Reisebericht

Mit Öffis durch Ostafrika u. Ost-Kongo

von Gu-ko · begonnen 14. Feb. 2017 · 19 Teile

Teil 114. Feb. 2017
Mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch Ostafrika und den Ostkongo (D.R. Kongo) Nov/Dez 2016

Vor fast genau drei Jahren (Nov-Dez. 2013) waren wir(*) zuletzt in Ostafrika unterwegs. Damals fuhren wir u. a. mit der legendären M.V. Liemba auf dem Tanganjikasee von Mpulungu (Sambia) nach Kigoma (Tansania) und weiter durch Ruanda und Uganda bis zu Kenias Küsten und Stränden.
Reisebericht 2013: Ostafrika Reise...

(*)Wir, das sind meine (kenianische) Frau und ich.

Dieses Mal (Nov.-Dez. 2016) reisen wir sechs Wochen durch Ostafrika und in den Ostkongo. Der Kongo (D.R.C) gehört auf unserer Reiseroute als einziges Land zu Zentralafrika. Laut Wikipedia werden manchmal auch Ruanda und Burundi zu Zentralafrika gezählt, aber, da sie östlich des Grabenbruchs liegen, passen sie geographisch besser zu Ostafrika.


Reiseroute Nov.-Dez.2016


Reiseverlauf

Unsere Reise beginnt in Kenia. Nach kurzem Aufenthalt in Nairobi ist unser erstes Ziel das Städtchen Webuye in Westkenia. Dort lebt die Familie meiner Frau, die wir für ein paar Tage besuchen wollen.
Unser nächstes Ziel liegt rund 1200 km östlich von Nairobi: Die Virunga Vulkane im Nord-Kivu-Gebiet der Demokratischen Republik Kongo. Dort lockt uns der Nyiragongo Vulkan mit seinem Lavasee. Spontan ergibt sich der Besuch einer Berggorilla Gruppe im Virunga National Park.
Danach fahren wir über Ruanda (Kivu-See) nach Tansania (u. a. mit der Tanganjika-Bahn) bis zum Malawisee, an dessen Ufern wir ein paar Tage relaxen wollen, bevor es wieder nach Deutschland zurückgeht.

Da wir keinen fixen Reise- oder Zeitplan und, abgesehen von der Vulkantour im Kongo, nichts im Voraus gebucht haben, können wir sehr flexibel reisen. Lediglich Datum und Ort des Rückfluges stehen von Anfang an fest.

Flüge: Frankfurt-Nairobi (Kenya) - Lilongwe (Malawi)-Frankfurt, jeweils mit Ethiopian Airlines.
Besuchte Länder: Kenia, Uganda (nur Durchfahrt), Ruanda, Ostkongo, Tansania, Malawi
Reiseart: Mit wenig Gepäck und öffentlichen Verkehrsmitteln, längere Strecken mit (Mini-)Bus, Schiff, Zug, Sammeltaxi, kürzere Strecken mit Matatu, Dala-Dala, Tuk-Tuk, Boda-Boda oder Piki-Piki

Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln funktioniert in Ost-Afrika grundsätzlich sehr gut. Längere Strecken kann man in (mehr oder weniger) komfortablen Reisebussen zurücklegen. Abseits der Hauptrouten oder auf kürzere Strecken sind in der Regel Kleinbusse (Matatus, Dalla-Dallas) oder Sammeltaxis das Verkehrsmittel der Wahl. Ein Leckerbissen, wenn man‘s mag, sind die Züge, die auf einigen Strecken noch verkehren. Langsam, hoffnungslos veraltet, aber mit viel Flair. Hier ist der Weg das Ziel.


Reisen im Matatu


Reisen mit Bus und Sammeltaxi


Reisen im Zug

Während die Überlandbusse der besseren Busgesellschaften recht komfortabel sein können, sieht es bei den Minibussen, Matatus und Sammeltaxis anders aus. Stundenlanges, eingezwängtes Sitzen in überfüllten, schrottigen Fahrzeugen ist keine Ausnahme. Menschen und Gepäck werden im Innenraum quasi gestapelt. Es ist unbequem, eng und nichts für Menschen mit Platzängsten. Fast jeder Passagier hat noch Gepäck und/oder ein Kleinkind dabei. Dazu kommen Hitze, Staub und die seltsamsten Gerüche. Verängstigte Hühner gackern aus verschnürten Bündeln, Eimer mit stinkendem Fisch werden zwischen Sitze geklemmt. Oder die Fahrt wird von überlauter Musikbeschallung begleitet, was zu akustischer Folter werden kann.

Der Fahrstiel der Buslenker ist, aus mitteleuropäischer Sicht, riskant, oft rücksichtslos, manchmal schlicht kriminell. Aber um fair zu bleiben, es gibt auch coole Busfahrer, die ihr Handwerk beherrschen und erstaunliches leisten. Schlechte Straßenverhältnisse und heruntergewirtschaftete Fahrzeuge erhöhen zusätzlich das Unfallrisiko. Aber wir sind in Afrika und hier scheint es zu funktionieren, zumindest meistens…

Bei den lokalen Verbindungen (Minibusse/Sammeltaxis) gibt es keine festen Abfahrtszeiten. Sie fahren erst los, wenn alle Sitzplätze verkauft sind. Das kann dauern. Und fahren sie endlich, beginnt ein nervendes Stop-and-Go: Beschleunigen, abbremsen, Tür auf, Menschen raus, Menschen rein, Tür zu, beschleunigen... ein paar hundert Meter später das Gleiche wieder.

Aber es macht auch Spaß. Es ist eine unabhängige Art des Reisens und es ist eine interessante Art des Reisens. Langweilig wird es nie. Es ist billig, kostet dafür manchmal viel Zeit und Nerven. Man ist mitten im Geschehen, bekommt Land und Leute hautnah mit, und das im wahrsten Sinne des Wortes. 😉
Teil 215. Feb. 2017
Teil 1 - Kenia

Anfang November 2016. Von Addis Abeba kommend landen wir gegen Mittag in Nairobi. Ein bisschen weltstädtisches Flair habe ich vom Jomo Kenyatta Airport in Nairobi schon erwartet, gilt er doch als größter Flughafen Ostafrikas. Vielleicht gibt es woanders einen Bereich, der einem internationalen Hauptstadtflughafen eher gerecht wird, die Ankunftshalle gehört jedenfalls nicht dazu. Wir werden durch einen Raum geschleust, der stark an einen übergroßen Container erinnert. Menschen stehen in dichten Schlangen vor den Passkontrollen, oder drängeln um Tische, auf denen sich gelbe und weiße Formulare stapeln. Das Ausfüllen der Einreisepapiere haben wir zum Glück schon im Flugzeug erledigt, sodass wir uns direkt in die Schlangen vor den Immigration-Schaltern einreihen können.

Eins muss man den kenianischen Beamten lassen, trotz des Massenandrangs geht es flott voran. Gefühlte zehn bis fünfzehn Minuten später stehen wir vor dem Pult des Immigration Officers. Die sorgfältig ausgefüllten Einreiseformulare und Zollerklärungen landen achtlos in einem Karton. Ich vermute, es ist völlig egal was man da reinschreibt. Ich werde fotografiert, dann Fingerabdruck-Scan, 40 Euro fürs Visum bezahlen und wir dürfen einreisen.

Beim Gepäckband holen wir unsere Koffer und die Rucksäcke und gehen unbehelligt durch den Zoll. Mit rund 80kg haben wir deutlich mehr Gepäck, als man für eine Rucksackreise erwarten würde. Aber das Gewicht wird sich nach dem Familienbesuch deutlich reduzieren…

Der Bruder meiner Frau holt uns vom Flughafen ab. Das erspart uns das Gefeilsche mit den Taxifahrern, die am Ausgang des Terminals herumlungern. Auch ein Hotelzimmer hat er reserviert, sodass ich mir, während wir uns durch dichten Verkehr Richtung Innenstadt quälen, beinahe wie auf einer Pauschalreise vorkomme… 😎


Nairobi - Central Business District

Nairobi

Nairobi gehört nicht zu meinen Traumzielen in Afrika. Die Stadt hat, was die Sicherheit anbelangt, weltweit einen schlechten Ruf. Nicht umsonst hat sie unter Reisenden den Spitznamen „Nairobbery“ bekommen. Die Kriminalitätsrate ist hoch und die Gefahr ausgeraubt zu werden, wird als ‘nicht gering‘ eingestuft. Auch wenn ich bei meinen bisherigen Besuchen diesbezüglich keine negativen Erfahrungen gemacht habe, fühle ich mich manchmal doch etwas unbehaglich, wenn ich in den Busbahnhofsvierteln östlich der Moi Avenue, oder nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs bin. Nachts sollte man zu Fuß am besten überhaupt nicht mehr auf den Straßen sein. Aber da wir zwecks Familienbesuchs in den Westen Kenias wollen, lässt sich ein Aufenthalt in der Hauptstadt nicht vermeiden.


Nairobi Busviertel

Das Kima Hotel liegt in der Ambala Road, in einer ziemlich lebhaften Gegend, ein paar Querstraßen nördlich der berüchtigten River-Road. In diesem Viertel befinden sich auch die Booking Offices der größeren Busgesellschaften und viele Überlandbusse und Matatus fahren hier ab. Tagsüber verstopfen Fahrzeuge aller Art und Größe die engen Straßen, dazwischen geschobene oder gezogene Handkarren und ein nicht enden wollender Strom von Menschen. Die Gegend ist laut und chaotisch, die Straßen schmutzig und wenn man direkt aus Europa kommt, braucht man etwas Zeit um sich daran zu gewöhnen.

Ganz anders sieht es nachts aus. Kaum wird es dunkel schließen die Geschäfte, Menschen und Fahrzeuge verschwinden, die Straßen sind wie ausgestorben. Kaum jemand ist jetzt noch zu Fuß unterwegs. Ein paar ärmliche Gestalten kauern auf Pappkartons in den Eingangsbereichen der Häuser, einzelne Frauen stehen frierend vor heruntergekommenen Hotels. Dann und wann sehe ich einen in eine rotkarierte Decke gehüllten Masai-Wächter durch die trüb beleuchteten Straßen patrouillieren. Doch ob der Stock, den er in der rechten Hand trägt, viel gegen Nairobis böse Buben ausrichten kann, bezweifle ich.


Ambala Road


Ambala Road
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Teil 315. Feb. 2017
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Wir bleiben drei Tage in Nairobi. Wenn ich schon mal hier bin, möchte ich etwas von der Stadt sehen. Bei einem Spaziergang kommen wir zufällig am Kenyatta International Conference Centre (KICC) vorbei. Das KICC ist sowas wie das Wahrzeichen Nairobis. Es besteht aus einem ziemlich hässlichen, turmartigen Hochhaus, einem Amphitheater, das einer traditionellen afrikanischen Hütte nachempfunden sein soll, und einer gepflasterten Parkanlage, in der sich Springbrunnen, bunte Fähnchen und eine Statue von Kenias erstem Präsidenten Jomo Kenyatta befinden.

Der Blick von oben muss toll sein. Bevor wir auf das Gelände dürfen, werden wir gründlich gefilzt, Gepäckkontrolle und Ausweiskontrolle. Möchte man zur Aussichtsplattform auf dem Dach des 105 Meter hohen Turmes muss man sich in ein Besucherbuch eintragen und seinen Ausweis abgeben. Ein Aufzug bringt uns bis zum 27. Stockwerk des KICC-Towers. Dann nochmal vier Stockwerke zu Fuß und wir sind ganz oben. Und wow - der Ausblick über Nairobi ist phantastisch!


Das KICC


Kenyatta


Nairobi - Central Business District – City Hall


Nairobi


Nairobi – Accra Road

Im Central Business District (CBD) dominieren Wolkenkratzer, Bürotürme und Regierungsgebäude. Die Skyline einer modernen Großstadt. Dazwischen Banken, Restaurants, Elektronikläden und ein paar wenige überlebende Bauten aus der Kolonialzeit. Hier ist nichts von Massenarmut, Dreck und Chaos zu sehen. Aber der Business District ist überschaubar. Eine kleine, moderne, saubere Insel inmitten einer Großstadt, die, je weiter man sich in die Außenbezirke bewegt ärmer, chaotischer, und unsicherer wird.


Nairobi CBD


Nairobi - Uhuru Park


Nairobi - Street


Nairobi - Street


Nairobi – Street


Nairobi – Street


Nairobi – Street

Außer Sightseeing gibt es einen weiteren Grund, warum wir drei Tage in Nairobi bleiben. Ein paar hundert Kilometer westlich von Nairobi, in einer Kleinstadt namens Webuye, freut sich ein kleines Mädchen riesig auf ein Fahrrad. Eigentlich wollten wir das Fahrrad von Deutschland mitbringen, aber da wir schon ziemlich viel Gepäck haben und der Transport bei Ethiopien Airlines stolze 100 Euro kostet, wollen wir das Fahrrad in Nairobi zu kaufen.

Wie sich herausstellt, ist das gar nicht so einfach. Bei den Gebrauchtfahrradhändlern stehen überwiegend abgewirtschaftete Gurken herum, die sich weder optisch als Geschenk eignen, noch technisch überzeugen. Wir versuchen es im kenianischen Einkaufsparadies Nakumatt (You Need it, We've Got It), aber auch dort Fehlanzeige. Was wir zu sehen bekommen ist fabrikneuer Schrott aus China und dazu noch schweineteuer.

Aber wer sucht der findet. Mit Hilfe der Schwester meiner Frau, die in Nairobi wohnt und sich einigermaßen auskennt, gelingt es uns am zweiten Tag, nach stundenlangem herumirren durch ziemlich dubiose Viertel und Straßen, ein qualitativ gutes Fahrrad zu finden. Es ist gebraucht, jedoch gut erhalten und dürfte von der Größe perfekt passen.
🙂
Teil 417. Feb. 2017
Nairobi – Webuye

Vom Kima Hotel zur Busabfahrtsstelle vor dem Panther-Bus-Büro in der Cross Road ist es nicht weit. Man könnte locker laufen. Da wir jede Menge Gepäck und auch noch ein Fahrrad dabeihaben, laden wir alles in ein Taxi und lassen uns die paar hundert Meter fahren.

Der Panther-Bus wirkt etwas heruntergekommen, die Sitze zerschlissen, aber sonst sieht er ganz ok aus. Es dauert eine Weile bis das ganze Gepäck verstaut ist und jeder seinen Platz gefunden hat. Gegen16.30 Uhr geht es los. Nachdem wir Nairobis Verkehrschaos hinter uns gelassen haben, nimmt der Verkehr rasch ab. Die Landschaft ist, soweit ich es durch die staubigen Pantherbusfenster erkennen kann, hügelig-grün, bunte Häuser flitzen vorbei, gelegentlich kleine Siedlungen, später Kakteen und kahle, trocken wirkende Büsche und Bäume. Es wird bald dunkel. Der Vollmond taucht die Landschaft in fahles Licht.

Wir sitzen vorne, direkt hinter dem Busfahrer. Aus der Musikanlage dröhnen dumpfe Bässe. Der Fahrer wirkt aufgedreht, als hätte er Speed-Tabletten geschluckt. Mit seiner schrillen Stimme übertönt er Fahrgeräusche und Sound. Riskante Überholmanöver wechseln mit abrupten Abbremsungen vor den Bremsschwellen, die alle paar Kilometer den Fahrer zwingen das Tempo zu reduzieren.


