TURNHALLE- Konferenz und –Plan

33 Antworten · 4'587 Aufrufe · gestartet 15. Aug. 2016 von leser
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Gast17. Aug. 2016 · #21
Hallo Beginner,
Beginner schrieb:Nur als Beispiel: Guido sagt, er finde keinen Hiweis auf Weisse Bevorzugung in der Quelle. Dennoch zeigt sich unmittelbar in der Quelle, dass es ein stiktes Apartheidsystem war, weil es ja eben auf fixen Ideen von verschiedenen Ethnien aufbaut.
Hast Du das wirklich gelesen? Und auch die damalige Ausgangslage vor 40 Jahren berücksichtigt? Apartheid bedeutet Rassentrennung mit unterschiedlicher Bewertung und unterschiedlich Rechten eines Menschen in Abhängigkeit von seiner Rasse. Im Fall Südafrikas mit zwingender Vorherrschaft der weißen Rasse. Absolut nichts davon findet sich in dem Dokument der Turnhallen-Allianz.

Die Ausgangslage war anscheinend, dass 10 von 11 Bevölkerungsgruppen wenig zu sagen und nur eingeschränkte Rechte hatten. Zur Staatenbildung wollte man diese 10 bislang benachteiligten Bevölkerungsgruppen offenbar einbinden. Keine sollte außen vor bleiben. Dazu wollte man erst mal jeder Bevölkerungsgruppe 4 Sitze in der zu bildenden Nationalversammlung geben, damit eben keine Minderheiten außen vor bleiben. Die restlichen Sitze wollte man nach Bevölkerungsverhältnissen aufteilen. Da geht es doch ganz offensichtlich nicht darum, Rassen zu trennen sondern alle vormals getrennten Rassen - eben gerade die bislang Benachteiligten - in ein Boot zu bekommen. Angesichts der damaligen Ausgangslage halte ich das für einen ziemlich geeigneten Startpunkt und insbesondere auch aus demokratischer Sicht für einen nicht perfekten aber besseren Startpunkt, als das was die UN beschlossen hat: Einzig und allein die Ovambo-dominierte SWAPO vertritt die namibische Bevölkerung bei der Staatenbildung Namibias.

Wenn man das, was in dem Dokument beschrieben wird, als "striktes Apartheidsystem" beurteilt, dann weiß ich ehrlich nicht, auf welcher Basis man ernsthaft diskutieren will.

Erika, gib Dir einen Ruck. Das ist seit Ewigkeiten die informativste Diskussion hier. Eine Meinung kann sich ja jeder selbst bilden, aber hier wurden viele interessante Quellen angeführt, die zumindest ich vorher nicht kannte.

Beste Grüße

Guido
zuletzt bearbeitet 17. Aug. 2016
1'003 Beiträge · seit 200817. Aug. 2016 · #22
-> Guido und ich haben wohl gleichzeitig geschrieben ...

Lieber Beginner,
Moment, auch wenn die Anzahl der Abgeordneten auf die Stammeszugehörigkeit / Rasse abgestellt war. Apartheid ist was anderes. Man hat damals sicherlich versucht, alle Stakeholder mit ins Boot zu holen. Aber die staatlich getrennte Rassenbehandlung wollte man ja explizit nicht.

Noch mal zu Primärquellen. Das sind einfach nur Dokumente. Die zu betrachten, steht dem Wissenschaftler / Interessenten frei - und die Interpretation auch. Insofern kann man die Quellen auch nicht biegen. Man muss sie einordnen. Wenn man aber nicht dabei war, kann man nur mit Quellen arbeiten, alles andere ist Kaffeesatzleserei und Mutmaßung.

Das Problem mit Büchern, insbersondere auch über diese Zeit, ist ja aus der Diskussion eindeutig zu sehen. Klar sind die zugänglicher, aber die Autoren hatten eben ihre Thesen und versuchten diese dem Leser zu "beweisen", was teilweise nur sehr schlecht aufgegangen ist. Wenn dann der 2. und 3. vom ersten abschreibt und keine Quellenarbeit erfolgt ist, wird das immer schlimmer. Es gibt in diesem Zusammenhang de-facto wertlose Bücher, in denen Quellennachweise komplett fehlen. Man kann sich einfach mal die Arbeit machen, und eine Argumentation nachverfolgen - mit den Quellen. Da wird man Erstaunliches feststellen. Viele Aussagen der "zugänglichen" Bücher enstprechen schlicht nicht der Aktenlage.

