Von Mpulungu nach Kigoma Ein paar Stunden später stehen wir wieder vor dem Eingangstor zum Hafen. Jetzt herrscht reger Betrieb. Der Platz ist voller Menschen. Schiffspassagiere, deren Angehörige und Freunde, Gepäckträger, Händler und viele Neugierige, die einfach nur des Spektakels wegen gekommen sind, stehen, gehen, lungern zwischen den Hafengebäuden herum.
Gleich hinter dem Tor auf der rechten Seite ist die Gepäckkontrolle. Wir reihen uns in eine Warteschlange vor einer verschlossenen Tür ein. Von Zeit zu Zeit wird diese geöffnet, um einen Schwung Menschen und Gepäck nach draußen zu entlassen. Fast gleichzeitig drängen die vordersten der Warteschlange in den Raum, was nicht ohne kleinere Rempeleien abgeht.
Nach etwa einer halben Stunde sind wir an der Reihe mit hineindrängeln. In der Mitte des Raumes steht ein langer Tisch, auf den alle Reisende ihr Gepäck legen müssen.
„Open “ befiehlt einer der Uniformierten.
Gerade möchte ich das auch tun, krame nach dem Schlüssel für das Schloss am Seesack, als mich einer der Uniformierten fragt, ob ich Drogen oder Waffen oder Bomben dabei habe. Ich schüttle bedauernd den Kopf.
„No Drugs, no Weapons, no Bombs“
Darauf gibt er mir zu verstehen, dass ich mit der Inspektion fertig bin. Ich brauche mein Gepäck nicht zu öffnen. Einem Mzungu traut man hier offenbar nichts Böses zu. Bei meiner Freundin dauert es ein bisschen länger, aber als sie die Frage, ob ich ihr „Husband“ sei mit „yes“ bestätigt, geht es auch bei ihr ziemlich flott.
Wieder draußen werden wir zu einem Holztisch gewinkt, hinter dem ein hemdsärmeliger, schmächtiger Mann sitzt und etwas von Departure Fee nuschelt. Das macht 7 Kwacha, dafür gibt es auch eine Quittung und weiter geht es zum nächsten Gebäude, der Immigration. Hier müssen wir die üblichen Formulare ausfüllen, alles doppelt und dreifach: Woher kommen Sie, wohin reisen Sie, Name der Eltern, Geschlecht, Passnummer, ausgestellt wo und wann, … bla bla bla… Datenmüll auf weißen, grünen und gelben Zetteln. Dann bekommen wir die Ausreisestempel, eigentlich geht das ganze recht flott, wenn man erst die lästigen Zettel ausgefüllt hat.

Jetzt trennen uns nur noch...

...wenige Meter von der Liemba

Der Liemba-Markt
Über eine schmale Treppe klettern wir an Bord. Auf dem Schiff geht es zu wie auf einem Jahrmarkt. Überall quirliges Gedränge. Auf den stählernen Planken des Vordecks türmen sich Berge reifer Ananas. Händler bieten ihre Waren an. Es wird gefeilscht, diskutiert und gelacht. Das allgemeine Geschrei ist groß. Jugendliche toben durch die Gänge, Familien, beladen mit Kartons und Säcken, streben ihren Unterkünften zu.

An Bord

Liemba Markt

Da wir noch keine Passage gebucht haben, frage ich einen irgendwie offiziell aussehenden Menschen, wo wir ein Ticket nach Kigoma kaufen können. Er führt uns zu einer der Kabinentüren und meint, wir sollen hier auf den Mann warten, der die Schiffspassagen verkauft. Dieser sei gerade in Mpulungu werde aber bald zurück sein.
Eine Stunde später sind wir Besitzer zweier Schiffspassagen von Mpulungu nach Kigoma in der Kabine Nr. 4 auf der MV Liemba. Pro Person kostet das (First Class) exakt 100 USD. Die Kabine ist ein bisschen eng, aber sauber. Die Einrichtung besteht aus einem Etagenbett, einem Tisch, einem Stuhl, einem Schrank, einem Waschbecken und einem an die Wand geschraubten Ventilator. Zwei Fenster lassen etwas Licht und frische Luft hinein.
Wir lassen unser Gepäck in der Kabine. Zunächst müssen wir noch zur tansanischen Immigration. Die ist in der Kabine Nr. 2 auf der anderen Seite. Dort sitzen zwei tansanische Zöllner und sammeln Pässe ein. Wieder Formulare ausfüllen und ich muss 50 USD für das Visum abdrücken. Da Sambia nicht zur East African Community gehört, ist mein altes Visum für Tansania nicht mehr gültig.
Nachdem die Formalitäten erledigt sind, machen wir einen kleinen Erkundungsgang.
Auf dem Deck der 1. Klasse Kabinen befindet sich ein Restaurant, gleich daneben die Bordküche und ein paar Schritte weiter in einem dunklen, höhlenartigen Raum, die Toiletten und Duschen.
Im Restaurant bekommt man zu bestimmten Zeiten warme Mahlzeiten. An der Bar gibt es neben Wasser und Softdrinks auch kaltes Bier. Es herrscht Hochbetrieb und es geht ziemlich laut zu. Auf den Tischen stehen massenhaft leere Bierflaschen. Spüter wird mir klar, die meisten Leute, die hier sitzen und feiern oder durchs Schiff laufen, sind keine Passagiere, sie sind gekommen weil heute hier etwas los ist.

