Sambia + Malawi: nicht nur gesehen, sondern erlebt

66 Antworten · 27,4k Aufrufe · gestartet 01. Nov. 2011 von girwal
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Themenstarter88 Beiträge · seit 200701. Nov. 2011 · #1
Liebe Fomis

Rosmarie und ich sind von unserer Sambia-und-Malawi-Expedition zurück.
Für uns waren es fünf unglaublich eindrückliche Wochen mit vielen erhofften und auch überraschenden Begegnungen und Erlebnissen.
Wir haben versucht die Eindrücke für uns (und eventuell für euch) zu konservieren. Also haben wir einige Fotos gemacht. Aber wie konservieren wir die nicht fotografierbaren Stimmungen und Gefühle? Da hilft nur das zeitgerechte Festschreiben vor Ort in einem (teilweise emotionalen) Tagebuch.
Meine Idee:
Ich erstelle einen verfrühten Adventskalender mit den (fast unzensurierten) Tagebucheinträgen und einige Fotos.
Wenn ich im November jeden Tag einen Reisetag aufarbeite, dann füllt euch mein 30-Tage-Rapport den ganzen vernebelten November. Wann und ob ihr die teilweise langatmigen Tageserinnerungen und Fakten lest oder nur diagonal die Fotos anschaut, ist völlig euch überlassen.

Und wenn ich nachfolgend heute (es ist noch der 1.11.11) beginne, dann klappt wenigstens der Anfang.

Gruss von Girwal






Freitag, 16.09.2011
Ein wahrlich imposanter Tagesbeginn: Flug in der neuen grossen A380 von Lufthansa von Frankfurt nach Johannesburg, und erst noch in der Business Class. Langes Meilensammeln über alle Kreditkarten und Flüge hat endlich ein angenehmes Resultat ergeben. Und den Zweitnutzen von zusätzlichen 20 kg Freigepäck haben wir gezielt ausgenutzt: eine von drei Taschen ist voll von Mitbringseln für Sambia: Kleider, Taschenlampen, Taschenmesser und … davon aber später, denn selbst Rosmarie weiss nicht, was ich da noch eingepackt habe.



Während den mehr als 10 Nachtflugstunden habe ich sogar mal kurz geschlafen, die meiste Zeit aber meine schlafende Rosmarie "bewacht" und natürlich die ersten Aktivitäten nach Ankunft geistig durchgespielt, damit auch ja alles gut laufe und keine bösen Überraschungen auftreten. Und es war ein Einstieg nach Mass. Alles lief auf Anhieb gut. Der Terminalwechsel am Morgen in Joburg war zwar lang und die Warteschlangen am Zoll langwierig, aber in den vorhandenen eineinhalb Stunden gerade machbar. Vielleicht war es auch die erste Anpassung an den afrikanischen Lebensrhythmus, der uns beiden doch so gut tut. Der 2h-Weiterflug nach Lusaka ist dann nur noch eine kleine Zugabe und sogar das Gepäck kommt schnell und vollständig und unbeschadet an (erstmals haben wir es umwickeln lassen nach nicht ganz so guten Erfahrungen im vergangenen Jahr).
Und jetzt beginnt Afrika oder der kleine Unterschied zu den europäischen Vorstellungen. Erste Schwierigkeiten gibt es beim Geldwechsel am Flughafen. Obwohl die Leuchtanzeige auch einen tagesaktuellen Wechselkurs für botswanische Pula anzeigt lehnt die Barcly’s Bank diesen Umtausch ab und will auch von US-Dollar Travellers Cheques und Kreditkarten nichts wissen. Zum Glück habe ich auch noch einen Restposten an südafrikanischen Rand und genug USD-Bargeld. Der Auto-Vermieter (Limo Hire) wartet schon und bringt uns zum (seit fast einem Jahr reservierten) Landcruiser mit Dachzelt.