Panther Bus nach Webuye


Unterwegs


Unterwegs


Unterwegs – Vollmond

Webuye

Kurz vor Mitternacht sind wir in Webuye. Der Panther-Bus schmeißt uns direkt am Eldoret-Malaba Highway, etwas außerhalb des Zentrums, raus. Die Straße ist von einfachen Häusern und Hütten gesäumt, die man aber in der Dunkelheit kaum sieht. Vor den geschlossenen Geschäften und Verkaufsstände lungern dunkle Gestalten herum. Die Gegend gilt als nicht sehr sicher und da wir mit dem ganzen Gepäck eine fette Beute abgeben würden, haben wir vorsichtshalber schon von unterwegs ein Taxi bestellt, das uns vom Bus abholen soll.

Wir lassen uns zum Leisure Resort bringen, einem einfachen Hotel in der Nähe. Wir haben früher schon einmal dort gewohnt und hatten es als ganz ok in Erinnerung. Als wir ankommen wirkt das Gebäude dunkel, verlassen und irgendwie heruntergekommen. Wir sind die einzigen Gäste. Es erfolgt keine Registrierung und als ich dem verschlafen wirkenden Hotelmanager 1000 Shilling für die Übernachtung bezahle, bekomme ich keine Quittung.

Egal, nach der langen Fahrt freue ich mich auf ein Bett und eine Dusche. Als ich die Elektrodusche aufdrehe, kommt ein brauner, muffig riechender Schwall Wasser heraus. Hier hat wohl schon lange keiner mehr geduscht. Ich lasse das Wasser eine Weile laufen, bis es klarer wird. Oben am Duschkopf ist ein Schalter um die Wassertemperatur einzustellen. Je nach Einstellung kommt das Wasser entweder kochend heiß oder kalt. Um eine einigermaßen erträgliche Wassertemperatur zu erreichen muss ich während des Duschens immer wieder zwischen kalt und warm hin- und herschalten. Dabei entstehen kleine Blitze im Plastikgehäuse des Duschkopfs und das Licht im Zimmer flackert. Irgendwie unheimlich, wenn man nass im Bad steht.


Webuye Hauptstraße

Mit 20000 Einwohnern ist Webuye eine Kleinstadt. Früher (zwischen 1970-2009) war die Papierfabrik ‚Pan African Paper Mills’ größter Arbeitgeber in Webuye und sorgte für einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung, allerdings auf Kosten der Umwelt. Berichten zufolge soll die Luft damals von stinkenden Abgasen verpestet gewesen sein. Man roch Webuye schon lange bevor man es sah. Durch die Schließung der Papierfabrik vor sieben Jahren verloren zahlreiche Einwohner ihre Jobs. Viele verließen die Stadt, die Kriminalitätsrate stieg, dafür ist die Luftqualität deutlich besser geworden.

Touristen kommen selten nach Webuye. Die wenigen, die sich hierher verirren, sind auf der Durchfahrt von oder nach Uganda. Der Eldoret-Malaba Highway führt an Webuye vorbei und die ugandische Grenze ist nur 60 km entfernt. Wazungu (Weiße) sieht man selten, und wenn, dann sind sie für Hilfsorganisationen oder geschäftlich unterwegs. Der Hauptgrund unseres Webuye-Besuches ist natürlich der Familienbesuch. Doch es gibt durchaus ein paar besuchswerte Orte in der Umgebung Webuyes, z.B. den Kakamega-Regenwald (Kakamega Forest National Reserve), oder die Nabuyole-Falls.


Teamwork - Die Besitzerin des neuen Fahrrades muss feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, mit dem Radfahren.

Am nächsten Tag wechseln wir das Hotel. Meine Frau wünscht ein bisschen mehr Luxus und auch ich habe keine Lust, mehrere Tage in dem kleinen Zimmer mit der Elektrodusche zu wohnen. Viel Auswahl an Hotels hat man in Webuye nicht. Das Minata Hotel sieht neu aus und dürfte (neben dem Park Villa Hotel) das beste Hotel in Webuye sein. Ein Doppelzimmer kostet mit Frühstück 2700 KES. Die Zimmer sind groß genug und haben sogar einen kleinen Balkon.

Alles perfekt. Zumindest tagsüber. Doch nach Einbruch der Dunkelheit entwickelt sich vor unserem Zimmer eine erstaunliche Geräuschekulisse. Grillen, Frösche und/oder andere, mit unglaublich lauten Organen ausgestattete Insekten und Amphibien, veranstalten ein ohrenbetäubendes Konzert. Einer der Krachmacher erzeugt einen hochfrequenten Dauerton in Sirenenlautstärke. Zwischendurch machen sie kurze Pausen, vielleicht 10 oder 20 Sekunden lang, nur um dann wieder mit voller Lautstärke loszulegen. Das grenzt an akustische Folter.

Vor unserem Zimmer steht auf einem turmartigen Gestell ein Wassertank, der regelmäßig überläuft, wenn er gefüllt wird. Vielleicht ist das Feuchtgebiet darunter der Lebensraum des Sirenenfrosches. Irgendwann nach Mitternacht geht ihm endlich die Puste aus und ich kann einschlafen. Besser Zimmer Nr. 14 meiden.
Teil 517. Feb. 2017
Nabuyole (Webuye) Falls

Da man nicht den ganzen Tag Familie besuchen kann, machen wir Ausflüge in die Umgebung. Die Nabuyole Falls liegen ein paar Kilometer außerhalb des Stadtzentrums in einer nur spärlich bewachsenen, felsigen Gegend. Ein Bodaboda bringt uns über eine ungeteerte Holperpiste bis in die Nähe der Wasserfälle. Vor allem während regenreicheren Jahreszeiten brodeln und schäumen die Gewässer des Nzoia Flusses über mehrere Stufen durch ein felsiges Flussbett hinab. Heute haben sie verhältnismäßig wenig Wasser, ist wohl gerade Trockenzeit.


Nabuyole Falls – Webuye

Zurück gehen wir zu Fuß. An den Rändern der Staubstraße sitzen kleine Gruppen Frauen und Kinder. Sie sind mit dem Zerkleinern von Steinen und Felsbrocken beschäftigt. Ihre Gesichter und Hände sind mit weißem Staub bedeckt, was ihnen ein gespenstisches Aussehn verleiht. Die Kinder winken und rufen „Mzunguuu“, während die Frauen mit ausdrucksloser Mine hinter uns her starren.

Plötzlich taucht im Dunst die Silhouette der einstigen Pan Paper Mills Fabrik auf. Angeblich soll dort bald wieder etwas produziert werden, von außen sieht sie jedenfalls wie ein gigantischer Schrotthaufen aus.


Webuye - Pan African Paper Mills

The Swinging Bridge (Mvunje)

Ebenfalls einen Besuch wert ist die Swinging Bridge oder Mvunje über den Nzoia-Fluß. Sie ist in Privatbesitz und wer sie überqueren möchte, muss 10 Shilling bezahlen. Man braucht etwas Gleichgewichtsgefühl und gute Nerven um die Brücke zu überqueren. Die Querhölzer sind trocken und knacken bei jedem Schritt.


The Swinging Bridge oder Mvunje über den Nzoia-Fluß - Webuye


Swinging Bridge

Kakamega-Regenwald (Kakamega Forest National Reserve)

Das Naturschutzgebiet Kakamega Forest liegt rund 40 km südlich von Webuye. Es ist der traurige Überrest eines einst breiten Regenwaldgürtels, der Zentralafrika von Westen nach Osten durchzog.

Aus Wikipedia:
„Um 1900 war der Wald noch 240.000 ha groß, davon sind heute nur noch 23.000 ha, also weniger als ein Zehntel, übrig. Ursachen sind menschliche Aktivitäten wie Gewinnung von Feuerholz und Weideflächen, Kultivierung des Bodens, radikale Abholzung oder die exzessive Sammlung von Medizinalpflanzen. 1985 wurden etwa 4400 ha im nördlichen Teil des Waldes als Naturschutzgebiet ausgewiesen.“

Trotz Schutzmaßnahmen und Verbote schrumpft der Wald weiter, wird aufgrund von illegalem Holzeinschlag jedes Jahr ein Stück kleiner. Trotzdem soll sich ein Besuch lohnen, beherbergt er doch eine einzigartige Vielfalt von seltenen Pflanzen, Tieren, Reptilien und Vögeln. Es soll auch die Schlangenreichste Gegend Kenias sein.

Am dritten Tag unseres Webuye-Aufenthaltes quetschen wir uns in ein Matatu nach Kakamega Ort. Die Straße ist zunächst gut ausgebaut, erst ca. 10 km vor Kakamega wird sie richtig schlecht. Erdstraße, Baustellen, Umleitungen. In Kakamega Ort erfahren wir, dass der Parkeingang nördlich liegt, wir sind also schon daran vorbeigefahren. Es gibt zwar noch einen Eingang im mittleren Teil des Forest, aber die Leute meinen, es sei besser das Gate im Norden zu nehmen. Ein Taxi bringt uns die 10 km wieder zurück.

Der Eintritt kostet für mich (Non-Resident) 25 USD, für meine Frau (EA Citizen) 350 KSh und wenn man will, kann man sich einen Guide nehmen, was nochmal ca. 1200 KSh kostet.


Non-Residents werden kräftig geschröpft – nun ja, wenn’s dem Erhalt des letzten Stückchen Regenwaldes dient, will ich nicht meckern.

Wir nehmen einen Guide. Er führt uns auf einem leicht gangbaren Wanderweg durch den Wald. Eindrucksvoll sind die gigantischen Brettwurzelbäume und die von meterhohen Wurzeln eingewickelte Ficusbäume. Der Guide erzählt ein bisschen über die Pflanzen und ihre Bedeutung als traditionelle Heilmittel gegen Schlangenbisse und sogar Krebs. Schmetterlinge tanzen über den Waldweg, gelegentlich turnen Affen in den Baumwipfeln. Ein paar bissige Ameisen greifen mich an, als ich sie fotografieren möchte. Nach etwa drei Stunden endet unsere Tour beim Isiukhu Wasserfall. Ein schattiges Plätzchen am gleichnamigen Fluß, perfekt um sich von den Wander-Strapazen zu erholen.

Für Botaniker soll der Wald ein Traum sein, für uns war es eine interessante Wanderung durch einen noch weitgehend erhaltenen Primärdschungel. Außer ein paar Affen in den Baumgipfeln und den bissigen Ameisen sind uns allerdings keine Tiere begegnet, nicht einmal eine Schlange, und dies im schlangenreichsten Wald Kenias. Trotzdem hat sich der Besuch gelohnt.


Brettwurzelbäume


Manche Bäume sollen mehrere 100 Jahre alt sein


Isiukhu Wasserfall


Kleine Siedlung am Rande des Kakamega Forest



Als wir wieder an der Landstraße unweit des Gates stehen ist es später Nachmittag. Die Sonne steht schon recht tief und ich hoffe, dass wir bevor es dunkel wird, ein Matatu zurück nach Webuye erwischen. Am Straßenrand stehen einige Leute, die ebenfalls eine Mitfahrgelegenheit suchen. Die meisten Matatus sind schon total voll, wenn sie vorbeifahren und halten erst gar nicht an. Hält doch mal eines, springen aus allen Richtungen Leute herbei, um einen Platz zu bekommen. Wir tun das dann auch und schaffen es nach dem dritten oder vierten Versuch in ein Matatu reinzukommen. Es ist schon voll bis zum Anschlag, aber in Afrika geht immer noch ein bisschen voller. Alle rutschen etwas zusammen und ich quetsche mich auf ein halbes Holzbrettchen, welches in den Raum zwischen den Sitzreihen geklemmt wird. Dass ich überhaupt sitze ist Glück, denn etliche Fahrgäste kauern im Bereich der halboffenen Schiebetüre. Zeitweise zähle ich über zwanzig Personen plus zwei Babys im Matatu. Meine Frau sehe ich nicht mehr, erst kurz vor Webuye taucht sie, leicht zerknittert, aus dem hinteren Fahrzeugbereich wieder auf.

Letzter Tag in Webuye

Wie jeden Morgen kommen wir zum Frühstück ins Haus meiner Schwiegermutter. Es ist unser letzter Tag in Webuye, morgen werden wir nach Nairobi zurückfahren und von dort den Bus Richtung Kigali/Ruanda nehmen.

Ich bin fast mit dem Frühstück fertig, als Schwiegermutter erzählt, dass heute Morgen ein Dieb in Webuye erwischt worden war. Er konnte zunächst fliehen, wurde von Leuten verfolgt, die ihn schließlich am Eldoret-Malaba Highway stellten, ganz in der Nähe ihres Hauses. Bei dem was sie dann erzählt bleibt mir der letzte Bissen des Frühstücks im Halse stecken. Als der Mob den Dieb gefasst hatte, steckten sie ihn in einen Autoreifen und zündeten ihn an.
Teil 627. Feb. 2017
Teil 2 - Ruanda und Kongo

Kigali


Kigali


Kigali


Kigali


Kigali

Ein Taxi bringt uns zur Auberge La Caverne. Wir haben schon von Nairobi aus telefonisch ein Zimmer reserviert. Allerdings wäre das nicht nötig gewesen, das Hotel ist praktisch leer. Das einfache Zimmer ist für eine Nacht ok, aber mit 40 USD deutlich überbezahlt. Nochmal würde ich nicht hier herkommen.

Später am Abend gehen wir zum nahe gelegenen Einkaufszentrum ‚Nakumatt City Center‘. Dort gibt es mehrere ATM’s, wir brauchen dringend ruandisches Geld. Neben Lebensmittel gibt es im Shopping-Center allerlei Fastfood- und Luxusshops. Gerne hätte ich im Nakumatt ein Stückchen Käse gekauft, aber bei knapp 10 USD für ein 400 g Päckchen vergeht mir der Appetit. Bei solchen Preisen ist es kein Wunder, dass neben jedem Regal mindestens ein Aufpasser steht. Auf dem Rückweg in die Auberge fällt auf, dass an vielen Straßenecken Soldaten mit MP‘s stehen.

Wir bleiben nur eine Nacht in Kigali. Am nächsten Morgen packen wir früh unsere Rucksäcke und lassen uns von zwei Mototaxis zur Nyabugogo Busstation bringen. Von dort fahren Minibusse im Stundenrhythmus nach Gisenyi am Kivusee. Gisenyi ist Grenzstadt zur Demokratischen Republik Kongo und Nachbarstadt von Goma.

Wir wollen dort Jaen Bosco von Virunga Amani Tours treffen. Wir hatten schon von Deutschland aus Kontakt mit ihm aufgenommen. Virunga Amani Tours bietet Trekking-Touren im Gebiet der Virunga-Vulkane und des Virunga National Parks an. Unter anderem eine zweitägige Bergtour auf den Nyiragongo Vulkan (3.470 m) mit Übernachtung am Kraterrand. Diese Tour haben wir gebucht.


Kigali Nyabugogo Busstation


Kigali Nyabugogo Busstation

Gisenyi - Lake Kivu

Aus Wikipedia: Gisenyi ist eine Stadt am Kiwusee in Ruanda mit etwa 84.000 Einwohnern (2005). Sie verfügt über einen Sandstrand, der für Wassersport bekannt ist, sowie über eine Brauerei. Der Ort liegt an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo, gegenüber der kongolesischen Stadt Goma und wie diese am Fuße des Vulkans Nyiragongo.


