Aber danke für die Aufklärung. Eine Einkaufstüte also. 😛 Ich denke immer wieder gern an das letzte Winter-Potje (Namibia-Treffen) in Aeschi bei Spiez im Januar 2010. Dort haben wir so viele liebe Schweizer kennengelernt und ganze Abende damit verbracht, uns über lustige schweizerische Wortkuriositäten schlappzulachen. Mein liebstes Wort ist ja seither das "Gurtentrageobligatorium", was die Anschnallpflicht im Auto meinen soll. Also immer her mit den schönen Sachen, wir lernen ja nie aus und freuen uns wirklich über jedes neue schöne schweizerische Wortspiel! 😉 Liebe Grüße aus dem Currywurschtland Berlin,
lopeThemenstarter64 Beiträge · seit 201227. Sept. 2012 · #23
13.07.12 (Freitag) Totenumbettung „Famaldihana“ der Merina’s
Hervorgeholte Ahnen vor der Gruft
Heute steht aber ein gewagtes Unterfangen auf der Tagesordnung! Claude hat uns via Busch- und Steppentelefon bei einer "Totenumbettung" angemeldet. Er hält immer so seine kleine Connection auf trab, die ihn ständig über das Geschehen in der näheren Umgebung informiert… er ist einfach durch und durch ein Malagasy (sprich: malgash). So bekam er jetzt die kurzfristige Meldung von einer Zeremonie im benachbarten Dörfchen.
Musikkapelle mit ausgelassener Dorfgemeinschaft
Bei besagter Totenumbettung werden die verstorbenen Ahnen, die mindestens vor fünf bis sieben Jahren in der Familiengruft bestattet wurden, ans Tageslicht zurückgeholt, in frische Seidentücher gewickelt und wieder in der Gruft neu gebettet. Dabei wird das Prozedere durch einen Astrologen genau berechnet, so dass die Toten den Nachfahren immer gut gesinnt bleiben. Wenn die Knochen der Ahnen dann so schön in Reih und Glied auf dem Feld aufgebahrt liegen, gesellen sich ihre lebenden Familienmitglieder feierlich zu ihnen. Jetzt wird erzählt und gesungen. Die ganze verflossene Zeit wird neu aufgerollt und all das Wichtige und weniger Wichtige, das Traurige, das Glückliche, wer mit wem und warum, weshalb… eben der Klatsch, wird den freien Seelen berichtet. Dazu spielt die Musikkapelle ihre Weisen und die Dorfgemeinschaft tanzt und singt. Es fliesst auch Alkohol, und zwar in reichlich gehörigen Mengen. Wir nützen einen kurzen Augenblick und lassen uns durch einen jungen Mann die Gruft zu Gemüte führen. Der mit Holz ausgestattete Innenraum des Grabes ist mit Hunderten geschnitzter Ornamente verziert. Es gibt mehrere Bettgestelle, auf denen, je nach Todesjahr, Geschlecht und Alter die Leichen eingeteilt und gebettet werden. Eindrücklich, zu sehen, dass die Behausungen der Toten oft besser eingerichtet sind, als jene der Lebenden.
Innenraum der Grabkammer mit geschnitzten Ornamenten
Alsbald steht eine schön gekleidete Frau vor unserer kleinen Gruppe. Sie ist eine Tochter der einst verstorbenen Eltern. In einer kurzen Ansprache, die uns durch Nicole wörtlich übersetzt wird, bittet sie uns, doch in ihren Räumen einen Festschmaus zu genehmigen. Reis mit Schwartenfleisch und Huhn, das zuvor draussen, in der offenen Küche stundenlang gegart wurde. Dankend nehmen wir die Einladung entgegen und begeben uns in das kleine, mit Schilf bedeckte Häuschen. Es wurde extra für diesen Anlass mit Tischen, Stühlen und Bänken eingerichtet. So ein Fest ist ein gehöriger Eingriff in die jeweilige Familienkasse, meist verschulden sich die Angehörigen für die Feierlichkeiten hoch. Das alles spielt aber eine untergeordnete Rolle, denn wichtig bleibt, die verstorbenen Ahnen friedlich zu stimmen, ...denn schliesslich hat man insgeheim auch den einen oder anderen Wunsch bei ihnen deponiert.
Das Haus unser Gastgeberin (tanzende Frau mit Hut)
Zum Abschied und als Dankeschön für die festliche Bewirtung legen wir der Familie einen angemessenen Betrag in die aufliegende Kasse und PE übergibt den Gastgebern noch ein eigens, aus unserem schweizer Gemüsegarten mitgebrachtes "Kohlräbli". Diese art Gemüse hat wohl hier noch niemand zu Gesicht bekommen, denn alsbald dreht das runde Ding aus dem Abendland die Runde durch die Hände der versammelten Frauen.
Die Ahnen werden in neue Seidentücher gewickelt
Es war für uns alle bestimmt ein bleibendes und eindrückliches Erlebnis.
Nach dieser eher happigen Einsicht in die madagassische Kultur, verziehen wir uns am Nachmittag an einen hübschen See im naheliegenden Hochland. Andraikiba ist bekannt für sein französisches Bad mit (etwas verkommenem) Sprungturm. Leider ist das Schwimmen nicht mehr gestattet, da der kleine See heute vorwiegend als Wasserresservoir für die Stadt Antsirabe dient. Auch tummelt sich so einiges an angeschwemmtem Müll auf der Wasseroberfläche, so dass sich der Schmerz über den Verzicht des Badens in Grenzen hält. Wir vertreten uns, einmal mehr, unter dem nutzlosen Veto der Jungmannschaft, etwas die Beine, bevor's dann nochmals, und diesmal mit der hellen, einstimmigen Begeisterung aller Kinder, auf zur Pizzeria geht.
lopeThemenstarter64 Beiträge · seit 201229. Sept. 2012 · #24
14.07.12 Ambositra
Wieder einmal müssen PE und ich unserem Jungen unter Beweis stellen, wer denn von uns noch immer die Nase vorne hat, die Kräfteverhältnisse ins richtige Licht rücken, den kleinen Nasehoch in den Senkel stellen. JO möchte nämlich auf dem hotelnahen Basketballfeld ein Match gegen uns "Sportsflaschen" durchführen. Nach einer anfänglich, sportlich korrekt reglementierten Startphase, müssen wir Erwachsenen etwas die Regeln zu unseren Gunsten gestalten. Wir wollen uns ja nicht die Lunge aus dem Körper pusten und sprinten in der Sonne schadet eh der Gesundheit. Plötzlich ist alles erlaubt, was das Spiel nach unserem Geschmack entscheidet und besonders den Lachmuskeln gut tut. So findet sich JO des öfteren als Spielball in unseren Händen und Armen, ohne dass er auch nur einen Hauch einer Chance hat sich im "Basketballspiel" zu halten. Er muss schliesslich froh sein, dass er selbst nicht durch den Korb gequetscht wird.
Heute steht uns eine Fahretappe bevor. Die Reise führt uns von Antsirabe über Ambositra nach Ambalandingana, wo uns eine "etwas andere", spezielle Unterkunft erwarten soll. Nach einer kurvenreichen Fahrt durch das Herzen des Hochlandes treffen wir ziemlich durchgeschüttelt in Ambositra, der Hauptstadt des Holzhandwerkes ein.
Hier werden aus ...zig verschiedenen Holzarten exakte, mikrometergenaue Intarsienbilder, -truhen oder -möbel hergestellt. Die Mittel zur Herstellung solcher ineinander verschmelzenden Holzsujets sind doch sehr bescheiden. Da muss ein Grafitstift und eine grosse, von Hand betriebene Laubsäge genügen. Die Sägeblättchen werden aus Altmetallstreifen, welche mit einer Zange und einem Hammer bearbeitet werden, selbst gebastelt und verzahnt. Holz aber, so erscheint es mir auf jeden Fall, haben die Schreiner in Hülle und Fülle zur Verfügung. Die einzelnen Bilder werden nicht wie bei uns, aus hauchdünnen Furnieren geschnitten, nein, für die Herstellung einer Intarsie werden gleich ganze Holzplatten verwendet, ob es sich dabei um Rosenholz oder Teak handelt, spielt nicht so ne Rolle; .....anderseits verwendet man diese Edelhölzer ja auch zum befeuern von Kochstellen und Ziegelöfen!
Zebuhornveredler
Auch wenn mir selbst an dieser Kunst nicht viel liegen mag, so muss ich doch gestehen, dass auch diesen Handwerkern, gleich wie den Zebuhornveredlern, den Bonbon-Zuckerbäckern und dem Coladosen-Blechauto und -Fahrad Bastler von Antsirabe, nicht so schnell eine westliche Maschine was vormacht. Kaum auszudenken was all jene Künstler mit einer gut ausgerüsteten Werkstatt zutage bringen würden...