Man merkt dem Vermieter eine völlig unafrikanische Eile (oder ist es Desinteresse?) an. Er telefoniert mehr mit anderen und und möchte schnell fertig sein. Leider lasse ich mich teilweise vom Übergabe-Schnellgang anstecken obwohl ich eine eigene detaillierte Abnahme-Checkliste erstellt habe und auch Rosmarie als Inspektor-Sekundatin instruiert habe. Demnach lassen wir uns mitten auf dem Flughafenparkplatz das Aufstellen des Dachzeltes (wir waren noch in einem Dachzelt) nicht wie geplant demonstrieren. Später zeigt sich dann, dass dies wohl der erste dümmliche Fehler in diesen Ferien war, denn die Rache kam keine 2 h später.



Was ist zu tun, wenn sich das (im offenen Zustand gut ersichtlich) schlecht montierte Dachzelt nicht bis zur Ebene aufklappen lässt? Wie sollen wir ins Dachzelt steigen, wenn die Leiter zirka 20 cm zu kurz ist? Wie sollen wir die Frischluftfenster offen fixieren können, wenn die Distanzhalter dazu fehlen? Beim Ersten versuchst du dich als Korrekturmechaniker, beim Zweiten wirst du zum Steinfundamentbauer und beim Dritten übst du dich im Schilfrohrschneiden neben der Campsite. Und dabei läuft die Zeit davon, es dunkelt schnell, die gute Laune von beiden sinkt merklich, das Chaos im Fahrzeug drin wird noch grösser als nach dem Einkauf und ans Kochen denkt weder Rosmarie noch ich. Und folglich heisst dann unser erstes Camping-Nachtessen: Wasser, Butterbrot und Papaya-Schnitze.



Aber nach all den Businessflug-Mahlzeiten genügt dies energetisch und kulinarisch vollauf, und nach dem ersten Schock über die hohen Lebensmittelpreise in diesem armen Land sowieso. Unser erster Einkauf von Lebensmitteln für die nächsten 6 Tage hat volle 586‘000 sambische Kwacha gekostet. (1 USD = 4850 Kwacha).
Der kunterbunte Reigen an ersten Eindrücken und die Reisemüdigkeit bringen Rosmarie bereits um 19:30 Uhr ins Dachzelt. Oder ist es ihre Neugier zum neuartigen Schlafzimmer?
Ich selbst bin gespannt, wie sie ihre erste Dachzeltnacht morgen schildern wird. Sie wollte ja unbedingt einmal Ferien im Dachzelt. Ja, sie machte das Dachzelt sogar zur Bedingung damit sie mitkomme. Also gilt für mich: lieber Rosmarie und Dachzelt als alleine reisen und kochen müssen! Lusaka, Pioneers Campsite: 5 USD pppn . Wertung: schöne ruhige Lage, wenig Schatten (noch kahle Bäume), gute Sanitäranlagen
233 Beiträge · seit 201002. Nov. 2011 · #2
Hallo Girwal

Deine Idee mit dem novemberlichen Adventskalender finde ich klasse, der Beitrag ist abonniert. Freue mich auf die Fortsetzung.
Du bist ja ziemlich schnell mit deinem Reisebericht fertig geworden. Ich ging eine Woche früher als du nach Afrika und bin immer noch dran am schreiben.


Viele Grüsse
Sven
Reisebericht: Staubig, Trocken, Heiss – Botswana/Namibia 2011 Reisebericht: 2x Big-Five in Kenia und Tansania 2013 Reisebericht: Spuren im Sand - Sambia 2014 - Vom Rand des Höllenlochs ins Inselparadies - Tansania 2016
137 Beiträge · seit 201002. Nov. 2011 · #3
Sehr spannend und eine schoene Idee 🙂
Freue mich schon auf die Fortsetzung und Einstimmung...bei uns geht's Mitte Dezember wieder los...

Freundliche Gruesse aus WHK,
Ursula
3'700 Beiträge · seit 200902. Nov. 2011 · #4
Hallo Girwal,
lieber Rosmarie und Dachzelt als alleine reisen und kochen müssen!
-> wer seine Rosi liebt, der dachzeltelt! 😄

Dein Humor lässt auf einen äußerst interessanten Reisebericht schließen, der sofort abonniert ist!

