Reisebericht

„La Puna deja huellas“ oder „Im Höhenrausch“

von Sabine26 · begonnen 08. Nov. 2022 · 20 Teile

Teil 108. Nov. 2022
Hallo zusammen,

noch nicht lange zurück aus Argentinien, beginne ich gleich mit dem Reisebericht. Vielleicht habt Ihr Lust mich zu begleiten?






Prolog

Als wir uns im Jahr 2010 auf der Finca Valentina in Salta während einer 4-wöchigen Argentinien/Chile Reise aufhielten, hörte ich das erste Mal von der Puna Argentiniens.

Aber es war nicht nur, dass ich das erste Mal davon hörte, sondern auch, dass es wahrscheinlich die schönste und einsamste Gegend ganz Argentiniens sei, womöglich sogar nicht nur Argentiniens, sondern des ganzen Hochlandes, das sich über Chile, Bolivien und Argentinien erstreckt. Zugegeben, diese Einschätzung liegt und lag sicherlich im Auge des Betrachters und ist äußerst subjektiv, aber meine Neugier war geweckt; insbesondere, da mich die Atacama bereits schon seit mehreren Jahren in ihren Bann gezogen hatte. Wie immer, begann ich zu recherchieren und das, was ich herausfand, war gerade für uns, die am liebsten als Selbstfahrer unterwegs sind, nicht gerade ermutigend. Reiseliteratur ist über die Puna Argentiniens, die sich über Teile der Provinzen Jujuy, Salta, Catamarca und La Rioja erstreckt, kaum vorhanden. Die gängigen Routen werden beschrieben, tatsächlich haben wir davon schon ein wenig selbst kennenlernen können, aber will man in abgelegenere Teile vorstoßen, wird es wesentlich schwieriger. Ein kompletter, deutschsprachiger Reisebericht ist mir selbst Jahre später über diese Region nicht bekannt, was natürlich nicht bedeutet, dass es keinen gibt. Einige wenige, mit denen ich Kontakt hatte und die schon in dieser Gegend waren, berichteten mir von der Schönheit und gaben ein paar Hinweise.

Meinen Atlas von Argentinien, den ich zwei Jahre später auf der nächsten Reise nach Argentinien erwarb, hüte ich wie einen Augapfel, dient er mir Jahre später noch immer als eine unentbehrliche Planungshilfe, auch wenn er sich teilweise schon ein wenig der „Lose-Blatt-Sammlung“ nähert. Aber selbst in diesem Werk sind verschiedene Routen der Puna nicht eingezeichnet, jedoch immer noch mehr als bei dem einen oder anderen digitalen Routenhelferlein. Was ich jedoch herausfand, die Straßen - oder besser Pisten - verlangen nach entsprechenden Fahrkenntnissen, nicht weniger wichtig sind entsprechende Ortskenntnisse, da eine Beschilderung genau genommen sehr oft nicht existent ist. Nicht zu unterschätzen ist zudem für mich die Höhe, auf der man sich bewegt und aufgrund alleine derer eine Panne nicht nur für Individualtouristen äußerst gefährlich werden kann. Immer wieder liebäugelte ich in den vergangenen Jahren, ob wir diese Strecken nicht doch vielleicht alleine meistern könnten, immer wieder kam ich jedoch zu dem ernüchternden Ergebnis, nein, können wir nicht - und dies sogar, ohne im Hinterkopf zu haben, dass diese Pisten für meinen Mann aus gesundheitlichen Gründen keinesfalls zu bereisen sind.

Noch während die Reisefreiheit wegen der allgegenwärtigen Pandemie extrem eingeschränkt war, entschied ich mich dazu, meine Reise in die Puna zu planen. Das war mehr als 18 Monate vor Reisebeginn. Ich kontaktierte eine Agentur in Argentinien, von der ich bereits schon 12 Jahre zuvor gehört hatte und teilte meine Pläne mit. Da ich alleine reisen würde mit einem Guide, wollte ich nicht länger als 2 Wochen unterwegs sein. Wie immer hatte ich genaue Vorstellungen meiner Route und bis auf wenige Änderungsvorschläge der Agentur, die mir sinnvoll erschienen, wurden diese auch exakt so umgesetzt. Dort, wo möglich, setzte ich bei den Unterkünften wieder auf ein wenig Komfort und der Aspekt, der mir bei sechs Reisen in Höhen jenseits der 4.000-Meter-Marke immer sehr wichtig war und mich auch bisher glücklicherweise vor Beeinträchtigungen bewahrt hatte, sollte auch diesmal im Vordergrund stehen; eine langsame, stufenweise Akklimatisierung. Ich hatte keine Lust auf Höhenprobleme mit Ansage, sondern wollte meine Reise mit allen Sinnen genießen. Natürlich kann man diese Probleme niemals ganz ausschließen, aber mit einer entsprechenden sinnvollen Route wollte ich die Möglichkeit von Höhenproblemen soweit wie möglich minimieren.

Während der folgenden Wochen und Monate gingen E-Mails hin und her, bis ich dann final etwa 1 Jahr vor Abreise buchte, immer in der Hoffnung, dass mir die Pandemie die Reise nicht noch verhageln würde. Den Interkontinentalflug, die beiden argentinischen Flugstrecken sowie die letzte Nacht in Buenos Aires buchte ich separat. Nun gut, die Pandemie beruhigte sich zum Glück so weit, dass die Einreisebedingungen nach Argentinien immer mehr gelockert wurden.

Einige wenige Wochen vor Reisebeginn erhielt ich den Namen meines Guides und die Vorfreude stieg, aber auch die Anspannung, ob meine unglaublich hohen Erwartungen an diese Reise erfüllt werden sollten und wie es wohl sein würde, zwei Wochen alleine, zumindest fast immer tagsüber, mit einem englisch- und spanischsprechenden Guide unterwegs zu sein und sich der Einsatz meiner Muttersprache auf wenige Telefonate, dort wo überhaupt möglich, beschränken würde.


Wen könnte dieser Reisebericht interessieren?

- alle, die offen sind für Neues und sich auch gerne einmal abseits herkömmlicher Pfade begeben
- alle, denen es nichts ausmacht, Staub als allgegenwärtigen Begleiter zu haben
- alle, die keine Probleme mit Einsamkeit haben
- alle, die sich an Kargheit erfreuen können
- alle, die neugierig darauf sind, wie Menschen in einer so lebensfeindlichen Umgebung leben (können, müssen oder vielleicht sogar wollen); auch wenn es sich nur um einen kurzen, kleinen und sicherlich subjektiven Eindruck meinerseits handelt
- alle, die auch gerne Einsamkeit, Staub und Neuentdeckungen mit Komfort zu Anfang sowie am Ende einer Reise kombinieren
- alle, die nachfolgende Auflistung, auch wenn sie diese oder auch nur einzelne Punkte für sich als zutreffend erachten, diese einfach zeitweise beiseite wischen und trotzdem neugierig sind



Wen könnte dieser Reisebericht weniger interessieren?

- alle, die sich gerne auf Asphaltstraßen bewegen und sich nicht gerne stundenlang im Auto durchschütteln lassen mögen
- alle, die sich nicht gerne in Höhen begeben, die um einiges höher liegen als der höchste Punkt unserer Zugspitze
- alle, die sich lieber auf bereits schon viele Male beschriebenen und erprobten Routen bewegen möchten
- alle, die sich nicht mit einer extremen Trockenheit arrangieren können/wollen
- alle, die sich nicht an abgelegenen und einsamen Landschaften erfreuen können
- alle, die einen extremen Bewegungsdrang haben
- alle, die keinesfalls auf die Farbe Grün während der Reise verzichten können


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… und hier noch zur Einstimmung die Route:

2 N Salta
2 N Cachi
2 N Tolar Grande
3 N El Peñon
2 N Colomé
1 N Salta
1 N Buenos Aires
Teil 209. Nov. 2022
Tag 1 – Frankfurt – Buenos Aires
Der Flug nach Ezeiza wird nicht kürzer, egal wie oft man die Strecke fliegt


Mein Mann bringt mich zum Flughafen. Nachdem ich recht schnell das Gepäck eingecheckt habe und wir noch gemeinsam bis dorthin gehen, wo es für Begleitpersonen nicht mehr weitergeht, heißt es nun für die nächsten zwei Wochen Abschied nehmen. Ich hasse diesen Moment, vermisse ich ihn doch schon jetzt, wie gerne hätte ich die Reise gemeinsam mit ihm unternommen. Nun gut, ich wollte es nicht anders und zum Glück bestärkt er mich immer darin, alleine meine Entdeckungen zu machen, wenn er nicht mitreisen kann.

Wie der Zufall es will, befinden sich auf dem gleichen Flug ein Fomi und ihr Mann, mit der ich immer mal wieder maile, so haben wir uns für ein Treffen in der Lounge verabredet, wo wir uns heute persönlich kennenlernen. Bei einem sehr netten Austausch vergeht die Zeit bis zum Boarding sprichwörtlich wie im Flug.

Leider verlässt die Lufthansa Maschine nicht pünktlich Frankfurt, weil wir noch auf Passagiere aus verspäteten Zubringerflügen warten, sodass wir fast 40 Minuten Verspätung haben. Normalerweise ist dies gar kein Problem für mich, aber ich muss mich nach Ankunft in Buenos Aires sputen, um meinen Anschlussflug mit der Aerolíneas Argentinas zu erreichen. Ich konnte diese Verbindung nicht auf einem gemeinsamen Ticket mit meinem Interkontinentalflug buchen, zudem wird dieser Flug, wie eigentlich alle innerargentinischen Flüge, ab dem innerstädtischen Flughafen Aeroparque Jorge Newberry abfliegen.

Die knapp 14 Stunden verbringe ich mit Essen, Schlafen, Essen und siehe da, befinden wir uns auch schon im Anflug auf den Flughafen Ezeiza.
Teil 309. Nov. 2022
Tag 2 – Buenos Aires - Salta
Das könnte eng werden mit meinem Anschlussflug


Normalerweise hätte ich mehr als 4 Stunden für den Flughafenwechsel gehabt, was in der Regel reichen sollte. Bisher sind wir bei allen meinen Flügen nach Buenos Aires pünktlich gelandet, manchmal sogar früher als geplant. Allerdings hatte ich noch nie im Anschluss einen Weiterflug, ausgerechnet heute ist das natürlich anders. Zu allem Überfluss hatte ich wenige Tage vor Abreise noch eine Flugzeitenänderung der Aerolíneas Argentinas erhalten, in dem mitgeteilt wurde, dass der Flug nach Salta um eine halbe Stunde nach vorne verlegt wurde, so schmilzt mein Zeitpuffer auf unter drei Stunden.

Als ich dann die Schlange vor der Immigration sehe, werde ich ein wenig nervös, zum Glück geht die Einreise dann aber doch zügig vonstatten. Das bisher immer obligatorische Einreiseformular und das Zollformular werden nicht benötigt, ebenso wird der Einreisestempel eingespart. Sicherheitshalber frage ich noch einmal nach, nicht, dass ich bei der Ausreise Probleme bekomme, aber in Zeiten von Corona gab es dann doch die eine oder andere Änderung. Zum Glück hat sich in punkto Gepäckauslieferung nichts geändert und vor allem hat sich diese nicht an die derzeit nicht selten vorkommende Schneckengeschwindigkeit an deutschen Gepäckbändern angepasst, sodass ich bereits nach ganz kurzer Zeit meinen Koffer in Händen halte.

Um Zeit zu sparen, habe ich diesmal entgegen unserer sonstigen Gewohnheiten in Buenos Aires meinen Transfer vorgebucht und dieser wartet bereits. Nach der Begrüßung erfahre ich sogleich, dass wir äußerst knapp in der Zeit liegen und heute „mucho tráfico“ wäre. Na toll, aber ich bleibe ruhig, es bleibt mir ja nichts anderes übrig. Der Verkehr, der uns erwartet, toppt alles, was ich bisher nach Ankunft in Ezeiza erlebt habe. Erntet die argentinische Fahrweise sonst von mir eher ein Kopfschütteln, bin ich heute über die selbige, die mein Fahrer an den Tag legt, doch recht froh. Er fährt auch nicht die übliche Route, sondern scheinbar eine andere, die zwar ebenso voll von „mucho tráfico“ ist, aber zumindest kommen wir einigermaßen durch, auch wenn wir immer wieder einige Passagen nur in Schrittgeschwindigkeit fahren können.

Als wir dann endlich nach einer gefühlten Ewigkeit vor dem Terminal des Aeroparque Jorge Newberry stehen, bin ich erleichtert, denn es sollte zeitlich klappen, dass ich meinen Flug nach Salta erreiche. Dann schreite ich durch die Eingangstür und meine Erleichterung löst sich sogleich in Luft auf. Kenne ich den AEP nur chaotisch, übertrifft dieser Anblick alles. Unmengen an Menschen stehen in der Abfertigungslinie, die sich in nicht enden wollenden Zick-Zack Reihen fortsetzt. Es ist ein Höllenlärm, man versteht sein eigenes Wort nicht. Müsste ich mich jetzt hier anstellen, könnte ich wahrscheinlich froh sein, wenn ich heute überhaupt noch einen Flug erwische. Zum Glück habe ich Premium Economy gebucht und so schiebe ich mein Gepäck weiter, bis ich einen Flughafenmitarbeiter finde, dem ich meine Misere erkläre. Als ich die beiden Zauberworte „Premium Economy“ erwähne, schickt er mich zum Business Class Check-in und siehe da, hier befindet sich tatsächlich auch der Check-in für Premium Economy der Aerolíneas Argentinas und noch viel besser, es stehen keine zwei Handvoll Passagiere an. So werde ich ein weiteres Mal schnell mein Gepäck los und auch die folgende Sicherheitskontrolle verläuft zügig; ganz entspannt kann ich nun am Gate auf das Boarding warten. Puh, ein wenig nervös war ich schon und hatte bereits in Gedanken durchgespielt, was ich machen werde, wenn ich den Flug verpassen sollte.

Eigentlich bevorzuge ich auf den südamerikanischen Strecken die LAN, jedoch fliegt diese seit geraumer Zeit nicht mehr nach Salta. Aber als ich das Flugzeug der Aerolíneas Argentinas betrete, bin ich dermaßen positiv überrascht, die Premium Economy Class besteht aus vier 2-er Reihen und jeder Platz verfügt über einen extrabreiten, bequemen Sitz. Ein einziger Platz in der Klasse bleibt frei und das ist der neben meinem Gangplatz, sogleich tausche ich diesen gegen den Fensterplatz. Es hat wirklich in mehrerlei Hinsicht gelohnt, dass ich die höhere Klasse gebucht habe. Die knapp zwei Stunden Flugzeit nach Salta verlaufen genauso ruhig, wie der Flug zuvor mit der Lufthansa.


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In Salta werde ich von meinem Guide für die nächsten zwei Wochen freundlich empfangen. Er fährt mich zur Finca Valentina, in der wir bereits 12 Jahre zuvor gewohnt haben und die keine halbe Stunde Fahrtzeit vom Flughafen entfernt liegt. Hier werde ich die nächsten beiden Nächte verbringen.

Den verbleibenden Rest des Tages ruhe ich mich aus, mache einige Fotos der Unterkunft und genieße abends noch das hervorragende Essen, das aus einem superleckeren Quinoa-Risotto, einer vegetarischen Lasagne und Flan zum Dessert besteht.


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Teil 410. Nov. 2022
Tag 3 – Salta
Salta, immer noch „La Linda“

 
Ich habe gut geschlafen, es war doch eine sehr lange Anreise. Vom Verlassen meines Zuhauses bis zur Ankunft in der Finca Valentina war ich 25 Stunden unterwegs. Zum Ankommen empfinde ich es ideal, zwei Nächte in Salta auf einer Höhe von etwa 1.200 Metern zu verbringen. Außerdem bevorzuge ich es sehr, langsam in eine Reise einzusteigen und nicht gleich am ersten Tag volles Programm zu haben. In Salta bin ich bereits das dritte Mal, das erste Mal waren wir vor 12 Jahren in der Stadt, als ich mit meinem Mann und zwei Freunden unterwegs war und ein weiteres Mal vor 5 Jahren in der gleichen Besetzung. Bei dieser Reise haben wir allerdings nur übernachtet, um am folgenden Tag direkt nordwärts aufzubrechen in Richtung Bolivien. 
 
Den Besuch im MAAM (Museo de Arqueología de Alta Moñtana) lassen wir auf meinen Wunsch hin aus, da ich das Museum bereits kenne. Das MAAM wurde gegründet, nachdem im März 1999 auf dem Gipfel des Vulkans Llullailco (6.739 Meter) drei Kindermumien der Inkas gefunden wurden. Mein Guide parkt in einer Parkhalle direkt an der zentralen Plaza 9 de Julio. Dort kann ich nicht umhin, einen Wagen, dessen Aussehen mich fasziniert, auf meiner Speicherkarte festzuhalten. Als mein Guide sieht, dass ich diesen Wagen fotografiere, bricht er in schallendes Gelächter aus, denn dieser gehört einem Freund von ihm und es scheint trotz des Aussehens ein sehr zuverlässiges Gefährt zu sein. Zumindest werde ich mich in zwei Tagen davon überzeugen, als er mir zeigt, welche Strecke die beiden in diesem Vehikel zurückgelegt haben. Ich denke bei mir einmal wieder, beurteile niemanden und auch kein Vehikel nur nach dem Aussehen.
 

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Unser erstes Ziel ist das Cábildo. Das Rathaus beherbergt das Museo del Histórico del Norte, in dem unter anderem alte Gefäße für die Asche von Verstorbenen ausgestellt sind. Diese wurden mitsamt Inhalt im Boden der Häuser vergraben, sodass die Ahnen immer nah bei der Familie sein konnten. Im Innenhof des Cábildo führt eine Gruppe älterer Damen mit ihren selbstgebauten Blasinstrumenten aus Papier, die mich unwillkürlich an Vuvuzelas erinnern, einen Samba auf. Diese namensgleiche, aus dem Indigenen stammende Musik, klingt so ganz anders, viel trauriger und melancholischer, als der bekannte Samba aus Brasilien. Ich erfahre von meinem Guide, dass tatsächlich die einzige Gemeinsamkeit beider Musikrichtungen der Name ist. Bisher hatte ich noch nie von diesem Samba gehört, wieder etwas gelernt. 