Zuckerzältli-Hersteller
"Hey... die schürfen ja nach Gold!".... Auf der Fahrt über Stock und Stein, auf einer unwegsamen Piste, etwas ab der Hauptstrasse, entdecken wir zwei junge Mädchen im knietiefen Reisfeld. Aber sie graben weder die Erde um, noch stecken sie die Setzlinge ins Feld, nein sie kreisen mit grossen Schalen und sieben das sandige Wasser nach Nuggets durch. Sofort hält Claude den Cruiser an und fragt uns spontan: "Wollt ihr zusehen?" Klar wollen wir uns das ansehen, was für eine Frage. Wir verlassen den Wagen und kraxeln quer über die Dämme zu den Wasserkanälen.
"Und?.. Habt ihr schon etwas gefunden?"... "Sicher haben wir das!" entgegnen die beiden Malagasy auf die Frage von Claude. "Seht nur her!" Noch einmal legt das Mädchen ein gut behütetes, staubiges Korn in die mit Wasser gefüllte Schale und schwingt diese gekonnt in ihren Händen bis der Schmutz und der Sand über den Rand entschwindet. Zurück bleibt ein glitzerndes, leuchtendes Goldscheibchen, das uns mit viel Stolz und einem Lächeln im Gesicht präsentiert wird. "Toll gemacht!" jubeln wir alle... Wir sehen den beiden bei ihrer Arbeit noch etwas zu und besteigen dann schliesslich, fast ein bischen im Goldrausch, wieder das Auto. Für was doch so Reisfelder alles hinhalten müssen.
Sous le soleil de mada
Claude hat für unsere drei Kinder noch einen speziellen Trumpf auf Lager. "Möchtet ihr mal freiluft - surfing geniessen? Dann ab, aufs Autodach!" ...und wie die drei das wollen! Straks klettern sie alle auf den Dach-Gepäckträger und halten sich, auf dem Bauch liegend an der Frontstange fest. ...Und jetzt geht’s richtig ab! Durch Löcher und Gräben, über Wuzeln und Steine und immer wieder vernehmen wir ein fröhliches Gelächter und Gequitsche von der Decke des Landcruisers. "Haltet euch ja gut fest! und geniesst dieses openair-feeling!" Und wie sie geniessen, ganze 12 Kilometer weit führt uns die Piste bis an einen kleinen waldigen Hügel, mitten in der einzigartigen Landschaft des Hochlandes. "Endstation! Alles absteigen!"... Hier steht unsere nächste Unterkunft: "Sous le soleil de mada"... Kleine Holzhäuschen nach dem Baustil des Zafimaniry-Volkes, mitten in einem Eukalyptuswald gelegen. Was für eine Szene, von da oben sieht man weit über die tiefer gelegene Ebene, mit all ihren Bauernhöfen und den Reisfeldern. Das lädt zum wandern ein!
Das Abendessen wird in einer art zentralen Hütte serviert. Alle Gäste sitzen, wie in einem "Table-hotel" üblich, an einem langen Tisch und erhalten dasselbe Essen... Kein mühsames aussuchen, kein entweder oder... es gibt, was es gibt! Selbstverständlich auch für die kleinen Gäste... Wieder einmal staunen wir Löcher, wie auf einfachsten Feuerstellen ein einzigartiges Dreigangmenü kreiert wird. Die Köchinnen des Anwesens geniessen unsere uneingeschränkte Hochachtung.
Weitere Eindrücke aus Ambositra
Die Dorfjugend vor der Metzgerei
Markt
Entweder "kind" kauft...
...oder "frau" verkauft nicht.
lopeThemenstarter64 Beiträge · seit 201230. Sept. 2012 · #25
15.07.12 wandern und/oder ausspannen
Es hätte in dieser Holzbehausung eine richtig gemütliche Nacht werden können. Bloss, so ne heimelige Nacht sieht eigentlich etwas anders aus. JO verspürte in seiner Bauchgegend ein unkontrollierbares Gedrehe, und gerade weil's so willkürlich um die Windungen bog, verbrachte er wohl die halbe Nacht auf der Toilette. Jene sanitäre Grundversorgung, die ihrerseits, bloss durch einen Vorhang abgetrennt inmitten dieser Hütte steht. Es war wohl für ihn, wie auch für uns in der vergangenen Nacht nicht immer ganz einfach eine gewisse Privatsphäre zu wahren.
Jetzt, am Morgen, hat unser Junge zum Glück keine grossen Verpflichtungen. Er darf sich in einen schattigen Liegestuhl begeben, ein Buch zur Hand nehmen und sich dazu einen warmen Tee servieren lassen. Claude und Nicole, die sich mit ihrem französischen Gefolge ebenfalls in diesen Unterkünften niederliess, erklären sich bereit, heute für unsere Kinder zu sorgen, sodass wir zwei Erwachsenen ungestört unserem Ziehen in der Beingegend, dem Drang zu wandern, nachgeben können. Schnell wird für uns ein ortskundiger "Führer" engagiert und ab geht’s über Felder in die Höhe. Vorbei an hohen Eukalypten und Nadelbäumen und an den kleinen Karavanen von Kopflasten tragenden Frauen und Kinder.
Schon nach wenigen Kilometer karger und trockener Graslandschaft, erreichen wir einen kleinen, in die Hügel und Berge der Umgebung eingebeteten Bergsee. Zur Begrüssung schnattern uns rund 100 Enten entgegen, die alsbald alle zusammen zum Formationsflug aufsteigen. In einer imposanten Acht umkreisen sie den ganzen See, um dann schliesslich in zwei Gruppen, wild durcheinander wieder auf dem Wasser zu landen.
Wir steigen die ca. 200m zu diesem, in der Senke liegenden See hinunter. Mit einer eigenartigen Musik und quakigem Gesang werden wir am Wasser empfangen. "Le scha hu naah", erklärt uns Nari, unser madagassische Begleiter. Soll heissen: der Frosch macht quak. Wir lachen und entgegnen: "Zaraah", schön. Die seichte Uferzone ist ein wahres Paradies für Insekten und Frösche. Mit viel Fingerspitzengefühl und natürlich auch mit dem entsprechenden Stolz fängt uns der Guide die kleinen schlüpfrigen Tierchen, die einem in ihrer misslichen Stellung nun fast ein bischen leid tun.
Nach der Umrundung des kleinen Sees geht's dann wieder zurück, bergab in die kleinen Siedlungen der Tiefebene. Unser "Wanderführer" kennt sie alle... die Menschen, die in den kleinen mit Ziegelsteinen gebauten Behausungen leben. So verweilt er ab und zu bei einem Hof, um mit den Männern ein kurzes Wort zu wechseln. Gespannt hören wir ihnen jeweils zu, wie sie wohl über uns Bleichgesichter "diskutieren". Oft wirkt ihre Sprache auf uns fast ein bischen belustigend. Weil die Leute hier die Endungen der Silben und Wörter etwas länger hinauszögern, tönt es dann eher wie der Klang aus einer "Dosenkuh", welche beim umdrehen ihr lang gezogenes "mooooooh" von sich gibt. Wir geniessen die Bekanntschaft mit den Siedlungen und den Höfen. Die Bewohner, sie gehören zur ethnischen Gruppe der Betsileo, sind mit den alltäglichen Arbeiten beschäftigt: Wäsche waschen im Bach auf Steinen, meisst knalligfarbige leuchtende Tücher. Zebus, Ziegen und Schafe hüten. Felder bestellen und Holz sammeln zum kochen. Alle haben sie viel zu tun, und wenn nicht, dann diskutieren sie eben und lachen uns an (oder vielleicht auch aus).
Nach vier Stunden intensiver Wanderung durch das von der Sonne ausgetrocknete Hochland stehen wir wieder bei unseren Kindern im Camp "Sous le soleil de mada". Die Jungmannschaft hat sich bestens engagiert und amüsiert. Die beiden Mädchen spielten in der Zwischenzeit mit ihren französischen Copains und den "frisch geschlüpften" Hundewelpen. JO hütete eisern das Klo und versuchte sich nebenbei nicht aus dem Liegestuhl zu bewegen.
lopeThemenstarter64 Beiträge · seit 201201. Okt. 2012 · #26
16.07.12 Lemur forest Ialazara
Wieder bepacken wir nach dem Morgenessen unseren "Ländi", verabschieden uns von unseren Gastgebern, werfen die Kinder aufs Autodach und ab geht's, über die Piste zurück zur Hauptstrasse RN7. Fröhlich rufen die drei "Freiluftsurfer" jedem Passanten auf der Strasse zu: "Salaaaama!".... Oft von weit her klingt’s vertraut zurück: "Salam" gefolgt von belustigendem Gelächter und verzücktem Grinsen. Das haben die Malagasy wohl noch nie gesehen, Kinder, die als Dachlast, hoch oben auf dem Gepäckrost mitfahren.
