Tag 12 - Mittwoch, 09.11.2016
In der Nacht hat es noch etwas getröpfelt, aber am Morgen sind die düsteren Wolken wie weggewischt. So sieht die Welt und auch dieser Ort wieder etwas freundlicher aus. Es herrscht allgemeine Aufbruchstimmung, alle packen und werkeln auf den campsites herum, die Feuchtigkeit und Kälte steckt allen noch in den Knochen...
Die Belgier mit ihrem LC starten zuerst, die amerikanischen Backpacker haben sich über Nacht vermehrt, vielleicht haben einige ein festes Dach über dem Kopf bevorzugt, könnte ich verstehen... 😎
Der Inhaber hat auch heute morgen jeden Camper persönlich besucht und nach dem Befinden erkundigt...ein freundlicher Ort hier... 🙂
Zurück zur Hauptstraße müssen wir wieder an den Gebäuden von Shiwa Ngandu vorbei. Diesmal können wir zumindest die Umgebung anschauen, fahren vorbei an kleinen Dörfern, können Reste der Gebäude unter mächtigen Bäumen auf diesem weitläufigen Gelände erkennen, allerdings schlägt der Verfall überall sichtbar zu...eine merkwürdige Atmosphäre hier mitten in Sambia...

Vor der Zufahrt zum Hauptgebäude weist ein Schild darauf hin, dass Unbefugten der Zutritt untersagt ist...naja...dann eben nicht.
Shiwa Ngandu befindet sich in einem Nature Reserve mit See, landschaftlich ist es ganz nett, Zebras und Antilopen grasen in der Ferne...
Die Belgier überholen wir noch vor dem gate, tragen uns dort aus dem Buch aus und schon stehen wir an der Great North Road, die wir zurück Richtung Mpika fahren. Weiter nördlich geht es für uns hier leider nicht mehr...
Durch Mpika fahren wir ohne Stop, wir sind noch mit allem gut versorgt, außerdem wollen wir endlich ins Luangwatal, es wird Zeit.
Knapp 40 km hinter Mpika zeigt unser Navi den Einstieg in die Escarpment Road an, gute Beschilderung sieht allerdings anders aus...

...beide Schilder sind nur aus der Gegenrichtung zu "lesen", verblichen und mit diversen Wahlaufklebern überdeckt...nur mit viel Fantasie können wir die Inhalte entziffern...hoffentlich ist der schlechte Zustand der Beschilderung nicht auch ein Hinweis auf den Zustand der Strecke... 😎

Ich bin neugierig und sehr aufgeregt, wie steil es wohl in das Tal hinabgeht. In Mpika hat der Höhenmesser noch 1.450 m über NN angezeigt.
Die Piste zieht sich weitgehend geradlinig dahin, zu Beginn noch über einige Hügel, aber schnell haben wir wirklich das Gefühl, auf einen riesigen Abgrund zuzufahren, es ist permanent abschüssig und der Horizont öffnet sich... 🙂




Links und rechts der Strecke befinden sich vereinzelt Häuser, Radfahrer und Fußgänger nutzen die Fahrspur, wir fahren langsam wegen der Staubentwicklung.
Die Besiedelung nimmt stetig ab, der Busch um uns herum wird dichter.
Zuerst glaube ich, meine Augen spielen mir einen Streich, doch lange vor Erreichen des Ntunta Wildlife Camps erkenne ich am Horizont einen blauen Streifen, der wie ein in der Ferne liegender Meeresspiegel aussieht. Je weiter wir der abschüssigen Strecke folgen, um so deutlicher sichtbar wird dieser "Meeresspiegel", das Luangwatal breitet sich vor uns aus...ich bekomme eine leichte Gänsehaut... 😎


Nach ca. 40 km tauchen links und rechts plötzlich einige Häuser auf, wir stehen vor einem Schlagbaum, das muss das Ntunta Wildlife Camp sein, wir stehen also direkt am Beginn der Escarpment Road. Leider ist der Bewuchs hier so dicht, dass keine Aussicht möglich ist...ich bin enttäuscht...wir steigen trotzdem aus... 😎
Ein junger Mann löst sich aus einer Gruppe Männer, die im Schatten vor einer Hütte sitzen. Wieder das obligatorische dicke, abgegriffene Buch, in das wir uns eintragen müssen, bevor sich der Schlagbaum hebt und wir ein Stückchen weiter im Schatten noch mal stoppen.
Die Einträge der letzten Tage im Buch sind spärlich, kann nur einen Schweizer entziffern, der vor 2 Tagen hier war...
Unsere Frage nach der Streckenbeschaffenheit versteht der junge Mann offensichtlich nicht, was sollte denn an der Strecke Richtung Mfuwe nicht in Ordnung sein...?... 😉
Da ich meine Kamera in der Hand halte, errät er sofort, dass ich einen Aussichtspunkt suche. Er winkt uns zu folgen und wir klettern ein Stückchen abseits auf einen großen runden Felsen, der wohl die höchste Stelle des Camps darstellt...und hier verschlägt es uns den Atem...whow...da liegt das Luangwatal zu unseren Füssen...was für ein Anblick...