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Die Kathedrale hatte bei unserem ersten Besuch geschlossen, diesmal kann ich hineingehen. Interessant finde ich, dass die auf den ersten und entfernten Blick prachtvolle Ausstattung sich vielfach als Bemalung entpuppt. Hier war einfach nicht genug Geld vorhanden, um die Kirche ähnlich prachtvoll auszustatten, wie ich dies zum Beispiel in Quito gesehen habe. In dieser Kathedrale befindet sich die letzte Ruhestätte von Martín Miguel de Güemes, einem Held Saltas, der sich besonders im Unabhängigkeitskampf hervorgetan hatte. Neben ihm sind noch weitere Persönlichkeiten im Panteon des las Glorias del Norte bestattet.
 

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Da sich vor der wunderschönen Iglesia San Francisco mit dem 50 Meter hohen Campanile doch einige Menschen aufhalten, diese seinerzeit bei unserem ersten Besuch nicht geschlossen hatte und wir uns den Innenraum ansehen konnten, reichen mir heute ein paar wenige Fotos von außen.
 
 
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Auf dem Weg zurück zum Wagen kann ich einfach nicht widerstehen und erwerbe ein plüschiges Lama. Es ist einfach zu süß und ich taufe es auf den Namen Juanita Blanca. 
 

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Mein Guide überlässt mir für das folgende Ziel die Wahl, Seilbahn oder Auto, ich entscheide mich für Letzteres und damit fahren wir zu dem Aussichtspunkt auf dem Cerro San Bernardo. Von hier oben kann man die Stadt sehr gut überblicken. Es gibt einige kleine Wasserkaskaden und rundherum stehen Ceiba-Bäume und Lapachos, dessen Blüten in Pink, Gelb und Grün blühen können. 
 
Salta wird gerne als die schönste Stadt Argentiniens bezeichnet und trägt den Beinamen „La Linda“. Mir gefällt sie nach wie vor auch sehr gut mit ihren spanisch geprägten Bauten im Ortszentrum und dem äußerst angenehmen Klima.
 

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Zum Abschluss fahren wir noch nach San Lorenzo zur dortigen Quebrada. San Lorenzo liegt zwar höher als Salta, ist aber viel grüner, da sich der Ort, in dem sich wohlhabendere Einwohner Saltas niedergelassen haben, nicht mehr im Bereich der Anden befindet, sondern bereits in den Yungas. Insgesamt reißt mich diese Quebrada alles andere als vom Hocker, mein Guide wollte mir hauptsächlich zeigen, dass es unweit der Anden das Grün der Yungas gibt. Mein Ziel ist jedoch die Puna, der ich mich ab morgen so langsam nähere. Möglicherweise wäre mein Urteil zur Quebrada de San Lorenzo in der Regenzeit und/oder mit der Sichtung eines Tukans anders ausgefallen.
 
Die verbleibenden Stunden genieße ich noch auf der Finca, wo ich abends wieder sehr gut esse. Nach einem etwas geruhsameren Einstieg freue ich mich nun sehr auf den morgigen und die folgenden Tage.
Teil 511. Nov. 2022
Tag 4 – Salta - Cachi
Hat man die Wand des Bischofes gemeistert, wird man mit einem bezaubernden Ort belohnt

Morgens zeigt mir die unglaublich freundliche Managerin der Finca noch weitere Zimmer, die ich mich sehr gerne anschaue. Pünktlich fährt mein Guide mit dem Pickup vor, der uns die nächsten knapp zwei Wochen als treuer fahrbarer Untersatz dienen soll. Zur Ausstattung gehört selbstverständlich ein gutes Reserverad, aber auch fünf Kanister mit jeweils 20 Liter Diesel sind auf der Ladefläche befestigt. Außerdem führen wir ein satellitengestütztes Gerät mit uns, über das mein Guide mehrmals pro Tag unseren Standort an die Agentur melden wird, damit im hoffentlich nicht eintretenden Fall der Fälle Rettung nahen kann. Ausreichend Wasser ist ohnehin an Bord.

Mein kleines Abenteuer kann nun also beginnen, wobei es sich allerdings die nächsten zwei Tage noch sehr in Grenzen halten wird, von Abenteuer kann da eigentlich noch nicht die Rede sein. Ich habe ganz bewusst die folgenden beiden Nächte in Cachi eingeplant, da zum einen dieser Ort auf 2.280 Metern ideal ist, um mich langsam, aber stetig an die Höhe zu gewöhnen und zum anderen haben wir damals als Selbstfahrer die Route von Salta nach Cafayate via der Valles Calchaquíes bereist. Dummerweise hatte ich diesen Abschnitt nicht optimal geplant, sodass für Cachi nicht viel mehr als ein Fotostopp übrig blieb. Aber alleine dieser Stopp zeigte mir seinerzeit, wie bezaubernd ich diesen Ort finde. (Wer gerne mehr über diese Selbstfahrerreise lesen möchte, findet diese unter dem Titel „Atem(be)raubende Landschaften, ein Auto mit Soroche und Geschichten von Pisco, Torrontés, Quilmes und Submarino“ auf meiner Seite.)

Nicht lange, nachdem wir Salta verlassen haben, lassen wir irgendwann auch zeitweise die Asphaltstraße hinter uns – zumindest für einen Teil der Passage der Cuesta del Obispo. Der Name bedeutet so viel wie Bischofswand und soll auf einen Bischof zurückzuführen sein, der vor ein paar Hundert Jahren den Abstieg ins Tal gewagt hat. Ich weiß nicht, ob er nicht wieder herausgefunden hat und daher der Name des Bischofs nicht bekannt ist oder ob es einen anderen Grund dafür gibt.

Waren wir auf dieser Strecke vor 12 Jahren so gut wie alleine unterwegs, hat jetzt der Verkehr zugenommen. Immer wieder finden sich am Straßenrand einzelne Verkaufsstände, aber von Massentourismus kann beileibe keine Rede sein. Würde ich diesen Abschnitt nicht bereits als sehr einsam kennen, würde ich ihn nun als äußerst wenig frequentiert beschreiben.

Am Himmel über uns kreisen Vögel. Ich frage mich, ob es sich um Kondore handelt, ich kann es nicht richtig erkennen. Mein Guide erklärt mir, dass es Jotis sind, ebenfalls Aasfresser, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Kondoren haben, jedoch viel kleiner sind und bei Weitem nicht so hoch fliegen. Unterscheiden kann man die Arten sehr gut dadurch, wenn man weiß, dass bei Jotis die Flügel im Flug zur Seite, während sie bei den Kondoren eher nach vorne zeigen. Nicht zum letzten Mal auf dieser Reise mit Guide werde ich feststellen, dass man mit einem guten Guide, seinen Wissensschatz erweitern kann. Leider habe ich in der Vergangenheit schon ganz andere Erfahrungen mit Guides gemacht.

Mein Guide hält für einen Fotostopp; ich laufe etwa 200 Meter die hier noch asphaltierte Straße hinunter, da ich einen kleinen Verkaufsstand gesehen habe. Hinter dem Tisch sitzt ein kleines Mädchen, ich frage sie nach ihrem Alter und erhalte die Antwort, sie sei drei Jahre alt. Die Mutter tritt hinter einer Plane vor, lächelt mich freundlich an und ich kaufe einen kleinen Schlüsselanhänger mit Stofflama für wenig Geld. Fast am höchsten Punkt mit Aussicht auf die sich in Serpentinen heraufschälende Straße halten wir das nächste Mal. Waren wir damals alleine, haben sich hier mittlerweile einige Verkaufsstände mit Gewürzen, Wurst und Queso de Cabra (Ziegenkäse) ausgebreitet. Es werden auch Ritte mit Pferden angeboten. Als man mir dies anbietet, lächle ich freundlich, schummele jedoch ein wenig, da ich gerade eher an Fotos und Erinnerungen als an Konversation interessiert bin, und antworte, dass ich leider nichts verstehe. Daraufhin lässt man mich auch sofort wieder in Ruhe. Mehr noch, nachdem ein weiterer Pferdebesitzer mich anspricht, sagt ihm der andere, dass ich nichts verstehen würde und sofort wendet man sich den wenigen anderen argentinischen Touristen zu.


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Beim Piedra del Molino, dem „Mühlstein“, haben wir den höchsten Punkt für heute erreicht. Hier auf 3.457 Metern steht nicht nur der Mühlstein, sondern auch die kleine Capilla San Rafael, in der sich im dunklen Innenraum auf einem Tisch Zigaretten und Cocablätter für Pachamama finden – Opfergaben, die typisch sind für die allgegenwärtige Vermischung des katholischen und indigenen Glaubens.


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Mein Guide lässt mich einige Kilometer später an einem Pfad aussteigen. Ich laufe alleine eine Weile zu einem Aussichtspunkt. Ich empfinde es als sehr angenehm, dass er mich nicht auf Schritt und Tritt begleitet. Würde ich das wollen, würde er das tun, aber so habe ich meinen Freiraum.

Wie durch Zauberhand führt ein kerzengerades Asphaltband von 18 Kilometern durch die Ebene der Recta Tin-Tin. Ein wenig schmunzeln muss ich über den Zebrastreifen hier in der Einsamkeit der Hochebene. Überall aus dieser Ebene ragen meterhohe Kandelaberkakteen, die jetzt im Frühjahr Blüten tragen. Diese Kandelaberkakteen können eine Höhe von 10 Metern erreichen und müssen erst 50 Jahre alt werden, bis sie blühen. Das ist das Gebiet des Parque Nacional Los Cardones und hier befindet sich auch ein sehr kurzer Weg entlang dieser stacheligen Riesen im Parque Nacional Los Cardones. In vielen dieser Kakteen haben Spechte ihre Löcher in den Stämmen hinterlassen.


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Am Ende des schnurgeraden Asphaltbandes befindet sich ein größerer Verkaufsstand unterhalb einiger Ruinen. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf den Nevado de Cachi (6.380 Meter) mit seinen weißen Eisfeldern in der Ferne vor blauem Himmel. Eine Familie verkauft Gewürze und Eingemachtes, auch mein Guide deckt sich ein. Von ihm erfahre ich, dass diese Familie mit nur einem Tisch vor einigen Jahren ihr Geschäft begonnen hat und nun immer weiter expandieren konnte, weil ihre Produkte so gut sind, dass sogar viele Argentinier von weiter entfernt anreisen, um diese zu erwerben.


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Im kleinen Ort Payogasta bitte ich um einen Fotostopp, weil mir eine Häuserzeile so gut gefällt. Payogasta hat eine unregelmäßige Struktur, d. h. der Ort ist nicht in Quadrate aufgeteilt, auch wenn der Ort auf Elemente der spanischen Kolonialzeit zurückzuführen ist. Die Häuser sind vielfach aus Adobe gefertigt und zumeist unterschiedlich groß, verfügen jedoch fast immer über einen Patio, auch wenn dieser nicht selten klein ausfällt. Ich laufe ein wenig umher, bevor mich einige Zeit später mein Guide wieder einsammelt.


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Nun ist es nicht mehr weit bis Cachi mit seinen etwa 5.500 Einwohnern. Wir fahren zu meinem gebuchten Hotel, dem El Cortijo, das nicht allzu weit entfernt von der zentralen Plaza liegt. Kaum habe ich es betreten, weiß ich, diese Unterkunft war die richtige Wahl und ebenso, dass ich um Buchung eines hochwertigeren Zimmers mit Terrasse gebeten habe. Hier werde ich mich die nächsten zwei Nächte so richtig wohlfühlen, davon bin ich überzeugt.


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Da ich bereits schon am Morgen meinem Guide gesagt habe, worin insbesondere meine Interessen liegen und worin eher weniger, fragt er mich, ob wir zum Friedhof fahren sollen. Sehr gerne, lautet meine Antwort. Er lässt mich am Eingang des auf einem Hügel außerhalb des Ortes liegenden Friedhofs aussteigen und wird auf mich warten. Ich soll mir so viel Zeit nehmen, wie ich möchte. Ausgiebig schaue ich mich um, mache Fotos, staune über die Lage des Ortes und fühle mich zwischenzeitlich tatsächlich ein wenig „scared“, bin ich hier doch so ganz alleine unterwegs. Nach einiger Zeit verlasse ich diesen Ort und mein Guide bringt mich zurück zum Hotel. Wir besprechen geschwind die Zeit der Abholung für den Folgetag und den Rest des Nachmittags habe ich für mich ganz alleine.


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Nach einem kurzen Stopp auf meinem Zimmer und einem Telefonat mit meinem Mann gehe ich ins überschaubare Zentrum des kleinen, bezaubernden Ortes. Langsam verspüre ich Hunger, es ist jedoch zu spät für Mittagessen und zu früh für Abendessen. Ich finde ein Restaurant, das geöffnet hat und wähle die einzige Speise, die um diese Uhrzeit im Angebot ist, Empanadas. Ich entscheide mich für zwei Empanadas mit Quinoa- und eine mit Queso-Füllung, die alle ausgezeichnet schmecken werden. Als Nachtisch hole ich mir in der Panadería gegenüber ein Teilchen mit Vanillepudding, mit dem ich mich auf einer Bank im kleinen Park niederlasse.

Kaum verspeist gehe ich in die Kirche und halte diese sowie das angrenzende Museum auf meiner Speicherkarte fest. Ich schlendere durch mehrere Gassen, in denen mir nur hier und da einige Einheimische begegnen. Alle grüßen mich äußerst freundlich. Ich finde Cachi einfach nur bezaubernd, auch wenn es nicht mehr ganz so im Dornröschenschlaf liegt wie noch vor 12 Jahren und sich mehr dem Tourismus geöffnet hat.


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Es ist kurz nach 19:00 Uhr, als ich durch die Tür meines Hotels trete. Es war ein wirklich schöner Tag.
Teil 612. Nov. 2022
Tag 5 – Cachi (Tacuil)
Weinprobe, in dem bis vor kurzem höchst gelegenen Weinanbaugebiet, ein wütendes Langohr und gefiederte Hubschrauber in ihrem natürlichem Lebensraum


Heute steht ein Ziel auf dem Programm, über das ich weder zuvor in Reiseführern gelesen hatte, noch hatte ich zuvor überhaupt jemals davon gehört: Tacuil. Als ich im Vorfeld mit meiner Agentur in Argentinien korrespondierte und fragte, was ich mir am heutigen Tag anschauen könnte, schlug man mir das Weingut Tacuil vor. Alleine die Fahrt in dieses Tal wäre diesen Abstecher wert, so oder ähnlich, las ich in der E-Mail. Ich schaute in meinen Atlas, wo genau das Ziel liegen würde. Mir gefiel dieser Vorschlag und so fand sich zusätzlich eine Weinprobe inkl. Mittagessen auf meinem Routenplan wieder.

Kurz vor Seclantás fährt mein Guide einen kleinen Umweg zu einer Poncho-Weberei, nachdem er mich zuvor fragte, ob ich mir diese anschauen möchte. Diese Weberei, wird nicht oft besucht, da sie nicht an der direkten Verbindungsstraße liegt. So stehen wir beide alleine vor dem kleinen Gebäude, als der Eigentümer aus der Tür tritt und uns begrüßt. Mein Guide und er kennen sich. Ich bekomme ein wenig gezeigt und fühle mich zu keiner Zeit in irgendeiner Weise gedrängt, etwas zu kaufen. Eher im Gegenteil, ich stelle dem Weber einige Fragen, die alle freundlich beantwortet werden, auch nachdem klar ist, dass ich ohne Poncho oder Schal die kleine Manufaktur verlassen werde. Mein Guide erzählt mir später, dass dieser freundliche Herr den Poncho webte, den Papst Franziskus anlässlich seines Besuches in Salta überreicht bekam; sicherlich eine unglaublich große Ehre für ihn und seine Familie.


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In Seclantás halten wir für ein Foto der rosa Kirche „Nuestra Señora del Carmen de Seclantás“ mit ihren hellblauen Farbtupfern an Kuppeln und Pforte. Direkt gegenüber befindet sich eine Schule, Aufgabe scheint zu sein, die Kirche zu malen. Die Schülerinnen und Schüler sitzen verteilt vor ihrem Schulgebäude und zeichnen fleißig das kleine rosafarbene Schmuckstück, wie ich bei einem Blick auf ihre Zeichenblöcke feststellen kann.


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Leider hatten wir seinerzeit überhaupt keine Zeit, um uns Molinos anzuschauen. Zum einen wegen meines Planungsfehlers, zum anderen hatten wir uns zu allem Überfluss verfahren, verloren mehr als 2 Stunden und fanden uns in Brealito wieder. Nun stelle ich fest, wie bedauerlich es ist, dass wir Molinos nicht anschauen konnten. Was für ein entzückender Ort, der unzählige Fotomotive über die Kirche „San Pedro de Nolasco de los Molinos“ aus dem 17. Jahrhundert hinaus bietet. Weit und breit kein anderer Tourist, während ich alleine durch die pittoresken Straßen ziehe und dem örtlichen Kulturzentrum gegen ein geringes Eintrittsgeld von 50 Pesos einen Besuch abstatte. Ich bin absolut begeistert von diesem entzückenden Ort, der so aufgeräumt wirkt und wo die Zeit stillzustehen scheint.


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Hinter Molinos biegen wir ab. Die Straße wird enger und sandiger. Hier gibt es Passagen, die mich unweigerlich an das Damaraland in Namibia erinnern. Hinter dem kleinen Ort Colomé, wo ich in ziemlich genau einer Woche zwei Nächte auf dem namensgleichen Weingut gebucht habe, verengt sich die Straße ein weiteres Mal. Die Piste steigt an, die Kurven nehmen zu, während die Einsehbarkeit der Windungen zeitgleich abnimmt.


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Nachdem wir einen kleinen Pass bewältigt haben, bietet sich mir ein wunderschöner Blick ins Tal auf Tacuil. Ich bin begeistert, welch ein Idyll liegt da vor meinen Augen; rundherum sand- und ockerfarbene Felsen, unten im Tal leuchten die Weinreben in Grün. Die verbleibende Strecke ist nichts für Personen mit Höhenangst. Die Piste ist gerade breit genug für ein Fahrzeug und neben mir auf der Beifahrerseite blicke ich immer wieder in einen ungeschützten Abgrund. Wie ich mir schon dachte, ist diese Piste während der Regenzeit oftmals nicht passierbar. Ich frage mich einmal mehr, was machen die Menschen nur bei einem Notfall, die in solcher Abgeschiedenheit leben.

