Eine ungewöhnliche Übernachtungsgeschichte habe ich noch. Ich hatte sie für eine Reisezeitschrift verfasst, deshalb ist sie etwas "farbig" geraten, doch die Fakten stimmen exakt. Das Erlebnis geschah wenige Tage nach der unheimlichen Übernachtung im "Tausend-Sterne-Hotel" im Hoggargebirge, die ich ein paar Seiten zuvor eingestellt habe.
Geheimnisvolle Wüste
„Das glaube ich jetzt aber nicht!“
Ich verenge meine Augen zu Schlitzen, beschatte sie mit den Händen, putze die Brillengläser - das Bild bleibt dasselbe. Eine Fata Morgana? Dafür ist die Erscheinung zu nah. Sarah und Maggie, zwei meiner Reisegefährtinnen, rubbeln mit den Zipfeln ihrer Palästinensertücher die Frontscheibe des Jeeps, aber die Patina ist nicht Schuld an der Erscheinung.
Kader, unser Reiseführer, sein Bruder Mohamad und die vier Tuareg sind aus den Geländewagen geklettert. In den traditionellen Gewändern heben sie sich wie Zypressen von der unwirklichen Landschaft ab. Gesenkte Köpfe zwischen hochgezogenen Schultern und fahrige Bewegungen lassen ihre Verwirrung erahnen.
Vor drei Tagen sind wir im strömenden Regen von Tamanrasset, einer Handelsoase auf dem Weg nach Schwarzafrika, aufgebrochen und haben uns bis gestern durch Regen, Schlamm und Pfützen Richtung Niger gewühlt. Mit angehaltenem Atem haben wir uns durch reißende Flüsse getastet, die unsere Crew bisher nur als Trockentäler kannte. Während im Norden regenschwere Wolkenmassen die Ausläufer des Hoggargebirges verhüllten, sieht der Himmel hier im Süden der Sahara aus wie Sandpapier.
Endlich bietet die Wüste das Bild, das wir erwartet haben: trocken, heiß und staubig; Geröll und Sand so weit das Auge reicht. In wilder Jagd über Sandpisten mit Fahrrillen, die jedem Kartoffelacker Ehre machen, versuchen die Fahrer, den Zeitverlust aufzuholen. Prähistorische Felsmalereien sind unser heutiges Ziel. Kader hat uns einige besonders interessante Gravuren versprochen.
Bis vor wenigen Minuten jedenfalls.
Nun stehen wir am Ufer eines Sees, der sich bis zum Horizont erstreckt. Nicht nur, dass er uns den Weg abschneidet, er bedeckt auch die Felsen mit den Malereien und den vorgesehenen Lagerplatz.
Die nachmittägliche Hitze flimmert auf dem milchigen Wasser und verwischt den Übergang zwischen Himmel und Erde. Kleine schwarzweiße Vögel, unseren Schwalben ähnlich, schwirren über die Fläche. Ich setze mich ans Ufer, atme tief ein.
Wie gut das Wasser riecht.
Unsere Crew steht immer noch auf dem selben Fleck. Ihre Stimmen sind viel höher als sonst. Was mag in ihnen vorgehen angesichts dieses neuen Sees? Endlich bewegen sie sich, streben auseinander. Hassiba rafft seine blaue Ganduhra hoch und stippt vorsichtig einen Fuß ins Nass. Sein Bruder, dessen Name ich mir nicht merken kann, hebt ebenfalls sein Gewand und marschiert zielstrebig hinein. Das Wasser spritzt hoch auf, als er ausrutscht und im hohen Bogen hinein platscht. Vorbei ist der besinnliche Augenblick, raues Männergelächter zerfetzt die sanften Töne der Wüste.
Ich erhebe mich, mir ist heiß. Ich würde ebenfalls gerne ein Bad nehmen und beobachte neidvoll Hassibas Bruder, der jetzt aus dem Wasser stolpert. Wie dünn er ist. Unter den Falten seines Gewands ist mir das bisher nicht aufgefallen. Eine Bö huscht über den Sand, wirbelt kleine Staubspiralen auf und lässt den unfreiwilligen Badegast erzittern.