Herzlichen Dank für´s Schreiben
Marina
Das Morgen gehört demjenigen, der sich heute darauf vorbereitet. Afrikanische Weisheit www.butterblume-in-afrika.de
Themenstarter88 Beiträge · seit 200702. Nov. 2011 · #5
Samstag, 17.09.2011
Eigentlich ganz wie erhofft und erwartet: Rosmarie hat (im Gegensatz zu mir) gut und lang geschlafen. Eigentlich auch klar, dass sie das Dachzelt als tolle Übernachtungsart deklariert. Meine Wertung der Nacht: wenigstens ein weiches Kissen (auch dies haben wir vorsorglich mitgebracht), wenn ich stundenlang in den Sternenhimmel schaue. Es folgt ein gemütliches Frühstück, nicht mehr so spartanisch wie der gestrige "Znacht".
Aber etwas haben wir noch nicht im Griff: das richtige Laden des Autos; und von Systematik ist schon gar nichts mehr zu sehen nach dem kurzen Ergänzungseinkauf bei Spar in den Arcades in Lusaka (heute nur für 95000 Kwacha, aber immerhin Filets und damit ein wenig Hoffnung darunter).
Jetzt geht es los Richtung Kafue Nationalpark. Nach dem Stossverkehr durch Lusaka kommen wir auf gut asphaltierter Strasse zügig (80-90 km/h) voran. Bei der Abzweigung vor Mumbwe beginnt dann mein Fahrer-Challenge. Als erste Dosis aber nur drei ganz ruppige km, bevor dann die Schotterstrasse mal totale Ebenheit, mal Waschbrett und mal tiefe Schlaglöcher präsentiert. Höchste Fahreraufmerksamkeit ist jedenfalls nötig um zerstörerischen Schläge zu vermeiden. Aber ich fühle mich als alter Traktorfahrer so richtig im Element. Und wir bringen im Durchschnitt doch 40 km pro Stunde hin. Kaffeepause machen wir auf einem Ackerfeld unter einem grossen schattigen Baum. Das Wetter ist angenehm warm. Nur der Wind bläst so, dass das Kaffeewasser auf dem Gaskocher nur zum Sieden kommt, wenn ich nebst den Stühlen auch noch als Windschutz hinstehe.
Bis anhin am auffallendsten: die Einheimischen und ihre Velotransporte. Was da nicht alles auf einem starken Gepäckträger mitgeführt wird: nicht nur Frau und Kind und Taschen, sondern auch mehrere grosse Säcke Holzkohle oder gar lebende Ziegen.





Und wir wunderten uns, weshalb die meisten Velofahrer dann bergab gehen statt fahren. Bald war es klar: weil die meisten Velos – oder sagen wir dem lieber Inline-Schubkarren ? - keine Bremsen haben.

Die Tiersichtung war aber bis dahin bescheiden: nur einzelne Hunde und Esel und viele Hühner, Ziegen, Kühe sowie 2 Strausse. Dies änderte sich aber rasch nach dem (unbemannten) Parkeintritt in den Kafue NP am Kabalushi Gate: erst eine lustige Affenfamilie, dann schon meine Lieblinge, die Warzenschweine und .....



....bei der ersten Pinkelpause gleich Dutzende von aggressiven Tsetse-Stechfliegen. Also sofort wieder Hosen rauf, rein ins Auto und alle Türen und Fenster zu. Und dann war ein mehrminütiges „Tsetse platthauen“ angesagt. Bald zweigen wir auf die wohl gut 20 km lange Feldweg-Zufahrt zum McBrides Camp ab. Und kaum sind wir aus dem Wald und auf der Grasebene, da beginnt ein Tierschaulaufen in völlig unerwarteter Vielfalt. Erste einige, dann viele Impalas



und grosse Warzenschweine mit drolligen Jungen, dann auch mehrere Wasserböcke und Pukus,