Wir werden sehr freundlich von Raoul begrüßt, der den Familienbetrieb Dádalos in 5. Generation führt. Für meinen Geschmack begrüßen mich allerdings die Hunde auch zu freundlich, um nicht zu sagen, zu stürmisch. Sogleich werden diese zurück gerufen. Wir sind die einzigen Besucher. Mir scheint, dass sich tatsächlich eher selten ausländische Touristen hierher verirren, eine Voranmeldung ist ohnehin obligatorisch.

Auf der Terrasse mit unglaublich schönem Blick auf die Weinreben im Tal nehmen wir Platz. Ist das eine Wohltat für die Seele. In fließendem Englisch erfahre ich, dass sich hier bis vor kurzem das höchste Weinanbaugebiet befunden hat, bis zu dem Zeitpunkt, als man sich entschloss, auch in Tibet Wein anzubauen. Die Weinreben, auf die wir in diesem Moment schauen, befinden sich in 2.400 Metern Höhe; zu Tacuil gehören aber auch Weinreben, die auf 2.700 Metern wachsen. Die Höhe und die Trockenheit findet sich in der Haut der Trauben wieder, diese ist später hauptverantwortlich für die besondere Qualität der Weine. Ich koste einen Torrontés, der einzige Wein, der seinen Ursprung in Argentinien hat sowie drei weitere Rotweine des Weingutes. Ebenso interessant ist für mich zu hören, dass sich Colomé bis zur Jahrtausendwende im Eigentum der Familie Dádalos befand. Als die große Wirtschaftskrise Argentinien ergriff, man sich aber von Colomé trennte und verkaufte.

Aus dem Lehmofen werden Köstlichkeiten für das Mittagessen serviert. Hier lässt es sich wirklich aushalten, dieser Blick, diese Ruhe, diese Abgeschiedenheit. Herrlich!
Irgendwann müssen wir Abschied nehmen und unseren Rückweg antreten. Die Verabschiedung fällt ebenso freundlich aus wie die Begrüßung. Ich bin sehr dankbar für diesen Tourvorschlag der Agentur, den ich selbst nie eingeplant hätte.


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Tags zuvor habe ich meinem Guide von unserem Missgeschick erzählt, dass wir uns verfahren hatten und wieder umdrehen mussten, nachdem wir uns in den unzähligen, unbeschilderten Abzweigungen der verschiedenen Pisten nicht mehr zurechtgefunden hatten. Da ich jedoch den kurzen ersten Teil unserer ungeplant befahrenen Piste als sehr schön in Erinnerung habe, hatte ich ihn daher gefragt, ob wir möglicherweise statt Strecke über Molinos bis Seclantás die Route via Lago de Brealito fahren könnten, denn mein Atlas weißt dort eine Piste aus. Mein Guide war sofort Feuer und Flamme, er müsse allerdings klären, ob diese Piste zurzeit befahrbar sei. Ich ahne einmal mehr, dass es damals eine gute Entscheidung war, nicht weiterzufahren, sondern umzukehren. Jetzt vernehmen meine Ohren, die Wunschstrecke sei befahrbar, mehr noch, genau diese sei er einmal mit seinem Freund in besagtem Wagen gefahren, den ich vor zwei Tagen in Salta fotografiert hatte. Ich weiß nicht, ob der Wagen vorher schon so aussah oder erst, nachdem sie die Strecke gefahren waren. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, weiß ich, ich hätte diese Frage stellen sollen. Auf jeden Fall werde ich einige Stunden später wissen, was dieses Vehikel zu leisten imstande ist.

Mein Guide erzählt mir, dass wir eine kaum frequentierte, einsame Piste fahren werden, der Lago de Brealito wunderbar sei und selbst Einheimische selten bis gar nicht dorthin führen. Ich bin gespannt. Tatsächlich ist die Strecke zeitweise sehr abenteuerlich. Ich kann die enge Piste mit den seitlichen, nicht gesicherten Abgründen kaum fotografisch festhalten, aber definitiv möchte ich diese nicht alleine als Selbstfahrer bewältigen. Aber so, ganz vertrauend auf die Fahrkünste meines Guides und auf unseren Wagen, kann ich die Fahrt genießen, ein wenig Abenteuer kann richtig Spaß machen.


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Nach längerer Fahrzeit erreichen wir den See, glücklicherweise ohne irgendeine Form des Gegenverkehrs. Ich laufe ohne Begleitung meines Guides auf eine Halbinsel, die sich in der Regenzeit zu einer Insel wandelt und werde das einzige Mal auf dieser Reise ein mulmiges Gefühl haben. Am Ufer grasen Esel. Plötzlich stürmt von weiter her einer dieser zuweilen recht starrköpfigen Vertreter seiner Art heran, begleitet von lautem Getöse, das für mich eindeutig nach wütenden Schimpftiraden klingt. Er legt ein enorm hohes Tempo an den Tag. Weit und breit gibt es nichts, wohin ich mich in Sicherheit bringen könnte, das Auto und mein Guide sind weit entfernt. Greifen Esel Menschen an? Diese Frage schießt mir durch den Kopf, und ich kann sie nicht beantworten, ich weiß es nicht. Aber ein Esel könnte zum Problem für mich werden? Viel eher hätte ich, bleiben wir bei Vertretern der Fauna, mit Schlangen, Spinnen, Hunden oder gar dem raren Puma gerechnet. Die einzige Waffe zur Gegenwehr, die mir bliebe, ist meine Kamera, die ich ihm um die langen Ohren hauen könnte. Zu meinem großen Glück und meiner noch größeren Erleichterung stoppt er in nicht allzu weiter Entfernung bei seinen Artgenossen. Möglicherweise galt sein Gebaren gar nicht mir, aber den Rückweg werde ich sicherheitshalber in großem Bogen antreten.

Nach dieser Aufregung werden wir tatsächlich mit Kolibri-Sichtungen belohnt. Diese Vögel halten sich unweit des Wagens in Palán Paláns auf. Ich liebe diese gleichlautenden Doppelnamen und wenn ich dann noch darüber nachdenke, dass Kolibris hier Picaflores genannt werden, Picaflores in Palán Paláns – das gefällt mir. Umso schöner empfinde ich die Sichtung, da diese gefiederten Hubschrauber nicht mit Zuckerwasser angelockt werden, wie es leider mittlerweile in einigen touristischen Hotspots üblich ist, um Touristen das bestmögliche Foto zu ermöglichen. Eine Vorgehensweise, mit der ich mich so gar nicht anfreunden kann. Als wir das Gebiet verlassen, erfahren wir von der Dame, die sich um diesen Ort kümmert, dass vor zwei Tagen der letzte Wagen vor Ort war. Mein Guide drückt ihr einen Müsliriegel in die Hand, über den sie sich sehr freut. Puh, wieder einer dieser Momente, der mir demütig vor Augen führt, wie gut es mir geht.


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Wieder zeigt die Uhr 19:00 Uhr an, als ich nach einem langen, aber wundervollen Tag das Hotel betrete. Ich telefoniere mit meinem Mann, so wie es scheint, werde ich die nächsten 5 bis 7 Tage dafür keine Möglichkeit haben. Morgen werden wir über den Abra del Acay mit seinen fast 5.000 Metern nach Tolar Grande fahren – die Puna ruft.
Teil 726. Nov. 2022
Wer möglicherweise neugierig geworden ist und mehr Bilder sehen möchte, der vorhergehende und der jetzt folgende Tag sind unter Teil 2 des Reiseberichtes auf meiner Seite online.



Tag 6 – Cachi – Tolar Grande
Der lange Weg in die Puna


Nachts werde ich mehrmals wach, meine Nase ist verstopft und brennt, die Luft ist bereits schon hier in Cachi sehr trocken. Da ich diese Trockenheit in ähnlicher Form schon von vergangenen Aufenthalten in der Höhe kenne, gehört eine Nasensalbe zu meiner Standardausrüstung. Diese schafft Linderung. Ständig habe ich Durst und habe bereits schon tagsüber sehr viel Wasser getrunken, nun auch nachts. Damit muss ich klar kommen, die Trockenheit wird sicherlich die nächsten Tage noch weitaus extremer werden.


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Heute ist es nun soweit, es geht in die Puna. Für die nächsten Tage wird es sehr viel einsamer werden … und nicht nur einsamer, sondern auch höher. Wir werden heute beinahe die 5.000 Meter Marke knacken, denn die Fahrt über den Abra del Acay liegt vor uns. Mehrmals las ich vom höchsten befahrbaren Pass, mal las ich von Höhenangaben von knapp unter 5.000 Metern, mal war die 5 als erste Ziffer vermerkt, wenn es um die Höhenangabe des Passes ging. Im Grunde genommen ist es egal, die Luft wird jedenfalls „dünner“ werden. Darauf fühle ich mich durch meine Planung der bisherigen Reisetage sehr gut vorbereitet, denn auf Höhenprobleme mit Ansage kann ich verzichten. Sollten trotzdem Zipperlein auftreten, weiß ich zumindest, dass ich zuvor mein Möglichstes getan habe, um diese zu minimieren. Wir werden sehen, was die nächsten Tage bringen werden.

Im Hotel wird für mich eine halbe Stunde früher das Desayuno aufgebaut, sodass mein Guide und ich bereits um 08:15 Uhr im Auto sitzen. Eine lange und anstrengende Fahrt wird vor uns liegen.


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Wir haben den Ort La Poma noch nicht passiert, da zeigt sich ein weiteres Mal, welches Glück ich mit meinem Guide habe. Er biegt in eine Piste ein, die einer kurzen, sandigen Fahrspur inmitten links und rechts thronender roter Felsen folgt. Unser Ziel heißt Graneros de la Poma. Ich behaupte, dass ich mich seit vielen Jahren sehr intensiv mit Argentinien auseinandergesetzt, sehr viel bereits im Land gesehen, mich dort gut einigermaßen auskenne und mich überdies auch wieder recht gut vorbereitet habe, dennoch ist dies wieder so ein Ort, von dem ich zuvor noch nie etwas gehört, geschweige denn in irgendeinem Reiseführer darüber gelesen habe.

Selbstredend sind wir hier wieder alleine unterwegs. Das letzte Stück laufen wir in den Canyon hinein, es ist eine wundervolle Stimmung am frühen Morgen, die Luft so klar und alles ist ruhig. Dann stehen wir vor zwei kleinen Höhlen, deren Eingang durch Gitter geschützt sind. Dahinter verbirgt sich das - neben der schönen Umgebung - Sehenswerte: ehemalige Getreidespeicher der Inkas, wohl aus der Zeit des Inkaherrschers Tin-Tin; wieder solch ein Doppelname, den ich so gerne mag. Leider ist auf dem Schild nichts mehr lesbar, das diesen Ort beschreibt, die Sonne fordert bereits hier auf nur 3.000 Metern ihren Tribut. Mein Guide erzählt mir, dass dieser Ort sehr unbekannt ist und sich kaum jemand hierher verirrt. Ich glaube ihm aufs Wort. Er geht zurück zum Auto und lässt mir ein wenig Zeit, damit ich diesen auf meiner internen Festplatte speichern kann, zusätzlich natürlich auch auf meiner externen Speicherkarte, auch wenn es mir nicht gelingen wird, die ganze Faszination auf meinen Fotos festzuhalten, die dieser Platz auf mich ausstrahlt. Das wird aber nicht das letzte Mal auf dieser Reise sein, nur weiß ich das jetzt noch nicht.


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Wir sitzen noch nicht lange in unserem Vehikel und ein großer Sichtungswunsch erfüllt sich. In mehreren Bäumen sitzen Hunderte von Felsensittichen (burrowing parrots). Ich bin vollkommen aus dem Häuschen und überglücklich, dass ich mich nach längerem Überlegen im Vorfeld der Reise entschieden habe, einen zusätzlichen Body mit Teleobjektiv mitzuschleppen. Die kleinen Sittiche sind äußerst scheu, aber es gelingen mir trotzdem ein paar Aufnahmen. Ich könnte den kleinen Rabauken stundenlang zusehen, so witzig finde ich ihr Verhalten. Irgendwann reiße ich mich dann schweren Herzens los, weiß ich doch, wir haben unsere Fahrt gerade erst begonnen - und was höre ich von meinem Guide, als ich in den Wagen steige und mich entschuldige, dass ich ihn wieder länger habe warten lassen, „take your time for your photos“. Warum können nicht alle Guides so sein?


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Hinter dem Ort La Poma, der auf etwa 3.000 Metern Höhe liegt, wird die Straße rauer und enger. Hier beginnt die Auffahrt zum Abra del Acay. Bei der Planung habe ich diesen Streckenabschnitt der Ruta 40 unbedingt berücksichtigen wollen und nicht die zumeist gewählte, fast durchgehend asphaltierte Verbindung zwischen Salta und San Antonio de los Cobres.

Viele Monate im Jahr ist die nun folgende Strecke nicht passierbar. Gleich zu Anfang müssen wir eine kleinere Wasserfurt queren, die zu anderen Jahreszeiten bereits schon hier ein Ende der Passage bedeutet. Immer wieder gibt es einzelne Abschnitte, die gerade breit genug sind für einen Wagen. Auf meiner Seite schaue ich regelmäßig in den ungesicherten Abgrund, aber auch heute fühle ich mich zu keiner Zeit unsicher. Allerdings denke ich bei mir, selbst fahren möchte ich diese Strecke nicht; ständig hoffen, dass einem in den uneinsehbaren Kurven niemand entgegenkommt und wenn doch, wohin sollte man ausweichen? Ich glaube, da wäre der Genuss dieser Strecke wortwörtlich ziemlich auf der Strecke geblieben. So aber kann ich schauen und staunen, während sich der Wagen mit uns langsam, aber stetig in zahlreichen Kurven nach oben windet. Draußen pfeift der Wind immer mehr, je höher wir kommen.

Einige Zeit nach La Poma sehen wir das einzige Haus für lange Zeit. Mein Guide fragt mich, ob ich anhalten möchte. Sehr gerne möchte ich das. Hier lebt eine Frau mit ihrer Mutter, zwei Kindern und zahlreichen Tieren, unter anderem einem Ziegenbaby, das vor einer Woche das Licht der Welt erblickte. In der wenigen Zeit, in denen der Pass befahrbar ist, verdient sie sich ein wenig Geld vom Verkauf einiger Souvenirs hinzu. Das kann wahrlich nicht viel sein. Während der gesamten Fahrt zum Pass begegnen uns eine kleine Motorradgruppe und ein Auto. Ich kaufe der Frau eine von ihr handgefertigte Stoffpuppe ab, ohne auch nur ansatzweise darüber nachzudenken, über den genannten, definitiv nicht exorbitanten Preis zu verhandeln. Das käme mir hier wirklich nicht in den Sinn. Die Puppe will ich später verschenken, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte.

Ich frage sie nach dem Alter ihrer Kinder und wo denn die nächste Schule sei. Sie antwortet mir, dass diese recht weit entfernt wäre. Wir verabschieden uns und fahren weiter, die nächsten Minuten im Auto bin ich schweigsam, diese Begegnung muss ich erst einmal verarbeiten.


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Irgendwann erreichen wir dann den höchsten Punkt für heute. Der Abra del Acay wird mit 4.895 Metern auf einem Schild ausgewiesen. Auch hier sind wir wieder ganz alleine, der eiskalte Wind pfeift unerbittlich. Ich muss beim Aussteigen darauf achten, dass mir die Tür nicht aus den Händen gerissen wird und aus der Befestigung springt.


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Auf der anderen Seite des Passes windet sich die Straße in den bekannten Kehren nach unten und führt später über ein Hochplateau nach San Antonio de los Cobres, wo wir zu Mittag essen wollen. Wir machen eine Mini-Rundfahrt durch diesen Minenort, der recht trostlos auf mich wirkt. Umso farbenfroher ist da ein Mural, das regelrecht danach schreit, fotografiert zu werden. Der Ort ist auf der touristischen Landkarte nicht die große Unbekannte, endet hier am Viaducto La Polvorilla schließlich der Tren a las Nubes. Scheinbar werden die Wolken gern als Namensgeber in den hiesigen touristischen Einrichtungen verwendet, wie auch dort, wo wir ein gutes Mittagessen zu uns nehmen, im Hotel de las Nubes. Direkt vor dem Eingang des Hotels sitzt eine ältere Frau auf dem Boden und bietet einige wenige Dinge zum Verkauf an. Ich bitte meinen Guide in Erfahrung zu bringen, ob man im Hotel mehr weiß zu dieser Frau. Als ich höre, dass sie weiter außerhalb alleine wohnt und jeden Tag mit ihrem kleinen Portfolio in Taschen hierher läuft, in der Hoffnung, etwas zu verkaufen, erstehe ich bei ihr eine der beiden größeren Puppen, die sie im Angebot hat. Es rührt mich sehr, als sie mir daraufhin von Herzen alles Gute wünscht. So werden uns fortan zwei handgearbeitete Stoffpuppen in der rückwärtig angebrachten Tasche meiner Sitzlehne begleiten.

Während wir auf unser Essen warten, gehe ich in den Waschraum und als ich in den Spiegel schaue, bekomme ich einen großen Schrecken. Meine Zähne haben sich verfärbt, ganz besonders merkwürdig sehen meine oberen Schneidezähne aus. In unterschiedlichsten Weißtönen leuchten sie mir entgegen, damit aber nicht genug, sie sind überdies mit noch unnatürlich wirkenden helleren weißen Flecken gesprenkelt. Beschwerden habe ich keine.

Zu meiner Überraschung habe ich in diesem Ort tatsächlich Handyempfang. Ich erreiche meinen Mann, es ist zuhause später Freitagnachmittag. Ohnehin werden wir erst wieder in einigen Tagen telefonieren können. Ich schicke ihm ein Bild meines „entzückenden“ Lächelns und bitte ihn, doch gleich am Montagmorgen meinen Zahnarzt zu kontaktieren.

Pocitos ist ein kleines Wüstenkaff mit wenigen Straßenzügen. Im Planeta Puna machen wir einen kurzen Stopp. Natürlich kennt mein Guide nahezu alle, die hier arbeiten. Es wird ein wenig gescherzt und wir setzen unsere Fahrt fort. Allerdings fahren wir nicht weit, denn mehr oder weniger direkt hinter dem Ort liegt der Salar de Pocitos.