Wir hatten das ja schon mal diskutiert. Insbesondere bei der Rolle der SWAPO und oder DDR / Kuba - Militäthilfen / Ausbildungshilfen - ostdeutsche Geheimdienstarbeit etc. gibt es extrem viel Unwissen, Klischees und politisch motivierte Falschaussagen.

In Deutschland betreiben wir das zB auch immer noch. Das funktioniert ganz einfach. Es gibt halt nur für Forschungsprojekte Geld, die von vornherein den "richtigen" Ansatz haben. Dementsprechend halt nur eine systemkonforme Finanzierung ... .

Gruss
Christian
zuletzt bearbeitet 17. Aug. 2016
ThemenstarterGast17. Aug. 2016 · #23
Also nachdem doch diskutierte wird, mach‘ ich’s auch…..von hier weg ist alles m. E…aber nur mit Hausverstand, aus der Wissenschaftlerdiskussion halte ich mich raus.

Ich glaube nicht, dass das von fordfahrer eingestellte Doument
http://namibia.leadr.msu.edu/files/original/9fe2ffb432c1287d09b7c20daf106373.pdf
das eigentliche Schlussdokument der TH-Konferenz (der TH-Plan) ist, es ist aber sicher sehr/weitgehend ähnlich, das ist aber für die eigentliche Frage auch gar nicht wichtig.
Begründung: Die Demokratische Turnhalle Allianz (DTA) wurde erst am 5. 11. 1977, nach Auflösung der THK und Gründung der Republican Party, gegründet. Aus diesem Kontext kann man daher ableiten, dass das Dokument von diesem Tag oder knapp danach stammt, also Ende 1977.

Den ersten Teil des Dokuments (S. 2 bis 7, „Constitution“) lese ich als Gründungsdokument bzw. Verfassung der DTA. Der Punkt 2.6.: "The Alliance recognizes ... and rejects discrimination on the grounds of race and color. ..." nennt somit eine Zielsetzung einer politischen Bewegung (der DTA), hat den Status eines Parteiprogramms und (noch) keine unmittelbar praktische Auswirkung auf die geltende Gesetzeslage im Land.

Ab S. 8/9 folgen dann die von der „Constitutional Conference“ der DTA (!) beschlossenen Vorschläge für eine Verfassung des zukünftig unabhängigen Staates „Republic of South West Africa/Namibia“. Wenn man die Bewertung des TH-Plans des United Nations Commissioners for Namibia: http://www.jstor.org/stable/4185704?seq=1#page_scan_tab_contents parallel liest, sieht man, dass obiges Dokument der DTA mit dem TH-Plan weitgehend ident ist, obwohl geringfügige Unterschiede vorliegen dürften.
Zum Dokument selber will ich jetzt nichts sagen, weil die verfassungsrechtlichen Schwachstellen in obiger Analyse plausibel angesprochen werden. Ich bin durchaus der Meinung, dass man die gute Absicht auch nach dem damaligen und nicht nur nach heutigem Zeitgeist bewerten soll. Ich halte aber auch die Experten der UN für seriös und nicht grundsätzlich voreingenommen, wofür ja auch die involvierten „Westmächte“ gesorgt haben sollten. So wurde bemängelt, dass es keinen Grundrechtekatalog gab, das Mehrkammersystem streng nach SA-Vorbild nach Ethnien/Volksgruppenzugehörigkeit strukturiert war aber vor allem, dass nirgends ein allgemeines Wahlrecht vorgeschlagen wurde bzw. nicht einmal der Wahlmodus für die Vertretungsorgane der Gruppen, die Exilanten de facto ausgeschlossen waren….…etc., siehe Landis.

Die eigentliche Frage betr. „Abschaffung der Apartheid“ ist aber ohnehin die Umsetzung und dafür hatte eine namibische „Regierung“ Ende 1977 gar keine Befugnisse. Erste legislative Befugnisse gab es nach meiner Kenntnis erst ab May 1979. Das war eigentlich der Punkt in Swakops Schilderung über Abschaffung Mitte der 70er, der mich stutzig gemacht hat. In den Folgejahren hat RSA derartige Bestrebungen massiv hintertrieben, behindert, durch Einsatz des General Administrators unterbunden, etc., das schreibt Mudge selber hier auf wenigen Seiten
http://www.kas.de/upload/auslandshomepages/namibia/constitution_2010/mudge.pdf
und der wird zu diesem Sachverhalt wohl glaubwürdig sein.