Heute steht uns erneut eine anstrengende, mehrstündige Autofahrt bevor. Von Ambositra zu einem kleinen See bei Sahambavy, wo uns das renommierte "Lac-Hotel" erwartet.
Ialazara Lemur Forerst
Nach einer kurvenreichen Landschaft in Richtung Süden erreichen wir ein kleines Lemurenschutzreservat, der "Ialazara Lemur Forest", ein 40'000 Hektar grosses Waldgebiet, wo sich Sifaka's herumtreiben. Noch beim Parkplatz vor dem Eingang erblicken die Kinder eine lange und dicke Liane, welche einladend von einem Baum runterhängt. Dieser Versuchung ist selbstverständlich nicht zu entkommen und alsbald hängeln wir alle, wohl selbst in Erwartung, was da an kletternden Lemuren so alles auf uns zukommen mag, in den Bäumen herum. Bei einer Lehmhütte am Eingang des Parks besorgen wir uns die Eintrittskarten und einen waldkundigen "Lemurenflüsterer".
Waldbewohner - bezaubernde Spinne
Nach einer guten Stunde gemütlichen Spazierens durch Eukalyptusbäume erreichen wir auf einer Anhöhe eine Waldlichtung mit hausgrossen Felsen. Auf diesen Felsen hat man einen wunderbaren Ausblick in einen Talkessel, der gänzlich mit Bäumen und dichtem Gehölz überwuchert ist. Es ist kein primärer Regenwald, aber trotzdem kommt er uns wie ein dichtbewachsener Urwald vor. Und irgendwo hier unten, in diesem Dickicht müssen jetzt also die kleinen Waldmenschen leben. Unser Waldmann ruft irgendwelche undefinierbare Laute in den Kessel hinunter, was aber zurückkommt, sind nicht etwa Rufe der Lemuren, nein es sind die selben Töne von einem anderen "Buschmann", der sich ebenfalls im Wald herumtreibt und für uns nach den Tieren pirscht.
Sifaka
Nach einem längeren Pausenbrot kommt schliesslich die erlösende Meldung, unser Späher vor Ort ist fündig geworden. Wir steigen also in den Talkessel ab, hinein in den knorrigen Wald und schon bald entdecken auch wir unsere ersten kleinen, putzigen Lemuren. Es sind seltene Sifaki malagash. die Fellknäuel sitzen hoch oben in den Baumwipfeln und erholen sich vom Lunch. Sie bewegen sich kaum, und wenn, dann nur um sich noch angenehmer in den Baum zu legen. Ja, die Kerlchen gehen noch weiter und tun so, als ob sie uns keine Beachtung schenken würden, denn meist präsentieren sich die drei Tiere nur von ihrer Rückseite. Bin mir aber nicht so sicher, ob da nicht doch eine gewisse Neugier auszumachen ist, denn ab und zu verirrt sich ein verstohlener Blick in unserer Richtung. Als sich das Grüppchen doch noch in Bewegung setzt, erkennen wir sogar ein Baby am Bauch seiner Mutter, ganz selbstsicher hält sich das Jungtier im Fell des Erwachsenen Lemuren fest, so dass es auch die weiten Sprünge von Baum zu Baum risikolos und unbeschadet übersteht. Glücklich über das Erlebte nehmen wir den anstrengenden Aufstieg und den Rückweg zum Ausgangspunkt unserer Expedition unter die Füsse.
"Knusper Knusper Knäuschen..."
Kurz vor Fianarantsoa biegt unser Weg links weg und nach wenigen Kilometer anstrengender Schotterpiste erreichen wir unser "Lac-Hotel". Ein wunderschönes Resort direkt an einen See gebaut. Mehrere Bungalows stehen auf Stelzen im Wasser, einige normal an Land und ein einziges Häuschen hängt hoch oben im Baum! Ein wunderschönes Hexenhäuschen, nur zugänglich über eine 5 Meter hohe Wendeltreppe. Und dieses Baumhaus hat Claude einzig für uns reserviert. Nach einer Pedalo-Bootsfahrt über den kühlen, in der Abendstimmung liegenden See, geht’s dann zum Abendessen ins Hotelrestaurant. Wie schön, dort warten bequeme Fauteuils und ein wärmendes Feuerchen auf unsere Kinder.
Lac-Hotel
erdferkel414 Beiträge · seit 200901. Okt. 2012 · #27
Könnte es sich bei dem Wald, wo ihr die Lemuren gesehen habt, um Ialatsara handeln? Wenn ja, dann wären das Milne-Edwards-Sifakas. Da waren wir nämlich auch 😁 und haben uns über die schwarzen flauschigen Kerlchen in den Bäumen gefreut. So eine Spinne hatte man uns auch gezeigt, laut Bradt-"Wildlife of Madagascar" ein Kite Spider.
Vielleicht hilft uns Reiseleiter, das Namenswirrwarr mit den Orten aufzulösen...
lopeThemenstarter64 Beiträge · seit 201201. Okt. 2012 · #28
Erdferkel schrieb: Könnte es sich bei dem Wald, wo ihr die Lemuren gesehen habt, um Ialatsara handeln? Wenn ja, dann wären das Milne-Edwards-Sifakas. Da waren wir nämlich auch 😁 und haben uns über die schwarzen flauschigen Kerlchen in den Bäumen gefreut. So eine Spinne hatte man uns auch gezeigt, laut Bradt-"Wildlife of Madagascar" ein Kite Spider.
Ialazara richtig - die Ortschaft haben wir falsch abgetippt. Uns hatte der Guide gesagt, dass es sich um Sifakis malagash handelt. Die, welche wir gesehen hatten waren nicht nur schwarz. Wie auch immer Sifakas waren es auf jedenfall und Milne-Edwards-Sifaka tönt sehr edel.
Sifaka mit Baby
lopeThemenstarter64 Beiträge · seit 201201. Okt. 2012 · #29
17.07.12 Dschungelexpress
"Auf dem bescheiden kleinen Bahnhof Sahambavy hängen Bilder von Schweizer Hochleistungs IC-Zügen."
Wollen wir uns das wirklich antun? Schon von Weitem ist der Dieselmotor der Lokomotive zu hören und das typische Auffahrgeräusch der Schienenstösse wird immer deutlicher: tadam...tadam...tadam... die Leute auf den Geleisen treten gemächlich zurück aufs Perron und beginnen sich rund ums Gepäck zu sammeln, um sich vor Ort von ihren Angehörigen zu verabschieden.
Wollen wir uns das wirklich antun? Für die Bahnreise von Fianarantsoa nach Manakara benötigt man zwischen 10 und 14 stunden, je nach "Verkehrsaufkommen". Die Strecke führt vom Hochland, an steilen Abhängen entlang, bis ins tropische Einzugsgebiet des Faraonyflusses. über 160 Kilometer wilder, afrikanischer Eisenbahnromantik, inklusive Schweinchen und Hühnern in den Bahnwagen.
Ja, das wollen wir uns antun. Meine Frau und ich verabschieden uns von unseren drei Kindern und besteigen den mittlerweilen am Bahnsteig stehenden Zug. Erste Klasse gönnen wir uns, was den Billettpreis etwa auf vier Franken ansteigen lässt. Dafür kriegen wir aber einen Sitzplatz und ein gewisses Quantum an Atemluft auf sicher. Der Zug ist bis auf den letzten Platz besetzt und trotzdem finden sich immer noch mehr Passagiere auf dem Bahnhof ein, tja, da bleibt auch die 1. Klasse nicht vor Überbesetzung verschont.
Jetzt beginnt die Lok wieder zu schnauben und der kurze, mit Güterwagen bestückte Schmalspurzug setzt sich gemächlich in Bewegung. Noch ein letztes Mal winken wir unseren Kindern zu und auf geht's, auf "unsre" 140 km lange Reise ... vor unseren Eisenrädern. Unsere Kinder können sich die lange Zugfahrt ersparen, sie werden von Claude bestens versorgt und die Strecke über einen längeren Umweg mit dem Auto abfahren.
Unser Madagaskarhandbuch hat nicht zuviel versprochen: Die Eisenbahnfahrt bringt uns ein urbanes und naturverbundenes Madagaskar näher. Die Schienen, ein Ingenieursmeisterwerk aus der französischen Kolonialzeit, winden sich über ... zig Brücken und durch Tunnels den Abhängen des (einstigen) Regenwaldes entlang, von der einen Siedlung zur anderen. Die Eisenbahn ist die einzige noch funktionierende Verkehrsverbindung für die kleinen Dörfer an der Trasse. Sie ist für ein paar Mal die Woche Verkehrsmittel, Lebensader und Wirtschaftsmotor in einem.