Lake Kivu - Nyiragongo Vulkan


Lake Kivu

Früher Nachmittag. Als wir in Gisenyi ankommen, hat sich der Himmel bereits wieder mit dicken, schwarzen Wolken bedeckt. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der tägliche Nachmittags-Wolkenbruch herunterkommt. Vor dem Busbahnhof schnappen wir uns zwei Motorradtaxis die uns zum Blessington Motel bringen. Das Motel liegt etwas oberhalb des Seeufers in einem hübschen Garten. Die Zimmer sind ebenerdig und münden in eine kleine Terrasse. Der Manager ist extrem freundlich und hilfsbereit, er versucht uns quasi jeden Wunsch zu erfüllen, noch bevor wir ihn haben.

Wir versuchen mit Jean Bosco in Kontakt zu kommen. Per Telefon, per Email, aber nirgends eine Antwort. Ein bisschen beunruhigt mich das schon, immerhin habe ich von Deutschland 900 USD in den Kongo überwiesen und sollte etwas schieflaufen, hätten wir kaum Chancen auf eine Erstattung. Abends checke ich noch einmal meine E-mails und – endlich – eine Nachricht. Er wird uns morgen früh vom Blessington Motel abholen.

Den Rest des Tages streunen wir durch Gisenyis Strassen und Uferpromenaden. Gisenyi ist ein relaxtes Städtchen mit feudalen Villen und hübschen Sandstränden. In einem Geschäft unweit des Marktes verkaufen sie lokalen Käse, frisch, total lecker und preiswert. Ich würde fast behaupten, es ist der leckerste Käse, den ich bislang in Afrika bekommen habe. 🙂


Lake Kivu - Gisenyi


Lake Kivu – Gisenyi – Beach


Lake Kivu – Gisenyi

Am Seeufer, unweit des Strandes, befinden sich die richtig teuren Hotels. Wir finden ein Restaurant mit leckerem Fisch auf der Speisekarte. Natürlich darf dazu ein ruandisches Mützig-Bier nicht fehlen. Die Brauerei liegt fast in Sichtweite.

Als wir zurück zum Motel laufen ist es stockdunkel. Straßenbeleuchtung gibt es entweder keine, oder sie funktioniert nicht. Ich bin froh, eine kleine Taschenlampe dabei zu haben, das reduziert die Chance in eines der vielen Löcher und Gräben zu fallen, die die Straßenränder zieren.

Das Blessington Motel liegt in einer unbeleuchteten, ungeteerten Seitenstraße. Aus einem verwilderten Grundstück hören wir plötzlich die lauten Schreie einer Frau. Fast zeitgleich rennen drei junge Männer an uns vorbei, verschwinden in der Dunkelheit. Die Frau taucht neben uns auf, läuft schreiend und heulend auf und ab. Wir verstehen kein Wort, aber es ist offensichtlich, dass sie von den drei Männern belästigt oder vielleicht sogar vergewaltigt wurde. Andere Passanten sind hinzugekommen, reden auf sie ein und führen sie langsam in Richtung einer belebteren Straße fort.

Wir gehen zurück ins Motel, packen unsere Rucksäcke und gehen bald schlafen. Den größten Teil unseres Gepäcks lassen wir im Blessington Motel in der Obhut des Managers zurück. In den Kongo nehmen wir nur mit, was wir für die zwei Tage brauchen.

Jean Bosco von Virunga Amani Tours erweist sich als seriöser und zuverlässiger Mensch. Am nächsten Morgen steht er pünktlich um 7 Uhr mit seinem SUV vor unserem Motel. Wir sind gerade mit dem Frühstück fertig, das hauptsächlich aus Käse besteht. 😉

Jean Bosco bringt uns zur Grenze. An der Grenzstation ist viel Betrieb. Viele Kongolesen arbeiten in Ruanda und auch viele Ruander passieren die Grenze Richtung Kongo. Dazwischen auch einige Fahrzeuge von internationalen Hilfsorganisationen und der UNO.

Das kongolesische Visum bekommen wir an der Grenzstation. Es ist ein spezielles 14-Tage-Visum, welches im Zusammenhang mit einem Besuch im Virunga National Park ausgestellt wird. Das ‚normale‘ Kongotouristenvisum bekommt man nur durch die Botschaft seines Heimatlandes. Da alle Formulare vorhanden, bezahlt und ausgefüllt sind, geht es recht flott.

Zum Abschluss gibt es noch einen Gesundheitscheck. Eine ziemlich misslaunig blickende Krankenschwester kommandiert uns in ihr Büro. Sie kontrolliert unsere Impfpässe, misst die Körpertemperatur und befragt uns nach Krankheitssymptomen. Da wir die erlaubte Körpertemperatur haben, dürfen wir in den Kongo einreisen.
Teil 702. März 2017
Goma

Auf der Landkarte sehen Gisenyi und Goma wie eine einzige Stadt aus, lediglich durch die Landesgrenze in zwei Hälften geteilt. Doch wenn man die Grenze überschreitet, merkt man gleich, wie verschieden die Welten sind. Gisenyis Straßen sind sauber, die Häuser ordentlich, Motorradtaxis haben Nummernschilder und die Villen-Gegend am Sandstrand vermittelt den Eindruck eines entspannten Seebads.

Goma ist anders. Wohlhabendere Häuser und Fabriken sind mit Panzerdraht gesichert, oft zusätzlich durch bewaffneten Wächter, die hinter Sandsäcken oder auf Wachtürmen lauern. Außerhalb eines überschaubaren Bereiches nahe des Seeufers, wo sich ein paar teure Hotels, Villen, Banken und Geschäfte befinden, sind die Straßen staubig, die Häuser ärmlich. Schwarzes Geröll, welches noch vom letzten Vulkanausbruch stammt, liegt herum.

Das Straßenbild Gomas wird auch von seltsamen, übergroßen Holzrollern geprägt, den Chukudus, die zum Transport von Lasten eingesetzt werden. Mit Körben und Säcken beladen werden sie von ihren Besitzern geschoben, wenn es bergab geht auch gefahren.


Goma


Goma


Goma – Chukudu


Goma

Nach der Grenze fahren wir durch Goma hindurch und direkt weiter Richtung Norden. Um 9 Uhr wollen wir am Fuße des Nyiragongo sein. Startpunkt für unsere Trekkingtour. Die Straße ist ziemlich uneben, soll aber für kongolesische Verhältnisse sehr gut sein, meint Jean Bosco während er von einer Straßenseite zur anderen kurvt um den größten Löchern auszuweichen. Als ich mal wieder fast an die Decke fliege meint er lachend: „African Massage“.

Die Straße wird von Menschen und Fahrzeugen gleichermaßen benutzt. Ich sehe in bunte Tücher gekleidete Frauen und Kinder, Körbe und Bündeln auf dem Kopf tragend, meistens in Gruppen die Straße entlanggehend. Fast jede jüngere Frau hat noch ein in ein Tuch gewickeltes Kleinkind dabei. Immer wieder kommen uns maßlos überladene LKW’s entgegen, auf deren zu hohen Türmen geschichteter Ladung noch Menschen sitzen. Überhaupt scheint jedes Fahrzeug auf dieser Straße bis zum Anschlag mit Menschen und Waren beladen zu sein. Auch Chukudus, die merkwürdigen Lastenroller sind unterwegs.

Die Landschaft ist toll. Schon von Goma aus sieht man den Nyiragongo Vulkan im Dunst aufragen, die Spitze oft von einer Wolkenhaube bedeckt. Der Morgen ist sonnig, die Luft relativ klar. Nach den Erfahrungen der letzten Tage, es hat jeden Nachmittag kräftig geregnet, hoffe ich auf einen trockenen Aufstieg.

Wir passieren mehrere Militärposten. Manchmal halten sie die Fahrzeuge an und kassieren ein Wegegeld. Jean erzählt, dass diese Militärs oft monatelang keinen Sold erhalten und deshalb für ihre Bezahlung selbst sorgen. Immerhin sorgen sie tagsüber für eine gewisse Sicherheit entlang der Straße. Abends, bevor es dunkel wird, gehen sie nach Hause. Dann sollte man besser nicht mehr unterwegs sein.


Auf der Straße Richtung Norden


Auf der Straße Richtung Norden


Auf der Straße Richtung Norden


Tankstelle


Straße Richtung Norden


Chukudu - Straße Richtung Norden
Teil 802. März 2017
Nyiragongo

Kurz nach 9 Uhr sind wir an der Rangerstation, dem Startpunkt unseres Trekkings. Wir müssen etwas warten, da noch ein paar Leute fehlen. Gegen 10 Uhr sind alle da. Nach einem kurzen Briefing geht es los. Während des Trekkings legt man fast 1.500 Höhenmeter zurück. Beim Rangerposten beginnt der Aufstieg bei 1.989m, beim Kraterrand ist man dann auf 3.470m.

Unsere Gruppe besteht aus elf Personen verschiedener Nationalitäten. Zwei Ranger, die mit Gewehren und Funkgeräten bewaffnet, für unsere Sicherheit sorgen sollen begleiten uns. Wir haben sogar einen Koch, der mit Lebensmitteln beladen, schon früher losgegangen ist, damit er Zeit hat Essen vorzubereiten, wenn wir hungrig oben ankommen. Die Nachhut bilden die Träger, die mit den schweren Rucksäcken wirklich harte Arbeit leisten. Auch wir haben unser Gepäck einem Träger anvertraut, der unseren ca. 12 kg schweren Rucksack trägt. In der Gruppe ist auch ein Fotograf, der im Auftrag von National Geographic unterwegs ist. Er hat zwei Träger engagiert, einen extra für seine Fotoausrüstung.

Der Weg führt zunächst stetig bergauf durch einen lichten Wald. Auf dem Waldboden läuft es sich angenehm, die Bäume spenden Schatten und ab und zu hat man schöne Ausblicke über die Ebene nach Ruanda, zum Kivusee und zu den anderen Virunga-Vulkanen. Etwa jede Stunde wird eine kurze Pause gemacht. Die Ranger achten streng darauf, dass diese nicht länger als zehn Minuten dauert. Dann wird gnadenlos zum Weitermarsch gepfiffen.


Aufstieg


Bodyguard


Typische Vegetation oberhalb der Waldgrenze


45° Steigung

Nachdem wir die Baumgrenze hinter uns gelassen haben, wird der Aufstieg zunehmend steiler und auch schwieriger. Grobes vulkanisches Geröll bedeckt den Pfad und ich muss mich konzentrieren um nicht zu stolpern oder auszurutschen. Die Sonne brennt erbarmungslos, der Schweiß läuft in Sturzbächen den Körper hinab. Ich trinke viel Wasser, was unseren Träger freut. Der sieht ziemlich fertig aus, offensichtlich macht er diese Tour auch nicht jeden Tag.

Der Weg scheint nun schnurgerade zum Gipfel zu führen, also nicht in gemütlichen Serpentinen langsam und gemächlich nach oben, nein, kerzengerade, auf dem kürzesten und steilsten Weg. Auch beginnen nach zwei, drei Stunden permanenten Aufstiegs meine Beinmuskeln zu schmerzen. Jeder Schritt ist anstrengender als der vorherige. Obwohl wir jetzt schon mehrere Stunden unterwegs sind, scheint der Gipfel immer noch weit entfernt. Ich bemühe mich nicht zu oft Richtung Gipfel zu schauen und konzentriere mich stattdessen auf den nächsten Schritt.

Allmählich verschwindet die Sonne hinter dunklen Wolken. Es wird deutlich kälter und erste Regentropfen fallen. Wir werden von Wolken und Nebel eingehüllt, keine Sicht mehr, weder ins Tal noch zum Gipfel. Doch wir haben Glück. Gerade als das Unwetter so richtig loslegen will, erreichen wir eine Schutzhütte, die unterhalb des letzten und steilsten Aufstiegs zum Kraterrand steht.

Wir schaffen es halbwegs trocken in die Hütte zu kommen. Ein eiskalter Wind peitscht eiskalten Regen vor sich her und davon reichlich. Dazu dumpfes Donnergrollen und Wetterleuchten aus Richtung des Gipfels. Auch in der Hütte regnet es, allerdings nicht so stark wie draußen. Wir sitzen, oder besser gesagt kauern etwa eine halbe Stunde in der dunklen, tropfenden Hütte, während es draußen Katzen hagelt. Im Nu entstehen am steilen Abhang überall klein Wasserfälle und Rinnsale die sich allmählich zu Sturzbäche vereinigen.

Unser Träger kommt eine viertel Stunde später, total durchnässt und fertig lässt er sich auf den Boden fallen. Die anderen Träger verspotten ihn weil er so langsam ist. Mir tut er leid, man sieht ihm an, dass er am Rande seines physischen Leistungsvermögens steht.


Ein Unwetter zieht auf


Es regnet Bindfäden


Der letzte Anstieg

Nach etwa einer halben Stunde hört der Regen so plötzlich auf, wie er begonnen hat. Unsere Ranger rufen zum Abmarsch. Auf geht’s. Das letzte Stück bis zu den Hütten am Kraterrand liegt vor uns. Es ist der steilste und auch unangenehmste Teil der Wanderung. Der Hang besteht aus scharfkantigen Lavafelsen und Geröll, sodass man ständig befürchten muss auszurutschen und sich an dem scharfkantigen Gestein zu verletzen. Jetzt ist es auch noch nass und rutschig.

Während wir den letzten Abhang emporkrabbeln, manchmal auf allen Vieren, beginnt es wieder zu regnen. Zunächst leicht, dann immer stärker. Als wir bei den Hütten ankommen prasselt es kräftig auf unsere Regenjacken. Wir können uns gerade noch in eines der Hüttchen retten. Es ist verdammt kalt hier oben, ich friere in meiner nassen Kleidung, fühle mich hungrig und erschöpft.

Als unser Koch erscheint und verkündet, er habe ein heißes Gemüsesüppchen gekocht, hätte ich ihm um den Hals fallen können. Wow, das ist jetzt genau das richtige. Auch brennt im Küchenzelt ein Feuer, welches unsere Kleidung einigermaßen trocknet, während wir Suppe löffeln.


Heißes Süppchen auf dem Nyiragongo


Schutzhütten auf dem Nyiragongo

Zurück in unserem Hüttchen. Die Hütten sind aus einem harten Kunststoff gefertigt. Sie haben die klassische Form eines Firstzeltes und sind gerade so groß, dass zwei Matratzen nebeneinander auf dem Boden Platz finden.

Wir hängen die feuchte Regenkleidung auf, was an den glatten schrägen Wänden gar nicht einfach ist. Dann hüllen wir uns in unsere Daunenjacken, kriechen in die Schlafsäcke und frösteln auf den Matratzen eine Weile vor uns hin. Draußen stürmt und tobt es was das Zeug hält. Es regnet nicht nur, jetzt hageln dicke Eiskörner gegen die Plastikwände der Hütten. Der Krach ist ohrenbetäubend.

Irgendwann lässt das Inferno etwas nach. Wir beschließen zum Kraterrand hochzuklettern und einen Blick auf den Lavasee zu werfen. Der Kraterrand befindet sich noch ein paar Meter über uns. Man muss einen kurzen, steilen Hang hochklettern. Kaum haben wir unsere Schutzhütte verlassen regnet es wieder stärker. Egal sage ich, ich will jetzt den Lavasee sehen. Gegen Sturm und eiskalten Regen ankämpfend krabbeln wir auf allen Vieren die letzten Meter über scharfkantiges Lavagestein zum Kraterrand hoch, blicken darüber und sehen – NICHTS!


