Namaqualand und Kalahari im August 2021

Reisebericht 55 Antworten · 8'657 Aufrufe · gestartet 08. Aug. 2021 von CarstenS
Themenstarter388 Beiträge · seit 201708. Aug. 2021 · #1
Namaqualand und Kalahari im August 2021
Ein Bericht aus der 3ten Welle der Corona-Pandemie in Südafrika

Woche 1, 30. Juli bis 8. August

Also saß ich am Freitag den 30. Juli im Zug auf dem Weg zum Flughafen nach Frankfurt. Und bereute es, denn der Zug war randvoll, ich musste teilweise sogar stehen. In den letzten 1,5 Jahren hatte ich glaub nicht so viel Kontakt zu Fremden, wie während dieser 2 Stunden Zugfahrt von Kehl nach Frankfurt. Dabei hatte ich nur umweltfreundlich sein wollen, und deshalb nicht das Auto genommen.

Ebenso ging es nun zum ersten Mal seit 1,5 Jahren wieder nach Südafrika. Seit 21 Jahren arbeite ich dort, insgesamt habe ich über 90 Monate meines Lebens dort verbracht. Ich habe hier 2001 das Striemengrasmausprojekt und die Succulent Karoo Research Station aufgebaut (www.stripedmouse.com; https://www.facebook.com/groups/stripedmouse). Seit 2005 war die Station permanent bemannt, erst Corona hatte im März 2020 dazu geführt, dass die lokalen Behörden sie geschlossen haben. Das Goegap Nature Reserve in der Nähe vom Springbok (Northern Cape), wo wir sitzen, sollte als mögliche Quarantänestation dienen. Wir mussten raus. Als das Naturreservat im September 2020 wieder öffnete, ließ mich mein Arbeitgeber, der CNRS in Frankreich, die weltgrößte Forschungsorganisation (ich selber arbeite am IPHC-DEPE in Srasbourg), nicht reisen. Und all mir bekannte Studenten von der University of the Witwatersrand, wo mein lokaler Kooperationspartner Prof. Neville Pillay sitzt und wo ich Honorary Professor bin, die schon ein Mal an der Station waren, konnte nicht helfen.

Zum Glück hatte ich in der Zwischenzeit mit Lindelani Makuya eine andere südafrikanische Studenten getroffen, die bei mir in einem remote internship arbeitete, um eine Datenbank über Sozialsysteme bei Säugertieren zu erstellen. Ein Blick in ihren Lebenslauf zeigte, dass sie auch Erfahrung mit dem Fangen von Kleinsäugern hatte. Zum Glück willigte sie ein, mit zwei rekrutierten Feldassistentinnen (die nachher ziemlich unfähig waren), einen Monat an die Station zu gehen und kontrolliert zu fangen, so dass wir wussten, welche die Tiere die Trockenzeit überlebt hatten. Lindelani masterte die Aufgabe hervorragend, und wie stellten sie deshalb ab Januar 2021 als Research Managerin an, um ein neues Projekt aufzubauen: Costs and Benefits of Solitary Living in Bush Karoo Rats. Sie war Januar bis April wieder an der Station und etablierte den neuen Field Site, erstellte Studienprotokolle, und kümmerte sich um die Infrastruktur. Eigentlich wollte ich kommen, um zu helfen, aber wegen der zweiten Welle in Südafrika wegen der langen Sommerferien über Weihnachten, die nun auch mit voller Wucht das Nordkap erreichte, ließ mich mein Arbeitgeber nicht gehen.

Anfang Juli war Lindelani mit zwei Research Assistant zurück, inzwischen als Doktorandin von mir und Neville. Und endlich bekam ich das OK vom CNRS zu reisen: Ich war inzwischen geimpft und im Nordkap sanken als einziger Provinz in Südafrika inzwischen die Zahlen. Zudem war mein Hilux von den Studenten im April nach Kapstadt gebracht worden, so dass ich vom Flughafen direkt an die entlegene Forschungsstation fahren konnte. Ich wollte zwei Wochen an der Station nach dem Rechten sehen, dann eine Woche in den Kgalagadi, und dann nochmals 2 Wochen an der Station. Mit Hin- und Abfahrt also 5 ½ Wochen.

