als begeisterte stille Mitleserin der aktuellen Reiseberichte aus dem südlichen Afrika habe ich unseren Bericht aus dem Jahr 1996 mal wieder hervorgeholt und möchte ihn im Forum einstellen.
Der Bericht wurde von meinem „Göttergatten“ erstellt. Er beschreibt unsere Eindrücke aus dem Jahr 1996 (!), fotografiert wurde noch analog und es gab zwangsläufig keine riesigen Bildermengen. Gesichtet wurde zuhause, nachdem die Bilder im Fotolabor entwickelt waren. Kein Vergleich zu den heutigen Möglichkeiten mit der Digitalfotografie. Ich werde einige von den alten Fotos einscannen und hochladen. Bevor ich die Suchfunktion bemühe: Kann mir von den Profis jemand kurz beschreiben, wie das funktioniert?
Ganz kurz zu uns: Wir haben seitdem das südliche Afrika mehrfach bereist, aber keinen Reisebericht mehr erstellt. Unsere Aufgabenverteilung sieht wie folgt aus: Mein Mann fährt und kocht (wir sind überwiegend Selbstversorger), ich plane und fotografiere. Seit 2005 haben wir uns auf Südafrika konzentriert, insbesondere lieben wir den Krüger Nationalpark wegen der vielfältigen Landschaften, der reichen Tierwelt und der Möglichlichkeit, die Tiere selbst zu entdecken. Nach der Reise gibt es Fotobücher und mit Musik unterlegte Diashows. Vielleicht schreiben wir beim nächsten Mal doch mal wieder einen Bericht…..
So, nun mache ich mich an die Arbeit, die „alten Sachen“ für das Forum aufzuarbeiten.
Liebe Grüsse von Ruth
Teil 204. Aug. 2013
@ Nunanani
....das wäre ja ein Witz . Reisezeit war ab Ende Mai. Ich stelle schon mal die Route ein (handgemalt 😎. Hoffe, das Einfügen klappt - mein PC ist nicht der Schnellste.....
Teil 304. Aug. 2013
Dies ist ein nicht immer ganz ernst zu nehmender Reisebericht vom männlichen Teil der Reisegruppe, gewidmet R., die auf den folgen Seiten soviel erdulden muß und die bei der Bearbeitung des Textes soviel Kreativität bewiesen hat! 😉 😉
V O R W O R T (vom weiblichen Teil der Reisegruppe)
Zur Beziehung der Zweimann/frau-Kleinreisegruppe:
Dies ist ein sehr persönlicher Reisebericht, in dem der Erzähler endlich mal sein latent vorhandenes Machogehabe so richtig zur Entfaltung bringen kann. Zwangsläufig muß der Leser / die Leserin (man beachte in diesem Fall die Gleichberechtigung!), zunehmend den Eindruck gewinnen, daß es sich bei der Reisebegleiterin um ein zumindest etwas minderbemitteltes, kleines, schutz-bedürftiges, unselbständiges weibliches Wesen handelt, dem das unsägliche Glück beschieden war, mit einem seinerseits allmächtigen, besserwissenden, verständnisvollen, ausgeglichenen, über den Dingen stehenden, kurz gesagt fast gottgleichen männlichen Wesen unterwegs sein zu dürfen. Sei’s drum - wenn es den Unterhaltungswert steigert .... 😛
Zur Vorgeschichte:
Die Idee für die Reise entstand bereits im Jahr 1994 nach einer 4-wöchigen ebenfalls auf eigene Faust durchgeführten PKW-Tour durch Südafrika. Dieses Land hat uns mit seinen herrlichen Landschaften, seinem unvergleichbaren Wildtierbestand und der für uns Mitteleuropäer doch teilweise so fremden Kultur dermaßen fasziniert, daß wir beschlossen, auch einmal das „echte Afrika“ zu bereisen. Aus persönlichen Gründen erfolgte die Realisierung erst im Frühsommer 1996.
Geplant wurde die Reise anhand von diversen Reiseführern, Ferienkatalogen und dem Informationsmaterial des namibianischen Fremdenverkehrsverbandes. Um dem ganzen den Hauch von ein bißchen Abenteuer zu verleihen und auch den hintersten Winkel erreichen zu können, mein Mann außerdem als begeisterter Autofahrer unbedingt mal mit einem vierradgetriebenen Geländewagen durch die Gegend düsen wollte (später stellte sich heraus, daß es wohl eher schon immer mein Wunsch gewesen war, in so einem Wagen mitzufahren), mieteten wir uns von Deutschland aus direkt bei der Firma A. (gibt es nicht mehr) in Windhoek einen Toyota-Hilux mit Dachzeltaufbau und Campingausrüstung. Über A.ließen wir lediglich für 2 Nächte die Stellplätze auf einem zumeist stark frequentierten Campingplatz (Sesriem) reservieren; alle anderen Übernachtungsmöglichkeiten suchten wir uns direkt vor Ort.
Zur Reise:
Nach der Ankunft in Namibia stellten wir relativ schnell fest, daß Theorie und Praxis wie meistens im Leben weit auseinander liegen. Da wir bisher über keinerlei Erfahrung im Umgang mit Geländewagen verfügten und bis heute nicht in der Lage sind, Pannen am Fahrzeug selbst zu beheben, haben wir extrem schlechte Strecken vermieden. Unsere ursprüngliche Planung, von Victoria Falls aus über Savuti, Moremi und Maun nach Windhoek zu fahren, wurde - der Vernunft oder der Vorsicht gehorchend - verworfen. Aber die anderen Regionen, die wir hierfür ins Programm nahmen, waren mehr als ein Ersatz, ohne daß es hierzu des allerletzten „Kick’s“ bedurfte (für manche Wüstenfahrer soll es das Größte sein, zur Bewältigung von 5 km Piste mehr als einen halben Tag zu benötigen).
Teil 405. Aug. 2013
So, es folgen jetzt die ersten Tage. Bilder füge ich später ein. ich habe gerade festgestellt, dass es nicht nur mengenmässig sondern auch qualitativ grosse Unterschiede zu heute gibt. 🙁 Sind halt nur Erinnerungsaufnahmen.....
Entweder sind die Bilder verblasst, oder es liegt an der Jahreszeit und am Wetter. 1996 war ein sehr trockenes Jahr, Palmwag hatte anscheinend schon seit 2 Jahren keinen Tropfen Regen gesehen. Meine Bilder aus 2000 sind deutlich besser, obwohl mit derselben Spiegelreflex gemacht. War aber auch ein Regenjahr - Sossusvlei hatte Wasser.... Vielleicht stelle ich vergleichsweise ein paar ein. Mal sehen, wie lange das dauert.....
Schluss mit dem Vorgequatsche - es geht los:
Montag, 27. 5. 1996
Pfingstmontag, 13:45 Uhr: nun geht es also endlich los, hat die lange Vorbereitungszeit mit Planen, Organisieren und Packen ein Ende. Wieviel Reiseführer wurden gewälzt, wieviel Karten studiert, wieviel Kataloge besorgt und durchgearbeitet, wie oft die wahrscheinliche Kilometerleistung berechnet, die Routenführung wieder geändert?
Bis zu diesem Zeitpunkt herrscht katastrophales Wetter, aber auf der Fahrt über die Autobahn nach München gibt es gottseidank nur einen erheblichen Regenschauer. Wir stellen unser Auto bei einem ehemaligen Kollegen ab und lassen uns von ihm zum Flughafen bringen.
Wie bei uns nicht anders zu erwarten, sind wir viel zu früh am Flughafen - fast vier Stunden Wartezeit, incl. einer 35-minütigen Verspätung. Wir bummeln noch ein wenig über den Flughafen, schlabbern eine Goulaschsuppe und versuchen, die Aufregung mit ein oder zwei Weizenbier zu bekämpfen. Wer weiß, wann man so ein schön frisches Bierchen wieder bekommt?!
Der Nachtflug nach Windhoek gestaltet sich insgesamt als angenehm, Verpflegung und Service bei LTU sind in Ordnung, aber die Boeing 767 ist fast voll besetzt, und es ist ziemlich warm in der Maschine. Trotz einiger weiterer Bierchen ist bei mir an Schlafen nicht zu denken. Und R. tut auch nur so, als ob sie schläft, sie hört ebenfalls jede Veränderung bei der Lautstärke der Turbinen oder der anderen Teile des Fliegers, die sich akustisch bemerkbar machen. Fliegen gehört nicht zu unseren Lieblingsbeschäftigungen – und fast zehn Stunden Flugzeit ziehen sich... Nach einiger Zeit weiß man nicht mehr, wie man sitzen soll, und es scheint so, als ob der Steißknochen sich durch die Haut bohrt. Aber auch der längste Flug geht einmal zu Ende, und wir landen problemlos zum zweiten Mal auf afrikanischem Boden.
Dienstag, 28. 5. 1996
Erfreulich das Auschecken: binnen einer halben Stunde sind wir durch die Zollkontrolle, das Gepäck ist vollständig vorhanden, und Tina M. von A. erwartet uns.
R. geht erst einmal Geld tauschen, eine sehr zeitaufwendige Geschichte! Zwischenzeitlich erzählt Tina mir von ihren letzten Kunden: die mußten ihren Urlaub vorzeitig abbrechen, weil sie einen ziemlich heftigen Unfall gebaut hatten. Die Frau saß wohl zum ersten Mal am Steuer, geriet auf ein tiefsandiges Wegstück, bremste fälschlicherweise und kippte dadurch den Wagen um. Dabei hat sie sich neben anderen Blessuren auch noch das halbe Ohr abgerissen... Das gibt mir doch arg zu denken, und ich nehme mir vor, daß ich, wenn es irgend geht, R. nicht ans Steuer lasse.
Wir beschließen, den bestellten Toyota - Hilux gleich zu übernehmen. Nach der Abwicklung der administrativen Geschichten bekommen wir unseren Weggefährten für die nächsten fünf Wochen das erste Mal zu Gesicht: sieht ganz gut aus, beige mit ein paar Streifen, wie ein Auto mit Vierradantrieb eben aussieht. Aber was hinten drin, oben drauf und unten drunter ist, unterscheidet sich doch ganz erheblich von den Fahrzeugen, die wir bisher benutzt haben. Hinten drin: Kisten und Kästen und Schüsseln und Schaufel und Grill und Kanister für Wasser und Sprit und Tisch und Stühle und Schalen und Kocher und Leuchten und Gasflaschen und Krims und Krams. Was sollen wir damit, und wie sollen wir mit diesem Zeug nur umgehen? Und obendrauf das Zelt - na ja, das ist wirklich leicht zu handhaben. Tina sucht uns noch zwei saubere Schlafsäcke heraus. Also, damit werden wir fertig!
Höflichkeitshalber höre und sehe ich mir an, was unter dem Auto ist - nämlich zwei Reservereifen. Aber das ist eigentlich ziemlich uninteressant, so etwas habe ich schließlich noch nie gebraucht.... Dann die ersten Meter mit der Kiste ins Hotel, Pension Steiner. Linksverkehr kenne ich ja aus Südafrika, aber das Einparken mit dieser sperrigen Kiste auf dem ziemlich engen Hotelparkplatz ist doch schon etwas heikel.
Da das Hotelzimmer noch nicht frei ist, bummeln wir erst einmal durch die City von Windhoek. Wir informieren uns, was in den diversen Lebensmittelgeschäften angeboten wird, besorgen in einer Apotheke die erforderlichen Tabletten für die Malariaprophylaxe, sehen erste Hererofrauen in ihren Trachten sowie unzählige kleine Kunstgewerbestände, die von meist jungen Schwarzen betrieben werden. In der „Kaiserkrone“ nehmen wir einen Salat zu uns, bevor wir im Hotel Siesta halten. Anschließen checken wir den Wagen noch einmal genau durch und entdecken weitere interessante Einzelheiten wie Braai-Topf, Werkzeuge für das Auto, Handfeger (!?) usw. Wir essen im Hotel, und an der Bar lernen wir später die Besitzer kennen. Der Mann ist Deutscher, war jahrelang im Außendienst in Süddeutschland tätig, hat hier auch seine Frau (Französin) kennengelernt, die beiden haben dann in Westdeutschland einen Campingplatz geführt, bis sie in Namibia eine Gästefarm übernommen haben. Aus irgendwelchen Gründen hat das nicht so geklappt, und nun versuchen sie ihr Glück mit der Hotel-Pension Steiner. Also auch ein unternehmungs- und reiselustiges Paar, und es wird ein informativer und fröhlicher Abend. Wir erfahren hier zum ersten Mal, daß die Deutschen und die Deutschstämmigen in Namibia eng zusammenhalten und praktisch jeder jeden kennt.
Mittwoch, 29. 5. 1996
Um 8:30 Uhr starten wir unsere Safari. Von anderen Touristen haben wir gehört, daß in einem Touristenoffice in der City weiteres Informationsmaterial zur Verfügung steht. Also hin! Auch eine gute Gelegenheit, R.s Qualitäten als Beifahrerin und Führerin zu testen... Nachdem sie dreimal vergeblich versucht hat, mich in verkehrter Richtung in eine Einbahnstraße zu lotsen, gibt sie schließlich auf, und wir finden das Office und anschließen auch den Weg aus der Stadt, Richtung Keetmanshoop. Schon kurz hinter Windhoek bekommen wir einen Eindruck davon, wie karg und öde, wie trocken und sandig, wie menschenleer und einsam, aber auch wie weitläufig und grandios dieses Land ist. Im Augenblick überwiegt jedoch ein wenig Enttäuschung - das hatten wir uns trotz der im Vorfeld dieser Reise durchgeführten umfangreichen Recherchen etwas anders vorgestellt... In die Informationen aus den Reiseführern haben wir wohl zuviel Wunschdenken hineininterpretiert.
Unser "Schlachtschiff"
Aber der Wagen läuft gut, nach anfangs etwas vorsichtigerer Fahrt bringe ich auf guter Teerstraße eine Geschwindigkeit von 120 km/h zuwege. Unseren Lunch nehmen wir in Mariental ein. Wir sind guten Mutes, fühlen uns wieder wohl auf der Straße, die ersten 270 km liegen ohne Probleme hinter uns, sind gut in der Zeit, um unser Etappenziel, den Kokerboomwald, rechtzeitig zum Sonnenuntergang zu erreichen. Aber kurz hinter Mariental schlägt jedoch das für mich von den himmlischen Mächten vorgesehene Autofahrerschicksal gnadenlos zu: der Wagen fängt mehr als gewöhnlich an zu schlingern, so daß ich ihn kaum auf der Fahrbahn halten kann. Gottseidank habe ich wegen einer vorher angezeigten Baustelle die Geschwindigkeit sowieso schon reduziert, ich kann den Wagen ohne Probleme am Fahrbahnrand abstellen. Aussteigen, nachschauen, erbleichen..., der linke Hinterreifen ist platt. Jetzt weiß ich, warum ich zwei Reservereifen mitführe!
Offensichtlich machen wir einen besonders hilflosen Eindruck, denn kurze Zeit später kommt der Kappo des Baustellentrupps (ein Weißer) und erkundigt sich nach unseren Schwierigkeiten. Nach einigem Suchen finden wir das erforderliche Werkzeug, er legt sich wie selbstverständlich unter das Auto und wechselt mir den Reifen. Das liest sich jetzt so einfach, aber bevor das Schloß an der Kette um die Reservereifen geöffnet, die Reifen heruntergekurbelt, die Kette gelöst, ein Reifen herausgewuchtet, der Wagen aufgebockt, der platte Reifen demontiert, das neue Rad angepaßt und festgeschraubt, das defekte Rad unter den Wagen gehoben, mit der Kette festgezurrt und mit dem Schloß gesichert, das Werkzeug verstaut und unser Gepäck eingeladen ist, vergeht sicherlich eine geschlagene Stunde. Und das, obwohl uns nach einiger Zeit noch ein schwarzer Arbeiter des Baustellentrupps zu Hilfe kommt... Ich leiste dabei mehr oder weniger nur Handlangerdienste und schwitze trotzdem aus allen Poren, denn die Sonne brennt gnadenlos. Ich freue mich riesig über die spontane Hilfe, so daß ich mich viel zu großzügig bedanke: der Kappo, der die Hauptarbeit geleistet hat, bekommt von mir 100 N$, sein Adjudant 50. Einheimische Weiße hätten da sicherlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen - wieder solche blöden Touries, die die Preise verderben. In diesem Augenblick ist mir das die Sache jedoch wert, denn allein wäre ich sehr, sehr hilflos gewesen.
Und R. erstaunt mich wirklich während dieser Stunde - sie hält mehr oder weniger ihren Mund, zeigt sich sehr kooperativ, erteilt keine guten Ratschläge und macht mir vor allen Dingen keine Vorwürfe, daß ich anders hätte fahren sollen oder mich besser informieren oder, oder, oder. Da ist man mit seiner Tussi (!!!) über dreißig Jahre verheiratet und kennt sie immer noch nicht richtig! Es verspricht also, trotz dieser Reifenpanne, ein harmonischer Urlaub zu werden.
Die Weiterfahrt zum Kokerboom Forest gestaltet sich ohne Schwierigkeiten. Wir sind sogar so rechtzeitig da, daß wir diese nur in Namibia beheimateten Riesenaloen vor der untergehenden Sonne photographieren können.
Unsere Unterkunft ist einmalig: wir haben einen Vierzimmerbungalow für uns alleine und einen Riesentisch mit drehbarem Mittelteil im Wohnzimmer. Das Essen wird uns im Bungalow serviert, der Wein ist kühl und fruchtig, und es steht eine Menge Bier im Kühlschrank. Wir genießen den Abend, lassen die Ereignisse des Tages an uns vorüberziehen, werden uns allmählich bewußt, daß uns ein abenteuerlicher Urlaub bevorsteht, einigen uns darüber, welches das Kreuz des Südens ist (ein weiteres Indiz für einen harmonischen Urlaub), trinken noch ein, zwei Bierchen und schlafen tief und fest.
Teil 505. Aug. 2013
Donnerstag, 30. 5. 1996
Wir frühstücken früh und gut und fahren anschließend eine kurze Strecke zum „Giants Playground“. Der Name besteht absolut zu Recht: wir laufen ca. eine Stunde durch ein irres Gewirr von Felsen, Felsformationen, anscheinend willkürlich aufgehäuften Felsbrocken unterschiedlichster Farben und Formen, bewachsen mit einzelnen Köcherbäumen, die hier viel besser wirken als im Köcherbaumwald direkt bei der Farm. Dieses Areal erweckt wirklich den Anschein, als ob sich hier Riesen ausgetobt hätten. Wir sind begeistert, das ist so ganz nach unserem Geschmack.
In Keetmanshoop tauscht R. noch einmal und genauso zeitaufwendig Geld. Nur mit dem Unterschied, daß man sie hier um 800 N$ „betuppen“ will. Aber die kennen R. noch nicht - mit Händen und Füßen, mit Kugelschreiber und Papier und mit dem, was ihr verbal in englischer Sprache einfällt, also kurz, mit allem, was ihr zur Verfügung steht, korrigiert sie den „Irrtum“.
Seeheim liegt laut Karte ca. 50 km von Keetmanshoop entfernt. Hier wollen wir noch einmal etwas Proviant einkaufen und evtl. zu Mittag essen. Doch trotz intensivster Suche, drei- oder viermaligem Anlauf: dieses Kaff ist nicht zu finden. Also: Ohne Nahrungsaufnahme zum Fish River Canyon, ca. 120 km Staubstraße zum View Point. Am Parkeingang können wir Gottseidank Wasser und ein paar Kleinigkeiten kaufen. Am Aussichtspunkt öffne ich dann, nicht ganz ohne Blutvergießen (unbekannte Dosenöffner haben es in sich, „scheiß Technik“), zwei Dosen Bohnen, und wir picknicken das erste Mal.
Der Canyon, zumindest an dieser Stelle, ist eher enttäuschend. Kein Vergleich mit dem Grand Canyon, und auch andere Schluchten, die wir gesehen haben, waren viel imposanter. Außerdem knallt die Sonne wieder gnadenlos vom Himmel, außer am Picknickplatz kein Fleckchen Schatten, es weht ein heißer, starker Wind, alles kommt uns so öde, so trocken, so trostlos vor, kurzum, wir beschließen, nicht in Ais - Ais zu übernachten, sondern in Richtung Lüderitz weiterzufahren. Sind ja schließlich nur ca. 400 km, und es ist noch nicht einmal zwei Uhr nachmittags. Unterwegs soll es laut Beherbergungsführer ja auch zwei Hotels geben, also jede Menge Sicherheit für uns.
Aber die Strecke zieht sich, schon um wieder auf die Teerstraße zu kommen, brauchen wir weit mehr als eine Stunde, und das Hotel in Goageb besteht nur noch aus Ruinen. Also weiter nach Aus, doch ab jetzt wird es richtig bergig, der Gegenwind erreicht fast Sturmstärke, bläst so stark, daß es das Dachzelt auseinanderfaltet. Auf den langen Steigungen ist sogar der dritte Gang gefordert, nur mit Mühe und Vollgas erreiche ich 60 km/h. Es ist schon dunkel, als wir endlich Aus erreichen. Hier soll es gemäß Beherbungsführer das zweite Hotel geben, das Bahnhofshotel. Wir fahren eine steile Straße hinunter in den Ort hinein und versuchen, uns zu orientieren. Der Bahnhof liegt links von uns, also kann das Hotel doch auch nicht weit entfernt sein! Der ganze Ort ist fast dunkel, man kann kaum etwas erkennen. Plötzlich entdecke ich im Restlicht ein Schild: „Bahnhofshotel“, wir parken direkt davor, aber das Haus liegt wie ausgestorben vor uns. R. geht trotzdem über eine lange Veranda bis zur Bar. Drinnen brennen zwei Kerzen, ein Weißer hockt hinter und ein Schwarzer vor dem Thresen, sie knobeln. Das Hotel ist geöffnet, lediglich der Generator ist defekt, und Aus ist nicht an das Elektrizitätsnetz angeschlossen. Im Schein einer Petroleumlampe besichtigen wir unser Zimmer, mit Hilfe der Taschenlampe entladen wir das Fahrzeug. R. nimmt ein heißes Bad, denn es ist bitter kalt geworden, inzwischen hat der defekte Generator seinen Dienst wieder aufgenommen.