Nebel im Krater

Tatsächlich sehen wir schon etwas: Nebel, Nebel, noch mehr Nebel und ein paar dunkle Felsen im Nebel. Aber keinen Lavasee, kein Höllenfeuer, nicht mal einen rosaroten Schimmer oder sonst etwas, was auf einem aktiven Vulkan hingedeutet hätte.
Teil 904. März 2017
Nyiragongo Fortsetzung

Wir gehen zurück zur Hütte. Unsere Kleider sind wieder durchnässt. Wir verkriechen uns fröstelnd in die Schlafsäcke. Obwohl wir Daunenjacken und Handschuhe angezogen haben, werden wir nicht richtig warm. Es ist schon etwas deprimierend, auf diesem nasskalten, düsteren und nebligen Vulkan zu sitzen. Dann müssen wir eingeschlafen sein. Plötzlich klopft es laut an der Tür. Unser Koch steht draußen und ruft aufgeregt: „Kommt raus, kommt raus, es hat geschneit, kommt hoch zum Krater man kann etwas sehen“

Wir wieder rein in unsere nasskalten Kleider und hoch zum Kraterrand. Es hat tatsächlich geschneit. Die schwarzen Lavafelsen sind von einer dünnen weißen Schneeschicht bedeckt. Der Nebel hat sich etwas gelichtet und als wir am Kraterrand ankommen, sehen wir unter uns einen zaghaften rötlichen Schein durch Rauch und Dunstschleier dringen.

Zunächst ist es nur ein vages Leuchten im wabernden Dunst. Doch sobald der Nebel sich verzieht wird die Sicht auf eine phantastische Kulisse frei. Das orangerote Licht des glühenden Lavasees beleuchtet den unteren Teil eines beinahe kreisrunden Kraters. Der Schnee auf den steil emporragenden Felswänden glänzt matt in dem Schein. Wir stehen gebannt am Kraterrand und starren auf das ständig wechselnde Schauspiel unter uns. Rauch und Nebel verziehen sich immer wieder für kurze Zeit, geben den Blick auf die Glut frei, nur um Augenblicke später abermals alles zu verhüllen.

Natürlich regnet es wieder, aber das stört uns jetzt nicht mehr, der Ausblick ist zu phantastisch um auf so Nebensächlichkeiten wie Regen oder Kälte zu achten. 🙂 Immer noch nass und frierend, aber jetzt überhaupt nicht mehr deprimiert, steigen wir zu unserer Hütte ab.


Vulkan und Schnee


Vor dem Eingang zur Hölle 😉


Nyiragongo

Bevor der Koch zum Abendessen ruft, klettern wir noch einmal zum Kraterrand hoch. Der Regen hat nachgelassen, aber die Luft ist voller Elektrizität. Es knistert bedrohlich und blitzt immer wieder. Der Fotograf von National Geographic hat seine Kamera auf einem Stativ direkt am Kraterrand aufgebaut, darüber zum Schutz einen Regenschirm. Ich stehe etwa zwei Meter von ihm entfernt, als es plötzlich ein hässliches Geräusch gibt, etwa so als würde man Stoff zerreißen, und ich verspüre deutlich eine elektrische Entladung, die aus der Richtung des Fotografen kommt. Der hat es auch gespürt. Blitzschnell packt er seine Kamera samt Stativ und Regenschirm und sprintet in sein Hüttchen. Ich vermute, dass der Regenschirm die elektrische Ladung aufgenommen und an uns weiter gegeben hat. Ein bisschen unheimlich ist das schon. Wir steigen lieber ab. Außerdem wartet das Abendessen.

Natürlich sind wir später noch einmal hoch zum Kraterrand und dann noch einmal. Längst ist es Nacht, die Temperaturen um den Gefrierpunkt, aber in der Dunkelheit ist das Schauspiel noch eindrucksvoller. Es kann süchtig machen am Kraterrand zu sitzen und in das Höllenloch zu starren.


Nyiragongo






Nyiragongo

Morgen

Am nächsten Morgen bin ich früh wach, ich glaube es war so gegen 5 Uhr. Bis auf einen rosafarbenen Schimmer am Horizont ist es noch dunkel. Meine Frau ist auch schon wach und wir beschließen mal die Toilette aufzusuchen. Das Toilettenhäuschen liegt ein Stück vom Lager entfernt den Hang hinab. Da es dort geröllig ist und zudem ziemlich steil bergab geht, muss man sich an einem Seil runterhangeln. Das ist in der Kälte und Dunkelheit des frühen Morgen gar nicht so einfach. Erschwerend kommt hinzu, dass unsere Beinmuskeln vom gestrigen Aufstieg verkrampft sind und schmerzen.

Das Toilettenhäuschen ist zur Talseite hin offen, man hat quasi einen Logenplatz um die Landschaft zu genießen. Als wir dort ankommen hat sich der Horizont orangerot verfärbt und die ersten Sonnenstrahlen beleuchten die umliegenden Berggipfel. Mit jedem Strahl, der durch die Wolkendecke dringt, wird der Anblick atemberaubender. Zwischen den Nachbarvulkanen und bis hin zu den Bergketten Ruandas ziehen sich Dunstfelder. Der Kivu-See, selbst noch in Dunkelheit, reflektiert die Farbtöne des Himmels. Ich wage mal zu behaupten, auf dem Nyiragongo befindet sich die Toilette mit der eindrucksvollsten Aussicht Zentralafrikas. 😎

Diesem Schauspiel kann sich niemand entziehen. Jeder der schon wach ist, Tourist, Ranger oder Träger, starrt schweigend Richtung aufgehende Sonne. Sogar der National Geographic Fotograf hat seine Kamera vom Krater weg Richtung Sonnenaufgang geschwenkt.


Sonnenaufgang über dem Kongo


Sonnenaufgang


Sonnenaufgang

Sonnenaufgang



Natürlich klettern wir vor dem Abstieg ein letztes Mal zum Kraterrand hoch. Doch im Morgenlicht sieht der Kratersee lange nicht so dramatisch aus, wie in der Nacht. Gemächlich qualmt er vor sich hin, als könne er kein Wässerchen trüben. Kaum zu glauben, dass er 2002 halb Goma in Schutt und Asche gelegt hat. Vor etwa neun Jahren soll hier eine chinesische Touristin abgestürzt sein, als sie Fotos vom Krater knipste. Sie konnte nur noch tot geborgen werden.

Abstieg

Die Ranger drängen zum Aufbruch, wir müssen noch packen und frühstücken, dann geht’s bergab.


45° Gefälle


Abstieg am frühen Morgen


Runter geht’s schneller als rauf – alte Bergsteigerweisheit… 😉

Den Abstieg machen wir in rekordverdächtiger Zeit von dreieinhalb Stunden. Ich wäre ja lieber langsamer gegangen, hätte mehr die Natur genossen, hier und da ein Foto gemacht, aber wenn man in einer Gruppe unterwegs ist, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich dem Tempo der Gruppe anzupassen.

Die Sicht ist gut, wir haben tolle Ausblicke auf die Virunga Vulkane. Je tiefer wir kommen umso wärmer wird es. Wir ziehen einen Pulli nach dem anderen aus und gegen Ende schwitze ich schon wieder ganz ordentlich. Gegen halb elf Uhr erreichen wir den Rangerposten und damit ist die Nyiragongo Tour beendet. Ich würde diese Tour, so anstrengend sie war, jederzeit noch einmal machen.

Eigentlich wollten wir direkt nach Ruanda zurückfahren, aber Jean Bosco macht uns ein verlockendes Angebot. Er sagt, es gäbe aktuell eine „special offer“ des Virunga Nationalparks für Gorillatrekking, das Permit koste nur 200 USD statt der 400 USD Normalpreis. Wenn wir wollen, würde er das für uns organisieren.

Und ob wir wollen. Ein Gorillabesuch steht schon lange auf meiner Afrikawunschliste. 200 USD für ein Gorillapermit ist günstig. In Uganda und Ruanda werden 500 - 750 USD für ein Permit verlangt.

Also fahren wir zurück nach Goma, erstmal Geld besorgen. In Goma kann man tatsächlich USD direkt aus den ATM‘s ziehen - insofern sie funktionieren. Wir drehen ein paar Runden durch Goma bis der dritte oder vierte ATM endlich funktioniert und USD ausspuckt.

Wir brauchen auch noch ein Hotel. Jean empfiehlt das Hotel Centre d'Accueil Caritas. Das Hotel ist bei Mitarbeitern von Hilfsorganisationen beliebt, die hier absteigen, wenn sie in Goma zu tun haben. Das Hotel ist ganz hübsch, die Zimmer haben Balkon und Blick auf den Kivusee. Drinnen ein Doppelbett, ein kleiner Fernseher und viele Moskitos. Ein schöne Garten reicht bis zum Seeufer. Allerdings würde ich von einem 75 USD Hotel erwarten, dass es eine warme Dusche gibt, was zumindest in unserem Zimmer nicht der Fall war. Da stand tatsächlich ein Eimer im Bathroom… 😎
Teil 1020. März 2017
Sorry für die lange Pause, ich hatte gerade soooo viel zu tun... 😏 🤨 🤪
Teil 1120. März 2017
Gorilla Besuch

Nächster Morgen, 5 Uhr früh. Auf eine kalte Dusche aus dem Eimer habe ich keine Lust. Also geht’s ungeduscht zum Frühstücksbüfett. An den Tischen sitzen Geschäftsleute und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen mit ihren Laptops. Wahrscheinlich wollen sie noch das WLAN des Hotels nutzen. Das Büfett ist reichhaltig, es gibt sogar Bohnenkaffe. Ich glaube das erste Mal, seit ich in Afrika bin. Sonst haben sie überall nur diese Instant-Nescafe-Brühe, selbst in Kaffeeanbauländer wie Kenia.

Während wir uns noch den Bauch vollschlagen, taucht Jean pünktlich auf. Es hat zwei weitere Leute gefunden, die ebenfalls am Gorilla-Trecking teilnehmen wollen. Beide leben und arbeiten in Goma: Ein Schweizer der für das Schweizer Militär Minen und Sprengstoff entschärft und eine Bhutanerin, die für eine Hilfsorganisation arbeitet.

Wieder fahren wir durch Goma und dann die gleiche Straße wie am Tag zuvor weiter Richtung Norden. Wir kommen am Nyiragongo Vulkan vorbei, der in der klaren Morgenluft gemütlich vor sich hin qualmt. Auf der Straße sind viele Menschen zu Fuß unterwegs und natürlich wieder gnadenlos überladene Fahrzeuge, LKW’s, Lastenroller, Motorräder und Fahrräder. Frauen balancieren Körbe und Bündel auf ihren Köpfen, manchmal auch Werkzeug und Hacken, vielleicht sind sie auf dem Weg zu den Märkten oder zu ihren Äckern.

Die Landschaft zeigt sich in ihrer ganzen Schönheit, leuchtet in unterschiedlichen Braun- und Grüntönen, die rote Erde wirkt schwer und lehmig. Eingerahmt wird das Panorama durch die steil aufragenden Virunga Vulkane. Wir kommen an Mais- und Bohnenfelder vorbei, an der Straße werden Zwiebeln, Bananen, Maniok und andere Gemüse verkauft. Sobald unser Fahrzeug hält, werden wir von Händlern umringt, die ihre Ware, meist landwirtschaftliche Erzeugnisse, ins Wageninnere halten und dabei in einer Sprache auf uns einreden, die ich nicht verstehe.

Der Minen- und Bombenentschärfer aus der Schweiz ist ein interessanter Gesprächspartner. Er lebt seit eineinhalb Jahren in Goma, hat aber auch andere Ostafrikanische Länder kennengelernt. Seine Aufgabe besteht im Auffinden und Entschärfen von Blindgängern, die es wohl noch reichlich gibt. Da der Kongo kaum über ein benutzbares Straßensystem verfügt, ist er meistens mit dem Helikopter unterwegs. An den Einsatzorten müssen sie ständig mit Überfällen rechnen, bewaffneter Begleitschutz und schusssichere Westen sind bei der Arbeit obligatorisch.

Die Sicherheitslage in Goma sei zwar besser geworden, meint er, trotzdem bewegen sie sich außerhalb der Stadt nur im Konvoi. Und wenn möglich nie nach Einbruch der Dunkelheit. In letzter Zeit sei nicht mehr viel passiert, bis auf ein Bombenattentat vor ein paar Wochen, bei dem wohl einige Inder zu Schaden kamen.

Auch wir fahren im Konvoi mit zwei weiteren PKW und werden zusätzlich von einem bewaffneten Ranger begleitet, der uns auf einem Motorrad folgt. Die Fahrt dauert etwa zweieinhalb Stunden. Dann erreichen wir die Rangerstation, die Ausgangspunkt für das Gorillatrekking ist.

Für mich ist schon die Fahrt zum Nationalpark äußerst interessant. Vielleicht kann ich das mit ein paar Fotos besser verdeutlichen, als mit vielen Worten.

Auf der Straße Richtung Norden:



























Teil 1220. März 2017
Gorillatrekking


Briefing

In einem kurzen Briefing erhalten wir Informationen zu den Gorillafamilien und wie wir uns bei einem Besuch verhalten sollen. Verboten ist alles was die Tiere stören oder bedrohen könnte. Wir sollen ihnen nicht direkt in die Augen starren, besonders nicht den Silberrücken, da sie dies wohl als Provokation oder Bedrohung empfinden. Wir sollen uns nicht auf die Brust klopfen, auch wenn sie das gelegentlich vormachen. Wir sollen einen Mindestabstand von fünf Metern einhalten und wenn eines der Tiere auf uns zu rennen sollte, sollen wir keinesfalls weglaufen. Keine Nahrungsmittel, nicht Rauchen, kein Blitzlicht, kein Abfall hinterlassen, aber das versteht sich eigentlich von selbst. Und der letzte Tipp: Als Schutz gegen bissige Ameisen sollen wir unsere Hosenbeine in die Strümpfe stecken.

Begleitet von zwei Ranger folgen wir einem schmalen, moderat ansteigenden Pfad. Zuerst durch dichten Busch, später durch lichten Bambuswald. Abgesehen von Steinen und Wurzeln, die an unübersichtlichen Stellen zu Stolperfallen werden, ist der Weg leicht zu gehen. Trotzdem brauche ich eine ganze Weile, bis sich meine noch von der gestrigen Vulkanbesteigung verkrampften Beinmuskeln gelockert haben. Anfangs schmerzt jeder Schritt und meine Beine fühlen sich ziemlich steif an.

Natürlich habe ich heute meine kürzesten Socken an und so geht es nicht lange, bis mich die ersten Ameisen in die Waden beißen. Es ist schmerzhaft, aber nicht so schlimm wie ich befürchtet habe. Den anderen geht es auch nicht viel besser. Wir müssen immer wieder stehen bleiben um festgebissene Ameisen von Armen, Beinen, Rücken zu entfernen. Zweimal muss ich meine Schuhe ausziehen, da sich besonders aggressive Kampfameisen in den Strümpfen bis zu den Füßen vorgearbeitet haben. Wir killen die Ameisen und weiter geht’s.