ein riesiger Elefantenbulle mit nur noch einem halben Stosszahn,



ein Kampfadler mit Beute und noch ein anderer Adler, welcher nur 10m vor dem Auto mit einer Schlange in den Klauen davon fliegt. Wir legen diese Eindrücke gut im Gedächtnis ab, denn ans Fenster öffnen und fotografieren ist bei der grossen Anzahl der aussen mitfahrenden Fans (Tsetses) einfach nicht zu denken. Einige dieser ganz grossen Verehrer bleiben ungeschlachtet bei uns im Auto bis zum McBrides Camp. Dort versichert uns Frau McBrides, dass diese beim Durchlüften des Autos wegfliegen und weg bleiben würden, weil diese nur im Miombowald leben, aber nicht in Ufernähe. Aber nicht erwähnt oder nicht vermutet hat sie, dass unsere letzten und grössten Fans zum Abschied noch eine frische Prise Menschenblut in den Wald zurück nehmen wollten. Aber es wurde tatsächlich mit der Zeit besser und es wurde letztlich ein mückenloser Campingabend der feinsten Sorte: ein einsamer Platz mit Sicht auf den Fluss (Kafue), das Grunzen der Hippos (auch für mich Schwerhörigen nicht zu überhören), ein tolles Lagerfeuer, ein Filet-Nachtessen (von Rosmarie lecker zubereitet in einer alten und zerbeulten Pfanne) und das Ganze getopt mit einem Schluck südafrikanischem Wein. Da baumelt dann die Seele, vor allem die von Rosmarie. Sie ist so glücklich (und müde), dass sie schon wieder vor 20 Uhr in „ihr“ Dachzelt klettert.

Kafue NP :
Parkeintritt 20 USD pro Person/Tag, Auto zusätzlich 4 USD pro Tag
Mc Brides Camp:
Wertung : idyllische Lage, sehr ruhig, 3 später nur 1 Camper-Autos (von ca. 6 möglichen)
Themenstarter88 Beiträge · seit 200703. Nov. 2011 · #6
Sonntag, 18.09.2011
Ein Sonntag fast wie zu Hause: früh aufstehen und ohne Frühstück ab in den Wald. Nur heute eben anderswo, andersartig, ein Drittel so schnell und erst noch geführt und bewacht. Lady McBrides geht um 6:30 Uhr mit uns und zwei weiteren Touristen und einem lokalen Assistenten auf Game Walk; erstaunlicherweise sie mit umgehängter Knarre. Ob diese Knarre sie selbst oder uns beruhigen soll, weiss ich allerdings nicht. Wen würde sie wohl treffen, wenn sich plötzlich ein Löwe von hinten auf mich stürzt? Lassen wir lieber diese Gedankenspiele und fühlen wir uns lieber wie sich eben Zweibein-Pirscher auf Vierbeiner-Fährte fühlen können: der Natur unterlegen oder eben fasziniert von ihr. Trotz Orientierung an frischen Fussabdrücken und frischem Kot sowie langem mucksmäuschen-stillem Suchen und Vorwärtsschleichen ist von Elefanten und Löwen nichts zu sehen. Zu sehen sind lediglich Pukus, Impalas, Warzen-schweine auf grössere Distanz und drei oder vier auffällige Vogelarten. Kompensiert wird diese geringe Tiersichtung allerdings durch interessante Informationen der Lady McBrides zu diesen Tieren und den angetroffenen Pflanzen. Auch ein Termitenhaufen oder dürre und blühende Bäume haben ihren visuellen Charme und für uns viel Wissenswertes zu bieten.





Nach diesen zwei gemütlichen Stunden wird es für uns noch gemütlicher: spätes, langes Frühstück mit Spiegeleiern (herrlich zubereitet von Kochlehrling Walter) im inzwischen völlig vereinsamten Campingareal. Und ebenso befreiend ist das anschliessende Freiluftduschen. Und dabei funktioniert sogar das Warmwasser, welches in einem Buschboiler (=altes umfunktioniertes Fass) erhitzt wird.