In der Nacht wachen wir von einem seltsamen Geräusch auf: es regnet. Wir sind erst drei Tage in Namibia und haben genau das Wetter, mit dem wir Deutschland verlassen haben, nämlich Novemberwetter. Alle, die wir morgens treffen, begrüßen uns mit dem Ausspruch „Oh, what a nice weather! We are lucky!“ Vorerst denken wir noch, daß die Leute hier ganz schön beknackt sind, aber für ihre Freude sollten wir im weiteren Verlauf unserer Reise noch Verständnis empfinden.
Auf dem Weg zum Bahnhofshotel Aus
Teil 606. Aug. 2013
Freitag, 31. 5. 1996
Nach Lüderitz sind es noch ca. 200 km, der Himmel ist wolkenverhangen, es regnet, die hohen Berge, die es hier geben soll, bleiben für uns unsichtbar. Es weht nach wie vor ein starker Wind, und kurz vor Lüderitz hat der Sand die Straße verweht. Aber das kann hier so außergewöhnlich nicht sein, schon etliche Zeit vorher warnen entsprechende Verkehrsschilder. Wir beziehen ein Zimmer im Bay View Hotel und freuen uns auf einen gemütlichen Tag, denn die letzten beiden Etappen waren doch relativ lang und anstrengend, beide ca. 500 km. Nach einem kurzen Stadtbummel - der Regen hat aufgehört - nehmen wir unseren Lunch in Kapp’s Hotel ein. Ich habe Kotelett bestellt, die Portion ist so reichlich, daß ich mir das zweite Kotelett einpacken lasse.
Am frühen Nachmittag telefoniere ich mit Tina M. von A. wegen des defekten Reifens. Sie empfiehlt uns, den Reifen reparieren zu lassen, und kann unsere Aufregung gar nicht so recht verstehen. Wir wissen eben noch nicht. daß defekte Reifen in Namibia sozusagen zum Autofahreralltag gehören. Im Hotel lasse ich mir eine entsprechende Werkstatt empfehlen, die aber nur mit einem Mann besetzt ist, der auch noch alle Hände voll zu tun hat. Also muß ich selbst unter den Wagen, um das kaputte Rad aus der Halterung zu lösen. Das Procedere dazu habe ich ja schon beschrieben, nur diesmal gibt es einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied: die Kette hat sich irgendwie verhakt oder verzurrt, verklemmt oder vertoddert, oder wie man das bei Ketten auch immer nennen mag. Jedenfalls läßt sich dieses Scheißding nicht lösen. Bis ich einmal kräftig rüttele: da öffnet sich die Kette sehr plötzlich, und beide Reifen kommen zusammen herunter. Und sie fallen weich, denn ich hatte vorausschauend, wie ich nun einmal bin, meinen rechten Unterarm zur Vermeidung irgendwelcher Schäden an den Reifen darunter plaziert. Und den Reifen ist auch nichts passiert... An dieses Ereignis werde ich jedenfalls durch buntschillernde Flecken an meinem Arm noch einige Tage lang erinnert.
Nachmittags besichtigen wir den kleinen Hafen von Lüderitz. Dazu brauchen wir natürlich ein Permit. Und für das Permit benötigen die Hafenbeamten den Reisepaß. Im Hafen liegen schließlich zwei Frachtschiffe und einige Fischkutter, da kann man gar nicht vorsichtig genug sein... Na ja, wenn es zur Sicherung des Arbeitsplatzes beiträgt. Es Ist aber ganz urig in dem Hafen, und man hat einen schönen Blick auf die Stadt. Anschließend pilgern wir über den Campingplatz zum Leuchtturm und lassen uns die frische Atlantikbrise um die Nasen wehen. Später im Hotelzimmer bewahrt mich R. davor, daß ich meine Brille schrotte, die ich auf dem Bett abgelegt habe. Ich will mich gerade auf selbiges fallen lassen, da kommt ein schriller Warnschrei von meinem Frauchen. Geistesgegenwärtig halte ich mitten in der Fallbewegung inne, obwohl sich der Körperschwerpunkt schon bedenklich dem Spekuliereisen genähert hat. Wenn mein Schatz da nicht aufgepaßt hätte...
Am Abend gönnen wir uns nach den Aufregungen und Strapazen der letzten Tage eine Meeresfrüchteplatte von imposanten Ausmaßen. Und auch das Volumen auf der Platte entspricht durchaus meinen Erwartungen. Bei dieser Gelegenheit weihe ich meine Weste ein: etliche Spritzer einer würzigen, pikanten, roten Sauce landen auf dem neuen Stück. Aber auch das nimmt R. ziemlich gelassen, was ist nur los mit ihr? Später an der Bar lernen wir zwei junge Deutsche kennen, die kurz vor dem Ende ihres Namibia-Trips stehen. Die beiden haben einen Großteil dessen schon gesehen, was noch vor uns liegt, und sie können uns wertvolle Tips geben. Eine nette Unterhaltung.
Nachts wachen wir durch agressives Schreien und Grölen auf der Straße auf. Es stellt sich heraus, daß gegenüber eine Disco ist und daß sich offensichtlich einige Gruppen in die Haare geraten sind. Nach einer halben Stunde ist der Lärm vorbei, und wir schlafen wieder ein.
Samstag, 1. 6. 1996
Bevor es heute das erste Mal richtig ins Gelände geht, holen wir den reparierten Reifen ab. Vorgewarnt durch die gestrigen Erfahrungen, montiere ich den Reifen nicht wieder unter dem Fahrzeug, sondern verstaue ihn hinten auf der Ladefläche. R. geht zwischenzeitlich in einem nahegelegenen Supermarkt einkaufen. Auf einmal werde ich angesprochen. Vor mir steht ein junges Paar, auch aus Deutschland, das wir schon am Köcherbaumwald getroffen haben. Ich kann dem jungen Mann mit einer speziellen Photobatterie aushelfen, die er anscheinend in Lüderitz nicht nachkaufen kann. In Keetmanshoop hat er sie angeblich auch nicht bekommen können, und der nächste erfolgsversprechende Ort ist weit: Windhoek in cirka achthundertfünfzig Kilometern. Wir quatschen ein wenig über unsere bisherigen Erlebnisse und erfahren, daß beide eine ganz ähnliche Tour wie wir planen. Na ja, vielleicht trifft man sich ja einmal wieder.
So, jetzt aber wirklich ab ins Gelände! Wir fahren auf die Lüderitz vorgelagerte Halbinsel mit unzähligen Buchten, Fjorden, Lagunen, Stränden und Aussichtspunkten. Dabei beobachten wir Flamingos in der Meeresbrandung, aber auch in einer Lagune, Pinguine und Robben auf dem Festland vorgelagerten Inseln, unzählige Möven und andere Wasservögel, die an einem gestrandeten toten Wal herumpicken. Wir picknicken schließlich an einem breiten, einsamen Strand. Der Wind hat zwischenzeitlich wieder so sehr aufgefrischt, daß ich den Wagen als Windschutz parken muß. Und heute findet das Kotelett von gestern begeisterte Abnehmer. Uns umfängt eine ganz eigenartige, von uns noch nie erlebte Atmosphäre: vor uns die wilde Brandung des Atlantik und hinter uns dehnen sich mehr als 100 Kilometer weit ins Landesinnere die Sanddünen der Namib aus.
Am Nachmittag setzen wir uns am Swimmingpool in die Sonne und lesen ein wenig. Das ist bislang wirklich zu kurz gekommen. Aber sobald die Sonne verschwunden ist, wird es lausig kalt. R. genießt ein heißes Bad und ich mein Pfeifchen bei einem Sundowner.
Unser Abendessen nehmen wir außerhalb des Hotels in einem anderen Restaurant ein. Wir essen gut und kommen anschließend mit dem Besitzer der Kneipe ins Gespräch. Er berichtet von den Schwierigkeiten der Einwohner von Lüderitz, die von der Außenwelt fast abgeschnitten und nur über eine einzige Straße erreichbar sind. Sie leben beinahe ausschließlich vom Nostalgietourismus und ein wenig vom Fischfang. Der Typ wird uns dann aber zu aufdringlich, so daß wir uns bald verabschieden und nach einem kleinen Bummel ins Hotel zurückkehren. Insgesamt der bisher schönste Tag in Namibia!
Sonntag, 2. 6. 1996
Jetzt geht es in die Namib... Wir starten um 7:30 Uhr wieder in Richtung Aus. Unterwegs merken wir erst, was uns vorgestern durch die schlechte Sicht und den Regen alles entgangen ist. Am Anfang der Strecke dominieren riesige Sanddünen die Umgebung, der starke Südwind treibt den Sand über die Fahrbahn und schichtet ihn zu gefährlichen Sandverwehungen auf. Die Dünen werden allmählich abgelöst von großartigen Gebirgs- und Felsformationen, die dunkel von den weitläufigen hellsandigen Flächen der Namib abstechen. Vereinzelt tauchen in der Ferne auf der gleißenden Ebene dunkle Punkte auf - Strauße! Und dann sehen wir auch unsere erste Oryxantilope. Einsam, den Kopf nach unten gebeugt, trottet sie auf ein fernes, für uns nicht erkennbares Ziel zu. Wie können so hoch entwickelte Lebewesen in einer derartig feindlichen Umwelt überleben?
Kurz vor Aus ist das Gelände wieder eingezäunt, untrügliches Zeichen für Farmland, hier muß es also mehr Wasser geben. Danach hat die Herrlichkeit mit Teerstraßen erst einmal ein Ende, ab jetzt gibt es nur noch Gravel, Sand, Kies, Schotter, Steine und somit kilometerlange Staubfahnen hinter unserem Fahrzeug. Wir fahren am Ostrand der Namib mit herrlich rot und ockergefärbten Dünen entlang, zu unserer Rechten ein von etwas Weideland unterbrochener skuriler Bergzug. Wiederholt bewundern wir majestätische Strauße, die mit hoch erhobenen langen Hälsen empört davonstieben, wenn wir uns nähern. Etliche Schakale und Oryxe kreuzen unseren Weg, und als Krönung entdecken wir nur wenige Meter von der Pad entfernt die so seltene Namtibralle, die aussschließlich hier in der Dürreregion Südnamibias vorkommt. Perfekt getarnt, fast unsichtbar, steht sie bewegungslos auf einer kiesigsandigen Fläche und stellt sich tot. Atemlos beobachten wir eines der letzten Exemplare dieser Spezies, wir wagen nicht einmal zu photographieren, aus Angst, daß die Ralle davonfliegt. Nach etwa gefühlten zwei Stunden kann R. sich dann jedoch nicht mehr beherrschen, sie räuspert sich. Die Nambtibralle flattert erschrocken auf - ein herrlicher Anblick, schmutziggraubraungelbes Gefieder, ein wenig gepunktet, aber das können auch durch die Sonne verursachte Lichtreflexe sein, eher klein und unscheinbar, im Fluge unbeholfen und tolpatschig. Sie gesellt sich in fünfzig Meter Entfernung zu Hunderten ihrer Kameraden. Vielleicht war es ja doch nur so etwas ähnliches wie ein Rebhuhn oder eine Wachtel...
Die Namtib - Farm, auf der wir eigentlich übernachten wollen und die verschiedentlich lobend erwähnt wird, ist leider geschlossen. Als Alternative bietet sich die Sinclair Gästefarm an. Wir sind positiv überrascht: das Ehepaar Hoffmann hat hier eine Oase in der Wüste geschaffen. Orangen, Zitronen, Pampelmusen, Granatäpfel, Wein, Gemüse und jede Menge Blumen gedeihen rund um das Farmgebäude und den Gästetrakt. Zusätzlich, und natürlich vor allen Dingen auch als Attraktion für die Touristen, halten sie Pfauen, anderes Federvieh wie seltene Gänse und Hühner, etliche Hunde und einen kleinen Affen.
Der lebt zwar in einem Käfig, kann sich jedoch mit einer dünnen Kette um den Hals durch ein Loch im Maschendraht um einige Meter daraus entfernen. Und er hat einen geduldigen Spielkameraden gefunden: einen jungen Hütehund, der, so hat es für uns den Anschein, ihm für allerlei Schabernack zur Verfügung steht. Der wird gezwickt und gezwackt, ins Ohr und ins Bein und sonstwohin gebissen, und wenn der Hund sich dann ein wenig wehrt und es für den Affen gefährlich wird, ist er wie der Blitz durch das Loch im Käfig verschwunden und feixt. Aber nur für kurze Zeit, dann wiederholt sich das Spiel.
Rechtzeitig vor Sonnenuntergang starten wir zu einer alten Kupfermine, die sich auf dem Farmgelände befindet. Gegen die tiefstehende Sonne kann ich kaum die Fahrspur erkennen, zudem ist das letzte Stück ziemlich steinig, steil und holperig. Als wir aussteigen, entdeckt R., daß wir wieder einen Platten haben, abermals der linke Hinterreifen. Ich schnappe mir fluchend die Luftpumpe und wuchte soviel Luft in den Reifen, daß wir den Rückweg zur Farm schaffen. Das kann ja noch heiter werden...
Beim Abendessen, richtig deutsche Hausmannskost, wenn man einmal von der geschmorten Kuduzunge absieht, erzähle ich von unserem erneuten Mißgeschick. Herr Hoffmann verspricht für den nächsten Morgen Hilfe. Die beiden berichten beim Essen eindringlich über die Schwierigkeiten des Farmlebens im Süden Namibias: der nächste Nachbar wohnt 30 Kilometer entfernt, die Post wird einmal in der Woche aus dem 50 Kilometer weit gelegenen Helmeringhausen geholt, über den seltenen und zudem sehr unregelmäßigen Regen in dieser Region, daß ein Quadratkilometer Farmland gerade ein Rind ernährt, über die handwerklichen Fähigkeiten, die ein Dürrefarmer benötigt, Probleme mit den Farmarbeitern und Dienstboten usw. usw. Mir kommen jetzt schon erhebliche Zweifel, ob mein Plan (Utopie!!), eine Gästefarm in Namibia zu führen und zu bewirtschaften, bei meinen beiden linken Händen das Richtige für mich ist; von dem Klima einmal ganz abgesehen.
Nachtrag
Hier noch einige Fotos aus dem Jahr 2000 auf der Strecke von Aus nach Sesriem.
Teil 708. Aug. 2013
Montag, 3. 6. 1996
Schon um sieben Uhr bin ich mit einem Angestellten von Hoffmanns zur erneuten Reifenreparatur verabredet. Diesmal sehe ich mir alles ganz genau an, denn wenn uns ein derartiges Malheur noch einmal passieren sollte, will ich nicht mehr ganz so blöd dastehen wie bisher. Anschließend fahren wir in Richtung Sesriem, immer noch östlich am Namib - Naukluft Park entlang, und wieder kreuzen Oryxantilopen, Springböcke, Schakale und Löffelhunde unseren Weg. Die letzten 100 Kilometer vor Sesriem wird die Strecke sehr rauh, sie führt teilweise durch schroffe Berge, Gegenden, die wie Mondlandschaften anmuten. Direkt vor unserem heutigen Zielort ist die Pad derart von Sand verweht, daß ich das erste Mal den Vierradantrieb einlegen muß. Es macht richtig Spaß, sich da durchzuwühlen. Vor dem Office in Sesriem (hier haben wir die einzigen Übernachtungen auf dem Stellplatz vorgebucht, weil nur eine begrenzte Anzahl zur Verfügung steht), treffen wir erneut die jungen Leute vom Köcherbaumwald und aus Lüderitz. Natürlich wieder ein lautes „Hallo“ und jede Menge zu erzählen.
Am Nachmittag bereiten wir uns auf unsere erste Nacht im Zelt und unser erstes warmes Outdoorabendessen vor. Sämtliche Kisten und Schüsseln, Stühle, Tisch und anderes Zubehör werden abgeladen, Kocher- und Lampenaufsatz ausprobiert, Holz für das Lagerfeuer und Bier zum Löschen besorgt. Das Zelt aufzubauen dauert tatsächlich nur zwei Minuten, die Technik funktioniert hervorragend. Nachdem wir bisher soviel Fleisch gegessen haben, freuen wir uns auf Pasta. Es gibt Spaghetti mit Tomatensauce, natürlich mit viel Zwiebeln und Knoblauch. Daß wir anschließend im Zelt auf kleinster Fläche und wenigen Kubikmetern Raum die ganze, lange Nacht gemeinsam verbringen müssen, haben wir bei der Zusammenstellung des Menus natürlich nicht bedacht... Eine ganz neue Erfahrung für mich ist, das Essen lediglich mit einer Kochflamme im spärlichen Licht einer Taschenlampe zuzubereiten. Die andere Gasflasche mit dem Lichtaufsatz benötigt nämlich R., die anhand ihrer Unterlagen die Detailplanung für den nächsten Tag vornimmt.
Das Kochen dauert zwar ein wenig länger als in meiner funktionell eingerichteteten Küche zu Hause, aber schließlich ist es soweit: nur noch die Spaghetti „al dente“ sind abzugießen. Dazu benötige ich Hilfestellung: R. muß das Sieb halten. Dabei wird meine kleine Hilfskraft von der Wucht des Wassergusses und dem Gewicht der Teigwaren derartig überrascht, daß die Hälfte der so mühsam gekochten Spaghetti im Wüstensand landet. Na ja, ein spätes Festfressen für die Schakale, die nachts das Lager besuchen, und ich muß sowieso abnehmen...
Später sitzen wir mit einem Bierchen am flackernden Lagerfeuer und bewundern den trotz strahlenden Vollmonds prächtigen Sternenhimmel, lassen die Ereignisse der ersten Woche Revue passieren und erfreuen uns an der auch nachts herrlichen Kulisse der dunklen Berge mit den davorliegenden hellen Sandflächen. Es herrscht vollkommene Ruhe, die für uns Zivilisationsmenschen schon fast beängstigend ist. Für namibianische Winterverhältnisse ist es erstaunlich mild, erst relativ spät schlüpfen wir in unsere Schlafsäcke und verschließen das Zelt für den Rest der Welt - nur ein kleines Fensterchen muß wegen der Zwiebeln und des Knoblauchs geöffnet bleiben...
Dienstag, 4. 6. 1996
R. schafft vollkommen nahtlos - ich hatte es auch gar nicht anders erwartet - den Übergang vom Kramnachmittag in den Krammorgen. Aber das ist eben der Nachteil bei einem Dachzelt: man muß alles wieder einpacken und verstauen, zusammenklappen und verzurren, absichern und verschließen. Wir starten jedoch rechtzeitig vor Sonnenaufgang und nehmen die 60 Kilometer bis zum Sossusvlei unter die Räder.
Die Sonne wirft ihre ersten Strahlen über die dunklen Berggipfel, die helleren Dünen und die ebene Wüste mit ihrem ockergelben Sand, der teilweise rötlich zu leuchten beginnt - eine atemberaubende Atmosphäre.
An der Düne 41 oder 49 (spielt das überhaupt eine Rolle bei den tausenden von Dünen?) sind wir leider nicht allein, andere sind offenbar auch sehr früh aufgestanden. Sehnsüchtig warten wir darauf, daß die „blöden Touries“ verschwinden, denn wir wollen möglichst ohne irgendwelche störenden Fremdkörper photographieren. Diese Düne ist insofern besonders interessant, weil am Fuße des riesigen Sandberges mitten in der Wüste zwei Bäume wachsen. Offensichtlich reichen ihre Wurzeln an das hier vorhandene Grundwasser heran.
Die letzten fünf Kilometer sind nur für Fahrzeuge mit Vierradantrieb ausgewiesen. Eigentlich wollten wir diese Strecke laufen, aber in Anbetracht der jetzt schon sehr hohen Temperaturen, des tiefen Sandes und des starken Windes entschließe ich mich, doch zu fahren. R. wird ein wenig bleich um die Nase, obwohl ihr Gesicht schon recht anständig gebräunt ist. Und sie wird noch bleicher, als die ersten sehr tiefen Sandridges auftauchen. Und sie wird kreidebleich, als ich zum ersten Mal stecken bleibe, ich bin mit zu wenig Schwung in den Tiefsand gefahren.