Der Flughafen Frankfurt war viel weniger stressig, als in der vor Corona Zeit. Schnell war ich eingecheckt. Restaurants schienen aber alle zu zu sein. Boarding ging problemlos. Der Flieger war nicht ausgelastet, links neben mir saß niemand, und in der Reihe rechts von mir (ich saß am Gang) auch niemand. Im Flugzeug bekam ich dann noch die Nachricht des Tages mit: Deutschland hatte Südafrika vom Virusvariantengebiet zum Hochrisikogebiet zurückgestuft. Das war natürlich toll, bedeutete dies doch, dass ich nun nach Rückkehr nicht 2 Wochen in Quarantäne musste, und ich meinen Kurs über Ökophysiologie an der Universität Zürich (wo ich habilitiert habe und nun Titularprofessor bin) womöglich doch in Präsenz und nicht via Zoom werde halten können (der Kurs ist 8 Tage nach meiner Rückkehr, wäre also in der Quarantänezeit gewesen).

Es war ein Direktflug von Frankfurt nach Kapstadt, was ich mir normaler Weise nicht leisten kann (er hatte aber mit Zugfahrt nur 880 Euro gekostet), was sehr angenehm war. Um 6:00 Uhr morgens landeten wir in Kapstadt. Außer uns schien kein anderes Flugzeug um die Uhrzeit angekommen zu sein. Für die Kontrolle des Nachweises eines negativen PCR Tests und des Gesundheitsformular, das ich schon in Deutschland ausgefüllt hatte, musste man trotzdem einige Zeit anstehen. Und sobald wir in Südafrika waren, schienen manche die Covid Vorschriften nicht mehr so wichtig. Eine junge Französin stand so nahe neben mir, während sie mit ihren Freundinnen redete, dass ich mich schon fragte, ob wir verheiratet sind. Nach der Gesundheitskontrolle einschließlich Temperaturmessung ging es dann aber bei Immigration sehr schnell, und mein Gepäck war auch schon da, so dass ich kurz nach 7:00 draußen war.

Als erstes ging es zum ABSA ATM um Geld von meinem südafrikanischen Konto abzuheben. Dann traf ich Duncan von African Overlanders, der meinen Hilux zum Flughafen gefahren hatte. Ich setzte ihn an der Tankstelle ab, von wo er einen Uber zurück nahm. Er meinte, das Geschäft ziehe langsam wieder an, und die Situation in Südafrika wäre doch gar nicht so schlimm, vor allem im Vergleich zu Europa.