...das kann man weder fotografieren noch filmen...dieser Anblick geht wirklich unter die Haut... 😎
Es dauert eine Weile, bis wir uns losreißen können, am liebsten würde ich hier übernachten, um das noch länger genießen zu können, aber wir müssen weiter, denn nun geht´s steil bergab...der Höhenmesser steht bei knapp 1.200 m über NN.
Andächtig stehen wir einen Moment vor dem ebenfalls sehr verwitterten Hinweisschild, auf dem sich kaum erkennbar ein Auto in extremer Schräglage befindet, ich bin sehr angespannt, Manni relaxt wie immer, wenn er ein Lenkrad in Händen hat... 🙂 ...also los jetzt...



Wir sind erst einige Meter gefahren, als 3 vollbesetzte dunkelgrüne Geländefahrzeuge aus dem Luangwatal kommend an uns vorbeirasen, die Steine fliegen in alle Richtungen, die geben Vollgas...kann gerade noch im Vorbeifahren das Emblem der "Zoologischen Gesellschaft Frankfurt" erkennen.
An welchen Projekten die hier wohl arbeiten?
Habe nach der Reise mal gegoogelt und sehr interessante Berichte dazu gefunden, hier nur 2 links dazu:
https://fzs.org/de/projekte/schutzprojekt-north-luangwa/https://fzs.org/de/aktuelles/einheimische-scouts-schuetzen-das-north-luangwa-oekosystem-sambia/Wir beginnen den Abstieg ins Tal, wobei auf den ersten Metern schon klar wird, dass eines der größten Probleme entgegenkommende Fahrzeuge sein dürften. Phasenweise wären Ausweichmanöver völlig unmöglich und auf diesem extremen Gefälle rückwärts zu fahren ebenfalls. Daumen drücken, dass es das war mit dem Gegenverkehr... 🙂






Eigentlich fahren wir im oberen Abschnitt ein sehr steiles Flussbett hinunter, große Geröllhaufen und scharfkantige Felsen lassen um unsere Reifen fürchten, nicht nur deshalb sind wir sehr langsam unterwegs. Es bieten sich unentwegt spektakuläre Ausblicke auf das Luangwatal, ständig möchte ich diese Aussicht festhalten, so stehen wir häufiger als zu fahren.
Am liebsten würde ich die Strecke laufen... 😉






Je tiefer wir kommen, um so konkreter werden Details am Talboden sichtbar...es wirkt verdorrt und verbrannt, um die zu erahnenden Wasserläufe herum wird das Buschland grün...und eine beeindruckend klare Sicht lässt beinah die gegenüberliegende Talbegrenzung erahnen ... 🙂




Endlich erreichen wir das Ende dieser steilen Abfahrt, der felsige Boden geht in eine sandige Piste über, die sich noch über einige Hügel windet...der Höhenmesser zeigt immer noch knapp über 700 m über NN an...das "Schlimmste" ( und rückblickend einen der schönsten Streckenabschnitte dieser Reise... ) haben wir hinter uns....es waren gerade mal 10 km... 😎

Nach wenigen Kilometern erreichen wir den Mutinondo River und das Munyamadzi Community Bush Camp. Die wenigen Gebäude drängen sich eng um den Fluss, schattige Bäume umsäumen das Ufer, ein netter Ort, aber leider ist das Camp bereits geschlossen. Es ist erst kurz nach 14 Uhr, wir überlegen trotzdem, hier zu übernachten, weil dies ein ruhiger angenehmer Fleck ist....schließlich fahren wir doch weiter, zumindest das Chifungwe Gate wollen wir noch erreichen.
Den River überqueren wir per kleiner Betonbrücke und folgen der Fahrspur weitere 8 km, bis links ein Abzweig auftaucht. Fast alle Reifenspuren biegen hier links ab, wir bleiben auf der Hauptspur, der in den letzten Tagen offensichtlich nicht viele Fahrzeuge gefolgt sind....eigentlich sehen wir nur eine Reifenspur... 🙁 ... einsam und trocken sieht es ringsherum aus und nach weiteren 8 km erreichen wir ein kleines Dorf mit zahlreichen grasbedeckten Rundhütten hinter einem die Piste umrahmenden Stroh-Zaun. Vor der schwarz-weiß gestrichenen Schranke am Ende der Dorfstraße bleiben wir stehen, dies scheint der Parkeingang zu sein.



