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Malawi – Schnipsel einer Radreise
54 Antworten · 2'458 Aufrufe · gestartet 28. März 2026 von BikeAfrica
BIBikeAfricaThemenstarter7'275 Beiträge · seit 200604. Apr. 2026 · #21
Für den nächsten Nachmittag buchen wir einen Gamedrive. Auf dem Weg zum Frühstück laufen wir am Schwimmbecken des Camps vorbei. Es ist gerade eine größere Gruppe einer Organisation im Camp, die hier offenbar irgendeine Fortbildung machen. Sie waren uns am Vortag schon aufgefallen, als sie aus einem Gruppenraum in der Nähe des Restaurants kamen. Heute ist Schwimmkurs. Wie so viele Afrikaner sind die Jugendlichen und jungen Männer der Gruppe alle Nichtschwimmer. Unbeholfen machen sie ihre ersten Versuche. Als wir nach dem Mittagessen vorbeikommen, machen sie bereits ein Wettschwimmen als Staffel.
So ähnlich könnte es auch bei Eric Moussambani angefangen haben. 1999 war er noch Nichtschwimmer und wenige Monate später startete er für Äquatorialguinea bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney. Manches geht schnell in Afrika, Anderes ändert sich nie. Eric Moussambani wurde zwar mit großem Abstand Letzter, aber er war Olympiateilnehmer und hatte ein denkwürdiges Rennen, das in die Geschichte einging.
Der Gamedrive ist so mittelmäßig ergiebig. Die Bootstour am Vortag war eine Klasse besser. Zum Sonnenuntergang machen wir bei kühlen Getränken und kleinen Snacks einen Stopp am Flussufer. Die beiden anderen Teilnehmer der Tour kennen wir bereits von der Bootstour.
Bei den Flusspferden wundere ich mich immer wieder, dass diese massigen Tiere mit ihren kurzen Beinen schneller laufen können als der schnellste Mensch.
Auf dem Rückweg durch die Dunkelheit nimmt der Guide außen auf dem Sitz an der Front Platz und leuchtet mit einem Handscheinwerfer die Gegend ab. Auf dieser Etappe der Fahrt sehen wir jedoch nur Bäume und die stehen da wie angewurzelt.
Gruß Wolfgang
BRbrisen404 Beiträge · seit 201504. Apr. 2026 · #22
Hallo Wolfgang Toller Bericht, danke dafür. Dein "Vogel" sollte ein Malachite Kingfisher sein. Ein Eisvogel. Ich bin auf die weiteren Abenteuer gespannt.
BIBikeAfricaThemenstarter7'275 Beiträge · seit 200604. Apr. 2026 · #23
brisen schrieb: Dein "Vogel" sollte ein Malachite Kingfisher sein. Ein Eisvogel.
Ich hatte die Frage gestern noch in den Vogelbestimmungsthread gesetzt und dachte nach kurzem Googeln auch an den Malachiteisvogel. In dem anderen Thread gab es aber zwei Antworten, die zum Pygmy Kingfisher tendieren. Die beiden sind aber auch wirklich übelst ähnlich.
Ich bin auf die weiteren Abenteuer gespannt.
Es kommen auf jeden Fall noch einige ungewöhnliche Erlebnisse. Im nächsten Teil fängts schon langsam damit an.
Gruß Wolfgang
KAKarstenB2'396 Beiträge · seit 201104. Apr. 2026 · #24
Moin Wolfgang, bei "Toller Bericht" bin ich ganz bei brisen, beim Malachite Kingfisher bin ich mir aber sicher, dass es keiner ist. Der hätte nämlich einen blauen Kopf. Ich bin nicht ganz sicher, sonst hätte ich mich schon gemeldet, aber ich tendiere zum Brown-hooded Kingfisher. Stelle dein Foto doch im Vogelbestimmungsthread von Casimodo ein.
LG aus HH Karsten
Edit: Hatte deine Antwort noch nicht gesehen und den Thread auch noch nicht gelesen. Auch den Pygmy glaube ich nicht, der müsste eine kleine blaue Kappe haben. Edit vom Edit: Jetzt habe ich das 2. Foto auch gesehen und die blaue Kappe: also doch ein Pygmy Kingfisher.
BIBikeAfricaThemenstarter7'275 Beiträge · seit 200604. Apr. 2026 · #25
Am nächsten Morgen verlassen wir den Park. Man bringt uns wieder auf die andere Flussseite und meint dann: „Passt auf, es sind aktuell gerade Elefanten entlang der Strecke“.
