Reisebericht

Unfall in Namibia. Nix mehr Elefanten!

von babsi · begonnen 27. Aug. 2016 · 25 Teile

Teil 127. Aug. 2016
Wir 7 hatten eine ziemliche Standardroute durch Namibia gebucht und so wäre dies wohl einer der vielen Standard-Reiseberichte (da hat sich doch kürzlich wer in einem Thread beschwert,oder?) geworden, wenn nichts passiert wäre. So berichte ich nun live aus der Lady Pohamba Lodge in Windhuk 😗 was mir passiert ist. AfrikaFieber oder sowas kommt dabei bestimmt nicht auf. Daher kann ich es niemandem verdenken, wenn er/sie nicht mitfahren möchte. Dem Auto ist aber nichts passiert - versprochen - es fährt immer noch und ihr wärt darin sicher. Leider habe ich jetzt viel viel Zeit und schreibe mal drauflos. Wem es zu lang wird der soll..... ja weiß ich jetz auch nicht......schneller lesen oder so 😛 Entschuldigt Bitte auch die Schreibfehler, ich tipple am Handy. Los geht's.

Wer nicht den ganzen, langen Bericht lesen möchte, findet hier eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse und ein paar Tipps/Gedanken zu sicherem Reisen in Namibia
Teil 227. Aug. 2016
Also, here we go: Wir sind zu siebt am 13. August in Windhuk gelandet. Alles super. Danach Station in Bagatelle Game Ranch, Desert Quiver Camp, Beach Hotel in Swapokmund, Onduruquea bei Omaruru und sind dann, am Montag, den 22. AUGUST in der Rustig Toko Lodge bei Kamanjab angekommen. Die Lodge liegt nach 13 km Gravelpad, abseits der Route Korixas, Kamanjab, Outjo. Sie ist in einen Hang gebaut. Davor, unten in der Ebene gibt es ein beleuchtetes Wasserloch. Durch die Dürre in Zentralnamibia ist es wahnsinnig staubig und es gibt kaum Tiere. Leider war auch das Fahrzeug der Lodge kaputt und so konnte der allseits gelobte Nightdrive leider nicht stattfinden. Wir beschlossen daher am nächsten Tag eine nahe gelegene Geparde Farm zu besuchen.
Teil 327. Aug. 2016
Dienstag, 23. August, Rustig Toko Lodge

Nach einem ordentlichen Frühstück besuchten wir das Himbadorf direkt bei der Lodge. Man kann zu Fuß hingehen. Das war für mich eine eher unangenehme Erfahrung, aber das erzähle ich mal an anderer Stelle. Nachmittags machten wir uns auf den Weg zur Gepardenfarm. Man hat dort direkten Kontakt zu 3 dieser wundervollen Tiere. Verschwitzt und staubig kehrten wir pünktlich zum Sundowner in unsere Lodge zurück.

Das Lapafeuer war uns zu rauchig, also gingen wir zum Pool. Das Licht war dort ausgeschaltet worden, denn andere Gäste hofften Stachelschweinis zu beobachten. Dann machte ich mich auf den Weg zur Dusche. Den Pool hatte ich komplett vergessen und es gab jauch kein Licht. Da ist es passiert. Mein rechter Fuß tritt ins Leere (also ins Wasser ), mein linker Fuß holt aus und kracht mit dem Innenrist auf die Kante des Pools und wird dabei nach außen weg gedreht. Noch bevor ich ganz untergetaucht bin, weiß ich, Ende Gelände, Fuß kaputt. Die anderen fangen an zu lachen bis ich den Kopf aus dem Wasser bekomme und der Ernst der Lage klar wird. Meine Leute ziehen mich schnell raus. Den Fuss lass ich gleich im Pool hängen, den der ist schön kalt. Ich schlotterte vom Schock, aber der war nicht so arg schlimm. Mir war nicht übel. Vielleicht hat auch da das kalte Wasser geholfen. Noch am Pool Rand helfen mir alle, trockene Sachen anzuziehen. Die Lodge Besitzer Nico und Carola kümmern sich rührend um mich. Nicole bietet an, mich nach Outjo zu fahren. Nachdem es aber stockdunkel ist und er bereits 500km an dem Tag gefahren ist, haben wir diese Idee wieder verworfen. An einen Bruch hat da eh noch niemand so recht geglaubt.

So, bin erledigt. Morgen geht's weiter.
Teil 428. Aug. 2016
Immer noch Dienstag, 23. August, Rustig Toko Lodge

Mein Knöchel wird innerhalb von Sekunden dick. Ich wimmere ein wenig, aber alles im Rahmen. Alle Anwesenden poolen ihre Medikament. Ibuprofen, Voltaren und ein paar Salben. Unter den Gästen gibt es leider keinen Arzt. Wir beschließen also in der Lodge zu bleiben und mich mit Voltaren über die Nacht zu retten. Mein Mann telefoniert da schon ausgiebig mit der Versicherung. Sie rät uns sofort nach Korixas in die staatliche Klinik zu fahren. Nachts??? 100 km Wellblech??? Die Klinik dort ginge überhaupt gar nicht, meinen noch dazu Lodge Besitzer Nico und Carola!!! Schon da kommen uns erste Zweifel ob die Versicherung irgendeinen Plan hat bezüglich der Verhältnisse in Namibia. Irgendwen zu fragen hat man sich wohl auch die Mühe nicht gemacht.

(Zu diesem Zeitpunkt machte ich mir erstmals richtige Sorgen um die ärztliche Versorgung in Namibia. Man meint ja immer, man wäre gut versichert und damit nicht in Gefahr. Aber was wäre, wenn eine echt gefährliche Verletzung (SchädelBruch, Wirbelsäule, offener Bruch etc,) entstanden oder ein Kind betroffen wäre? Zwischen uns und Outjo, also einem Arzt, lagen zum Beispiel 13km Wellblech (aktuell mittelgut) und 180 km Straße. Nachts ist ein sicherer Transport so gut wie unmöglich. Gerade wer mit Kindern unterwegs ist, sollte sich darüber im Klaren sein. Ob die Flugrettung nachts vielleicht fliegen würde, weiss ich allerdings nicht.)