Aber schließlich waren dieses und ähnliche Papiere sowieso Makulatur, weil die “internationale Gemeinschaft“ den Entwurf ablehnte, der Krieg in Angola ständig neue und wechselnde Situationen schaffte, alle Parteien dementsprechend taktierten, etc….nur Spezialisten können die permanent wechselnden Strategien der involvierten Parteien in diesen Jahren durchschauen.

Grüße, Fortsetzung folgt
zuletzt bearbeitet 17. Aug. 2016
ThemenstarterGast17. Aug. 2016 · #24
@ Wann und wie, wurde wie viel, von der Apartheid in Namibia abgeschafft?
Darüber habe ich hier noch nicht viel Belastbares erfahren, aber gerade das interessiert mich. In den schon genannten Quellen steht, dass ab Mitte 1979 einzelne diskriminierende Gesetze abgeschafft wurden. Ich halte das für bahnbrechend aber die übergeordnete Frage ist, ob man so ein System überhaupt durch Einzelmaßnahmen „reformieren“ kann oder ob es nicht als Ganzes abgeschafft gehört?

Begründung: Das Apartheidsystem in SA war ein äußerst komplexes und raffiniertes System von gegenseitig verzahnten restriktiven Eingriffen in jeden Aspekt des Lebens von Nichtweißen, aber auch von Weißen….wäre ein déjà-vu für Leidtragende und Kenner der kommunistischen Diktaturen. Grundsätzlich galten diese Gesetze auch in Namibia, es wurde aber auch berichtet, dass die Durchführung in Namibia nicht so krass wie in SA war, auch darüber würde ich gerne mehr erfahren.

Wie immer, liegt daher der Teufel im Detail bzw. im Kleingedruckten….man muss das Ganze kennen, um zu entscheiden, wie grundsätzlich oder kosmetisch Änderungen sind.
Wenn z. B. der „Immorality Act“ abgeschafft wird, dann bedeutet dies für ein gemischtrassisches Paar zwar, dass sie für ihre Partnerschaft nicht mehr bestraft werden, aber ohne Niederlassungsfreiheit hätten sie die gleichen Problem für ein gemeinsames Leben wie davor.
Oder, bei Abschaffung der „Pass Laws“ müssen Betroffene zwar nicht mehr fragen ob sie ihren Bezirk verlassen dürfen, ob sie aber nach ihrem freien Willen auch woanders arbeiten oder wohnen dürfen, ist damit noch nicht gesagt.
Oder, Gesetze wie der „Suppression of Communism Act“ und Folgegesetze implizierten eine potenzielle Kriminalisierung jeglicher politischen Betätigung für eine Veränderung, europäische Christ- oder Sozialdemokraten aus der politischen Mitte wären da mit ihren Ideen leicht unter Kommunismusverdacht gekommen… ließe sich ewig fortsetzen.
Wie diese Einzelmaßnahmen zur Abschaffung der Apartheid in Namibia abgestimmt waren, ist mir noch nicht klar geworden. Dazu müsste man also die Gesetzestexte und Durchführungsverordnungen studieren…und authentische Berichte über die gelebte Praxis im Alltag haben…….aber vielleicht kommt noch was dahingehend…
…hier gibt es ja einige, die Namibia aus dieser Zeit als Bürger oder Touristen kennen.
Grüße
..und mit Fakten lasse ich mich gerne von Fehlern überzeugen.
1'003 Beiträge · seit 200817. Aug. 2016 · #25
Hallo,
hier noch was zum Thema.
http://archive.spectator.co.uk/article/7th-april-1979/8/political-turmoil-in-namibia
->leser, bitte schau noch mal die Links bei Dir an, da geht was nicht.

Nur für mein Verständnis. 1979 gab es einen Gesetzentwurf in der National Assembly, eingebracht von Mudge? "Racial Discrimination Act" (Act 3, 1979). Text hab ich noch nicht gefunden. Darauf basiert der No. 26 von 1991 und darauf wird dort auch referenziert. Dieser wurde aber nicht durchgewunken und bekam kein Gesetz -richtig?

