Mittwoch, 31. August, Lady Pohamba KH, Windhuk
Die Nacht war schlimm, eigentlich die schlimmste (abgesehen natürlich von der Zeit gestern, nach der OP ) von allen, seit ich hier bin. Kaum gegessen, eimerweise Schmerzmittel, Antibiotika und die Nachwirkungen der Narkose machen sich bemerkbar. Erst bin ich unruhig und hibbelig, als hätte ich viel zu viel Kaffee getrunken und dann geht es mir einfach nur hohl, schwach, schlecht. Schon seit ich hier bin gibt es nebenan eine Baustelle wo tags und auch die ganze Nacht durch, Boden verdichtet wird. Bisher störte mich das nur gelegentlich. Heute Nacht verbinden sich die Vibrationenen, die auch fühlbar sind, mit wirren Träume und ich werde richtig seekrank. Ich kann das kaum aushalten und sehne schlaflos den Morgen herbei. Sorgen bereitet mir noch dazu, daß ich heute entlassen werden soll und ich mich dem noch nicht gewachsen fühle, so gerne ich auch raus will.
Morgens hab ich dann üble Kopfschmerzen und mein Fuß beginnt zu stechen. Auf die Frage, wie es mir geht, weiß ich gar nicht, wo ich mit jammern anfangen und wie ich aus dieser Misere von Nicht-essen und Medikamenten wieder raus kommen soll. Zu allem Überfluss muss ich mich auch noch übergeben. Ich bekomme wieder Medikamente für dies und das und, nachdem mich trotzdem mein Mittagessen auch wieder verlassen hat, endlich noch mal eine Infusion. Alle sehen ein, daß die Prinzessin unpässlich und eine Entlassung nicht realistisch ist. Ab der Infusion Nachmittags wird aber langsam alles besser und es geht bergauf. Abends gelingt es mir 2 Bananen, sogar mit Appetit, zu essen und sie bleiben auch da, wo sie hingehören.
Die Nacht wird toll.... ich werde schlafen wie ein Baby.... das fühle ich schon vorher an der einsetzenden Entspannung.
Zwischendurch wurden an diesem unschönen Tag auch noch irgendwann neue RöntgenBilder für den Abschlussbericht angefertigt. In meinem Knöchel sind nun 1 Draht, 10 Schrauben und 1 PLatte verbaut.
Donnerstag, 1. September, Lady Pohamba KH, Windhuk
Entlassung 😄 🤪 🙂
Tatsächlich habe ich richtig gut geschlafen. Ich könnte Bäume ausreißen.... also kleine Bäume 🙂. Na ja, vielleicht Büsche.... oder lieber Gras... ja, Gras geht 😗
(Zitat von einer Spaßpostkarte)
Mir geht es wirklich so viel besser. Mit einem seltsamen, aber clever ausgedachten Sitz-Stehstuhl mit Klapp-Pobacken kann ich sogar selbständig duschen. Schon gestern wurde meine Schiene mit dem braunen alte-Jungfern-Verband entfernt und ich bekam einen sog. "Moonboot" einem praktischen Meisterstück der Inscheniörskunst.
Das Infusionsset wird entfernt, ab jetzt gibt es nur noch Tabletten, und viele Vorbereitungen werden getroffen. Am frühen Nachmittag darf ich mich verabschieden und verlasse winkend im Rollstuhl die Station.
Mein Mann hat inzwischen ein Mietauto besorgt. Die Tage, bis der ADAC den Rückflug organisiert hat werden wir auf einer Lodge nahe Windhuk verbringen. Dort ist es ruhig (keine Baustelle B)) hat ein paar Tiere und ich kann mein Bein hochlegen und Kräfte für die Heimreise sammeln.
Soeben habe ich ganz druckfrisch erfahren, dass wir am Dienstag, 6. September nach Hause gebracht werden. Wir fliegen Buisinessclass, Transport zum Flughafen und Transport ab MUC zu einem Krankenhaus nahe meines Wohnortes ist organisiert.
Mein ganz herzlicher Dank gilt:
😘 mit Abstand meinem Mann, der mir geduldig und unermüdlich zur Seite steht und stand
🙂 Dr. C und Dr. S die freundlich, kompetent und professionell waren und mir buchstäblich wieder auf die Füße halfen
🙂 😄 Meiner Familie und Freunden
😉 Euch netten, geduldig mitlesenden und anteilnehmenden Fomis. Mit der Schreiberei wurde es mir nie langweilig und ich konnte manche unerfreuliche Situation durch die humorvolle Seite besser ertragen. DANKE!
Meine Zusammenfassung und Fazit für die nächste Namibiareise
Erst mal die Zusammenfassung :
Am 23.Aug. gegen 19.00 Uhr ist der Unfall nahe Kamanjab passiert. Die Versicherung wurde sofort informiert.