So, aber weiter mit meiner Geschichte. Ich schluckte 2 Voltaren, aß ein paar Löffel Süppchen und einen Bissen Fleisch. Der Gedanke mich jetzt ins Bett zu legen , eswar erst 20 Uhr, und mich dann bis zum nächsten Tag zu wälzen, schien mir unerträglich. Zu dritt, zwei Mann mich, und einer das Bein, schleppten sie mich auf den vorbereiteten Thron in meinem Zimmer. Dort versammelten wir uns, tranken zur allgemeinen Beruhigung ein, zwei Glas Wein und spielten 6 nimmt.
Teil 528. Aug. 2016
Immer noch Dienstag, 23. August, Rustig Toko Lodge

Mein Mann und die übrige Familie kümmert sich mit vollem Einsatz um mich. Jeder Wunsch wird von den Augen abgelesen, nix ist zuviel. Nur so hält man allerdings psychisch auch gut durch. Ich werde also nach unserem heiteren Spieleabend ins Bett verfrachtet, der Fuß schön auf Decken gelagert und durchgehend gekühlt. Noch ein Ibuprofen eingeworfen und ... Gute Nacht. Ich liege soweit ganz ok. Die Schmerzen sind da, aber erträglich. An Schlaf ist aber nicht zu denken denn mir gehen tausend Gedanken durch den Kopf. Das will jetzt niemand wissen, aber die Medikamente bringen meine Verdauung in Schwung und ich muss durch die Nacht viermal meinen Mann wecken, der mich dann von hinten unter den Armen packt wärend ich meinen Fuß halte und so, halb gehüpft und halb geschleift begeben wir uns zum stillen Örtchen. . Also Mädels, was lernen wir daraus???Immer schön auf die Linie achten! Gute 60 kg gingen gerade noch so.

Mein Akku schwächelt. Muss Pause machen. Bis später.
Teil 628. Aug. 2016
Immer noch Dienstag, 23. August, Rustig Toko Lodge

Aber ganz im Ernst. Es war sehr anstrengend und nicht lustig durch die Nacht zu kommen. Jede kleine Erschütterung war aua, drehen unmöglich. Als ich einmal den Fuß mit den Händen umzulagern versuchte, fühlte ich wie sich innen knurspelnd Knochenteile verschoben. Das ist ein schreckliches Gefühl, wie umgebogen Fingernägel, nur schlimmer. Da war ich dann mit den Nerven etwas am Ende und schrieb meinen ersten Post an Euch. Leider hatte ich keine Gelegenheit mehr, die Antworten noch zu lesen. Doch sogar diese Nacht ging zuende.
Teil 728. Aug. 2016
Danke für die guten Wünsche.

Mittwoch, 24. .August, auf dem Weg nach Otjewarongo

Frühstück wurde mir ans Bett gebracht. Ein Toast, ein Löffel Rührei, 2 Ibuprofen, mehr ging nicht. Mein Mann telefoniert wieder eifrig mit der Versicherung. Aber die wollten erst mal Fakten, ärztliche Befunde und RöntgenBilder. Geholfen wurden wir da nicht. Vielleicht hätte ich ihnen ein Sammelbildchen von meinem Fuß schicken sollen. Der Fuß war bei Tageslicht besehen um 45 Grad nach außen verdreht ,geschwollen, und hatte AusbeuLungen von Knochen wo keine sein sollten. Nach Anraten von Nico und Carola machten wir uns auf den Weg nach Otjewarongo, wo es eine ordentliche Klinik geben sollte. Im Auto wurde ein neuer Thron über drei Sitze gebaut, die Prinzessin wurde angeliefert und los ging die Fahrt. Die ersten 13 km sind Pad, da beißt die Maus keinen Huckel ab. Wir ...au... haben...aua...fast .... uahh ...eine Stunde für die Strecke gebraucht. Dann lief es aber rund bis Outjo. Dort Pinkelpause, alle Mann raus, Schlepp, schlepp, Schlepp, alle Mann wieder rein. Weiter geht's. In Otjewarongo angekommen war mein Geduldsfaden schon etwas knapp bemessen. Wir fragen nach der Klinik und folgen den Anweisungen. Endlich sind wir da. Alle wieder raus und schlepp, schlepp, schlepp rein in die Klinik. Ohaa, wo sind wir denn da gelandet? Es sieht nicht gerade einladend aus. Alles alt und schäbig und nicht arg sauber und die Leute erst! Niemand sagt was, fragt was oder würdigt uns auch nur eines Blickes. Es laufen eine Menge Leute herum. Also von rechts nach links und wieder zurück. Und dann kommen sie wieder. Meistens dickliche Matronen mit Hühnerbeinen und geglätteten Kurzhaarfrisuren, die alle gleich intensiv desinteressiert dreinschauen. Hin und her und her und hin. Wir stoppen ein Hühnerbein und fragen nach einem Arzt. "X-Ray only at 2 o clock" erfahren wir. Ich würde jetzt wirklich gerne einen weißen Kittel mit Schmerzmittel auftauchen sehen, aber Fehlanzeige. Neben Matronen Hühnerbein gibt es auch eine junge Frau mit wachen, intelligenten Augen. Die merken wir uns, denn die kommt später noch mal vor. Nachfragen ergeben dass wir "sheet" von Doctor brauchen um eine RöntgenAufnahme zu bekommen. Weiteres Nachfragen ergibt, wir sind an der falschen Adresse. Wir müssen in die Mediclinic ein paar Ecken weiter, und dies war die Government Clinic. Also nach 20 Minuten schlepp, schlepp, schlepp, alle wieder ins Auto und los. Ich bin froh aber mein Geduldsfaden ist selbstauflösend.
Teil 828. Aug. 2016
Mittwoch, 24. .August, Otjiwarongo

Um zwei Ecken ist die Mediclinic gefunden. Mein Mann saust rein und ich schluchze ein wenig denn von dem vielen hin und her tut mein Hühnerbein nun doch ordentlich weh. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt mein Mann mit einem Rollstuhl und noch ein Hub und Schub (aua Pflastersteine, autsch die Türschwelle) und ich bin drin. Hell, sauber, freundlich und, u.a., auch weißhäutiges Personal. Gerettet! Ich muss nicht warten und werde sofort zum Arzt gebracht. "Labert nicht so lange", denke ich mir. Ich will ein Schmerzmittel! JETZT! !!" Ich bekomme endlich eine Spritze, also ein Spritzchen und merke auch kaum was davon. Zum Röntgenlabor müssen wir nochmal mit dem Auto fahren. Ich will nicht mehr und protestiere, aber hilft nix. Also nochmal ins Auto, wieder raus. Irgendwer stößt dabei immer an meinen Fuß an. Der Röntgenassistent ist freundlich und sehr,sehr vorsichtig. Nach 8 Aufnahmen ist nun wenigstens klar, ich habe nicht umsonst rum gejammert. 2 Brüche im Sprunggelenk und irgendwas von Luxation wurde gesagt. Bitte jetzt ein richtiges Schmerzmittel und ein Bett! Der Doktor ist sehr freundlich und macht einen kompetenten Eindruck, auch wenn er mich dauernd "my dear" nennt. Er baut mir eine provisorische Schiene ans Bein und die Schwester spritzt Morphin, von dem einiges daneben läuft. Schon 2 Stunden später brauche ich noch mehr. Nach einigem Hin und Her stimmt Dr. My dear zu und ich bekomme mehr und dann abends nochmal mehr. Dr. Klaasen, wie er richtig heißt, erkennt die Situation und will uns direkt am nächsten Tag per Ambulanz nach Windhuk zur OP schicken.Hätten wir mal einfach machen sollen. Aber wir waren ziemlich durcheinander, wollten lieber nach Hause und der Versicherung nicht vorgreifen.
Teil 928. Aug. 2016
Jetzt das Kapitel "Auslands Reiseversicherung unserer Versicherung"