Es ist wirklich erstaunlich, welche Unterschiede es bei den Salzseen im Hochland gibt, von blendend weiß und eben, wie am Salar de Uyuni, bis hin zu ockerfarbenen Salzgebilden, die so groß und uneben sind, dass man nicht darauf laufen kann, wie am Salar de Atacama … und eben alles dazwischen, so wie nun der Salar de Pocitos, dessen Oberfläche in sich schon nicht einheitlich ist. Ich laufe umher, meist jedoch sehr umsichtig, da ich feststelle, dass der Untergrund wesentlich feuchter ist, als es auf den ersten Blick erscheint. Mein Guide hat mich an einer Stelle aussteigen lassen und hält nun in ziemlicher Entfernung. Ich kann mir wieder so viel Zeit lassen, wie ich möchte, ich fotografiere und genieße. Eine unglaubliche Stille liegt über der Salzebene – und eine unglaubliche Atmosphäre. Seit wir heute Morgen in Cachi losgefahren sind, hatte ich kaum Zeit, einmal durchzuatmen. Damit meine ich nicht die ohnehin nicht gerade mit viel Sauerstoff durchtränkte Luft, mit der ich bisher glücklicherweise keine Probleme habe, sondern die Eindrücke, die ständig und in so unterschiedlicher Gestalt auf mich einwirken. Dabei ist das erst der Anfang meiner Reisetage, die ich in der Puna verbringen werde - und das Tagesziel, Tolar Grande, ist noch längst nicht erreicht, aber die Schatten werden schon länger und es ist bereits nach 17:00 Uhr.


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Dann erreichen wir die Labyrinth Wüste. Wieder lässt mich mein Guide mehrmals aussteigen. Ich laufe alleine durch eine Passage auf der Straße, die sich an dieser Stelle direkt durch die bizarren Hügel windet. Nur der kalte Wind pfeift unaufhörlich. Später klettere ich einen Aussichtshügel empor, den mein Guide mir gezeigt hat, denn ausgeschildert ist hier nichts. Ich muss zeitweise aufpassen, dass mich der Wind nicht wegbläst. Diese Gegend, die anderswo wahrscheinlich längst ein überlaufener Nationalpark wäre, ist einfach nur unglaublich und wir haben scheinbar mit meiner Planung den idealen Tageszeitpunkt für den Besuch getroffen. Die langen Schatten, das Licht, was für eine Gegend. Wir befinden uns auf 3.700 Metern Höhe und diese Wüste gehört zu den Kaltwüsten. Temperaturen unter minus 30 Grad sind möglich. Hier sollte man besser nachts nicht unterwegs sein oder eine Panne haben, aber das gilt für die gesamte Puna, in den noch höheren Gebieten umso mehr.


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Vom Aussichtspunkt mit dem so passenden Namen „Desierto del Diablo“ bietet sich ein spektakulärer Panoramablick. Mir fehlen die Worte. Ich hatte bereits zuvor Bilder von diesem Labyrinth gesehen, aber wie das zumeist so ist, man muss es mit eigenen Augen erblickt haben.

Wir sind immer noch fast 40 Kilometer von unserem heutigen Tagesziel entfernt. Seit Pocitos haben wir zwei Fahrzeuge gesehen, davon ein Lkw. Die Temperaturen nehmen spürbar ab und das Tageslicht schwindet auch schon langsam. Ich habe Befürchtungen, dass wir einen Teil der Strecke im Dunkeln zurücklegen müssen. Eigentlich hätten wir uns heute noch die Ojos anschauen wollen, aber das werden wir nicht schaffen. Das Tageslicht verschwindet mehr und mehr, die Landschaft um uns herum strahlt etwas aus, das ich nicht in Worte fassen kann. Im allerletzten Dämmerlicht erreichen wir Tolar Grande. Puh, ist das jetzt schon kalt geworden.

In der einzigen Hostería in Tolar Grande werde ich die nächsten zwei Nächte wohnen. 6 Zimmer gibt es hier, sie sind recht einfach, aber sauber. Ich checke ein und richte mich schnell ein wenig häuslich ein, solange es im Zimmer noch nicht zu kalt geworden ist. Mein Guide wird mich in einer halben Stunde zum Abendessen abholen. Im Ort muss man ziemlich genau wissen, wo man etwas zum Essen bekommt. Einen Laden zum Einkaufen werde ich in den beiden Tagen auch nicht sehen. Sicherlich wird es irgendwo einen geben, aber wenn dieser genauso ausgeschildert ist, wie das Restaurant, nämlich gar nicht, kann es schwierig werden, wenn man hier alleine unterwegs ist und kein Spanisch spricht. Das Restaurant befindet sich in einem Haus, das einem Wohnhaus gleicht. Nirgends ist ein Hinweis darauf, dass man hier etwas zu essen bekommt. In einem Innenraum stehen einige wenige Tische eng beieinander. Wir nehmen direkt unter dem großen Boiler Platz. Bestellt wird direkt in der Küche, zu der keine Tür führt, sondern ein Außenfenster, das geschlossen ist. Man muss anklopfen, dann wird das Fenster geöffnet. Der Raum wurde an die Außenwand eines zuvor bereits vorhandenen Gebäudes angebaut. In der Ecke hängt ein Fernseher, gezeigt wird heute Abend „Zurück in die Zukunft“ in einer nicht erträglichen spanischen Synchronfassung.

Neben den wirklich sehr wenigen Touristen speisen auch Einheimische und Minenarbeiter zu Abend. Jeder, der hereinkommt, wünscht allen einen guten Abend und guten Appetit. Zum Essen gibt es heute Gemüsesuppe, gefolgt von einer Pizza und einem Nachttisch. Ich bin noch gut gesättigt vom Mittagessen, daher verzichte ich auf Vor- und Nachspeise. Die Pizza sieht zwar komplett anders aus als jede Pizza, die ich bisher gesehen habe, aber sie schmeckt gut.

Zurück in der Hostería falle ich müde ins Bett und versuche die vielen Decken irgendwie über mir zu ordnen. Gleichzeitig hoffe ich, dass es heute Nacht nicht zu kalt wird, denn das im Zimmer stehende Heizgerät hat ganz sicher nicht mein Vertrauen und ich möchte es unter allen Umständen vermeiden, dieses anzuwerfen.

Ich denke an den heutigen Tag zurück. Ein Tag, auf den ein Höhepunkt dem nächsten folgte. Mir fehlen bereits jetzt die Worte, um meine Gefühle zu beschreiben und mein Gefühl sagt mir, die nächsten Tage könnten ähnlich verlaufen.
Teil 802. Dez. 2022
Ich teile den folgenden Tag auf, heute gibt es den ersten Teil von Tag 7:


Tag 7 – Tolar Grande
Unerbittliche Puna - von verlassenen Minen, verlassenen Orten und einem Bahnhof im Niemandsland

In der Nacht werde ich mehrmals wach. Die Decken, die mich wärmen sollen, verselbstständigen sich immer wieder. Viele Reisende vermissen deutsches Brot, ich hingegen vermisse nicht das erste Mal eine (!) und auf die jeweilige Temperatur abgestimmte Decke. Meine Nase ist verstopft und ich habe ständig Durst, sodass ich froh bin, drei nachfüllbare Wasserflaschen in meinen Koffer gepackt zu haben. Diese sind im 24/7 Dauereinsatz. Solch eine Trockenheit habe ich bisher noch nicht erlebt.

Beim morgendlichen Blick in den Spiegel stelle ich fest, dass meine Zähne immer noch in unterschiedlichen Weißtönen leuchten, aber die hellweißen Sprenkel sind zumindest verschwunden. Nichtsdestotrotz fühlt sich die Situation ein bisschen merkwürdig für mich an.

Es ist mittlerweile so kalt im Zimmer geworden, dass ich mich nun entgegen meiner ursprünglichen Absicht entschließe, das Heizgerät anzuschließen. Kaum hat das Gerät Verbindung zum Stromnetz, erhellt es mit seinen glühenden Heizstäben den kleinen Raum. Ratternd dreht es sich in der instabilen Halterung von links nach rechts und von rechts nach links. Ich beobachte das Schauspiel sehr misstrauisch, nach einiger Zeit stelle ich keine nennenswerte Erwärmung des Raumes fest und entscheide, besser weiter zu frieren als meiner Versicherung möglicherweise erklären zu müssen, wie ich eine Hostería im fernen Argentinien mit einem Gerät abgefackelt habe, das jedem hiesigen TÜV-Prüfer in Sekundenschnelle eine Frisur bescheren würde, wie Telly Savalas sie trug.

In der Hostería wird kein Frühstück angeboten. Wir könnten heute früh erneut ins Restaurant fahren, in dem wir gestern Abend gegessen haben, aber mein Guide hat sich bereits um alles gekümmert. Er bereitet im kleinen Gemeinschaftsraum ein köstliches Frühstück für uns vor. Ein toller Service!

Im Zimmer neben mir wohnt ein Paar aus der Schweiz, das ebenfalls mit einem Guide der gleichen Agentur unterwegs ist. Heute werden sie eine ähnliche Route wie wir fahren und für längere Zeit die einzigen anderen Menschen sein, die wir sehen werden. Beide kommen jedoch nicht in den Genuss eines privaten Frühstückes, wie ich es von meinem Guide serviert bekomme.

Kurz vor halb Neun sitzen wir beide wieder im Fahrzeug. Direkt hinter Tolar Grande gibt es auch ein Labyrinth, nur wesentlich kleiner als das, das wir gestern im schönsten Abendlicht besucht haben. Wir queren den Salar de Arizaro, den drittgrößten Salzsee in den Anden. Im Morgenlicht strahlt der Salzsee in einem lehmigen Rotbraun. Ein Schild mit dem Namen des Sees hätte man nicht besser wählen können, bedeutet der Name Arizaro aus dem Indigenen in etwa frei übersetzt: Der Ort, an dem jeder dem Tod geweiht ist. Nun gut, ich hoffe, dass das nicht für eine deutsche Touristen zutrifft und sie sich einfach nur an dem Schild mit pittoresker Dekoration erfreuen darf.


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Die umliegenden Berghänge der Ebene auf über 3.500 Metern leuchten in einer Palette aus Rot- und Erdtönen vor dunkelblauem Himmel. Nachdem wir die ebene Piste hinter uns gelassen haben, steigt die Straße stetig an. Am Straßenrand und manchmal auch auf der Straße stehen scheue und grazile Vikuñas, die zumeist fluchtartig das Weite suchen, sobald wir uns mit dem Wagen nähern.


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Zwischen Caipe, das wir am Nachmittag noch besichtigen wollen, und der Mina Casualidad weist die Fahrbahn eine Asphaltdecke auf. Diese ist aber teilweise dermaßen löcherig und beschädigt, dass ich regelmäßig durchgeschüttelt werde, besonders breit ist sie ebenfalls nicht und führt, wie ich es mittlerweile gewöhnt bin, entlang der Berghänge an ungesicherten Abhängen entlang. Wir machen kurze Fotostopps, damit ich die unterhalb liegenden Salzseen fotografieren kann. Hier gibt es einige Minen, so wie ich sie auch schon bereits gestern in der Ferne habe sehen können. Gefördert wird in der Puna hauptsächlich Borax, Gold, Sulfur und Lithium, nachdem wir alle so sehr dursten. Nicht sonderlich überraschend für mich, erfahre ich, dass sich etwa 80 % der Minen in chinesischer Hand befinden. Bei den verbleibenden 20 % hat Kanada keinen unwesentlichen Anteil. Ebenso wenig überraschend für mich ist, als mein Guide mir sagt, dass die hier lebenden Menschen kaum von der Gewinnung der wertvollen Bodenschätze profitieren. Während der Hochzeit der Coronapandemie, die auch hier das Tourismusgeschäft zum Erliegen brachte, arbeitete er in einer Mine auf über 4.000 Metern Höhe, die er mir nun in der Ferne zeigt.


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Wir können nicht zu viele und zu lange Stopps einlegen, denn unser Ziel heißt Mina Julía. Diese verlassene Mine auf mehr als 5.200 Metern ist nur wenige Zeit im Jahr zugänglich, zudem herrscht oftmals ein unerbittlicher Wind, um nicht zu sagen Sturm, dass man selbst in dem möglichen Zeitraum einer Anfahrt, in vielen Fällen wieder umkehren muss. Je später am Tag man vor Ort ist, umso geringer ist die Chance, dass man es bis ganz nach oben zur Mine schafft.

So lassen wir auch die Mina Casualidad erst einmal links liegen, hier endet auch der Asphaltbelag. Ich würde sagen, auch die Straße, denn nun folgen wir einer Piste, die zeitweise nicht mehr als solche zu erkennen ist. Wir befinden uns bereits auf 4.300 Metern Höhe und es geht immer weiter hinauf. Nun wieder auf einer Schotterpiste fahren wir eine Zeitlang über eine Hochebene und die Ausblicke auf die umliegenden Vulkane sind gigantisch. Ich sehe den Llullailco mit seinen 6.739 Metern, auf dessen Gipfel die drei Kindermumien gefunden wurden und den Socompa mit 6.051 Metern, immerhin mehr als doppelt so hoch wie der höchste Berg Deutschlands.


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Vor uns liegt eine Ebene, gesprenkelt mit roten Steinen, dahinter leuchten Berge in rötlichen Tönen und einer – ich kann es kaum fassen – verfügt über gelbe und leicht grünliche Töne, wie passend dazu ist sein Name, Cerro Estrella. Nachdem wir die Ausläufer des Sternenbergs erreicht haben, müssen wir zweimal umkehren und eine andere Zufahrt suchen, da uns beide Male Büßerschneefelder, die im Spanischen Los Penitentes heißen, den Weg versperren. Aber mein Guide findet einen Weg und wir fahren zielgerichtet auf Pisten bis unterhalb des Gipfels. Nahezu zeitgleich erreicht das Schweizer Paar mit seinem Guide mit uns das Ziel. Sie müssen einen anderen Weg gewählt haben. Ich bin sogar ein wenig froh darüber, dass wir hier an diesem gottverlassenen, lebensfeindlichen und gleichzeitig so unbeschreiblich schönen, grandiosen Ort nicht alleine mit einem Fahrzeug unterwegs sind. Wir haben unglaubliches Glück, dass uns heute die Zufahrt möglich war, das ist alles andere als selbstverständlich und eher wohl die Ausnahme als Normalität.

Hier stehe ich nun und blicke auf den Cerro Estrella. Ich drehe mich nach links und schaue nach Chile. Diese Farbenexplosionen in dieser Kargheit, diese so unwirkliche und einsame Landschaft, ich bin fassungslos. Das kann man nicht auf Fotos festhalten. Mir laufen Tränen die Wange hinunter und daran trägt nicht nur der eiskalte, unerbittliche Wind seinen Anteil. In der Ferne sehe ich wie aus dem Stratovulkan El Lastarria (5.697 m), der auch unter dem passenden Namen Azufre mit seinem gelb getupferten Krater bekannt ist, eine kleine Eruption erfolgt. Gigantisch, phantastisch … wäre nur nicht der stürmische und eiskalte Wind, der es kaum ermöglicht, hier länger zu verweilen.


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Einige Meter weiter unten, wo die beiden Guides mit den Wagen warten und der eiskalte Wind nicht ganz so unerbittlich bläst, stehen die Ruinen einstiger Gebäude, ebenso die Reste der Seilbahn, die von hier oben talwärts, aber immer noch auf über 4.000 Metern, den Sulfur zur Mina Casualidad transportierte. Es ist für mich kaum vorstellbar, dass hier seinerzeit hunderte Menschen arbeiteten und lebten, um das auf mich so surreal wirkende gelbe Material am Sternenberg zu gewinnen. In über 5.200 Metern Höhe bei eiskaltem Wind und solch sauerstoffarmer Luft, die jeden Schritt um ein Vielfaches mühevoller gestaltet, bin ich gerade hier, eingepackt wie im Winter zuhause, mir dessen bewusst, dass wir einen blendend schönen Tag erwischt haben und kann mir noch nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie man hier arbeiten und leben konnte. Zurück blieben nur noch die steinernen und eisernen Reste, die so unwirklich an diesem ohnehin schon unwirklichen Ort wirken.


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Der andere Wagen ist bereits vor einer Weile losgefahren. Ich kann mich kaum losreißen, nach vielen Fotos und dem Versuch, möglichst viel dieser Szenerie auf meine interne Festplatte zu bannen, um sie für immer in meinem Gedächtnis zu behalten, setzen auch wir für die Rückfahrt an. Wie bereits auf der Hinfahrt, verzücken mich die Büßerschneeformationen jedes Mal aufs Neue; aber nicht nur die, sondern auch die ganze surreale Farbenwelt um mich herum.


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Teil 903. Dez. 2022
Ich glaube, ich bin im Höhenrausch.
 

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In der Mina Casualidad befand sich das Ende der Seilbahn, die den am Cerro Estrella gewonnenen Sulfur transportierte. Hier wurde das wertvolle Gelb in Lastwagen geladen und nach Caipe gebracht, wo die Fahrt mit der Bahn Richtung Iquiques Überseehafen fortgesetzt wurde. Bereits schon auf der Hinfahrt konnte ich von oberhalb einen Blick auf Mina Casualidad werfen – wieder ein einziger surrealer Anblick, ein Geisterort inmitten der karg-schönen Umgebung. Die Sulfurmine begann ihre Arbeit im gleichen Jahr, in dem Juan Domingo Perón seine erste Amtszeit als Präsident antrat. Auf dem Kalenderblatt stand die Jahreszahl 1946. 33 Jahre später wurde Mina Casualidad während der Militärdiktatur mangels Wirtschaftlichkeit geschlossen. Zeitweise lebten mehr als 3.000 Menschen an diesem Ort auf etwa 4.200 Metern Höhe.
 
Mein Guide macht mit mir eine kleine Rundfahrt und lässt mich bei den Resten der Verarbeitungsanlagen aussteigen. Mutterseelenallein streife ich durch diesen faszinierenden Geisterort. Wo sonst gibt es noch diese Möglichkeit? Fernab jeder touristischen Selfie-Inszenierungen. Mein Höhenrausch findet kein Ende. Nach unzähligen Bildern erklimme ich den letzten kleinen Hügel zur Kirche. Bergauf muss ich einige Stopps einlegen, die Höhe macht sich bemerkbar. Während mein Fotoapparat im Dauereinsatz war und zum Glück keinen Sauerstoff zum Atem benötigt, haben beide Guides in der Kirche das Mittagessen aufgebaut. 