Mit Schaukelbewegungen, abwechselnd erster Gang und Rückwärtsgang, befreie ich mich aus dieser mißlichen Lage. Aber schon zwei Kilometer weiter erwischt es mich dann endgültig. Ich sitze derartig fest, daß der Motor abstirbt. Mit Schaukelbewegungen ist da nichts mehr zu machen. Also: aussteigen und freischaufeln. Zusätzlich lasse ich noch Luft aus den Reifen, um eine bessere Traktion zu erreichen. Ich will gerade wieder starten, da taucht hinter uns ein weiteres Fahrzeug auf, offensichtlich ein Profi, denn mit Schwung zieht er rechts an mir vorbei. Er kommt aber auch nur fünf Meter weit, dann sitzt sein Wagen ebenfalls fest. Das kann oder will der Fahrer wohl nicht so ohne weiteres akzeptieren, denn er versucht permanent, mit Vollgas freizukommen. Mit dem Ergebnis, daß das Fahrzeug anschließend bis zu den Achsen im Sand versunken ist. Er steigt aus, mit ihm drei oder vier Fahrgäste, gemeinsam begutachten sie die Situation. Man beschließt: die Touries müssen schieben. Auch ich helfe mit, das Fahrzeug versinkt jedoch immer weiter im Sand, weil der Bengel einfach zuviel Gas gibt. Mit süffisantem Grinsen leihe ich diesem „Profi“ dann unsere Schaufel, und der Junge hat ganz schön zu schippen... R. unterhält sich unterdessen mit seinen Gästen, die berichten, daß ihr Guide ein recht großer Klugscheißer sei. Als er uns feststecken sah, kündigte er an, ihnen und mir zeigen zu wollen, wie solche Passagen zu fahren seien... Diese Episode könnte wirklich unter der Überschrift stehen: „Hochmut kommt vor dem Fall“.
Kurze Zeit später erreichen wir die Pfanne und frühstücken erst einmal ausgiebig. Dann hinauf auf die Dünen. Ist das anstrengend in dem weichen Sand! Immer wieder rutschen wir abwärts, unser Atem pfeift, die letzte Kondition raubt uns der scharfe Gegenwind. Aber die Plackerei lohnt sich, oben erwartet uns ein grandioser Ausblick über das Dünenmeer der Namib und die ausgetrocknete Pfanne. Ein erstes, wirkliches Highlight unserer Tour.
Der Rückweg durch die tiefen Sandridges verläuft ohne Probleme; ich bin schließlich noch lernfähig. Im Camp bauen wir unser Zelt wieder auf und erfreuen uns anschließend an einer ausgiebigen Dusche. Doch als R. von ihrer Säuberungs- und Entsandungsaktion zurückkehrt, traue ich meinen Augen kaum. Ihr Gesicht ist blutig und verschrammt. Was ist passiert? Aufgeregt, fast den Tränen nahe, berichtet sie, daß sie beim Überziehen ihres T - Shirts nach der Dusche ihre Brille - ihre neue Brille im Wert von mehr als tausend Mark - auf der Nase gelassen habe, garantiert das erste Mal und ganz gegen übliche Gewohnheit, und nur, weil es in der Duschkabine keine geeigneten Ablageflächen gegeben habe, sie ist doch sonst, das wüßte ich doch auch, immer so vorsichtig, und daß diese Brille, bevor sie zu Boden fiel und der Bügel sich verkrümmte, ihr das Gesichtchen blutig gekratzt habe und wie man überhaupt solche Brillen konstruieren könne... Es gelingt mir, sie mit dem Hinweis auf ihre Ersatzbrille zu trösten, die sie in weiser Voraussicht bewußt in einem Hartschalenetui mitgenommen hat. Aber insgeheim feixe ich doch ein wenig, daß ausgerechnet meiner übervorsichtigen Frau so etwas passiert.
Der Nachmittag ist der Regeneration gewidmet. Wir lesen endlich wieder einmal einige Seiten, planen die Touren für die nächsten Tage und genießen die herrliche Umgebung. Am späteren Nachmittag treffe ich bereits einige Vorbereitungen für die Zubereitung unseres heutigen Abendessens. Obwohl ich gerade geduscht habe, umschwirren mich dabei belästigend etliche Fliegen. Mit wedelnden Handbewegungen versuche ich, die Plagegeister zu verscheuchen. Dabei bemerke ich ein Paar mittleren Alters, das mir aus etwa zehn Meter Entfernung zuwinkt. Freundliche Leute, denke ich. Sie kommen näher und wir begrüßen uns. Es stellt sich heraus, daß sie mein Fliegenwedeln ebenfalls als Winken gedeutet haben... Sie berichten, sie seien aus Südafrika, aus der Nähe von Hermanus, und daß sie mich und meinen kleinen S o h n schon in Lüderitz auf dem Zeltplatz gesehen hätten. Das mit dem Datum stimmt, aber das ich mit irgendeinem Bengel auf dem Campingplatz gewesen bin, streite ich strikt ab. Sie beharren jedoch auf ihrer Aussage und deuten dabei auf R., die sich in ca. zwanzig Meter Entfernung aufhält. Ein offensichtlicher Irrtum, den ich natürlich sofort korrigiere. Meine Gesprächspartner bleiben skeptisch. Doch ich versichere hoch und heilig, daß es sich wirklich um eine, nämlich um meine Frau handelt und nicht um meinen S o h n , daß man im äußersten Notfall auch den Beweis dafür antreten könne - irgendwie werde ich R. schon überreden können, es geht ja schließlich um ihre Reputation. Ihre Friseuse aus unserem Heimatort in Deutschland hat es mit der Kurzhaarfrisur eben doch etwas übertrieben! Schließlich gelingt es mir mühselig, die beiden zu überzeugen, daß sie einer Fehleinschätzung aufgesessen sind. Wir unterhalten uns zu dritt noch eine Weile, ich erzähle, daß wir Südafrika 1994 bereist hätten und daß es uns in Hermanus besonders gut gefallen habe.
Schließlich brenne ich darauf, meinem lieben, kleinen Söhnchen diese unglaubliche Geschichte zu erzählen und natürlich darauf, sie ordentlich durch den Kakao ziehen zu können. Ich benötige nur noch einen mehr oder weniger eleganten Ausstieg, um das Gespräch mit den beiden Südafrikanern zu beenden. Meine Bemerkung „Nun ist es aber Zeit für einen Sundowner“ wird von ihnen jedoch als Einladung aufgefaßt, und sie folgen mir auf unseren Stellplatz. So hatte ich das nicht gemeint, aber vielleicht ist mein Englisch doch nicht so perfekt. Notgedrungen muß ich meine eiserne Reserve von einem Sixpack Bier anbrechen und anbieten. Ich berichte R. von dem „Irrtum“. Erfreulicherweise nimmt sie die ganze Geschichte mit viel Humor, unser gemeinsames Gelächter ist so laut, daß andere Campbewohner etwas pikiert zu uns herüberschauen. Wir ratschen noch ein wenig, und ich wundere mich, wie selbstbewußt und gut R. sich englisch unterhält. Es endet schließlich damit, daß wir von den beiden Südafrikanern zu einem typischen Braaiessen eingeladen werden.
Beim Essen sind wir zu sechst, ein weiteres, junges Paar aus der Nähe von Kapstadt ist ebenfalls dabei. Der Mann sieht ein wenig aus wie Götz George, Rambotyp, Jagdbogenschütze und auf dem Wege zu einer Jagdfarm, um mit Pfeil und Bogen einen Kudu zu erlegen. Das Essen ist vorzüglich, wir unterhalten uns blendend, wenn auch ein wenig stockend, denn alles muß ins Englische transferiert werden, bei uns aus dem Deutschen und bei den Südafrikanern aus dem Afrikaans. Man versucht vehement, aber erfolglos, uns eine Farm zu verkaufen (alle Deutschen sind doch so reich), wir erhalten eine Einladung, wieder einmal Hermanus zu besuchen, und versprechen, nach unserer Rückkehr nach Deutschland zu schreiben. Erst relativ spät schnappe ich meinen kleinen S o h n, denn für ihn wird es höchste Zeit, schlafen zu gehen...
Nachtrag
Diese beiden Bilder sind in 2000 aufgenommen. Damals stand Wasser in der Pfanne!
Mittwoch, 5. 6. 1996
Es wird doch acht Uhr, bis wir unsere Siebensachen zusammengepackt haben und Richtung Swakopmund starten können. Der erste Teil der Fahrt führt noch einmal durch eindrucksvolle Berg- und Dünenformationen des Naukluftgebirges mit ihren faszinierenden Farbspielen. Hinter Solitaire lesen wir einen Schwarzen auf, der sich mühsam auf ein winzigkleines, freies Plätzchen auf der Rückbank zwängt. Er ist allein bei sengender Sonne in endloser Weite unterwegs und will anfangs nur bis auf die nächste Bergkuppe mitgenommen werden. Aber er rührt und rührt sich nicht, und ich fahre und fahre, und erst nach mindestens zwanzig Kilometern gibt er ein Zeichen, daß er offensichtlich am Ziel seiner Wünsche angekommen ist. In einem Talgrund an einem der sehr seltenen Schattenplätze warten schon etliche Kumpel mit einem Pickup auf ihn. Ob die auch so lange gewartet hätten, wenn er den ganzen Weg zu Fuß hätte zurücklegen müssen? Erst im Nachhinein kommt uns zum Bewußtsein, daß unser Verhalten ganz schön leichtsinnig war: wie leicht hätte das ein Hinterhalt sein können...
Kurz darauf erklimmen wir den Kuiseb Pass und durchqueren den gleichnamigen Canyon. Danach wird’s langsam happig, die Pad wird schlecht und schlechter, die Sonne gleißt, der fast weiße Sand und Kies, aus dem die Fahrbahn und die ganze Umgebung besteht, reflektiert dieses unangenehme Licht, der allgegenwärtige Staub tut ein übriges, um die Augen zu reizen und Kopfschmerzen zu verursachen. Zudem zwingt mich ein starker Seitenwind zu vorsichtiger Fahrt. So sehr hat mich auf dieser Reise noch keine Tour angestrengt. Auch R. spürt die Auswirkungen, aber bei ihr sind offenbar nicht nur die Augen gereizt. Sie fühlt sich kurz vor Erreichen von Swakopmund durch meine Bemerkung provoziert, daß sie heute für die Quartiersuche zuständig sei und nachmittags verabredungsgemäß mit Fa. A. telefonieren müsse. Sie wird richtig stinkig und unterstellt mir, daß ich sie damit ärgern wolle. Ich und jemanden ärgern, unfaßbar! Oder doch nicht so ganz? Wir legen diesen Streit schnell bei, R. bucht unser Hotelzimmer, und ich telefoniere mit Fa. A.. Beim Ausladen bemerke ich, daß meine Pfeifentasche fehlt. Wir stellen den ganzen Wagen auf den Kopf, sie bleibt verschwunden. Als einzig plausible Erklärung fällt uns ein, daß diese blöde Tasche mit drei meiner Lieblingspfeifen, zwei davon Geschenke von meiner Tochter, und auch noch der „gute“ Pfeifenstopfer von R., den ich bislang so „geschont“ habe, bei einer unserer kurzen Pausen von der Rückbank in den Sand gefallen ist. Meine Holde nimmt’s aber sehr gelassen, vielleicht ist sie auch ein wenig froh, daß es jetzt praktisch pari steht, so mit Brille und Pfeifentasche. Von nun an müssen wir jedoch ein wenig vorsichtiger sein, sonst wird es ein sehr teurer Urlaub, es ist erst eine Woche herum, und vier Wochen liegen noch vor uns.
Swakopmund, eine etwas größere Ausgabe von Lüderitz, könnte auch eine Kleinstadt in Deutschland sein. Wir bummeln durch die „Kaiser-Wilhelm-Straße“, sehen uns die Auslagen in der „Adlerapotheke“ an und informieren uns, welche Speisen in der „Krone“ und im „Grünen Kranz“ angeboten werden. Vom Landungssteg aus beobachten wir eine Robbe, die sich mit einem riesigen toten Fisch abmüht. Um Stücke herausreißen und fressen zu können, wirbelt sie den Riesenfisch unermüdlich mit erstaunlicher Kraft durch die Luft und klatscht ihn anschließend auf das Wasser. Auch bei uns macht sich jetzt ein kleiner Hunger bemerkbar. Mir fällt ein, daß ich in der Stadt ein Schild mit der Aufschrift „Bratwurstbude“ gesehen habe. Also, nichts wie hin! Einen guten Riecher muß der Mensch haben, selten haben wir bisher eine so gute Thüringer Bratwurst gegessen, und mit dieser Aussage meine ich Deutschland und nicht Namibia. Wie deutsch geprägt Swakopmund tatsächlich noch ist, beweist sich später am Abend. Nach dem Essen rauche ich in einer Kneipe ein Pfeifchen (ich habe Gottseidank noch vier weitere dabei) und trinke ein Bier. Dabei kann ich bei einigen Südwestlern, so nennen sich die Deutschstämmigen hier selbst, beim Skat kiebitzen. Dafür muß man nun um die halbe Welt fliegen...
Teil 810. Aug. 2013
Donnerstag, 6. 6. 1996
Trotz des geruhsamen Nachmittags am gestrigen Tag haben wir uns von den Strapazen der ersten Woche noch nicht vollständig erholt, so daß wir relativ lange schlafen, in Ruhe frühstücken und anschließend unsere Vorräte ergänzen. Während R. wieder einmal zeitaufwendig (nicht ihre Schuld!) Geld tauscht, suche ich die Post und werfe die pflichtschuldigst geschriebenen Ansichtskarten in den Briefkasten.
Unser heutiges Ziel ist die Ameib-Ranch. Unterwegs verzichten wir darauf, ganz nahe an die Spitzkoppe heranzufahren und bewundern das „Matterhorn Namibias“ nur aus der Ferne. Die Ranch erreichen wir nach relativ kurzer Fahrt von ca. 180 Kilometern und bekommen problemlos ein sehr geräumiges Zimmer. Nachmittags wandern wir zur Philips - Cave, einer Höhle mit Buschmannzeichnungen. Besonders eindrucksvoll ist eine Zeichnung, die einen weißen Elefanten darstellt, aber auch die Abbildungen der Strauße, Antilopen und der beutetragenden Jäger sind absolut naturalistisch ausgeführt.
Obwohl die Wanderung nur wenig mehr als eine Stunde dauert, bekommen wir einen realistischen Eindruck davon, was es heißt, sich bei diesen Temperaturen extrem zu bewegen - der Schweiß fließt in Strömen. Im Anschluß an die Wanderung besichtigen wir noch die skurilen Felsformationen und „Wackelsteine“ bei „the Bull Parties“ sowie beim „Elefantenkopf“, bevor wir auf die Ranch zurückkehren.
Hier erwarten uns weitere Attraktionen: auf der Farm gibt es Elefanten (da sind wir nach 17 Jahren doch etwas unsicher, ob es die damals dort tatsächlich gab – zumindest haben wir keine gesehen!!) Schakale, Warzenschweine, Kudus, Geparde, jede Menge Federvieh sowie Affen. All diese Tiere (s. o. Elefanten ??) werden in Käfigen oder Gehegen gehalten. Auf die Affen, besonders auf einen von ihnen, muß ich unbedingt noch einmal zurückkommen, und zwar „natürlich“ in Verbindung mit R.. Sie will partout einmal jemandem auf der Ebene von einhundertsechsundfünfzig Zentimetern in die Augen sehen und bewegt sich dicht auf den Affenkäfig zu. Dabei unterschätzt sie offensichtlich die Reichweite der Arme des großen Affenmannes, der schon mit gierigen, weit aufgerissenen Augen auf sie und den richtigen Augenblick wartet. Als R. sich auch noch etwas herunter- und vorbeugt, schaut er nicht etwa in ihren ohnehin nicht sehr offenherzigen Ausschnitt, sondern greift blitzschnell mit seiner linken Hand durch das Käfiggitter und verkrallt sich in ihrem Kurzhaarschopf, in den er sich offenbar verliebt hat. Ich stehe zwei, drei Meter entfernt und weiß nicht, was ich tun soll, eingreifen, um sie aus dieses mißlichen Lage zu befreien, oder mich erst einmal vor Lachen ausschütteln. Aber geistesgegenwärtig, bevor sie von dem Affen vollends skalpiert wird, ergreift R. entschlossen die Initiative und entwindet sich dem schmerzhaften Zugriff. Mit mir beobachten zwei Farmarbeiter die Szene, und nachdem die Gefahr vorbei ist, feixen sie über ihre breiten, schwarzen Gesichter, dabei ihre spitzen, zugefeilten Zähne zeigend. Meine Frau beweist abermals Humor, denn nachdem sie ihren Schrecken überwunden hat, stimmt sie in das allgemeine Gelächter ein.
Nach einem opulentem Abendessen in der Boma der Ranch lassen wir den Abend mit einer guten Flasche Wein ausklingen, den wir auf einer Bank vor unserem Zimmer genießen. Dabei bewundern wir einmal mehr den phantastischen Sternenhimmel, der sich über uns wölbt.
Freitag, 7. 6. 1996
Entgegen unserer ursprünglichen Absicht fahren wir heute schon in den Etosha National Park, weil wir befürchten, daß wir mit unserem Bargeld oder unseren bargleichen Mitteln etwas knapp werden könnten. In den staatlichen Restcamps in Namibia kann man nämlich mit Kreditkarte zahlen! Zudem erhoffen wir uns einige etwas geruhsamere Tage, denn die Zeit bisher hat doch ganz schön geschlaucht. Nach 400 Kilometern erreichen wir Okaukuejo, das erste Camp in der Etosha-Pan. Leider ist kein Rondaveel mit Kochgelegenheit mehr frei, wir nehmen notgedrungen mit einem geräumigen Zimmer vorlieb, das wir aber auch nur für zwei Tage bekommen.
Okaukuejo verfügt, wie alle anderen Camps in der Etosha, über eine beleuchtete Wasserstelle. Hier sehen wir abends Elefanten, Schakale, ein junges Rhino, etliche Antilopen und Zebras und jede Menge Leute... Mit Photoapparaten und Videokameras, mit Bier und Wein und Chips ausgerüstet, lassen sie sich den Wildtierbestand der Etosha wie auf einem Präsentierteller unter Flutlicht servieren. Überall Gelächter und Gekreische, ein ständiges Kommen und Gehen, trubeliger als in einem Großstadtzoo: Volksfestatmosphäre. Für uns steht fest - das ist unsere Sache nicht!
Samstag, 8. 6. 1996
Früh brechen wir zu unserer ersten Pirschfahrt auf. Im Gegensatz zum Krüger Nationalpark in Südafrika sehen wir hier riesige Zebra-, Gnu- und Antilopenherden. An einer Wasserstelle beobachten wir äußerst streitbare Oryxantilopen, die anderen Tierarten den Zugang zum Wasser verwehren. Wir stellen fest, daß Tierbeobachtung hier in der Etosha fast ausschließlich an Wasserstellen möglich ist, der Park ist verkehrsmäßig nicht so „optimal“ erschlossen wie der Krügerpark.
Nach einer ausgedehnten Siesta starten wir nachmittags zu einer weiteren Pirschfahrt, diesmal direkt an der eigentlichen Pfanne entlang. Über zwanzig Giraffen stolzieren erhaben vor dem blendenden Weiß der endlosen Pfanne zu einem Wasserloch, ganz plötzlich galoppieren sie jedoch raumgreifend in die entgegengesetzte Richtung, ohne dabei ihre Anmut zu verlieren. Was sie in Panik versetzt hat, ahnen wir, als wir in etwa 200 Meter Entfernung einen majestätischen, ausgewachsenen männlichen Löwen sehen.
Der liegt jedoch nur träge im Gras und läßt sich die warme Nachmittagssonne auf den Pelz brennen. Schon ist es Zeit, ins Camp zurückzukehren, denn die Nacht kommt schnell in diesen südlichen Breiten, und die Parkranger sind unerbittlich mit Strafen, wenn man erst nach Sonnenuntergang das Camp erreicht.
Vor dem Abendessen bummeln wir zur Wasserstelle. Ein einzelner Vorzeigeelefant dreht und wendet sich photographiergerecht nach allen Seiten im ausdrucksvollen Licht der untergehenden Sonne, dabei Rüsselbewegungen ausführend, die jedem Hobbytierphotographen das Herz im Leibe aufgehen lassen. Ich bitte R., die Gelegenheit zu nutzen und eine Aufnahme zu machen. Sie prüft sehr gewissenhaft das Motiv, wendet sich von links nach rechts, geht vor und zurück, dabei ihrer Nachbarn nicht achtend. Sie tritt abwechselnd auf Füße und gegen Schienbeine, bohrt ihre Ellbogen in Rippen und Weichteile der mehr oder weniger Unbeteiligten und vollführt andere, sehr sonderliche Bewegungen. Dabei bewegt sie sich aber so graziös, daß ich unwillkürlich an eine Art rituellen Tanz denken muß. Übt das dunkle, schwarze Afrika seine Magie aus? Hat so der Tanz um das goldene Kalb (den mächtigen Elefantenbullen) ausgesehen?
Um ernsteren verbalen oder handgreiflichen Auseinandersetzungen mit Verletzungen, Blutvergießen bzw. dem Ausbruch des dritten Weltkrieges vorzubeugen, wage ich es, sie auf ihren Übereifer hinzuweisen und sie um etwas mehr Vorsicht zu bitten. Aber jetzt geht es los: sie brauche ihren künstlerischen Freiraum und keine Bevormundung, die anderen stünden schon seit mindestens, wenn nicht schon länger da, sie hätte die gleichen Rechte und ich keine Ahnung und, und, und..., also kurz, ich werde wie ein Massenmörder, Hochverräter, Kinderschänder, Vergewaltiger, im höchsten Grade Schwachsinniger behandelt. Um ihr Zeit und Gelegenheit zu geben, etwas abzukühlen, gehe ich schon vor und beginne mit der Zubereitung des Abendessens, wieder auf dem Campingkocher, denn wir haben ja keine Kochgelegenheit im Zimmer. Das Essen paßt dann so richtig zu der Stimmung: die Spaghetti sind zwar diesmal ausreichend, dafür aber matschig - glitschig, die Tomatensauce ist nicht besonders gut gelungen, die Mücken sind aufdringlich und der richtige Bierdurst will sich sich auch nicht einstellen. Später verlasse ich noch einmal kurz das Zimmer, um zum Auto zu gehen, dabei bleibt die Moskitoschutztür zwangsläufig etwa zwei Sekunden geöffnet, weil ich erstens selbst durchgehen muß und zweitens fürsorglich nachfrage, ob ich etwas mitbringen soll oder kann. Jetzt kommt zu meinen bisherigen Vergehen auch noch Seuchenverbreitung! Sehr früh erlischt bei uns das Licht...