Also erst mal abklären. Mein Mann telefonierte sich die Finger wund. Jede Auskunft musste man aus der Nase ziehen. Vor jeder definitiven Aussage musste stundenlang Rücksprache gehalten werden und bei jedem Anruf musste man sich über die Hotline zu einem immer wieder anderen, gerade Schicht habenden Mitarbeiter vorarbeiten. Mit einem Arzt wurde nicht oder kaum gesprochen, nur mit Verwaltungsleuten. Am 24.August, 48 Stunden nach dem Unfall eierten die immer noch rum. Folgende Optionen kristallisierten sich zäh heraus: medizinisch betreuter Heimflug am 27., (was danach noch auf den 29. geschoben wurde), ohne OP, aber mit Arzt und liegend. Oder OP in Windhuk, aber danach sei die Versicherung ausgeschöpft, also kein Heimflug, schon gar keiner mit Berücksichtigung der medizinischen Bedürfnisse. Das ist eine schwere Entscheidung, wenn man nicht weiß, was genau auf einen zukommt.
Die Zähigkeit wurde damit begründet, dass "Prozesse" eingehalten werden müssten.

Am Abend des 24. August wurde mir klar, dass ich auf gar keinen Fall unbehandelt bis zum 29.August würde abwarten können. Wir entschieden uns für Dr. Klaasens Vorschlag, mit einem Tag Verspätung. Er arrangierte am Freitag,25. August Transport und OP noch für denselben Tag für mich. Die Versicherung hatte ihn bis dahin noch nicht mal kontaktiert gehabt. Sie fühlten sich etwas überrannt, stimmte aber dann zum Glück zu. In Windhuk war der Arzt einigermaßen entsetzt, dass der Fuß noch nicht mal eingerichtet worden war und sprach von Spätfolgen. Da hätte uns ja auch die Versicherung, nach Absprache mit einem Arzt, zu einer schnellen Behandlung raten müssen und uns nicht bis zum 29. Hinhalten. Aber Prozesse müssen ja eingehalten werden

Gerade zu dem Zeitpunkt fiel mir ein, dass ich eigentlich auch ADAC plus Mitglied bin. Dort ist Rückholung mit versichert. Ein LOB an den ADAC. Die haben sich nach erster Anfrage von sich aus gemeldet, haben uns eine Ärztin als Gesprächspartner an die Hand gegeben und sind einfach eine Hilfe. Die Ärztin hat mich sogar hier im Krankenhaus aufgespürt und angerufen und gefragt, wie es mir geht.(von der anderen Versicherung hat sich bis heute niemand gekümmert). Mit ADAC werden wir also im Anschluss die Rückreise organisieren.
Teil 1028. Aug. 2016
Immer noch Mittwoch 24. August in Otjiwarongo

Meine Familie kann sich nun nach einem langen Tag auch entspannen und die Unterkunft aufsuchen', die unsere Reiseveranstaltung für sie gefunden hat. Eigentlich wäre ja Etosha Taleni Village (Elefanten 😁 😁 😁 🙂 ) an der Reihe gewesen. Mitten in der Nacht wache ich aus meinem Morphinschlaf auf und rufe die Schwester, denn mein Bein beginnt schon wieder zu toben. Sie kommt, ich berichte vom Schmerz und mir wird plötzlich sauübel. Ich gebe Ihr Bescheid aber die gute Frau steht und guckt nur ratlos und verzweifelt rechts und links. Dann tuckelt sie los. Zu spät. Ich schaffe es gerade noch über die Bettkannte. Dann kommt endlich die ersehnte Schüssel, die auch noch ihre
Bestimmung erfüllen darf. Die Schwester steht und guckt. Ich bitte um ein Tuch. Dann frage ich, ob sie mir vielleicht die Schüssel abnehmen würde. Um einen Schluck Wasser frag ich nicht mehr. Sie nimmt ein paar Tücher, legt sie über das Erbrochene und.... geht. Mir geht es dreckig und ich bin sprachlos. Meine Bettnachbarin muss auf die Toilette und an der Misere vorbei. Mir wird schon wieder schlecht. Ich rufe und die Schwester die aussieht, als würde sie am liebsten die Flucht einschlagen. Da platzt mir der Hut. " My God you are nurses !!" Verzweifelt schrei ich nach der Schüssel, nach Tüchern und, als ich wieder atmen kann, dass die Sauerei am Boden aufgewischt wird. Dann bin ich am Ende. Die Schmerzen waren, wohl durch eine Bewegung, wieder weg, aber ich bekam nochmal Morphin, obwohl ich nicht wollte. Kurze Zeit später geriet ich in Panik. Das Morphin schaltet die Schmerzen aus, aber auch viele andere Empfindungen. Ich war eiskalt und fror nicht. Was mich aber ängstigte war die Dämpfung des Atemreizes und das überwältigende Schwindelgefühl. Sobald ich mich entspannte und einschlief, hörte ich auch auf zu atmen, bis der Reiz zu stark wurde und ich heftig nach Luft schnappte, was wiederum eine unerträgliche Schwindelwelle auslöste , so wie jedes Geräusch und jede Berührung. Mein Mann und meine Schwester kamen sofort, als ich sie morgens um vier anrief und wachten an meinem Bett.
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Teil 1129. Aug. 2016
Einschub:
ich muss einfach jetzt kurz mal in der Zeit vorgreifen, weil mich ein EreigniS hier doch sehr beschäftigt:

Gestern Nacht um 2.00 Uhr wurden wir von Riesenlärm und Trubel aus dem Schlaf gerissen. Eine neue Patientin kam in unser Zimmer. Der Wirbel um sie legte sich erst nach einer Stunde. Sie schlief unruhig und jammerte viel. Am nächsten Morgen unterhielt ich mich mit ihr. Geeny ist eine ältere Südafrikanerin die mit ihrem Mann Antony auch Urlaub hier gemacht hatte. Sie waren schon auf dem Heimweg gewesen und hatten einen typischen Namibia-Unfall: ihr Auto hat sich ohne fremdes Zutun überschlagen. Das war am vorigen Nachmittag passiert. Für ihren Mann kam jede Hilfe zu spät, er ist gestorben. Sie wurde mit mehreren Brüchen und Gehirnerschütterung zu meiner Zimmergenossin. Ich wusste gar nicht, was sagen sollte zu dieser furchtbaren Situation. Am einen Tag noch glücklich im Urlaub zusammen unterwegs - am nächsten Tag ist alles vorbei.