Was nun? Das Wasser ist zu tief, um die Geländewagen hindurchzujagen. Kader hat sich einige Schritte entfernt und starrt auf den See. Die Wüste lässt keine Fehler zu, und er trägt die Verantwortung für uns.
Als ich mich nach seinen Plänen erkundigen will, kommt Maggie mir zuvor.
"Kader, wir Frauen wollen baden. Entfernt euch mal. Vielleicht findet ihr eine flache Stelle, wo wir übersetzen können."
Ein kurzer Blick streift uns. Ein Wortwechsel auf Arabisch bringt Bewegung in unsere Begleiter.
„Eine halbe Stunde“, ruft Kader und rennt hinter den anderen her zu einem der Jeeps, dessen Motor ungeduldig aufjault. Dann rast eine mächtige Staubfahne Richtung Westen.
Wir sind allein, werfen die Kleider ab und springen ins milchige Wasser, das uns warm und weich umfängt. Wir albern herum, schwimmen hinaus, tauchen und steigen wieder an Land. Da unsere Handtücher mit der Staubwolke davon gefahren sind, darf der Wind ihre Aufgabe übernehmen.
„Was wohl die Männer machen? Ich sehe kein Auto, die sind wirklich weg.“
Obwohl ich die Augen zusammen kneife, erkenne ich nur Punkte am Horizont.
„Keine Bange, die kommen wieder. Wir haben nämlich die Lebensmittel und das Trinkwasser im Auto“, grinst Sarah.
Maggie kramt ihre Kamera mit dem Maxi-Tele hervor.
„Das haben wir gleich.“
Sie zoomt, kichert, fotografiert, kichert wieder.
„Mädels, das glaubt ihr erst, wenn ihr es gesehen habt.“
Wir stecken die Köpfe über dem Display zusammen, betrachten aufspritzendes Wasser, nackte schwarze Köpfe schauen heraus. Eine schmale Gestalt lehnt am Jeep. Auf dem nächsten Bild entsteigen zwei magere Gestalten in Unterhosen dem Wasser. Wenn die wüssten, dass wir sie beobachten! Ein anderer ist dabei, den Turban zu wickeln, er scheint mit dem Wind zu kämpfen. Dann sitzen die sechs im Sand, ein ausgestreckter Arm zeigt über den See.
„Diese Halunken, deshalb hatten sie es so eilig.“
Das Licht wechselt unmerklich die Farbe und legt seine orange Abendrobe über den Sand, als endlich der Wagen mit unseren Begleitern zurückkehrt.
„Wir werden hier übernachten“, verkündet Kader, während er sich zu uns hockt. „In Richtung Westen gibt es kein Hinüberkommen. Das Wasser grenzt bis an ein Geröllfeld, das wir nicht befahren können. Morgen früh versuchen wir es im Osten.“
Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist es noch dunkel. Ich höre die Männer murmeln, Holz knackt, es riecht nach Lagerfeuer und Tagella, dem Fladenbrot. Unwillig schäle ich mich aus dem warmen Schlafsack. Während im Westen noch die Sterne funkeln, zieht im Osten das erste Licht einen Trennstrich zwischen Himmel und Erde.
„Marhaba“, ruft Kader, „Frühstück ist fertig.“
„Wir sind gleich so weit.“
Ich fahre mit den Fingern durch die verfilzten Haare und krame mein Waschzeug aus dem Rucksack. Der Himmel wird heller, die Farben erwachen, ein erster Sonnenstrahl blitzt hervor. Ich wende mich zum See, verwechsle verschlafen die Richtung, blicke auf Felsen, deren Schatten nach meinen Füßen greifen, auf Steinbrocken und dunklen Sand.
Ich drehe mich um, dann noch einmal.
In welcher Richtung liegt denn nun dieser verdammte See?
Wo sich gestern noch Wasser ausbreitete, schält sich aus der Dämmerung ein weitläufiges Tal, in dessen Mulden Wasserlachen blinken.