Erst vor kurzer Zeit ist eine Maschine von den Geleisen gestürzt und dadurch zu unreparierbarem Schrott verkommen. Mit diesem brachliegenden Ersatzteillager wird verbissen versucht, wenigstens ein Triebfahrzeug in Schwung zu halten. Niemand weiss, wie es dereinst weitergehen wird, wenn auch diese einzige, letzte noch fahrfähige Lok einmal ihren Dienst quittiert.
Mit einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von etwa 30 km/h kommt unser "Jungle-Express" stetig gut voran. Wie in einem schönen Traum zieht die abwechslungsreiche Tropenlandschaft am Fenster vorbei und wir versuchen, wie pikt, die Szenerie in unseren Fotoapparaten festzuhalten. Bis, tja bis der Zug dann schliesslich in den nächsten Bahnhof einfährt und sich mindestens für eine Stunde zur Ruhe setzt.
Auf jenen Bahnhöfen lebt jeweils für die kurze Zeit das Geschehen richtiggehend auf. Das halbe, wenn nicht das ganze Dorf, ist während der Aufenthaltszeit des Reisezuges auf trab. Endlich kommt Schwung ins Leben der Gemeinschaft.
Jetzt werden alle möglichen Sachen den Passagieren in Körben feilgehalten. Wer nicht aussteigt, um sich mit Lebensmittel zu versorgen, der kann sich ruhig auch vom Wagenfenster aus reichlich bedienen lassen: Früchte, je nach Jahreszeit von der Mango über die Ananas bis zu kleinen süssen Bananen. fritiert, gedehrt, überbacken oder roh. Irgendwelche gebackene Gemüseplätzchen fritierte, süsse Teigrollen, Zuckerrohr oder auch einfach gekochte Reisbällchen, dazu Tee oder Kaffee.... Alles wird angeboten, gefeilscht und auch verkauft. Gewürze, Nüsse, Vanille, Pfeffer, Zimtstangen.... Auf den Geleiseanlagen ist ein reges Treiben im Gange, fast ein bischen Jahrmarktstimmung ist dabei auszumachen. Frauen und Männer verdienen ihr Geld und die Dorfjugend hängt in den Bäumen rum, immer darauf bedacht, auch ja alles Wichtige mitzubekommen. Urplötzlich, inmitten des Geschehens, des Handelns, Beschnuppern und Auskostens ertönt das Signalhorn der Lokomotive und das Zugpersonal trillert mit der Mundpfeiffe. und so schnell die Reisenden den Zug verlassen haben, so geschwind sind auch alle wieder auf ihren Plätzen. Die Fahrt kann weitergehen.
Nach weiteren acht Stationen und acht Stunden intensiver, interessanter, aber anstrengender Eisenbahnfahrt senkt sich die Sonne über den westlichen Hügelzügen und der Abend bricht herein. Da es im Waggon, trotz erster Klasse nun immer düsterer wird, bedienen sich die Passagiere ihrer mitgebrachten Taschenlampen. Das aber kann wiederum der Bahnbetreiberin nicht rechtens sein und mit der nötigen Ausdauer und Effizienz wird bei einem eingelegten halbstündigen Zwischenhalt die Lichtanlage wieder repariert. Tatsächlich die schlichten Glühbirnen an der Decke des Wagens spenden ein warmes, wenn auch schwächliches Licht. Die Freude währt jedoch nicht von langer Dauer. Mit jedem Schienenstoss und jeder Kurve, die befahren wird, flackert das Licht bedenklicher. Und je länger die Fahrt in die Nacht dauert, umso grösser werden die lichtlosen Phasen, bis dann die Stromversorgung schliesslich endgültig den Betrieb einstellt und zusammenbricht.
Die Erleichterung steht jedem mitreisenden ins Gesicht geschrieben, als nach fast 12 Stunden der Zug in den Bahnhof von Manakara einfährt. Die Fahrt war lange und bestimmt auch mühsam, aber das Erlebte, die gewonnenen Eindrücke entschädigen über so manche Hintern- und Steissbeinschmerzen hinweg.
Unsre Kinder und ihr "Behüter" empfangen uns am Bahnhofplatz.. in einem riesigen, unübersichtlichen Gedränge müssen wir erst noch den schmalen Hallenausgang bewältigen, bevor's dann im Dunkeln der Strand- Sandstrasse entlang zu einem abgelegenen, freundlichen Häuschen geht. "Vanilla - Ingrid" ist für zwei Nächte unser nächstes Zuhause.
erdferkel schrieb:Könnte es sich bei dem Wald, wo ihr die Lemuren gesehen habt, um Ialatsara handeln? Wenn ja, dann wären das Milne-Edwards-Sifakas. Da waren wir nämlich auch 😁 und haben uns über die schwarzen flauschigen Kerlchen in den Bäumen gefreut. So eine Spinne hatte man uns auch gezeigt, laut Bradt-"Wildlife of Madagascar" ein Kite Spider.
Vielleicht hilft uns Reiseleiter, das Namenswirrwarr mit den Orten aufzulösen...
Hallo Erdferkel,
Da ist keine Hilfe mehr nötig, alles was du oben geschrieben hast stimmt haargenau. L.G.
lopeThemenstarter64 Beiträge · seit 201202. Okt. 2012 · #31
18.07.12 Manakara - Pirogenfahrt
Ein leichter Dunst, ja fast schon Nebel liegt über der Brandung des Indischen Ozeans, als wir am Morgen in aller Frühe, noch mit leeren Mägen die Sandpiste zurück nach Manakara unter die Räder nehmen. Unser Ziel ist eine Hotel-Bungalow-Ruine auf der anderen Seite der Ortschaft. Die auf einer Halbinsel liegende Anlage wurde vor wenigen Jahren durch einen Zyklon derart schwer beschädigt, dass der Besitzer Hals über Kopf flüchtete und die Gebäude den Naturkräften überlies. Ein paar gute Seelen kümmern sich heute um das übrig gebliebene, meist unbewohnbare Paradies "Eden Sedi“. Sie bewirten Passanten und... behüten, neben Schildkröten und Krokodilen auch ganze Kolonien von zutraulich gewordenen Lemuren.
Liebenswürdig empfängt uns die Küchenchefin am Eingangstor der einst so tropisch anmutenden Hotelanlage. Die schweren Ankerketten, die ehemals einen alten Baum umzäunten, sind heute nur noch ein Schatten ihrer selbst. Verrostet und zu Oxidstaub zerfallen markieren sie bloss noch ihren einstigen Stolz und Zweck. Wir folgen der Frau durch Hinterhofdurchgänge in einen grossen exotischen Garten. Wunderschön unter Kokospalmen gelegen verliert sich ein einzelner, schön gedeckter, kleiner Tisch im Innern dieses Hofes. Wir können uns gut vorstellen, wie einst die Atmosphäre hier inmitten dieser tropischen Pflanzen auf dem Rasenplatz gewesen sein muss. Wir setzten uns an den zubereiteten Tisch und alsbald werden wir mit einheimischen Köstlichkeiten bedient. Frische, noch etwas säuerliche Kokosmilch wird uns direkt vor Ort zubereitet. Dazu gibt's Früchte, Crêpes und ein butterloses Parisettbrötchen (Butterersatz: Kokosfleisch geraspelt, gesüsst mit Honig). Einfach perfekt… leider mundet der Kaffee nicht immer nach meinen Geschmacksnerven, ....aber das ist hier wohl ein anderes Thema.
Nach dem ausgiebigen Zmorgen, gibt’s für unsere Kinder kein halten mehr. Claude hat uns auf der Hinfahrt einen Bund Bananen besorgt, und der „muss“ jetzt verfüttert werden. Mit Ruflauten und schnalzenden Geräuschen versucht unsere Gastgeberin die Katas anzulocken. Der Kata ist eine helle, grauweisse Lemurenart. Der einzigartige, schwarz-weiss geringelte Schwanz ist sein Markenzeichen. Ob es jetzt die lustigen Geräusche sind, oder ganz einfach die anziehenden gelben Bananen... auf jeden Fall tummeln sich plötzlich mehrere jener wunderschönen Lemuren auf den Palmen und den Holzbauten rund um unseren Tisch herum. Im Gegensatz zu den nahe verwandten Affen, sind Lemuren nicht so aufdringlich und fordernd, sie geben sich eher scheu und zurückhaltend. Wenn das Eis dann aber gebrochen ist, nähern sie sich vorsichtig der hingestreckten Hand und verweilen anschliessend auch ganz gerne auf den Knien unserer verspielten Jungmannschaft. Die Zeit vergeht wie im Fluge und die Katas tanzen uns schon mal gerne auf dem Rücken und "der Nase" rum; wir geniessen diese Zutraulichkeit der Tiere. Auch wenn diese Lemuren durch Menschenhand gefüttert werden und aus einem Reservat stammen, so leben sie hier doch immer noch frei in den Bäumen und brauchen sich wohl nicht davor zu fürchten, später in einem Kochtopf zu landen.