Fahrt bloß langsam und vorsichtig!
Teil 1229. Aug. 2016
Donnerstag, 25.August, Mediclinic Otjewarongo

Nach den Ereignissen der Nacht schlafe ich und schlafe und schlafe. Jedes Geräusch, jede Berührung oder Bewegung löst Schwindel aus. Trotzdem schlafe ich Viel. Erst als meine Leute vorbeikommen wache ich etwas auf. Sie erleBen gleich zur Begrüßung eine volle Breitseite. Der Schmerz ist plötzlich zurück. Jemand stochert mit glühenden Nägeln in meinem Knöchel. Zum Glück "nur" in Wellen, d.h. der Schmerz flaut auch immer wieder ab. Zusätzlich wird mir wieder schlecht. Mein Sohn hält die Schüssel während es mich würgt und schüttelt. Ich bin wirklich stolz auf ihn. Die Schwestern waren dazu nicht in der Lage. Dr. Klaasen ist zufällig gerade anwesend und bekommt alles mit. Ich bekomme nun eine Spritze gegen die Übelkeit und ein alternativeS MorphinPräparat. Bevor diese Medikamente wirken bin ich an einem ziemlichen Tiefpunkt. Ich will endlich einen Plan wie es weiter gehen soll, aber die Versicherung kommt nicht aus dem Quark. Nach einer Stunde geht es mir dann deutlich besser. Die Medikamente wirken und werden nun nach ZeitPlan verabreicht. Endlich sind die Schmerzen im Griff und spucken muss ich auch nicht mehr. Bleibt nur die fehlende Aussicht auf echte Behandlung oder Heimflug. Mein Mann telefoniert stundenlang. Ergebnis : Heimflug frühestens am 27. August. Es ist Donnerstag. Ich habe am Montag zuletzt geduscht (abgesehen von einmal tunken im Pool am Dienstag 🤩 ) und auch zum letzten mal richtig gegessen. Nö also einfach nö, ich kann nicht mehr so lange warten. Mein Mann telefoniert und verhandelt. Ergebnis: am 27. würde der begleitende Arzt eingeflogen, Heimflug dann am 29.!!! Schönen Dank auch für so viel Hilfe liebe Versicherung. Sie sagten dann noch was zu meinem Mann in der Richtung " für die medizinische Einordnung und deren Notwendigkeiten seien sie nicht zuständig, das müsse ein Arzt machen" Häh? Was? 😐 😐 😐

Jedenfalls wurde es Zeit sich mit Plan B, Transfer nach Windhuk und Behandlung dort, aber ohne bezahlten Heimflug anzufreunden. In dem Moment fiel mir dann meine Mitgliedschaft beim ADAC ein. Das und auch deren hilfsbereites Auftreten erleichterten die Entscheidung ungemein.

So, kurze Pause. Geht gleich weiter
Teil 1329. Aug. 2016
Immer noch Donnerstag, 25..August, Mediclinic Otjiwarongo

Die Medikamente sind nun so eingepegelt dass es nur noch hie und da dumpf pocht, und ich trotzdem din Augen offen halten kAnn.. Solange niemand wohlmeinend mein Bein tätschelt, oder aus Versehen rempelt ist alles gut. Meine Familie nimmt ab jetzt die Reise wieder auf, bis auf meinen lieben Mann. Der ist jetzt mein Manager. Mittags bekomme ich irgendein Fleisch mit Brokkoli und ..... geh mir bloß fort. Mir ist zwar nicht mehr direkt übel, aber zu Essen scheint mir nicht im Rahmen des möglichen.
Die Schwestern sind freundlich, bemühen sich und machen soweit auch alles richtig. Nur.... ach, dazu kommen wir noch.

Mein Mann ist neben der Telefoniererei den ganzen Tag für mich unterwegs. Man glaubt einfach nicht von wieviel tausend Handreichungen man abhängig ist wenn man nicht aufstehen kann, bevor man es nicht selbst erlebt hat. Nichts, außer liegen und prinzessinnenhaft seufzen, kann man selber machen. Nehmen wir mal Zähne putzen im Bett. Bürste mit Zahnpasta suchen und anreichen. Sabberlatz holen. Zahnpasta wieder wegpacken. Wasserflaschen öffnen und bereit halten, reichen. Benutzte Zahnbürsten entgegennehmen und unverzüglich einen Spucknapf bereit halten. Spucknapf und Zahnbürsten mitnehmen, säubern, wegräumen. Papiertücher zum Abtrocknen reichen. Wasserflasche wieder zu und verstauen. All dascaus dem Koffer und fast ohne Abstellfläche. Könnt ihr Euch das vorstellen? Und so geht das ja den ganzen Tag. Irgendwas ist einfach immer. Zur Toilette trägt mein Mann mich und das geschiente Bein dazu -ohne auch nur minimalst anzuecken- hält es "derweil" fest und hilft auch beim aus- und anziehen. Damit die Übung nicht zu einfach wird, kommt als Kür noch der Infusionsständer nebst Schlauch im Arm dazu. Nach jeder Tour sind wir immer beide ziemlich geschafft und auch der Knöchel hat eine Meinung dazu. Zwar bekommen wir bald einen Rollstuhl zur Hilfe, aber in der Enge ist die Erleichterung nicht groß damit.
Netterweise dürfen wir in ein Einzelzimmer mit einem verstellbaren Schlafsessel daneben einziehen. Ich liege selbst in einem relativ modernen, elektrische verstellbaren Krankenhausbett.

Mein Mann, der ja schon seit Morgens um vier die Stellung hält, wird in diesem Sessel schlafen, so ist jedenfalls der Plan. Erstmal macht er sich aber früh abends auf den Weg endlich selbst was zu essen, denn er
war den ganzen Tag nur für mich dagewesen. Kurz vorher hatten wir noch die Info von der Versicherung erhalten, dass ein Rücklug erst am 29. möglich wäre.
Da treffen wir endlich eine EntScheidung. Das dauert zu lang. Wir fahren , Plan B, ins Krankenhaus nach Windhuk zur OP. Basta! Den Heimflug klären wir dannn eben später. Dr. My Dear verkneift sich ein "hab ich Dir doch gleich gesagt , my dear" und verspricht, sofort alles in die Wege zu leiten.
Mein Mann geht nun weg Essen fassen.

Jetzt kommen wir noch kurz zu dem "Nur....." (von weiter oben, als es um die Krankenschwestern ging), also zu einem pikanten Thema zurück, denn, ich muss mal. Den behäbigen Nurses traue ich die Rollstuhlakrobatik mit Hebefigur auf gar keinen Fall zu, schon gar nicht ohne anzuecken. Da bleibt nur eins: Das Gerät aus dem HorrorKabinett eines jeden Krankenhauses muss her: die Bettpfanne 😮 .
Männer, jetzt mal weghören, denn das betrifft Euch nicht. Da habt ihr es wieder mal einfacher. 😛

Muss mal Pause 😉 machten. Bis später.
Babsi
Teil 1430. Aug. 2016
Donnerstag 25. Aug. Mediclinic Otjiwarongo, Kapitel Bettpfanne

Also zurück zum Thema Bettpfanne. Wem das peinlich ist, bitte ein Kapitel überspringen. Aver ich finde es gar nicht so unwichtig, denn täglich sind davon zillionen Frauen (und natürlich auch Männer) betroffen. Bei Männern ist es halt einfacher, denn die Installationen sind eben überputz 😄 .