Etwa zweieinhalb Stunden später verlassen wir den Pfad und es geht quer durch den Busch. Es ist wieder Bambuswald mit ziemlich dichtem Unterholz. Unsere Ranger haben einige Mühe mit ihren Macheten einen Durchgang freizuschlagen. Plötzlich bleiben sie stehen. Aus dem Gebüsch taucht ein Scout auf. Diese Scouts orten die Gorillagruppen und geben deren Position per Funk an die Ranger weiter. Da die Gorillas ganz in der Nähe sind, müssen wir ab jetzt einen Mundschutz tragen. Die Ranger stoßen seltsame Laute aus, die etwa wie „hhhrrrrmmmmm-hrrrmmmmm“ klingen. Das ist Gorillasprache, übersetzt heißt das in etwa: „No Problem“.

Plötzlich ein leises Knacken. Im Dämmerlicht des Bambuswaldes, höchstens zwei Meter entfernt, sehe ich eine dunkle, pelzige Gestalt und – ich brauche eine Sekunde um es zu realisieren - es ist ein Silberrücken. Wie ein übergroßer Buddha hockt er auf dem Boden und schaut uns an.


Begegnung im Wald

Wie war das mit den fünf Metern Sicherheitsabstand? Aber ich glaube keiner von uns denkt in diesem Moment an die Mahnungen der Ranger, wir sind alle erst mal überwältigt von der Begegnung. Eine ganze Weile schauen und staunen wir nur, während sich der Gorilla auf den Rücken wirft, hin- und her wälzt und ein paar Faxen macht. Plötzlich steht er auf und macht ein paar erstaunlich schnelle Schritte auf uns zu. Wir weichen instinktiv zurück, soweit das in dem dichten Gestrüpp überhaupt möglich ist. Die Ranger rufen: „Don‘t run, don‘t run“. Das ist leichter gesagt als getan, wenn so ein schätzungsweise 200kg Gorilla auf einen zu rennt. Doch er möchte uns nur ein bisschen beeindrucken. Nachdem ihm dies gelungen ist, verschwindet er leise grunzend im Dickicht.

Wir gehen weiter bis zu einer kleinen Waldlichtung., wo sich der Rest der Gorillagruppe aufhält. Insgesamt sind es neun Tiere. Drei Silberrücken, ihre Weibchen und mehrere Jungen. Eines der Weibchen trägt ein Baby auf dem Rücken. Sie sitzen da und fressen ununterbrochen. Dabei vertilgen sie Unmengen an Blätter, Stengel und anderen Pflanzenteilen, die sie aus den umliegenden Büschen herausbrechen.

Die jungen Äffchen tollen herum und starren uns neugierig an, während uns die älteren kaum beachten. Lediglich der Silberrücken macht sich einen Spaß daraus, ab und zu auf uns zuzurennen um dann kurz vor den Rangern, die sich schützend vor uns stellen und ihr „hhhrrrrmmmmm-hrrrmmmmm“ von sich geben, abzudrehen und im Dickicht zu verschwinden. Durch die Enge der Lichtung beträgt der Abstand zwischen uns und den Gorillas die meiste Zeit nur zwei bis drei Meter.


Begegnung im Wald














Wieder zurück

Nach genau einer Stunde ist unsere Besuchszeit um und wir müssen uns zurückziehen. Am frühen Nachmittag sind wir wieder an der Rangerstation. Dort müssen wir eine Stunde warten, denn es fehlt noch eine Gruppe und die Rückfahrt soll wieder im Konvoi stattfinden.

Als wir in Goma ankommen wird es schon dunkel. Wir verabschieden unsere zwei Trekking-Gefährten, die wieder in ihren durch Panzerdraht und Wachposten geschützten Wohnanlagen verschwinden. Dann müssen wir uns etwas beeilen, die Grenze schließt um 20 Uhr und wir wollen nicht unbedingt eine weitere Nacht in Goma bleiben. Jean bringt uns bis zum Blessing Motel, wo wir einen Teil unseres Gepäcks deponiert haben. Wir verabschieden uns und danken ihm für seinen guten und zuverlässigen Service.

Der Motel-Manger ist hocherfreut uns wiederzusehen, bloß hat er vergessen, dass wir ein Zimmer reserviert haben. Er schaut uns ganz unglücklich an, aber dann, kein Problem, er canceled einfach eine andere Reservierung und gibt uns das freigewordene Zimmer.
Teil 1324. März 2017
Teil 3

Von Ruanda nach Malawi


Nachdem wir den Kongo hinter uns gelassen haben, zieht es uns langsam aber sicher Richtung Malawi. Wir planen von Gisenyi über Kibuye nach Kigali zu fahren und von dort weiter Richtung Kigoma in Tansania. Kigoma besitzt einen Bahnhof und ist Endhaltestelle der Tanganjikabahn, die Kigoma mit Daressalam verbindet. Die Tanganjikabahn wurde 1904 von der Kolonie Deutsch-Ostafrika erbaut. Die Strecke ist insgesamt 1250 km lang.

Mit diesem Zug wollen wir von Kigoma bis Dodoma, der Hauptstadt Tansanias, fahren und von dort überland weiter Richtung Malawi bzw. Malawisee. Offen ist noch die Frage, wie von Kigali nach Kigoma kommen. Es gibt keine direkte Busverbindung und die Straße auf tansanischer Seite führt durch eine dünnbesiedelte und ziemlich unwegsame Gegend. Aber zuerst relaxen wir noch ein paar Tage am Kivusee.



Zwei oder dreimal pro Woche fährt morgens um 7 Uhr ein Schiff(chen) von Gisenyi nach Kibuye. Alternativ kann man auch den Bus nehmen, der täglich auf einer Erdstraße die Strecke in ca. 6 Stunden zurücklegt. Im Jahre 2013 fuhren wir mit diesem Bus durch eine der schönsten Landschaften Ruandas. Die Straße ist auch Teil des Congo Nile Trails, einer 227 km langen Trekkingstrecke.

Diesmal jedoch nehmen wir das Schiff. Die Abfahrtsstelle liegt etwas außerhalb des Zentrums, sodass wir ein Taxi brauchen um dort hinzukommen. Als wir gegen 6 Uhr 30 über einen wackligen Steg an Bord klettern, sind schon alle Sitzplätze von mit orangenen Rettungswesten bekleideten Ruandern belegt. Das Schiff ist nicht besonders groß und es herrscht ein ordentliches Gedränge. Während ich so herumstehe und überlege, wo wir es uns halbwegs bequem machen könnten, spricht mich ein Schiffsangestellter an. Er sagt, es gäbe einen VIP-Raum im hinteren Teil des Bootes. Weil die Passage im VIP-Raum 4000 RWF statt der 2500 RWF Normalpreis kostet, sind dort noch freie Plätze. Der Aufpreis lohnt sich, man sitzt in bequemen Clubsesseln in einem Extraraum.


Lake-Kivu Ferry


Lake-Kivu Ferry


Nyiragongo

Als wir die Bucht von Gisenyi verlassen, zeigt sich der Nyiragongo ein letztes Mal im Morgendunst. Eine dünne Rauchfahne steigt aus seinem Krater, dunkle Wolken sammeln sich um seinen Gipfel. Falls heute wieder eine Gruppe hochsteigt, müssen sie mit einem ordentlichen Unwetter rechnen. Glücklicherweise bleiben die dunklen Wolken im Kongo, sodass wir die warmen Strahlen der ruandischen Morgensonne genießen können.

Wir sitzen also in unseren VIP-Clubsesseln während das Schiff, nie allzu weit vom ruandischen Ufer entfernt, gemächlich Richtung Süden tuckert. Das kongolesische Ufer auf der anderen Seeseite versteckt sich derweilen im Dunst. Tiefeingeschnittenen Buchten, grüne Inseln und kleinen Siedlungen ziehen vorbei. Einmal legen wir kurz an, um Passagiere ein- bzw. aussteigen zu lassen.

Vielerorts sind die ruandischen Fischerboote mit ihren ewig langen Holzstangen unterwegs. Diese Holzstangen bewegen sich beim Fischen langsam auf und ab, erinnern dadurch an die Antennen riesiger Langusten.


Fischerboote auf dem Kivu-See


Fischerboote auf dem Kivu-See


Fischerboote auf dem Kivu-See


Fischerboote auf dem Kivu-See


Fischerboote auf dem Kivu-See


Kivu-See






Ankunft in Kibuye


Ankunft in Kibuye

In Kibuye verlassen wir das Schiff. Zwei Motorradtaxis bringen uns zum Home St. Jean. Das Home liegt etwas außerhalb auf einem Hügel und man hat von dort einen wunderbaren Blick auf den Kivusee. Wir haben vor drei Jahren schon einmal hier gewohnt. Leider haben die Preise deutlich angezogen, teilweise verdoppelt. Ein DZ kostet jetzt knapp 50 USD. Das ist reichlich für die kleinen, spartanisch eingerichteten Zimmer und vielleicht sind deshalb kaum Gäste da. Aber was soll‘s, man kommt wegen der Lage her, der Landschaft, dem Panorama. Und das Panorama ist immer noch grandios.

Nachdem wir uns eingerichtet haben, gehen wir erst mal ins Town-Center. Das ist zu Fuß in ca. 10 Minuten zu erreichen. Kibuye-Town besteht mehr oder weniger aus einem Straßenzug, in dem sich einige Geschäfte, Restaurants, eine Tankstelle und mehrere Banken befinden. Auch die Busse Richtung Kigali fahren direkt im Town-Center ab.

Da wir seit unserer Abfahrt in Gisenyi nichts mehr gegessen haben, suchen wir ein Restaurant auf. Die Restaurants haben in der Regel eine Art Büfett aufgebaut. In Metallbehältern, die von unten beheizt werden, befinden sich verschiedene Speisen. Man bekommt einen Teller in die Hand gedrückt, auf den man sich schöpft, was der Teller fassen kann.

Meistens gibt es Reis, Nudeln, Süßkartoffeln, gekochte Bananen, Bohnen, gekochten Mais, Kasawa, ein grünes, bitteres spinatähnliches, Gemüse und im letzten Topf das Fleisch. Ohne Fleisch kostet so ein Teller 1000 RWF, also etwa 1 Euro. Will man Fleisch, kostet jedes Fleischstück 300 Centimes extra. Das Fleisch kann man sich allerdings meistens sparen, da es meistens zäh wie Hosenleder ist. Man braucht wirklich viel Kaukraft um das zu essen. Entweder sind ruandische Rinder von Natur zäh, oder sie werden erst geschlachtet, wenn sie längst im Rentenalter sind.


Lake Kivu vom Home Saint Jean


Lake Kivu – Die Bucht von Kibuye

Wir bleiben drei Tage in Kibuye. Wir lümmeln ein wenig am Beach herum oder spazieren durch die Gegend. Der schmale Strand gibt, außer um mal ein kaltes Bier in Wassernähe zu trinken, nicht allzu viel her. Sonntags verwandelt er sich in eine Freiluftdisco mit überlauter Musikbeschallung und betrunkenen Ruandern.

Wir werden mehrmals angesprochen. Am Beach, auf der Straße, man will uns Bootsfahrten zu nahegelegenen Inseln verkaufen. Den Beschreibungen nach, gibt es drei Inseln, die man unbedingt besuchen sollte: Bat Island, Monkey Island und Peace Island.

Wir verabreden für den nächsten Tag eine Inseltour. In einem geräumigen Holzboot mit Außenbordmotor fahren uns zwei Guides zu den nahegelegenen Inseln.

Auf Bat-Island leben große Flughund Kolonien. Tagsüber hängen sie in den Ästen der Bäume. Die Guides klatschen laut in die Hände, worauf sie sich in kreischenden Schwärmen aus den Bäumen erheben. Es ist ein interessantes Schauspiel, wenn hunderte oder sogar tausende Flughunde über der Insel kreisen, aber ich frage mich, in wie weit wir den Tierchen durch unseren Besuch nicht schaden.

Auf Monkey Island gibt es tatsächlich nur einen einzigen einsamen Affen, der sich vermutlich zu Tode langweilt. Als wir anlegen, stürmt er auf unser Boot, stibitzt eine Banane und verschwindet wieder.

Peace-Island, das wir zuletzt besuchen, ist eine hübsche Insel mit Sandstrand und knorrigen Bäumen. Hier soll man Frieden finden können, leider haben wir nicht mehr genug Zeit dazu, denn die Bootstour geht dem Ende zu und wir müssen zurück.


Auf Bat-Island


Auf Bat-Island

Nach drei Tagen Fun and Sun in Kibuye wird es ernst. Wir müssen aufbrechen. Vor uns liegt eine ziemlich lange Strecke bis Malawi und wir können noch nicht abschätzen wieviel Zeit uns das kosten wird. Wir kaufen also ein Busticket und fahren nach Kigali. Dort mieten wir uns im Isimbi-Hotel ein. Das liegt sehr zentral und ist auch sonst ok. DZ 40 USD.

Später am Busbahnhof. Ich möchte herausfinden, was es für Verbindungen Richtung Tansania gibt. Wir fragen in mehreren Büros und sprechen mit den Ticket-Vermittlern, die man immer auf Busbahnhöfen antrifft. Alle sagen das Gleiche, es gibt nur einen Direktbus nach Daressalam, aber nichts nach Kigoma. Bleibt also nichts anderes übrig, als einen Bus zur Grenze zu nehmen und dort nach weiteren Transportmöglichkeiten zu suchen.

Am nächsten Morgen lassen wir uns von zwei Motorradtaxis vom Hotel zum Busbahnhof bringen. Mit dem Gepäck und je zwei Personen sind die Motorräder gut beladen. Die Strecke ist abschnittsweise ziemlich abschüssig. Mein Fahrer nimmt das sportlich und ich habe manchmal Mühe, mich auf dem Sitz zu halten. Plötzlich schießt ein PKW mit hoher Geschwindigkeit aus einer Seitenstraße, kreuzt unsere Fahrbahn und verfehlt uns nur um wenige Zentimeter. Einen Moment glaube ich, mein letztes Stündchen habe geschlagen. Selbst mein sportlicher Fahrer wird blass und das will bei einem Afrikaner einiges heißen.

Am Busbahnhof angekommen finden wir schnell den Bus zur Grenze. Wir müssen noch eine halbe Stunde warten, während sich das Fahrzeug mit Menschen und Gepäck füllt. Während wir sitzen und warten, klopfen ständig Bettler gegen die Scheiben, zeigen verstümmelte Gliedmaßen, in schmutzige Tücher gewickelte Babys, oder strecken die Hand ins Innere. Wir verteilen unser letztes ruandisches Kleingeld und ich bin froh, als es gegen 8 Uhr endlich losgeht.
Teil 1428. März 2017
Kigali – Kigoma

Die Straßen Kigalis sind um diese morgendliche Zeit vollgestopft mit Fahrzeugen aller Größen, PKWs, LKWs, Busse und jede Menge Motorräder. Dazwischen strömen Fußgänger, Frauen mit Körben auf dem Kopf und Babys im Wickeltuch. Unser Bus, eigentlich mehr ein Kleinbus, kommt nur langsam voran, immer wieder sind die Straßen verstopft, heißt es warten.