Covid Situation im Western und Northern Cape

Kommt wohl darauf an, was man mit „der Situation“ meint. Leider steigen die Covid Zahlen im Western und im Northern Cape zur Zeit wieder rasant, seitdem von Level 4 auf Level 3 des Lockdowns gelockert wurde. Die Leute haben alle irgendwelche Masken auf, häufig von sehr geringer Qualität, halten sich aber nicht an Abstände. Bei uns in Springbok (15 000 Einwohner, mit Umfeld wohl 30 000) sind alleine in der letzten Woche 8 Leute an Covid gestorben. Das sind sehr viele, 5% der zu erwartenden Todesopfer, wenn sich alle infizieren würden (wenn man von einer Mortalität von 1% ausgeht, also insgesamt 150 Todesopfer). Viele der über 50 jährigen sind inzwischen geimpft. Aber für mich ist die Situation viel schlimmer, als ich mir vorgestellt hatte, und ich würde meine Kinder hier nicht mitnehmen. Zur Zeit kann ich eine Reise nach Südafrika niemanden empfehlen. Lediglich alten Hasen, die sich sehr gut auskennen und ihren Trip so planen können, dass sie möglichst wenig Kontakt haben, können es wagen. Ich selber bin bisher nur 2x zum Einkaufen in der Stadt gewesen und habe im Gegensatz zu sonst kein einziges Restaurant betreten.
Die Managerin vom Goegap Nature Reserve, Maxie Jonk, erzählte mir von einem besonders beunruhigenden Vorfall: 5 Touristen aus Gauteng waren gekommen, sie blieben mehrere Nächte in Goegap. Beim Health Screening, als sie ins Reservat kamen, war nichts aufgefallen. Eines nachts riefen sie bei Maxie an, sie müssen aus dem Reserve, da sie krank seien, sie solle das Gate öffnen. Es stellte sich heraus, dass drei der Touristen bereits in Gauteng positiv getestet wurden. Aber da sie sich wohl gefühlt haben, wollten sie auf ihren Urlaub nicht verzichten. Zwei der infizierten fuhren zurück nach Gauteng, die beiden Gesunden fuhren weiter in ihren Urlaub, die dritte wurde zurückgelassen. Maxie musste für diese Transport zurück nach Gauteng organisieren.
In Springbok hatten zwar alle irgendwie Masken auf, aber auf Abstand wurde nicht geachtet. Es war zudem Monatsende, so dass die Läden voll waren. Ich werde in Zukunft nur noch unter der Woche früh morgens Einkaufen gehen, wenn am wenigsten los ist.
Am Montag ging ich zu AutoMac, einer Garage, die sich bisher immer um meine Autos gekümmert hatte. Der deutlich über 60 jährige Chef, ein portugiesischstämmiger, die vor über 40 Jahren aus Angola erst nach Namibia und dann nach Südafrika gekommen war, sah gar nicht aus. Er meinte, er fühle sich seit Tagen schlecht, habe aber keinen Husten. Im Gegensatz zu seiner Frau, die noch kränker war und stark hustete. Beide hatten sich am Freitag testen lassen, aber noch nicht das Ergebnis. Ich sagte ihm, er solle doch um Gottes Willen nach Hause gehen um sich auszuruhen und andere zu schützen. Aber er meinte, er könne noch arbeiten, und er würde ja extra Abstand zu mir halten, um mich nicht zu gefährden. Aber wenn er es hat, was sehr wahrscheinlich ist, dann haben es nun auch alle seinen Angestellten, und sein Sohn, der bei ihm arbeitet. Ich will nächste Woche, wenn ich wieder in der Stadt bin, gar nicht zu ihnen gehen, ich will irgendwie die schlechten Nachrichten gar nicht hören!
Auch im Goegap Nature Reserve hatten sich mehrere Angestellte und Arbeiter angesteckt, darunter bereits im Dezember die Managerin (die gesundet und inzwischen auch geimpft ist). Immerhin hat das Management dort in mehreren Meetings die Belegschaft überzeugen können, sich impfen zu lassen, wenn sie an der Reihe sind. Aber vor 2 Wochen hatte es wieder einen Fall gegeben. Eine Studentin, die hier ein Praktikum hat, wurde positiv getestet. Sie hatte sich erst drei Tage, nachdem sie erste Symptome hatte, gemeldet, da sie zu krank zum Arbeiten war. Immerhin in Goegap, wo nur die Hälfte der Leute pro Tag arbeitet, scheint sie aber niemanden angesteckt zu haben.

Ankunft in Goegap und die erste Woche dort (Bilder auf https://www.facebook.com/groups/stripedmouse)
TEXT FOLGT
zuletzt bearbeitet 10. Aug. 2021
1'523 Beiträge · seit 201108. Aug. 2021 · #2
Guten Tag Carsten,

bin immer dankbar für topaktuelle Infos.................kann so die Situation etwas besser einordnen......in Deiner

Nähe ( Springbok & Umgebung ) scheint die Lage beunruhigend, wenn ich Dich richtig interpretiere.......