Ich gehe davon aus, alle wissen, was das .... Ding... ist? 😊 Nix zum Steaks braten jedenfalls.

Also, als ich den Knopf drücke erscheint eine Schwester, eine von der Sorte Matrone Hühnerbein. Ich verkünde mein Begehr und sehe in ihren Augen erst Panik und dann Fluchtinstinkte aufflackern. Aber nur kurz. Dann fasst sie sich und kommt, ein metallenes Nachkriegsgerät in der Hand, zurück. Schluck 🙄 Aber nu - Augen zu und durch- Peinlichkeit hin oder her.! 🤢 Gut, dass ich einigermaßen sportlich bin. Hose runter muss ich selber schaffen, sie hilft mir nicht. (Bitte selbst versuchen: auf dem Bett liegend und dabei ein Bein auf gar keinen Fall belastend oder bewegend.) Dann schiebt sie mit langem Arm die Pfanne unter ... ach falsch, doch nochmal umdrehen... und geht. Ich hoffe inständig sie weiß was sie tut und hat das Bauteil nu richtig rum eingesetzt, denn ich bin Einsteiger und kenne mich definitiv (noch) nicht aus. Sie geht glücklich und ich liege da wie eine Falschrum-Banane. Bestimmt ist diese Stellung gut für irgendwas und hat im Yoga einen blumigen Namen wie "liegende Mondsichel " oder so. Ich tue also, was getan werden muss (keine Sorge, nur Nummer 1 und das bleibt auch so bis ich Krücken bekomme- Danke lieber Gott 😘 ) und hole meine Gesundheitsassistentin wIeder her. Sie kommt zum Glück zügig und möchte mir das Ding unterm Hintern wegziehen. Stopp, ich brauche doch erst Papier, wieso hat sie keins mitgebracht, verflixt nochmal. Genervt eilt sie von dannen, ich arbeite derweil weiter an meiner "Mondsichel ", und sie kehrt mit einer kleinen Handvoll der ersehnten weißen Blättchen zurück. Ich will jetze nich ins Detail gehen 😈 , aber man braucht mehr als normal. Merkt Euch das, falls ihr mal das Vergnügen haben solltet! Ich nehme, was ich kriegen kann und .... also diesen Schritt überspringen wir großzügig 😊 . Matrone nimmt am langen Arm die Schüssel mit und verschwindet. Ich liege da, mit meinem weißen Knöllchen in der Hand, das seine Bestimmung nun erfüllt hat. Matrone kommt zurück und eilt hin und her, kommt aber nicht auf die Idee mir das Ding abzunehmen. Ich muss sie darum bitten. Irgendwie Händewaschen? Fehlanzeige, sie hat ja Gummihandschuhe und denkt nicht an mich. Das war's. So ist das. Nur mit einer saftigen Portion Galgenhumor ist diese extrem unangenehme und peinliche Situation überhaupt zu überstehen.

Darum liebe Krankenschwestern, Sisters und Nurses dieser Welt, bitte ich Euch um Souveränität, Freundlichkeit und Zuvorkommenheit, und dass man nicht noch um alles bitten und ein genervtes Gesicht ertragen muss in so einer schwer auszuhaltenden Lage.

Und Ihr Medizintechniker/innen, Weltraumingenieure/innen und überhaupt Schlaumeier dieser Welt, könnt ihr nicht mal was praktisches, vielleicht auch diskreteres mit Selbstbedienung dafür erfinden?
Teil 1530. Aug. 2016
Freitag 26. Aug, Transport nach Windhuk

Mein Mann kam am Vorabend vom Essen zurück und es ging ihm gar nicht gut. Magen verdorben oder Darmgrippe oder so. Er war schlapp und etwas fiebrig. Leider erwies sich der Beistellsessel als so unbequem, dass er es bald vorzog am Boden zu schlafen. Da hatte ich ein richtig schlechtes Gewissen. Ich im ziemlich bequemen Bett, er am Boden. Immerhin gab ich ihm meine dicke Bettdecke zum drauflegen. Die Nacht verlief für mich ganz gut. Einmal noch Schmerzmittel angefordert aber ansonsten auch viel geschlafen. Die starken Medikamente haben seltsame Nebenwirkungen. Geräusche werden in verworrene Geschehnisse interpretiert. Z.B ich höre den Wasserhahn laufen und ich bilde mir ein, dass Wasser aus den Wänden rinnt. Oder Fehlempfindungen. Ich fühle, dass jemand meinen Zeh umbiegt, sehe nach, und es liegt nur ein dünnes Laken drauf. Trotzdem kann ich mich ganz gut entspannen.

Gleich am nächsten Morgen erscheint Dr. C. Der OP Termin in Windhuk sei schon für heute um sechs gebucht und um den Transport würde er sich gleich noch kümmern. Die Versicherung meldet sich und spricht endlich direkt mit Ihm. Er hat eine Frau am Apparat, die etwas überrumpelt von soviel Entschiedenheit und "my dears", zu beidem zustimmt. Wir hätten, wie gesagt, mal gleich auf ihn hören sollen und sind für sein beherztes Handeln sehr dankbar.

Es kann losgehen. Keine Stunde später ist ein AmbulanzFahrzeug von MC (oder so ähnlich ) 7/ 24 da. Das Team besteht aus sage und schreibe 4 Leuten, die gleich Nägel mit Köpfen machen. Bisschen PapierkRAM, dann wird ein Stretcher hereingerollt, alles Gepäck zuerst und dann ich verfrachtet. Und da begegnet uns wieder die hübsche, junge Dame aus der Government Clinic, wisst ihr noch?. Sie ist, neben Fahrer und Beifahrer, die Rettungssanitäterin. Auch noch dabei ist eine junge Auszubildende, die zum Beruhigen und Händchen halten mitfährt. Das ist einfach toll. Alle sind sehr nett.