Jetzt müssen wir uns erst mal von den Katas trennen, denn unten am Kanal liegt eine Piroge für uns bereit. Die Piroge ist eine Art Einbaum die oft, um nicht zu kentern, seitlich mit einem schiffsrumpfförmigen Schwimmkörper abgestützt wird. Es gibt Pirogen bei denen gepaddelt wird und es gibt diejenigen, die gesegelt werden können. Die einstündige Flussreise führt uns zu einer kleinen Siedlung in der sumpfigen Gegend des Pangalane-Kanals.
Nach einem kurzen Fussmarsch durch die marchige Landschaft erreichen wir mit verschlammten Beinen einen kleinen, auf Stelzen errichteten Hof. Das Häuschen ist ganz aus Schilf gefertigt und im Innern, unter dem dichten Strohdach modert ein kleines Feuerchen. Wir begrüssen höflich die Bäuerin und es vergeht keine Minute und eine Schar von vielleicht 30 Kindern versammelt sich um unsere kleine weisse Familie. Auf dem Gelände der kleinen Farm wimmelt es von Fruchtbäumen und Gewürzsträucher. Claude versucht uns, all die verschiedenen Düfte und Geschmäcker näher zu bringen und unsere "Aha"-Erlebnisse häufen sich mit jeder neu entdeckten Pflanze: Vanille, Gewürznelken, Muskatnüsse, wilder Pfeffer, Zimtrinde, Mango-, Litchi- und Papayabäume, Ananas und Honigpomelo, Mandarinen und Limonen ebenso wie die Jackfruit. Mit Ausnahme der Fische wächst den Menschen hier eigentlich alles direkt in den Mund. Hinter dem kleinen Haus haben die Bewohner eine Matte mit Kaffeebohnen zum Trocknen ausgelegt... wie gerne hätte ich doch jetzt mal einen anständigen, gut riechenden Kaffee getrunken.
Zum Trocknen ausgelegte Kaffeebohnen
Ganz zur Freude der vielen Kinder haben PE, DI, MA und JO noch ein Geschenk mit ins Dorf gebracht. Unsere Familie hat nämlich die überzähligen Migros-Animanca-Steine mit nach Madagaskar genommen. An ein farbiges Schnürchen aufgezogen, geben diese einen wunderbaren Handgelenkschmuck ab. Das Leuchten in den Augen der kleinen Dorfjugend ist nicht mehr wegzukriegen, als wir den Kindern die Steine umbinden. Gewiefte Schlitzohren stehen sogar nochmals in die „Reihe“ und halten auch die zweite Hand hin. Dieser "Bschiss" wird aber durchschaut und die Aktion endet dann mit einem beidseitigen lauten Gelächter.
Stolze Animanca-Stein-TrägerInnen
Die ganze Gemeinschaft begleitet uns zurück zur Piroge, wo wir von unseren beiden Paddlern wieder in Obhut genommen werden. Wie im Spalier stehen die vielen Kinder am Ufer und winken uns nochmals begeistert zu.
Zurück zur unserer Piroge
Die Fahrt führt uns zurück, vorbei an kleinen Fischerbooten, an den hohen saftiggrünen "Elefantenohren", an blaugelb leuchtenden Eisvögeln und durch die, auf dem ruhigen Wasser liegenden Seerosen. Zurück zum paradiesisch gelegenen Exotic-Ruinen-Resort.
Elefantenohren
Nach einem herrlichen Fischessen spielen unsere Kinder nochmals mit ihren Lemuren. Eine kleine Gruppe Braun-Lemuren hat sich unter die Katas gemischt und versucht auch ein Stück vom "Kuchen" zu ergattern, was sich als gar nicht so einfach erweist.
oder sind es genauer Kronen Makis?
In der Gischt der Brandung, an der nahegelegenen Mündung des Pangalane-Kanals versuchen Dutzende von Fischer ihr Glück. Im knietiefen Wasser werfen sie mit einer gekonnten Schwungbewegung ihre runden Netze aus und ziehen sie kurzerhand wieder ein. So werden kleine und kleinste Fischschwärme aus dem seichten Mischwasser gezogen. Das daraus frittierte Fischgebäck schmeckt übrigens hervorragend.
In Manakara schauen wir uns noch kurz in den Markthallen um. All die Gewürzdüfte vom Fluss steigen uns auch hier wieder in die Nase, nebst anderen, eher undefinierbaren Düften. So hat ausgerechnet JO das Pech, in einen solchen unzumutbaren "Duft" zu treten. Überall durch diese Marktanlage fliessen offene Abwasser und Fäkalkanalisationen, und so ist die Chance relativ hoch, unbewusst in einen solchen Graben zu stehen. Pfuiii, igitt,... wie "duftet" unser Junge nur vor sich hin. Einer aufmerksamen Marktverkäuferin ist dieser Fehltritt nicht entgangen. Schnell holt sie eine Schale mit frischem, sauberem Wasser und beginnt auch gleich dem JO die Füsse zu waschen. Mit einer gewissen Heiterkeit wird diese Szene von den anwesenden Marktfrauen förmlich aufgesogen. Trotz nachträglicher minutiöser Reinigung der Sandalen mit Seifenwasser gelingt es uns nicht wirklich, diesen penetranten Gestank aus dem Leder zu verbannen. Da hilft JO auch kein Salzwasserbad mitsamt diesen Schuhen im Meer.
erdferkel414 Beiträge · seit 200903. Okt. 2012 · #32
Schön, die Tour aus Eurer Sichtweise zu lesen! Einige der Leute erkenne ich auf den Fotos sogar wieder!
Ein shit happens Erlebnis auf den Märkten ist uns glücklicherweise erspart geblieben, wobei ich es für gefährlicher halte, in eines der Löcher im Boden zu treten und sich zu verletzen 😮, als "nur" unangenehm riechende Schuhe zu haben... In diesem Falle haben uns die Berliner Gewohnheiten vor Schlimmerem bewahrt, denn auf unseren Trottoirs muss man stets einen wachsamen Blick nach unten richten, damit man nicht in eine Tretmine rennt.
Tja, was man aus dem Eden Sidi alles machen könnte, wenn da nicht das immense unternehmerische Risiko wäre, mit kaputten Zufahrtswegen (Brücke!) und Zyklonen zurecht kommen zu müssen. Auch für uns war es ein wunderbarer, magischer Ort!
lopeThemenstarter64 Beiträge · seit 201203. Okt. 2012 · #33
19.07.12 Fahrt von Manakara nach Ranomafana
Nach gut drei Stunden Fahrzeit steuert Claude den Geländewagen rechts von der Strasse runter und stellt den Motor ab. "Sind wir jetzt da?" fragen die drei jungen Mitreisenden. Nein, geschafft haben wir's noch nicht, aber schon fast. Am Strassenrand stehen vier kleine Lehmhäuser, unmittelbar an einem kleinen Fluss, der seinerseits die Grenze zu einem dichten Regenwald bildet. Dieser Wald ist das eigentliche Ziel unserer heutigen Etappe: Es ist der Ranomafana Nationalpark.
Den Morgen genossen wir ein letztes Mal an der wilden Beach vom "Vanilla Resort". Die Kinder versuchten sich nochmals im Baden und sammelten eifrig irgendwelche verscherbelte Muscheln. Ich beobachtete vom Strand aus das Geschehen: Lustig,... wie sich die kleinen Krebse jeweils knapp vor den Füssen der spielenden Mädchen in ihre Sandlöcher retteten.
Restaurant des Vanilla Resort
Für den Mittagslunch nahmen wir bereits den sandigen Strandweg unter die Räder und kehrten in Manakara ein. Hier im Ort hatte Claude seine, ach so wichtige Internetverbindung endlich wieder. Nun gut, die ist halt sein Geschäft, seine Lebensader und ohne sie läuft sein Reiseunternehmen nicht. Erst jetzt erahnten wir, wo sein etwas betrübter Blick vom Vortag herrührte... da war kein Mail-Empfang! Denn, auch "Menschen im Urwald" können heute nicht auf alles verzichten. Danach machten wir uns auf den langen Weg, der Landstrasse entlang von Manakara, durch die Hügel des Hinterlandes zurück in Richtung Fianarantsoa.
