21.07.12 Comme les GAGAS
Heute treffen zwei Welten aufeinander, die für Madagaskar wohl unterschiedlicher nicht sein könnten. Zum einen besuchen wir auf unserer Weiterfahrt in Fianarantsoa die Welt einer Fotogalerie mit einer ansehnlichen Kunstsammlung, und im Weiteren tragen wir einen riesigen Rucksack den Hang eines trockenen Grasfelsens empor. Aber eins ums andere, der Reihe nach.
Unsere Koffern nehmen den Weg, die vielen Treppenstufen zum Auto hinunter auch nicht von selbst unter ihre Rädchen. So schleppen JO und ich mit vereinten Kräften unser Gepäck zumindest bis zur Hotelrezeption runter. Beim Restaurant, wenige Meter vom Parkplatz entfernt, legen wir einen Halt ein, ich stelle unser Gepäck hin und bezahle an der Bar noch die Getränkerechnung der letzten zwei Tage. Und wie das Leben hier so spielt, nimmt unbemerkt ein gewiefter Hotelportier die Last für die letzten paar Meter bis vors Fahrzeug in seine Obhut. Völlig "erschöpft und ausser Atem" verstaut der Mann unsere vier Koffer vor PE's Augen im bereitstehenden Wagen. Natürlich verdankt PE dem "Träger" die mühevolle Arbeit mit einem gerechten Trinkgeld... he ja, die ganzen hundert mühseligen Stufen ...
(Bild Eigentum des Fotographen)
Fianarantsoa (wo man das Gute lernt) ist eine Universitäts- und Industriestadt. Sie ist auch Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und Ausgangspunkt für Reisen an die Ostküste und in den Süden des Landes. Die Stadt ist in unseren Augen ein Moloch und auf der Reise deshalb nicht von grosser Bedeutung. Bis auf ein kleines Atelier, das unmittelbar an der Hauptstrasse durch einen Hofeingang erreichbar ist. Die Adresse ist Ladenlokal, Galerie und Werkstatt in einem. Hier entwickelt und bearbeitet ein Meister seines Metiers die Aufnahmen seiner Kamera.
(Bild Eigentum des Fotographen)
Die Bilder in seiner Galerie sind allesamt auf Madagaskar aufgenommen, sie dokumentieren die Geschichten, das Leben, Motive von Gesichtern einer mittleren und eher ärmeren Gesellschaft. Auf der Strasse, an der Arbeit, zuhause, beim Spielen, ob in der stickigen Stadt oder auf dem Land in freier Natur, am See, in den Bergen, der Steppe und im Wald. Schwarz-weiss oder farbig. Der Künstler ist landesweit bekannt und gastiert mit seinen Werken auch ab und zu ausserhalb der Insel. Während die Kinder aufmerksam den Druckerkopf eines Fotoplotters verfolgen, betrachten wir Erwachsenen interessiert die verschiedenen Aufnahmen und Bücher, die in den Räumlichkeiten aufliegen. Im Ladenlokal gibt es die vielen schönen Motive auch in Kartenformat zu kaufen. Da die Ansichtskarten trotz der hohen Qualität zu erschwinglichen Preisen erhältlich sind, decken wir uns mit einer beachtlichen Menge jener tollen Bilder ein. Die anschliessenden Ausgaben für die Briefmarken nach der Schweiz übersteigen den Kauf der Karten schliesslich um ein Mehrfaches.

(Bild Eigentum des Fotographen)
Mit jedem Kilometer Autofahrt Richtung Süden verändert die Gegend allmählich ihr Gesicht. Wir kehren der Region des Hochlandes langsam den Rücken und betreten eine steppenartige Gras- und Weidelandschaft mit hohen, rundlichen Felsmassiven. Ambalavao ist das südlichste Städtchen des zentralen Hochlandes und bekannt z. B. durch seinen grossen Zebumarkt. Es ist vorerst unser Ziel der heutigen Etappe.
In einem unscheinbaren Innenhof eines kleinen Hauses besuchen wir die Frauen einer Wildseidenspinnerei an ihren Arbeitsplätzen.
Die ungefähr zehn Arbeitskräfte verarbeiten in mehreren Einzelschritten die Seidenraupencocons zu gewobenen Tücher und Fertigartikel, wie Schals, Taschen und Kleider. Alles wird von Hand erledigt, in aufwendiger, mühevoller und meist monotoner Arbeit.
Sieben Cocons zusammenfügen und von Raupenresten befreien,
Cocons kochen und aufweichen, auf dem Vordach austrocknen lassen,
Rohseide abhaspeln, auf den Knien mit nassen, seifigen Händen zu faden spinnen, in Maiskörnern zwischenlagern
und schlussendlich von der aufgewickelten Spindel zu einem Seidentuch weben.