Sonntag, 9. 6. 1996
Ein neuer, herrlicher Tag, die Stimmung ist wieder gut, wir freuen uns auf weitere Erlebnisse. Beim Abholen des Permits sagt mir der Parkranger, daß die anderen Camps im Nationalpark ebenfalls ausgebucht seien. Na ja, wir wollen es aber auf jeden Fall in Halali, einem weiteren Camp im Nationalpark, versuchen, notfalls müssen wir zelten.
Unterwegs kommt uns mit einem irrsinnigen Tempo ein Fahrzeug entgegen, eine dichte Staubfahne hinter sich herziehend. Ich fahre wie in eine Nebelwand, bin also gezwungen, meine Geschwindigkeit stark zu reduzieren. Als sich der Nebelstaub lichtet, trauen wir unseren Augen kaum: in nur fünf Meter Entfernung schreiten stolz und von uns vollkommen unbeeindruckt zwei fast ausgewachsene männliche Löwen über die Fahrbahn. Erregt fordere ich R. auf, schnell zu photographieren, da ich ja am Steuer sitze. Aber wir haben schlechte Karten: der Photoapparat ist noch staubsicher in der Tasche verstaut, es müssen zwei Klick-, ein Klett- und drei Reißverschlüsse geöffnet und das Objektiv gewechselt werden, dann ist der große Seitenspiegel des Fahrzeugs im Wege, außerdem steht die Sonne nicht richtig, und zwei Grashalme versperren die optimale Sicht. Die ersten Aufnahmen gelingen erst, als die beiden Löwen schon fast unsichtbar im hohen Gebüsch verschwunden sind. Ich versuche, mit dem Auto die Verfolgung aufzunehmen, aber nach kurzer Zeit muß ich aufgeben, es ist aussichtslos, die beiden Kameraden sind verschwunden. Nur langsam legt sich unsere Aufregung, ist an die Fortsetzung unserer Pirschfahrt zu denken - das waren eben mit Sicherheit keine Photomodelle oder Salonlöwen... An einer Tränke „wartet“ dann jedoch eine große Gnuherde auf uns, sie läßt sich alle Zeit der Welt, und wir können müßig den liebevollen Umgang der Gnumütter mit ihren neugeborenen Kälbern beobachten. Es ist beinahe Mittag, als wir wieder aufbrechen, jetzt pressiert es uns ein wenig, wir haben Hunger, wollen uns nach dem langen Hocken im Auto die Beine vertreten, und außerdem ist die Übernachtungsfrage noch nicht gelöst. Und siehe da, für uns steht ein wunderschöner Bungalow mit zwei Schlafzimmern, zusätzlichem Wohnraum mit integrierter Küche, Dusche, WC, überdachter, schattiger Veranda, Grillplatz vom Feinsten und ausreichend Parkmöglichkeit zur Verfügung. Hier muß man sich einfach wohlfühlen!
Bevor wir uns häuslich einrichten, bummeln wir erst einmal durch das weitläufige Camp. Obwohl wir nur Gummischlappen an den Füßen haben, kämpfen wir uns auch noch trotz brennender Sonne einen recht steilen Aussichtshügel hinauf. Danach haben wir uns eine ausgiebige Siesta wirklich verdient. Um uns verdient macht sich heute nachmittag auch R., sie wäscht in der nahegelegenen Waschküche verschmutzte T-Shirts und Socken aus. Anschließend fahren wir wieder pirschen, die Umgebung von Halali ist sehr viel abwechslungsreicher als im übrigen Park, weil einige Hügel und Kuppen das ansonsten ebene Gelände auflockern. Als Highlight erleben wir eine riesige Elefantenherde, ca. 30 Tiere mit vielen Kleintieren dabei, die sich an einer Wasserstelle vergnügt. Obwohl die grauen Riesen eigentlich keine natürlichen Feinde haben, werden einige Halbwüchsige als Wächter abgestellt, die das Geschehen genauestens beobachten und lästige Störenfriede, wie beispielsweise Gazellen, nachdrücklich vertreiben.
Abends bereiten wir ein Braai zu: Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten, Zucchini werden mit wenig Wasser in den schweren, gußeisernen Topf gegeben, der in das Grillfeuer gestellt wird. Ab und zu ein wenig Wasser nachgießen, mehr ist vorerst nicht zu tun. Also viel Muße, dabei genüßlich ein Bierchen zu schlürfen. Anschließend nur noch die Steaks auf den Grill legen, und schon erwartet uns ein köstliches Mahl. Dazu lassen wir uns einen guten südafrikanischen Rotwein munden. Die Säuberung des Braaitopfes, der von außen vollkommen verrußt ist, bereitet allerdings erhebliche Mühe. Morgen muß unbedingt eine Bürste her, vor allen Dingen für die Hände...
Ach ja, mein Athroseknie macht sich unangenehm bemerkbar, ich kann kaum noch auftreten. Die wahrscheinliche Ursache ist, daß ich mit stark angewinkeltem rechten Bein fahren bzw. Gas geben muß, weil sich die durchgehende Sitzbank beim Toyota nicht weiter nach hinten verstellen läßt. Ich hoffe inständig, daß sich die Beschwerden bald legen, denn wir haben noch einige tausend Kilometer vor uns. Und R. reicht mit ihren doch recht kurzen Beinen kaum an die Bedienungspedale heran.
Montag, 10. 6. 1996
Morgens fahren wir in die Etosha-Pfanne hinein. Einfach unvorstellbar, dieses weite, weiße, gleißende Nichts. Als wir mit dem Fernglas den Horizont absuchen, entdecken wir einige dunkle Punkte; erst nach geraumer Zeit können wir sie als Strauße identifizieren, die im Gänse- oder Straußenmarsch auf den Rand der Pfanne zumarschieren. Zwei scheue Dik - Diks, kaum größer als ausgewachsene Hasen, suchen schleunigst das Weite, als wir uns nähern. Doch schon bald schmerzen uns die Augen von dem anstrengendem Suchen nach Tieren, der gleißenden Sonne mit von dem hellen Boden refektierenden Licht und dem allgegenwärtigen Staub. Wir brechen unsere Pirschfahrt früh ab, kehren ins Camp zurück und pflegen der Ruhe.
Allzuschnelle Wiederholungen empfehlen sich nicht! Wir wiederholen die gestrige Speisefolge und essen noch einmal Braai und Steak. Es ist jedoch nicht zu übersehen, daß R. mit „langen Zähnen“ kaut. Aber auch mir schmeckt es bei weitem nicht so gut wie gestern.
Dienstag, 11. 6. 1996
Hervorragend erholt gehören wir zu den ersten Fahrzeugen, die frühmorgens das Camp verlassen. Es wird der Vormittag der Herden: Unvorstellbar, wieviele Zebras, Gnus, Kudus, Perdeantilopen, Oryxe, Springböcke, Schwarznasenimpalas, Strauße, Elefanten, Giraffen und andere, von uns nicht zu identifizierende Antilopen die diversen Wasserstellen bevölkern. Als ob sie sich verabredet hätten, uns zu Ehren zur Parade aufzumarschieren.
Elefanten bei Goas
Auf dem Rückweg erspäht R. einen Singhabicht, der wie auf einem Präsentierteller recht nahe auf einem toten Ast sitzt. Aber von wegen Singhabicht: er ist und bleibt stumm wie ein Fisch.
Dankbar nehme ich zur Kenntnis, daß sich R. am Nachmittag der „großen Wäsche“ widmet. Dafür säubere ich den Wagen, es ist dringend erforderlich, denn ich befördere ganze Kehrschaufelladungen Sand und Staub von der Ladefläche. Nach Sonnenuntergang setzen wir uns an die beleuchtete Wasserstelle. Hier herrscht eine ganz andere Atmosphäre als in Okaukuejo, es geht beschaulich zu, alle sind mucksmäuschenstill und ausschließlich damit beschäftigt, die trinkenden Tiere zu beobachten.
Unsere Geduld wird belohnt: wir sind schon fast im Aufbruch begriffen, als plötzlich lautlos ein dickes, ausgewachsenes Rhino auftaucht. Sofort beginnt es, in langen Zügen durstig zu trinken. Wieviel Verständnis habe ich doch für dieses Rhino, wenn ich auch ungern die brackige Brühe aus diesem Tümpel zu mir nehmen möchte - vielmehr stelle ich mir einen Biersee vor...
Mittwoch, 12. 6. 1996
Uns gefällt es in Halali so gut, daß wir weitere zwei Übernachtungen buchen. Damit ersparen wir uns auch, innerhalb des Parks noch einmal umzuziehen. Um trotzdem den Park in seiner gesamten Größe, Schön- und Wildheit kennenzulernen, starten wir heute zu einer ganztägigen Pirschfahrt. Schon nach 13 Kilometern sehen wir, daß auf der linken Straßenseite etliche Fahrzeuge parken. Wir halten ebenfalls und entdecken sechs Löwinnen in ca. 50 Metern Entfernung. Aber sie sind träge, offensichtlich vollgefressen, und es passiert schier garnichts. Also fahren wir weiter, Richtung Namutoni. Unterwegs das schon fast übliche Bild: Antilopen, Gnus, Zebras, Springböcke usw. an den Tränken und weidend auf den Savannen. Raubvögel sitzen auf abgestorbenen Bäumen oder ziehen hoch oben in der Luft ihre Kreise und spähen nach Beute, ein Mungo überquert zielstrebig die Staubstraße und verschwindet eiligst im hohen Gras, Giraffen zupfen aus hohen Bäumen schmackhafte Blätter, und Erdmännchen tauchen in ihre verzweigten Höhlenbauten, wenn Gefahr im Verzuge ist. In der Nähe von Namutoni machen uns Touristen aus Zimbabwe auf zwei weitere Löwen aufmerksam, die aber relativ weit entfernt und von dichtem Gestrüpp verborgen sind.
Wasserloch in Halali
Nach einem kleinen Lunch im Camp besuchen wir noch einmal das Wasserloch Kalkheuwel, an dem jetzt eine große Elefantenherde die übrige Tierwelt nachhaltig verärgert: sie beschlagnahmt die Tränke einfach für sich und läßt niemanden auch nur in die Nähe kommen. Unzählige Zebras, Antilopen, Giraffen, Warzenschweine, Gnus, Oryx, Springböcke und Perlhühner wieseln und quirlen ständig ungeduldig durcheinander, dabei immer wieder Staubwölkchen aufwirbelnd. Die Zebras scheinen besonders agressiv und durstig zu sein, denn unter ihnen bricht ständig Streit aus. Sie bellen, ja wirklich, sie bellen fast wie Hunde, schlagen ärgerlich und aufgeregt mit den Hinterhufen nach potentiellen Rivalen aus und verjagen sich gegenseitig aus strategisch günstigen Positionen. Soviel Action haben wir noch an keiner anderen Wasserstelle gesehen. Die Fahrt führt weiter an der Pfanne entlang.
Auf einem etwa einhundert Meter entfernten Hügel bemerke ich während des Fahrens aus den Augenwinkeln auf einmal Bewegung. Sollten das Geparden sein. R. schaut durch das Fernglas und schüttelt sich anschließend vor Lachen aus: es war nur irgendwelches Federvieh. Und ich muß mir auch noch Flachsereien wie „Fluggeparde“ und ähnliches mehr anhören...Kurze Zeit später sichtet R. weitere Elefanten, die mit Futtersuche beschäftigt sind. Sie reißen sogar dicke Äste von den Bäumen und entlauben sie. Ich unterstelle, quasi als Retourkutsche zu den „fliegenden Geparden“, daß sie die Dickhäuter nur erkannt hat, weil sie in Größe und Farbe nicht ganz vollreifen Erdbeeren.entsprechen... Auf dem Rückweg besuchen wir noch einmal „unsere“ Löwinnen vom frühen Morgen; zumindest zwei von ihnen sind immer noch an Ort und Stelle. Sie waren wohl so satt, daß sie den ganzen heißen Tag im Schatten eines Gebüschs verdöst haben.
Kurz nach fünf Uhr sind wir wieder im Camp. Ich schwöre: das erste Bier hat meinen Magen nicht erreicht, das ist auf dem Wege dahin verdunstet! Unsere Stimmung ist blendend, vor allen Dingen auch, weil meine Kniebeschwerden fast vollständig verschwunden sind. Ich habe für meinen rechten Fuß eine Ablagemöglichkeit a u f dem Gaspedal gefunden, Gas geben muß ich allerdings mit dem Hacken, aber das ist nur ein wenig gewöhnungsbedürftig. Wichtig ist, daß das Bein weit ausgestreckt bleiben kann.
Zum Abschluß von Halali, so meinen wir heute, zwinkern uns abends an dem Wasserloch ein Mamarhino und ein Babyrhino aus ihren kleinen Äuglein zu, und als Zugabe winken sie zum Abschied mit ihren kurzen Stummelschwänzchen. Speziell für R. erscheinen dann noch zwei Fleckenhyänen, knicken beim Saufen ihre überproportional langen Vorderläufe ein und machen so artig vor ihr einen Diener.
Donnerstag, 13. 6. 1996
Gemächlich bummeln wir mit dem Auto Richtung Ostausgang des Etoshaparks. Ob der einsame Geier, der eitle Sekretär und die vielen buntschillernden Gabelracken unsere Wehmut bemerken? Die große Elefantenherde von gestern nachmittag - die bad boys und girls, die die anderen Tiere nicht ans Wasserloch gelassen haben - will uns jedenfalls noch einmal sehen und bewundern, sie promeniert gelassen mit den Rüsseln winkend an uns vorbei. Wir sind sicher: die vielen tausend Tiere, die wir hier in ihrer natürlichen Umgebung erleben durften, werden wir nicht vergessen!
Als Ergänzung noch einige Fotos aus den Folgejahren im Okt./Nov.
Unser heutiger Zielort ist Grootfontein, das Agrarzentrum von Namibia. Nachmittags schlendern wir durch den Ort, ergänzen unsere Vorräte, trinken in einer deutschen Bäckerei „Tchibo“-Kaffee und genehmigen uns dazu ein Stück Kuchen. Hier ergattern wir auch eine relativ neue, deutschsprachige Tageszeitung. Übereinstimmend stellen wir später fest, daß uns die sogenannten Neuigkeiten aus aller Welt piepegal sind. Wir haben sie die letzten zwei Wochen nicht vermißt, obwohl wir zuhause das politische Geschehen immer sehr aufmerksam verfolgen. Den handlichen Weltempfänger, den wir mit auf die Reise genommen haben, fahren wir nur spazieren. Vor dem Essen rauche ich in einer Bar noch ein Pfeifchen. Auf dem Wege dahin fällt mir auf, daß mit Beginn der Dunkelheit vor allen Läden extrem starke Scherengitter angebracht, Türen und Fenster verrammelt und scharfe Hunde in die ohnehin mit Stacheldraht gesicherten Höfe gelassen werden. Auch der Thresen der Bar ist mit einem Scherengitter versehen, das nur zu den reglementierten Öffnungszeiten um etwa einen Meter geöffnet wird. Diese Maßnahme mag wohl wegen der hohen Kriminalitätsrate gerechtfertigt sein, aber in einer Umgebung, wo derartige Sicherheitsvorkehrungen nötig sind, würde ich mich auf Dauer nicht wohlfühlen.
Nach dem Abendessen trinken wir an der Hotelbar als „Absacker“ einen Gin - Tonic. Dabei unterhält sich R. fast fließend mit zwei jungen Schwarzen auf Englisch. Toll! Nur die weiche Aussprache, der fast singende Tonfall der beiden, macht ihr einige kleinere Schwierigkeiten. Aber man kann ja nachfragen.
Teil 912. Aug. 2013
Freitag, 14. 6. 1996
R. mutiert zum Bleichgesicht: ich muß den Wagen aus einer sehr engen, zusätzlich mit anderen Fahrzeugen zugeparkten Hofeinfahrt rückwärts herausbugsieren. Nicht übertrieben schnell, denn es ist wirklich sehr unübersichtlich, aber sicher, kämpfe ich mich frei. Dafür erhalte ich anschließend von ihr ein dickes Lob, denn sie hatte es für unmöglich gehalten, den Wagen auszuparken.
Die heutige Etappe steht unter dem Motto: „Wer ist schon einmal 460 lange Kilometer fast ausschließlich geradeaus gefahren?“ Sollte jemand Interesse haben, wähle er die Strecke von Grootfontein nach Popa Falls! Nach 120 Kilometern passieren wir den Veterinärzaun, der neben seiner ursächlichen Bedeutung Weiß- und Schwarzafrika trennt. Wir erfahren, daß ab hier bis vor kurzer Zeit die „homelands“, die es wie in Südafrika auch in Namibia gab, existierten. Heute dürfen Weiße in dieser Region kein Land erwerben, nur pachten. Links und rechts der Straße liegen malerische kleine Dörfer unter schattenspendenden Bäumen, durch hohe Palisadenzäune gesichert. Für die Rundhütten wird außerhalb größerer Ortschaften ausnahmslos das reichlich zur Verfügung stehende Maisstroh verwendet, die Tiergehege bestehen vorzugsweise aus Dornengebüsch. Alles strahlt Ruhe und Frieden aus, Afrika wie aus dem Bilderbuch.
Die 460 Kilometer ziehen sich mächtig, obwohl die Straße durchgehend asphaltiert ist. Wir sind froh, als wir am frühen Nachmittag Popa Falls erreichen. Das urige Camp liegt direkt am Kavango (das ist der Fluß, der sich nur wenige Kilometer weiter Okavango nennen läßt und das berühmte Delta in Botswana bildet) und besteht nur aus wenigen Hütten sowie einem idyllisch gelegenen Zeltplatz. Wir streifen ein wenig auf ausgewiesenen Wegen am Ufer entlang und erfreuen uns an der üppigen Vegetation, seit langer Zeit einmal wieder G r ü n in Hülle und Fülle. Und fast kein Staub! Die Fälle selbst sind ein klein wenig enttäuschend, kaum richtig einzusehen, sprudeln sie nur über ein paar Steine, das Gefälle ist sehr gering. Aber sie lärmen wie „Große.“
In unserer Hütte hat sich oberhalb von R.s Bett ein „Stinkschwanzlurch“ eingenistet. Ob der das die Nacht über aushält? Denn die Spaghettisauce, es gibt einmal mehr unser Leib- und Magengericht, enthält wieder viel Zwiebeln und Knoblauch... Aber erst einmal schaut er interessiert zu, wie R. ihr Moskitonetz entfaltet und aufhängt. Abends sitzen wir auf der Terrasse, lauschen dem Rauschen der Fälle und dumpfen Eingeborenentrommeln, deren rhythmischer Klang aus der Ferne zu vernehmen ist. R. überrascht mich einmal mehr: sie hat ein „neues“ Kreuz des Südens entdeckt. Soll sie, wir sind ja hier schließlich auch einige hundert Kilometer weiter nördlich... Die Nacht ist unwahrscheinlich kalt, wir tragen Winterschlafanzüge, Socken an den Füßen und zusätzlich ein dickes Vlies für den Oberkörper. Aber auch das ist noch nicht ausreichend, wir frieren immer noch. Da R. sich nicht aus ihrem Moskitonetz befreien kann, bringe ich ihr eine zusätzliche Decke. Kaum sind wir etwas warm geworden und eingenickt, hebt ringsum ein Knistern und Rascheln, ein Zirpen und Murmeln, ein Knacken und Knarren, ein Knirschen und Schnarren an. Der Stinkschwanzlurch hat wahrscheinlich all seine Kumpels aktiviert, damit sie auch einmal eine schöne Nacht haben sollen. Es ist fast unmöglich, wieder einzuschlafen.
Samstag, 15. 6. 1996
Durchgefroren und von all den Geräuschen immer wieder aufgeschreckt, werfen wir uns im Halbschlaf auf unseren Betten hin und her. Aber auch an Dösen und vielleicht noch einmal Einschlummern ist nicht mehr zu denken, als eine heisere Taube direkt über uns ein nicht endenwollendes Gurrkonzert anstimmt. Tauben mögen diese gutturalen Geräusche ja attraktiv finden, aber nach dieser Nacht könnte ich zum Taubenhasser werden. Wenn ich den blöden Vogel zu fassen kriege, zupfe ich ihm bei lebendigem Leibe sämtliche Federn aus. Und wenn er dann nackt und hilflos vor mir liegt, werde ich ihn fesseln, mit einer Zuckerlösung einpinseln und ihn anschließend auf einer Paßstraße der roten, beißwütigen Waldameisen ablegen. Dann kann er so viel um Hilfe gurren, wie er will, ich werde den Ameisen genüßlich bei ihrem Festmahl zusehen. Mein Wunschdenken bleibt jedoch unerfüllt, in dem dichten Astwerk ist das Vieh nicht einmal zu entdecken.