Anwesen mit den bezaubernden „Haustieren“, davor unser Transportmittel
Ein älterer Herr und seine Familie empfangen uns vor den Häuschen bei einem tiefgrünen tropischen Baum. Und eh wir uns versehen, fuchtelt der Mann mit einem langen Stock in den Ästen und Blätter des Baumes herum, was der wohl da oben sucht? Plötzlich hält er inne und wartet ruhig, den Stock noch immer im Baum haltend.... und da ist es... langsam zieht unser Madagasse den Stock zurück und präsentiert uns: unser erstes Chamäleon! Ein riiiesen Ding, bestimmt über einen halben Meter lang und im selben satten Grün wie sein Baum. Auf seinem Kopf trägt es ein Hörnchen, auch Helm genannt, daran identifiziert man das Tier als Männchen. Claude weist uns an, den einen Arm an den Stock zu halten, so dass das Chamäleon seinen Platz wechseln kann. Mit gemütlichen Schrittchen greift die Echse nach dem Unterarm von DI und alsbald sitzt das ganze urige Wesen auf ihr... "grins"!
Die Chamäleons kommen aus dem nahen Regenwald rüber, auf den Hof. Es sind immer andere Exemplare, die den Weg über den Fluss zu unserem Baum finden. Die Tiere werden weder speziell gefüttert noch gefangen gehalten, sie können ihren Aufenthaltsort ganz frei wählen. Nun gut, so frei gewählt ist der derzeitiger Standplatz unseres Männchens wohl nicht, aber so unglücklich sieht es nicht drein, ...und DI schon gar nicht.
Chamäleonmännchen
Schon ist unser Gastgeber wieder bemüht, noch ein Tier vom Baum zu holen. Diesmal ist es ein Weibchen. Den weiblichen Chamäleons fehlt das Hörnchen und auch sind sie etwas kleiner als ihre männlichen Kollegen; dafür bestimmt fein und charmant. Mittlerweilen tummeln sich diverse Chamäleons auf unseren Armen und Rücken herum, und wenn ich ihnen so zuschaue, wie die sich bewegen, dann denke ich dabei unwiderruflich an den Lebensrhythmus des madagassischen Volkes: ein Schritt nach vorne und mindestens ein Halber zurück!
Chamäleonweibchen
Wir beschäftigen uns noch lange mit diesen Echsen, ja, ab und zu finde sogar ich ein Tier im Baum sitzen. Wir entdecken sie in allen natürlichen Farbvariationen, in Blättern und an Ästen und je mehr wir von ihnen erspähen, umso länger könnten wir hier verweilen und ihnen Gesellschaft leisten. Doch unsere heutige Reise ist noch nicht am Ziel und drum startet Claude auch bereits wieder den Motor. Das war doch eine tolle Begegnung.
Aussicht von unserer Unterkunft in Ranomafana
Nur noch wenige Kilometer und wir treffen in Ranomafana, dem Eingangstor zum gleichnamigen Nationalpark ein. Unsere Unterkunft liegt gleich am Anfang des Dorfes und besteht aus mehreren, in den Hang gebetteten Häuser. Wir kriegen jenes Haus, das am weitesten von der lärmigen Landstrasse entfernt steht. Entsprechend aber nur über hundert Treppenstufen zugänglich ist. Trotzdem steigen wir am Abend die Stufen nochmals hinunter und geniessen, nebst einem reichhaltigen Essen, einen gemütlichen Spaziergang durchs Dorf und zum Thermalbad... PE feilscht fünf "wenig kostende" Halsketten aus Samenkörnern zu "fast nichts mehr kostenden" runter und bezahlt dafür wohl immer noch zu viel.
Abendspaziergang durch Ranomafana
Wenn wir danach all die Tritte wieder hochgestiegen sind, brauchen wir uns nur noch aufs Bett fallen lassen... und von farbenfrohen Chamäleons zu träumen.
lopeThemenstarter64 Beiträge · seit 201204. Okt. 2012 · #34
20.07.12 Ranomafana Nationalpark durchkämen und vergnügen im heissen Nass
Strassenabschnitt vor unserem Hotel
Der Eingang des Ranomafana Nationalparks befindet sich auf einer Anhöhe. Wir fahren mit Claude eine art Passstrasse hoch, entlang an hübschen, rötlich gelben Lehmhäuschen, bis wir nach 10 Minuten anstrengender Kurvenfahrt, am Eintrittsportal von unserem Deutsch sprechenden Parkguide in Empfang genommen werden. Der junge Madagasse reiste vor wenigen Jahren nach Antananarivo, um dort die italienische Sprache zu erlernen. Dieser Sprachkurs wurde aber wegen Desinteresse und Unterbesetzung nicht durchgeführt, so entschied der Lehrer, alle Sprachklassen zusammenzulegen und stattdessen Deutsch zu unterrichten. Da sich unser Mann nun mal vor Ort befand, belegte er halt diesen einen Kurs, ...und damit ist er heute nicht mal so unglücklich. Wir auch nicht, denn so erhoffen wir uns doch, an etwas bessere Informationen zu gelangen.
Der Name Ranomafana bedeutet "warme Wasser" und entstammt den vielen Thermalquellen, die rund ums Dorf und im Wald aus dem Boden sprudeln. Im Talatakely-Bereich gibt es mehrere Wanderungen, die von zwei Stunden bis zu zwei Tagen dauern können. Wir entscheiden uns für eine eher kürzere Variante von drei bis vier Stunden, inklusive Lemuren, Panoramablick ...und unseren Kindern.
Der Nationalpark hat einen Durchmesser von 25 km und beheimatet eine üppige und artenreiche Fauna mit 12 Lemurenarten, darunter den goldenen Bambuslemur, der hier erstmals in den 90er Jahren entdeckt wurde (zu deren Schutz wurde übrigens dieser Park gegründet), 114 Vogelarten, 40 Arten Säugetiere und diverse Reptilien. Die Flora würde, vorausgesetzt man ist zur richtigen Jahreszeit am richtigen Ort, zahlreiche Orchideenblüten hervorbringen. Zurzeit aber kriegen wir zumindest ein paar "medizinische" Pflanzen zu Gesicht, die gegen jegliche Arten von "Wehwehchen" helfen sollen.
So begeben wir fünf uns denn mit unserem persönlichen Führer über erste Klopfsteinstufen hinab, in den Urwald. Der Weg führt uns über einen wilden Fluss. Klares Wasser fliesst über Granitsteinblöcke und Kaskaden. Das Klima hier ist sehr tropisch und feucht und es regnet fast täglich, jährlich rund vier Meter Niederschlag. Wir aber geniessen unsere Wanderung durch den Regenwald bei schönstem Sonnenwetter. (Was für ein Bschiss! Von wegen Regenwald.) Aber sicher ganz gut so, dann bleiben uns die unsäglichen Blutsauger von Leib und Fuss.
Tiefer im Wald werden die Pfade schmaler und die Vegetation immer dichter. Riesige Farnbäume inmitten von grossblättrigen Tropenpflanzen, die wir nur als Stubenzierde kennen, überdachen den Weg. Wir finden viele Spinnen und Insekten, Wespennester, sogar einen Greifvogelhorst, nur, die Bambuslemuren, die nehmen wir erst als ganz kleine dunkle Punkte, hoch oben in den Bäumen wahr. ...Aber hey!!! Hätten nicht bereits die Forscherteams aus Europa und Amerika den Primaten entdeckt, wir wären glatt die Ersten.
Nach einer kurzen Rast auf einer Aussichtsterrasse, von wo aus wir einen ungetrübten Blick über den wilden Ranomafana geniessen konnten, führt uns die Tour quer durch dessen Unterholz. Dornen verfangen sich in den Schuhen und zwischendurch wird's auch noch richtig glitschig. Wenn's da ja nur keine "Litschis" gibt! Nein Blutegel beissen nicht an, aber wir erspähen eine Gruppe Rotbauchlemuren, die sich hoch oben in den Bäumen satt frisst, um danach wendig von Baum zu Baum zu springen; und wir, wir stolpern und haspeln ihnen durch Gestrüpp und Schmarotzerwinden, mitsamt unserer Ausrüstung hinter her.
Als Abschluss unserer Tour, kurz bevor der Weg uns wieder die Klopfsteinstufen hochsteigen lässt, biegt unser Guide nochmals links in den steilen Waldhang hinunter. Und tatsächlich, nochmals lässt sich eine Gruppe der seltenen, goldenen Bambuslemuren ganz aus der Nähe beobachten. Dieser Waldrundgang ist ein grossartiges und "erfolgreiches" Erlebnis.
madagassische Art, Brücken zu schlagen
Da uns das Wetter ja einen Strich durch die Rechnung macht und statt zu regnen, die Sonne scheint, besuchen wir am Nachmittag das geheizte Thermalbad von Ranomafana. Mit seinen fast 40 °C macht es mich nicht so wirklich an, darin zu baden. Ganz anders die Kinder, die freuen sich besonders auf die heisse Abkühlung. Der Weg zum Bad führt an den "Bäumen der Reisenden" vorbei, über eine Brücke ans andere Ufer eines Flusses. Die ursprüngliche Stahlkonstruktion der einstigen französischen Besetzter windet sich zapfenziehermässig desaströs, von Zyklonen zerstört über das Wasser. Die Madagassen haben kurzerhand einen Bretterverschlag durch die Fundamente gezimmert und das hält so jetzt wohl bis zum nächsten Tropensturm. Auf jeden Fall, unseren Ansturm hat das "Bauwerk" überlebt und drum tummeln wir uns bereits in den "Fluten" des schön gelegenen Pools.