LG............................BMW
zuletzt bearbeitet 08. Aug. 2021
Themenstarter388 Beiträge · seit 201708. Aug. 2021 · #4
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Hier mal ein paar Bilder. Einkaufen beim Spar in Springbok. Zwergsukkulenten in der Knersvlakte. Sonnenaufgang an der Station. Das Forschungsteam.
Themenstarter388 Beiträge · seit 201708. Aug. 2021 · #5
Hi BMW,
Ich hatte gedacht, das dünn besiedelte Nordkap hätte die 3te Welle hinter sich und nun ständig sinkende Zahlen, so dass es recht sicher ist. Tatsächlich steigen die Zahlen jetzt aber stark an, und das Verhalten der meisten hier erklärt das. Ich denke im Juli 2022 werden 50% der Leute hier infiziert gewesen sein, 50% geimpft.
1'394 Beiträge · seit 200908. Aug. 2021 · #6
Hallo Carsten,

vielen Dank für diesen sehr interessanten (wenn auch in der Sache nicht schönen) Beitrag.
Ich war allerdings sprachlos, als ich über das Verhalten der Touristen las ... unfassbar!
Werden da von Südafrika keine Maßnahmen ergriffen, wenn jemand einen positiven Test hat? Oder waren es südafrikanische Touristen?

Drücke Dir die Daumen, dass es mit dem Forschungsgebiet, der Station etc. bald wieder so weiter geht, wie Du es Dir wünscht. Ich lese aus Deinen Zeilen heraus, wie sehr es Dir am Herzen liegt.

Viele Grüße
Sabine
Gast09. Aug. 2021 · #7
Danke CarstenS für die Situationsbeschreibung und Erdung. Genauso kommt das zustande, was sich seit Monaten abspielt und auch weiterhin abspielen wird. Vieles hier Geschriebene bildet die Lebensrealität in den Gastländern wohl nicht wirklich ab. Somit ist das auch noch lange nicht vorbei, mM. ....auch PS. wenn sich Einige immer wieder an "positiven Zahlentrends" erfreuen.
Grüße und viel Erfolg.
Werner
zuletzt bearbeitet 09. Aug. 2021
Themenstarter388 Beiträge · seit 201710. Aug. 2021 · #8
Das waren Südafrikaner.
Ich muss sagen, bei meinem Besuch in der Kalahari nächste Woche, wo wohl fast nur Südafrikaner sein werden, werde ich mich bei einer solchen Einstellung nicht wohl fühlen, wenn ich Leuten begegne.
Themenstarter388 Beiträge · seit 201710. Aug. 2021 · #9
Tipp: Besuch der lebenden Steinen in der Knersvlakte auf dem Weg von Kapstadt nach Namaqualand / Namibia

Wenn man auf der N7 von Kapstadt nach Springbok / Namibia fährt, fährt man auch durch die Knersvlakte, eine von Quarzitsteinen gekennzeichnete Ebene, die zur Sukkulentenkaroo gehört und einen Biodiversitätshotspot darstellt. Die trockene Knersvlakte ist berühmt für seine hohe Anzahl endemischer Zwergsukkulenten, die nur hier und sonst nirgendswo auf der Welt vorkommen.
Von Kapstadt aus kommt man nach etwa 270 km zum Städtchen Vanrhynsdorp. Hier beginnt Namaqualand. Von Vanrhynsdorp aus sind es auf der N7 nur 26 km bis man unter einer riesigen Brücke hindurchfährt. Kurz danach ist rechts eine alte verlassene Farm. Diese war früher die Quagsskop Kwekery, eine Gärtnerei für Zwergsukkulenten der Knersvlakte
Die Gärtnerei ist leider schon seit vielen Jahre zu, aber es gibt noch den Naturlehrpfad der Gärtnerei, den man kostenlos erkunden kann. Genau gegenüber der Gärtnerei (also auf der linken Seite der N7) ist eine Dirt Road. Diese fährt man ca. 5 Minuten lang, dann ist links ein kleiner Parkplatz. Durch ein Tor geht es dann auf den Naturlehrpfad („Wandelpad“).
Ein Besuch lohnt sich vor allem im Winter und Frühling. Als ich am 31. Juli vorbeifuhr, machte ich einen kurzen Stopp von weniger als einer Stunde. Es gab schon viele Zwersukkulenten zu sehen, auch wenn nur wenige blühten. Die kleinen Türme der Crassula columnaris blühten aber, und es gab auch mehrere Arten lebender Steine zu sehen, darunter Conophytum und Lithops.
Themenstarter388 Beiträge · seit 201710. Aug. 2021 · #10
Hier Bilder der Knersvlakte
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630 Beiträge · seit 200810. Aug. 2021 · #11
Danke Carsten für den Tipp.