Am 24.Aug. gegen 14.00 Uhr sind wir bei einem Arzt in Otjiwarongo (ca. 240 km, davon 13 km Gravel) angekommen und RöntgenBilder konnten gemacht werden (Mehrfachbruch und Subluxation). (Die Kommunikation mit der Versicherung hat hier zu ca. 3 Stunden Verzögerung geführt)
Am 25.Aug. nur Wartezeit wg. zähen Gesprächen mit der Versicherung. Auf Anraten des Arztes, hätte ich sofort nach Windhuk gebracht und am selben Tag operiert werden können und, aus medizinischen Gründen, auch sollen. Heimflug nach D stand aber noch im Raum (zuerst für den 27.8. dann für 29.8)
Am 26.Aug. wurde der Transport nach Windhuk organisiert und vorgenommen. Erste OP war noch am selben Tag. Zur Organisation des späteren Heimflugs wird der ADAC (da Plus-Mitglied) eingeschaltet.
Am 29.Aug. erfolgt die zweite und abschließende OP. Damit war die Leistung der Auslands- Krankenversicherung erschöpft.
Am 06.Sept . werden wir (vorraussichtlich) vom ADAC per Flug in der Buisinessclass nach Hause gebracht. Für Transfer zum Flughafen und dann Transfer vom Flughafen zu einem wohnortnahen Krankenhaus zur Überprüfung ist gesorgt.
Hinterher ist man immer schlauer / Fazit :
Hier schreibe ich mal zusammen, was ich nun anders machen oder extra bedenken würde (also meine persönliche Einschätzung ohne Anspruch auf Richtigkeit oder gar Vollständigkeit)
Versicherungen:
* ich suche mir zukünftig eine Auslandskrankenversicherung mit gutem Ruf und lese mir die Bedingungen (Deckungssummen !) genau durch. Was.ist genau abgedeckt? Bekomme ich einen Ansprechpartner oder muss ich immer durch ein Callcenter? Gibt es Beratung durch einen Facharzt?
* ich stelle sicher, dass die medizinische Behandlung im Ausland UND die Rückkehr abgesichert sind. Gegebenenfalls auch durch zwei getrennte Versicherungen.
Dabei kann es erstens um viel Geld gehen, aber zweitens auch um medizinische Beratung durch deutsche Ärzte und logistische Unterstützung bei den vielfältigen Organisationsfragen. (Einen medizinisch betreuten Liegendflug organisiert man z. B. nicht mal eben so selber)
Sonstige Bedingungen, Einsichten und Gedanken zur Sicherheit:
* ich bin mir viel mehr als vorher bewußt, daß keine Versicherung der Welt die weiten Wege abkürzen, die Straßen verbessern oder eine Rettung/Transport bei Dunkelheit ermöglichen kann. Wer kurz vor oder nach der Dämmerung einen Unfall hat/krank wird, MUSS (jedenfalls bei größeren Entfernungen zum nächsten Ort mit Arzt) bis zum nächsten Morgen (plus Transportzeit) durchhalten. Bei Dunkelheit steht auch keine Flugrettung zur Verfügung (ich habe mich erkundigt). Das muss, vor allem auch bei der Routenplanung mit Kindern, berücksichtigt werden.
* in Hinsicht auf den vorigen Punkt würde ich die Reise-Apotheke aufstocken. Ein starkes, verschreibungspflichtiges Schmerzmittel wäre Pflicht und Material für Druckverband (Blutungen) und offene Verletzungen. Muss mich dazu beraten lassen.
* wenn ich eine/n Arzt/Ärztin gefunden habe, dem/der ich vertraue, vertraue ich ihm/ihr auch und befolge, was mir dort geraten wird. Ich lasse mir die Behandlung schriftlich verordnen und kann das dann auch so vor der Versicherung vertreten. Gestritten wird notfalls später.
* ist man in einem großen Krankenhaus gelandet, ist man nicht der erste oder einzige Auslandsversicherte. Lady Pohamba Hospital z.B. hat zur Abwicklung mit den Versicherungen routinierte Abläufe und eine Angestellte, die sich nur darum kümmert. Das wird in den anderen Krankenhäusern ähnlich sein. Es gibt eine beiderseitige Routine und damit ist man selbst dann von der Bürokratie etwas entlastet.
* je nach Fall würde ich mich wieder hier in Namibia behandeln lassen. Räumlichkeiten, Ärzte, Spezialgeräte (MRT gibt es, CT weiß ich nicht), Betten und vor allem auch das Pflegepersonal sind toll
gewesen und scheinen internationalen Standard zu haben. Die Betreuung, bis hin zum Essen hin, war ausgezeichnet.
* die Idee (wie hier geäußert wurde), in einem Notfall wie diesem, aus eigener Initiative unbehandelt heim zu fliegen ist nicht durchführbar. Die Airlines verlangen bei Krankheit /Verletzung ein "FIT to FLY " ZERTIFIKAT, in dem ein anerkannter Arzt bestätigen muss, unter genau welchen Bedingungen und Umständen der Betroffene komplikationsfrei reisefähig ist. Die Airline behält sich die Zustimmung zur Beförderung vor. Sie wollen (verständlicherweise) vermeiden, dass unterwegs Komplikationen/ Zwischenfälle eintreten (z.B. Blutungen, Thrombosen oder der Patient fängt an vor Schmerz zu schreien usw.)