Ravinala (das Blatt des Waldes), Madagaskars Nationalbaum
Dass wir die einzigen „Bleichen“ sind, unter einer Horde von farbigen Kindern stört hier niemanden. Im Gegenteil, die Einheimischen Jungs finden schnell gefallen an PE, JO und den Mädchen, im Nu entwickeln sich fröhliche Frisbeespiele im und ums Wasser. Das bunte Treiben im Bad ist auch bei der vorübergehenden Dorfbevölkerung nicht unentdeckt geblieben. Immer mehr Zaungäste versammeln sich rund um die abgesperrte Therme und beobachten aus ihrer Loge interessiert das lustige Geschehen, das sich kreuz und quer über dem Wasserbecken abspielt.
grünes Spielzeug für Stunden mit Zaungästen im Hintergrund
Auf dem Rückweg zum Hotel bestaunen wir die Hingabe eines Jungen, der seinen Flugdrachen in den Abendhimmel steigen liess. Der steht bestimmt mehr als 500 Meter hoch oben in den Wolken! Das sieht aber nach viel Arbeit aus,... den wieder runter zu holen?!
Der Drache fliegt weit aus dem Foto
MA und DI schauen noch schnell beim örtlichen Strassenpolizeiposten vorbei, begrüssen die stets gut uniformierten Beamten und lachen kurz mit ihnen. Die Polizisten benützen meist alte, ausrangierte französische Uniformen. Es gibt daher auch nicht wirklich ein einheitliches Erscheinungsbild unter den verschiedenen Einheiten. Dafür wirken die Gesetzeshüter aber immer sehr autoritär und kompetent auf ihrer Arbeit, und mit der nötigen Kleingeldspende kann man eigentlich (fast) alle Probleme mit ihnen aus dem Weg schaffen.
Dann geht's "heimwärt's", zu einem ausgezeichneten Abendessen.
erdferkel414 Beiträge · seit 200905. Okt. 2012 · #35
Seufz... wenn ich so den Landcruiser vor den Chamäleon-Häusern stehen sehe... ein richtiger Flashback, als seien wir erst gestern dort gewesen. Haben die Krallen von den großen Grünen bei Euch auch so gezwickt?
lopeThemenstarter64 Beiträge · seit 201205. Okt. 2012 · #36
hey, erdferkel! ... das war doch erst gestern!...
auf jedenfall sind die kratzspuren der weibchen auf meinem rücken immer noch sichtbar! 😎
lg: lo
lopeThemenstarter64 Beiträge · seit 201205. Okt. 2012 · #37
Bei diesem Traum-Herbstwetter hat es uns Heute (Oktober 12) in die Schweizerberge gezogen. "Comme les GAGAS" am grossen Mythen bleibt aber ein Wunsch...
lopeThemenstarter64 Beiträge · seit 201205. Okt. 2012 · #38
21.07.12 Comme les GAGAS
Heute treffen zwei Welten aufeinander, die für Madagaskar wohl unterschiedlicher nicht sein könnten. Zum einen besuchen wir auf unserer Weiterfahrt in Fianarantsoa die Welt einer Fotogalerie mit einer ansehnlichen Kunstsammlung, und im Weiteren tragen wir einen riesigen Rucksack den Hang eines trockenen Grasfelsens empor. Aber eins ums andere, der Reihe nach.
Unsere Koffern nehmen den Weg, die vielen Treppenstufen zum Auto hinunter auch nicht von selbst unter ihre Rädchen. So schleppen JO und ich mit vereinten Kräften unser Gepäck zumindest bis zur Hotelrezeption runter. Beim Restaurant, wenige Meter vom Parkplatz entfernt, legen wir einen Halt ein, ich stelle unser Gepäck hin und bezahle an der Bar noch die Getränkerechnung der letzten zwei Tage. Und wie das Leben hier so spielt, nimmt unbemerkt ein gewiefter Hotelportier die Last für die letzten paar Meter bis vors Fahrzeug in seine Obhut. Völlig "erschöpft und ausser Atem" verstaut der Mann unsere vier Koffer vor PE's Augen im bereitstehenden Wagen. Natürlich verdankt PE dem "Träger" die mühevolle Arbeit mit einem gerechten Trinkgeld... he ja, die ganzen hundert mühseligen Stufen ...
(Bild Eigentum des Fotographen)
Fianarantsoa (wo man das Gute lernt) ist eine Universitäts- und Industriestadt. Sie ist auch Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und Ausgangspunkt für Reisen an die Ostküste und in den Süden des Landes. Die Stadt ist in unseren Augen ein Moloch und auf der Reise deshalb nicht von grosser Bedeutung. Bis auf ein kleines Atelier, das unmittelbar an der Hauptstrasse durch einen Hofeingang erreichbar ist. Die Adresse ist Ladenlokal, Galerie und Werkstatt in einem. Hier entwickelt und bearbeitet ein Meister seines Metiers die Aufnahmen seiner Kamera.
(Bild Eigentum des Fotographen)
Die Bilder in seiner Galerie sind allesamt auf Madagaskar aufgenommen, sie dokumentieren die Geschichten, das Leben, Motive von Gesichtern einer mittleren und eher ärmeren Gesellschaft. Auf der Strasse, an der Arbeit, zuhause, beim Spielen, ob in der stickigen Stadt oder auf dem Land in freier Natur, am See, in den Bergen, der Steppe und im Wald. Schwarz-weiss oder farbig. Der Künstler ist landesweit bekannt und gastiert mit seinen Werken auch ab und zu ausserhalb der Insel. Während die Kinder aufmerksam den Druckerkopf eines Fotoplotters verfolgen, betrachten wir Erwachsenen interessiert die verschiedenen Aufnahmen und Bücher, die in den Räumlichkeiten aufliegen. Im Ladenlokal gibt es die vielen schönen Motive auch in Kartenformat zu kaufen. Da die Ansichtskarten trotz der hohen Qualität zu erschwinglichen Preisen erhältlich sind, decken wir uns mit einer beachtlichen Menge jener tollen Bilder ein. Die anschliessenden Ausgaben für die Briefmarken nach der Schweiz übersteigen den Kauf der Karten schliesslich um ein Mehrfaches.
(Bild Eigentum des Fotographen)
Mit jedem Kilometer Autofahrt Richtung Süden verändert die Gegend allmählich ihr Gesicht. Wir kehren der Region des Hochlandes langsam den Rücken und betreten eine steppenartige Gras- und Weidelandschaft mit hohen, rundlichen Felsmassiven. Ambalavao ist das südlichste Städtchen des zentralen Hochlandes und bekannt z. B. durch seinen grossen Zebumarkt. Es ist vorerst unser Ziel der heutigen Etappe.
In einem unscheinbaren Innenhof eines kleinen Hauses besuchen wir die Frauen einer Wildseidenspinnerei an ihren Arbeitsplätzen.
Die ungefähr zehn Arbeitskräfte verarbeiten in mehreren Einzelschritten die Seidenraupencocons zu gewobenen Tücher und Fertigartikel, wie Schals, Taschen und Kleider. Alles wird von Hand erledigt, in aufwendiger, mühevoller und meist monotoner Arbeit.
Sieben Cocons zusammenfügen und von Raupenresten befreien,
Cocons kochen und aufweichen, auf dem Vordach austrocknen lassen,
Rohseide abhaspeln, auf den Knien mit nassen, seifigen Händen zu faden spinnen, in Maiskörnern zwischenlagern
und schlussendlich von der aufgewickelten Spindel zu einem Seidentuch weben.
Die eingefärbte Wildseide wirkt visuell sehr grob, ist aber ein feines, wohlig fühlendes und persönliches Souvenir für PE und MA. Tja, so persönlich, dass sich die beiden Frauen den einen, olivgrünen Schal streitig machen.
In einer weiteren Werkstatt verfolgen wir die Produktion von Maulbeerbaumpapier. Dem weich gekochten Brei aus der Rinde des Maulbeerbaums werden, auf Leinen ausgebreitet, farbenfrohe Blumenblüten aufgelegt. Die noch klebrige Masse kann später, im ausgetrockneten Zustand zu "blumigem" Briefpapier zugeschnitten werden. Nun ja, auch nicht so wirklich mein Ding.
Ich vermute, das Herz pöpperlet ihr ganz kräftig in den Hals, als wir fünf den steilen Pfad in die Höhe eines Bergsattels unter die Füsse nehmen. Mit dabei, ein riesengrosser Rucksack, voll mit Schnüren und einem feinen, gut vernähten Tuch.