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Soweit ich sehen kann, ist die Kirche das einzige Gebäude an diesem interessanten Ort, das noch über ein einigermaßen intaktes Dach verfügt. Das Schweizer Paar hat sein Mahl bereits beendet, als ich die Kirche betrete. Ich lasse mir das Essen schmecken, das mein Guide aufgetischt hat. Die Menge würde auch eine größere Gruppe sättigen. Die beiden Schweizer sind derweil im Ort unterwegs und mein Blick fällt auf ein Plakat an der Seitenwand. Ich bekomme den Text nicht komplett übersetzt und frage den anderen Guide, was der letzte Satz genau bedeutet. Er antwortet trocken: „Do not eat inside“. Ich breche in schallendes Gelächter aus. Noch heute muss ich schmunzeln, während ich diese Zeilen schreibe. Danach erfahre ich, was tatsächlich darauf steht. Kurz zusammengefasst und etwa das, was ich bereits auch verstanden hatte, das man das Haus Gottes ehren möge und diverse Verhaltensregeln, aber nichts davon, dass man nicht im Inneren essen soll.
 
Mein Guide möchte nicht, dass ich ihm helfe, alles einzupacken. Stattdessen schickt er mich noch einmal los, um weitere Fotos zu machen. 
 
Wir verlassen die Mina Casualidad, natürlich aber nicht, ohne etwas weiter außerhalb den Friedhof anzuschauen. Ein Besuch dieses Ortes lässt mich nur erahnen, dass auch das Leben in diesem Minenort trotz einiger Annehmlichkeiten alles andere als ein Zuckerschlecken gewesen sein muss. Davon zeugen auch verhältnismäßig viele Gräber von Kindern. Ein wenig traurig steige ich in den Wagen, vor uns liegt heute noch ein weiterer Stopp, in Caipe.
 

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Während der Fahrt teste ich im Spiegel der Sonnenblende mein Lächeln und siehe da, die weißen Sprenkel sind wieder da. Mein Guide sagt mir, dass er dies noch nie zuvor bei einem Gast gesehen hätte. Für mich ist es auch ein Novum, aber ich habe keinerlei Schmerzen, überhaupt geht es mir insgesamt richtig gut. Der Höhenrausch mit Glücksgefühlen ohne Ende hat mich vollkommen eingenommen. Ein Rausch ohne Zufuhr irgendwelcher Mittelchen, wie wunderbar, ich könnte nur literweise Wasser trinken. 
 
Wir fahren die gleiche Strecke wie am Morgen zurück und sehen dann auch irgendwann Caipe linker Hand oberhalb am Berg liegen. Caipe ist ein ebenfalls verlassener Ort mit nur wenigen Gebäuden und tatsächlich einigen Bäumen, nun gut, eher Sträuchern, aber dass diese hier überhaupt wachsen, finde ich beachtlich. Fotogen sind die verfallenen Gebäude und das Beachtliche an Caipe ist, dass dieser Ort über einen Bahnhof verfügt. Nach wie vor werden über diesen Bahnhof die von den umliegenden Minen geförderten Bodenschätze zu chilenischen Überseehäfen transportiert. Personenzüge fahren hier schon lange nicht mehr. In einem der Gebäude zeigt mein Guide mir eine Transportliste aus den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ich finde es spannend, dass diese Liste herumliegt und sie tatsächlich nicht mitgenommen wird. Wer weiß, wie sich das alles mit einer möglichen Zunahme des Tourismus ändern könnte.
 

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Mein Guide ist unglaublich geduldig und drängt mich nicht. Es ist für ihn überhaupt kein Problem, dass wir scheinbar immer die Letzten sind, die abends die Unterkunft erreichen. So wohl auch heute. Es ist fast schon 19:00 Uhr. Eine Stunde später sitzen wir wieder im bekannten Restaurant. Noch sind wir die Ersten, später wird jeder Sitzplatz belegt sein. Heute gibt es Gemüsesuppe als Vorspeise und einen Hähnchenschenkel mit geschälten Kartoffeln zur Hauptspeise. Das finde ich klasse, so muss ich die Kartoffeln nicht aus der Haut pellen. Mir schmeckt Kartoffelhaut gar nicht. Auf den Nachtisch verzichte ich auch heute, ich habe definitiv wieder zu viel gegessen. Das Rahmenprogramm flimmert in Form irgendeiner argentinischen Soap über den in der Ecke hängenden Bildschirm.
 
Was war das wieder für ein Tag. Voll von Eindrücken und noch immer im Höhenrausch gehe ich zu Bett und frage mich, wie die folgenden Tage wohl werden, aber ein wenig ahne ich es schon.
 
Teil 1004. Dez. 2022
Tag 8 werde ich aufteilen, hier gibt es jetzt dazu den ersten Teil:

Tag 8 – Tolar Grande – El Peñón
Karge Puna, vielfarbige Puna - oder doch ein Gemälde?


Über Nacht sind die weißen Flecken auf meinen Zähnen wieder verschwunden, nichtsdestotrotz leuchten sie aber nach wie vor in unterschiedlichem Weiß.

Auch heute Morgen gibt es in der Hostería für mich ein privates Frühstück, gezaubert von meinem Guide. Gestern ist mit lautem Getöse eine kleine Gruppe Schweizer Touristen angereist. Die scheinen nun die anderen vier Zimmer in der Hostería zu belegen. Sie haben bereits gefrühstückt. Es wäre nur schön gewesen, wenn sie ihre Krümel auf den Tischen beseitigt und diese auch hätten abwischen können. Ich murre etwas wegen dieses Verhaltens. Wenigstens sind die Tassen gespült.

Für unseren ersten heutigen Programmpunkt müssen wir nicht weit fahren. Einige wenige Kilometer außerhalb von Tolar Grande liegen die Ojos del Mar. Eigentlich wollten wir uns diese bereits an einem der beiden vergangenen Tage anschauen, aber uns fehlte die Zeit. Als wir ankommen, sind wir die einzigen Besucher und aus Richtung Tolar Grande nähert sich ein Mann, es ist der Guard der Ojos. Der Eintritt ist kostenlos, aber ich werde ihm beim Verlassen ein kleines Trinkgeld in die Hand drücken. Für mich bedeutet es nicht automatisch, weil man diesen Ort kostenfrei besuchen kann, dass man dem hier arbeitenden Wächter nicht auch einen kleinen Tipp zukommen lassen kann. Er wacht über diesen schönen Ort und hat ein Auge darauf, dass dieser Platz so bleibt, wie die Natur ihn geschaffen hat.

Drei große Pools haben sich in der Salzebene gebildet. Sie schimmern in Blau, Grün und Türkis. Ein wenig erinnern sie mich an Pools im Yellowstone und im Wai-o-Tapu, nur dass die Ojos keine vulkanische Aktivität aufweisen, obwohl genau genommen ist die ganze Gegend vulkanischen Ursprungs. Der Guard achtet peinlichst darauf, wohin ich gehe und dass ich nicht zu nahe an die Pools herantrete. Das begrüße ich, denn Hineinfallen möchte ich ungern. Ich frage ihn, wie tief die Pools sind und so erfahre ich, dass einer 8 Meter tief ist, der zweite 6 Meter und der dritte Pool 2 Meter.

Bevor wir unsere Fahrt fortsetzen, müssen wir meine Schuhe vom Salz befreien. Es ist kaum zu glauben, wie viel Salz ich eingesammelt habe und wie fest es an Sohle und Material klebt, so kommt man ungewollt an Plateausohlen. Aber auch für diese Lebenslage hat mein Guide Vorsorge getroffen, er hat Bürsten im Auto.


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Nachdem wir gestern „den Ort, an dem jeder dem Tod geweiht ist“ von Osten nach Westen gequert haben, biegen wir heute auf die Salzpiste Richtung Süden ab. 70 Kilometer beträgt die Nord-Süd-Ausdehnung des Salar de Arizaro. Etwa 90 Minuten fahren wir bis zu dem Highlight, das ich zuvor schon auf Bildern gesehen habe, den Cono de Arita. Mit einer fast perfekten Form erhebt sich der Vulkan 70 Meter hoch aus der ebenen, gräulichen Salzpfanne. Alle Maße an diesem Ort scheinen mit der Zahl 70 in Verbindung zu stehen. Es ist äußerst mühsam, auf dem Salzsee zu laufen, besonders weit komme ich nicht, aber das ist mir auch nicht wichtig.


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Wir verlassen den Salzsee und fahren mal auf etwas breiteren Pisten, mal auf einspurigen Pisten, dann auf Tracks und manchmal ist kaum eine Fahrspur zu erkennen. Immer wieder gibt es Abzweigungen, allen gemeinsam ist, dass keine beschildert ist. Teilweise sind die Tracks sehr übel und nur mit 4 x 4 zu passieren, über Stunden werde ich durchgeschüttelt, zum Glück habe ich keine Bandscheibenprobleme. All diese Mühe wird mit einer atemberaubenden Szenerie um mich herum belohnt. Ständig wechseln die Ausblicke, es ist unbeschreiblich, was vulkanische Aktivität hier geschaffen hat. Immer wieder staune ich über diese Landschaft, die eher vermuten lässt, der Palette eines Malers entsprungen zu sein, als dass sie tatsächlich Realität ist. Wir passieren den Volcán Antofalla, selbstredend auch ein 6.000er, genau genommen finde ich Höhenangaben von 6.409 Metern. Dieser Vulkan ist wohl besonders gut zu sehen, wenn man die Strecke von Nord nach Süd fährt. Und dann stehen wir oberhalb des Salar de Antofalla, vor mir liegen unglaubliche Ausblicke.


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Wir fahren hinunter zum Salar. Unser Ziel ist der kleine Weiler Antofalla, wo wir zu Mittag essen werden. Seitdem wir am Morgen Tolar Grande verlassen haben, habe ich kein anderes Fahrzeug gesehen, geschweige denn irgendeine Form menschlicher Ansiedlung, einzig an eine Goldmine in der Nähe des Salar des Arizaros kann ich mich erinnern. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn man sich hier für eine falsche der unzähligen Abzweigungen entscheidet und/oder eine Panne hat, wir befinden uns größtenteils auf über 4.000 Metern Höhe. Schlimmstenfalls ist Niemand über den Aufenthaltsort unterrichtet, man hat kein entsprechendes Kommunikationsgerät an Bord, weitab vom Mobilfunknetz befindet man sich ohnehin und fehlende Spanischkenntnisse könnten zu einer zusätzlichen Hürde werden. Ich denke darüber nach, wen ruft man an, falls man als Individualtourist mit nur einem Wagen unterwegs ist und zumindest ein Satellitentelefon mit sich führt? Den argentinischen Automobilclub? In welcher Sprache kommuniziert man, wenn man nicht gut genug Spanisch spricht? Allerspätestens auf dieser heutigen Etappe weiß ich, dass diese Strecke definitiv nichts für uns wäre, um sie alleine als Selbstfahrer zu bereisen. Vielleicht ändert sich meine Einstellung dazu in einigen Jahren, wenn die Strecken mehr frequentiert sein sollten, nur im Hier und Jetzt weiß ich, wie meine Entscheidung ausfällt.

Unten am Rande des Salzsees liegt auf 3.495 Metern der Weiler Antofalla. Mein Guide erzählt mir, dass die Menschen in Antofalla seit einiger Zeit nun zumindest stundenweise Strom haben. Indem die Guides mit ihren Gästen hier regelmäßig bei Einheimischen zum Essen einkehren, unterstützt die Agentur die hier lebenden Menschen. Aber auch darüber hinaus wird von der Agentur das eine oder andere vor Ort unterstützt, wie ich von meinem Guide erfahre. Man könnte meinen, jedes Drehbuch hätte es nicht besser planen können. Gerade als wir mit unserem Wagen halten, laufen zwei Mädchen vorbei. Ich bitte meinen Guide, er möge sie doch bitte zurückrufen, während ich die hintere Wagentür öffne und die beiden Puppen heraushole. Wo sonst hätte ich die beiden Stoffmädchen besser verschenken können als hier? Mein Guide kennt die Familie gut, bei der wir essen und er erzählt mir, dass ein weibliches Mitglied der Familie in Salta Geologie studiert hat. Mein Respekt für diese Leistung ist immens, vom kleinen Weiler Antofalla zu einem Universitätsabschluss.

Bereits im Vorraum hatte ich mehrere der Kränze mit Papierblumen gesehen, auch hier im Wohn-Küchen-Bereich hängen diese Kunstwerke. Ich frage die Dame, die uns so wunderbar mit Hähnchen und Reis bekocht hat, ob sie diese selbst macht und wie lange sie dafür benötigt. Ich erfahre, dass sie diese gefertigt hat für den Dia Todos los Santos, Allerheiligen. In zwei Tagen wird überall im Land der Verstorbenen gedacht und die Gräber auf den Friedhöfen im Hochland werden mit bunten Papierblumen geschmückt sein.


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Wir verlassen den kleinen, so einsam gelegenen Weiler Antofalla über den gleichnamigen Salzsee. Auf der anderen Seite geht es wieder bergauf. Auch von dieser Seite bieten sich spektakuläre Panoramablicke. Ich habe tatsächlich das Gefühl, die Umgebung ist gemalt und so fühlen sich für mich auch meine Fotos an. Irgendwie unwirklich, wie nicht von dieser Welt.


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Teil 1110. Dez. 2022
... dann will ich mal Tag 8 zu Ende bringen ...



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Mit 4.635 Metern erreichen wir den höchsten Punkt unserer heutigen Etappe. Ein Blick in den Spiegel verrät mir, dass sich die weißen Flecken auf meinen Zähnen auch heute wieder eingefunden haben.

Die Fahrt nach Antofagasta de la Sierra führt wieder durch eine neue Landschaftsszenerie. Einige Zeit fahren wir auf einer Strecke, links und rechts flankiert von Hügeln, die mit Paja Brava, dem gelbem Pampagras, bewachsen sind.


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Dann erreichen wir die Vega de Antofalla. Hier grasen Lamas, ich steige aus und mache Fotos. Wir passieren mehrere dieser wunderbaren Vegas und der Name einer Vega, Vega Colorada, könnte stellvertretend für alle anderen stehen. Aber nicht nur Lamas sind zu sehen, Kondore schweben am Himmel, sind aber zu weit entfernt, als dass ich sie fotografieren könnte, Vikuñjas natürlich, Graukehl-Höhenläufer (Agachona de Collar) stehen für ein Fotoshooting bereit und auch ein Fuchs lässt sich blicken.



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In den folgenden Stunden kann man fast schon von einer Rush-Hour sprechen, ganze drei Autos begegnen uns, zwei gehören zu einer Mine und ein Transporter, der große Wasserkanister geladen hat.

Die Strecke zwischen Antofagasta de la Sierra und El Peñón wurde vor einiger Zeit mit einer Asphaltdecke beglückt. Das muss nach der Drucklegung meines Atlasses passiert sein und ich bin froh, die letzte Stunde unserer heutigen Fahrtstrecke nicht mehr durchgeschüttelt zu werden. Die Gegend hier ist wieder komplett anders, als alles, was ich bisher in der Puna zu Gesicht bekommen habe. Unzählige dunkle Vulkankegel finden sich entlang der verbleibenden Strecke.


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Am sehr späten Nachmittag erreichen wir El Peñón, wo ich für drei Nächte in der Hostería (La Altura) El Peñon übernachten werde. Diese ist nicht ganz so einfach wie die Hostería in Tolar Grande und verfügt über 8 Zimmer.

Später sitze ich im Aufenthaltsraum und warte auf das Abendessen, dass hier erst um 20:30 Uhr serviert wird, als mich ein Herr anspricht und fragt, ob ich Englisch spräche. Mir fällt das beinahe nicht auf, seit Tagen spreche ich kaum noch etwas anderes, es sei denn, ich spreche mit mir selbst oder wechsle einige Worte mit meinen Schweizer Zimmernachbarn in Tolar Grande. Selbst beim letzten Telefonat mit meinem Mann begann ich die ersten Sätze auf Englisch, bis er mir dann sagte, ich könne mit ihm auch auf Deutsch sprechen. Dabei hatte ich im Vorfeld Sorge, wie es sein würde, zwei Wochen kaum in meiner Muttersprache sprechen zu können. Diese Sorge war auf jeden Fall völlig unbegründet.

Es stellt sich heraus, dass der Herr, der mich angesprochen hat, gemeinsam mit seiner Frau ebenfalls eine Privattour macht und beide aus England kommen, seine Frau sich jedoch aufgrund der Höhe ausgesprochen unwohl fühlt und daher auf dem Zimmer bleibt. Wir unterhalten uns ein wenig und er fragt mich nach einer Weile, ob wir gemeinsam zu Abend essen wollen. So sitzen wir beide nicht alleine und setzen unsere sehr nette Unterhaltung fort.

Bevor ich einschlafe, denke ich noch einmal an den heutigen Tag zurück. Hinter mir liegt eine einzige Panoramafahrt mit ständig wechselnden, spektakulären Puna-Landschaften, wunderbaren Begegnungen mit Menschen in Antofalla und ein wenig Wildlife als i-Tüpfelchen.
Teil 1227. Dez. 2022
Der hier bereits gepostete Tag 8 sowie auch (!) der nun folgende Tag 9 sind seit kurzem auf meiner Seite online.


Tag 9 – El Peñón
Vulkanische Puna, archäologische Puna, tierreiche Puna oder kurz gesagt: Ich bin im Safari-Himmel

Das Frühstück nehme ich wieder zusammen mit dem Herrn aus England ein. Seiner Frau geht es weiterhin nicht gut und sie wird heute in der Unterkunft bleiben. El Peñón liegt auf etwa 3.500 Metern und ist in der Puna damit fast schon als gemäßigt zu bezeichnen, aber dennoch hoch genug gelegen, um unter Soroche zu leiden. Zum Glück geht es mir nach wie vor gut, nur die Trockenheit macht mir ein wenig zu schaffen, ständig behalte ich meine sich in Windeseile leerenden Wasservorräte im Auge - und natürlich meine Zähne mit den immer wiederkehrenden Flecken, die dann über Nacht wundersamerweise wieder verschwinden.