Thomas und ich unterhalten uns extra laut, damit uns die Tiere rechtzeitig hören können und wir sie nicht überraschen, denn das Dickicht beidseits der Piste lässt wenig Sicht zu. Da uns gerade nichts Besseres einfällt, zitieren wir Gedichte von Heinz Erhardt. Diesen Moment werde ich wohl nie vergessen – zwei Radfahrer im Nationalpark, die lautstark Gedichte zitieren. 😉
Und dann passiert es trotzdem … drei der grauen Langnasen haben ihre riesigen Horchlappen nicht benutzt und treten durch das Dickicht von links auf die Piste. Wir bleiben sofort stehen, obwohl wir -von rechts kommend- eigentlich Vorfahrt hätten. Die Elefanten bemerken uns und bleiben auch kurz stehen. Nach einer Sekunde setzen sie sich in Bewegung und verschwinden im Trab rechts im Dickicht.
Thomas meint später, die waren höchstens zehn Meter entfernt, ich schätze 20-30. Wie auch immer … auf jeden Fall ein bisschen zu nahe für Radfahrer.
Nach dem Verlassen des Parks fahren wir die gleiche Piste zurück wie auf dem Hinweg. Heute scheint Sonntag zu sein, denn im Vergleich zum Hinweg wimmelt es hier heute von Kindern. Viele grüßen und winken nur, die restlichen kommen zur Piste gerannt, strecken die Arme aus und wollen einen abklatschen. Ich muss mich abwechselnd zwischen links und rechts entscheiden, da ich im Gegensatz zu Zaphod Beeblebrox nur zwei Hände habe und eine davon am Lenker bleibt. Die Kinder freuen sich jedes Mal ein Loch in den Bauch und am Ende der 20 km habe ich sicherlich 100 Kindern eine Freude gemacht. Das ist einer dieser Momente, die man in dieser Form nur auf einer Radreise erleben kann.
Zwischen den Siedlungen ist die Piste schmal und häufig von Dickicht umgeben. Nach etwa 20 km erreichen wir wieder Asphalt und fahren weiter …
Unterwegs fragen wir manchmal ab und zu, wie weit es bis zum nächsten Dorf ist. Es sind fast immer „seven kilometers“. Wenn es zu weit zum Laufen ist oder die Leute keine Ahnung haben, sind es sieben Kilometer. Sieben Kilometer können ganz schön lang sein – heute über 80 zu den bereits 20 geradelten … Warum wir trotzdem immer wieder fragen, weiß ich selbst nicht. Wir kennen die Antwort ja schon vor der Frage und sie ist nie hilfreich. Wirklich nie.
Wir fragen irgendwo, wie weit es bis X ist (den Namen habe ich vergessen, aber dort sollte es eine Missionsstation mit einer Übernachtungsmöglichkeit geben). Es seien 7 km, heißt es. Nach 20 km fragen wir erneut. 7 km, heißt es. Nach weiteren 20 km fragen wir wieder und ihr ahnt es bereits … - es sind 7 km. Weitere 20 km später fragen wir erneut ein paar junge Männer. Sie beraten sich kurz und antworten dann „6 km“. Ich sage zu Thomas: „Und ich hätte wetten können, es sind sieben“. Thomas antwortet trocken: „Ja, so kann man sich täuschen“. Er haut in jeder Situation noch irgendeinen Spruch raus. Nach einer weiteren Stunde oder mehr erreichen wir im letzten Tageslicht den Ort X und die Missionsstation.
Wir bekommen noch ein Zimmer, aber zu essen gibt es nichts mehr. Eine kalte Hopfenschaumsuppe im Glas können wir uns noch mit ins Zimmer nehmen und schlafen die Nacht wie Babys. Am nächsten Morgen besuchen wir nach dem Frühstück das kleine Museum der Mission. Der Missionsleiter erklärt uns viele Dinge zur Geschichte und zur aktuellen Situation im Land. Hier erfahren wir auch, was hinter den farbigen Fahnen auf den Hütten steckt, die uns vorher schon immer wieder auffielen und wir keine Erklärung hatten.