Gruss
Christian
ThemenstarterGast17. Aug. 2016 · #26
Hi, die links sind repariert.
Der Bill ging schon durch aber was die Abschaffung von "racial discrimination" udgl. tatsächlich inkludierte würde ich gerne wissen. Laut Mudge betraf es "racial discrimination in public facilities and residential areas", ist also ziemlich eng gefasst, andere Bezeichnungen sind mehr allgemein, der Gesetzestext wäre hier eine große Bereicherung.
Aus Dierks und Mudge habe ich hier ein paar Kernpunkte exzerpiert:
Chronologie Dierks:
08.06. 1979 Dirk Mudge tables the Abolition of Racial Discrimination Bill in the National Assembly.
13.06. The Nederduitse Gereformeerde Kerk in SWA protests against the bill.
26.06. Following a number of demonstrations against the bill, a bomb is thrown in the Masonic Hall in Windhoek, killing John Rees.
29.06. With angry resistance from ACTUR the bill is passed, and Andrew Kloppers leaves ACTUR in protest. Resentment mounts among certain "whites" in Namibia as racial discrimination is abolished step by step, and various "white" resistance and vigilante groups are formed, such as BLANKSWA (White SWA), the Wit Weerstandsbeweging(White Resistance Movement), the SWA Vroue (SWA Women) and the Eenheidsfront (Unity Front). This bill not only weakens Dirk Mudge and his RP, but also leads to the removal of Steyn as Administrator-General.
01.07. 1980 The National Assembly receives executive powers when the Minister’s Council is established to replace the (governing/advisory) Council of the Administrator-General. The new Constitution, known as "AG8", establishes a three-tier government in Namibia: the first tier handles central government issues under the supervision of the Administrator-General; the second tier comprises the "ethnic" governments of Namibia’s 11 "nations"; and the third tier comprises the local authority administrations. Dirk Mudge becomes Chairman of the Council of Ministers. The Council, however, is not recognised by the Western Five.
The South West African Government Service is established.
18.01.1982 Dirk Mudge decides to give up his position as Chairman of the Council of Ministers due to his dissatisfaction with AG8 of 1980, with SADF interference and with SA public holidays being applicable in Namibia.
19.01.1983 The National Assembly is summarily and unceremoniously dissolved by South Africa. This leads to the restoration of the dominant position of the Administrator-General, who directly expresses Pretoria’s interests. Willie van Niekerk becomes the new Administrator-General. SA sends former Secretary for SWA Jan F Greebe to Namibia to take up the post of Chief Executive Officer with full executive powers.

Mudge:
Proclamation AG 21 of 14 May 1979 The South African Government agreed to transform the Constituent Assembly into a Legislative Assembly. The Administrator-General consequently issued proclamation AG 21 to institutionalise this new arrangement. For the first time in history, black citizens could participate in the making of laws at national level. One of the first laws to be passed by this Assembly was a bill I introduced on 8 June 1979 to abolish racial discrimination in public facilities and residential areas. This led to another emotional outburst from conservative whites. On 11 June that year, probably for the first time in SWA’s history, hundreds of white demonstrators bearing placards gathered outside the Turnhalle building. They placards bore derogatory remarks about me and my white colleagues.
The introduction of this anti-apartheid law also worsened the already strained relations between me and Prime Minister Botha. Mr Botha could not forgive me for dividing the whites in SWA, and this law, and especially the penalty clause it contained, angered him. I was summoned to Pretoria and warned that unless the penalty clause was scrapped, he would immediately dissolve what was then termed the Interim Government. He also insisted that the majority party should include members of the minority ethnic parties in its executive. I undertook to make some concessions by amending the penalty clause to provide for the loss of licence in the case of contravention of the law, and deleted the imprisonment provision. As was proven later, Mr Botha was empowered and prepared to dissolve the National Assembly – the last thing I wanted to have happen. We were, however, satisfied when the Administrator-General approved the bill...............
...............Realising that this exercise might take some time, Mr PW Botha – now elevated to President of South Africa – again interfered in the affairs of the Interim Government: this time in an attempt to appease his right-wing supporters in South Africa and SWA. On 12 November 1982, I was again summoned to Pretoria. Upon my arrival I found five leaders of ethnic parties in the company of President Botha, namely Koos Pretorius, Hans Diergaardt, Justus Garoëb, Barney Barnes, and Peter Kalangula. Several senior members of the South African Defence Force were also present. President Botha gave us until the next morning to make proposals on how to restructure the Interim Government to make provision for ethnic representation – that is, in his words, “to make the Government more representative”. I refused to cooperate. I could not understand the President’s logic. How could he consider a government elected in a ‘one person, one vote’ election as not being representative? It became obvious that the President was obsessed with the idea that a government could only be representative if all ethnic groups were included. President Botha’s obsession consequently spelled confrontation between the two of us........