Kurz nach 08:00 Uhr sitzen mein Guide und ich bereits im Pickup. Auf der geteerten Straße fahren wir bis Antofagasta de la Sierra, wo nicht nur der Asphalt endet, sondern wo wir auch bis zum Abend die letzten Spuren menschlicher Ansiedlung hinter uns lassen werden. Wir biegen Richtung Osten ab und legen unseren ersten Stopp am Campo las Tobas ein. Die archäologische Sehenswürdigkeit in Form von 10.000 Jahre alten Petroglyphen ist mir ebenfalls bisher nicht bekannt gewesen.


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Unweit vom Campo las Tobas liegt der Canyon de Membrita. Ich laufe alleine los. Von einem ungesicherten Felsvorsprung schaue ich in die Tiefe auf eine Vega. Das lebensspendende Blau des Wassers, das für das Gelb und Grün an seinen Ufern verantwortlich zeichnet, liefert einen interessanten Kontrast zum Rot und Grau der Umgebung. Ich stelle mir vor, wie es wäre, hier einen Puma zu sehen, aber die Wahrscheinlichkeit einen Sechser im Lotto zu erzielen, liegt möglicherweise höher als solch eine Sichtung. Schade, mit dieser Sichtung wäre mir die Entscheidung für den Titel meines Reiseberichtes leicht gefallen, Puma in der Puna. Nun gut, man kann nicht alles haben. Lange kann ich diesem Gedankengang nicht nachhängen, denn meine Einsamkeit hat ein Ende, als drei Männer mit ihrem Guide vorfahren und sich nähern. Wie üblich, werde ich von allen freundlich gegrüßt und einer fragt mich, woher ich käme. Nachdem ich die Frage beantwortet habe, mache ich geschwind ein paar Fotos, unter anderem eines mit unserem Wagen im Matchbox-Format auf Felsen.


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Mein Guide und ich unterhalten uns über die mir so witzig erscheinenden gleichlautenden Doppelnamen. Während des Gespräches lerne ich einen neuen dieser Namen kennen, Muña Muña. Es handelt sich um eine Pflanze, die in den hohen Regionen der Anden wächst und unter Einheimischen als natürliches Viagra bekannt ist.

Die Landschaft, durch die wir nun fahren, ist einmal mehr wieder komplett anders als alles, was ich in den vergangenen Tagen gesehen habe, aber nicht minder schön und ebenso einsam. Die Puna erstaunt mich ständig aufs Neue, es ist kaum zu glauben, dass es in der Kargheit solch eine Vielfalt von Formen und Farben geben kann. Keine Minute ist mir langweilig, ständig prasseln neue Eindrücke auf mich herab. Ich merke, wie sich meine interne Speicherkarte mehr und mehr füllt. Das ist auch gut so, denn die Speicherkarte meines Fotoapparates kann diese Landschaften nur begrenzt erfassen.


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Dann stehen wir vor dem Eingang des Cañón de Real Grande, die 4.000 Meter Marke haben wir schon längst ein weiteres Mal überschritten. Hier am Beginn des Canyons steht ein Schild, das darauf hinweist, dass dieser Abschnitt nur mit 4 x 4 zu befahren ist. Nun gut, jeder, der es bis hierher geschafft hat, wird sicherlich nicht ohne auf der ihm hinter liegenden Strecke ausgekommen sein.

Etwa 15 Minuten dauert die Fahrt auf recht rauer und zuweilen so enger Piste, dass nur wenige Zentimeter zwischen Fahrzeug und Felswänden liegen.

Die Piste, die nun folgt, hat den Namen nur zeitweise verdient, denn des Öfteren ist sie nicht existent. Nach meiner Einschätzung ist dies der bisher anspruchsvollste Streckenabschnitt, den wir auf meiner Tour durch die Puna fahren. Dafür ist die Landschaft um mich herum einmal mehr atemberaubend, sogar Büßerschneeformationen in Bonsaigröße finden sich zu meiner Freude am Wegesrand. Wie kalt es hier werden kann, zeigt sich auch am Eis auf den Bachläufen.


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Nach langer, aber spektakulärer Fahrt durch Landschaften, die mir keine Minute des Durchatmens gönnen, was in Anbetracht des spärlichen Sauerstoffes in dieser Höhe beinahe doppelt anstrengend klingen mag, stehen wir am Mirador auf 5.140 Metern am Kraterrand des Vulkans Galán und schauen hinunter auf die Laguna Diamante, die im südwestlichen Bereich der Caldera liegt. Obwohl dieser Vulkan eine der größten Calderas mit einem Durchmesser von mehr als 40 Kilometern umfasst, gehört er eher zu den unbekannten, heißblütigen Repräsentanten seiner Art auf unserem Planeten. Dieser gigantische Krater entstand bei einer Supereruption vor mehr als 2 Millionen Jahren, wurde aber tatsächlich erst durch Satellitenaufnahmen entdeckt.


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Wir fahren hinunter zur Lagune. Es bläst ein eisiger Wind. Auf einem etwas erhöhten Aussichtspunkt halte ich ein paar Meter Abstand zum Abgrund, da der Wind hier nicht nur eisig, sondern mit solcher Kraft an mir zerrt, dass ich Probleme habe, nicht den Halt zu verlieren. Lange halte ich es daher hier oben nicht aus und flüchte mich ins Auto, in dem ich mich fast ein wenig wie auf einem Boot fühle, so sehr schwankt es. Recht nahe an der Wasserkante ist es nicht mehr ganz so stürmisch.

Für mich und meine Kamera gibt es kein Halten mehr, so sehr nimmt mich die Szenerie gefangen. Irgendwann trenne ich mich aber auch von diesem Ort. Vor uns liegen weitere Programmpunkte und auch dieser Tag ist endlich. Die Straßenverhältnisse im Krater sind auch nicht die allerbesten, um es vorsichtig zu formulieren.


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Zu meiner Überraschung gibt es hier sogar ein kleines Areal mit Fumarolen, nichts Spektakuläres, wenn man bereits andere ähnliche Gebiete oder Geysire gesehen hat, aber auf alle Fälle lohnenswert für einen kurzen Stopp, wenn man ohnehin gerade in dieser Gegend unterwegs ist. Mein Guide wartet wieder im Auto, während ich einige Fotos von den Fumarolen mache. Hier begegne ich wieder den Männern vom Membrita Canyon. In fließendem Englisch fragt mich einer der Männer tatsächlich, ob ich für ein Naturmagazin oder eine Universität arbeite. Ich bin völlig erstaunt, als er mich dies fragt und wundere mich, wie er darauf kommt. Möglicherweise, so meine Annahme, weil es eher ungewöhnlich ist, ausländische Touristen hier anzutreffen und dann noch eine allein reisende Frau mit Guide. Nein, ist meine Antwort, ich bin nur eine Touristin, die bereits schon einige Male in Argentinien war und immer wieder gerne durch dieses schöne Land reist. Jetzt ist es an ihm, völlig erstaunt zu sein. Im Nachhinein frage ich mich, was er wohl dachte, als ich ihm meine Antwort mit unterschiedlich weißen, dafür aber mit obendrein hellweiß gesprenkelten Zähnen entgegnet habe. Zumindest hat er sich nichts anmerken lassen. Wir unterhalten uns kurz, er erzählt mir, dass er Argentinier sei, aber in Europa lebt und arbeitet. Das war eine sehr nette Begegnung und auch die einzige, seitdem wir das Asphaltband hinter uns gelassen haben.

Wir verlassen den Krater mit seinen gigantischen Ausmaßen und halten nur kurz an einem Aussichtspunkt, der mich auf eine weitere kleinere Lagune blicken lässt, bevor wir unsere Fahrt zur Laguna Grande fortsetzen.

Die Szenerie, die die Laguna Grande umgibt, ist wunderschön. Wir suchen uns oberhalb der Lagune einen Platz, wo wir unser verspätetes Mittagessen mit spektakulärem Blick auf die Lagune einnehmen. Leider ist es so windig, dass wir unser Sandwich im Auto essen müssen, aber mit was für einem Ausblick werde ich belohnt. Hinter dem Wagen befinden sich Felsformationen, die mich an Hoodoos in Nordamerika erinnern und wenn ich mich nach links drehe, schaue ich auf eine weitere kleinere Lagune, die eine gänzlich andere Farbe aufweist.


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In der Laguna Grande tummeln sich unzählige James Flamingos. Im Winter friert alles zu, aber sobald der Frühling erwacht, finden sich die rosa-weiß gefiederten Vögelchen ein. Die Lagune auf 4.150 Metern Höhe ist eine ihrer größten Sammelpunkte in den Anden. Zeitweise beherbergt die Lagune sogar 25 % der gesamten Population des James Flamingos. Ich habe bereits einige Lagunen in den Anden besucht und immer wieder Flamingos gesehen, aber noch nie in dieser Anzahl, und ich bin mir zudem nicht sicher, ob ich zuvor schon einmal James Flamingos gesehen habe.

Ich kann mich nicht satt sehen und mein Fotoapparat muss im Akkord arbeiten; ich bekomme in der Puna keine Atempause, warum sollte er.

Gerade, als wir die Lagune verlassen wollen, sammelt sich eine größere Gruppe und vollzieht einen Tanz, wie ich in bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Die Gruppe stolziert gemeinsam nach rechts, dreht sich dann geschlossen um und stolziert nach links, um anschließend das gleiche Ritual ein weiteres Mal zu vollziehen. Dieses Schauspiel wiederholt sich mehrmals. Es ist einfach nur faszinierend und ich kann es mit eigenen Augen sehen. Ich bin nicht in Afrika, ich bin in der Puna und dennoch bin ich im Safari-Himmel, jetzt und hier.


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Langsam wird es zur Gewohnheit, das Abendessen nehme ich wieder gemeinsam mit dem Herrn aus England ein und wieder führen wir sehr angenehme Gespräche. Seine Frau fühlt sich immer noch nicht fit genug, um das Zimmer zu verlassen. Ich hoffe für die beiden, dass sie ihre Reise, die die nächsten Tage noch ganz andere Höhen als El Peñón abverlangen wird, gut überstehen und sie diese auch genießen werden können. Ich werde die netten Gespräche vermissen, denn beide werden morgen abreisen, ich hingegen habe noch einen weiteren Tag, einen letzten Tag in der Puna. Auf mich wartet ein ganz besonderes Highlight, auf das ich mich sehr freue.
Teil 1331. Dez. 2022
Tag 10 – El Peñón
Formenreiche Puna, surreale Puna oder einfach: Wunderwelten-Puna


Gestern Abend sagte mir mein Guide, er habe während des standardmäßigen Checks unseres Wagens festgestellt, dass wir einen platten Reifen hätten. Nur gut, dass das nicht unterwegs passiert ist, ich wäre keine große Hilfe gewesen und hier im Ort ist der Reifenwechsel sicherlich einfacher zu handhaben. Bei den Pisten mit dem oftmals sehr scharfkantigen Vulkangestein habe ich mich schon gefragt, ob unsere Reifen die Reise unbeschadet überstehen werden.

Gegen 08:15 Uhr verlassen wir die Hostería für unsere Tagestour und ich bin voller Vorfreude, denn heute steht ein Programmpunkt an, auf den ich entgegenfiebere. Vor vielen Jahren hatte ich das erste Mal Fotos gesehen und ich wusste, diesen Platz muss ich unbedingt mit eigenen Augen sehen. Aber zuvor fahren wir zur Laguna Carachi Pampa und zum Vulkanfeld des namensgebenden Vulkans.

Mein Guide lässt mich an einem Ende der Lagune aussteigen und wird am anderen Ende der Lagune auf mich warten. Wie immer, soll ich mir die Zeit nehmen, die ich brauche. Ich habe keinerlei Zeitdruck und genieße die Zeit für einen Spaziergang entlang der Lagune, auch wenn der Untergrund äußerst uneben und von Wasserläufen durchzogen ist. Gleichzeitig Fotografieren, Laufen und nicht nach unten schauen, könnte durchaus zu nassen Füßen führen oder ein Stolpern zu mehr als nur nassen Pedes. Wieder ist kein Mensch weit und breit, dafür ist das tierische Leben einmal mehr auf dieser Reise reichlich vorhanden. Einige Esel weiden. Als sie mich sehen, lassen sie mich nicht mehr aus den Augen. Ein weiteres Mal kann ich mich des Eindruckes nicht erwehren, dass die argentinischen Esel mir nicht unbedingt freundlich gewogen sind. Möglicherweise handelt es sich hier an der Lagune auch um Verwandte des Langohres vom Lago de Brealito. Ich versuche soviel Abstand wie möglich zu halten, was nicht einfach ist, da ich mich direkt zwischen diesen mürrischen Vierbeinern und der Lagune befinde.


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Nachdem ich diesen Gefahrenherd hinter mich gebracht habe, grasen nur noch Lamas, von denen sich die meisten so gar nicht für mich interessieren. Dann entdecke ich ein Babylama, das sich in Begleitung seiner Mama befindet. Das Kleine kann noch nicht so alt sein, es wirkt recht wackelig auf seinen Beinen. Ich beäuge die Mutter, aber zu meiner großen Überraschung scheine ich ihr tatsächlich egal zu sein, dem Kleinen jedoch nicht. Es ist sehr neugierig und versteckt sich nicht, so habe ich die Möglichkeit, ein paar Schnappschüsse zu machen.


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Auch in dieser Lagune haben sich Flamingos eingefunden. Heute sind es zumeist Andenflamingos und ein paar wenige James Flamingos, insgesamt jedoch keinerlei Vergleich zu den Massen von gestern an der Laguna Grande. Am anderen Ende der Lagune nehme ich eine Gruppe von 4 Touristen wahr, aber sie haben bereits schon ihren Rückweg angetreten. Es ist einfach unglaublich, wie wenige Touristen hier unterwegs sind. Nach den obligatorischen Flamingofotos des Tages, setzen wir unsere Fahrt durch die Ebene der Carachi Pampa fort.


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Diese Pampa macht ihrem Namen, Carachi Pampa, alle Ehre. Welch eine Kargheit, jedoch unglaublich faszinierend, besonders tut es mir ein Abschnitt mit unwirklichen Wellengebilden an.


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Vor allem am Nachmittag ist es in dieser Gegend extrem windig. Der gestrige Tag und die Nacht waren jedoch eine Ausnahme, es hat ununterbrochen ein heftiger Wind geweht, das war beileibe mehr als ein laues Lüftchen. Der englische Herr war bereits gestern zum Sonnenuntergang mit seinem Guide an dem Platz, auf den wir nun zusteuern. Er erzählte mir, dass es so windig gewesen sei, dass man fast nicht aus dem Auto hätte steigen können, sie seien „sandgestrahlt“ worden. Von meinem Guide höre ich, dass diese Wetterverhältnisse hier eher die Regel als die Ausnahme seien. Umso mehr habe ich heute das Glück, dass kaum Wind weht.

Am Horizont sehen wir schon seit einiger Zeit meinen heutigen Sehnsuchtsort, das Bimssteinfeld Campo de Piedra Pómez. Auf einer Fläche von etwa 4 x 7 Kilometern hat der Vulkan Robleado Blanca vor etwa 73.000 Jahren mit einem gigantischen Ausbruch dieses surreale Feld geschaffen, um nicht zu sagen, gespuckt, indem er diese Bimssteingebilde niederregnen ließ, bevor der unerbittliche Punawind in Form der Erosion diese surreale Wunderwelt formvollendet und perfektioniert hat. Bimssteinfelder von Vulkanausbrüchen gibt es auch woanders, aber ich glaube, diese Wunderwelt hier ist einzigartig. Je mehr wir uns durch die nun graue Ascheebene nähern, umso mehr wächst meine Vorfreude. Ich mache einige Fotos, aber es fällt mir schwer, dieses Panorama auf Speicherkarte zu bannen und ich versuche mein Bestes, indem ich zusätzlich auch meine Kamera mit dem Teleobjektiv beschäftige.

Aufgrund des nicht pausierenden Windes während der letzten Tage ist die Luft voller Staub. Die Vulkane und Bergketten am Horizont liegen zumeist unter einer Dunstglocke.

Dann sind wir da und was soll ich sagen, natürlich sind wir wieder alleine. Wir fahren etwas weiter nach oben. Während mein Guide unser Lunch vorbereitet, schickt er mich in dieses Labyrinth. Immer tiefer gehe ich hinein und fotografiere und staune. In einer Stunde soll ich zurück am Wagen sein. Irgendwann stelle ich mit Schrecken fest, wie sehr die Zeit vorangeschritten ist und der Weg zurück erweist sich weiter, als ich ihn in Erinnerung hatte. Ich bin 10 Minuten später am Vehikel als vereinbart und entschuldige mich sogleich. Alles kein Problem, Hauptsache, ich bekäme meine Fotos, höre ich. Hier sitzen wir nun und essen unser Picknick-Lunch mit Blick auf das Bimssteinfeld Campo de Piedra Pómez. Was geht es mir doch gut und die Quinoa-Tortilla schmeckt einfach nur köstlich.


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Gesättigt im Magen, aber noch nicht im Kopf, fahren wir zum offiziellen Parkplatz und siehe da, dort parkt tatsächlich ein weiteres Fahrzeug. Die Insassen kommen uns aber bereits entgegen, steigen ein und werden gleich losfahren, damit habe ich diese Wunderwelt ein weiteres Mal für mich alleine. Mein Guide wartet an unserem Pickup. Immer weiter zieht es mich in dieses Gebiet hinein. Hier scheinen nur drei Farben zu existieren, das dunkle Grau der Aschefelder, auf denen das Laufen ein wenig schwer fällt, das Weißgrau der Flächen und des Bimssteins und ein surreales Orange-Rot, das sich zumeist, aber nicht ausschließlich, auf der Oberfläche dieser eigenwilligen Formen gebildet hat. Ich kann es nicht fassen, durch welch ein Gebiet ich hier gerade laufe, immer wieder klettere ich auf eines dieser Gebilde. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mit mir selbst spreche. Ich höre mich sagen, dass es kaum sein kann, was ich hier sehe und wie wunderbar es ist, ich aber eigentlich gar keine Worte dafür finde, es zu beschreiben … oder spreche ich mit mir selbst, um mich davon zu überzeugen, dass ich nicht träume? Ich bin hin und weg von diesem Ort, der so unwirklich scheint, so als ob er irgendeiner Computeranimation eines Hollywoodstudios entsprungen wäre, aber doch ist es real.


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Irgendwann steuere ich den Rückweg durch das Wunderweltenlabyrinth an. Auf dem Weg zum letzten Stopp des heutigen Tages kann ich ein paar Aufnahmen des Areals aus einiger Entfernung machen.