Gruß Wolfgang
HAhansilein181 Beiträge · seit 202004. Apr. 2026 · #26
Hallo, in Malawi ist ja Linksverkehr,da gilt vielleicht auch Vorfahrt wenn man von links kommt?Im übrigen ist es mit den Elefanten wie mit den Radfahrern in Holland,die haben immer Vorfahrt.....Ansonsten finde ich Deinen Bericht mal wieder herrlich,besonders der Satz mit den angewurzelten Bäumen. Schöne Ostertage
BIBikeAfricaThemenstarter7'275 Beiträge · seit 200604. Apr. 2026 · #27
hansilein schrieb:in Malawi ist ja Linksverkehr,da gilt vielleicht auch Vorfahrt wenn man von links kommt?
Auch bei Linksverkehr gilt üblicherweise Rechts vor Links.
Im übrigen ist es mit den Elefanten wie mit den Radfahrern in Holland,die haben immer Vorfahrt.....
Das habe ich in Afrika schnell begriffen, das sich das Vorfahrtsrecht aus dem Größenverhältnis der beteiligten Verkehrsteilnehmer herleitet. 😉
Gruß Wolfgang
BIBikeAfricaThemenstarter7'275 Beiträge · seit 200605. Apr. 2026 · #28
Die nächsten Beiträge kommen ohne Fotos. Das liegt daran, dass wir beide mit je einer analogen SLR und einer digitalen Knipskiste unterwegs sind. Je nach Situation wird die eine oder andere Kamera verwendet und die Dias sind nicht eingescannt.
Es geht heute zum Cape MacLear und Monkey Bay an der Südspitze des Malawisees, dessen Nord-Süd-Ausdehnung etwa 580 km beträgt. Die Region ist ziemlich touristisch und für mich ist es eigentlich schon zu viel. Auch Thomas mag lieber ursprünglichere Regionen. Es gibt einen kleinen Bootsverleih und ich leihe mir ein „Kajak“, das sich so als Mischung zwischen Kajak und Surfbrett mit Sitz entpuppt. Hauptsache, es schwimmt. Ich bin ziemlich weit draußen, als in der Ferne hinter mir ein Gewitter aufzieht und starker Wind einsetzt. Ich hatte vorher gelesen, dass auf dem See bei Unwetter Wellen bis 3 Meter Höhe auftreten können. Ein Fischerboot kommt mir entgegen. Die Männer im Boot paddeln fast schon panisch in Richtung Ufer und rufen mir zu, ich solle mich beeilen. Der Wind sorgt für eine starke Strömung, so dass ich nicht auf direktem Weg zurück paddeln kann, sondern mich seitlich abtreiben lasse, um überhaupt erst mal das Ufer zu erreichen. In Ufernähe ist die Strömung geringer und so komme ich leichter zurück zum Bootsverleih. Kaum bin ich an Land, verzieht sich das aufkommende Gewitter und der Wind hört auch langsam auf.
Am nächsten Tag geht es weiter über Piste …
Wir kommen am Nachmittag wieder an den Shire River und finden eine Unterkunft am Flussufer. Davor sind 3-4 Männer dabei, mit Ästen auf eine kleine Schlange einzuprügeln. Thomas fragt sie, was das soll und sie antworten, sie könne giftig sein. Thomas entgegnet, sie könne auch völlig ungefährlich sein und nach kurzer Diskussion kann er sie tatsächlich überzeugen, die Schlange in Ruhe zu lassen. Das Tier hat aber schon einiges abbekommen und wirkt etwas desorientiert. Wir hoffen, sie erholt sich wieder.
Der Übernachtungspreis für die Hütten ist uns zu hoch und wir fragen, ob wir stattdessen hier zelten dürfen, wenn wir im Restaurant essen und den Bierumsatz steigern. Das geht in Ordnung und sie schließen eine der Hütten auf, damit wir sogar die Toilette benutzen können. Auf Nachfrage versichern sie uns, dass es hier keine Flusspferde gäbe.
Wir bauen die Zelte auf und begeben uns sodann ins Restaurant. Außer uns kommt an diesem Abend auch keiner mehr, aber es gibt eine kleine Speisekarte und am Essen kann man nicht meckern.
Da ich meine Taschenlampe im Zelt liegengelassen habe, gehe ich im letzten Tageslicht raus, um sie zu holen. Als ich wieder aufstehe, sehe ich etwas. Ein Flusspferd, dass es hier angeblich gar nicht gibt, steht nur 4-5 Meter links von mir. 30-40 Meter rechts von mir ist der Shire River. Ich dazwischen – eine Konstellation, in die man nie geraten sollte. Es ist zum Glück noch ein recht junges Tier, das nicht so recht weiß, was es tun soll. Es steht nur da und glotzt blöd. Ein ausgewachsenes hätte mich wohl schon umgebracht, bevor ich kapiert hätte, was überhaupt passiert ist. Wir sagen im Restaurant Bescheid und ein paar Männer treiben das Tier mit Geschrei zum Fluss zurück. Der Wachmann bewacht heute Nacht ausschließlich die Flussseite des Geländes.