Wir gehen weiter eine Treppe höher auf das Brückendeck. Dort ist es erstaunlich ruhig. Am vorderen Ende befindet sich das Steuerhaus mit den Navigationseinrichtungen. Es ist niemand von der Schiffsbesatzung anwesend und die Tür ist verschlossen. Wir können durch eine schmutzige Glasscheibe einen Blick ins Innere werfen.
Wir setzen uns für einen Moment auf eine der weißen Plastikbänke im hinteren Bereich neben den zwei Rettungsbooten, die seitlich befestigt sind und genießen die Ruhe. Nur leise hört man hier das Gelächter und das Geschrei aus der Bar und von den unteren Decks.
Etwas später steigen wir zwei Treppen nach unten ins Innere der Liemba. Es ist ziemlich düster, nur wenig Tageslicht dringt in diesen Bereich. Hier sind die 2. und 3. Klasse untergebracht. In der 2. Klasse sehe ich Kabinen mit vier Betten und einem kleinen Fenster. Es gibt keinen Ventilator, deshalb ist es ziemlich stickig in den Räumen.
Die 3. Klasse muss sich mit einem großen Gemeinschaftsraum und mit Holzbänken begnügen. Obwohl der halbdunkle Raum noch fast leer ist, ist die Luft dumpf und warm und ich möchte mir nicht vorstellen, hier zusammen mit vielen Menschen Tage und Nächte verbringen zu müssen.
Wieder draußen an der frischen Luft kaufen wir zwei Ananas. Sie sind so reif und saftig, dass der süße Saft förmlich heraustropft.

Ananas fangen
Plötzlich ertönt das Schiffshorn. Es entsteht Hektik an Bord. Wer nicht mitfahren will muss jetzt das Schiff verlassen. Die Händler raffen ihre Ware zusammen und werfen die restlichen Ananas ihren Kollegen an Land zu. Innerhalb weniger Minuten leert sich das Schiff.


Wir legen ab. Mpulungu wird allmählich kleiner und entschwindet schon bald ganz. Erstes Ziel ist Kasanga. Das tansanische Ufer auf der rechten Seite bleibt stets in Sichtweite, links, wo sich jetzt noch Sambia und später der Kongo befinden muss, sieht man bis zum Horizont nur Wasser.

Auf der Liemba ist es erstaunlich ruhig geworden. Die Party ist vorbei, die Bar verweist, statt Gelächter und Geschrei hört man nur noch das gleichmäßige Brummen der Schiffsdiesel. Jetzt ist Zeit für ein bisschen Kreuzfahrtfeeling. Wir lehnen uns an die Reling, genießen die frische Luft, betrachten die langsam vorbeiziehende Küste, beobachten die Schiffsbesatzung bei ihren Tätigkeiten und knüpfen ein paar Kontakte zu mitreisenden Passagieren.
Da ist der junge Franzose, den wir am Abend zuvor in der Nkupi Lodge getroffen hatten. Er arbeitete für eine Firma in Daressalam und wird bald nach Frankreich zurückkehren. Davor möchte er noch ein bisschen von Afrika sehen.
Dann treffen wir die ältere Lady wieder, der wir schon in dem Restaurant in Mpulungu kurz begegnet waren. Sie ist Holländerin und reist seit zwei Jahren alleine durch Afrika. Als sie mir ihr Alter verrät, kann ich es kaum glauben. Sie ist 77 Jahre alt. Sie war schon in fast allen Ländern des Kontinents und kann nicht genug bekommen. Sie reiste auf Kamelen in Nordafrika und auf einem Ochsenkarren durch Madagaskar. Zweimal wurde sie überfallen und ausgeraubt. Ihre Familie hält sie für verrückt.
„Ich mache das noch 5 – 10 Jahre, dann ist Schluss“, sagt sie.
Meinen Respekt hat sie.