Die eingefärbte Wildseide wirkt visuell sehr grob, ist aber ein feines, wohlig fühlendes und persönliches Souvenir für PE und MA. Tja, so persönlich, dass sich die beiden Frauen den einen, olivgrünen Schal streitig machen.
In einer weiteren Werkstatt verfolgen wir die Produktion von Maulbeerbaumpapier. Dem weich gekochten Brei aus der Rinde des Maulbeerbaums werden, auf Leinen ausgebreitet, farbenfrohe Blumenblüten aufgelegt. Die noch klebrige Masse kann später, im ausgetrockneten Zustand zu "blumigem" Briefpapier zugeschnitten werden. Nun ja, auch nicht so wirklich mein Ding.
Ich vermute, das Herz pöpperlet ihr ganz kräftig in den Hals, als wir fünf den steilen Pfad in die Höhe eines Bergsattels unter die Füsse nehmen. Mit dabei, ein riesengrosser Rucksack, voll mit Schnüren und einem feinen, gut vernähten Tuch.
Der Wind kräuselt uns leicht in den Rücken und ich bin mir immer noch nicht so ganz sicher, ob sie sich wirklich traut... PE möchte von diesem Bergrücken aus, zu ihrer Gleitschirmtaufe starten. An einem geeigneten Startplatz angelangt, wartet unser kundige Gleitschirmpilot auf etwas bessere Windbedingungen. Immer wieder wirft er dürre Grasbüschel in die Luft und bewertet Windstärke und Windrichtung. Wir warten bestimmt schon über eine Stunde am Hang, als unten im Tal sich auch drei, der mit Nicole reisenden Franzosen auf den Weg zu uns hoch machen. Auch sie gedenken erst, einen Tandemflug zu absolvieren.
Und plötzlich geht alles sehr rasch. Der vorerst zu starke Wind nimmt etwas an Intensität ab. Der junge Pilot legt den Gleitschirm aus, der Sitz des Piloten wird mit dem des Passagiers verkuppelt, die Tragriemen werden straff angezogen, und dann stehen beide da, mit eisern angespannter, ernster Mine, bereit für den Abflug. Zwei Mal verheddert sich das Tuch beim Start, aber dann, beim dritten Mal bleibt der geöffnete Schirm satt aufgeblasen über unseren Köpfen stehen. Jetzt zwei, drei Schritte und das Duo hebt gemeinsam ab.
COMME LES GAGAS! (Wie die Malagasy-Krähen!) stehen die beiden in der Luft und beginnen an Höhe zu gewinnen. In grossen Bögen kreisen sie im Aufwind der imposanten Felsen und geniessen sichtlich die Weite der unter ihnen liegenden, atemberaubenden Landschaft.
Stundenlang hätten sie wohl am Himmel rumhangen können, würden da nicht noch JO und die drei französischen Touristen auf einen Start warten. So endet PE's Erstlingsflug halt nach 10 Minuten unten im Tal.
Oben, auf dem Berg entschliessen sich unsere französischen Freunde schliesslich, auf einen Flug zu verzichten. Es wird frisch und die Wartezeit dauert ihnen zu lange. Sie nehmen den Abstieg wieder zu Fuss in Angriff und bringen unsere zwei schlotternden Mädchen gleich mit nach unten. JO und ich harren im Schatten der Abenddämmerung an der Bergflanke aus und warten auf unseren Piloten.
Dann ist's soweit, auch für JO steht nun die Feuertaufe an. Weil sein Körpergewicht noch sehr leicht ist, geben wir dem Jungen noch ungefähr 30 Kilogramm Steine im Rucksack mit auf die Reise. Die Zeit drängt, denn jetzt beginnt's zu dunkeln und die Nacht bricht in diesen Breitengraden sehr rasch herein. JO schafft seinen Start leider nicht mehr, die steinige Zusatzlast ist ihm einfach zu schwer und er kriegt sein "neues Körpergewicht" nicht auf springende Beine. So brechen wir gemeinsam das Unterfangen ab und machen uns im (Stock)-Finstern auf den Rückweg. Das hingegen, ist gar nicht zu unterschätzen. Der Abhang ist steil und der Boden unter unseren Füssen brüchig und rau. Mit vereinten Kräften, JO zeitweilig an meinem Rücken hängend, schaffen wir die Herausforderung und kommen ohne grössere Blessuren bei unserer wartenden Familie und einem etwas "aufgeriebenen" Claude an.