Auch das erste Kleiderwaschen, das Plaudern à gogo und die Planung der weiteren Aktivitäten laufen bereits mit afrikanischer Drehzahl (sprich gemächlich) im Schatten unter dem Dachzelt. Dort ist es noch erträglich warm, aber unter der vollen Sonne schon echt heiss.
Es ist schon weit nach Mittag als Rosmarie europäischem Tatendrang erliegt und mutig auf unbegleiteten Mini-Walk zum Flussufer geht. Während ich endlich Ordnung herstelle bei den offenen Taschen und Kisten im Auto, kommt Rosmarie unerwartet zurück gerannt und ruft mir zu, es wären Hippos (ihre alten Todfeinde) da und sogar an Land. Also sofort den Sonnenhut auf, Kamera, Televorsatz und Stativ in den Rucksack, das Auto abgeschlossen und im Sturmschritt auch an den Fluss. Hätte ich vorsichtigerweise noch meine Pfefferspray-Kanone mitnehmen sollen? Denkste! Denn wieder stossen wir euro- päische Stürmer auf afrikanische Siesta-Figuren: obergemütlich stehen oder liegen dort massige grosse und kleinere Hippos im Halbschatten einer kleinen Seitenbucht des Kafue als könnten sie niemandem ein Haar krümmen.





Trotzdem gehe ich vorsichtig in Etappen näher und versuche durch die Lücken im Gebüsch Fotos zu machen ohne als Störenfried aufzufallen. Alles bleibt über zwei Annäherungsetappen ruhig, bis plötzlich die meisten Hippos aufspringen und regelrecht ins Wasser rennen.



Sie tauchen auch gleich unter und die meisten tauchen schon bald wieder mit Augen, Ohren und Schnauze auf. Wo aber bleiben die restlichen Hippos? Bereiten sie einen nicht erkennbaren Unterwasserangriff von halb hinten vor? Mir (und natürlich Rosmarie noch mehr) wird es mulmig und wir bereiten unseren zügigen Rückzug vor in Kenntnis der Schnelllauf-Fähigkeiten und Aggressivität gewisser Hippofamilien.
Nach kühlendem Kola bzw. Bier beim sicheren Auto und der vermeintlich sichernden Pfefferspray-Kanone (wurde diese je 1:1 getestet gegenüber Hippos???) gehen wir gegen 16 Uhr alleine auf Game Drive. Im sicheren Auto, versteht sich wohl von selbst. Grösste Eindrücke an diesem Spätnachmittag: grosse Herden von Pukus und Impalas und viele Walter-Lieblinge (Warzenschweine). Neusichtung: zwei stattliche Kudus.
Und schon steht der letzte bedeutende Themenwechsel des heutigen Tages an. Weil das Filet-Nachtessen am Lagerfeuer gestern so unter die Haut gegangen ist, wollen wir heute gleich nachdoppeln. Einzige Unterschiede: „Gschwellti“ statt Teigwaren und selber Holz suchen für das Lagerfeuer. Und das Ganze hat nochmals wohl getan an Leib und Seele. Darob vergisst Rosmarie sogar ihre wahrscheinlich von Wanzen des Dachzeltes herrührenden geschwollenen und juckenden Flecken am Bein.
Ja, und wohin verzieht sich dann mein Weiblein noch vor 20 Uhr? Ganz klar, ins obere Stockwerk des Landcruisers. Und ebenso klar: ich lasse sie ungestört träumen und schreibe noch Tagebuch im Parterre bis das Lagerfeuer nur noch ein rot glühender Haufen ist und es mich inzwischen ganz hübsch fröstelt.

Kafue NP; McBrides Camp
Tagesdistanz: zu Fuss einige km
im Auto 13 km
1'737 Beiträge · seit 201003. Nov. 2011 · #7
Hallo girwal,

vielen Dank, dass Du uns an Euren Erlebnissen in Sambia und Malawi teilhaben lässt. Es macht richtig Spaß Dein Tagebuch zu verfolgen und versüßt die Zeit des Wartens bis zu unserer nächsten Afrikatour.