Kigali habe ich als recht angenehme Stadt erlebt. Die Stadt ist flächenmäßig sehr groß, zieht sich über zahllose Hügel hin. Zumindest die Viertel der Stadt, die wir besucht haben, wirken sauber und ordentlich, fast europäisch. Es fehlen Gestank und Chaos anderer afrikanischer Großstädte. Im Zentrum werden Bankhäuser und riesige Einkaufszentren aus dem Boden gestampft. Irgendwo las ich einmal, Kigali träume davon „zum Singapur Afrikas aufzusteigen“.


Bus zur Grenze

Bis zur Grenze nach Tansania (Rusumo) liegen 160 km, oder ca. drei Stunden Fahrt vor uns. Die Straße ist ordentlich, trotzdem zieht sich die Fahrt über fünf Stunden hin. Das liegt an den häufigen Stopps. In jedem Kaff fahren wir einen Busbahnhof an. Das kostet Zeit. Je weiter wir uns von Kigali entfernen, umso einfacher und ärmlicher werden die Häuser. Auch der Verkehr nimmt ab.

Da wir keine Zeit zum Frühstück hatten, kaufen wir ein paar Samosas. Verhungern ist in afrikanischen Bussen so gut wie unmöglich, sobald sie irgendwo anhalten, stehen Händler bereit, die was zu futtern verkaufen.

Grenze. Gegen 13 Uhr sind wir endlich am ruandisch/tansanischen Grenzübergang bei den Rusumo Falls. Die Grenzanlage ist neu und wirkt, da es kaum Grenzverkehr gibt, überdimensioniert. Vielleicht hat man hier für die Zukunft geplant. Von der ruandischen Grenzstation zur tansanischen Grenzstation muss man ca. 2 km zurücklegen. Man hat unterwegs die Chance, den beeindruckenden Rusumu Wasserfall zu sehen.


Rusumo Falls


Rusumo Falls

Kaum steigen wir aus dem Bus, werden wir sofort von Geldwechslern und Motorradfahrern umringt. Ruandisches Geld haben wir praktisch keines mehr, die letzten Ruanda-Francs und 20 USD tausche ich in Tansanische Shilling. Mir ist schon klar, dass der Kurs nicht der Beste ist, aber ganz ohne tansanisches Geld möchte ich auch nicht bleiben.

Dann fahren wir mit den Motorradboys über die Brücke zur tansanischen Grenzstation. Auch hier ist alles neu und weitläufig gebaut. Auch hier gibt es aber kaum Grenzgänger. Die Gebäude und Hallen sind menschenleer, hinter den Schaltern sitzen gelangweilt gähnende Beamte. Nachdem ich den üblichen Papierkram ausgefüllt und 50 USD bezahlt habe, bekomme ich den Einreisestempel in meinen Pass. In einem anderen Raum, auch hier sitzt ein ganzer Trupp Uniformierter gelangweilt um einen Tisch, wird unser Gepäck oberflächlich gecheckt und wir dürfen weiterreisen.

Als wir aus dem Gebäude treten, regnet es in Strömen. Es sieht nicht so aus, als ob der Wolkenbruch bald nachlassen würde. Soweit ich es durch die Regenschleier erkennen kann, gibt es nirgendwo einen Bus, Daladala, Matatu oder sonst etwas, was nach öffentlichem Transport aussieht. Während wir leicht fröstelnd unter dem Vordach des Zollgebäudes stehen, spricht mich ein Mann an. Er habe ein Sammeltaxi und wenn wir wollen, könne er uns bis Nyakasanza mitnehmen. Das ist der nächste Ort und von dort gäbe es wahrscheinlich einen Bus. Natürlich wollen wir. Mit ein paar weiteren Fahrgästen quetschen wir uns in das Taxi.

Die Fahrt nach Nyakasanza dauert nicht sehr lange. Dort angekommen, setzt er uns auf einem ziemlich verlassen wirkenden Areal ab. Ein paar einfache Schuppen stehen um einen ungeteerten Platz herum. Bis auf einen sind sie geschlossen. Das sei der Busbahnhof meint der Taxifahrer. Allerdings sehe ich nirgendwo einen Bus und auch sonst gibt es wenig, was Hoffnung macht, dass bald ein Bus kommen könnte.

Wir fragen die einzigen zwei Menschen, die sich auf dem Platz finden lassen nach Bus, aber sie zucken nur mit den Schultern und sagen unbestimmte Dinge, wie „Ja ein Bus wird kommen“ oder „Setzt euch und wartet bis ein Bus kommt“ usw.

Tatsächlich bringen sie aus einem der Schuppen zwei wacklige Plastikstühle hervor, auf die wir uns setzen sollen. Meine Frau setzt sich, ich beschließe mal zur Straße zulaufen und zu schauen, ob sich etwas ergibt. Vor dem Busbahnhof lungern ein paar Leute um einen PKW herum. Ich frage sie nach Bus, Taxi, Daladala, doch sie schütteln nur den Kopf. Ich gehe wieder zurück und setze mich auf den anderen Plastikstuhl, der unter meinem Gewicht beinahe in sich zusammenbricht.

Wir sitzen eine Weile, nichts passiert. Nach einer weiteren Weile, in der auch nichts passiert, ruft plötzlich einer der herumlungernden Männer: „Kommt schnell es gibt ein Auto nach Nyakanazi“. Keine Ahnung wo das ist, aber besser weiterfahren, als in Nyakasanza verkümmern. Wir springen auf, mein Stuhl bricht endgültig in sich zusammen, schnappen unsere Rucksäcke und eilen zur Straße. Dort steht ein verstaubtes und verbeultes Sammeltaxi. Wir quetschen uns zu acht weiteren Personen in den PKW. Unterwegs werden weitere Fahrgäste aufgenommen. Die Fahrt dauert so ein oder zwei Stunden. Plötzlich, ohne dass ein Grund erkennbar wäre, hält das Taxi an einer staubigen Kreuzung und alle Fahrgäste steigen aus, packen ihre Bündel und verschwinden in unterschiedliche Richtungen.

Ich frage den Fahrer, ob wir schon in Nyakanazi seien. Immerhin sieht man in der Ferne ein paar Hütten. Der schüttelt den Kopf und deutet in eine etwas unbestimmte Richtung. Dort drüben gäbe es einen „Bus-Stop“, wo wir auf einen Bus warten könnten.

Die Stelle auf die er zeigt, ist ein paar hundert Meter entfernt. Mit dem Gepäck auf dem Rücken laufen wir die staubige Straße entlang zum Bus-Stop.. Außer, dass ein paar Leute herumstehen, deutet nichts darauf hin, dass hier Busse abfahren würden. Wir stellen uns zu den Leuten dazu und stehen auch eine Weile herum. Meine Frau versucht von den Wartenden Infos über Transportmöglichkeiten zu bekommen, aber auch hier ist keine eindeutige Information zu bekommen. Zudem ist die Verständigung schwer, Englisch spricht kaum jemand, Swahili klappt auch nicht so recht und örtlich Dialekte spricht keiner von uns.


Sammeltaxi in Nyakanazi

Plötzlich taucht ein Fahrzeug auf. Wir, und ein paar andere Fahrgäste sprinten hinter dem bremsenden PKW her. Wenn viele Leute auf eine Fahrgelegenheit warten, ist es nicht immer einfach einen Platz zu ergattern. Wir quetschen uns auf die Rückbank und fragen erst dann den Fahrer, wohin er fährt. Wir haben Glück, er fährt tatsächlich nach Nyakanazi.

Inzwischen habe ich Nyakanazi auf meinem Handy per GPS gefunden. Das Städtchen liegt an der Verbindungsstraße Mwanza – Kigoma. Von dort aus müsste es deutlich bessere Transportmöglichkeiten geben. Da es inzwischen schon später Nachmittag ist, rechne ich damit, dass wir eventuell in Nyakanazi übernachten müssen. Nach Nyakanazi beginnt eine 300 km lange Staubstraße durch dünn besiedeltes Land. Wir wurden schon mehrfach gewarnt, diese Strecke bei Dunkelheit zu fahren.

Als wir in Nyakanazi ankommen, ist aus dem späten Nachmittag bereits früher Abend geworden. Ich schwanke zwischen Hotel suchen oder weiterfahren, als, eine dicke Staubfahne hinter sich herziehend, ein etwas größerer Bus heranrauscht. Er stoppt direkt neben uns. Der Beifahrer springt auf uns zu ruft „Kibondo, Kibondo“.

Kibondo liegt knappe 100 km Richtung Kigoma. Das könnten wir noch schaffen. Wir fragen den Busfahrer, wie es in Kibondo so mit Übernachtungsmöglichkeiten aussieht und ob man leicht nach Kigoma weiterkommt. Alles „no problem“ sagt der Fahrer und drückt mir zwei Bustickets in die Hand. Der Bus ist halb leer, was in diesem Teil Afrikas eher ungewöhnlich ist.

Obwohl der Bus von außen recht groß aussieht, ist er innen eng und unbequem. Die Sitze sind völlig durchgesessen, alles wirkt kaputt und zerschlissen. Da der Busfahrer nach verlassen Nyakanazis mit Vollgas über die Waschbrettpiste brettert, fallen diverse Gepäckstücke aus der Ablage den darunter sitzenden Leuten auf die Köpfe. Bald ist alles ist mit einer rötlichen Staubschicht bedeckt. Vor allem bei entgegenkommendem Verkehr füllt sich der Bus mit feinem Staub der einen ständigen Hustenreiz auslöst.


Zwischen Nyakanazi und Kibondo


Zwischen Nyakanazi und Kibondo


Zwischen Nyakanazi und Kibondo


Zwischen Nyakanazi und Kibondo

Hinter Nyakanazi wird die Gegend zunehmend einsamer, Siedlungen werden seltener, auch sind kaum noch Fahrzeuge unterwegs. Ab und zu hält der Bus kurz um ein paar Leute ein- oder aussteigen zu lassen. Schnell wird es dunkel. Es ist eine mondlose, finstere Nacht.

Auch Kibondo ist dunkel, als wir ca. zwei Stunden später dort ankommen. Es gibt kaum so etwas wie Straßenbeleuchtung, lediglich aus den Häusern dringt hier und da schummriges Licht. Irgendwann meint der Busfahrer jetzt sei Endstation. Wir fragen ihn, ob es noch ein Weiterkommen Richtung Kigoma gäbe. Er meint es wäre nachts schwierig ein Fahrzeug zu finden und wir sollten besser hier übernachten.

Er macht uns mit einem Kollegen bekannt, der ebenfalls Busfahrer ist und am nächsten morgen mit seinem Bus nach Kigoma fahren wird. Dieser andere Busfahrer zeigt uns eine Hotel, indem wir die Nacht verbringen können. Er verspricht, uns am nächsten Morgen um 5.30 Uhr dort mit seinem Bus dort abzuholen.

Das Hotel ist ziemlich einfach, man könnte sagen, eine Absteige, aber zum Übernachten reicht es. Der Hotelmanager ist sehr freundlich, einen Mzungu bekommt er bestimmt nicht oft als Gast. Die Dusche ist ein Eimer, der sich mit rötlichem Wasser füllt, wenn man den Wasserhahn aufdreht. Der Hotelmanager bringt uns sogar einen Eimer mit heißem Wasser, was schon an Luxus grenzt...
Teil 1530. März 2017
Am nächsten Morgen sind wir um 5 Uhr wach. Viel Schlaf war das nicht. Schnell mache ich mit unserem kleinen Reisetauchsieder Wasser heiß und braue einen Tee. Den Tauchsieder habe ich auf Reisen immer dabei. Er ist sehr nützlich, wenn man unterwegs ist. Oft fahren Busse sehr früh los, oder man kommt spät irgendwo an und so kann man sich schnell einen Kaffee oder Tee zubereiten. Ich habe ihn auch schon benutzt, um Wasser zu desinfizieren. Zu essen gibt es lediglich die restlichen Samosas vom Vortag.

Gegen sechs Uhr ist vom Bus noch nichts zu sehen. Meine Frau hat die Telefonnummer des Fahrers in ihrem Handy gespeichert. Als sie ihn anruft, sagt er, er sei schon unterwegs und komme gleich. Tatsächlich klopft es kurz darauf an die Zimmertür und der Hotel-Manager ruft: „Der Bus ist da.“

Wir nehmen unser Gepäck und eilen auf die Straße. Dort reibe ich mir erst mal verwundert die Augen. Der ‚Bus‘ ist ein uraltes, verbeultes Daladala, heruntergewirtschaftet, staubig, mit mindestens einer Million Kilometer auf dem Buckel. Die besten Sitze sind schon besetzt, sodass wir uns auf die vorletzte Hinterbank quetschen müssen.

Bevor es wieder auf die Piste Richtung Kigoma geht, kreuzt unser Daladalafahrer noch eine halbe Stunde durch Kibondos Straßen, um weitere Passagiere zu gewinnen. Mit jedem neuen Passagier wird es enger. Als wir Kibondo endlich verlassen, dämmert bereits der Morgen. Zwischen den Büschen und Baumgruppen entstehen ausgedehnte Nebelbänke, was im Morgenlicht zauberhaft aussieht. Auch regnet es leicht, sodass sich die rote Staubstraße in eine rote Matschstrasse verwandelt.

Um diese Zeit ist es noch recht kühl, erst Stunden später, als die Sonne schon deutlich höher steht, wird es wärmer.


Zwischen Kibondo und Kigoma


Daladala - Zwischen Kibondo und Kigoma


Daladala - Zwischen Kibondo und Kigoma

Der Innenraum ist so niedrig, dass ich ständig aufpassen muss, bei den Schlaglöchern, die wir reichlich durchfahren, nicht mit dem Kopf an die Decke zu knallen. Ich mache mich im Sitz so klein wie möglich. Gleichzeitig muss ich aufpassen, dass ich meine Knie nicht an scharfkantigen Metallteilen der vorderen Sitzbank aufschlitze.

Zeitweilig zähle ich bis zu 22, mit den Babys sogar 24 Personen im Daladala. Alle paar Kilometer steigt jemand ein oder aus. Jeder hat mindestens ein Gepäckstück dabei. Säcke werden zwischen die Sitzbänke geschoben, Körbe auf den Füßen der Mitreisenden abgestellt.

Bei den vielen Stopps strömen Händler herbei, bieten allerhand Waren an. Selbstgemachte Getränke in Plastikflaschen oder Plastikbeutel, Süßigkeiten, Kekse, gegrillte Maiskolben, Bananen, aber auch Zwiebeln und Karotten, eben alles, was die örtliche Landwirtschaft so hergibt. Manchmal wird das Fahrzeug regelrecht umlagert. Frauen und Kinder strecken mit lautem Geschrei ihre Waren durch die Fenster.

Natürlich bin ich als Mzungu besonders interessant. Vor allem für die Kinder, die sich, wenn sie mich entdeckt haben, vor meinem Fenster versammeln und mich neugierig anstarren. Manchmal schieben sie das Fenster von außen auf und halten mir ihre Waren unter die Nase. Mit Zwiebeln und Karotten kann ich wenig anfangen, gelegentlich kaufe ich ein paar Erdnüsse oder gekochte Maiskolben. Die sind lecker und machen satt.

Als wir einmal auf freier Strecke halten, steht plötzlich ein Polizist neben dem Daladala. Er sieht mich und meine Kamera und kommt sofort ans Fenster.

Polizist: „Good morning Sir, how are you? How is your morning? “
Ich antworte: „Thank you, everything is fine.“
Polizist (auf meine Kamera deutend): “What are you recording?”
Ich: “Oh, only the beautiful landscape”
Polizist (streng): “It is not allowed to take pictures in this area.”