Grüße
zuletzt bearbeitet 17. Aug. 2016
Gast17. Aug. 2016 · #27
Hallo,
leser schrieb:Den ersten Teil des Dokuments (S. 2 bis 7, „Constitution“) lese ich als Gründungsdokument bzw. Verfassung der DTA. Der Punkt 2.6.: "The Alliance recognizes ... and rejects discrimination on the grounds of race and color. ..." nennt somit eine Zielsetzung einer politischen Bewegung (der DTA), hat den Status eines Parteiprogramms und (noch) keine unmittelbar praktische Auswirkung auf die geltende Gesetzeslage im Land.
Ja, das schätze ich genauso ein. Ich habe das vorher nicht korrekt formuliert: Mudge und Co. haben anscheinend ernsthaft versucht, die Apartheid abzuschaffen. Das das erfolgreich umgesetzt wurde, lässt sich aus diesem Dokument nicht ableiten.
leser schrieb: Ich halte aber auch die Experten der UN für seriös und nicht grundsätzlich voreingenommen,
Die DTA wollte die Unabhängigkeit Namibias auf einem anderen Weg erreichen, als die Experten der UN sich das ausgedacht haben. Da könnte man unterstellen, dass die UN-Experten eine Motivation haben, ihre eigenen Ideen zu verteidigen und andere Wege schlecht zu machen. Freilich pure Spekulation.

Genau so liest sich für mich aber die verlinkte Seite 12 der Landis-Analyse. Alles wird auf die denkbar negativste Weise ausgelegt. Nur dass das seitens Landis vor allem Behauptungen und Interpretationen sind. Die UN hat eine gewaltsame, militärische Lösung des Namibia-Problems legitimiert. Wenn die DTA eine gewaltfreie Verhandlungslösung mit Südafrika erreichen wollte, ist das ernsthaft ein Kritikpunkt der UN? Das Dokument beschreibt Grundprinzipien für eine Übergangsphase, die zur Unabhängigkeit Namibias führen soll. Landis unterstellt aber einfach, dass das im Prinzip die endgültige Verfassung für ein unabhängiges Namibia sein soll. Und Herrje, man hat zu dem Zeitpunkt noch keine fertige Nationalhymne in der Schublade. Dann ist freilich alles schlecht.

Natürlich kann man da völlig zurecht Punkte kritisieren. Aber es ist für mich erklärungsbedürftig, wenn man das DTA-Konstrukt, das explizit alle Bevölkerungsgruppen einschließt, für nicht ausreichend demokratisch befindet und stattdessen die Ovambo-dominierte SWAPO zum alleinigen Vertreter aller Menschen in Namibia erklärt. Das ist nicht wirklich die demokratischere Lösung oder?