Also gehe ich die zweitbeste Lösung an, braue uns einen heißen Kaffee und sorge dafür, daß wir das Camp so schnell wie möglich, fast fluchtartig, verlassen. So sind wir schon kurz nach sechs Uhr auf dem Trip durch den Caprivi - Strip, ein Relikt aus der Kolonialzeit, fast vierhundert Kilometer lang und teilweise nur 30 Kilometer breit. Da ein Großteil der Güter, die in Namibias einzigem bedeutenden Seehafen Walvis Bay angelandet werden, für das innere Afrika bestimmt ist, wird diese Straße jetzt durchgehend geteert, damit der Transport mit schweren Lastkraftwagen das ganze Jahr hindurch gesichert ist. Während der Regenzeit ist das bisher durchaus nicht gewährleistet, und eine andere funktionierende Landverbindung nach Botswana, Zimbabwe und Zambia gibt es von Westen her nicht. Die ersten etwa 60 Kilometer sind fertiggestellt, von Kongola bis Katima Mulilo gibt es noch einmal ca. 90 Kilometer Asphaltstraße, aber der Rest ist teilweise sehr schwierig zu befahrende Gravel - Pad.
Heute gönnen wir uns die Zambezi - Lodge, direkt am gleichnamigen Fluß gelegen. Überall warnen Hinweisschilder vor Krokodilen, die Echsen lassen sich jedoch nicht blicken. Verstehe ich gut, auch ich habe oft Angst vor R.... Nachmittags fahren wir nach Katima Mulilo, um für die folgenden Tage einzukaufen und die Atmosphäre einer fast ausschließlich von Schwarzen bewohnten Stadt auf uns wirken zu lassen. Auf dem Markt kommen wir ganz schön ins Grübeln, als wir feststellen, daß Zigaretten und Bonbons teilweise noch einzeln verkauft werden und manches Kleidungsstück, das hier den Besitzer wechselt, bei uns mit Sicherheit nicht einmal als Putzlumpen Verwendung finden würde. Ein ganz schöner Unterschied zu unserer luxuriösen Lodge und der Lebensweise in Europa. Das „artist - center“, in dem kunstgewebliche Arbeiten angeboten werden, müssen wir uns für den Rückweg aufheben, weil es am Samstag geschlossen ist.
Den Sundowner nehmen wir in einer schwimmenden Bar auf dem Zambezi, während im Westen über dem breiten Fluß die Sonne versinkt und mit ihren letzten Strahlen das Wasser in rotgoldenes Licht taucht. Nach dem Abendessen fallen wir sofort in unser komfortables Bett und holen den entgangenen Schlaf der letzten Nacht nach.
Sonntag, 16. 6. 1996
Wir nehmen die letzten siebzig Kilometer bis zur Grenze nach Botswana „unter die Hufe“. Die Strecke führt an unzähligen kleinen Dörfern vorbei, bei denen die Zeit scheinbar stehengeblieben ist, soviel Ruhe und Frieden strahlen sie aus. Aber fast alle besitzen eine eigene Kirche, wie die an der Straße aufgestellten Schilder beweisen. Die Missionare haben wirklich ganze Arbeit geleistet...
Die Grenzübertritte von Namibia nach Botswana und von Botswana nach Zimbabwe haben es in sich: ca. 36 - mal schreiben wir in diverse Bücher, Kladden, Listen und auf Zettel und Formulare, daß wir heute aus Katima Mulilo kommen und nach Victoria Falls wollen, als Touristen unterwegs und Deutsche sind, die Zulassungs-, Motor- und Fahrgestellnummer des Fahrzeugs, natürlich inclusive Farbe, Kilometerleistung, Herstellungsjahr und- ort, Fahrzeugtyp mit genauer Bezeichnung, Anzahl der Sitze, wie lange wir in dem jeweiligen Land zu bleiben gedenken und wo wir übernachten wollen, unsere Kennziffern aus den Reisepässen und, und, und... Nur unsere Schuhgröße und wie lange wir verheiratet sind, scheint niemanden zu interessieren. Eigentlich schade! Dafür weist aber in einem Office ein Schild sehr nachdrücklich darauf hin, daß beim Betreten des Büros die Hüte abzunehmen und von dieser Regelung auch Frauen nicht ausgenommen sind, wohl weil an einer Wand das Photo des momentanen Präsidenten hängt.
Vor dem Abfertigungsgebäude in Botswana müssen wir erst durch ein Seuchenbad fahren, bevor wir die speziellen Formalitäten dieses Landes über uns ergehen lassen dürfen. Die Grenzbeamten verlangen von uns eine eigentlich minimale Straßenbenutzungsgebühr im Werte von ungefähr fünf DM, die entweder in Pula, südafrikanischen Rand oder US - Dollar zu entrichten ist. Über diese Währungen verfügen wir aber nicht oder noch nicht, eine Wechselstube fehlt, der Grenzbeamte wird bockig (vielleicht hat ihn seine Frau gestern abend von der Bettkante geschubst) und will keine DM oder Namibiadollar nehmen, also eine absolut verfahrene Situation. Dabei sind Namibiadollar wertgleich mit südafrikanischen Rand. Gott sei Dank wechselt eine Familie aus Südafrika mir einige Namibiadollar in Rand, der botswanische Beamte ist ein wenig sauer, daß er uns nicht länger schikanieren kann, wir jedoch freuen uns, daß wir endlich weiterfahren können. Scheiß Bürokratie, die einschlägigen Reiseführer könnten ruhig auf diesen Sachverhalt hinweisen. Wie angenehm sind dagegen doch die meisten Grenzübertritte in Europa.
Mittags erreichen wir Victoria Falls und begeben uns auf Quartiersuche. Das erste Hotel ist ausgebucht, das zweite hat noch Zimmer frei, aber zu unverschämt hohem Preis, nämlich 240 US - Dollar. Schließlich finden wir im Sprayview - Hotel Unterkunft zu zivilen Preisen. Natürlich müssen wir gleich die Fälle sehen, die wir vom Hotel aus relativ bequem zu Fuß erreichen können. Beim Gang durch den Ort wird uns bewußt, wie ruhig und friedlich die letzten drei Wochen waren, hier ist ein ganz schöner Menschenauftrieb, alles ist auf den Tourismus ausgerichtet, und wir haben Mühe, ganze Scharen von aufdringlichen Andenkenverkäufern abzuwimmeln. Dann stehen wir staunend vor einem Naturwunder unserer Erde.
Die ungeheuren Wassermassen des Zambezi stürzen mit unglaublichem Getöse über einhundert Meter in die Tiefe, dabei Kaskaden und Katarakte bildend. Myriaden Wassertropfen werden von der Wucht des Aufpralls wieder in die Höhe geschleudert und von der Sonne zu konstanten Regenbögen „verarbeitet“, die diesem Schauspiel einen besonderen Reiz verleihen. Wir verstehen, daß die Eingeborenen in früheren Jahrhunderten diesen Ort „Rauch, der donnert“ nannten. Für uns sind die Fälle in ihrer Großartigkeit absolut vergleichbar mit dem Grand Canyon in Nordamerika. Wir können uns kaum satt sehen, und erst mit Beginn der Dunkelheit kehren wir von außen gut durchfeuchtet ins Hotel zurück.
Montag, 17. 6. 1996
Der Ort Victoria - Falls scheint fast ausschließlich aus Safari-Agenturen, Wechselstuben, Hotels, Andenken- und Klöterläden und einigen Restaurants zu bestehen. Touristen und natürlich die lästigen, unvermeidlichen Andenkenverkäufern bevölkern die Straßen.
Es gibt wohl keine Freiluftabenteuersportart, die man hier nicht betreiben kann, vielleicht mit Ausnahme einiger Wintersportdisziplinen. Es werden Rundflüge mit Hubschraubern, Klein- und Leichtflugzeugen angeboten, und man kann mit Schlauchbooten Wildwasserrafting auf den Stromschnellen des Zambezi betreiben. Wem dieser Thrill noch nicht reicht, stürzt sich, nur mit einem elastischen Seil gesichert, von der hohen Brücke nach Zambia in die tiefe, enge Schlucht der Fälle. Das nennt sich dann „bungee jumping“. Ausflüge per Motorboot, Fahrrad oder auch zu Fuß sind möglich, wer es gemächlicher mag, kreuzt auf einer Yacht auf dem Zambezi und genießt bei Mond- und Sternenschein ein Candellight - Dinner oder ergötzt sich an den Darbietungen afrikanischer Tänzer. Aber über all diese Attraktionen kann ich nichts berichten, wir konzentrieren uns auf die Wasserfälle. Sowohl vor- als auch nachmittags wandern wir ausgiebigst am Rand der Fälle entlang, die Eintrittsgebühr muß ja ausgenutzt und abgelaufen werden. Immer wieder entdecken wir dabei neue Einzelheiten, auf die wir uns gegenseitig hinweisen. Dieses Superprogramm, bei dem die Natur Regie führt, ist unvergleichlich!
In einem Kunstgewerbegeschäft bewundern wir einen wunderschön gearbeiteten und in den Farben und Formen in sich vollkommenen harmonischen Batikvorhang. R. meldet Vorbehalte bezüglich der Größe an, die ich aber überzeugend zerstreue, denn vor meinem „inneren Auge“ sehe ich dieses Prachtstück schon an einer Wand in unserer Eßdiele hängen. Zusätzlich erstehen wir zwei kleinere Stücke, die den Gesamteindruck sicher noch steigern werden. Heute sind wir insgesamt mindestens acht Stunden auf den Beinen gewesen, die erste ernsthafte körperliche Belastung seit drei Wochen. Bis neun Uhr abends halten wir uns gerade so eben noch wach, dann verlöschen die Lichter.
Teil 1012. Aug. 2013
Dienstag, 18. 6. 1996
Es ist irre, mein süßes, liebes, kleines Frauchen (!!) und ich mitten im afrikanischen Busch, im oder zumindest direkt vor dem wilden, weitgehend unzugänglichen Chobe-Nationalpark in Botswana. Davon hätten wir vor einigen Jahren noch nicht einmal zu träumen gewagt.
Aber der Reihe nach: entweder wirke ich insgesamt ein wenig tölpelhaft oder mein Englisch ist schlechter, als ich dachte, jedenfalls will man mich beim Bezahlen im Hotel wohl so richtig zur Kasse bitten, die Rechnung ist um satte einhundertachtzehn Zimbabwe-Dollar zu hoch. Irgendjemand hat den Restaurantbon eines anderen Zimmers unter unsere Abrechnung geschummelt. Sehr widerwillig und demzufolge auch umständlich wird der Irrtum korrigiert. Ich bin ein klein wenig stolz, daß ich den Sachverhalt richtigstellen kann, da ich in R.s Augen zumindest in dieser Beziehung immer ein mehr oder weder großes Schussel bin.
Zum Abschied von Vic - Falls fahren wir den Zambezi-Drive entlang, der durch den gleichnamigen Nationalpark führt. Beim „Big Tree“, einem wahrhaft riesigen, alle üblichen Dimensionen sprengenden Baobab steigen wir aus. Zwei junge Security - Angestellte des Parks sprechen uns an, sie wollen uns Büffel und Krokodile zeigen.
Zu Fuß begeben wir uns auf die Pirsch, aber von den Büffeln sind nur noch einige wenige wedelnde Schwänze im Gebüsch zu sehen. So konzentrieren wir uns auf die Krokodile. Nach einem Fußmarsch von zwei bis drei Kilometern direkt am Zambezi entlang weist einer unserer Führer auf einen Felsen dicht am Ufer. Erst nach einigen Augenblicken erkennen wir tatsächlich ein junges, bei weitem noch nicht ausgewachsenes Krokodil, das schläfrig in der Morgensonne liegt. Unsere selbsternannten Guides sehen wirklich mehr als wir: kleine, buntschillernde Vögel in dichtem Buschwerk oder hohen Bäumen, winzige Echsen, die blitzschnell in Felsspalten verschwinden, wenn sie Geräusche hören, und außergewöhnliche Pflanzen, die von den Einwohnern auf vielfältige Weise genutzt werden. So demonstrieren sie uns zum Beispiel, wie sie aus Palmwedeln Matten als Bodenbedeckung für die Hütten fertigen.
Kurz vor Beendigung unserer kleinen Wanderung deuten sie ganz plötzlich aufgeregt auf dichtes Buschwerk am Flußufer - ein einzelner Elefant in maximal zehn Meter Entfernung rupft genüßlich Blätter und junge, saftige Zweige von den Bäumen und schiebt diese mit dem Rüssel unermüdlich in sein Maul. Unser Pulsschlag beschleunigt sich erheblich, denn es besteht doch ein Unterschied, ob man diesen Kolossen quasi Auge in Auge gegenübersteht oder relativ sicher in seinem Auto sitzt. R. beweist Mut, um besser photographieren zu können, geht sie vorsichtig noch einige Schritte näher heran. Mir wird ganz mulmig im Magen, und ich mahne sie, nicht zu übertreiben. Aber alles geht gut, sie betätigt schnell einige Male den Auslöser, und wir erreichen wohlbehalten unseren Wagen.
Als Dank für die geleisteten Dienste bieten wir unseren Führern einen angemessenen Geldbetrag an. Als sie erkennen, daß es sich um Namibiadollar handelt, erklären sie uns, daß sie damit nichts anfangen können. Offensichtlich genießt die Währung, zumindest bei den unmittelbaren Nachbarn dieses jungen Staates, wenig Vertrauen, siehe Straßenbenutzungsgebühr Botswana. Wir finden aber auch noch einige Rand, und damit sind die symphatischen jungen Männer sehr zufrieden. Wir verabschieden uns herzlich, ein schöner Abschluß unserer Tage in Zimbabwe.
Bevor wir jedoch Victoria - Falls endgültig verlassen, zählen wir erst noch unsere „Zimbabwe-Mäuse“. R. geht einkaufen, um den Rest zu verbraten. Sie macht es sich wie immer nicht leicht, diesmal im wahrsten Sinne des Wortes: nach angemessener Wartezeit, so ca. 30 bis 60 Minuten, sehe ich sie - vornübergebeugt wie ein krummes, altes Mütterlein, mit äußerster Anstrengung einen noch nicht zu identifizierenden Gegenstand schleppend - schwerfällig über die Straße kommen. Stolz wie ein Pfau präsentiert sie mir eine Skulptur, einen Frauenkopf aus Eisenholz, mit einem Gewicht von etlichen Kilogramm. Sie ist ganz begeistert, vor allen Dingen, weil sie den Preis für das „gewichtige“ Stück erheblich heruntergehandelt hat. Als ich nachrechne, komme ich auf einen Nettobetrag von DM 2,43... Aber um gerecht zu sein, es ist wirklich ein außergewöhnlich schönes Stück. Nun aber nichts wie weg, wir müssen daran denken, daß das Gewicht unseres Gepäcks auch für den Rückflug limitiert ist.
Der Grenzübertritt zurück nach Botswana verläuft problemlos, schließlich kennen wir das Procedere ja auch schon. Die Kameraden haben aber trotzdem für uns noch eine zusätzliche Überraschung vorbereitet. Vorschriftsmäßig fahren wir wieder durch das brackige, von schillernden Ölflecken bedeckte Wasser des sogenannten Seuchenbads. Voller Unverständnis schauen wir uns dann jedoch an, als uns der leitende Beamte der Seuchenvermeidungsstation bedeutet auszusteigen. Er schüttet aus einem Becher eine undefinierbare Flüssigkeit auf einen schmutzstarrenden Lappen. Dann versucht er uns zu bewegen, erst mit unverständlichem Kauderwelsch, dann mit wildem, heftigem Gestikulieren, unsere Sandalen auf diesem widerwärtigen, unappetitlichen, ekelerregenden Textilfetzen abzutreten. Mit Abscheu wischen wir die Schlappen kurz über die abstoßende Textilie und schleudern sie anschließend eiligst von den Füßen. Bei nächster Gelegenheit müssen die Jungs gründlich desinfiziert werden.
Wie eingangs schon erwähnt, können wir es kaum fassen, daß wir jetzt mitten in der afrikanischen Wildnis sind. Wir übernachten in der Chobe Safari Lodge und buchen für den Nachmittag gleich „game viewing by boat“. Das von Profis gesteuerte Boot mit Aussichtsterrasse gleitet beinahe lautlos über das ruhige Wasser des Chobe und bringt uns zum Berühren nahe an Krokodile, Leguane, Flußpferde, Büffel, Elefanten, seltene Antilopen und Gazellen, Zebras, Reiher, Fischadler, Nilgänse und buntgefiederte Enten heran. Bei wirklich lohnenden Motiven achtet der Schiffsführer natürlich darauf, daß zum Photographieren die Sonne im Rücken steht. Wie schon gesagt: Profis!
Ich bemerke gerade: das klingt fast ein wenig lahm und langweilig, aber das Gegenteil ist der Fall! Ganze Flußpferdkolonien, die Uferzonen und Seitenarme des Chobe bevölkern, Elefantenherden, die im „Gänsemarsch“ zum Saufen kommen und ungeheure Mengen Wasser in sich hineinschütten oder vor der untergehenden Sonne Futter suchen, unzählige Büffel, die auf einer abgelegenen Halbinsel weiden oder friedlich widerkäuen, Fischadler, die zum atemberaubenden Sturzflug ansetzen und mit für die Fische fast immer tödlicher Sicherheit mittels ihrer messerscharfen Krallen zugreifen, Krokodile, die anscheinend nur faul und träge in der Sonne dösen, dann aber so blitzschnell ihre Beute attackieren, daß der Bewegungsablauf für das menschliche Auge kaum wahrnehmbar ist, Reiher und Löffler auf unermüdlicher Futtersuche, äsende, immer wieder nach allen Seiten sichernde Antilopen, Zebras und Gazellen sowie Tümpel oder ruhige Seitenarme des Chobe, über und über mit Seerosen bewachsen, bewundern zu dürfen, läßt unser Herz höher schlagen. Uns wird bewußt, was wir durch unsere sogenannte Zivilisation in Europa schon alles verloren haben.
Ich genieße es außerordentlich, mich auf meinem Aussichtplatz zu räkeln, meine Beine nach Belieben und allen Seiten ausstrecken und mich ausschließlich auf die Tierbeobachtung konzentrieren zu können, ohne auf die Fahrbahn achten zu müssen.
Diesen wahrlich ereignisreichen Tag lassen wir nach einem sehr guten und reichhaltigen Abendessen im Restaurant mit einer Flasche Wein ausklingen; nicht einmal das Kreuz des Südens löst ernsthafte Diskussionen zwischen uns aus.
Mittwoch, 19. 6. 1996
Schon bei Sonnenaufgang geht es diesmal auf vier Rädern in einem offenen Wagen durch den Chobe. Als ich unseren Fahrer und Führer mit Mütze und Handschuhen hinter dem Steuer sitzen sehe, wird mir schnell klar, was uns erwartet: viel frische, kalte Luft. Also hole ich mir eiligst noch das dicke Vlies, damit ich nicht zum Eiszapfen erstarre. Unterwegs bekommen wir einen nachhaltigen Eindruck über den Zustand der Pads im Park. Letzte Zweifel, den Chobe nicht selbständig zu erkunden, sind sehr schnell beseitigt. Soviel Wert legen wir nun auch wieder nicht auf tiefen Sand und unübersichtliche Streckenführung. Bei der Tierbeobachtung haben wir heute morgen nicht übermäßig viel Glück, aber nach unseren Erfahrungen der gestrigen Bootsfahrt und vor allen Dingen aus dem Etosha - Park stellen wir natürlich auch sehr hohe Ansprüche.
Nachmittags wollen wir uns noch einmal verwöhnen, nutzen die Gelegenheit und gehen wiederum auf das Boot, das heute im Gegensatz zu gestern voll ausgebucht ist. Direkt hinter uns nimmt eine etwa fünfzigjährige Tussi Platz, die ihrer Begeisterung über die entdeckten Tiere mit sich ständig steigernden, hohen, spitzen, schrillen Schreien Ausdruck verleiht: „Ooooh, wie ist das schöööön“, „oooh, daß ich das noch erleben darf“, „oooh, ein Flußpferd“, „oooh, wie niedlich“, „Ede, bring mir ‘mal das Fernglas“, „Ede, guck ‘mal“, „Ede, hast du das gesehen?“ Ede, offenbar ihr Mann, sitzt fünf Reihen hinter ihr... Die Tussi gönnt sich und vor allen Dingen uns keine Pause. Ununterbrochen dringen die unangenehmen Töne in unsere Ohren. R. befürchtet - nicht zu Unrecht - von mir eine scharfe Reaktion, redet mir begütigend zu und bittet um Verständnis für ihre Geschlechtsgenossin. Als aber nach ca. einer Stunde ein besonders schriller Schrei mein Trommelfell schmerzhaft vibrieren läßt, platzt mir der Kragen und ich weise die Dame höflich, aber sehr bestimmt und angemessen deutlich darauf hin, daß ich mich von ihr akustisch äußerst belästigt fühle. Augenblicklich herrscht angespannte Stille auf dem ganzen Boot, man könnte eine Stecknadel zu Boden fallen hören. Offensichtlich habe ich sehr vielen anderen Teilnehmern aus dem Herzen gesprochen, und nur die Tatsache, daß sie zu einer gemeinsamen Reisegruppe gehören und notgedrungen noch einige Zeit miteinander verbringen müssen, hindert sie wohl daran, laut zu applaudieren. Die Tussi läuft vom Hals aufwärts rot an, setzt sich zu ihrem Ede und ward fortan nicht mehr gehört... Der Rest der Fahrt ist ein wirklicher Genuß: auf dem Boot ist es genauso friedlich und still wie auf dem Fluß und am Ufer.