Ich weiß ja nicht, welche Geheimnisse die „Area“ verbirgt, soweit ich sehen kann, gibt es nur Busch, ein paar Bäume und eine schlammigen Erdstraße. Bevor ich ihn jedoch nach dem ‚warum‘ fragen kann, fährt das Daladala schon wieder los und ich mache noch schnell ein Foto. 😉


„No Foto“ - Zwischen Kibondo und Kigoma


Zwischen Kibondo und Kigoma


Zwischen Kibondo und Kigoma


Busbahnhof in Kasulu


Busbahnhof in Kasulu


Busbahnhof Kasulu


Busbahnhof Kasulu


Busbahnhof in Kasulu


Busbahnhof Kasulu


Zwischen Kasulu und Kigoma


Kurz vor Kigoma

Irgendwann gegen Vormittag landen wir auf einem Busbahnhof in einem Ort namens Kasulu. Hier ist Endstation mit dem Daladala. Aber kein Problem, unser Driver übergibt uns einem anderen Daladaladriver, sodass wir nicht lange suchend umherirren müssen. Allerdings vergeht noch gut ein Stündchen bevor es weitergeht. Diesmal haben wir die Sitze vorne neben dem Fahrer, was sehr viel bequemer ist und man hat natürlich die bessere Sicht.

Bis Kigoma sind es noch ca. drei Stunden. Die Straße ist immer noch Piste, aber recht gut befahrbar. Je näher wir Kigoma kommen, umso mehr Menschen und Fahrzeuge sind unterwegs. Als wir gegen Mittag in Kigoma aus dem Daladala steigen, sind wir von einer rötlichen Staubschicht überzogen. Unser Gepäck ist rot, unsere Kleider und Schuhe sind rot, alles ist rot.

Mit den allerletzten tansanischen Schillingen chartern wir ein Taxi vom Busbahnhof ins Zentrum Kigomas. Wir müssen ein bisschen herumsuchen, bis wir schließlich ein Zimmer in einem netten kleinen Hotel finden.
Teil 1630. März 2017
Kleine Statistik der Strecke Kigali – Kigoma:

Gesamtstrecke ca. 600 km, davon ca. 330 Erdstraße

Benötigte Fahrzeuge 9 (von Hotel Kigali zu Hotel Kigoma):
1. Motorradtaxi Hotel Kigali zum Busbahnhof Kigali
2. Bus Kigali – Grenze
3. Sammeltaxi Grenze – Nyakasanza
4. Sammeltaxi – Nyakasanza – Kreuzung
5. Sammeltaxi Kreuzung – Nyakanazi
6. Bus Nyakanazi – Kibondo
7. Daladala Kibondo – Kasulu
8. Daladala Kasulu – Kigoma Busbahnhof
9. Taxi Kigoma Busbahnhof - Hotel

Zeit: ca. 30 Stunden
davon geschlafen: ca. 8 Stunden
Nettofahrtzeit: 22 Stunden
Durchschnittsgeschwindigkeit: 27 kmh

Fazit: Sehr interessante Strecke durch nichttouristisches Afrika.
Teil 1707. Mai 2017
Dodoma – Makambako - Mbeya

Nächster Morgen, 6 Uhr in der Frühe. Wir sitzen in einem Bus von Dodoma nach Makambako. Unser Tagesziel ist eigentlich Mbeya, einem Städtchen im Dreiländereck Tansania, Sambia, Malawi. Von dort wollen wir zum Malawisee weiterreisen.

Gestern Abend, direkt nach unserer Ankunft in Tansanias Hauptstadt, versuchten wir noch ein Busticket nach Mbeya zu bekommen. Dabei half ein netter Taxifahrer, der uns von einer Busgesellschaft zur anderen brachte. Busbahnhöfe und Büros der Busgesellschaften liegen in Ostafrikas Städten oft weit auseinander und wenn man sich nicht auskennt, schwer zu finden. Das Ergebnis unserer Suche war enttäuschend, alle Direktbusse waren ausgebucht. Es sind wohl gerade Ferien angebrochen und alle wollen verreisen. Die einzige Möglichkeit der Weiterreise, die man uns anbot, war, einen Bus nach Makambako zu nehmen, und von dort, so versicherte man uns, gäbe es sicher Anschlussbusse Richtung Mbeya.


Landschaft unweit von Dodoma


Landschaft unweit von Dodoma

Es wird langsam Tag. Die Gegend ist immer noch flach und trocken, die Vegetation besteht hauptsächlich aus Unmengen Baobab-Bäumen. Dazwischen ärmliche Häuser, Steine, rotbraune Erde und blattlose Trockenbüsche. Die Straße ist gut, wir kommen flott voran. Einmal werden wir aufgeschreckt, als der der Busfahrer wild hupend eine Beinah-Vollbremsung hinlegt, aber es sind nur ein paar magere Rinder, die nicht schnell genug von der Straße gesprungen sind.

Eine Frau, die eine große Schüssel bei sich trägt, steigt unterwegs zu. Sofort durchzieht ein herber Fischgeruch den Bus. In der Schüssel schwappt eine dunkle Brühe, in der kleine, tote Fische schwimmen. Sie läuft durch den Bus um die Fische zu verkaufen. Bei dem Geruch wird mir beinahe übel, acht Uhr morgens ist einfach noch nicht die Zeit für stinkenden Fisch. Soweit ich sehe geht es den anderen Reisenden ähnlich, keiner im Bus interessiert sich für Fisch.

Etwas später steigt ein Prediger zu. In seinen Händen hält er eine abgegriffene Bibel. Er stellt sich in den Mittelgang und beginnt zu predigen. Auf Swahili. Zunächst noch ganz moderat, redet er sich nach und nach in Rage. Irgendwann brüllt er nur noch, den Arm mit der Bibel drohend erhoben, als wolle er sie dem nächsten Sünder um die Ohren hauen. Da er direkt vor mir steht, schmerzen mir die Ohren. Ich überlege, ob ich mir etwas in die Ohren stopfen soll, aber dann befürchte ich, das wäre zu unhöflich. Wer nach dieser Predigt noch nicht bekehrt ist, dem ist nicht mehr zu helfen. 😉

Je näher wir Makambako kommen, umso schlechter wird die Straße. Baustellen, Umleitungen, Schotterpiste. Und dann beginnt es heftig zu regnen. Aus Erdstraßen werden Matschstraßen. Makambako erreichen wir gegen 14 Uhr mit zwei Stunden Verspätung.

Auf dem Bushalteplatz steht abfahrbereit ein Anschlussbus nach Mbeya. Wir schnappen unser Gepäck und klettern in den Bus. Aber der Bus ist so voll, dass nicht mal mehr eine Maus hineinpassen würde. Wir müssen wieder aussteigen.

Die Bus-Leute schicken uns zu einem Büro der Busgesellschaft, welches gleichzeitig Warteraum für die Fahrgäste ist. Dort sitzen schon ca. zehn Personen, die alle nach Mbeya wollen. Ich kaufe Bustickets nach Mbeya, auf mein mehrmaliges Fragen, wann der Bus käme, meint der Angestellte immer nur:

„Bus is coming“, „Bus is coming“

Wir setzen uns zu den Wartenden. Eine Stunde vergeht. Es regnet immer noch in Strömen. Plötzlich erscheint am anderen Ende des Bushalteplatzes ein großer, alter, dreckiger Reisebus. Jemand ruft:

„Sieben Plätze frei nach Mbeya“

Alle springen auf, packen ihr Gepäck und rennen los. Wir natürlich auch. Es sind mehr als sieben Personen, die da rennen. Es ist klar, wer zuerst im Bus ist, darf mit. Trotz meines nicht ganz leichtern Rucksackes bin ich einer der ersten, die den Bus erreichen. Ich klettere sofort in den Bus, ganz hinten auf der Rückbank sind noch zwei Sitzplätze frei. Das war Glück.

Bis Mbeya sind es noch 170 km. In Tansanias Bussen finden neben Predigten auch gerne Verkaufsveranstaltungen statt. Oft werden Seifen oder andere (Wunder-)Kosmetikartikel verkauft. So auch in diesem Bus. Ein Verkäufer positioniert sich im Mittelgang und hält einen langen Vortrag über die wunderbaren Wirkungen seiner Produkte. Seine Kräuterseife z.B. hilft so ziemlich gegen jedes Hautproblem, Zahnpasta für strahlend weiße Zähne, Öl gegen rheumatische Beschwerden usw. Seine Creme macht jedes Gesicht mindestens 20 Jahre jünger. Zum Beweis cremt er sich das Gesicht weiß ein, lediglich die Augenhöhlen bleiben dunkel, wodurch er einem Zombies ziemlich ähnlich wird. Dann wischt er die Creme wieder ab. Ich finde er sieht genauso aus wie zuvor, bloß glänzt er jetzt mehr. Wir kaufen eine Kräuterseife. 😉

Wir sitzen auf den letzten Plätzen. Die Straße ist teilweise ungeteert, es gibt Umleitungen über Schotterpisten und bei jeder größeren Bodenwelle fliegen wir fast bis an die Decke. Vorne im Bus flimmern auf einem Monitor schwachsinnige Videos, aber den Leuten scheint es zu gefallen.

Irgendwann sind auch in tansanischen Bussen 170 km zurückgelegt, in diesem sind etwa vier Stunden vergangen, als wir Mbeya erreichen.

Direkt gegenüber vom Busbahnhof liegt das New Millennium Inn Hote. Sie haben nur noch ein einziges, winziges Zimmer frei. Das Zimmer ist tatsächlich so klein, dass es von dem Doppelbett fast komplett ausgefüllt wird. Nachdem wir unserer Rucksäcke auf dem Boden abgestellt haben, können wir uns kaum noch bewegen. An den Wänden des Zimmers sitzen unzählige blutrünstige Moskitos. Zum Glück hängt über dem Bett ein Moskitonetz, fast ohne Löcher. Wir sind müde und wollen gleich morgen früh weiter nach Malawi, deshalb mieten wir uns trotzdem ein.

Ich wäre am liebsten sofort ins Bett gekrochen, aber wir müssen noch die morgigen Abfahrtszeiten der Busse zur Grenze checken. In Tansania fahren die Busse oft in den frühesten Morgenstunden los. Wir gehen also nochmals zum Busbahnhof. Wir fragen die dort herumlungernden Busbahnhofboys nach Bussen Richtung Malawi, ernten aber nur Kopfschütteln und Schulterzucken. Endlich führt uns einer zu einem kleinen Büro, in dem sich zwei Schreibtische und mehrere gelangweilt herum sitzende Personen aufhalten. Wir bekommen die Auskunft, dass morgen früh um 5 Uhr ein Bus nach Kasumulu, einem Ort nahe der Grenze, führe. Von dort könne man mit Mototaxis die Grenze erreichen.

Erstaunlich hoch ist der Preis von 35000 TZS, soviel kostet nicht mal die Fahrt bis Daressalam. Ich frage mehrmals nach, doch der Mann hinter dem Schreibtisch beharrt darauf, dass dies der reguläre Preis sei. Die anderen Anwesenden beobachten uns schweigend. Da wir keine Alternative haben, kaufen wir zwei Tickets. Bevor wir in unser moskitoverseuchtes Zimmerchen zurückgehen, essen wir in einem schäbigen Mini-Restaurant ein zähes Chicken-with-Rice Gericht.
Teil 1818. Mai 2017
Am nächsten Morgen sind wir um 4:30 Uhr auf den Beinen. Schnell alles zusammenpacken und los zum Busbahnhof. Frühstück gibt es um diese Zeit sowieso noch nicht, deshalb reicht eine halbe Stunde und wir stehen wie abgemacht um 5 Uhr vor dem Ticket-Büro im Busbahnhof. Im Büro brennt ein trübes Licht. Auf einem Bänkchen davor kauert eine in eine Decke gehüllte Gestalt. Sonst ist niemand da.

Der Busbahnhof ist nur spärlich beleuchtet, im Halbdunkel sehe ich mehrere große Reisebusse, die mit laut aufheulendem Motor ihre Abfahrtbereitschaft signalisieren. Es sind schon einige Leute unterwegs. Mit Koffern und Bündeln beladene Reisende laufen zwischen den Fahrzeugen umher, Angestellte der Busgesellschaften verstauen Gepäckstücke in den Laderäumen. Wir fragen mehrere Personen, wo der Bus zur malawischen Grenze sei, doch sie wissen nichts. Einer schaut sich unser Ticket an und sagt dann, wir sollen vor dem Büro warten. Wir warten also ein Weilchen und befürchten schon, einem Ticketbetrüger auf den Leim gegangen zu sein, als plötzlich unser Ticketmann von Gestern auftaucht.

Er fordert uns auf ihm ihm folgen und führt uns zu einem der kleineren Busse. Wir fahren quer durch die Stadt zu einer anderen Busstation. Dort führt er uns zu einem Kleinbus. Das sei der Bus zur Grenze, sagt er und verschwindet.

Inzwischen ist uns klar geworden, was hier läuft. Die Tickets, die er uns gestern teuer verkauft hatte, sind natürlich fake. Statt uns auf dem ersten Busbahnhof (Mbeya Bus Terminal) zu informieren, dass die Busse zur Grenze vom Mwanjelwa Busstop fahren, verkaufte er uns ein Fantasieticket zum Fantasiepreis…

Davon abgesehen verläuft die Fahrt bis zur Grenze ohne Probleme. Die Strecke führt uns durch eine grüne, teils bergige Landschaft. Während sich in den Schatten der Täler noch einzelne Nebelbänke halten, beginnen die Berggipfel im warmen Licht der Morgensonne zu leuchten. Gerne wäre ich hier ausgestiegen und hätte die schöne Gegend genossen, aber Malawi ist nicht mehr weit, und wir hoffen, heute noch zum See, wenn möglich bis Nkhata Bay zu kommen.

Im Grenzort Kasumulu ist Endstation. Bis zur eigentlichen Grenze sind es noch ca. 2 km. Sofort werden wir von Mototaxis umringt. Alle reden auf uns ein. Einige Fahrer versuchen uns das Gepäck aus der Hand zu reisen um uns als Kunden zu gewinnen. Um aus dem Tumult herauszukommen handle ich mit einem der Motoboys schnell einen Preis für die Fahrt zur Grenzstation aus. Kurz vor der Grenzstation werden wir von einer Horde Geldwechsler beinahe genötigt Geld zu wechseln. Ich wechsle einige Dollars und unsere letzten tansanischen Schillinge in Malawische Kwachas. Wir wissen nicht, was uns jenseits der Grenze erwartet und wo und wann eine Bank oder ein Geldautomat auftauchen wird.

Malawi

An der Grenze geht es ruhiger zu. Nach der Ausreise aus Tansania begrüßt mich die Zollbeamtin auf malawischer Seite mit freundlichem Lächeln:

„Good morning, Sir, how can I help you?“

Komische Frage, natürlich möchte ich ein Visum. Nachdem ich die üblichen Formulare ausgefüllt habe, muss ich 75 USD bezahlen. Ganz schön teuer für so ein kleines Land, denke ich, sage aber nichts. Ich gebe ihr einen 50 USD Schein, einen Zwanziger und fünf 1-Dollar-Scheine. Den Fünfziger untersucht sie lange auf Echtheit, die 1-Dollar-Scheine gibt sie mir wieder zurück.