Wenn es die Umstände zulassen, möchte ich Ende August 2022 von Kapstadt aus ein paar Tage das Namaqualand besuchen. Da wäre die Knersvlakte ein schöner Stop.

Viele Grüße
Klaus
Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet. (Hans Magnus Enzensberger)
Themenstarter388 Beiträge · seit 201711. Aug. 2021 · #12
Ankunft in Goegap und die erste Woche dort (Bilder auf https://www.facebook.com/groups/stripedmouse)

Nun kam ich also nach fast genau 1,5 Jahren wieder an der Succulent Karoo Research Station im Goegap Nature Reserve bei Springbok an. Ich hatte die Forschungsstation 2001 gegründet, um das Sozialverhalten von Striemengrasmäusen zu erforschen und wie sie sich durch Flexibilität im Verhalten und ihrer Physiologie an die harsche Umwelt anpassen können, die sich über die Jahreszeiten und Jahre stark verändert. Seit 2005 war die Station permanent besetzt, d.h. jede Woche wurde die Population beobachtet. Corona machte dem im März 2020 ein Ende, wir mussten evakuieren.
Die Station war in sehr gutem Zustand, dank Lindelani und eines lokalen Farmers, der mehrmals im Jahr nach dem Rechten schaut. Eigentlich ist David kein Farmer, sondern er und seine Frau Ann halten Pferde und bieten Pferdesafaris an, die ich sehr empfehlen kann. Auf jeden Fall war die Station dank Lindelani in besserem Zustand, als sonst. Normaler Weise, wenn ich ankomme, muss ich Tage damit verbringen, Sachen in Ordnung zu bringen, die der Stationsmanager nicht machen konnte oder (beim letzten) nicht machen wollte. Diesmal dauerte es keine 30 Minuten, und die Probleme waren behoben: Ein Wasserhahn ausgetauscht, der Gieser für die Küche mit einem Trick angemacht (der Schalter ist kaputt, aber man kann unter die Abdeckung greifen und das Gas zum Fließen bringen) und den versteckten Hahn hier aufgedreht, einen der Solarregulatoren an und wieder ausgemacht, damit die Anzeige wieder stimmte (er zeigte die Voltage richtig an, aber nicht den Ladestatus der Batterien).
Unsere bisherigen Manager wurden 3 Monate von den vorherigen eingelernt. Die jetzigen Studenten mussten ohne Einarbeitung klarkommen und haben das hervorragend geleistet. Vor allem Lindelani, ein 28jährige Venda, die in Soweto aufgewachsen ist und in Gauteng studiert hat. Seit gut einem Jahr arbeite ich mit ihr und kenne sie nur via zoom. Und was war das Erste, was sie sagte, als sie mich leibhaftig sah? „Ich bin ja größer als du“, was noch nicht mal stimmt. Aber das Vorurteil, dass Venda sehr schlanke lange Personen sind, stimmt schon. Im Gegensatz dazu Emily, die deutlich übergewichtig und kleiner ist, aber trotzdem im Feld sehr gut mithält. Als sie4 war, zog ihre Familie von Ghana nach Limpopo, wo ihr Vater als Arzt in einem Krankenhaus arbeitet. Sie hat erst in Venda studiert und dann an der University of Pretoria Wildlife Management mit dem Master abgeschlossen. Dort hatte sie auch Lindelani getroffen, die einen Master in Zoologie hat. Und schließlich Tammy, die auch in Limpopo aufwuchs, auf einer Game Farm, die ihren englischsprachigen Eltern gehört. Die Farm wurde dann zu einem Tourismusressort mit 2 Restaurants, das während Corona geschlossen und umgebaut wurde zu Miethäusern. Diese sind vermietet, die Eltern haben viel weniger Stress und Arbeit und immer noch genug Geld, um im Land rumzureisen. Opfer waren die vielen Angestellten, die ihre Jobs verloren haben. Alle drei kommen gut miteinander aus, lieben aber auch die Abgeschiedenheit der Station, an der es kein Telefon, Internet, oder Handyempfang gibt. Lindelani ist die ruhigste, aber auch die kompetenteste, so dass sie von den beiden anderen als Chef respektiert ist. Emily ist die gesprächsfreudigste; ich hoffe, sie wird es hier in der Einsamkeit bis Ende November aushalten. Tammy ist eine typisch unglaublich freundliche Südafrikanerin, die immer ein Lächeln auf den Lippen hat. Ihr freundlichstes „Good morning, how are you“ haut meine morgendliche Mißgrämigkeit immer etwas um. Am härtesten arbeitet bei weitem Lindelani, die selbständig Probleme sieht und löst, und weiß, was zu tun ist und ein Problem gleich am nächsten Tag mit Extraarbeit löst. Sie ist extrem gut organisiert und hat schon fast einen Fimmel, dass alles in Ordnung und ordentlich ist. Die beiden anderen brauchen dann doch immer einen Anstoß, um etwas Zusätzliches zu machen.