So schnell kanns gehen. Ein Moment der Unachtsamkeit kann der letzte Moment sein.
Gruß Wolfgang
FRfreshy3'882 Beiträge · seit 201105. Apr. 2026 · #29
Soeben erst entdeckt! Aber ich schaffe es, schnell genug zu strampeln, um den Anschluss zu kriegen.
Vorab ein Danke dafür, dass du den Bericht eingestellt hast.
LG freshy
BIBikeAfricaThemenstarter7'275 Beiträge · seit 200606. Apr. 2026 · #30
Irgendwie wissen wir heute nur, dass wir in Richtung Osten fahren, aber wir fahren auf einer Piste und die führen gewöhnlich irgendwo hin. Irgendwo ist also das Ziel und wir sind sicher, dass wir dort ankommen. Wenn man kein Ziel hat, kann man sich nämlich auch nicht verfahren. Das ist total praktisch.
Um die Mittagszeit erreichen wir ein kleines Dorf und auf dem Markt verkauft jemand frittierte Kartoffelstückchen, also so ähnlich wie Pommes, nur nicht in der bei uns üblichen Form. Thomas hat Hunger und kauft welche. Als er sie isst, stehen etwa 20 Kinder mit großen Augen im Halbkreis davor und schauen ihm zu.
Später am Tag sitzen wir irgendwo in einer anderen Siedlung mal einen Moment im Schatten, als ein Minibus ankommt. Einer der Passagiere kommt direkt auf uns zu, stellt sich als Arzt vor und fragt, ob wir irgendwelche Beschwerden hätten – Kopfweh, Fieber, Malaria, Durchfall … Er trägt ein etwas verschlissenes Jackett und eine kleine Arzttasche, wie man sie manchmal in Westernfilmen sieht und kramt eine Handvoll loser Tabletten aus seiner Hosentasche, die er uns vorzeigt und erklärt.
Gegen Abend erreichen wir ein weiteres Dorf und werden vom Dorflehrer vor dessen Haus angesprochen. Wir fragen ihn, ob wir hier zelten dürfen und das geht in Ordnung. Er lädt uns später noch zum Abendessen ein. Es gibt Nsima ndi Mululuza. Nsima ist das, was in Kenya und Tanzania als Ugali bezeichnet wird, in Zambia als Sadza und in Namibia als Mieliepap, also ein Brei aus Maismehl. Mululuza ist Bitterleaf, was nach langer Wässerung und entsprechender Zubereitung ungefähr mit Rahmspinat vergleichbar ist. Gegessen wird natürlich mit der Hand.
Während wir mit dem Dorflehrer essen, stehen Frau und Kinder in der Tür und hoffen, dass sie auch noch satt werden. Es ist üblich, dass sie warten müssen, bis die Männer fertig sind und dann das bekommen, was übrigbleibt. Sie schauen ähnlich wie die Kinder heute Mittag auf dem Markt. Obwohl es gut schmeckt und wir viel Hunger haben, halten wir uns zurück, damit Frau und Kinder noch genug bekommen. Wir werden uns schließlich morgen irgendwo was kaufen können. Die Frau und vor allem die Kinder können das nicht…
Gruß Wolfgang
ADadriana358 Beiträge · seit 201306. Apr. 2026 · #31
Hallo Wolfgand, ich sage jetzt schon danke für diesen Reisebericht. Eine andere, seeehr interessante Art zu reisen... Und ich werde auch den verpassten Bericht über Jordanien suchen, weil ich dieses Land in so schöner Erinnerung habe. LG, Adriana
BIBikeAfricaThemenstarter7'275 Beiträge · seit 200606. Apr. 2026 · #32
adriana schrieb: Und ich werde auch den verpassten Bericht über Jordanien suchen, weil ich dieses Land in so schöner Erinnerung habe.
BIBikeAfricaThemenstarter7'275 Beiträge · seit 200606. Apr. 2026 · #33
„Ein neuer Tag, ein neuer Moment“. Und es gibt wieder einige Momente, die bei einer durchgeplanten Reise nicht auftreten.