Abends grillen wir noch einmal. Nachdem das Holzfeuer entzündet ist, gehe ich an die Reception und bezahle. Bei meiner Rückkehr trifft mich fast der Schlag: mein liebes, kleines Frauchen (!!) hat offenbar innerhalb von zehn Minuten den Verstand verloren. Sie stolpert unsicher über den Rasen vor unserer Hütte, funzelt mit der Taschenlampe mal hierhin, mal dorthin, und als ich näherkomme, sehe ich, daß sie vollkommen verschmutzt ist. Stammelnd faselt sie wirres Zeug, ohne einen vollständigen Satz, geschweige denn einen einigermaßen zusammenhängenden Bericht abgeben zu können. Mit äußerster Mühe gelingt es mir, einzelne Worte zu verstehen. Ich nehme die Kleine erst einmal in den Arm und versuche, sie zu beruhigen, denn mir wird klar, daß sie unter einem Schock steht. Ganz allmählich kann ich mir ein Bild über das abgelaufene Geschehen machen: R. will unsere Hütte mit dem flackernden Holzfeuer davor photographieren. Hektikerin, die sie zumindest teilweise nun einmal ist, übersieht sie bei der Suche nach dem günstigsten Standort beim Rückwärtsgehen eine niedrige Steinmauer vor der Böschung zum Chobeufer. Sie stolpert rückwärts darüber und fällt etwa zwei Meter tief den Abhang hinunter, vermeidet beim Aufprall glücklicherweise weitgehend eine in unmittelbarer Nähe befindliche Steintreppe, hält den Photoapparat bewundernswert fest in ihren Händen, verliert beim Sturz jedoch ihre Brille, rappelt sich benommen, aber ohne Brille wieder auf, erklimmt den Abhang, nimmt unverdrossen ihr Motiv abermals ins Visier, wundert sich, daß sie die Hütte nur verschwommen sieht, tätigt aber trotzdem die Aufnahme, merkt erst jetzt, daß sie bei dem Sturz die Brille verloren hat, tastet sich ins Zimmer und zum Koffer, um die Taschenlampe und mit dieser ihre Brille zu suchen, stolpert unsicher über den Rasen... Ab jetzt erscheine ich wieder auf der Bildfläche, siehe oben. Ich vergewissere mich, daß bei ihr zumindest kein ernsthafter physischer Schaden entstanden ist, lasse mir die Taschenlampe geben und die Absturzstelle zeigen, finde die ziemlich arg in Mitleidenschaft gezogene Brille (zur Erinnerung, das hier ist schon ihre Ersatzbrille!) und öffne zwei Flaschen Bier, denn allmählich wird mir bewußt, wieviel Glück R. gehabt hat.
Die Stelle, wo sie gefallen ist, liegt nur etwa fünf Meter vom krokodilverseuchten Chobeufer entfernt. Nicht auszudenken, wenn sie beim Sturz auf einen Stein geprallt und bewußtlos geworden wäre. Ich als Krokodil hätte mir jedenfalls diesen abendlichen Leckerbissen nicht entgehen lassen. Frauen sind und bleiben mir sicherlich auch künftig ein absolutes Rätsel, denn meine kleine, graublonde Taube beschäftigt mehr als alles andere, daß sie wie stets seit Beginn unserer Reise in ihrer Weste mit den unzähligen Taschen sämtliche überlebenswichtigen Dokumente und Utensilien wie Reisepässe, Flugtickets, Fahrzeugpapiere, DM-Reserven, Reiseschecks, Versicherungspolicen, Tabletten gegen Malaria, Hausschlüssel sowie etlichen anderen Krimskrams bei sich hatte und daß das dann mit ihr verschwunden wäre. Und sie macht sich im nachhinein Sorgen, wie ich mit der dann entstandenen Situation so ganz allein auf dieser großen, weiten Welt - ohne sie, Geld und Ausweise - klargekommen wäre. In diesem Augenblick ist meine Kleine richtig rührend. Aber als sie kurz darauf fragt, ob ich gegebenenfalls einen Tauchgang in die Krokodilhöhle unternommen hätte, um sie zu retten oder zumindest die Überreste zu bergen, merke ich, daß sie schon wieder flachsen kann und ganz die „junge“ ist, denn das kann nicht ihr Ernst (oder Willi?) sein. Nach diesem Erlebnis ist es fast unerheblich, daß unsere Steaks zäh sind, wir haben noch einige Dosen Bier, und die kommen nicht mehr mit auf die Fahrt am nächsten Tag...
Teil 1113. Aug. 2013
Donnerstag, 20. 6. 1996
R. sieht mit ihrer Sonnenbrille, die sie ja jetzt notgedrungen benutzen muß, aus wie Greta Garbo. Sie beweist aber, daß sie trotzdem noch immer über ihren berüchtigten Adlerblick - ich meine wirklich Adler- und nicht Silberblick - verfügt. Sie entdeckt im dichten Gestrüpp eine fast perfekt getarnte Rappenantilope.
Diese beäugt uns eine Zeitlang mißtrauisch, dann wird es ihr offenbar zuviel, und sie verschwindet mit raumgreifenden Galoppsprüngen. Der Grenzübertritt von Botswana nach Namibia regt uns nicht weiter auf, wir kennen die Procedur ja auch schon, sind aber froh, daß wir diese Grenzwechsel jetzt hinter uns haben. In Katima Mulilo besichtigen wir das „art-center“, so wie wir es uns schon auf der Hinfahrt vorgenommen hatten, und erstehen einen sehr schön geschnitzten Elefanten sowie ein kleines Flußpferd für unsere Tochter.
Wir übernachten in einer Lodge (Suclabo-Lodge) in der Nähe von Popa Falls, die vertretungsweise von einem Franken bewirtschaftet wird, der schon geraume Zeit in Irland lebt. Seit einem Jahr ist er mit einem Campingbus und seiner Frau (die Reihenfolge stammt von ihm und nicht von mir) unterwegs durch Afrika. Mit der Vertretung in der Lodge bessert er seine Reisekasse auf. Man merkt aber sehr deutlich sowohl an der Qualität des Essens als auch an der ganzen Organisation, daß die beiden nur Hobbygastronomen sind... Abends unterhalten wir uns mit einem jungen Deutschen, der hier in der Nähe zusammen mit seinen Eltern eine neue Lodge am jenseitigen Kavango-Ufer mit freiem Blick auf die Popa Falls aufbauen will. Er schildert uns eindringlich die diversen Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit den zuständigen oder auch wieder nicht zuständigen Ministerien und der Administration in Windhoek sowie den regionalen Behörden. Zusätzlich seien Konflikte vorprogrammiert durch die unterschiedlichen Interessen zwischen Weißen und Schwarzen. Rivalitäten oder einfach nur Eifersüchteleien zwischen den jeweiligen Volksgruppen und Stämmen erschweren nach seinen Worten die Situation um ein vielfaches, und wir merken deutlich, daß ihm das morgen früh bevorstehende Palaver mit einem der Stammes-Chiefs schon heute abend schwer im Magen liegt. Wir wünschen diesem unternehmungs- und risikofreudigen jungen Mann gutes Gelingen für sein Projekt und verziehen uns in unsere zugige Hütte. Aus Erfahrung wird man klug: seit unserer ersten Übernachtung in dieser Region wissen wir, daß die Nächte bitterkalt sein können. Deshalb mummeln wir uns ein wie Eskimos, bevor wir unter unsere Decken kriechen.
Freitag, 21. 6. 1996
Morgens besichtigen wir ausgiebig den Mahango Nationalpark, der sich durch seine ausgedehnten Uferregionen des Kavango wesentlich von der Etosha - Pfanne unterscheidet. Ohne allzugroßen Such - und Fahraufwand betreiben zu müssen, genießen wir die herrliche Landschaft und die wilden Tiere.
Große Antilopenherden durchqueren tiefe Trockenflußsenken, Kudufamilien äsen genüßlich an besonders schmackhaften Büschen, scheue, perfekt getarnte Säbelantilopen verstecken sich im hohen Gras,
Fischadler und andere Raubvögel ziehen hoch in der Luft majestätisch ihre Kreise, Krokodile sonnen sich träge auf Sandbänken am Flußufer. Da dürfen natürlich unsere liebsten Freunde, die Elefanten, nicht fehlen. Sich ihrer Überlegenheit voll bewußt, drängen sie über die Fahrbahn. Unser Auto existiert für sie dabei anscheinend gar nicht, obwohl wir nur zehn Meter entfernt parken. Bewundernswert, wie diese tonnenschweren Kolosse sich fast lautlos bewegen. Wenn ich da an manche Trampel zu Hause denke...
Wir übernachten in der fast neuen Nkwasi -Lodge am Ufer des Kavango, etwa zwanzig Kilometer vor Rundu. Bevor wir die Lodge erreichen, rutscht R. wieder einmal das Herz fast in die Hose: um einem entgegenkommenden Fahrzeug auszuweichen, bin ich gezwungen, einen kleinen Sandhügel schräg emporzufahren. Dabei neigt sich unser Toyota natürlich ein wenig zur Seite, unglücklicherweise auf R.s Seite. Sie ist böse, weil das Manöver erstens von mir nicht angekündigt, zweitens vollkommen überflüssig, denn das entgegenkommende Fahrzeug, ein vollbeladender LKW mit offenen, nicht gesicherten Milchbehältern hätte ja wohl genauso den Hügel hinauffahren können, und drittens sehr leichtsinnig war, wie leicht hätte der Wagen umkippen können, und das, wie gesagt, auch noch auf die Seite, auf der sie sitzt....
Aber als R. das luxuriöse Chalet sieht und vor allen Dingen in der Gästebücherei selbst für sie noch neues Informationsmaterial findet, ist der Nachmittag gerettet. Es herrscht schon bald wieder nicht nur draußen eitel Sonnenschein. Vor Einbrechen der Dunkelheit verteilt ein Angestellter mit seinen beiden modisch herausgeputzten Söhnen Petroleumlampen auf dem gesamten Gelände der Lodge. Deren Schein taucht die Gebäude, Bäume und Büsche in ein unwirkliches Licht, das durch den sanften Abendwind immer wieder neue Schattenspiele produziert... Richtig romantisch!
Beim Sundowner lernen wir einen einheimischen Geologen kennen, der Möglichkeiten der Wasserversorgung für Windhoek vom Kavango aus erkundet. Ein ehrgeiziges Projekt, denn das Wasser müßte über mehr als 500 Kilometer durch einen Kanal oder Röhren zur Hauptstadt geleitet werden. Aber es ist wohl zwingend erforderlich, denn so wie das ganze Land leidet auch Windhoek an Wassermangel. Ein interessantes Gespräch über seinen Aufenthalt in Deutschland - mit Besuch des Münchner Oktoberfestes - ergibt sich dann fast von selbst. Heute werden wir für das gestrige Essen entschädigt, ein hervorragendes Dinner beschließt den heutigen Tag.
Teil 1214. Aug. 2013
Samstag, 22. 6. 1996
Wir frühstücken wie die Fürsten auf der Terrasse, lassen uns dabei viel Zeit und genießen den Blick über den Kavango, der hier die Grenze zu Angola bildet. Unser Dank für die hervorragende Übernachtung, den freundlichen, unaufdringlichen Service und die Qualität der Speisen findet angemessenen Niederschlag im Gästebuch.
Hinter Rundu, das als Zentrum für Holzschnitzereien ausgewiesen ist, halten wir an einem der Verkaufsstände. Sofort laufen aus allen Himmelsrichtungen lärmend, mit fröhlichen, lachenden Gesichtern, unzählige Kinder im Alter zwischen ca. drei und zwölf Jahren auf uns zu, umringen uns, gestikulieren wild und versuchen, mit ihren hellen, aufgeregten Stimmen unsere Aufmerksamkeit auf die diversen Ausstellungstücke zu lenken. Kurze Zeit später erscheinen zwei junge Erwachsene, die für den Verkauf zuständig sind.
Wir entscheiden uns nach kurzem Überlegen für einen weiteren Elefanten sowie für ein Rhinozeros. Während ich die Einkaufsverhandlungen führe, bittet R. darum, die Kinder photographieren zu dürfen. Diese sind ganz begeistert, sie grimassieren und schneiden Faxen, es herrscht eine heitere, ausgelassene Stimmung.
Die beiden jungen Männer bewundern inzwischen mein quergestreiftes T - Shirt, das wie maßgeschneidert (R. würde sagen: wie eine Wurstepelle) auf meinem Athletenbody sitzt. Ihr Wunsch, ein Kleidungsstück zu erwerben, das ich getragen habe, wird übermächtig. Sie bieten mir ihre wertvollste Schnitzerei, eine schwarze Madonna aus Ebenholz mit verklärtem, nach innen gerichteten Blick, für sechs meiner T - Shirts an. Mir ist die Sache ziemlich peinlich, denn ich stehe eigentlich ungern im Rampenlicht der Bewunderung. Auf der anderen Seite ist die meditierende Madonna wirklich wunderschön gearbeitet. Dennoch zögere ich und blicke hilfesuchend zu meinem lieben, kleinen Frauchen hinüber. Aber die ist nach wie vor und voll und ganz damit beschäftig, die Rasselbande zu einer vernünftigen Gruppe zusammenzustellen. Mein Zögern wird von den beiden mißgedeutet, sie beraten sich untereinander und halbieren ihr Angebot auf drei Shirts. Nun gibt es für mich kein Halten mehr, ich gehe zu unserer randvollen Schmutzwäschetüte (R. hat schon ziemlich lange nicht mehr gewaschen), krame nach den Kleidungsstücken und händige diese den jungen Männern aus. Mit angemessen ernstem Gesicht, als ob es sich um rituelle Gegenstände handelt, nehmen sie die Hemden entgegen, entfalten, wenden und bewundern sie von allen Seiten, passen sie vor dem Körper an (wir haben auch nicht nur annähernd identische Größen, ich trage XXL, für die beiden wäre wahrscheinlich S, M oder L angebracht) und freuen sich offensichtlich über den gelungenen Deal. Ich schleppe derweil meine „Dreihemdchenmadonna“ zum Auto. Zwischenzeitlich ist auch R. mit dem Photographieren zu Ende gekommen; endlich hat sie dafür einmal ausreichend Zeit gehabt, ohne von mir ständig drangsaliert zu werden. Sie hat die Madonnengeschichte bisher nur am Rande mitbekommen und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, als sie das Stück sieht. Ihr fällt sofort auf, daß das Werk gewichts- und größenmäßig gerade noch im Koffer zu transportieren, der Sockel nicht ganz gerade gearbeitet ist und das gute Stück leicht zur Seite kippt. Daß R. dagegen etwas hat, weiß ich noch sehr gut von gestern Nachmittag... Außerdem rechnet sie mir vor, was die drei T - Shirts gekostet haben und wie meine Madonna ursprünglich ausgezeichnet war. Kunstbanausin, schäbige! Aber Tussis verstehen eben nichts von wahrer Kunst...
Bevor wir weiterfahren, bringt R. den Kindern als Belohnung noch einen kleinen Sack Äpfel. Ich kann diese Szene aus etwa zwanzig Metern Entfernung beobachten, und mir läuft es kalt über den Rücken, als ich sehe, wie die kleinen Rangen reagieren. Als sie den Beutel mit den Äpfeln sehen, klatschen sie begeistert in ihre Händchen, hüpfen aufgeregt umher, krähen fröhlich und können es kaum erwarten, die Früchte in Empfang zu nehmen. Das ist Freude pur! R. bedeutet einem der Erwachsenen, sich um die gerechte Verteilung zu kümmern, er zählt auch sofort die Anzahl der Kinder und vergleicht diese mit der Menge der Äpfel. Einigermaßen gerührt machen wir uns auf den Weg Richtung Tsumeb.
An einer Kreuzung hinter Grootfontein lesen wir einen schwarzen Anhalter auf, den wir nach Tsumeb mitnehmen. Er hat in Grootfontein ein Ersatzteil für sein Auto gekauft, das in Tsumeb nicht erhältlich war. Unterwegs berichtet er über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Region. Die größte Erzmine arbeitet nicht mehr rentabel, und immer mehr Arbeitskräfte werden freigesetzt. Voller Stolz erzählt er über seinen guten Job bei einer Mineralölgesellschaft, wie glücklich er als Familienvater sei und wie prächtig sich seine Kinder entwickeln. Er läßt es sich nicht nehmen, uns seine Familie vorzustellen und sein Haus zu zeigen. Einen seiner Söhne hat er auf den Namen „Björn“ taufen lassen, so sehr bewundert er den großen schwedischen Tennisspieler. Ein recht ungewöhnlicher Name für einen schwarzen Afrikaner...
Heute wollen wir das Großstadtleben genießen, denn Tsumeb ist nach Windhoek laut Reiseführer mit 18 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Namibias. Wir mieten uns in einem Hotel ein, das mit einem nicht zu übersehenden Schild von außen auf einen Biergarten hinweist. Na also, die Zivilisation hat uns wieder! Umso größer ist unsere Enttäuschung, als wir feststellen müssen, daß der Biergarten geschlossen ist, sämtliche Geschäfte verrammelt und verriegelt sind und das ganze „Kaff“ wie ausgestorben in der gleißenden Nachmittagssonne liegt. Einzig die Bar des zweiten Hotels am Platze ist geöffnet. Wir trinken einen Kaffee, der Fernseher läuft, es wird ein Spiel der Fußballeuropameisterschaft übertragen - der Tag ist doch nicht so schlecht. Während ich das Fußballspiel verfolge, kehrt R. ins Hotel zurück und kämpft sich durch den Wust der bislang angefallenen Belege, sortiert und ordnet Hotel-, Restaurant- und Tankrechnungen, vernichtet das, was wir nicht mehr benötigen. Dafür bin ich ihr sehr, sehr dankbar.
Vor dem Abendessen beschäftige ich mich wieder einmal mit der weiteren Tourenplanung. Eigentlich wäre es ja schade, wenn wir den Nordwesten einschließlich der Ruacana-Wasserfälle nicht sehen würden, zumal die verbleibende Zeit diesen Abstecher ohne weiteres zuläßt. Kurzfristig entschließe ich mich dazu, morgen früh statt nach Westen wieder in den Norden Richtung Oshakati zu fahren. Nach anfänglichem Zögern, denn die Infrastruktur soll dort noch weniger entwickelt sein als im übrigen Land, die Pads sehr rauh, Übernachtungsmöglichkeiten dünn gesät, stimmt R. zu. Aber nicht ohne mir zu unterstellen, ich wolle auch nach Oshakati, um mir das morgige Fußballspiel mit Deutschland anzusehen, weil das dortige Hotel ebenfalls mit Fernseher ausgestattet sei. Sie scheint mich doch ein ganz klein wenig zu kennen...
Teil 1316. Aug. 2013
Sonntag, 23. 6. 1996
Wir fahren östlich der Etosha - Pfanne Richtung angolanische Grenze und passieren abermals den Veterinärzaun. Sehr starker und böiger Seitenwind verhindert zügige Geschwindigkeit. Immer wieder werden Sand- und Staubfahnen über die Fahrbahn getrieben. Links und rechts der Straße herrscht reges Treiben, in vielen Dörfern wird Markt abgehalten, vor Drankwinkeln und Bottlestores sitzen Männer in gemütlichen Runden zusammen, malerisch gekleidete Frauen bieten handgefertigte Gefäße in allen Formen und Größen an, und Jugendliche treiben Rinder- und Ziegenherden zur Tränke. Je mehr wir uns dem „Ballungsraum“ um Ondangwa und Oshakati nähern, um so öfter prägen Bars, nur notdürftig zusammengeschustert aus Holz, Wellblech oder anderen Materialien, aber immer sehr bunt angestrichen und mit wilden Phantasienamen versehen, die kleinen Ortschaften. Ob ein direkter Zusammenhang zwischen dieser Anhäufung von Bars und Nightclubs und den unzähligen Autowracks besteht, die achtlos neben der Straße liegen?
Am Nachmittag kann ich doch tatsächlich das Fußballspiel zwischen Deutschland und Kroatien im Fernsehen verfolgen... Ziemlich langweilig, von spielerischer Klasse ist nichts zu sehen. Ansonsten lassen wir es langsam angehen, denn wir wissen, daß uns morgen ein langer und wahrscheinlich auch harter Tag bevorsteht.
Montag, 24. 6. 1996
Westwärts durchqueren wir auf einer guten Teerstraße eine Bilderbuchlandschaft: hohe, sich sanft im Wind wiegende schlanke Palmen überragen friedliche Dörfer, ein durchgehender Wassergraben versorgt die angrenzenden Felder und Weiden, ein kleiner See lockt unzählige Wasservögel zur Futtersuche. Kurz vor den Ruacana - Fällen überqueren wir einen Pass. Von der Anhöhe schweift unser Blick über ein weites, fruchtbares Tal, das von schroffen, braunroten Bergen überragt wird. Das Talende dominiert ein mächtiger Staudamm, der allerdings die Wasserfälle „geschluckt“ hat - von ihnen ist nichts, aber auch gar nichts, zu sehen. Trotzdem eine grandiose Szenerie. Ab Ruacana fahren wir wieder ausschließlich auf Gravel - Pads, anfangs recht eben. Mit einer Geschwindigkeit von siebzig km/h ziehen wir die schon sattsam bekannte kilometerlange Staubfahne hinter uns her. An einer Abzweigung stoppt uns ein Straßenbauarbeiter, der vor seinem Schredder steht. Durch Gestikulieren macht er uns klar, daß er für die Maschine Starthilfe benötigt. Mit einem Überbrückungskabel bringen wir den Motor des riesigen Straßenbaufahrzeugs wieder auf Touren.