Geheimnisvolle Wüste
„Das glaube ich jetzt aber nicht!“
Ich verenge meine Augen zu Schlitzen, beschatte sie mit den Händen, putze die Brillengläser - das Bild bleibt dasselbe. Eine Fata Morgana? Dafür ist die Erscheinung zu nah. Sarah und Maggie, zwei meiner Reisegefährtinnen, rubbeln mit den Zipfeln ihrer Palästinensertücher die Frontscheibe des Jeeps, aber die Patina ist nicht Schuld an der Erscheinung.
Kader, unser Reiseführer, sein Bruder Mohamad und die vier Tuareg sind aus den Geländewagen geklettert. In den traditionellen Gewändern heben sie sich wie Zypressen von der unwirklichen Landschaft ab. Gesenkte Köpfe zwischen hochgezogenen Schultern und fahrige Bewegungen lassen ihre Verwirrung erahnen.
Vor drei Tagen sind wir im strömenden Regen von Tamanrasset, einer Handelsoase auf dem Weg nach Schwarzafrika, aufgebrochen und haben uns bis gestern durch Regen, Schlamm und Pfützen Richtung Niger gewühlt. Mit angehaltenem Atem haben wir uns durch reißende Flüsse getastet, die unsere Crew bisher nur als Trockentäler kannte. Während im Norden regenschwere Wolkenmassen die Ausläufer des Hoggargebirges verhüllten, sieht der Himmel hier im Süden der Sahara aus wie Sandpapier.
Endlich bietet die Wüste das Bild, das wir erwartet haben: trocken, heiß und staubig; Geröll und Sand so weit das Auge reicht. In wilder Jagd über Sandpisten mit Fahrrillen, die jedem Kartoffelacker Ehre machen, versuchen die Fahrer, den Zeitverlust aufzuholen. Prähistorische Felsmalereien sind unser heutiges Ziel. Kader hat uns einige besonders interessante Gravuren versprochen.
Bis vor wenigen Minuten jedenfalls.
Nun stehen wir am Ufer eines Sees, der sich bis zum Horizont erstreckt. Nicht nur, dass er uns den Weg abschneidet, er bedeckt auch die Felsen mit den Malereien und den vorgesehenen Lagerplatz.
Die nachmittägliche Hitze flimmert auf dem milchigen Wasser und verwischt den Übergang zwischen Himmel und Erde. Kleine schwarzweiße Vögel, unseren Schwalben ähnlich, schwirren über die Fläche. Ich setze mich ans Ufer, atme tief ein.
Wie gut das Wasser riecht.
Unsere Crew steht immer noch auf dem selben Fleck. Ihre Stimmen sind viel höher als sonst. Was mag in ihnen vorgehen angesichts dieses neuen Sees? Endlich bewegen sie sich, streben auseinander. Hassiba rafft seine blaue Ganduhra hoch und stippt vorsichtig einen Fuß ins Nass. Sein Bruder, dessen Name ich mir nicht merken kann, hebt ebenfalls sein Gewand und marschiert zielstrebig hinein. Das Wasser spritzt hoch auf, als er ausrutscht und im hohen Bogen hinein platscht. Vorbei ist der besinnliche Augenblick, raues Männergelächter zerfetzt die sanften Töne der Wüste.
Ich erhebe mich, mir ist heiß. Ich würde ebenfalls gerne ein Bad nehmen und beobachte neidvoll Hassibas Bruder, der jetzt aus dem Wasser stolpert. Wie dünn er ist. Unter den Falten seines Gewands ist mir das bisher nicht aufgefallen. Eine Bö huscht über den Sand, wirbelt kleine Staubspiralen auf und lässt den unfreiwilligen Badegast erzittern.
Was nun? Das Wasser ist zu tief, um die Geländewagen hindurchzujagen. Kader hat sich einige Schritte entfernt und starrt auf den See. Die Wüste lässt keine Fehler zu, und er trägt die Verantwortung für uns.
Als ich mich nach seinen Plänen erkundigen will, kommt Maggie mir zuvor.
