Gebongt, Holger!
Moin zusammen.
Hier jetzt einmal keine (oder fast keine) Nachrichtenlinks, sondern eine reine Meinungsäußerung. Ich wurde auf Lösungsmöglichkeiten der Probleme Südafrikas angesprochen, die habe ich selbstverständlich nicht, die hat allein die dortige Regierung. Aber bevor man in der IT an Lösungen denkt, macht man eine Problemanalyse, und an einer solchen groben(!) und wegen der Kürze auch vereinfachenden Problemanalyse werde ich mich im Folgenden versuchen. Ebenfalls werde ich versuchen, die darin gemachten Aussagen mit einem, zugegeben, nicht ganz passenden Beispiel zu verdeutlichen. Und hierfür beginne ich nicht in Afrika….
…sondern in Deutschland. 1989 übernahmen 80% der deutschen Nation die restlichen 20%. Eine äußerst wohlhabende Republik kapitalistischer Wirtschaftsordnung übernahm eine durch Sozialismus marxistischer Prägung herunter gewirtschaftete DDR, die nahezu ihre gesamte Substanz, sprich Infrastruktur, verfrühstückt hatte. Die Übernahme war herbeigesehnt und in der Folge wurde das übernommene Fünftel wieder aufgebaut. Die Übernommenen freuten sich über die Übernahme, und da sie im Grundsatz gut ausgebildet waren, konnten sie die (leider zu wenigen verbliebenen) Arbeitsplätze aus dem Stand kompetent ausfüllen. Für die übernehmende Volkswirtschaft jedoch war der Mitteltransfer für den Aufbau-Ost an der Grenze des Leistbaren.
Wechseln wir nun nach Südafrika. Auch dort haben 1994 90% des Staatsvolkes den bis dahin von 10% allein bestimmten Staat übernommen.
Der erste ins Auge fallende
Unterschied ist, dass in Südafrika die kapitalistisch organisierte staatliche und wirtschaftliche Organisation der 10% von einer Mehrheit zumindest sozialistischer, in großen Teilen kommunistischer, Prägung übernommen wurde.
Der zweite Unterschied ist, die übernommene, für die 10% erstklassige, Infrastruktur. Für die übernehmenden 90% war eine teilweise funktionierende Infrastruktur hinsichtlich der Versorgung mit Wohnraum, Wasser und Elektrizität und ein, auf niedrigerem Niveau, als für die 10%, aber in allen Landesteilen funktionierendes Gesundheitswesen vorhanden. All dies wurde mit den Steuergeldern der 10% zu 100% finanziert.
Der dritte Unterschied ist, die Bildung der übernehmenden 90%. Seit den Township-Unruhen Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts galt die Parole „Liberation before Education!“ Dies führte zu ~20 Schulabgängerjahrgängen, die keinerlei, den Anforderungen der modernen Welt genügenden, Ausbildung genossen haben.
Aus der südafrikanischen Geschichte heraus ist eine der schwierigsten Startbedingungen zu erklären, die immense Arbeitslosigkeit unter der schwarzen Bevölkerungsmehrheit und der dominierende Anteil von „Manual Labour“ unter deren Arbeitsplätzen in der formalen Wirtschaft. Ironischerweise hat eine der ältesten kommunistischen Parteien der Welt, die SACP, in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, für Zugangsbeschränkungen Schwarzer zu „weißen“ Minenjobs ziemlich gewaltsam gestreikt. Während der Apartheidsjahrzehnte erhielten Schwarze nur die Ausbildung, die sie für die Übernahme der ihnen zugedachten Arbeitsplätze benötigten. Die Zahl der gut ausgebildeten Kader waren also bei Machtübernahme äußerst überschaubar und zum großen Teil durch die marxistisch dominierte Ausbildung nicht besonders gut geeignet, ein kapitalistisch ausgerichtetes Land zu übernehmen. Die höchsten Prioritäten der ersten Mehrheitsregierung hätten also sein müssen:
1. Bildung, 2. Bildung und 3. Bildung.Wie sieht`s nun tatsächlich aus? Das öffentliche Schulwesen ist zerstört, Gewalt regiert, Mädchen werden von ihren Mitschülern oder gar Lehrern vergewaltigt. Der Zerfall erreicht zurzeit die staatlichen Universitäten. Die Abschlussergebnisse werden, insbesondere in den Naturwissenschaften, von Jahr zu Jahr schlechter, durchfallende Schüler und Studenten bezeichnen die Prüfungen als „rassistisch“. Ebenfalls rassistisch sind die noch bestehenden kostenpflichtigen privaten Bildungseinrichtungen.
Jedoch, selbst unterstellt, die Priorität der ersten Mehrheitsregierung Südafrikas hätte auf dem Bildungssektor gelegen, so wäre ein Erfolg dennoch erst in zwei Jahrzehnten spürbar geworden. Die Zwischenzeit hätte also in jedem Fall überbrückt werden müssen. Wegen der Entwicklung eines guten Jahrhunderts waren Wirtschaft und öffentlicher Dienst eine Domäne der 10%.
Dass Polizei, Armee und Sicherheitsapparat von den Schergen der Apartheid gesäubert werden mussten, dürfte niemand ernsthaft bestreiten. Wobei in Deutschland sowohl nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als auch nach dem Zusammenbruch der DDR oberflächlich geläuterte Spezialisten weiterhin ihr Auskommen unter neuen Herren fanden.