Kurze Zeit später erreichen wir Opuwo und begegnen den ersten Himbas, laut Reiseführer eines der letzten Nomadenvölker Afrikas. Männer und Frauen schminken den ganzen Körper ockerfarben, stolz tragen sie ihre wirklich außergewöhnlichen Frisuren und den symbolträchtigen Schmuck, die Maiden laufen barbusig. Die Opuwo - Himbas sind jedoch mit einiger Wahrscheinlichkeit keine Nomaden mehr, denn sie kommen mit Plastiktragetaschen in den Händen aus kleinen Supermärkten, promenieren zu zweit oder dritt über die Hauptstraße des Ortes und warten auf Touristen, um ihnen gegen einen entsprechenden Obulus die Möglichkeit zum Photographieren zu geben. Dabei werden die Maiden sehr viel öfter frequentiert als die Männer...
Auch ich mache eine Aufnahme von einem weiblichen Trio und erstehe zusätzlich einen quastenartigen, mit Metallringen versehenen Gegenstand. Wofür oder wogegen dieses Stück zu gebrauchen ist oder eventuell helfen kann, bleibt mir allerdings verborgen, mein himbaisch ist denn doch zu dürftig. Die Weiterfahrt nach Kaoko Otavi führt über kleinere Pässe und an wildzerklüfteten Canyons entlang. Einige winzige Himbaansiedlungen liegen links und rechts der Straße. Sobald sich unser Auto nähert, laufen uns sofort zerlumpt gekleidete Kinder entgegen und bitten um Süßigkeiten, aber außer einigen kleinen Tüten Erdnüssen haben wir diesmal leider nichts bei uns.
In Kaoko Otavi, das nur aus wenigen Häusern besteht, suchen wir vergeblich eine auf unserer Straßenkarte eingezeichnete Pad nach Sesfontein. Später erfahren wir, daß diese Strecke schon lange nicht mehr existiert! Notgedrungen müssen wir also umkehren und eine andere Route wählen. Wir sind mit der alternativen Streckenführung aber sehr zufrieden, denn zu unserer Freude sehen wir unterwegs herrliche Baobabs, die ihre Äste wirr wie Wurzelwerk zum Himmel strecken.
Kurz vor Ende der Etappe erklimmen wir eine steile Auffahrt. Oben angekommen, stockt uns fast der Atem: es geht noch steiler, fast senkrecht, nach unten auf einen schmalen Damm zu. Dieser wird gerade mittels einiger Baufahrzeuge mit frischem Schotter aufgefüllt. Es wird also darauf ankommen, die Abfahrt so vorsichtig wie möglich zu bewältigen und dennoch genug Schwung mitzunehmen, um nicht in dem frischen, tiefen Schottersand steckenzubleiben. R. ist wieder verdächtig ruhig, das kann nur bedeuten, daß sie „Fracksausen“ hat. So ganz geheuer ist mir die Sache jedoch auch nicht.... Doch ich beherrsche den Toyota jetzt schon so gut, daß wir auch diese haarige Klippe erfolgreich meistern. Aber ich muß zugeben, daß ich ganz schön schwitzige Hände habe, als wir wieder „sicheres“ Terrain erreichen. Ohne weiteren Nervenkitzel, auf den wir nach dieser superlangen, strapaziösen Etappe auch sehr gut verzichten können, erreichen wir Sesfontein. Das ehemalige deutsche Fort ist zu einer komfortablen Lodge umgebaut, wir essen sehr gut, tauschen anschließend mit anderen Touristen eine Weile Reiseerfahrungen aus, erquicken unsere süße, kleine Leber mit dem einen oder anderen Bierchen und sinken anschließend in einen tiefen, erholsamen Schlaf.
Teil 1417. Aug. 2013
Dienstag, 25. 6. 1996
Ein ganz neues Gefühl für uns: wir erheben uns erst gegen acht Uhr von unserem Lager. Nach einem Spaziergang durch den „Ort“ und zum deutschen Soldatenfriedhof (was wollten die Jungs damals eigentlich hier?) starten wir in Richtung Palmwag. Eine grandiose Berglandschaft umgibt uns.
Die Region ist relativ fruchtbar (Sesfontein = sechs Quellen) und wird für hiesige Verhältnisse intensiv landwirtschaftlich genutzt. Wir lassen uns angemessen Zeit und fahren gemütlich über die staubige Pad südwärts. Nach zwanzig Kilometern biegen wir zu den Ogongo - Fällen ab, jetzt wird es wieder sehr rauh, steil und steinig.
Kurz vor dem Parkplatz liegt ein weiblicher Strauß mit ausgestrecktem Hals regungslos mitten auf dem engen Weg. Die afrikanischen Strauße unterscheiden sich erheblich von dem berühmt - berüchtigten bayerischen Namensvetter, sie haben sehr lange, dünne Hälse... R. meint, daß die Straußentussi tot sei. Doch ich kenne ja die holde Weiblichkeit, denke mir, daß die Straußin nur täuschen oder einfach ein wenig relaxen will, vielleicht ist sie auch geistig weggetreten, und rolle langsam auf das Vieh zu. Und siehe da, als wir ihr zu nahe kommen, erwacht sie aus ihrer Lethargie, schüttelt heftig ihr staubiges Gefieder (wie groß die Empörung auch sein mag, für Schönheitspflege muß Zeit sein), blickt einen kurzen Augenblick ärgerlich zu uns herüber, wie um sich zu vergewissern, daß natürlich wieder einmal Preußen die geheiligte Straußenruhe stören, und sucht laut kreischend empört schleunigst das Weite.
Nach kurzem Fußweg erwartet uns ein nicht für möglich gehaltener Anblick, denn in eine halboffene Höhle plätschert über einen hohen, steilen Felsabhang stetig eine dünne Wasserkaskade, bildet anschließend einen kleinen Tümpel und ermöglicht eine dichte Vegetation. Der richtige Ort für eine Rast.
Schon lange beschäftige ich mich mit dem Gedanken, wie man die riesige Menge Staub, die wir zweifellos in diesem Land schon aufgewirbelt haben, angemessen photographisch dokumentieren kann. Während der Weiterfahrt nach Palmwag bietet sich diese Gelegenheit: die recht gute Pad führt schnurgerade auf eine kleine Anhöhe zu, es herrscht leichter Seitenwind, und die Sonne steht auch richtig. Ich setze R. also auf dieser Anhöhe ab und erkläre ihr, daß ich ein Stück zurückfahre und mit gerade noch vertretbarem Speed auf sie zukommen werde. Sie möge doch das Fahrzeug mit der dann zweifellos vorhandenen Staubfahne photographieren. Während ich den nötigen Anlauf nehme, prüft sie noch einmal sehr professionell mit hochausgestrecktem, angefeuchtetem Zeigefinger die Windrichtung und stellt sich in Positur. Als ich an ihr vorbeirausche, stelle ich verblüfft fest, daß sie sich für die Seite der Straße entschieden hat, zu der der Wind die Staubkaskaden herüberweht. Hustend, nach Luft ringend und ihre Kleidung ganz ähnlich wie kurze Zeit vorher die Straußendame ihr Gefieder ausschüttelnd, gibt sie an, sie hätte mein unverkennbares Profil ebenfalls mit ablichten wollen, und dafür sei der von ihr gewählte Standort genau richtig gewesen... Ich habe aber doch erhebliche Zweifel, und in mir wächst der Verdacht, daß sie mit der Tatsache, daß bislang nur ein „Sandmännchen“ zu Ruhm und Ehren gelangt ist, ein erhebliches Problem hat. Von mir aus - wenn dadurch ihr ausgeprägtes, sattsam bekanntes Gerechtigkeitsbewußtsein befriedigt wird, soll sie sich ruhig weiter so emanzipieren! Aber ich traue mich dann doch nicht recht, sie mehr als einmal mit „Sandfrauchen“ anzusprechen...
Die Palmwag - Lodge ist wirklich eine Oase in dem trockenen und staubigen Damaraland - wie speziell R. festgestellt hat... Palmen und sogar Blumen säumen zwei Swimmingpools, es gibt bequem eingerichtete Bungalows, das Restaurant mit angeschlossener Bar und Aussichtsterrasse zur Wildtränke ist ausgesprochen gemütlich.
Überall weisen Schilder darauf hin, daß Elefanten nicht nur die natürliche Tränke, sondern auch die Pools zum Saufen benutzen und anschließend das Camp nach Nahrung durchsuchen. Dabei sollen sie nicht immer die größtmöglichste Vorsicht walten lassen,. deswegen gibt es hier wohl auch keinen Porzellanladen... Die herausragende Attraktion für uns ist jedoch ein vorzüglich angelegter und ausgeschilderter Hikingtrail, der über das dazugehörige Gelände führt. Begeistert schnüren wir unsere Wanderstiefel und machen uns auf den Weg. Wir sind von dem großen Wildbestand überrascht: Buschböcke, Zebras, Kudus, Oryx und in einem trockenen Flußbett eine Herde Elefanten lassen die fast dreistündige Wanderung wie im Fluge vergehen.
Ausgedörrt wie Trockenpflaumen erreichen wir das Camp kurz vor Sonnenuntergang. Ein schönes, großes, kühles Bier vom Faß bringt unseren Flüssigkeitshaushalt schnell wieder in Ordnung und spült die von Sand und Staub knirschenden Mundhöhle frei. Die anschließende ausgiebige Dusche sorgt dafür, daß wir uns wieder in menschliche Gesellschaft und speziell zum Abendessen begeben können - die Wanderung hat jede Menge Appetit gemacht. An der Bar lernen wir abends ein junges Paar aus Deutschland kennen. Der Mann hat knapp zwei Jahre bei einem Entwicklungshilfeprojekt mitgearbeitet, jetzt befinden sie sich auf Abschiedstour durch Namibia. Sie berichten, belegt mit eindrucksvollen Beispielen, daß es nach wie vor sehr abenteuerlich ist, längere Zeit in Namibia zu leben und zu arbeiten.
Mittwoch, 26. 6. 1996
Wir entschließen uns spontan, einen weiteren Tag in Palmwag zu verbringen. Neben der wirklich angenehmen Atmosphäre der Lodge reizen uns nach wie vor die Wandermöglichkeiten. Auf dem morgendlichen Rundgang begegnen wir einigen Elefanten. Mit aller gebotenen Vorsicht verfolgen wir die Dickhäuter, bis sie zum Fressen im dichten, mehr als elefantenhohen Schilf verschwinden. Sie sind wirklich untergetaucht, nur die wild schwankenden Spitzen der Schilf- oder Bambusstengel zeigen uns, wo sich die Bande aufhält.
Heute brennt die Sonne besonders heiß, schon um elf Uhr vormittags mögen es an die dreißig Grad Celsius sein. Zusätzlich bläst ein unangenehm heftiger Ostwind, der uns schließlich dazu veranlaßt, die Tour vorzeitig zu beenden. War auch höchste Zeit, denn obwohl wir eine Sonnencreme mit hohem Schutzfaktor benutzen, stellen wir fest, daß bis zu einem ausgewachsenen Sonnenbrand nicht viel gefehlt hat. Wir haben die Intensität der Sonneneinstrahlung wieder einmal unterschätzt, obwohl wir doch schon seit mehr als vier Wochen im Lande sind. Zwangsläufig folgt eine ausgiebige Siesta im Schatten.
Am späteren Nachmittag schnüren wir wieder unsere Wanderstiefel. Entweder sind wir nach unserem Schläfchen noch ein wenig dösig im Kopf oder der nach wie vor heiße Wüstenwind hat uns den letzten verfügbaren Rest von Verstand aus dem Kopf geblasen, jedenfalls vertun wir uns um eine volle Stunde bei der Zeitplanung.
Erst als die Sonne hinter den Bergen im Westen untertaucht, werden wir uns der Situation bewußt. Um das Restlicht auszunutzen, denn Dämmerung wie in Mitteleuropa gibt es hier in den Tropen nicht, marschieren wir im Eiltempo zurück, den Lichtschein des schon seit geraumer Zeit erleuchteten Camps als zusätzliche Orientierungshilfe nutzend.
Abends breitet sich unter den männlichen Gästen und Angestellten der Lodge eine bis dahin nicht wahrnehmbare, merkwürdige Unruhe aus. Die knackenden, knarrenden, auf- und abschwellenden, dabei manchmal sogar ganz aussetzenden atmosphärischen Geräusche aus einem Radio übermitteln dem Kenner: ein herausragendes Ereignis aus der Sportszene - nämlich das Europameisterschaftshalbfinalspiel zwischen England und Deutschland - steht unmittelbar bevor. Um die anderen Gäste nicht zu stören, ist der Weltempfänger außerhalb der Bar aufgestellt. Das gute, alte Dampfradio vermittelt eine schon fast vergessene Dimension von Sportreportagen, die Phantasie wird wieder gefordert, das Vorstellungsvermögen des Hörers einbezogen und die Begeisterungsfähigkeit des Reporters vermittelt ungeahntes Miterleben. Selbst die schlechte Empfangsqualität beeinträchtigt die bei allen Zuhörern vorhandene Spannung kaum. Als ich die Runde nach Ende des Spiels verlasse, habe ich das Gefühl, daß das Endergebnis des Spiels fast nebensächlich ist, soviel Spaß habe ich bei der Radioübertragung gehabt.
Als Ergänzung einige Himba-Damen aus dem Jahr 2000,
das Grab eines Chiefs,
und ein kleines Tänzchen für uns am Wegesrand!
Teil 1517. Aug. 2013
Donnerstag, 27. 6. 1996
Mit Bedauern nehmen wir Abschied von Palmwag. Auf der Fahrt zur „Zweifelhaften Quelle“ - nach Twyfelfontein - genießen wir die herrliche Kulisse der rotbraunen Berge des Damaralandes.
Unterwegs nehmen wir einen schwarzen Farmer mit, der einige Tage auf seinem Farmgelände zugebracht hat und nun seine Familie in einem kleinen Ort etwas abseits der Straße besuchen will.
Leider vergesse ich, nach dem Verstauen seines Gepäcks auf der Ladefläche die Heckklappe wieder zu schließen. Das Ergebnis ist natürlich zentimeterdicker Staub auf sämtlichen Utensilien. Wir müssen in absehbarer Zeit unbedingt einen geeigneten Platz finden, wo wir die dringend erforderlichen Säuberungs- und Sortierarbeiten vornehmen können.
Aber noch nicht heute, denn in Twyfelfontein wollen wir uns die berühmten Felsgravuren, ein absolutes touristisches „Muß“ in dieser Region, ansehen. Etwas enttäuscht stellen wir fest, daß dies nicht im Alleingang, sondern nur in Begleitung eines Rangers möglich ist. Wir buchen also notgedrungen eine entsprechende Führung. Ich bin über alle Maßen und sehr angenehm überrascht, daß sich der Guide als ein bildhübsches, graziles, junges Damaramädchen herausstellt. Barfuß klettert sie gelenkig und trittsicher wie eine Gemse vor uns den Berg hinauf und zeigt uns die interessantesten Stellen. Aus der Fülle von mehreren tausend Felsgravuren ragen ein Löwe mit abgeknicktem Schwanz, eine ganz besonders gut gelungene Giraffe sowie ein überdimensionaler Elefant heraus.
Aber eigentlich sind alle Gravuren mit äußerster Präzision sehr naturalistisch ausgeführt und vermitteln einen realistischen Eindruck davon, was die Bewohner dieses weitläufigen Hochtals vor mehr als dreitausend Jahren auf ihrem Speisezettel hatten. Kurze Abstecher zum „Verbrannten Berg“, einem durch Vulkanausbrüche total schwarz verrußten Bergkamm, und zu den „Orgelpfeifen“, scharfkantigen, glatten Basaltsäulen gleichfalls vulkanischen Ursprungs, komplettieren das Besichtigungsprogramm des heutigen Tages. In Khorixas wollen wir in einem durch unseren Reiseführer ausgewiesenen Restcamp einen verspäteten Lunch einnehmen.
Doch bevor es dazu kommt, fließt Blut: R. kruschtelt über den Beifahrersitz, den Körper dabei halb verdreht, auf dem Rücksitz herum, um aus einer ihrer unzähligen Taschen irgendetwas herauszunehmen. Einen Fuß hat sie dabei schon auf dem Trittbrett abgesetzt. Sie rutscht aus und schrammt dabei mit ihrem Schienbein und dem dazugehörigen hübschen Knie über die metallene Trittbrettleiste. Die Leiste war widerstandsfähiger als ihre Haut... Als Schmerz bei ihr und Schreck bei mir überwunden sind und das Blut abgewaschen ist, erkläre ich ihr noch einmal ganz langsam, daß wir im Urlaub sind und Zeit haben, daß der Toyota zum Fahrgastraum hin vier Türen besitzt und diese sich auch öffnen lassen, daß, wenn sie so weitermacht, ihre Schönheit bald ganz futsch ist, und daß ich sie natürlich noch brauche. Und nicht nur auf dieser Reise, und da auch nicht nur zum Kartenlesen... Es ist aber alles halb so schlimm, sie hat sich nicht ernstlich verletzt, nach der Rast können wir unsere Fahrt fortsetzen.
Heutiges Ziel ist die Vingerklip - Lodge, von der uns unterwegs schon etliche andere Touristen vorgeschwärmt haben und die in den höchsten Tönen gelobt wurde.
Sie ist wirklich einzigartig schön gelegen, das Haupthaus mit Pool, Restaurant, Terrasse und Bar auf einem Hügel, die einzelnen, luxuriösen Bungalows versetzt darunter gruppiert. Vom Hügel aus öffnet sich der Blick auf der einen Seite über ein weites Tal, das von dunklen, schroffen Bergen begrenzt wird. Die andere Seite wird von der Fingerklippe, einer mächtigen, 35 m hohen Säule dominiert, die am späten Nachmittag von der untergehenden Sonne blutrot (das hatten wir heute doch schon einmal?) gefärbt wird.
Unsere Gastgeber überraschen uns vor dem Dinner mit der Frage, ob wir wirklich vollkommen „ungebucht“ das Land bereisen. Sie können es kaum glauben, daß wir fast gänzlich ohne Reservierungen und festen Tourenplan unterwegs sind und uns ausschließlich dort Quartier suchen, wo es uns gefällt. Zumindest in dieser Lodge, die eigentlich bei allen Anbietern von Luxusreisen durch Namibia in sämtlichen Katalogen erwähnt wird, sind wir wohl mit unserer Art des Reisens offensichtlich Exoten.
Teil 1621. Aug. 2013
Freitag, 28. 6. 1996
Wo gibt es für uns einen Ort mit genügend Platz und Freiraum, mit leicht zugänglichem Wasseranschluß und ausreichend freien Mülltonnen, von der Fingerklippe möglichst schnell erreichbar, relativ preisgünstig, aber trotzdem mit hohem Unterhaltungswert? Natürlich, ein Camp in der Etosha - Pfanne! Also, nichts wie hin. In Outjo besorgen wir die erforderlichen Zutaten für ein nach unseren Vorstellungen zünftiges Braai, denn wir wollen ein letztes Mal grillen. Und in Halali erhalten wir glücklicherweise auch noch ein geräumiges Zimmer. Ein Bungalow wie bei unserem ersten Besuch ist leider nicht mehr frei, denn es sind jede Menge Südafrikaner, die jetzt Schulferien haben, unterwegs.
Heute Nachmittag starten wir unsere Säuberungs-, Umpack-, Entstaubungs-, Putz- und Entrümpelungsaktion. Ich schleppe sämtliche Koffer, Taschen, Beutel und Kartons in das Zimmer. R. trennt Schmutzwäsche von ungebrauchten Kleidungsstücken, verstaut empfindliche Souvenirs weich und sicher, wäscht verstaubtes Geschirr und Bestecke ab, sortiert Lebensmittel aus, die wir nicht mehr benötigen, und packt, soweit schon möglich, für die Rückreise. Dabei wird uns so richtig bewußt, wieviel unnötigen Krimskrams wir mitgeschleppt haben, wieviele ungetragene Jeans, Hemden, Blusen und sonstige Wäschestücke fein säuberlich zusammengelegt, wieviele Bücher ungelesen, wieviele Gesellschaftsspiele ungespielt in den Koffern geblieben sind. Na, ja, die Jungens und Mädchen brauchen ab und an auch einmal Luftveränderung... Derweil kümmere ich mich um das Fahrzeug. Bewaffnet mit Besen, Handfeger und Schaufel nehme ich erst einmal eine Grobreinigung vor. Binnen Sekunden bin ich in eine dichte Staubwolke eingehüllt, die sich nur ganz langsam verzieht. Schaufelweise entferne ich Sand, Staub, Papierfetzen, vorsorglich zum Unterlegen bei einem eventuell erforderlichen nochmaligen Reifenwechsel mitgenommene Steine von der Ladefläche und aus dem Fahrgastraum, säubere Wasser- und Benzinkanister, sichte und ordne das Bordwerkzeug, leere Handschuh- und Ablagefach, putze Armaturenbrett und Fenster, placke mich ab und fluche dabei ob der ungewohnten, schmutzigen Arbeit wie ein Kesselflicker.