Themenstarter388 Beiträge · seit 201711. Aug. 2021 · #13
Goegap Naturreservat
Als ich nach Goegap reinfuhr, fiel mir sofort auf, wie grün es ist. Wir hatten die letzten Jahre ein schlimme Dürre, mit nur 60-80mm Regen am Field Site, der über 20 Jahre einen Mittelwert von 160mm gehabt hatte. Das letzte Mal, das es so grün war, war meiner Meinung nach 2014. Die Pflanzensurveys, die wir die Woche darauf machen sollten, würden das bestätigen: Seit 2014 hatten wir im August nicht so viele verschiedene Pflanzenarten in unseren Monitoring Plots gezählt.
Am Sonntag den 1. August (Gruß an alle Schweizer!) nahm ich die Studentinnen mit auf einen Trip auf die 4x4 Route von Goegap. Diese kann ich wirklich allen 4x4 Enthusiasten empfehlen: Tolle Landschaften, hervorragende Aussichten, und wirkliches 4x4. Gut, Low Range braucht man nur selten, aber im Vergleich zu den 4x4 Touren in manchen Nationalparks (z.B. dem Namaqua Nationalpark) fühlt man sich hier mit dem 4x4 am richtigen Platz. Wir fuhren den Klippas hoch, rüber auf die Ebene von Ja-leegte, den Witsandpass und dann rüber zum Klippad, von wo es dann zurück zu Station ging.
Wir fuhren durch herrliche Granit Felsenlandschaften, auf denen zahlreiche der urigen Köcherbäume in allen Formen und Größen wuchsen, vorbei an ungewöhnlich grünen Ebenen, die sonst nur von Sand gefüllt sind. Die letzten Wochen war es feucht und kalt gewesen, so dass die Wildblumen noch nicht blühten. Doch nun war es warm, gut 25C, und die Blütenexplosion nur wenige Tage entfernt.
Oben bei Ja-leegte (der Name bedeutet so viel wie „gar nichts“), war es kaum grün. Diese Ebene gehört bereits zum angrenzenden Buschmannland, das Sommer- und nicht Winterregen hat. Der Witsandpass ist ein Van Zyls Pass im Miniformat. An seinem Anfang schaltete ich deshalb in low-range, und langsam, mit schöner Aussich, geht es darüber. Beim Abstieg ist eine Kurve so eng, dass ich jedes Mal sogar den Rückwärtsgang einlegen muss (sowohl mit dem jetzigen Hilux, aber auch meine Defender früher). Die schönsten Aussichten mit Köcherbäumen gab es nach dem Klippass beim Klippad, der der deutlich längste Pass der Route ist, aber nicht schwierig zu befahren.
Die Trockenheit der letzten Jahre hatte der Vegetation stark zugesetzt, was durch den hohen Wildbestand and Gemsbok und Springbok nicht besser wurde. Deshalb wurde in den letzten Jahren mehrere Culling-Events durchgeführt. 2019 führe dies sogar dazu, dass alle Sträuße im Reservat abgeschossen wurden. Diese waren besonders unbeliebt, da sie die Pflanzen mit den Wurzeln rausreißen, so dass nicht nur nichts mehr nachwächst, sondern aus auch zu Erosion kommt. Trotzdem war nicht geplant gewesen, alle Strauße zu entfernen, aber es passierte dann doch. Für mich ein Paradebeispiel, wie der Mensch eine scheinbar häufige Art in kurzer Zeit zum (lokalen) Aussterben bringen kann.
Das letzte Culling fand in der zweiten Januarwoche statt. Auf unserer Fahrt sahen wir nur sehr wenige Gemsböcke, und ich sah bisher keinen einzigen Springbok in Goegap. Dafür sahen wir sehr viele Hartmanns Bergzebras. Goegap ist der einzige Ort in Südafrika, wo diese ansonsten auf Namibia begrenzte Unterart der Bergzebras vorkommt. Als ich 2001 zum ersten Mal nach Goegap kam, waren die Bergzebras sehr selten, und in meinem ersten Jahr sah ich sie nur 2 Mal. Heute sahen wir auf der Fahrt mindestens 5 Familiengruppen und auch in den nächsten Tagen sah ich sehr viele Bergzebras.
zuletzt bearbeitet 11. Aug. 2021
Themenstarter388 Beiträge · seit 201711. Aug. 2021 · #14
Karte von Goegap und Bilder des Drives am Sonntag.
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Themenstarter388 Beiträge · seit 201711. Aug. 2021 · #15
Die Corona Zahlen im Nordkap: https://covid-19dashboard.news24.com/northern-cape?fbclid=IwAR2z1NTcDObfXBsgGxHRz_jjJM54agxAmD6hgJQ__iEH8RHAV4mAb7xL_bY