Irgendwann in der Mittagszeit erreichen wir ein Dorf mit einem Markt, auf dem aber so gut wie alles schon abgeräumt wurde. Wir können gerade noch eine Bananenhand ergattern, setzen uns in den Schatten und fangen an, das Obst zu vertilgen. Leider haben die Dinger ihre beste Zeit schon hinter sich und gären bereits. Von der typischen Süße ist nichts mehr übrig. Sie schmecken mehr so nach nichts mit einer unangenehm säuerlichen Note. Wir essen sie trotzdem auf und haben für den Rest des Tages ein ziemliches Gerumpel im Gedärm.
Gegen Abend erreichen wir ein Dorf, aber es gibt auch auf Nachfrage keine Unterkunft (Unterkünfte in afrikanischen Dörfern haben oft kein Schild angebracht und ohne Nachfragen erkennt man die Hälfte nicht mal, wenn man direkt davorsteht). Wir finden aber zufällig ein Waisenhaus an der Hauptstraße. Ich frage die Leiterin, ob wir auf dem Gelände zelten dürfen, da es im Dorf keine Unterkunft gibt und sie erlaubt es. Thomas bedankt sich mit Buntstiften, Bleistiftspitzern und einem Beutel Luftballons. Die Leiterin erklärt uns, wo wir am besten unsere Zelte hinstellen können und wo die Toiletten sind, die auch die Kinder nutzen, wenn sie tagsüber draußen spielen. In ihren Unterkünften haben sie glücklicherweise andere.
Bis wir die Zelte aufgestellt haben, dämmert es bereits. Wir gehen und schauen uns mal die Toiletten an. Oh je. Schon die Außenwand ist übersät von Kakerlaken. Wir gehen bis zur Tür und leuchten mit einer Taschenlampe hinein. Es ist ein Plumpsklo mit etwa sechs gemauerten Sitzmöglichkeiten ohne Trennwand dazwischen. Auf dem Boden, an den Wänden und der Decke tummeln sich Tausende Kakerlaken. Man könnte nirgendwo einen Fuß hinsetzen, ohne gleich auf mehrere zu treten. So etwas habe ich noch nie gesehen, nicht einmal annähernd. Wir sind ja beide nicht anspruchsvoll, aber hier müssen wir verweigern. Wir überlegen, was wir tun, wenn die gärenden Bananen eine nächtliche Revolte anzetteln. Letztlich bleibt nur der Straßenrand als Option.
Wir gehen nochmal los, aber weit kommen wir nicht. Genau gegenüber ist ein Lokal und direkt daneben eine Kneipe – beides in landesüblicher Ausführung … eine kleine Hütte halt.
Thomas isst risikofreudig etwas. Ich würde auch gerne, aber befürchte, das würde die Bananen noch mehr zur Unruhe animieren und nachts eilig einen Haufen am Straßenrand der Hauptstraße abzusetzen ist nun auch nicht so erstrebenswert.
Wir wechseln anschließend nach nebenan in die Kneipe, da es im Lokal keine Getränke gibt. Hier wird’s lustig. Außer dem Betreiberehepaar sind noch drei Einheimische dort, die sich über Besuch von Weißen wundern, aber zugleich sehr neugierig sind. Einer von ihnen spricht Englisch und kann übersetzen. Nachdem sie wissen, dass wir aus Deutschland sind, wollen sie unsere Namen wissen und versuchen, sie auszusprechen. Bei „Thomas“ klappt das gut, aber bei meinem Namen tauchen schon größere Hürden auf. Mir ist in anderen Ländern schon aufgefallen, dass die Kombination der Buchstaben „olfg“ in meinem Namen eine Hürde darstellt und das „f“ in dieser Kombination oft nicht ausgesprochen werden kann und weggelassen wird. Sie amüsieren sich, dass das so schwierig ist und sagen uns ihre Namen. Das klappt jetzt umgekehrt fallweise auch nicht besser und sie freuen sich, dass es uns nicht besser ergeht.
Jetzt zeigen sie auf irgendwelche Gegenstände, fragen nach dem Namen und versuchen immer nacheinander, es auszusprechen. Dann nennen sie uns das Wort auf Chichewa und wir sind wieder dran. So geht das zwei Stunden lang, bevor wir uns verabschieden und uns schlafen legen.