„We dont accept one-dollar-notes“

Ich habe noch einen 10 USD Schein, den ich ihr gebe. Auf einem Bänkchen sollen wir auf das Wechselgeld warten. Eine halbe Stunde vergeht und ich befürchte schon, das Wechselgeld sei in den Weiten des Zollgebäudes verlorengegangen, als sie plötzlich vor uns steht und mir das Wechselgeld überreicht.

„Have a nice stay in Malawi“, sagt sie mit strahlendem Lächeln.

Wir sind in Malawi. Auf der malawischen Seite befindet sich kein Ort, es gibt auch keinen Grenz-Bus zur nächsten Stadt, keine Motorradtaxis, oder ähnliches. Wir müssen warten und schauen ob sich eine Transportmöglichkeit ergibt.

Wir warten noch nicht lange, als uns ein Mann anspricht. Er fragt meine Frau, ob wir ein Taxi bräuchten. Die Fahrt bis Mzuzu würde 6000 Kwacha kosten. Er führt uns zu einem nagelneuen japanischen Kleinwagen. Außer dem Fahrer warten zwei weitere Fahrgäste. Mit uns sind wir zu fünft und es kann losgehen. Der Fahrer fährt bis Lilongwe, aber soweit wollen wir nicht. Unser Ziel ist Mzuzu, bzw. das nahe gelegene Nkhata Bay.

Die Fahrt beginnt flott und bequem. Der Kleinwagen flitzt über Malawis Landstraßen, wir haben genug Platz um uns auszustrecken. Doch nach wenigen Kilometern stoppen wir. Der Fahrer steigt aus und verschwindet in einem Häuschen am Straßenrand. Etwa eine halbe Stunde später kommt er zurück, er musste noch duschen und was Frisches anziehen, meint er. Und geht es flott weiter. Eine Viertelstunde später halten wir erneut an. Diesmal ist es eine Polizeikontrolle.

Nachdem die Polizisten die Papiere des Fahrzeugbesitzers genauestens gecheckt haben, stellen sie fest, dass etwas fehlt. Irgendeine Bescheinigung, die der Fahrer an der Grenze vergessen hat. Einer der Polizisten telefoniert mit der Grenzstation. Wir müssen warten, bis das nächste Fahrzeug von der Grenze kommt und das Dokument mitbringt. Wieder eine halbe Stunde warten.

Und es geht weiter. Der Fahrer gibt ordentlich Gas und ich bekomme schon Angst, dass der Kleinwagen von der Straße hüpft. Aber es macht auch Spaß, so flott voranzukommen. Reisen ist in Afrika oft eine eher langsame Angelegenheit.

Aber schon 10 Minuten später stehen wir schon wieder. Die nächste Polizeikontrolle. Diese Kontrollen laufen immer nach dem gleichen Schema ab. Ein Polizist nähert sich dem Auto, schaut sich nacheinander jeden einzelnen Fahrgast an, sagt zu jedem in etwa:

„Good morning/afternoon, how are you/are you fine?
Where are you going?
You have all your travel documents?“
usw.

Dann Pass-/Ausweiskontrolle. Bei meiner Frau finden sie keinen Einreisestempel. Einen Moment lang glauben sie, sie wäre illegal eingereist. Sie soll aussteigen und mitkommen. Während der Polizist immer weiter in ihrem Pass blättert, steigen wir aus. Ich befürchte schon, unsere flotte Fahrt sei hiermit beendet, als der Polizist plötzlich den Stempel findet. Allgemeines erleichtertes Aufatmen.

Und weiter geht es.

Bis zur nächsten Polizeikontrolle. So langsam nerven die Kontrollen. Wenn es so weitergeht, erreichen wir Mzuzu heute nicht mehr. Aber glücklicherweise ist es die letzte Kontrolle.

Ist Malawi in der Grenzgegend recht flach, wird die Landschaft allmählich bergiger. Das Sträßchen windet sich den einen oder anderen Bergrücken empor. Ab und zu sehe ich Affen am Wegesrand hocken. Plötzlich, nach einem steilen Anstieg sehen wir das Ziel unserer Reisei: Den Malawisee! Da es gerade wieder zu regnen beginnt, blicken wir zunächst nur auf eine durch Regenschleier verschleierte graue Wasserfläche. Später kommt die Sonne durch und wir haben tolle Ausblicke auf den See.

Dank der flotten Fahrweise unseres Fahrers erreichen wir Mzuzu am späten Nachmittag. Der Ort macht einen quirligen Eindruck. Wir fragen uns zu einem Minibus durch, der und die letzten 50 km bis Nkhata Bay bringen soll.

Während wir auf die Abfahrt warten, kaufen wir Samosas und andere Snacks von den Händlern, die den Minibus umlagern. Jetzt merke ich erst, wie hungrig ich bin. Wir sind ja heute Morgen ohne Frühstück in Mbeya losgefahren und unterwegs bis Mzuzu gab es keine Gelegenheit Nahrung zu finden.

Die Straße nach Nkhata Bay ist zum Teil eine zähe, rote Schlammpiste. Kurz vor dem eigentlichen Ort steigen wir aus. Hier liegt das Big-Blue-Backpacker. Die Adresse habe ich mal irgendwo aus dem Internet notiert.

Von der Straße kommend steigen wir einen schmalen Weg zu den Rezeptionsgebäuden ab. Das Gelände wirkt verlassen und irgendwie düster. Die Bungalows, eigentlich sind es eher Hütten, sind über das felsige, mit Bäumen bewachsene Gelände verteilt. Ein paar stehen direkt am kleinen Strand. Der Strand könnte ganz schön sein, wenn er nicht so verdreckt wäre. Überall Plastikmüll, Dosen, Flaschen und anderer Unrat.


Big Blue Backpacker - Malawisee


Big Blue Backpacker - Malawisee


Malawisee


Malawisee


Malawisee

Vielleicht hat die Anlage einmal bessere Zeiten gesehen, aktuell wirkt sie nicht sehr einladend. Da es schon Nacht wird, und wir einen langen Tag hinter uns haben, beschließen wir, erst mal zu bleiben. Fast alle Hütten sind frei, sodass wir uns eine direkt am Strand aussuchen können. Es ist eine einfache Bambushütte mit Strohdach. Die Einrichtung ist mehr als spartanisch: Ein Bett mit Moskitonetz und sonst nichts. Für Dusche und Toiletten muss man einen felsigen Hang hochklettern.

Natürlich fällt der Strom die meiste Zeit aus, wodurch das ohnehin dunkle Gelände noch dunkler wird. Auf dem Strandabschnitt vor unserer Hütte bewegen sich schemenhafte Gestalten, meist Jugendliche, die mit ihren Angeln vom Fischen kommen.

Der Malawisee gehört nicht gerade zu den sichersten Orten Afrikas, man liest immer wieder von nächtlichen Überfällen auf Touristenunterkünfte. Unsere Hütte bietet diesbezüglich keinerlei Sicherheit, Türe und Fensterläden werden lediglich durch rostige Nägel verschlossen. Von Angestellten oder Wächtern hab ich nachts nichts gesehen.

Irgendwann in der Nacht fängt es wieder heftig zu regnen an. Um vier Uhr früh werde ich durch eine laute Sirene geweckt. Ich vermute das Signal kommt von einer Fischfabrik oder ähnlichem in der Nähe. Dann höre ich tropfende Geräusche. Im Schein meiner Taschenlampe sehe ich, dass Wasser an mehreren Stellen durch das Strohdach tropft. Ich stelle unsere Rucksäcke an eine trockene Stelle, während sich ringsherum große Wasserpfützen auf dem Boden bilden.

Langsam wird es hell. Nicht wirklich hell, eher hellgrau. Kleine Passagierboote kreuzen durch die Bucht. Die Menschen darauf schützen sich mit Schirmen gegen den Regen.

Um zur Toilette zu kommen, muss ich einen steinigen Hang emporklettern. Durch den Regen haben sich die Wege in schlammige Sturzbäche verwandelt. Um meine Schuhe nicht gänzlich zu ruinieren, gehe ich barfuß. Als ich wieder zurückkomme, bin ich durchnässt und meine Füße voller Schlamm.


Malawisee - Nkhata Bay bei Regenwetter




Malawisee - Nkhata Bay bei Regenwetter
Teil 1931. Mai 2017
Monkey Bay & CapeMcLear

Wenn man den morgendlichen Direktbus nach Salima erwischt, ist die Strecke von Nkhata Bay nach Monkey Bay mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gut in einem Tag zu machen.

Unsere Lodge-Rechnung hatten wir am Abend zuvor mit vielen 200 Kwacha Scheinen (ca. 24 Cent/Schein) beglichen, was dem Lodge-Manager einiges an Rechen- und Zählaufwand abforderte. 😄 Dann organisierten wir ein Taxi, das uns um 5 Uhr früh vom Butterfly abholen und zum Salima-Bus bringen sollte.

Als wir frühmorgens aufbrechen, verabschiedet sich Nkhata Bay mit einem farbenprächtigen Schauspiel. Das warmen Licht der Morgendämmerung zaubert einen goldenen Schimmer auf die Wasseroberfläche. Ein paar einsame Fischerboote gleiten durch die glitzernden Wellen. Es ist ein wunderschöner, friedlicher Anblick, gerne wäre ich noch etwas geblieben um den Sonnenaufgang zu genießen. Doch unser Taxi wartet bereits.



Als der Bus gegen 5:30 losfährt ist er fast leer. Doch das bleibt nicht lange so. Kaum unterwegs, steigen alle paar Kilometer Leute zu. Es sind vor allem Marktfrauen mit Schüsseln und Körben, in denen sie Fische oder Früchte transportieren. Junge Männer stehen am Straßenrand und halten große Fische hoch.

Wir fahren an sandigen Stränden, Fischerdörfern und anderen kleinen Ansiedlungen vorbei. Es ist ein schöner Morgen, die Luft ist noch kühl und die Fahrt in dem klapprigen Bus macht Spaß.

Ab Salima müssen wir mit Minibussen (Daladalas) Richtung Monkey Bay weiterfahren. Irgendwo auf halber Strecke heißt es dann noch einmal umsteigen, aber den Anschluss organisieren die Daladala-Fahrer, sodass wir außer warten nichts tun müssen. Inzwischen ist es später Nachmittag geworden, die Sonne brennt kräftig und in den überfüllten Minibussen wird es unerträglich heiß. Wenn das Fahrzeug steht, läuft mir der Schweiß in kleinen Bächen den Körper hinab. Manchmal habe ich das Gefühl, ich muss hier sofort raus, sonst drehe ich durch. Aber dann fahren wir wieder und der kühlende Fahrtwind macht die Situation erträglicher.

Wir bleiben nur einen Tag und zwei Nächte in Monkey Bay. Der Ort zieht sich entlang einer staubigen Straße und besteht, soweit ich das beurteilen kann, hauptsächlich aus kleinen Shops, ein paar Restaurants und zwei Banken. In den zwei Lodges in denen wir übernachten, ist wenig los, wir sind praktisch die einzigen Gäste.

Nach einem Strandtag in der Venice Beach Lodge beschließen wir nach Cape McLear weiterzuziehen. Dorthin kommt man am schnellsten mit den Motorradtaxis. Die knapp 20 Km führen durch den Malawisee-Nationalpark und sind teilweise Erdstraße. Unserer Motorrad Boys nehmen die Strecke sportlich, vorne auf dem Tank unser Gepäck, hinten wir und ab geht’s, natürlich immer mit Vollgas.

Cape McLear, oder auch Chembe, ist ein kleines Fischerdorf im mittleren Bereich eines langen Sandstrandes. Oberhalb und unterhalb des Ortes befinden sich einige Guesthouses, die meisten am südwestlichen Strandabschnitt.

Der Strandabschnitt beim Dorf wird von den Seebewohnern genutzt. Fischerboote liegen im Sand, Frauen waschen Wäsche und Geschirr im See, Männer reparieren Netze. Auf hölzernen Gestellen trocknen silberne Fische in der Sonne.


Chembe






Trockenfischgestelle








Bootsbauer

Die Strandabschnitte bei den Lodges sehen etwas verweist aus. Touristisch gesehen ist zwar mehr los als in Monkey Bay, aber wirklich nur ‚etwas‘. Zehn Tage vor Weihnachten hätte ich mehr erwartet. Wo sind nur all die Back- und Flashpacker, Cybernomaden, Individual- und Normaltouristen?

Ohne lange zu suchen, mieten wir uns im 'The Funky Cichlid' Guesthouse ein. Es liegt an einem schönen Strandabschnitt und auch der Bar-/Restaurant-/Relaxbereich macht den Eindruck, als könne man sich hier für ein paar Tage entspannen und wohlfühlen.

Und das machen wir dann auch. Es sind unsere letzten Reisetage. Wir schaukeln in Hängematten, wandern den Strand entlang, besuchen das Fischerdorf und schwimmen im See. Bislang haben wir es wegen der Bilharziose-Gefahr vermieden, im Malawi-See zu baden. Allerdings kommt man um Kontakt mit Seewasser nicht herum. Die Lodges pumpen ihr Wasser direkt aus dem See in Tanks und spätestens, wenn man duscht wird man kontaminiert. Außerdem ist das klare, kühle Wasser so verlockend, dass man irgendwann denkt: ‚Ach was soll‘s.‘


Im Dorf




Schnapsbrennerei






Cape McLear Church







Der Rest ist schnell erzählt. Zwei Tage vor unserem Rückflugtermin fahren wir zurück nach Monkey Bay und am nächsten Morgen mit dem Frühbus nach Lilongwe. Der Bus fährt in einem Rutsch durch, ohne lästige Umsteigerei. Dafür ist er so voll, dass wir lange dicht gedrängt stehen müssen, bis endlich mal ein Sitzplatz frei wird.

Von Lilongwe haben wir nicht viel gesehen. Die Stadt teilt sich in zwei Bereiche, die Old City und die New City. Kennengelernt haben wir nur die Old City. Dort befinden sich auch die meisten Guesthouses. Auf mich wirkt die Stadt sehr weitläufig. Die Häuser verbergen sich hinter Mauern und Hecken auf großen, parkähnlichen Grundstücken, die Straßen ebenfalls weitläufig und menschenleer. Das Zentrum der ‚Old City‘ scheint ein Einkaufszentrum mit mehreren Supermärkten zu sein. Hier ist etwas mehr Leben, aber etwas wirklich Interessantes kann ich auch hier nicht entdecken. Für einen Besuch der ‚New City’ fehlt uns die Zeit und auch ein bisschen die Lust, Lilongwe näher zu erkunden. Vielleicht das nächste Mal.

Dann kommt der Tag der Rückreise. Unweigerlich. Ein letztes Mal den Rucksack packen, ein letztes Frühstück auf der Hotelterrasse, dann raus zum Flughafen. Sobald man die Ausreiskontrollen hinter sich hat, weiß man, die Reise ist zu Ende. Was jetzt kommt, ist nur noch Zeit rumbringen bis zur Ankunft in Deutschland.

Nachtrag
Als ich zuhause in Deutschland meinen Packsack öffne, klettert eine etwas müde wirkende, schwarze Spinne hervor. Mit ihren kräftigen Beinen gleicht sie unseren Hausspinnen vom Malawisee. Wie sie es geschafft hat, die Reise und auch den Flug lebend zu überstehen, ist erstaunlich.

ENDE

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