Kein Mensch weit und breit zu sehen, wir tasten uns vorsichtig ins Dorf hinein und schon kommt uns ein Ranger aus dem größten Steingebäude entgegen...hastig wirft er sich ein Hemd über den nackten Oberkörper...offensichtlich hat er nicht mehr mit Besuchern gerechnet, um so mehr freut er sich über diese Abwechslung. Hinter ihm krächzt aus dem Gebäude ein Funkgerät Unverständliches hervor...woher auch immer... 😎
Wir folgen ihm zu seinem Office, ein sehr einfaches weiß-grünes Gebäude mit noch einfacherer Einrichtung...tragen uns in sein Buch ein. Wir wollen heute auf keinen Fall mehr in den Park fahren, fragen ob wir hier am gate übernachten dürfen...kein Problem... 🙂


In Sichtweite des gates parken wir unter einem großen schattenspendenden Baum, machen es uns gemütlich. Es ist auch am Nachmittag noch sehr heiß hier, deshalb erst einmal ein kaltes Bier...welcher Luxus. Dem Ranger spenden wir eine Flasche kaltes Wasser, worauf er über alle Backen strahlt. Dann zeigt er uns die Toilette, die wir benutzen können, ein einfaches Loch im Boden in einer Strohhütte, abgedeckt durch eine Platte mit Holzstiel. Es wird sich herausstellen, dass es gar nicht so einfach ist, diese relativ kleine Öffnung zu treffen... 😎


Nach einer schnellen Mahlzeit schlendern wir die Dorfstraße ein Stück hinauf, sehen keinen Menschen...das Dorf wirkt wie ausgestorben, viele Hütten stehen leer...wesentlich mehr Hühner als Menschen sind unterwegs.



Lediglich die Hütten in der Nähe des gates scheinen bewohnt, Kinder spielen dort, Frauen mit Behältern auf dem Kopf ziehen Richtung Park zu einem Wasserloch, denn sie kommen nach kurzer Zeit mit gefüllten Behältern zurück.
Eine Frau mit 2 Kindern sitzt vor ihrer Hütte, winkt uns zu... 🙂 ...wir überlegen, wie wir den Kindern eine Freude machen können, die Vitamin-Brausetabletten fallen uns ein. Schnell füllen wir eine Literflasche mit kaltem Wasser und lösen 2 Tabletten darin auf, die das Wasser gelblich verfärben. Die Freude ist riesig und heute Abend wird diese Flasche nicht mehr aus der Hand gegeben...
Der Strohzaun ist an einigen Stellen eingedrückt oder lückenhaft...ja, das waren Elefanten, erzählt uns der Ranger...
Die Schatten werden länger, ein herrlicher Sonnenuntergang gibt diesem Tag einen krönenden Abschluss. Unser Schattenspender ist Aufenthaltsort für viele kleine "Einfamilienhäuser", die Webervögel scheinen sich wohl zu fühlen, so zahlreich sind sie vertreten.





Hier gibt es keinen Strom, als die Sonne verschwindet, liegt alles im Dunkeln. Nur ein kleines Licht in einer Hütte ist zu erahnen...es ist sehr interessant, mal einen Abend in so einem entlegenen Dorf mitten in der Wildnis zu verbringen und dem Dorfleben zuzuschauen. Wir gehen für unsere Verhältnisse früh schlafen, denn die Menschen werden wahrscheinlich bei Sonnenaufgang erwachen und da wollen wir nicht wie Schlafmützen wirken... 😎
Kurz Zähne putzen und ins Dachzelt klettern, wider Erwarten schlafen wir sogar relativ schnell ein. Das war ein toller Tag, wir sind gespannt auf die weitere Strecke. Irgendwann nachts werde ich kurz wach, glaube das Trompeten eines Elefanten gehört zu haben und weitere undefinierbare Geräusche in der Umgebung.
Schnell bin ich wieder weg...wenn ich mich auf alle Geräusche konzentriere, schlafe ich garantiert nicht mehr ein... 😉