Die Dunas Blancas sehen so aus, wie sie heißen. Ich steige auf eine der weißen Dünen, kein Fußabdruck im Sand ist zu sehen. Ob ich heute die erste Touristin bin, die diesen Dünenkamm erklimmt? Egal, von oben hat man eine nette Aussicht. Es ist mittlerweile jedoch so windig geworden, dass ich mich entschlossen habe, nur mein Handy mit auf diesen Sandkasten zu nehmen.


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Was für ein letzter Tag in der Puna. Morgen werde ich diese faszinierende Welt verlassen, aber noch ist meine Reise nicht zu Ende.
Teil 1406. Jan. 2023
Tag 11 – El Peñón - Colomé
Abschied von der Puna


Heute ist der Abschied gekommen. Abschied von der Puna. Tatsächlich bin ich sogar froh, dass ich nun die Puna verlasse. Ich merke, dass ich nichts mehr aufnehmen kann. Meine Festplatte ist zum Zerbersten voll. Es liegen viele Tage hinter mir, in denen ich von morgens bis abends keine Minute des Durchschnaufens hatte, ständig prasselten neue, unvorstellbare schöne Eindrücke auf mich herab und genau diese fordern nun ihren Tribut. Ich benötige ganz dringend Zeit für mich, um alles zu verarbeiten und bin einmal mehr erfreut darüber, wie ich meine Reise aufgebaut habe. Den heutigen Tag kann man getrost als Transfertag bezeichnen und der morgige wird der Entspannung in, so erhoffe ich mir, traumhafter Umgebung eines Weingutes dienen.

Nach fast einer Woche ohne Kontakt zu meinem Mann lechze ich geradezu danach, mit ihm telefonieren zu können. Ich hoffe darauf, dass ich bereits in Hualfin seine Stimme vernehmen kann, spätestens jedoch in Cafayate; aber je früher das sein wird, umso besser. Auch bin ich gespannt, was mein Zahnarzt zum Foto mit meinem entzückenden Lächeln gesagt hat. In den letzten Tagen habe ich mich schon mit dem Kreislauf angefreundet; tagsüber unterschiedlich weiß gefärbte Zähne mit zusätzlichen hellweißen Sprenkeln zu sehen, die wundersamerweise über Nacht verschwinden, um sich dann ziemlich schnell am Tag wieder zurückzumelden.

Bevor wir heute in gemäßigte Höhen von unter 3.000 Metern fahren werden, zeitweise werden wir uns in Cafayate sogar unter 2.000 Metern befinden, müssen wir ein letztes Mal eine Passhöhe bewältigen mit der markanten 4 zu Beginn der vierstelligen Höhenmeterangabe. Nach dem Aufstehen sind die Sprenkel auf meinen Zähnen einmal mehr verschwunden, aber ich rechne damit, dass ich ihnen auch heute ein Bienvenidos entgegnen kann, auch wenn ich sehr gerne darauf verzichten würde.

Wie zumeist üblich während unserer Reise, verlassen wir gegen kurz nach acht Uhr morgens unsere Unterkunft. Ich merke bereits schon jetzt, dass ich heute wohl ein wenig fotografierfaul bin. Das Adjektiv lazy fällt im Laufe des Tages einige Male in unserem Wagen von der Beifahrerseite. Wir fahren durch eine Landschaft, die mich normalerweise dazu veranlassen würde, um mehrere Stopps zu bitten, lägen diese unglaublichen Eindrücke der vergangenen Tage nicht hinter mir. So aber schaffen es nur die letzten Vikuñjas auf dieser Reise, dass diese Bitte von mir geäußert wird oder war es doch eher mein Guide, der anhielt? Egal, ein paar Fotos im nicht gerade besten Licht werden nun doch noch von mir geschossen.



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Nach diesem Stopp schraubt sich die Straße weiter nach oben und würde mein Guide nicht darauf hinweisen, dass wir einmal mehr die 4.000er Marke überschritten haben, wären es wohl nur meine Zähne, die dies vermelden würden und die jedem Höhenmesser zur Ehre gereichen. Nicht lange befinden wir uns aber in diesen Regionen und fortan windet sich die Straße Höhenmeter um Höhenmeter nach unten. Die Vegetation nimmt zu und irgendwann haben wir die Straße erreicht, auf der wir bereits vor 12 Jahren von Cafayate nach Chañarmuyo gefahren sind. Diesmal geht es jedoch nordwärts. Mein Handy behalte ich von nun an fest im Blick und kurz vor Hualfin erscheint auf dem Display das so sehnsüchtig erwartete Zeichen. Ich habe Empfang. Mein Guide will in Hualfin tanken, ich will telefonieren. So hat jeder von uns für die nächsten Minuten einen festen Plan. Der Unterschied wird nur sein, ich werde Erfolg haben, mein Guide weniger.

Während mein Guide hören muss, dass es keinen Diesel gibt und wie ich im Anschluss erfahre, dass dies derzeit in Argentinien keine Ausnahme darstellt, denke ich bei mir, gut, dass er für Ersatzdiesel vorgesorgt hatte. Ich frage ihn, ob dieser Engpass nur Diesel oder auch anderen Treibstoff betrifft und ob dies nur im eher ländlich geprägten Argentinien ein Problem sei. Seine Antwort fällt ernüchternd aus, nein, mal fehlt Diesel, mal Benzin, mal beides, auch sei es egal, ob man wie jetzt in Hualfin oder in einer größeren Stadt tanken möchte. Man muss einfach darauf vorbereitet sein, dass man seinen Tank nicht gefüllt bekommt oder gegebenenfalls in einer langen Schlange darauf hoffen muss, die begehrte Flüssigkeit zu ergattern.

Ich hingegen habe mehr Glück. Ich telefoniere mit meinem Mann. Es ist einfach nur schön, seine Stimme zu hören. Er berichtet mir, dass meine Zahnprobleme aufgrund der extremen Trockenheit in der Höhe entstanden sind, sich das Ganze aber in niederen Höhenlagen nach und nach bessern sollte. Zudem sei es kein Grund zur Besorgnis. Jetzt bin ich beruhigt, aber frage mich gleichzeitig, was ich noch hätte trinken sollen. Alleine nachts habe ich meine drei Wasserflaschen jedes Mal geleert, das alleine sind 2 Liter. Tagsüber habe ich noch deutlich mehr getrunken. Ich denke, diese Trockenheit muss man tatsächlich selbst erlebt haben, um sie zu begreifen.

Die Strecke bis Cafayate ist eher ereignislos. Den einzig lohnenswerten Stopp für die Ruinas de Quilmes habe ich abbestellt, da wir diese Ruinen bereits vor 12 Jahren besichtigt haben und wir heute ohnehin eine straffe Fahrstrecke hinter uns legen müssen.

In Cafayate halten wir für eine verspätete Mittagspause und essen in einem Restaurant an dem zentralen Platz beide ein Sandwich. Ich fühle mich gedanklich um mehrere Jahre zurückversetzt, nur dass der Tourismus auch in diesem Städtchen merklich zugenommen hat.

Auch die Strecke bis zur Abzweigung in Molinos der Valles de Calchaquíes kenne ich von der damaligen Reise, wenn auch aus der anderen Richtung.



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Ein Stopp gilt einem Friedhof recht nahe an der Straße unweit der Quebrada de las Flechas. Ein Friedhof ist per se kein Quell der Freude, aber diesen hier empfinde ich ganz besonders trostlos. Möglicherweise gar der traurigste und trostloseste, den ich bisher gesehen habe. Einzig die (Papier-)Blumenkränze an einigen Gräbern, die höchstwahrscheinlich zu Allerheiligen aufgefrischt wurden, verleihen diesem Ort wenigstens ein klein wenig Farbe. Viele Gräber verzeichnen noch nicht einmal Namen und dort, wo ich eine Zahl lesen kann, stelle ich nicht selten fest, dass einige der Gräber 80 Jahre und älter sind. Dennoch hängen auch an diesen vereinzelt Blumenkränze.



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Auf unserer damaligen Reise waren wir auf diesem Streckenabschnitt recht spät dran und passierten die Quebrada de las Flechas im einsetzenden Abendlicht, zudem mit einem stark wackelnden Beifahreraußenspiegel an unserem Fahrzeug. Heute steht die Sonne noch hoch am Himmel und die Außenspiegel sitzen fest, so haben wir für die Quebrada diesmal mehr Zeit und nutzen diese für kurze Fotostopps.



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Es ist bereits 18:00 Uhr, als wir unser Ziel, die Estancia Colomé erreichen. Wir waren 10 Stunden unterwegs, ein langer Fahrtag liegt hinter uns. Alle Anstrengung ist vergessen bei Ankunft an diesem Ort. Ist das hier zauberhaft, so habe ich mir das vorgestellt. Insgesamt verfügt Colomé über 9 Zimmer. Mein Zimmer hat einen grandiosen Balkon mit wunderbarem Blick auf die Weinfelder. Hier werde ich mich definitiv die nächsten zwei Nächte sehr wohl fühlen. Schade nur, dass ich hier erneut keinen Handyempfang habe, zu abgelegen ist auch dieses Tal. Das Abendessen ist ganz hervorragend, ebenso wie der hauseigene Torrontés, den ich aus den angebotenen Hausweinen wähle.
Teil 1507. Jan. 2023
Tag 12 – Colomé
Erholung von der Puna


Heute steht keine Autofahrt an. Es ist schön, einmal nicht durchgeschaukelt zu werden. Mein Guide hat ebenfalls frei und ich werde ihn zur Mittagszeit nur einmal kurz sehen.

Nicht ganz so früh wie die letzten Tage gehe ich zum Frühstück, ich habe länger geschlafen. Keine Planungen drängen mich heute. Wie steht es so schön in meinem Übersichtsplan, den ich von der Agentur erhalten habe, „Colomé at leisure“ und genau dieses „Leisure“ habe ich mir in extensiver Form für heute vorgenommen.

Nachdem ich ausgiebig gefrühstückt habe, laufe ich zuerst durch den wundervollen Bereich, in dem sich das „Hotel“ mit seinen gerade einmal 9 Zimmern befindet. Colomé gehörte bis zur Jahrtausendwende der Familie Dávalos, die heute noch das Weingut Tacuil betreibt und das wir zu Beginn meiner Reise besucht haben, gerade einmal 20 Kilometer entfernt von hier. Fünf Generationen war Colomé im Besitz der Familie Dávalos. Im Jahr 2001 erwarb die Schweizer Hess Gruppe dann Colomé. Gegründet wurde Colomé im Jahr 1831 und ist eines der ältesten und bis vor nicht allzu langer Zeit gemeinsam mit Tacuil das Weingut mit den höchstgelegenen Weinanbaugebieten. Die Architektur gefällt mir einfach zu gut, wie überhaupt das gesamte Areal. Obwohl ich nur sehr wenig Alkohol trinke, genieße ich immer wieder die Kulturlandschaften von Weingütern. Sie strahlen eine unglaubliche Ruhe auf mich aus, es ist so erholsam, einfach Balsam für die Seele. Hier in dieser Höhe kommt noch das besondere Licht hinzu, das ich so mag.

Anschließend streife ich sehr lange über kleine Wege, die durch die Weinfelder führen. Hier könnte ich es durchaus noch einen Tag länger aushalten.



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Ich versuche mein Glück mit Fotos an einem kleinen Insekt. Kakteen blühen zu dieser Jahreszeit.


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Es ist so wunderschön und zudem recht warm. Ich besuche den Bereich, wo die Weinverkostungen stattfinden und blicke auf das James Turrell Museum, in dem ich am frühen Abend noch einen Termin haben werde.

Zwischen 2 und 3 Stunden streife ich über das Gelände, bevor ich mich in mein Zimmer und die Terrasse mit sagenhaftem Ausblick zurückziehe. Ich schreibe in mein Reisetagebuch, lese und entspanne; oder wie würde es der Reiseplan noch einmal ausdrücken? „Colomé at leisure“, das kann ich wahrlich gut.



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Gegen 18:00 Uhr findet mein „Colomé at leisure“ ein Ende, denn ich habe mich für die Weinverkostung und den Besuch im James Turrell Museum angemeldet. 8 weitere Gäste, allesamt Argentinier, nehmen an der Tour teil. Extra für mich wird mir eine sehr nette Angestellte zur Seite gestellt, die für mich ins Englische übersetzen soll, wenn ich etwas nicht verstehe. Das finde ich einen prima Service, gerade nach einer Weinprobe könnte die Konzentration schon ein wenig nachlassen. Drei Weine kosten wir, einen weißen und zwei rote. Obwohl ich wahrlich kein großer Weinkenner bin, muss ich sagen, alle recht köstlich, auch wenn einmal mehr der Torrontés mein Favorit ist. Eigentlich alles wie immer.



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Colomé liegt nun wahrlich nicht gerade zentral, bis Salta fährt man 5 bis 6 Stunden, davon etwa die Hälfte auf teilweise sehr enger Piste, man könnte auch sagen, Colomé liegt im Zentrum von Nirgendwo und wer vermutet an diesem Ort ein Museum? Noch dazu ein solch modernes Museum, wie das von James Turrell, einem der bekanntesten zeitgenössischen Lichtkünstler. Im Jahr 2009 eröffnete das Museum. Gezeigt werden ausschließlich Lichtinstallationen von James Turrell. Fotografieren im Inneren ist nicht erlaubt. Ich hatte mich schon sehr auf dieses Museum gefreut, seit Jahren liebäugelte ich immer wieder mit einem Besuch und als ich vor einiger Zeit auf Arte eine Dokumentation über das Museum sah, stand für mich fest, komme ich noch einmal in diese Gegend, ist der Besuch von Colomé gesetzt. Nun bin ich also hier und stapfe in Stoffüberziehern für die Schuhe in freudiger Erwartung den Lichtinstallationen entgegen. Wir erhalten jeder einen Audioguide, meiner spricht sogar Deutsch.

Im ersten Raum wird durch die Lichtinstallation eine grüne Pyramide projiziert. Weiter geht es durch einen Gang, den ich unglaublich beindruckend finde. Ich gehe durch verschiedene Bereiche des Gangs, nur unterteilt durch unterschiedlich farbiges Licht. Dann müssen wir einige Stufen erklimmen und stehen in der Lichtinstallation Spread. Alles um mich herum ist Blau. Der Raum wirkt unendlich, keine Konturen, nichts gibt es hier, an dem ich mich orientieren könnte, ich könnte mich hier verlieren, inmitten einer Welt, bestehend aus einer einzigen Farbe, aus Blau. Diese Installation ist unglaublich und ich fühle mich wie mittendrin in einem Hollywood Science-Fiction-Film. Bisher macht mich das Museum sprachlos, im positiven Sinn.

Als nächstes betreten wir den schwarzen Raum. Hier ist es stockfinster und man soll sich eine Weile aufhalten, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben und man etwas sieht. Dieser Raum spricht mich nun gar nicht an, die Begeisterung bricht sich auch nicht ihren Bann, als einige aus der Gruppe ihr Handylicht anschalten. Das Ganze ist eher kontraproduktiv.

Am Ende der Tour kommt das Highlight. Zumindest habe ich es mir so seit der Dokumentation vorgestellt. Im Dach ist ein Fenster mit Sicht in den Himmel eingebaut. Man kann auf dem Boden liegen und während der Dämmerung und des Sonnenuntergangs hinausschauen, gleichzeitig erhellt sich alles in den verschiedensten Farben. Auf dem Boden liegen Decken und Kissen. Wie alle anderen lege ich mich hin und schaue nach oben. Der Boden ist knochenhart und eiskalt. Obwohl ich noch eine Decke zum Zudecken erhalte, kriecht die Eiseskälte vom Boden immer mehr in meinen Körper. Ich schaue nach draußen. Insgesamt soll die ganze Vorstellung 40 Minuten dauern. Das Einzige, was ich feststelle, ist, dass ich auf dem harten Boden friere. Irgendwie springt bei mir kein Funke über. Das Ganze strahlt auf mich etwas Esoterisches und Mediatives aus. Nach etwa 10 Minuten, mittlerweile ist mir so kalt, dass ich schon Bedenken habe, mir eine Blasenentzündung zu holen, entscheide ich, aufzustehen und zu gehen. Dieser Raum macht mich auch sprachlos, nur diesmal nicht im positiven Sinn.

Ich lege meinen Audioguide im Vorraum ab und will gerade vor die Tür treten, als der Guide des Museums und meine Übersetzerin hinzukommen. Ich entschuldige mich, dass ich gehe, sage aber gleichzeitig, dass ich mit dieser letzten Lichtinstallation so rein gar nichts anfangen kann. Hin und wieder käme das vor, wird mir gesagt. Nun gut, wohl eher selten, aber ich bin nicht die Einzige.

So verlasse ich gemeinsam mit meiner sehr netten Begleitung, die darauf besteht, mit mir gemeinsam im Dunkeln durch die Weinfelder zurück zum Hotel zu gehen, das Museum, das mich mit sehr gemischten Gefühlen verabschiedet. Einerseits fand ich einige Lichtinstallationen genial, wie den vielfarbigen Gang und den unglaublichen kontur- und endlosen blauen Raum, andererseits erschließen sich mir nicht die Lichtinstallationen des schwarzen Raumes und des letzten, wo man in den Himmel schaut. Aber so ist es wohl mit (moderner) Kunst.

Das Abendessen ist wieder vorzüglich. Gerade als ich eigentlich schon gehen will, spricht mich das Paar vom Nebentisch auf Englisch an. Es stellt sich heraus, dass es ein deutsches Paar ist. Sie laden mich an ihren Tisch ein und wir unterhalten uns noch eine ganze Weile äußerst angeregt. Das war wirklich eine sehr nette Begegnung.
Teil 1608. Jan. 2023
So, ich bringe den Reisebericht heute zu Ende inkl. des Fazits. Los geht's:


Tag 13 – Colomé - Salta
Zurück auf Anfang, zurück nach Salta


Langsam nähert sich meine Reise dem Ende. Nach einem wieder ausgezeichneten Frühstück starten wir gen Salta. Einen Großteil der Strecke kenne ich bereits und so genieße ich die Fahrt auf zuweilen enger Piste nach Cafayate. Wir fahren bereits schon seit einiger Zeit auf asphaltierter Straße und haben nun endgültig die Staubpisten hinter uns gelassen.