Der Wind kräuselt uns leicht in den Rücken und ich bin mir immer noch nicht so ganz sicher, ob sie sich wirklich traut... PE möchte von diesem Bergrücken aus, zu ihrer Gleitschirmtaufe starten. An einem geeigneten Startplatz angelangt, wartet unser kundige Gleitschirmpilot auf etwas bessere Windbedingungen. Immer wieder wirft er dürre Grasbüschel in die Luft und bewertet Windstärke und Windrichtung. Wir warten bestimmt schon über eine Stunde am Hang, als unten im Tal sich auch drei, der mit Nicole reisenden Franzosen auf den Weg zu uns hoch machen. Auch sie gedenken erst, einen Tandemflug zu absolvieren.
Und plötzlich geht alles sehr rasch. Der vorerst zu starke Wind nimmt etwas an Intensität ab. Der junge Pilot legt den Gleitschirm aus, der Sitz des Piloten wird mit dem des Passagiers verkuppelt, die Tragriemen werden straff angezogen, und dann stehen beide da, mit eisern angespannter, ernster Mine, bereit für den Abflug. Zwei Mal verheddert sich das Tuch beim Start, aber dann, beim dritten Mal bleibt der geöffnete Schirm satt aufgeblasen über unseren Köpfen stehen. Jetzt zwei, drei Schritte und das Duo hebt gemeinsam ab. COMME LES GAGAS! (Wie die Malagasy-Krähen!) stehen die beiden in der Luft und beginnen an Höhe zu gewinnen. In grossen Bögen kreisen sie im Aufwind der imposanten Felsen und geniessen sichtlich die Weite der unter ihnen liegenden, atemberaubenden Landschaft.
Stundenlang hätten sie wohl am Himmel rumhangen können, würden da nicht noch JO und die drei französischen Touristen auf einen Start warten. So endet PE's Erstlingsflug halt nach 10 Minuten unten im Tal.
Oben, auf dem Berg entschliessen sich unsere französischen Freunde schliesslich, auf einen Flug zu verzichten. Es wird frisch und die Wartezeit dauert ihnen zu lange. Sie nehmen den Abstieg wieder zu Fuss in Angriff und bringen unsere zwei schlotternden Mädchen gleich mit nach unten. JO und ich harren im Schatten der Abenddämmerung an der Bergflanke aus und warten auf unseren Piloten.
Dann ist's soweit, auch für JO steht nun die Feuertaufe an. Weil sein Körpergewicht noch sehr leicht ist, geben wir dem Jungen noch ungefähr 30 Kilogramm Steine im Rucksack mit auf die Reise. Die Zeit drängt, denn jetzt beginnt's zu dunkeln und die Nacht bricht in diesen Breitengraden sehr rasch herein. JO schafft seinen Start leider nicht mehr, die steinige Zusatzlast ist ihm einfach zu schwer und er kriegt sein "neues Körpergewicht" nicht auf springende Beine. So brechen wir gemeinsam das Unterfangen ab und machen uns im (Stock)-Finstern auf den Rückweg. Das hingegen, ist gar nicht zu unterschätzen. Der Abhang ist steil und der Boden unter unseren Füssen brüchig und rau. Mit vereinten Kräften, JO zeitweilig an meinem Rücken hängend, schaffen wir die Herausforderung und kommen ohne grössere Blessuren bei unserer wartenden Familie und einem etwas "aufgeriebenen" Claude an.
Die Gegend um Ambalavao ist ohne Zweifel was das madagassische Hochland am schönsten zu bieten hat. Die atemberaubende Landschaft wird durch das schöne Licht noch beeindruckender. In dieser Gegend gibt es auch den einzigen nach europäischem Standard ausgebildeten Paragleiter Lehrer und natürlich unzählige Berge von denen man fliegen kann. Örtliche Träger kümmern sich um die Flugmaschine, ungläubige & erstaunte Madagassen versuchen zu verstehen wie man mit einem Stück Stoff und Schnüren fliegen kann. Sobald es zeitlich möglich ist gleite ich liebend gerne in der Abendsonne über Felsen und Bergdörfer.
lopeThemenstarter64 Beiträge · seit 201206. Okt. 2012 · #40
22.07.12 Ambalavao – Anja Reservat - Ranohira
Was für eine angenehme Nacht. In einem wunderschönen, neuen Bungalow konnten wir unseren kurzen Aufenthalt in Ambalavao geniessen. Die Anlage gilt noch nicht als eröffnet und so waren wir auch die einzigen Gäste in diesem Resort.
Unweit des Städtchens, auf dem Weiterweg nach Isalo, machen wir in einer Art Oase halt. Ein rundliches, durch Erosion schön geschliffenes Felsmassiv und ein kleiner, mit vielen Sumpfpflanzen bewachsener See sind der einzigartige Rahmen des Anja-Naturreservats. Der an Grösse nicht zu unterschätzende Park wird von der ansässigen, einheimischen Bevölkerung selbst verwaltet und getragen. Mit ein Grund, erst recht hier zu parkieren. Im Anja-Park leben die hier heimischen Katas, eine Vielzahl von Echsen und Chamäleons sowie "gefürchtete" Krokodile. Mit diesen Versprechungen im Gepäck ist es denn auch nicht schwierig, unsere Kinder für einen "Spaziergang durch den Garten" zu gewinnen.
Gleich zu Beginn unserer Wanderung erwarten uns etliche Chamäleons in den Sträuchern direkt am Wegrand. Man kann gar nicht glauben, wie viel Zeit wir für so kuriose Wesen investieren können. Mit ihnen könnte unsere Familie Stunden verbringen und würde nicht müde dabei.
wer sucht, der findet
Das Interesse an den farbigen Echsen nimmt aber jäh ein Ende, als uns die ersten Katas vor die Augen springen. Diesmal sind es nicht nur paar wenige, nein hier in den Bäumen am Seeufer leben Hunderte der wunderschönen, "weiss-schwarz geringelten" Lemuren. Da die Tiere hier nicht durch den Menschen gefüttert werden, sind sie auch wesentlich scheuer, als jene beim Hotel Eden Sedi in Manakara.
Aber es sind sooo viele, dass unsere Kameras gar nicht mehr zur Ruhe kommen. Wunderbare Motive der Lemuren mit Bäumen, Bergen und See wechseln sich ab. Grossartige Kulisse.
Was ist denn das? Da sind lauter kleine, flauschige Federchen am Stamm eines Baumes, und die bewegen sich auch noch. Es sind "Elefantenflöhe", die sich auf der Rinde versammelt haben und ihr Kostüm zur schau stellen. Wenn's nicht lebende Flöhe wären, würde man die Insekten glatt als Kopfkissenstopfmaterial durchgehen lassen.
Plötzlich kommt bei unserem Parkbegleiter etwas Aufregung auf, einer seiner Kollegen hat ein Krokodil gesichtet, schnell durchschreiten wir die Uferzone und gelangen an den seichten modrigen Rand des See's. So sehr wir aber unsere Augen auch anstrengen, da ist einfach kein Kroki auszumachen, schade, hat wohl etwas Angst gekriegt bei unserer Anwesenheit.
Die Gegend rund um den kleinen See hat es uns so angetan, dass wir unseren "Spaziergang" gerne noch ein bischen ausweiten. Wir begehen einen Rundwanderweg, der uns in die Felsen führt, vorbei an alten, riesigen, knorrigen Bäumen, entlang an düsteren Höhlen. Immer wieder eröffnen sich kurze Blicke auf den nahen See und in die weite Grassteppe der Insel. Nach über zwei Stunden "Spaziergang" kehren wir wieder an den kleinen Ort am Parkeingang zurück und .... Alle fanden's grossartig.
Nun verlassen wir die Bezolos und damit die zivilisierte Gegend rund ums Hochland endgültig. "Alles, was jetzt folgt, ist Wilder Westen", erklärt uns Claude und steuert seinen Toyota weiter Richtung Süden. Unser Ziel, der Isalo Nationalpark, unterwegs auf dem Weg nach Toliara (Tulear).
Die Strecke nach Ranohiro zieht sich weit durch eine öde, nicht mehr enden wollende Steppe. So sind wir alle froh, dass da im Ort ein "Spukschloss" auf uns wartet. Der Baustil unserer nächsten Unterkunft gleicht durch die aufgeschichteten Natursteine und den hohen Giebeldächern nämlich eher dem eines Schlösschens als den Eigenschaften eines Hotels. Und ganz ehrlich: ich habe auch tatsächlich einen Geist gehört. Einen kleinen mit Nagezähnen, spitzen Öhrchen und langem Schwänzchen.... abgesehen von all den nächtlich herumschwirrenden, blutsaugenden Quälgeister!