Solche Erlebnisse sind der Grund, warum ich in fremden Ländern so gerne in so kleine Kaschemmen gehe, in denen man auf Menschen trifft, die sonst nie mit Touristen in Kontakt kommen. Schon Erich Kästner schrieb seinerzeit: „Toren besuchen im fremden Land die Museen. Weise gehen in die Tavernen.“
Gruß Wolfgang
BIBikeAfricaThemenstarter7'275 Beiträge · seit 200607. Apr. 2026 · #34
Am nächsten Morgen sehe ich mir erstmal die Toilette bei Tageslicht an. Die Kakerlaken sind alle wieder in der Unterwelt und man kann die Toilette tatsächlich benutzen. Das ist gut, denn jetzt im Hellen mag ich erst recht nicht am Straßenrand … Anschließend besuchen wir noch die zwei jungen Leute aus Deutschland, die hier im Waisenhaus ein freiwilliges soziales Jahr leisten. Die Leiterin hatte es am Vorabend erwähnt.
Irgendwie radeln wir den ganzen Tag stetig bergauf, aber wenn es hoch geht, geht es irgendwann auch wieder runter, nur diesmal auf ganz unangenehme Weise. Und wir orientieren uns wieder in Richtung Westen, da wir ja irgendwie wieder nach Lilongwe müssen.
Die Piste führt direkt zu einem Militärgelände, welches für den öffentlichen Verkehr gesperrt ist. Das würde einen großen Umweg bedeuten, aber sie lassen uns mit dem Fahrrad durch. Wir müssen nur versprechen, die sechs Kilometer nach der eigentlichen Kaserne zu schieben. Wie wir bald feststellen, geht das auch gar nicht anders. Man kommt sich vor wie auf der Abraumhalde eines Steinbruchs. Der Weg besteht nur aus kantigen kopfgroßen Steinen und das sechs Kilometer relativ steil abwärts. Jetzt haben wir endlich Gefälle und es ist die anstrengendste Passage der gesamten Reise. Man muss bei jedem Schritt genau aufpassen wohin man tritt und ich muss die gesamte Zeit beide Bremsen fest anziehen. Als wir endlich unten sind, tun mir die Unterarme weh.
Auf der Strecke kommt uns gelegentlich ein Militärfahrzeug entgegen. Es sind dreiachsige Allrad-LKW. Die Kategorie Land Rover bzw. Land Cruiser scheint man auf dieser Strecke lieber zu vermeiden, wenn es nicht unbedingt sein muss. Als wir am Ende das Militärgelände verlassen, fragt niemand von den Wachposten, wie wir als Zivilisten überhaupt da reingekommen sind.
Von der restlichen Strecke und Übernachtungen bis zur Asphaltstraße habe ich keine Erinnerung an ungewöhnliche Erlebnisse mehr. Vielleicht habe ich auch die Reihenfolge durcheinandergebracht und die Sache mit dem Flusspferd passierte erst hier.
Irgendwo kommen wir in ein kleines Dorf. Vor einer der Hütten befinden drei aufwändigere Grabmale. Das deutet darauf hin, dass es sich um die Hütte des Dorfchefs handelt. Während normale Dorfbewohner auf einem Friedhof bestattet werden, werden die Ahnen der Dorfchefs in vielen Ländern Afrikas auf dem eigenen Grundstück bestattet.
In einer Kleinstadt gibt es etwas wie ein Kino oder DVD-Verleih. Wie man sieht, sind Actionfilme wie Rambo sehr beliebt. Noch populärer sind Kampfsportfilme mit Bruce Lee, Chuck Norris oder Jean-Claude van Damme. Die kennt hier jedes Kind. Fotografiert man Kinder, imitieren sie häufig eines ihrer Vorbilder mit geballten Fäusten und grimmigem Blick.
Wir erreichen wieder Senga Bay, wo wir zu Beginn der Reise schon waren und übernachten wieder auf dem Campingplatz. Meine Isomatte hat die Hitze nicht verkraftet und zeigt Auflösungserscheinungen.
Thomas und ich trennen uns hier, denn er hat eine Woche weniger Urlaub. Er fährt am nächsten Tag eine andere Route zurück nach Lilongwe, als die, die wir auf der Hinfahrt wählten. Ich bleibe noch einen Tag in Senga Bay, laufe im Dorf herum und mache etliche Fotos von Kindern, die ich aber nicht ins Internet stellen möchte und entdecke am Nachmittag die Kneipe, die schon den Bericht einleitete.