Festzuhalten bleibt, dass die südafrikanischen Regierungen ihre Leute in den öffentlichen Dienst auf allen drei administrativen Ebenen des Landes unterbrachten, obwohl sie regelmäßig von ihren Ausbildungsvoraussetzungen hierfür überhaupt nicht qualifiziert waren. Dieses Muster lässt sich auf alle Bereiche übertragen, bei denen die neue Mehrheitsregierung die Möglichkeit des Zugriffs hatte.
Eine teilweise Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit weiter Teile der 90% sah also so aus, dass sie, trotz fehlender fachlicher Qualifikation, die Arbeitsplätze entlassener oder ihrer Aufstiegsmöglichkeiten beraubter Angehöriger der 10% einnahmen. Angehörige der 10% wurden durch Einführung administrativer Regelungen wie AA und BEE aus dem öffentlichen Dienst entfernt.
Wer aber erledigt nun die anfallende Arbeit tatsächlich?
In den Anfangsjahren waren dies wahrscheinlich die in ihrer Position verbliebenen Angehörigen der 10%. Mit deren, im Laufe der Jahre, zunehmenden Outsourcing bleibt die Arbeit, in Würdigung der in den dortigen lokalen Medien erfolgten Berichterstattung, ganz einfach unerledigt. Das System „Südafrika“, welches in 14 Jahren so manche Ladung Sand in seine Zahnräder verkraftet hat, kollabiert zunhemend. Beispiele hierfür sind insbesondere das Gesundheitswesen, Polizei und Justiz sowie die Energie- und, zunehmend, die Trinkwasserversorgung.
Wer aber finanziert nun die anstehenden staatlichen Aufgaben?
Es sind die schon lange nicht mehr 10% ausmachenden Bevölkerungsteile! Natürlich ist hier auch „Big Business SA“ gemeint. Einen nennenswerten Beitrag aus den 90% gibt es schlicht noch nicht.
Ist die gewählte Vorgehensweise erfolgversprechend?
Wenn man diese Frage anhand der geschaffenen Arbeitsplätze, insbesondere der Anzahl der Arbeitsplätze im formalen Sektor festmacht, so sind zwar Fortschritte erkennbar, allerdings halten sie lange nicht mit den tatsächlich erforderlichen Zahlen mit. Insbesondere die häufig kollabierende Stromversorgung stellt sich hier als ein Investitionshindernis erster Güte aus. In diesem Zusammenhang ist die Nachricht nahezu untergegangen, dass ESKOM den Bau eines zweiten Atomreaktors wegen Kapitalmangels zu den Akten gelegt hat. Unabhängig vom Umweltaspekt bedeutet dies, dass es eine grundsätzliche Verbesserung der Versorgungslage in den nächsten Jahren wohl nicht geben wird.
Don't blame affirmative action - Mantashe
Affirmative action cannot be blamed for South Africa's skills shortage, ANC secretary-general Gwede Mantashe said on Wednesday.
"This country is running so short of skills. If you blame apartheid you are barking up the wrong tree," Mantashe told a media briefing in Johannesburg.
Speaking after a meeting with the business organisation Afrikaanse Handelsinstituut (AHI), Mantashe said linking the two issues was polarising the debate.
"We need to shift the focus [to] real issues - that there is a chronic shortage of skills, and we need to accelerate [gaining these skills]."
AHI CEO Stef Coetzee said the organisation had many skilled people who could help provincial and local governments.
Mantashe said in order to continue meeting affirmative action targets, mentorship and coaching should take place when, for example, a retired engineer could be partners with a newly-qualified one.
"It takes time and therefore you partner these people and are actually getting skills into the economy. Eventually the skills issue becomes neither black or white," Mantashe said – Sapa
http://www.iol.co.za/index.php?set_id=1&click_id=13&art_id=nw20081210142251702C757733Und in dieser Meldung zeigt sich wieder einmal das Grundübel:
Aus ideologischen Gründen wird der für jedermann ersichtliche Zusammenhang zwischen dem Feuern von Fachleuten und dem Heuern von Unausgebildeten sowie dem Vertreiben der gutausgebildeten wirtschaftlich aktiven Menschen aus den 10% der Bevölkerung und dem rapiden Schwund aller derjenigen Dinge, die ein Staat seinen Bürgern zur Verfügung stellen sollte, schlicht und einfach geleugnet.
Zwar werden die tausende Minenarbeiter, die zurzeit ihren Job verlieren in ihrer Mehrheit zurück nach MOZ, Lesotho und Swasiland gehen, aber auch die sonstige südafrikanische Wirtschaft wird unter den Auswirkungen der wirtschaftlichen Krise in der Welt Arbeitsplätze abbauen.
Wie viele Menschen werden durch einen formalen Arbeitsplatz mit unterstützt? Sechs, zehn?
Wo soll das Geld herkommen, welches es diesen Menschen ermöglichte, zu überleben?
Und wie will Südafrika die Auswirkungen des „Somalia-in-the-making“ an seiner Nordgrenze aushalten?
Gerade diejenigen, die sich zum Beweis ihrer Behauptungen nicht durch alte Postings wühlen wollen, sind gut beraten, wenn sie sich einmal die Mühe machten, die Berichterstattung über Zimbabwe aus den Jahren 2000 bis 2002 anhand der Überschriften nachzulesen. Die Parallelen zur derzeitigen Entwicklung in Südafrika sind nicht zu übersehen. Aber das wird natürlich nicht passieren, da nicht sein kann, was nicht sein darf.
„Zimbabwe? Vergiss es! Südafrika ist anders.“ Und später dann: „Südafrika? Vergiss es, Namibia ist anders!“
Gruß, Michael