Reinhiefen, Tür noch zu, winke, winke und los geht die Fahrt, die ungefähr zwei einhalb Stunden dauern soll. Mein Blutdruck und Puls wird immer wieder überprüft und nicht beanstandet. Die beiden Damen sitzen bei mir und versuchen, es mir so gemütlich wie möglich zu machen. Sie entschuldigen sich für jeden Hubbel. So brausen wir dahin, während ich nur an die Decke des Toyota Quantum starren kann. Ich habe das Gefühl, dass wir immer schneller und schneller fahren und bald abheben. Frau Sanitäter beruhigt mich aber und meint, der Fahrer wäre ein sehr guter Fahrer und würde sich auch an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten. Ich hoffe das Beste, denn wir sind alle nicht angeschnallt. Hie und da heult die Sirene auf. "Baboons on the road" erfahre ich, oder selbstmörderische Knappüberholer von gegenüber. Es hat viel Verkehr. Ich und die Mädels braten in der Röhre, die Jungs vorne haben die Klimaanlage für uns auf volle Kanne und angeln nach ihren Jacken.
Einmal sagt Frau Sanitäter "There is a bwidsch"! Häh, was? "A bwidsch" ich nicke, verständnislos. Das Auto macht ein paar heftige Hopser, ich wimmere kurz und dann geht mir ein Licht auf. Sie wollte mich vor den Hopsern der kommenden Brücke (bridge) warnen. Mehr wegen der Hitze als wegen sonstwas werde ich langsam ungeduldig. Alles klebt an mir. Die Medikamente halten aber gut durch. Es zwickt hie und da, aber alles im Ramen.
Teil 1630. Aug. 2016
Freitag 26.August, Lady Pohamba Krankenhaus Windhuk

Endlich sind wir da. Die Tür geht auf und ich bin im Himmel der Verletzten. Kühl, Hell, nagelneue, riesig, schöne Farben, aber das wichtigste, so viele nette Leute kümmern sich sofort um mich. Nette Krankenschwestern und fröhliche hilfsbereite Pleger wuseln um mich rum.
Ein Arzt guckt nur kurz vorbei. Meine Papiere sind schon fertig und ich werde unverzüglich durchgewunken und auf Station gebracht. Großes Vierbettzimmer mit Aussicht und nur einer Bettnachbarin. Alles bestens.

Einschub: ich wollte noch erwähnen, wieviel freundliche und hilfsbereite Menschen wir hier kennen lernen, denen wir sonst nie begegnet wären. In Otjiwarongo war mein Mann einigermaßen verzweifelt , weil das Internet dort kaum brauchbar war und er so viel kommunizieren musste. Der Apotheker des Krankenhauses bekam das mit und nahm ihn kurzerhand mit zu sich nach Hause. Er stellte seinen PC zur Verfügung, machte Abendessen und brachte ihn wieder zurück. Die Dame der Reiseagentur kümmerte sich unermüdliche um alles mögliche. Auch bei kurzen Begegnungen sind alle freundlich und fragen ob sie helfen können.

Und weiter: Auf dem Zimmer wird von einem gut gelaunten Pfleger das Infusionsset erneuert und die Schmerzmittel Behandlung fortgesetzt. Endlich kann ich nach drei Tagen endlich aufatmen und fühle mich in guten Händen.
Der Nachmittag vergeht mit Ausruhen und dösen. Um 18.00 Uhr taucht der Orthopädie-Spezialist auf und entschuldigt sich für die Verspätung. Dennoch will er mich noch drannehmen. Um 20.00 Uhr soll es losgehen. Ein kleiner Tiefpunkt ereilt mich noch, als er mein Bein auswickelt und ich es nach einigen Tagen auch erstmals wiedersehe. Kein stöckelschuhfähiger Zustand sag ich Euch. Farbe: lilablassblau. Das Gesicht des Arztes ist auch nicht happy. Er wusste nicht, dass noch gar nichts gerichtet worden war und befand die Schwellung für eine Komplettsanierung für zu stark. Erst mal einrichten und ein loses Knochenstück anschrauben, dann abwarten. So war der Plan. Jetzt ging es tatsächlich los. Mir war sehr mulmig aber ich war natürlich auch froh. Die Vorbereitungen begannen unverzüglich. Formulare, Spritzen, und, krönender Abschluss, das Einkleiden. OP Haube Frau Holle, Sterntalerhemdchen und ein Höschen von Schneewittchens böser Schwiegermutter. "One Size fits" all, von 20 bis 200kg. So fertig. Ich werde in den Vorraum gebracht. Es ist kühl, still und einsam da. Ich warte eine dreiviertel Stunde und dann bin ich dran. Der Anästhesist sieht, dass die Prinzessin etwas kümmerlich dreinschaut und ich muss nicht auf die Liege mit den Gurten und Schnallen wechseln. Das machen wir dann, meint er großzügig. Er setzt mir die Narkose noch im Bett. Die Luft aus der Maske riecht blöd und ich wackel mit dem Finger, damit er sieht, dass ich noch da bin. Zwei, drei Atemzüge, noch da, wackeln, vier, wackeln, das Zeug nützt ja gar nix, viereinhalb... und weg.

Dann bin ich genauso zack wieder da. Mein Mund fühlt sich an wie zwei Pfund Straßenstaub. Ich glaube keine Luft zu bekommen vor Trockenheit. Ich ächze nach Wasser. Sobald wir auf Station sind, verspricht mir die Schwester. Hat sie mich nicht verstanden? Ich vergehen, ich ersticke... nein. ..aber ich kann nichts sagen. Sie kennt das wohl und bleibt ganz cool. Eine Minute später sind wir da. Neben meinem Bett steht ein Becher mit Eiswürfeln bereit. Ich stürtze mich drauf und bin gerettet. Das war knapp. ACh ja mein Bein: es drückt und pocht ein wenig aber nicht besorgniserregend. Es ist 22.30 Uhr, die OP hat 45 Minuten gedauert. Ich schreibe noch ein whatsapp, krächze meinem Mann ins Telefon, dass ich noch lebe und ein paar Eiswürfel später bin ich eingeschlafen.
Teil 1702. Sept. 2016
Samstag, 27.August, Lady Pohamba KH, Windhuk

Die Nacht war weniger ungemütlich als befürchtet. Ich drifte von einer Schlafphase in die nächste. Mal kommt eine Schwester und hängt was an die Infusion. Mal kommt wer und fragt ob ich Tee möchte, ob ich gewaschen werden möchte, wie das Essen schmeckt und wie es mir geh, ach ja, und alle Nasen lang noch Blutdruck. Ich kann einfach die Augen nicht offen halten und kaum verstehen was sie sagen oder von mir wollen. Ich versuche, irgendwas passendes zu murmeln, damit sie schnell wieder gehen. Mein Mann kommt schon früh zu Besuch. Da ich intubiert worden war ist meineStimme mehr Hexe Wackelzahn als Prinzessen Hinkebein.

Am späteren Vormittag erscheint die Diätassistentin mit einem ganzen DIN A 4 Blatt zur Essensauswahl für den nächsten Tag. . Verwirrt starre ich auf die vor mir tanzenden Worte mit Kästchen und Einrückungen und Spalten mit lauter "und" ,"oder", "dazu" dazwischen. Kreuzchen hier und Kreuzchen da gemacht, alles was gut klingt bekommt ein Häkchen - so, geschafft. Hoffentlich habe ich das kleine Krankenhausabitur bestanden 😵 . Die Diätassistentin lächelt großmütig und nimmt das Prüfungsblatt wieder mit. Wir werden sehen. Nach diesen Strapazen muss ich erst mal wieder schlafen. Mein Mann scheucht tapfer alle Zimmerwischer, Teeverteiler, Bettfrischmacher, und sogar die Herrinen des Blutdrucks vom Acker. Prinzessinen brauchen ihren Genesungsschlaf. Erst am Nachmittag gelingt es mir dann endlich, mal länger als ein paar Minuten die Augen aufzuhalten.