Am Tag darauf starte auch ich und fahre noch eine Schleife Richtung Norden über Nkhotakota …
Gruß Wolfgang
MAMannati137 Beiträge · seit 201007. Apr. 2026 · #35
Moin Wolfgang, Wie schön, dass Du schon wieder so fleissig einen Fahrrad-Abenteuer-Reisebericht schreibst. 🙂 Und es wundert mich überhaupt nicht, wie Du diese Tour nur aus der Erinnerung und ohne Tagebuch wieder zusammen bekommst : Solche Erlebnisse und Begegnungen mit Mensch und Tier vergisst man einfach nicht... 😄 Richtig gefreut haben mich die Bilder von den Kindern mit ihrem sehr kreativ gebasteltem Spielzeug. Auch wir haben bei jeder Afrikareise den Einfallsreichtum und das Geschick bewundert, mit dem hier aus einfachsten Mitteln oder Müll etwas geschaffen wird. Allerdings habe ich jedesmal versäumt, solche Dinge zu fotografieren. 😐 Das Wichtigste : Es ist wieder ein Bericht, der in Wort und Bild eine - für uns verwöhnte Mitteleuropäer - fremde Welt sehr eindrucksvoll beschreibt. Für mich ist diese schön beschriebene Reise nicht nur niveauvolle Unterhaltung - sie stimmt mich auch so manches Mal ziemlich nachdenklich...
Mit sehr dankbaren Grüssen Manfred
BIBikeAfricaThemenstarter7'275 Beiträge · seit 200607. Apr. 2026 · #36
Mannati schrieb:i Das Wichtigste : Es ist wieder ein Bericht, der in Wort und Bild eine - für uns verwöhnte Mitteleuropäer - fremde Welt sehr eindrucksvoll beschreibt. Für mich ist diese schön beschriebene Reise nicht nur niveauvolle Unterhaltung - sie stimmt mich auch so manches Mal ziemlich nachdenklich...
Solche Reisen erden mich auch immer und machen mir klar, wie gut es uns in Mitteleuropa geht. Alleine die Möglichkeit, Reisen unternehmen zu können, ist ja keine Selbstverständlichkeit. Und wir vergessen allzu gerne, dass wir ohne unser Zutun nur mit Glück dort geboren wurden, wo es nun mal passiert ist.
Gruß Wolfgang
BIBikeAfricaThemenstarter7'275 Beiträge · seit 200608. Apr. 2026 · #37
Nkhotakota liegt ebenfalls direkt am Malawisee. Ich komme am Nachmittag dort an und finde eine einfache Unterkunft. Eine einfache Straßenküche finde ich auch und damit bin ich für heute zufrieden. Am nächsten Tag schaue ich mir das Dorf und den Markt an. Am Eingang des Marktes weist ein Schild Verkäufer und Besucher darauf hin, Müll nicht überall hinzuwerfen, sondern nur auf die dafür vorgesehenen Plätze. Damit ist offensichtlich „unten“ gemeint.
Auf dem Markt ist heute fast nichts los. Die Marktstände sind aus allem zusammengeklöppelt, was gerade verfügbar ist.
Ein Händler baut aus alten Glühbirnen, Konservenblech und dem Boden von Spraydosen Petroleumlampen. Ich finde das sehr originell und kaufe zwei.
Gruß Wolfgang
PIpicco6'360 Beiträge · seit 201108. Apr. 2026 · #38
Hoi Wolfgang
Hier mal ein kleines 'Danke' für zwischendurch!
BikeAfrica schrieb:...wir vergessen allzu gerne, dass wir ohne unser Zutun nur mit Glück dort geboren wurden, wo es nun mal passiert ist.
Diese 'Vergesslichkeit' ist weit verbreitet und bei erschreckend vielen Leuten kein Zeichen von Vergesslichkeit sondern von fehlender Reife und /oder fehlender Intelligenz. Ist leider auch bei vielen Reisenden verbreitet...