Zwischenzeitlich schaue ich immer wieder einmal bei R. vorbei, denn es interessiert mich brennend, wie sich ihr zweifellos überragendes Organisations- und Planungstalent in der Praxis bewährt. Sie bewältigt alles hervorragend, auch in angemessener Zeit, ist zu Recht stolz auf die vollbrachte Leistung. Interessiert höre ich mir an, welchen schmutzigen Socken sie in welche Tasche gepackt hat und warum in diese und nicht in eine andere, welches jeweilige System zur Anwendung gekommen ist und daß sie bald fertig sei. Dann „bittet“ sie mich, einen der Koffer zu schließen. Ich entspreche natürlich sofort ihrem „Wunsch“, klappe den Deckel zu, lasse die Schlösser einschnappen, schließe sie mit den dafür vorgesehenen Schlüsseln und sichere den Koffer zusätzlich mit einem straff anzuziehenden Riemen. Da wirft sich R. plötzlich platschend auf den Boden, eine große Entfernung hat sie dabei ja nicht zu überwinden, und linst erst in das eine, dann in das andere Kofferschlüsselloch. Verblüfft beobachte ich sie dabei. Versucht sie zu ergründen, ob die nicht getragenen Hemden noch glatt, die Slips noch ordentlich zusammengelegt sind, ob im Koffer noch alles seine Richtigkeit hat? Nein, weit gefehlt! Sie bedeutet mir, daß der Schnapper (oder wie sich dieses Ding auch immer nennen mag) des linken Schlosses mindestens einen Millimeter mehr Spielraum hat als der auf der rechten Seite. Sie erklärt mir sehr, sehr ausführlich, was dadurch auf der Fahrt und dem Flug alles passieren kann. Natürlich weiß ich sofort, daß ich den Koffer wieder öffnen, neu packen und schließen muß, Widerrede ist da vollkommen zwecklos. Schließlich haben wir gemeinsam auch dieses ohne Zweifel schwierige Problem zur „beiderseitigen“ Zufriedenheit gelöst und ich kann mich sehr viel wichtigeren Dingen widmen, wie beispielsweise Bier für den heutigen Abend besorgen...
Zu unserer großen Überraschung bezieht etwas später ein junges Paar, das wir schon in Sesfontein getroffen haben, das Zimmer neben uns. Auch sie haben ihre geplante Route erheblich abgeändert und sind richtig happy, für die heutige Nacht das letzte Zimmer in Halali ergattert zu haben. Ansonsten campen sie, aber die letzten Nächte müssen wohl empfindlich kalt gewesen sein. Wir beschließen, gemeinsam zu grillen.
Das Gemüse in dem Braai - Topf ist bereits gar und duftet verlockend. Wir sitzen um einen Tisch nahe bei dem gemauerten Grill und warten darauf, daß die Steaks serviert werden können. Um auf dem Tisch Platz zu schaffen, deponiere ich den Braai - Topf erst einmal darunter. Keine gute Idee, wie sich sehr bald herausstellt, denn kurz darauf tritt ein großes, schwergewichtiges, trampeliges Schussel dagegen. Alles nicht so schlimm, kann ja mal passieren, es ist schließlich nur ganz wenig Flüssigkeit ausgelaufen, der blöde Topf steht auch unglücklicherweise genau im Schlagschatten des Tisches, ist zudem noch schwarz wie die uns umgebende Nacht und folglich im funzligen Licht der Taschenlampe kaum auszumachen. Aber daß derselbe hektische, überhebliche Klugscheißer, der sich so gern über andere Leute und speziell über seine liebe, kleine R. lustig macht, ohne erheblich angesoffen zu sein kaum fünf Minuten später mit seinen unegalen Füßen noch einmal dagegegenlatscht und dabei mindestens die Hälfte des Topfinhalts verschüttet, spottet jeder Beschreibung. Ich könnte mich vor Wut sonstwohin beißen, daß ausgerechnet mir das unterlaufen muß. Es kommt erschwerend dazu, daß R. heute das Gemüse geputzt hat... Das noch vorhandene Grünzeug wird gerecht geteilt, es sieht, in Anlehnung an Loriot, sehr schön übersichtlich aus auf den Tellern, aber die Fleischportionen sind mehr als ausreichend.
Heute wird es sehr spät, drei ausgesprochene Quatschtüten haben sich gesucht und gefunden. Nachdem die Reiseerfahrungen aus Namibia ausgetauscht sind, helfen ausschweifende Erzählungen von vorangegangenen anderen Urlauben weiter, gefolgt von detaillierten Situationsberichten aus dem jeweiligen persönlichen Umfeld in Deutschland. Nach etwa vier Stunden komme ich kaum noch zu Wort, eine Stunde später beginne ich mit Aufräumarbeiten, in der Hoffnung, ein mehr oder weniger deutliches Zeichen zum baldigen Aufbruch zu setzen. Man nimmt mein Bemühen zwar höflich und dankbar, indem man mir schmutzige Teller, Gläser und Bestecke anreicht, aber sonst ohne erkennbares Verstehen zur Kenntnis, denn zwischenzeitlich ist man, wenn ich die für mich verständlichen Gesprächsfetzen richtig deute, bei derartig hochinteressanten, ja sogar brisanten Themen wie richtiger Bodenpflege des gefliesten Waschraums bei gleichzeitiger Beaufsichtigung eigener oder fremder Kinder bzw. der spirituellen Deutung umfallender Leitern in Nordkorea angelangt. Vielleicht waren es auch andere Themen, aber man wird ja wohl ein wenig übertreiben dürfen, und für mich hat es sich zumindest so ähnlich angehört... Aber auch der längste Abend geht einmal zu Ende, als ich von einem ausgiebigen nächtlichen Spaziergang zurückkehre, sprechen alle Anzeichen dafür, daß entweder Müdigkeit, Erschöpfung oder Muskelkater der Stimmbänder (wenn das überhaupt möglich ist) ihren Tribut einfordern, die zwei Quatschtanten und der Quatschonkel beschließen, schlafen zu gehen. Dankbar, äußerst dankbar, schließe ich mich an.
Samstag, 29. 6. 1996
Der Tag beginnt für mich mit einem inneren Vorbeimarsch: R., ausgerechnet diese kleine Erbsenzählerin, hat das Permit für den Park verbaselt, und ohne dieses niedliche, kleine Papierchen mit vielen bunten Stempelchen läßt man uns nicht wieder aus dem Park heraus... Sämtliche auch nur entfernt dafür in Frage kommenden Taschen und Täschchen werden gefilzt und gewendet, andere, noch vorhandene Dokumente daraufhin überprüft, ob sich das Mistding dahinter verkrümelt hat, Mülltonnen umgestülpt und mit spitzen Fingern durchgesehen, Koffer und Reisetaschen geöffnet, durchsucht und wieder geschlossen, das aussortierte Altpapier wird noch einmal genauestens gesichtet, es hilft alles nichts, das Permit bleibt verschwunden. Als einzige Möglichkeit bleibt, daß die Putzhilfe, der wir unsere restlichen Lebensmittel geschenkt haben, das Ding versehentlich mitgenommen hat. Ich gehe also ins Office und schildere dem Parkranger das Malheur. Auf die Frage nach dem Namen muß ich passen, und wie sie ausgesehen hat, weiß ich auch nur noch sehr unvollständig: schwarz eben, vielleicht zwischen dreißig und fünfzig, relativ schlank, mittelgroß, grüner Kittel. Der Ranger und ich begeben uns auf dem ausgedehnten Campgelände auf die Suche, wobei ich die weiblichen und schwarzen Angestellten sehr genau mustere. Es ist aber nicht übermäßig ergiebig, sie sind nicht besonders hübsch, und die Gesuchte ist auch nicht dabei. Nach geraumer Zeit bemerken wir jedoch in einiger Entfernung eine kleine Gestalt, die mit wilden Arm- und Beinbewegungen einen Hampelmann imitiert. Als wir etwas näher kommen, erkenne ich R. Sie wedelt fröhlich mit dem vermißten Papierstück und erklärt uns freudestrahlend, daß sie den Ausreißer gerade eben in der Tasche mit der imaginären Nummer siebenundvierzig entdeckt hat. Diese Tasche sei von ihr noch nie benutzt worden, sie könne sich auch nicht erinnern, das Permit da hinein gesteckt zu haben, und ob ich das nicht gewesen wäre... Der Ranger steht grinsend daneben. Ich weiß nicht, ob er genügend Deutsch versteht, aber helfen kann ich ihm im Augenblick auch nicht, denn mir fällt doch partout der englische Ausdruck für „blöde Tussi“ nicht ein!
Auf der Rückfahrt zum Parkausgang besuchen wir noch einmal sämtliche Wasserlöcher, an denen wir besonders viele Tiere gesehen und so viele interessante Beobachtungen gemacht haben. Schon etwas wehmütig nehmen wir Abschied von Etosha.
Wir übernachten cirka dreißig Kilometer außerhalb des Parks in der Toshari - Inn. Das Essen ist mies, Bier schmeckt auch nicht richtig, wahrscheinlich sind wir nach der vorhergehenden Nacht total übermüdet. Und dagegen tun wir schon am frühen Abend etwas.
Teil 1723. Aug. 2013
Sonntag, 30. 6. 1996
Diesen letzten Fahrtag müssen wir unbedingt noch sinnvoll gestalten. Nach Windhoek sind es ja nur noch schlappe vierhundert Kilometer, also lohnt sich ein „kleiner“ Umweg zum Waterberg. Das sind für Hin- und Rückfahrt nur einhundertzwanzig Kilometer mehr. Das Waterberg - Plateau wird als Wanderparadies ausgelobt, und wir lassen es uns nicht nehmen, trotz stechender Sonne und größter Mittagshitze einen Aussichtsweg in Angriff zu nehmen. Aber die Greifvögel, die angeblich in Massen die steten Aufwinde nutzen, um kreisend Höhe zu gewinnen, halten wohl vernünftigerweise gerade Siesta, und nur impertinente, lästige Fliegen begleiten uns auf unserem beschwerlichen Weg. Nach einer Stunde haben wir die „Faxen dicke“ und steigen wieder in unser Auto. Man gut, denn irgendwie haben wir uns mit der Zeit wieder vertan. Die restliche Strecke nach Windhoek ziiieht sich...
Gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang sind wir in der Sundown - Lodge. Wir haben hier ausnahmsweise eine Zimmerreservierung, weil dieses Hotel mit einem Fernseher ausgestattet ist. Darauf haben „wir“ Wert gelegt, denn heute abend wird das Endspiel der Fußballeuropameisterschaft übertragen. Als ich an der Reception beim Einchecken darauf hinweise, daß wir reserviert haben, bricht bei den Betreibern der Lodge das reinste Chaos aus, sie finden die Reservierung nicht. Drei Mann wühlen erst nacheinander, dann gleichzeitig, sich dabei fast die Blätter aus den Händen reißend, Papierstapel durch, finden natürlich nichts, schreien nach der Frau des Hauses, die an dieser Aktion noch nicht beteiligt ist. Doch die läßt sich (aus gutem Grund?) vorerst nicht sehen. Meine Frage, ob denn überhaupt noch ein Zimmer frei sei, überrascht sie sichtlich. Sie sind nicht ausgebucht. Schließlich erreiche ich, daß wir erst unser Zimmer beziehen können und sie ihre Suchaktion ohne mich fortsetzen. Hektiker, aber liebenswerte Menschen, wie wir im Verlauf des Abends feststellen.
An der Sundowner - Bar finden sich vor dem Abendessen gleichgesinnte Seelen ein: außer uns alles Sportfischer. Stolz werden Bilder präsentiert, auf denen ausgewachsene Männer kleine, tote Fische am Kiemen oder am Schwanz halten, die besten, bisher absolut geheimgehaltenen Angelgründe diskutiert und die unwahrscheinlichsten Abenteuer geschildert, die natürlich alle irgenwie mit diesen glitschigen, glatten, kalten Wesen zusammenhängen, die ihr stummes Leben im Wasser verbringen. Das Fußballspiel betrachten wir in großer Runde, alle Gäste des Hotels haben sich im Fernsehzimmer eingefunden. Das Ergebnis löst aber keinen lauten Jubel aus, dazu war die Qualität des Spiels denn doch zu schlecht. Sind eben richtige Masselmolche, Berties Buben.
Montag, 1. 7. 1996
Gemütlich gondeln wir die letzten zwanzig Kilometer unserer Reise nach Windhoek. Bevor wir den Wagen bei unserem Vermieter A. wieder abgeben, unternehmen wir eine kurze Stippvisite durch ein ehemaliges Township, das auch jetzt noch ausschließlich von Schwarzen bewohnt wird.
Die Wagenübergabe ist kurz und schmerzlos, aber wir haben den Kameraden, der uns treu und redlich fast genau achttausend Kilometer durch Namibia, Botswana und Zimbabwe getragen hat, ja auch immer pfleglich behandelt. Zum Abschied tätschele ich dem Toyota liebevoll den linken Kotflügel. Wir besprechen mit Tina, wie der Transfer zum Flughafen für den morgigen Rückflug geregelt ist, und bummeln anschließend durch Windhoek. R. schenkt mir als Dank für meine Dienste als Fahrer durch das südliche Afrika einen wunderschönen Geldbeutel aus Straußenleder. Vorher klappern wir jedoch sämtliche Ledergeschäfte in der City ab, denn der Preis aus dem ersten Geschäft erschien mir denn doch zu hoch. Und tatsächlich sparen wir schließlich über einhundert Namibiadollar. Ich finde nach längerem Suchen auch noch eine neue Pfeifentasche, Sonderangebot, dreißig Prozent reduziert. Stört mich aber nicht, ganz im Gegenteil. Viel Zeit nehmen wir uns für das Studium der Speisekarten, denn das Restaurant des Hotels Steiner wird renoviert. Wir müssen also „außerhalb“ essen. Zum Schluß kennen wir jede einzelne Karte auswendig, wissen aber immer noch nicht, auf was wir eigentlich Appetit haben.
Um die Zeit zu überbrücken, begeben wir uns erst einmal auf die Suche nach Hererofrauen mit ihren bunten Trachten. R. hat mir immer noch nicht verziehen, daß ich in Opuwo, wo ich die Himbamaiden aufs Bild gebannt habe, die Hererofrau, die an deren Seite kauerte, unberücksichtigt ließ. Hätte mir aber die ganze Aufnahme versaut, eine vermummte Alte und drei junge, grazile, fast nackte Schönheiten... 😉 Heute morgen haben sich noch ganze Scharen von Hererofrauen aller Altersschichten in der Innenstadt herumgetrieben, aber jetzt am späten Nachmittag ist keine mehr aufzutreiben. Offensichtlich hat die Kommunikation zwischen ihnen hervorragend funktioniert, alle scheinen zu wissen, daß R. unbedingt noch eine Aufnahme von ihnen machen wil, und sie haben beschlossen, ihr aus unerreichbarer Ferne etwas zu flöten... Zum Trost lasse ich ihr zum Abendessen zwei Portionen Langostinos servieren (mir natürlich auch), wir trinken zum Abschied eine Flasche Wein und begeben uns alsbald zur Ruhe, denn morgen heißt es ganz, ganz früh aufstehen.
Dienstag, 2. 7. 1996
Wir schlafen sehr unruhig, obwohl wir den Wecker gestellt haben, befürchten wir, den Flieger zurück nach Deutschland zu verpassen. Schon um vier Uhr früh kriechen wir aus den Federn und checken noch einmal alles gewissenhaft durch. Gegen sechs Uhr holt uns Tina ab und bringt uns zum Flughafen, sie übernimmt dort gleich wieder neue Gäste. Zum letzten Mal erleben wir am eigenen Leibe, wie saukalt es in Afrika sein kann, wenn die Sonne noch nicht richtig aufgegangen ist. Wir bibbern, versuchen, uns durch Bewegung ein wenig warm zu halten und verstecken die Hände tief in den Jackentaschen. Trotzdem hat R. blaue Lippen. Spontan fällt uns eine Aussage der Hoffmanns von der Sinclair - Farm ein: „Afrika ist ein kaltes Land mit heißer Sonne“. Das können wir nur bestätigen.
Kurz vor acht Uhr hebt das Flugzeug ab, verlassen wir Namibia. Unter uns zieht das öde Land in den uns so sattsam bekannten staubgrauen, braunen, gelben, rötlichen und weißen Farbschattierungen vorbei, nur sehr selten von grünen Farbtupfern und endlosen Straßenbändern unterbrochen. Das ändert sich grundlegend hinter der Etosha - Pfanne. Nach der Überquerung des Kavango fliegen wir südwestlich über hohes, grünes Bergland Richtung Atlantikküste. Leider liegt Zentralafrika und somit der Äquator unter einer dichten Wolkendecke, die erst wieder über den Trockensavannen Nordafrikas aufreißt. Wenn wir die Landschaft Namibias schon als öde empfunden haben, erscheint uns die Sahara von oben sogar als tot und leblos, aber trotzdem von erhabener Schönheit. Über mehrere Flugstunden hinweg entdecken wir keine Ansiedlung, kein Dorf, keine Stadt. Einige wenige Fahrspuren durchziehen die Einsamkeit. Die majestätische Ruhe, die die riesigen Dünen, die schroffen Felsen sowie die kies- und sandbedeckten Ebenen ausstrahlen, empfinden wir sogar hier in zehntausend Meter Höhe. Vor der Mittelmeerküste kommen Turbulenzen auf uns zu, wir werden ziemlich durchgeschüttelt. Der nächste freie Blick zur Erde ist uns erst wieder kurz vor der Landung in München möglich, das ganze Mittelmeer, Sardinien, Korsika, Oberitalien und die Alpen sind wolkenverhangen. Aber kräftiger Schiebewind verkürzt unsere Flugzeit um fast zwei Stunden, und dagegen haben wir nun wirklich nichts einzuwenden.
M., der uns abholt, hat im Laufe des Tages beim Flughafen angerufen und von unserer früheren Ankunftzeit erfahren, und steht freudestrahlend hinter der Sperre und begrüßt uns. Toll! Das Wetter ist es weniger, es gießt in Strömen. Alles kommt uns fremd vor: belaubte grüne Bäume, Menschenansammlungen, belebte Straßen, auf denen alle motorisierten Verkehrsteilnehmer die falsche Fahrbahnseite benutzen, und die für unsere sensibel gewordenen Ohren enorme Geräuschkulisse. Wir laden das Gepäck in unser Auto, bedanken uns bei M. und nehmen die letzte Etappe in Angriff. Ein herrliches Gefühl, fast wie ein Schweben, mit einhundertundsechzig „Sachen“ auf der Autobahn unterwegs zu sein, ohne ständig wie ein Luchs nach Schlaglöchern, Quer- und Längsrillen, Steinen, hohen Sandverwehungen und Wildtieren auf der Fahrbahn Ausschau halten zu müssen. Die Fahrt dauert nur noch wenig mehr als zwei Stunden, dann hat der Kreis sich geschlossen, sind erlebnisreiche, manchmal strapaziöse, jedoch fast immer harmonische fünf Abenteuerwochen mit begrenztem Risiko zu Ende.
Fazit nach 17 Jahren:
Nachdem der alte Bericht von uns „wiederentdeckt“ wurde, haben wir die Reise in Gedanken noch einmal gemacht und schnell festgestellt, dass heutzutage unter ganz anderen Voraussetzungen gereist wird.
Es gab damals nur eine begrenzte Auswahl von Reiseführern. Wir haben uns orientiert an „Namibia“ von M. Iwanowski (damals anscheinend der beste Kenner von Namibia) und dem „Routenplaner Namibia“ von C. Pehlmann (beschrieb alle gängigen Routen incl. Chobe und Vic Falls).
Die Anzahl der Übernachtungsmöglichkeiten war begrenzt. Bekannte und bewährte Ziele neben den staatlichen Camps in Sesriem und Etosha waren die Gästefarm Sinclair, Ameib, Palmwag, Sesfontein, die Sambesi-Lodge und die Chobe Safari Lodge. Ziemlich neu und modern waren die Vingerklip Lodge und die Nkwazi Lodge. Alle Unterkünfte waren ok, das Essen bestand in der Regel aus normaler (meist deutscher) Hausmannskost. Ich denke, 1996 war „man“ hinsichtlich Unterkunft und Verpflegung nicht so anspruchsvoll wie heute! Es zählten mehr Land und Leute und natürlich die Tiererlebnisse. Bitte nicht als Kritik auffassen - die Zeiten haben sich inzwischen für (fast) alle geändert!!!
Wir waren unterwegs ohne GPS, Internetanschluss und Handy. Die Farmen hatten teilweise nur Gemeinschafts-Telefonanschlüsse. Nach Deutschland telefoniert (selten) wurde aus der Telefonzelle bzw. dem Postoffice.
Kreditkarten wurden selten akzeptiert. Wir hatten DM-Reiseschecks dabei und tauschten zeitaufwendig bei den Banken bzw. in Botswana und Zimbabwe an der Hotelreception.
Die Strassen bestanden überwiegend aus guten gravel-roads (auch Sesriem bis Parkplatz Sossusvlei sowie im Caprivi bis zur Grenze Botswana). Die Strasse von der Grenze Botswana nach Kasane war schon geteert – wahrscheinlich mit Gelder der EU (EWG?). Es stand jedenfalls ein entsprechendes (grosses) Schild am Grenzübergang. Das Verkehrsaufkommen war sicher wesentlich geringer als heute. Frau Hoffmann von der Sinclair-Farm berichtete, dass sie immer ein Strickzeug dabei habe, wenn sie mit dem Auto allein unterwegs sei. Im Fall einer Panne könnte es schon sein, dass stundenlang niemand vorbeikomme und sie bis dahin geduldig warten müsse (Telefon s. oben)!!
Abschliessend ist zu sagen, dass wir in den Folgejahren noch 3 x in Namibia waren, uns auch für 4 Tage in den Moremi „gewagt“ haben und momentan mit ganz kleinem Risiko regelmässig Südafrika bereisen.