Diese Option besteht also einfach nicht , auch nicht für Helden! (abgesehen davon, dass man ab einem Beinbruch nicht auch nur einen einzigen Schritt mehr machen kann. Nicht ins Zimmer, nicht zum Auto , nicht zur Toilette und erst recht nicht in ein Flugzeug)
* lange Listen mit vielen Notfallnummern des Landes sind nicht so essentiell. Es gibt eine zentrale Notfallnummer die entsprechend weiterleiten würden, bzw. wissen die Leute Vorort Bescheid.
* superwichtig ist natürlich eine Liste mit allen persönlichen Daten zu Versicherungen, Flug, Reiseveranstalter, Kreditkarten (ganz wichtig!)
Das ist alles, was mir gerade so dazu einfällt. Wir haben viel erlebt und viel gelernt und bedanken uns bei "Namibia" für die Hilfe und gute medizinische Betreuung und allen, die uns unterstützt haben, auch Euch Fomis 🙂 .
Wer wissen will, wann Häschen wieder hüpfen kann: ich werde mich an dieser Stelle nochmal melden, sobald es so weit ist.
ALLES Liebe
Babsi
Hallo liebe Fomis,
gestern fand der Rücktransport durch den ADAC statt. Ich wurde per Krankenwagen von
der Lodge abgeholt und zum Flugafen gebracht. Per Buisinessclass ging es dann mit Condor über Nacht nach Frankfurt. Dort hat es ewig gedauert bis der Rollstuhltransfer kam und uns zum Weiterflug nach München brachte. Wir haben es gerade noch geschafft. In München wurde ich wieder durch einen Krankenwagen abgeholt und, zum Check-up, in einem Unfallkrankenhaus in der Nähe meines WOhnortes abgeliefert. Hat alles so weit recht gut geklappt.
Leider lief es nicht weiter wie am Schnürchen. Eine CT bestätigte, was die Fachärztin bereits am Röntgenbild erkannt hat. Die OP war nicht präzise genug durchgeführt worden, das Knochenpuzzle muss nochmal korrigiert werden. 😵 😵 🙁 Sie behielten mich gleich da. Termin ins vorraussichtlich am 09.Sept.
Ich bin aus allen Wolken gefallen, denn ich dachte, die pappen neue Pflästerli, sagen dass alles gut wird und planen Krückenzeiten und Physio mit mir. Mir ging es ja auch schon wieder ganz gut. Manno.... nu alles nochmal
Danke für 's weitere Daumen drücken
Babsi
Für die ganz treuen Mitleser heute noch ein Update: 13.Sept., Unfallklinik
Gestern habe ich nun endlich die dritte, korrigierende OP hier im Unfallkrankenhaus überstanden. Mir ging es danach eigentlich sofort wieder vergleichsweise ziemlich gut. Von einer Fußchirurgiespezialistin wurde alles nochmal neu gemacht: es wurde u.a. ein kleiner Spalt geschlossen und eine Bruchkante bündig gesetzt, das Wadenbein wurde neu und im richtigen Dreh und Winkel zusammengefügt. Zur Stabilisierung wurde eine große Querdurchschraube eingebracht. Dabei ging es nur um Millimeter, die aber für die Statik und das Verfallsdatum des Fußes wichtig seien, wurde mir gesagt. Damit war die Qualität der OP in Namibia für den "Hausgebrauch" nicht schlecht und der Fuß wäre auch wieder gut lauffähig geworden, aber die Stabilität und Haltbarkeit (Athrose) hätten gelitten.
In Bezug auf Narkose und Schmerzbehandlung muss ich nun leider im Lady Pohamba KH auch ein paar Punkte abziehen. Die Narkose war für mich hier sanfter, weniger stressig und mit weniger Nebenwirkungen. Das Aufwachen war langsamer, angenehmer und nicht mit Schmerzen verbunden. Die anschließende Schmerzbehandlung wird nun haupsächlich über einen lokalen Katheder am Bein mit einer automatischen Pumpe durchgeführt. Der Vorteil ist, dass die Nebenwirkungen einer systemischen Behandlung mit Morphin usw., wie Übelkeit, Schwindel, Appetitlosigkeit ausbleiben und daher meine Gesamtverfassung viel besser ist.
Mein subjektives, natürlich nur am Einzelfall aufgehängtes Gesamturteil:
Für erste, lebensrettende aber auch stabilisierende OP's würde ich wieder ins Lady Pohamba KH gehen. Insgesamt scheint mir aber das Vorgehen dort doch etwas "hemdsärmeliger" als hier im Unfallkrankenhaus, das natürlich hoch spezialisiert ist auf Fälle wie mich. Also Feinarbeiten und längerfristige Behandlungen lieber dann doch zuhause.
In einer Woche darf ich nach Hause und freue mich auf 8 Wochen Krücken.
Häschen kann also vermutlich so um Weihnachten wieder hüpfen.
Liebe Grüße
Babsi