BIBikeAfricaThemenstarter7'275 Beiträge · seit 200608. Apr. 2026 · #39
Die nächste Etappe Richtung Westen soll mich zu einer Asphaltstraße führen, die mich in südlicher Richtung wieder in die Hauptstadt führt. Die Piste führt mitten durchs Nkhotakota Game Reserve. Ich fahre aus Nkhotakota raus und komme nicht weit. Am Eingang zum Game Reserve ist eine Schranke, daneben eine Hütte und davor sitzen zwei Rangerinnen. Sie lassen mich mit dem Rad nicht durchfahren, da es zu viele Löwen und Elefanten gäbe. Ich müsse irgendwo mitfahren. „Ja, ok, nur wo und wann“, denke ich mir. Aber Afrika liefert für viele Probleme ja gleich eine Lösung mit. Hier fahren LKW als Busersatz. Ich sitze vielleicht 20 min bei den Rangerinnen, als einer dieser LKW kommt. Eine der Rangerinnen meint, sie kläre das und spricht mit dem Fahrer auf Chichewa. Es gäbe hier feste Preise und sie will sicherstellen, dass ich nicht über den Tisch gezogen werde.
Ich bin ja schon einige Male auf einem LKW mitgefahren, aber diesmal ist es anders. Der LKW ist voll bis zum Rand mit Menschen und Gepäck. Auf dem hinteren Drittel ist ein großer Gepäckberg. Davor ist alles voller Menschen. Auf dem Rand der Pritsche sitzen Frauen und Kinder. Die Männer stehen in der Mitte, einige sitzen auf dem Dach des Führerhauses. Mein Fahrrad wird mit zwei meiner Spanngurte außen am Heck befestigt und mein Gepäck landet lose oben auf dem Gepäckberg. Ich will auf den Hinterreifen steigen, um auf die Pritschte zu kommen, aber der LKW hängt so tief, dass mein Fuß gar nicht zwischen Reifen und Kotflügel passt. Von oben kommen mir zwei Hände entgegen. Ich stemme einen Fuß an die Seitenwand. Die beiden Afrikaner ziehen kräftig und ich stoße mich gleichzeitig mit dem Fuß ab und bin sofort oben. Ich stehe auf den Füßen anderer und entschuldige mich. Gleichgültiges Schulterzucken ist die Antwort. Es ist nicht genug Platz auf dem Boden. Ich kann gar nicht anders, als auf den Füßen anderer Leute zu stehen. Ein vollgestopfter Bus in Deutschland ist ein Scheißdreck dagegen.
Ich kann mit der rechten Hand den Gepäckberg erreichen und mich an einem Mangosack festhalten und mit der linken an der Schulter eines Afrikaners. Überhaupt hält sich hier jeder an jemandem fest. Das Geschaukel durch die Schlaglöcher und die kurzen Drifts in den Sandlöchern sorgen für eine ausgelassene Stimmung. Es ist ein Gejohle wie auf der Achterbahn. Mir hingegen ist überhaupt nicht wohl in dieser Lage. Ein Afrikaner bemerkt das und bietet mir bei einem kurzen Stopp an, die Plätze zu tauschen. Nun kann ich mich hinten in Fahrzeugmitte an den Gepäckberg lehnen und habe einen stabilen Stand. Jetzt stehen zwar andere Leute auf meinen Füßen, aber so ist die Fahrt deutlich entspannter. Auf der Bordwand stehen hinten zwei Männer seitlich am Gepäckberg und werfen das Gepäck wieder nach oben, was durch das Geschaukel nach unten kullert. Sie achten auch drauf, dass nichts hinten vom LKW fällt.
Die Fahrt dauert Stunden und ich bin froh, als ich es überstanden habe. Für die Menschen hier ist es ein ganz gewöhnlicher Tag. Für mich war es ein Horrortrip bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mich an den Gepäckberg anlehnen konnte.
Als am Ende alle absteigen, wird das Gepäck wieder verteilt. Keiner vermisst etwas. Eine gut gekleidete Frau in blauem Kleid spricht mich an und fragt, ob ich einen Platz für die Nacht habe. Ich bin mir sicher, sie hätte mich bei entsprechender Antwort mit zu ihrer Familie genommen. Ich antworte ihr, dass ich hier eine Unterkunft finden werde. Es ist eine Kleinstadt und hier muss es mindestens eine Unterkunft geben. Es dauert auch nicht lange, bis ich eine finde.
Was für ein Tag. Mir wird klar, dass ich die Strecke bei der Pistenbeschaffenheit mit dem Fahrrad niemals an einem Tag hätte schaffen können und sich unterwegs auch wenige Gelegenheiten zum Zelten geboten hätten.
"You made my day", lieber Wolfgang. Die Schilderung deines Abenteuers auf dem LKW hat mich Tränen lachen lassen... Gott sei Dank bist du nicht vom LKW gefallen! Danke für diese wieder so eindrucksvolle Reiseschnipsel.