Ich habe meine Studenten angehalten, beim wöchentlichen Town Trip nur noch das Nötigste zu besorgen, d.h. alles im Checker.

Im Westkap / Kapstatdt sieht es noch schlimmer aus: https://covid-19dashboard.news24.com/western-cape
zuletzt bearbeitet 11. Aug. 2021
3'883 Beiträge · seit 201111. Aug. 2021 · #16
Guten Morgen Carsten,
vielen Dank für deinen hochinteressanten Bericht. Er hat mir einige "Ahas!" beschert. Mach weiter so, ich freue mich auf weitere Infos jenseits der üblichen Reiseberichte. (Die ich natürlich auch gerne lese 🙂 !)

LG freshy
Reiseberichte und Videos Video:Bootsafari auf dem Kwando 2018 Forum(2016): Südafrika & KTP Forum(2013): Zwei Gruftys in Botswana Forum(2013): Fünf Tage in Johannesburg Web:Namibia & Botswana 2017 Video:Sani Pass 2015 Web:Südafrika & Lesotho 2015 Web:Auf Pad im südl. Afrika 2014 Video:Elefanten im Senyati Safari Camp 2013 Web:Namibia 2011
886 Beiträge · seit 200711. Aug. 2021 · #17
Moin Carsten,

Vielen Dank für deinen informativen und ungeschönten Bericht.
In Springbok haben wir nur während eines kurzen Zwischenstopps die Touri info, Bellas Café und Benjamin Fromm kennengelernt, alles äusserst nette Begegnungen und dir sicherlich auch bekannt. Hat Bellas Café bis heute überlebt?
Von dem 4x4 Trail hatte ich vorher noch nie gehört, vielen Dank auch dafür, vielleicht schaffen wir es irgendwann noch mal zur Blüte in diese Gegend, dann hab ich ihn auf dem Zettel.