Ich fühle wirklich gut umsorgt von einem Heer an Helfern, Pflegern, und Krankenschwestern. Vor allem die Pfleger haben es mir angetan. Nicht nur sind sie jung und gutaussehend, nein, sie strahlen auch so viel Fröhlichkeit, Freundlichkeit und Souveränität aus, dass man sich allein dadurch schon besser fühlt. Die Schwestern sind auch lieb, aber oft sehr schüchtern und nuschelig. Je nach Hierarchie tragen sie übrigens Uniform. Dunkelblau mit Schulterklappen, sehr schick. Sobald ich klingel, ist sofort jemand da.

Meine Bettnachbarin ist langweilig, denn sie redet fast gar nicht, da will ich auch nicht stören.

Der Chirurg Dr. S kommt vorbei und sieht nach seinen Opfern. Er ist zufrieden mit seiner Leistung, was ich überaus schätze, und mein Beitrag, gelegentlich ein wenig zu ächzen und zu seufzen, wird nicht beanstandet. Die erste OP ist geschafft, der Fuß guckt wieder geradeaus und ein Knochenstückchen hat auch schon wieder nach Hause gefunden. Meine nächste Aufgabe wäre nun: Fuß abschwellen für OP Nr.2.,. also immer hochlegen, kühlen, und nicht aufstehen. 😣

Jetzt heißt es also Beine hochlegen, Teetrinken und abwarten. Das ist der Moment, in dem ich anfange zu schreiben. Erst an "alle " einzeln, dann hier.

Bevor ich für heute Schluss mache muss ich noch über eine unglaubliche Verbesserung meiner Lage berichten. Die Beinschiene, die in Otjiwarongo aus unerfindlichen Gründen noch bis übers Knie reichte und mein ganzes Bein steif machte, reicht nur noch bis zum Knie. Das ist toll und sooo viel bequemer.

Bis morgen
Teil 1802. Sept. 2016
Sonntag, 28.August, Lady Pohamba KH, Windhuk

Meine langweile Bettnachbarin wurde entlassen, dafür ist gestern noch Miss Angola bei mir eingezogen. Sie ist mit Papi und Geschwistern extra aus Angola angereist (Privatsphäre is ja nicht groß geschrieben und besteht nur aus einem Vorhang um jedes Bett. ) um ihre schlimmen Bauchschmerzen in diversen Lebenslagen abzuklären und es wird über OP 's und alles Mögliche gesprochen. Klingt alles sehr diffus und unangenehm. Würde nicht tauschen wollen. No way!

In der Nacht dann der RiesenTrubel und viel Lärm. Die schwerverletzte Südafrikanerin kommt in unser Zimmer (siehe Einschub
am 28. August). Die Nacht bleibt unruhig, trotzdem kommen die Wächterinnen des Blutdrucks gnadenlos um 5.oo Uhr, wie jeden Tag. Licht an, ein schallendes "Good morning" und dann Gerappel und Geklimper mit den Geräten. Um 6.oo Uhr kommen die Teeladies und um 7.00 Uhr Frühstück. Ein Krankenhausmorgen is nix für Weicheier!

Am Vormittag wechsle ich ein paar Worte mit der Südafrikanerin, die froh ist, nicht allein zu sein. Am Vortag hat sich ihr Auto überschlagen und ihr Mann ist dabei gestorben. Soviel Tragik ist kaum zu begreifen. Meine Sorgen und Nöte scheinen mir plötzlich sehr klein.

Miss Angola spricht nur mit zartem Stimmchen und seufzt oft. Sie hat eine dreistöckige Frisur. Der oberste Stock steckt in einer Frau Holle Haube 😄 Ihre Familie ist recht nett und wir reden ein wenig. Falls Miss Angola nicht zu krank und zu teuer werden sollte, möchte Papi noch einen Herz- TÜV für sich. Geht alles klar, denn nach viel (mitgehörten) Gesprächen um die Vorgänge südlich des Bauchnabels wurde klar, Miss A hatte einfach nur eine gräußliche Verstopfung, die sich nun in Wohlgefallen aufgelöst hatte. Sie wurde heute noch entlassen und ich bin nu allein im Zimmer.

So nah lagen hier absolute Tragik und auch Momente zum Schmunzeln.

Zurück zu mir:
Das kleine Abitur habe ich nicht bestanden. Zum Frühstück kommen Cornflakes UND, Rice Crispies UND Bircher Müsli mit Joghurt. Allein der Gedanke an die mitgelieferte warme Milch rückt in meinem Magen den Rückwärtsgang ins Rampenlicht. 🤢 Eine kleine Portion Joghurtmüsli ist alles worauf er sich gerade mal eben so einlässt. Mittags kommt Lasagne mit Reis und..... 🤨 und so geht es weiter. Was hab ich nur für Zeugs bestellt. Aber dieses Problem begleitet mich von Anfang des Unfalls bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus. Ich kann fast nichts essen.

Ich wurschtel mich so durch, mal besser mal schlechter. "Schwester hab Kopfweh. Die Infusion läuft rückwärts. Tropf ist leer. Die Decke zu warm. Immer werde ich geholfen 😄 . Auch das Bettpfannenballett geht weiter. Ich höre ja auch gleich wieder auf damit 😐 , aber kurz: einer Schwester würde ich gerne den "Florence Nightingale" - Preis verleihen. Sie schlug vor, ich müsse nicht die "Mondsichel", ich könnte mich auch einfach hinsetzen. Ich war überwältigt von so viel Menschenverstand. Das war super.... also, warum hat das vorher niemand gesagt? Ich thronte, von einem Ohr zum anderen lächelnd, und die Schwester war verunsichert von so viel Fröhlichkeit. 😄 🤪 😛

Mein allerliebster Mann ist nun selber krank. Er eierte schon seit Otjiwarongo und nun hat er richtig Magen-Darm. Da es mir gerade eher gut ging, hatte er endlich Gelegenheit auch mal ein paar Stunden auszuruhen.

Noch eine letzte Neuigkeit des Tages: ich soll morgen Krücken bekommen. Ist das cool? 😁 😁 Das wird ja immer schöner.
Ts' Nächtle allseits
Teil 1903. Sept. 2016
Montag, 29. August, Lady Pohamba KH, Windhuk

Ich hatte, allein im Zimmer, eine ruhige Nacht. Dennoch wird dieser Tag noch richtig turbulent. Mein Wunderhubbi 😘 (husband= hubbi) ist krank, soll ausschlafen und sich später selber in der Ambulanz melden, um seinen Magen zu sortieren.

Ich komme gut zurecht denn, Goldsternchen Nr.1 🤩 Ich krieg die Haare schön. Erstmals seit acht Tagen wieder Haare waschen. 2 Damen kommen und machen mir das, im Bett, liegend.