Beste Grüße

Guido
zuletzt bearbeitet 17. Aug. 2016
ThemenstarterGast17. Aug. 2016 · #28
Hi Guido, das Landis-Papier bezieht sich auf das Abschlussdokument der TH-Konferenz:
"Petition for the establishment of an interim government" und ist nicht identisch mit dem hier diskutierten der DTA, wobei die Unterschied vermutlich minimal sind.
Grüße
zuletzt bearbeitet 18. Aug. 2016
ThemenstarterGast19. Aug. 2016 · #30
Guten Tag, ich habe jetzt alles noch einmal durchgelesen und finde, dass etwas zu kurz kommt, was man alleine aus der Chronologie der Abläufe ableiten kann:
Die Unabhängigkeit von Namibia war ja ursprünglich bereits für 1978 (!) angepeilt, der diskutierte Verfassungsentwurf der THK (DTA) war Teil dieses Prozesses im Rahmen der Constituent Assembly (CA)= Verfassungsgebende Versammlung =THK. Davon wurde in den Folgejahren die Struktur des THK/DTA-Plans in Form der nach Ethnienproporz zusammengesetzten (interimistischen bzw. Übergangs-) Zentralregierungen und „Representative Authorities“ auf den unteren Ebenen umgesetzt. Eine „intern“ ausgearbeitete und in Kraft gesetzte Verfassung gab es (vor der zur Unabhängigkeit mit SWAPO ausverhandelten) nicht. Das hat RSA immer hintertrieben und mehrfach durch Entzug der Befugnisse bzw. Auflösung der CA und Übergangsregierung verhindert. Eine Abschaffung des „Systems Apartheid“ mittels in der Verfassung verankerter Grundrechte hat es also vor der Unabhängigkeit rechtlich (!) nicht gegeben.
Blieb also nur die Möglichkeit einzelne Apartheidgesetze auf legislativem Weg aufzuheben oder zu ändern. Diese Möglichkeit bestand erst ab 14.5.1979, als die CA in eine „Legislative Assembly“ umgewandelt wurde. Das schon erwähnte Gesetzt betr. „racial discrimination in public facilities and residential areas" vom 29.6.79 war der erste dahingehende Schritt. Man bräuchte also „nur“ die SWA - Government Gazette hinsichtlich dieses und weiterer Gesetzte zu dieser Thematik zu sichten. Diese müssten doch in einem namibischen Archiv vorhanden sein, das kann doch nicht alles eingestampft worden sein. Damit wäre dann die Frage beantwortetet, ob und wie umfassend die Apartheid bereits vor der Unabhängigkeit abgeschafft war. Im Jänner 1983 löste RSA die SWA National Assembly auf und erst im Juni 1985 wurde wieder eine neue Übergangsregierung zugelassen (Transitional Government of National Unity). Allerdings war SWA ab 1983 immer wieder voll unter Kuratel des Administrator General und es würde mich wundern, wenn in dieser Zeit viele Apartheidgesetze abgeschafft wurden.
Unabhängig davon, bestand natürlich spätestens ab 1978/79 die Möglichkeit im Alltag im Geiste des TH-Verfassungsvorschlages zu HANDELN, Schwarze im Restaurant zu bewirten, im Hotel zu beherbergen, als Nachbarn zu akzeptieren, den gleichen Lohn zu zahlen etc……das wird sicher stattgefunden haben, wie sehr, würde mich sehr interessieren…vielleicht kommt ja noch etwas.
Grüße
PS. Im Übrigen hat m. E. nicht die UNO die SWAPO zum Alleinvertreter gemacht sondern die OAU, weil diese die SWANU für zu schwach eingeschätzt hat und Vereinigungsversuche gescheitert sind. Die UNO ist dem dann gefolgt.
1'003 Beiträge · seit 200819. Aug. 2016 · #31
Hi,
da gibt es einen Artikel im:
The Journal of Modern African Studies / Volume 23 / Issue 03 / September 1985, pp 507-526, Cambridge Univ. Press
von David Simon, "Decolonisation and Local Government in Namibia: the Neo- Apartheid Plan, 1977–83".
Dort gibt es etwas Hintergrund zu dieser Gesetzesintiative von 1979 und zu dem Umgang mit der Apartheid nach 75 insgesamt.
Gruss
Christian
2'338 Beiträge · seit 200719. Aug. 2016 · #32
Hallo zusammen

Es ist etwas mühsam, sich durch die vielen geposteten Artikel durchzuwühlen, deshalb zum Thema Apartheid mal was aus meiner Erinnerung:

Als ich 1986 nach 15 Jahren Abstinenz wieder in Namibia war, galten schon noch mehr oder weniger die südafrikanischen Apartheid-Gesetze. Alle Beamten in gehobenen Positionen inkl. Ranger in den Nationalparks waren weiss. In sämtlichen staatlichen Camps waren die Campleiter ausnahmslos weiss. Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, dass es zu der Zeit in Etosha noch getrennte Duschen und Toiletten für Schwarze und Weisse gab, wobei es sich bei den schwarzen Besuchern vorwiegend um Dienstmädchen der Weissen oder Schulklassen handelte. Ausserdem hatten die Schnapsläden für Schwarze und Weisse getrennte Eingänge. Daran kann ich mich sehr gut erinnern.

Wir übernachteten damals in Windhoek im Kalahari Sands und dort war mir jedoch aufgefallen, dass es auch mehrere sehr gut gekleidete schwarze Gäste gab, was mich etwas erstaunte. Ich meine mich erinnern zu können, dass man die Rassentrennung/Diskriminierung in den Achtzigerjahren aber nicht mehr bis in alle Details durchsetzte.