LG
Lisolu
Themenstarter388 Beiträge · seit 201711. Aug. 2021 · #18
Springbok in flowers today

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34 Beiträge · seit 202111. Aug. 2021 · #19
Oh toll the Blumenwiesen 🙂 Auch was auf meiner Reise-Bucket-Liste 🙂

Ich setzte mich hier dazu und lese mich mal durch Deinen Bericht.

Viele Grüße
Conny
Afrikareisen: Südafrika (2015), Tansania mit Sansibar (2017), Seychellen (2018), Uganda und Ruanda (2018), Kenia (2019) --- to come: Namibia 2022, Patagonien (Plan 2023) Andere u.a.: Indonesien, Taiwan, Laos, Kambodscha, Ecuador & Galapagos, Costa Rica, Kuba, Guatemala, Mexiko, Honduras, Norwegen, Kanada, Brasilien (Pantanal), Ostgrönland, Madeira
Themenstarter388 Beiträge · seit 201712. Aug. 2021 · #20
Das Projekt
Die Woche verbrachten wir mit Feldarbeit. Wir untersuchen das Sozialsystem der Buschkarooratte (BKR; Otomys unisulcatus), um zu verstehen, wie und warum Tiere solitär leben. Die BKR ist gut 100g schwer und ein flauschiger runder grauer Wollbäul, mit kleinen schwarzen Augen. Dankbarer Weise sind sie tagaktiv und leben in großen Nestern, sogenannten Stick Lodges, an denen sie ständig rumbauen, als wären sie die Schwaben Südafrikas. Solche Lodges werden von vielen Generationen von BKRs benutz, die größte bei uns von mindestens 20! Bisherige Studien deuten darauf hin, dass sie Einzelgänger sind, eine Sozialform, die bisher viel zu wenig Interesse von der Wissenschaft bekommen hat. Meine Doktorandin Charlotte in Strasbourg arbeitet theoretisch über soziale Organisation von Säugetieren, und alles deutet darauf hin, dass bei dieser Tiergruppe die solitärr Lebensweise nicht die ursprüngliche Form ist. Tatsächlich gibt es bereits für Cynodonten, Vorfahren der Säugetiere die vor 250 mio Jahren lebten, Hinweise, dass diese in Paaren oder Gruppen gelebt haben. Und das allgemeine Bild, die meisten Kleinsäuger wären halt solitär, territorial und sehr aggressiv gegenüber Fremden, zu denen ihre Jungen gehören, wenn diese älter werden, beruht mehr auf Meinungen als auf wissenschaftlichen Fakten.
Das bestätigt schon ein erstes vorläufiges Ergebnis unserer Studien: Es ist nicht so, dass die Mutter die Jungtiere verjagt, wenn diese älter werden. Tatsächlich kommt es häufig vor, dass die Mutter selber wegzieht! Sie überlässt den Jungen ihre Lodge und siedelt selber in eine andere Lodge in ihrem Territorium um. So kann man auch das Hotel Mama vermeiden?
Woher wissen wir das? Wir untersuchen alle Lodges auf dem Field Site von 6ha, welche bewohnt sind und von wem. Wir fangen die Tiere 5 Tage die Woche in Fallen und markieren sie. Morgens und abends sitzen alle Studenten jeweils für 30 Minuten vor einer Lodge und beobachten die Tiere, nehmen alle Verhaltensweisen auf. Das Gebiet ist sehr offen, die Tiere wie gesagt tagaktiv, und schon einiger Massen an uns gewöhnt. So ging ich jeden Morgen und Nachmittag mit den Studenten raus um zu fangen, und konnte da dann doch einige Sachen einbringen, wie es besser gemacht werden kann. Dabei haben sie die Sache sehr gut gemacht und alle Daten bekommen, die wir brauchen. Aber nach 20 Jahren Erfahrung gibt es einfach einige Sachen, die man beachten muss, um Fehler in Zukunft (z.B. von weniger guten / motivierten Studenten im Projekt) zu vermeiden. Und ich beobachtete auch meine BKRs, so dass das Datenblatt hierzu verbessert werden konnte.
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