Goldsternchen Nr.2: 🤩 Die Krücken werden gebracht

Goldsternchen Nr. 3: 🤩 Eine Physiotherapeutin rauscht herein und zeigt mir den Gebrauch der Krücken und danach heißt es Leibesertüchtigung. Die taffe Dame hat gerade mal geschätzte 45 kg Lebendgewicht, aber sie weiß, was ich wollen soll. 🤪 Nach ein paar Übungen bin ich geplättet, aber guter Dinge.

Goldsternchen Nr.4 🤩 eine Miarbeiterin des Krankenhauses, deren Job einzig und allein in Kommunikation und Liaison zu den Versicherungen besteht, stellt sich bei mir vor und erkundigt sich nach meinem Befinden. Gut, dass es sie gibt, da weniger Bürokratie für uns.

Goldsternchen Nr 5 🤩 : die Dame der Reiseagentur, die uns unermüdlich zur Seite stand, kommt nachmittags zu Besuch und mein Mann auch. Wir reden viel und angeregt.
Die Achterbahn hat nun ihren höchtsten Punkt für den Tag erreicht, ab jetzt.... 🙄 ......

Als dann unerwartet Dr. S auftaucht, bin ich schon recht erschöpft. Er begutachtet mein Fußende und verkündet, dass er noch heute Abend die zweite OP durchführen wollen würde. Ansonsten müsste ich aufgrund von Notfällen auf Mittwoch oder sogar Donnerstag verschoben werden. Ich zieh mir die Bettdecke bis zur Nase. Allso nö, heute schon? Aber heute war doch Tag "schön und sorglos" ?! 😵 . Es ist kurz nach drei um sechs geht' los.

(Operiert zu werden wird hier als "going to the theater" 🙄 bezeichnet. Sobald dieser Begriff fällt weichen alle ein Stück zurück und schrumpfen vor Ehrfurcht. Nicht vor etwaig betroffenen Prinzessinen 😘 , versteht sich, sondern vor dem Vorgang selbst. Điese Redewendung läuft dann ganz schnell von Mund zu Mund. Meine klassisch germanische Vorstellung von" ins Theater gehen" verbindet sich nun ganz und gar nicht mit "Operationssaal" und " an sich schnitzen und schrauben lassen, während man selbst eigentlich gar nicht dabei ist". So, wie es immer betont wird, ist meine Assoziation eher, im Circus Maximus ein paar hungrigen Löwen als Häppchen vorgesetzt zu werden. 🙁 )

Die Vorbereitungen werden getroffen, die Pret-a-Porter-Mode angezogen. Diesmal gibt's im OP keine Sonderbehandlung. Erst muss ich aus meinem flauschigen Bett in ein härteres TransportBett, dann auf die noch härtere Liege "in the Theater " wechseln. Die mit den Gurten und Schnallen und Fußstützen. Es ist eiskalt da drin (damit die Bazillen es ungemütlich haben, wurde mir erklärt). Mir wird schon wieder kümmerlich, als der Anästhesist mich aufmunternd warnt, dass die Injektion brennen könnte. Bevor ich noch zum Finger wackeln komme, bin ich schon weg.

Von der Auszeit bekommt man null und nichts mit. Es ist nicht wie Schlaf. Die Existenz ist einfach ausgeknipst. Die Rückkehr ist auch digital: erst " aus", dann wieder "an". Als ich wieder "an" bin registriere ich drei Dinge: mein Mund ist trocken, geht aber (nur 1 Pfund Wüstensand diesmal ). Meine Nase ist verstopft, ich kann kaum atmen. Und Schmerz, mit jedem Atemzug mehr glühender, roher Schmerz. Ich werde auf auf meinen Station gebracht, Schmerzmittel werden infundiert. Es wird aber nicht besser. Mein glühender Knöchel wird mit groben Raspeln bearbeitet. Es geht wieder in Wellen sonst hätte ich nur geschrien. Die Schwestern bestehen darauf, dass ich in mein Bett wechsele. Ich möchte mich keinen Mikrometer bewegen, aber ich muss. Die Schmerzen sind unerträglich, kein Vergleich zu allem, was vorher war. Die Schwestern reden auf mich ein, ich kann nicht zuhören, und versuchen zu trösten, es hilft mir nicht. Dann bin ich allein. Ich atme und versuche stillhalten. Jede kleinste Bewegung erzeugt glühende Messer. ICh möchte eigentlich dringend schlafen, ich warte auf die erlösende Wirkung der Schmerzmittel, aber es tut sich nichts. Irgendwann (nach 10 bis 20 Minuten) kommen die Schwestern wieder und infundieren erneut. Nach und nach zieht sich der Schmerz in sein Schneckenhaus zurück. Ich kann trinken, mich um die verstopfte Nase kümmern und endlich einschlafen, wenn auch völlig unbequem, denn der Schmerz lauert auf jede kleinste Zuckungen. Ich schlafe und kann mich gegen morgen sogar mal umdrehen und zurechtrücken. What a Day! !!
Teil 2003. Sept. 2016
Dienstag, 30. August, Lady Pohamba KH, Windhuk

Ich bin wieder da und ganz guter Dinge, obwohl mir schlecht ist. Alles ist gut, so lange der Schmerz nur gelegentlich aus seinem Schneckenhaus hervorlugt. Zum Frühstück gibt es mehr Schmerzmittel, Antibiotika, etwas gegen die Übelkeit und eine Erklärung : mein Arzt war nach der OP telefonisch nicht erreichbar gewesen, der Notfallarzt war mit einer Wiederbelebung beschäftigt und so konnten die Schwestern in der Nacht bei der unerwarteten Schmerzattacke zunächst keine Autorisierung für stärkere Schmerzmittel als Paracetamol für mich erhalten. Hauptsache, jetzt ist alles wieder unter Kontrolle.

Mir ist wackelig und zittrig und ich kann , nach wie vor, kaum essen. Ich erzähle das jedem, der es hören will und bitte um entsprechende InfusIon (diese wurden nämlich heute eingestellt) aber keiner hört mir wirklich zu.

Eine neue Bettnachbarin wird eingeliefert, die von einem Sturz "Rücken" mit auch ordentlichen, tränentreibenden Schmerzen hat. Sobald auch sie mit Morphin beglückt ist, können wir uns unterhalten. Sie ist deutschstämmige Namibierin, besitzt mit ihrem Mann eine Farm und kann mir ganz viel über das Leben in Namibia erzählen. Das Morphin macht sie fast hyperaktiv und sie sprudelt nur so vor sich hin. Ich freue mich über die nette Gesellschaft und die vielen Insider-Infos. Wir können auch viel zusammen lachen 🙂

Mein Mann bringt mir zum Trost einen nagelneuen Schlafanzug und, trotz allem, kann ich mit Krücken ins Bad hoppeln. 😛 . Das hätte ich noch vor wenigen Stunden nicht für möglich gehalten.

Im Hintergrund laufen die Vorbereitungen für meine Entlassung, die schon für morgen angedacht ist. Wann immer ich Kraft und Zeit habe, schreib ich. Ansonsten ruhe ich mich viel aus.

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