Es ist die erstaunlich kurze Zeit, in der die Pestaña de Perro blüht, für die wir einen Stopp am Wegesrand einlegen. Die eindrucksvolle Blüte macht ihrem Namen alle Ehre, dessen Übersetzung im Deutschen „Hundewimper“ lautet.


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Die Zivilisation hat uns nun endgültig wieder. Ich muss mich tatsächlich an die Menschenmenge in der Quebrada de las Conchas gewöhnen. Wenn ich ehrlich bin, ist auch hier nicht viel los, an anderen Touristendestinationen würde man wohl von wenig besucht sprechen. Aber immer noch von den menschenleeren Gegenden der Puna geprägt, merke ich, dass es mir derzeit doch ein wenig schwer fällt, mit anderen unterwegs zu sein.

Vor 12 Jahren sind mein Mann und ich in eine Piste abseits der Asphaltstraße eingebogen, weil die Felsformationen so vielversprechend aussahen, was sie dann auch waren. Kein Schild, kein Hinweis führte uns. Wir hatten scheinbar den richtigen Riecher, heute befindet sich hier ein Parkplatz und man muss seinen Weg zu Fuß fortsetzen. Auf dem Parkplatz steht nur ein Fahrzeug.

Die Fahrt entlang der Quebrada de las Conchas ist wieder sehr schön, so wie ich es in Erinnerung habe. Wir halten für einen Fotostopp an den mir ebenfalls bereits bekannten Punkten, dem Amphitheater und der Garganta del Diablo.



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Bis Alemania sind wir damals gefahren und dann nach Cafayate zurückgekehrt. Ich stelle fest, das war genau richtig, denn unweit von Alemania wird die Strecke bis Salta eintönig und der Verkehr nimmt merklich zu.



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Am Nachmittag sind wir zurück in der Finca Valentina. Alle erinnern sich noch an mich und die Begrüßung fällt entsprechend herzlich aus. Hier fühle ich mich einfach wohl. Diesmal erhalte ich ein Zimmer in einem der beiden kleineren separat stehenden Gebäude. Auch dieses Zimmer ist sehr schön.

Heute verabschiede ich mich von meinen Wanderschuhen, die sich langsam auflösen. Bereits in Cachi hatte ich erste Verschleißerscheinungen festgestellt und gehofft, dass sie noch ein paar Tage durchhalten, was sie dann auch taten, aber die Puna hat ihnen den Rest gegeben.

Die Zeit bis zum köstlichen Abendessen verbringe ich damit, meine Sachen zu sortieren, entsprechend für den Inlandsflug zu packen und mich auszuruhen.
Teil 1708. Jan. 2023
Tag 14 – Salta – Buenos Aires
Adiós NOA - Bienvenidos a Buenos Aires


Nach dem Frühstück holt mich mein Guide ab und bringt mich zum nicht allzu weit entfernten Flughafen von Salta. Der Check-in verläuft problemlos und ich verabschiede mich von meinem erstklassigen Guide. An einem der Verkaufsstände werde ich fast schwach, kann mich dann aber doch zurückhalten und kaufe nicht noch ein weiteres Plüschlama, schließlich habe ich seit gestern Juanita Blanca wieder. Sie hatte ich in der Finca Valentina gelagert, um sie nicht nach zwei Wochen in Juanita Gris umtaufen zu müssen.

Mein Flug mit der Aerolineas Argentinas startet pünktlich und die 2 Stunden bis Buenos Aires verlaufen ruhig. Wir landen am innerstädtischen Flughafen Aeroparque Jorge Newberry. Eigentlich sollte mein Transfer auf mich warten, aber weit und breit ist nichts von ihm zu sehen. Daher beschließe ich, mir eine Remise zu nehmen. Dann taucht mein Fahrer doch noch auf. Er entschuldigt sich mit der Erklärung, er hätte nicht damit gerechnet, dass ich so schnell aus dem geschützten Bereich herauskommen würde. Nun gut, die Fahrt zu meinem Hotel dauert nicht lange.



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Bereits während meiner ersten Argentinienreise vor knapp 20 Jahren wohnte ich im Marriott Hotel, das damals noch in einem alten, für Buenos Aires so typischen, herrschaftlichen Palast an der Plaza San Martín untergebracht war. Nach so langer Zeit habe ich mich wieder für das Marriott entschieden, das mittlerweile in das Gebäude umgezogen ist, in dem sich bis vor nicht allzu langer Zeit das Hotel Panamericano befand. Der Dachterrasse des Panamericano haben wir vor 12 Jahren einen Besuch abgestattet, nachdem man so freundlich war, uns diesen als Nichtgäste zu genehmigen. Von dort oben hat man einen wundervollen Blick auf die Avenida 9 de Julio und das war der Hauptgrund für meine Wahl.

Nicht gerechnet hatte ich damit, dass ich ein solch schönes Zimmer mit perfektem Ausblick erhalten würde. Umso größer ist meine Freude, als ich die Tür zu meiner Bleibe für die nächste Nacht öffne.



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Ohne irgendwelche Wertsachen und nur mit ein wenig Bargeld laufe ich am späten Nachmittag noch ein wenig in der Innenstadt umher und kaufe mir in der Buchhandlung eine Tierbestimmungskarte und einen Reiseführer zu einem Teil Argentiniens. Aus dieser Reiseführerserie besitze ich bereits mehrere. Diese sind bei uns zuhause nicht zu bekommen. Zumindest weiß ich nicht, wo ich diese kaufen könnte. Darüber hinaus erwerbe ich mehrere mit Queso und Quinoa gefüllte Empanadas, das wird mein Abendessen werden.

Als die Nacht hereinbricht, kann ich mich kaum vom Ausblick auf Obelisk und Teatro Colón trennen, aber ich muss mich auch nicht groß anstrengen, vieles kann ich direkt vom Bett aus sehen. Zwischendurch erstrahlt der Obelisk in Regenbogenfarben. Was habe ich doch für ein Glück mit diesem schönen Zimmer. Da bestätigt sich tatsächlich nicht, dass man als Einzelreisende(r) nur eine Abstellkammer erhält.



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Teil 1808. Jan. 2023
Tag 15 – Buenos Aires - Rückflug
Hotel mit Ausblick


Ich lasse es langsam angehen, schlafe etwas länger und gehe dann frühstücken. Auch wenn es in diesen großen Businesshotels nicht unbedingt gemütlich zugeht. Normalerweise bevorzugen wir kleinere Unterkünfte, aber ich muss sagen, ich bin trotzdem mit der Wahl meines Hotels für diese eine Nacht sehr zufrieden. Die Lage ist perfekt und mein Zimmer mit Aussicht ebenso. Da gibt es nichts zu meckern.

Nach dem Auschecken habe ich noch ein wenig Zeit und diese nutze ich, um auf die Dachterrasse zu fahren. Hier oben befindet sich ein Pool, den ich genauso wunderschön in Erinnerung habe. Von der Dachterrasse schaut man auf die Avenida 9 de Julio.



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Dann ist es auch schon Zeit, mein Transfer ist da. Die Fahrt zum Flughafen in Ezeiza verläuft ohne Stau, aber es ist auch Sonntag. Der Rückflug mit der Lufthansa ist pünktlich und die knapp 13 Stunden verbringe ich mit Essen, Schlafen, Essen und so vergeht auch diese Zeit recht schnell. Der Service ist wieder sehr zuvorkommend und auch hier gibt es nichts zu beanstanden.




Tag 16 – Ankunft Frankfurt
Wieder zuhause


Pünktlich landet der Kranichflieger in Frankfurt. Leider muss ich fast eine Stunde auf mein Gepäck warten, obwohl es mit Priority gekennzeichnet ist. Dann endlich sehe ich meinen Mann wieder, er holt mich ab. Ich freue mich sehr.
Teil 1908. Jan. 2023
Fazit

La Puna deja huellas – Die Puna hinterlässt Spuren …
anders kann ich es zusammenfassend nicht ausdrücken.

Ich bin geneigt zu sagen, es war für mich die perfekte Reise. Alles hat gepasst. Die Route und die Routenführung, auch besonders in Bezug auf die Höhenanpassung, hätte ich nicht besser auswählen können. Die zusätzlichen Tipps von der Agentur, wie z. B. der Besuch des Weingutes in Tacuil, waren klasse.

Mit den Unterkünften, für die ich mich entschieden hatte, war ich rundum zufrieden. Natürlich muss man in der Puna auch Abstriche machen, aber wenn ich bedenke, in welchen Gegenden wir rundum Tolar Grande und El Peñon unterwegs waren, wäre ein Jammern über mein Nachtlager auf extrem hohen Niveau. Sowohl in der Finca Valentina als auch im El Cortijo sowie im Marriott habe ich mich ausgesprochen wohl gefühlt und die Estancia Colomé ist ohnehin eine Klasse für sich.

Mit meinem Guide hatte ich unglaubliches Glück. Er hätte seinen Job nicht besser machen können, nichts war ihm zu viel. Mit einer Reisebegleitung kann eine Reise stehen und fallen. Während der Reise habe ich drei weitere Guides der Agentur kennengelernt und nach meiner Einschätzung sowie aufgrund von Gesprächen mit anderen Gästen kann ich für mich sagen, würde ich auch sofort mit diesen Guides unterwegs sein wollen. Leider hatte ich in der Vergangenheit nicht immer solches Glück mit Guides; das kann eine Reise tatsächlich sehr trüben.

Ich bin zudem heilfroh, dass ich die Höhe wieder sehr gut vertragen habe. Wie bisher jedes Mal während meiner mehrmaligen Aufenthalte, die mich schon des Öfteren in Höhenlagen bis knapp unter 5.000 Meter führten; während der Reise in die Puna zum zweiten Mal sogar über diesen markanten Wert hinaus. Allerdings lege ich enormen Wert auf eine vernünftige Routenführung und baue eher einen oder zwei zusätzliche Reisetage für eine Akklimatisierung ein. Höhenprobleme, darüber muss man sich im Klaren sein, können einen dennoch trotz bester Vorbereitung treffen, aber ich kann mit einer entsprechenden Planung dafür sorgen, dieses Risiko für mich zu minimieren.

Extreme Trockenheit kannte ich bereits zuvor von der Antarktis und den Höhenlagen in Bolivien, Chile und Nordargentinien; gerade in diesem Dreiländereck kommt noch Staub hinzu, den ich zusätzlich als Belastung empfinde. Dennoch, diese Trockenheit, wie jetzt auf dieser Reise in der Puna, hat bei Weitem alles getoppt, was ich zuvor erlebt habe und die Reaktion meines Körpers, indem er literweise Wasser benötigte, ja, regelrecht im Minutentakt nach Flüssigkeitszufuhr geradezu schrie, sowie die Verfärbungen meiner Zähne bestätigen diesen Eindruck. Meine Fingerkuppen waren trotz regelmäßigen Eincremens so trocken, rau, haben sich geschält und ich hatte teilweise kaum ein Gefühl in diesen, dass es fast 2 Wochen nach Rückkehr gedauert hat, bis sie sich wieder normalisiert hatten. Meine Zähne waren da deutlich schneller auf Normalzustand. Trotzdem es mir gut ging, ist es doch ein Zeichen, dass diese Höhenlagen nicht spurlos an meinem Körper vorbei gegangen sind. Hier kann ich ebenso, wenn doch eigentlich anders gemeint, auch davon sprechen: La Puna deja huellas.

Das Einzige, was ich sehr bedauere, ist, dass ich dieses Reiseerlebnis nicht mit meinem Mann teilen konnte. Das macht mich traurig. Nichtsdestotrotz habe ich während der Reise genau geschaut, welche Strecken wir uns gegebenenfalls als Selbstfahrer, die schon einige Male alleine in Argentinien und Chile mit dem Auto unterwegs waren, zutrauen könnten. Dennoch bleibt die Ernüchterung, dass doch sehr viele Fahrstrecken für uns als Selbstfahrer nicht in Frage kommen werden. Vielleicht ändert sich das Ganze in einigen Jahren, sollte die Puna mehr Touristen anziehen.

Aber gerade in diesem Punkt bin ich ein wenig zwiegespalten. Einerseits wundert es mich sehr, dass diese Ecke so unbekannt und so einsam ist. Wie ich bereits im Prolog schrieb, ist mir kein einziger deutschsprachiger Reisebericht aus dieser Gegend bekannt und ich kenne nur sehr wenige, die bereits in dieser Gegend unterwegs waren und nicht alle hatten das Glück, all das zu sehen, was mir auf dieser Tour vergönnt war. Für die Erreichbarkeit einiger Ziele, wie z. B. Mina Julía, benötigt es zudem auch Glück. Ich neige dazu, zu sagen, etwas Vergleichbares, obwohl schon ein wenig herumgekommen, habe ich noch nicht gesehen. Ich werde mich von der Vorstellung verabschieden, diese Erlebnisse toppen zu wollen. Sollte es woanders noch einmal gelingen, umso besser, aber es wird sehr schwierig werden.

Andererseits ist es aber auch sehr gut, dass die Puna nicht auf den gängigen Reiseplänen steht. Nur gut, dass ich es endlich in die Tat umsetzen konnte und jetzt dort war, nachdem mir dieses Ziel seit mehr als einem Jahrzehnt im Kopf herumgespukt ist. Hier muss ich auch meinem Mann danken, dem ich sehr lange in den Ohren lag, immer in der Hoffnung, wir könnten die Puna alleine mit Auto bereisen, um dann letztendlich doch immer wieder zu der Einsicht zu gelangen, dass es für uns einfach aus verschiedenen Gründen viel zu riskant ist. So hielten mich verschiedene Umstände davon ab, den letzten Schritt der Buchung zu tätigen, bis ich mich dann vor 1 ½ Jahren mit großem Zuspruch meines Mannes dazu entschied, diesen, meinen, Wunsch endlich in die Tat umzusetzen. Nahezu alle, die mich nach meinen Reiseplänen fragten, und denen ich das Ziel Puna nannte, wussten nicht, wohin es mich zieht. Solche unbekannten Ziele gibt es tatsächlich noch immer auf unserem Planeten, zum Glück noch nicht im Überfluss entdeckt von irgendwelchen Social Media Kanälen, auf denen sich die Selfie-Aufnahmen tümmeln. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie es dort dann an einigen Plätzen aussehen würde.

Wenn ich von „La Puna deja huellas“ spreche, meine ich insbesondere das Folgende: Tagelang waren wir von morgens bis abends unterwegs. Nie, wirklich nie, gab es auch nur eine Minute der Langeweile, ständig prasselten neue Eindrücke auf mich nieder, Landschaften wechselten kontinuierlich, immer wieder neue, gewaltige Landschaften, die regelrecht hinter jeder Kurve auf mich warteten. Ich musste alle Sinne beieinander haben, um nichts zu verpassen. Augenlider schließen während der Fahrt hätte bedeutet, ich verpasse etwas, selbst, wenn es nur für Minuten gewesen wäre. Obwohl ich zuvor theoretisch wusste, was auf mich zukommen würde, habe ich Landschaften gesehen und Eindrücke gewonnen, die ich trotzdem so nicht für möglich gehalten hätte, die mich sprachlos machten, manchmal sogar Tränen in die Augen schießen ließen. Alle Bilder, die ich zuvor gesehen hatte, konnten nur einen winzig kleinen Bruchteil dessen wiedergeben, wie ich es dann im Realen angetroffen habe.

Ich bin der Meinung, diese gewaltigen Szenerien kann man nicht auf Speicherkarte bannen, zumindest ich konnte es nicht, ich konnte es nur versuchen. Genau diese unaufhörlichen, gigantischen Eindrücke haben mich mental nach vielen Tagen tatsächlich erschöpft, sodass ich unglaublich froh war über meine Erholung in Colomé. Das mag möglicherweise auch daran liegen, dass ich nicht dazu neige, nur zu konsumieren, etwas Gesehenes abzuhaken und dann zum nächsten Sightseeing-Höhepunkt überzugehen. Ich möchte gerne die Eindrücke tief in mir festhalten und genau da kam ich dann spätestens nach dem Besuch von Campo de Piedra Pómez an meine Grenzen. Wenn man es so betrachtet, war auch von dieser Seite die Zeitplanung perfekt. Hinter mir liegt eine Reise von nur zwei Wochen, deren gesammelte Eindrücke locker für viele Wochen mehr gereicht hätten. Das ist zumindest mein Empfinden.

Darüber hinaus gibt es noch zwei Punkte, die mir besonders gut als i-Tüpfelchen gefallen haben. Ich wusste, dass wir den einen oder anderen Vertreter der Fauna antreffen werden, aber dass das dann doch in dieser Fülle geschehen wird, damit hatte ich nicht gerechnet. Da ich nicht nur eine Liebhaberin grandioser Landschaften bin, sondern auch dem „Tieregucken“ verfallen bin, hat mich das umso mehr erfreut.

Dann waren da noch die menschlichen Begegnungen auf dieser Reise, wenn auch nicht in großem Umfang. Diese waren allesamt sehr berührend und nicht selten haben sie mich ein ums andere Mal geerdet. Viele dieser Begegnungen wären ohne meinen Guide sicherlich so nicht möglich gewesen, noch weniger, wenn ich gar keine Spanischkenntnisse hätte, wobei diese allerdings auch eher begrenzt sind.

La Puna deja huellas – Die Puna hinterlässt Spuren



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Teil 2008. Jan. 2023
Liebe Mitreisende,

ich danke Euch allen für Euer Interesse an dieser Reise/diesem Reisebericht, für Eure Kommentare, die für mich immer das Salz in der Suppe sind, und natürlich allen Danke-Button-Drückern. Gleichzeitig hoffe ich, dass Eure Erwartungen, die ich zweifelsohne mit meiner Einleitung geweckt hatte, erfüllt werden konnten und ich Euch einfach ein nicht alltägliches Reiseziel, das die Bezeichnung „off-the-beaten-track“ wirklich verdient, vorstellen und näher bringen konnte.

Vielleicht mag der eine oder andere noch etwas dazu schreiben. Ich würde mich auf alle Fälle darüber freuen. Derweil werde ich noch den letzten Teil dieser Reise auf meiner Seite online stellen (und gerne dann auch Bescheid geben, wenn es dort noch mehr Bilder der letzten Reisetage zu sehen gibt) und anschließend überlegen, welchen Reisebericht ich als Nächstes angehen werde.

Viele Grüße

Sabine

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