Während die südafrikanische Armee im eigenen Land fast nur weisse Soldaten im Einsatz hatte, wurden in Namibia bereits in den Siebzigerjahren mehr und mehr schwarze Soldaten zum Kampf gegen die SWAPO eingesetzt, so z.B. das Buschmann-Bataillon, Kavango-Bataillon oder das Ovambo-Bataillon und wie sie alle hiessen. Vom Camp des Buschmann-Bataillons kann man übrigens bis heute noch Überreste bei Omega im (ex) Caprivi sehen.

Da sich die Südafrikaner ja erst aus Namibia zurück zogen, als zugesichert wurde, dass die Zehntausenden von Kubanern und all die anderen „Östler“ aus Angola abziehen werden, nehme ich schon an, dass bis zu dem Zeitpunkt vorwiegend (wenn auch scheints etwas abgeschwächt) die südafrikanischen Gesetze angewendet wurden. Man hatte Namibia ja wie sein eigenes Land behandelt.

Falls ich das falsch sehe, lass ich mich gerne belehren.

Viele Grüsse
Erika
Meine Reiseberichte: 1971: Mit dem VW-Bus von Kapstadt bis Mombasa http://www.namibia-forum.ch/forum/132-reiseziele-tipps/197270-unterwegs-in-den-1970er-jahren.html?start=120 2013: Durch den wilden Westen Tansanias (Am Anfang war die Hülle) http://www.namibia-forum.ch/forum/158-diverses/278559-am-anfang-war-die-huelle.htm 2013: Nordmosambik, mal schön - mal hässlich + ein Stück Südtansania http://www.namibia-forum.ch/forum/150-diverses/279223-reisebericht-nordmosambik-mal-schoen-mal-haesslich.html 2014: Auf bekannten und unbekannten Pfaden durch Tansania http://www.namibia-forum.ch/forum/158-diverses/282862-auf-bekannten-unbekannten-pfaden-durch-tansania.html 2015: Eine Reise wird zum Alptraum/Kenia http://www.namibia-forum.ch/forum/156-diverses/285693-eine-reise-wird-zum-alptraum.html
33,1k Beiträge · seit 200619. Aug. 2016 · #33
Hi Erika,
Falls ich das falsch sehe, lass ich mich gerne belehren
Deine Erinnerung wird nicht falsch sein (sie deckt sich mit meiner). Anekdote: Ein befreundeter Farmer von mir hat 1986 noch eine Strafe bekommen, als er Nicht-Weiße innerhalb seines Bakkies auf öffentlicher Straße transportiert hat (das war in der Nähe von Kalkfeld). Er musste neben der Geldstrafe die Personen umgehend hinten auf die Ladefläche verfrachten.

Das Namaland wurde - ale letztes Homeland auf dem heutigen Namibia - ja auch erst 1980 eingerichtet.

Viele Grüße
Christian
Vom 23. August bis 6. September, 10. Oktober bis 18. Oktober 2026, 5. Dezember 2026 bis 17. Januar 2027 und 1. bis 30. Mai 2027 nicht/kaum im Forum aktiv!
zuletzt bearbeitet 19. Aug. 2016
ThemenstarterGast24. Aug. 2016 · #34
Danke Erika und TravelNamibia für die Erfahrungsberichte.

….und falls noch jemand an schriftlichen Quellen über die Abschaffung der Apartheid in SWA interessiert ist:
Die British Library hält Teile der “Government Gazette” und eine Zusammenfassung “Laws of South West Africa” für 1979 sowie 1983-1989.
Nachdem mein Sponsoring Budget für eine Forschungsreise nach London in Sachen SWA-Geschichte heuer schon erschöpft ist, bin ich gerade dabei einzugrenzen, was davon für die Frage aussagekräftigt ist und ob und zu welchen Kosten das digital erhältlich ist. Ich melde mich dann wieder……wird aber dauern.

Und weil ich schon dabei bin, reiche ich noch eine Frage nach:
Tragende Säulen des Apartheid-Systems in RSA waren ja eine sehr strenge Presse- und Medienzensur und gravierende Einschränken der Versammlungsfreiheit, Meinungsäußerung etc. War das im damaligen SWA genauso oder wurde das dann ab 1979 im Geiste des DTA-Verfassungsentwurfs weniger strikt gehandhabt als in RSA? Gibt es dazu Erinnerungen?
Danke und Grüße