"Kader, wir Frauen wollen baden. Entfernt euch mal. Vielleicht findet ihr eine flache Stelle, wo wir übersetzen können."
Ein kurzer Blick streift uns. Ein Wortwechsel auf Arabisch bringt Bewegung in unsere Begleiter.
„Eine halbe Stunde“, ruft Kader und rennt hinter den anderen her zu einem der Jeeps, dessen Motor ungeduldig aufjault. Dann rast eine mächtige Staubfahne Richtung Westen.
Wir sind allein, werfen die Kleider ab und springen ins milchige Wasser, das uns warm und weich umfängt. Wir albern herum, schwimmen hinaus, tauchen und steigen wieder an Land. Da unsere Handtücher mit der Staubwolke davon gefahren sind, darf der Wind ihre Aufgabe übernehmen.
„Was wohl die Männer machen? Ich sehe kein Auto, die sind wirklich weg.“
Obwohl ich die Augen zusammen kneife, erkenne ich nur Punkte am Horizont.
„Keine Bange, die kommen wieder. Wir haben nämlich die Lebensmittel und das Trinkwasser im Auto“, grinst Sarah.
Maggie kramt ihre Kamera mit dem Maxi-Tele hervor.
„Das haben wir gleich.“
Sie zoomt, kichert, fotografiert, kichert wieder.
„Mädels, das glaubt ihr erst, wenn ihr es gesehen habt.“
Wir stecken die Köpfe über dem Display zusammen, betrachten aufspritzendes Wasser, nackte schwarze Köpfe schauen heraus. Eine schmale Gestalt lehnt am Jeep. Auf dem nächsten Bild entsteigen zwei magere Gestalten in Unterhosen dem Wasser. Wenn die wüssten, dass wir sie beobachten! Ein anderer ist dabei, den Turban zu wickeln, er scheint mit dem Wind zu kämpfen. Dann sitzen die sechs im Sand, ein ausgestreckter Arm zeigt über den See.
„Diese Halunken, deshalb hatten sie es so eilig.“
Das Licht wechselt unmerklich die Farbe und legt seine orange Abendrobe über den Sand, als endlich der Wagen mit unseren Begleitern zurückkehrt.
„Wir werden hier übernachten“, verkündet Kader, während er sich zu uns hockt. „In Richtung Westen gibt es kein Hinüberkommen. Das Wasser grenzt bis an ein Geröllfeld, das wir nicht befahren können. Morgen früh versuchen wir es im Osten.“
Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist es noch dunkel. Ich höre die Männer murmeln, Holz knackt, es riecht nach Lagerfeuer und Tagella, dem Fladenbrot. Unwillig schäle ich mich aus dem warmen Schlafsack. Während im Westen noch die Sterne funkeln, zieht im Osten das erste Licht einen Trennstrich zwischen Himmel und Erde.
„Marhaba“, ruft Kader, „Frühstück ist fertig.“
„Wir sind gleich so weit.“
Ich fahre mit den Fingern durch die verfilzten Haare und krame mein Waschzeug aus dem Rucksack. Der Himmel wird heller, die Farben erwachen, ein erster Sonnenstrahl blitzt hervor. Ich wende mich zum See, verwechsle verschlafen die Richtung, blicke auf Felsen, deren Schatten nach meinen Füßen greifen, auf Steinbrocken und dunklen Sand.
Ich drehe mich um, dann noch einmal.
In welcher Richtung liegt denn nun dieser verdammte See?
Wo sich gestern noch Wasser ausbreitete, schält sich aus der Dämmerung ein weitläufiges Tal, in dessen Mulden Wasserlachen blinken.
Reiseberichte und Videos
Video:Bootsafari auf dem Kwando 2018
Forum(2016): Südafrika & KTP
Forum(2013): Zwei Gruftys in Botswana
Forum(2013): Fünf Tage in Johannesburg
Web:Namibia & Botswana 2017
Video:Sani Pass 2015
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Web:Auf Pad im südl. Afrika 2014
Video:Elefanten im Senyati Safari Camp 2013
Web:Namibia 2011