Dienstleister zurueck gegriffen habe. Dabei ist mir ScanCorner (www.scancorner.ch) auf Grund seines guten Preis-/ Leistungsverhaeltnisses aufgefallen. Daher kann ich diesen Service fuer diejenige, die ebenfalls bei einer Diasammlung von ueber 50 Stueck verzweifeln, nur empfehlen.
9 Beiträge · seit 201206. Juni 2012 · #119
Wirklich toller Bericht, ich hoffe, es folgt noch mehr...
Gast01. Mai 2013 · #120
Die Bilder sind wieder drin.
Da die Wiederherstellung der Schreibrechte zum Einfügen der Bilder im Startbeitrag aus 2011 doch nicht so einfach ist, habe ich diesen hier (mit ein paar kleinen Änderungen) nochmals angehängt und die Bilder im Text eingefügt.

Unterwegs in den 1970er Jahren:
Wir haben von 1968 bis 1977 in Südafrika gelebt und die Region 1997, 2002 und 2008 nochmals besucht. Forumsmitglied Carl hat vorgeschlagen: „….wäre es natürlich äußerst spannend ein paar Informationen aus der Zeit Deines Südafrikaaufenthaltes zu bekommen……“ Ich habe nun also versucht zu beschreiben, wie sich Reisen in der Region in 1970er Jahren dargestellt hat und das so strukturiert: Getting around, Nationalparks und Moremi, abschließend noch etwas zu Klima und Wasser…und alles ist viel zu lange geworden.

Was war also anders vor 40 Jahren? Alles natürlich (so wie überall), aber in vielen Belangen war es für den „Selbstfahrer“ eigentlich einfacher als heute, denn, nur wer die Wahl hat, hat auch die Qual.

Getting around: Fahrzeuge, Straßen, Orientierung, Camping, Versorgung

Allradfahrzeuge waren LR (Defender, Rangerover) und Toyota-LC (nur Pick-up). Puch und Jeep waren seltene Exoten. Fast nur Benziner, Diesel waren leistungsschwach und unzuverlässig (LR, Perkins). 4x4’s wurden eigentlich nur angeschafft, wenn/wo sie unbedingt gebraucht wurden (Farmer, Behörden etc.). Die eigentlichen Autos „für’s Grobe“ waren die diversen „bakkies“, die aber nicht mit Allrad ausgestattet und daher billiger waren. Nur wenige Privatpersonen haben sich einen 4x4 geleistet, für den Mittelstand war das eigentlich Luxus. Die durchschnittlichen Südafrikaner sind im Allgemeinen nirgendwo hingefahren, wo sie ihre geheiligte Familienkarosse hätten beschädigen können. Der Krugerpark repräsentierte „Afrika“, dafür braucht man keinen Allrad, der Rest interessierte nicht, weil zu beschwerlich und „gefährlich“. Der internationale Tourismus beschränkte sich auf Jhbg., Krugerpark und die Kapprovinz. Dementsprechend paradiesisch einsam waren die vielen schönen Plätze, die man auch mit einem PKW erreichen konnte und so gab es für viele Jahre PKW-taugliche Reiseziele. Niemand würde heute derartige Touren mit einem PKW machen (ich auch nicht mehr), aber die PKWs waren damals auch robuster. Mit Vorsicht und Umsicht (und Mangels eines 4x4) ging Einiges.
Wir selbst hatten (nach einer kurzen und schlechten Erfahrung mit VW) zunächst einen Peugeot 404, der sich (Dank Schmiernippeln an allen neuralgischen Punkten) gut geschlagen hat.
Der legendäre 404

1_404.jpg


Trotz aller Vorsicht waren Bodenberührungen aber unvermeidbar und über die Jahre habe ich auf diese Weise einige Liter Tankkapazität herausgeklopft.
Unterbodenkontrolle am Weg von Nova Sofala zur EN1

2_404_Unterbodenkontrolle.jpg


Die nasse Jahreszeit war meistens schwierig, so z.B. auf der Rückfahrt von Malongane,

3_nachMalongane.jpg


anfänglich noch flott unterwegs,

4_404flottunterwegs.jpg


aber schließlich abgesoffen

5_404_abgesoffen.jpg


Nach einigen Erlebnissen dieser Art wollten wir dann doch ein Auto mit mehr Watttiefe und haben uns dann einen gebrauchten Landcruiser Pick-up geleistet und vom Karosseriespengler eine Kabine aufsetzen lassen.
Der brave LC
6_LCderGute.jpg


Damit hatten wir dann keine Probleme mehr oder zumindest andere…..
Der böse LC

7_LCderBse.jpg



Das Straßennetz in SA und Namibia war schon damals sehr gut, die wichtigen Fernverbindungen geteert, die Schotterstraßen des zweitrangigen Straßennetzes waren gut gepflegt; Zimbabwe war ähnlich gut. In Zimbabwe gab es auch „strip roads“, eine Art low-budget Teerstraße mit breitem Schotterbanket. Bei Gegenverkehr mussten beide runter von einer Teerspur; unübersichtliche Stellen waren potenziell gefährlich, weil der Gegenverkehr das nicht immer machte.
Strip roads in Zimbabwe in den 70ern
9_Zimstriproad1970.jpg
zuletzt bearbeitet 02. Mai 2013