LG
Botswanadreams
www.botswanadreams.de "Alles, was ich jetzt wollte, war nach Afrika zurückzukommen. Ich hatte es noch nicht einmal verlassen, aber wenn ich nachts aufwachte, lag ich lauschend da, bereits voller Heimweh danach." Ernest Hemingway
Themenstarter88 Beiträge · seit 200704. Nov. 2011 · #8
Montag, 19.09.2011
Huuh! War diese Nacht kalt! Mit Socken im Schlafsack kann ich gerade knapp über die Schlafrunden während Rosmarie trotz langem Pyjama vor Kälte gejammert hat. Und gejammert hat sie auch wegen dem angeblich dauernden nächtlichen Gebrumm, Gejaule und Geröhre. Wohlverstanden nicht etwa von mir, sondern von ihren anderen Ferienfreunden am Fluss. Oder gar von den von ihr lang ersehnten Löwen?
Gleich gehen wir nochmals um 6:30 Uhr auf Game Walk mit Lady McBrides. Diesmal liegt der Fokus bei den Vögeln und der Ausmarsch dauert volle 3 ½ h. Neue Sichtungen sind: Schreiseeadler (fish eagle), Ohrengeier (lapped-faced vulture) und drei Elefanten in der Ferne.





Der lange Ausmarsch lässt das Frühstück dann zum Mini-Brunch mutieren, wobei ich das beginnende Kopfweh erfolgreich mit zwei Tassen Kaffee beseitigen kann. Unter diesen Umständen schmeckt sogar Standard-Nescafe-Gold hervorragend; auf Expedition braucht es gar nicht unbedingt eine Nespresso-Maschine (wie sie die südafrikanischen Camping-Nachbarn in ihrem Camping-Anhänger eingebaut haben). Die Ursache für das Kopfweh vermute ich eher im Kaffee-Entzug als in der prallen Morgensonne.

Das Wenigtun über Mittag wird nur unterbrochen durch Vogelbeobachtung und Fotografierversuche mit dem Stativ. Dies ist in der Mittagshitze (wohl gute 33° C) schweisstreibend und in der fotografischen Ausbeute zwischen niederschmetternd und resultatlos. Zum Glück haben wir für 16:30 Uhr den Boat Trip gebucht. Mit einem kleinen zweistöckigen katamaran-ähnlichen Boot geht es mit weniger als 10 Personen auf den breiten und trägen Kafue. Die sehr beschauliche Fahrt bei noch gleissender Abendsonne wirkt ungemein beruhigend.



Wir kommen mit unseren Camping-Nachbarn (einem italienischen Arzt und seiner simbabwischen, schwarzen Frau)verstärkt ins Gespräch über Zustände und die Probleme in verschiedenen Ländern der Region und die Mentalität verschiedener Völker. Hochinteressant dabei ist, auch die Meinung von echten Kennern der Situation zu hören.

Währenddessen kurvt der Bootsführer auf dem untiefen Kafue(nur 1-2 m) um mehrere Hippo-Ansammlungen. Es scheint fast so, als hätten dabei die ehemaligen Todfeinde von Rosmarie zu ihren Favoriten gewechselt: kein ersichtliches Zeichen von Angst von Rosmarie! Wie nur haben die Hippos diesen Stimmungsumschwung erreicht? Ich möchte ein Hippo sein! Zu Hause und im Geschäft wäre ich froh um diese Stimmungsumkehr-Fähigkeit. Aber lassen wir das in diesem tollen Ambiente!
Die übrige Tiersichtung bleibt auf unserer Wasserfahrt überschaubar mit einem Elefanten, einigen Reihern und kleineren Vögeln und wenigen, nicht allzu grossen Krokodilen. Ganz toll aber die Abendlichtlandschaft mit den grünen Bäumen am Ufer.

Eindeutiger Höhepunkt ist der Schluss der Bootsfahrt oberhalb unserer Campsite mit drei Elefanten am Wasser. Es folgt ein Eli-Fotoshooting bei stimmungsvoller Abendsonne.





Die grösste Herausforderung bei der Bootsfahrt: das an-Land-springen ohne Steg, was fast alle mit trockenen Füssen schaffen. Aber für die „In-den-Dreck-Springerin“ ist dann einiges Schuheputzen angesagt. Hoffentlich mit Lerneffekt bis über das Ferienende und über die eigene Person hinaus. So hoffe ich es wenigstens! Oder braucht es dazu hippo-mässige Stimmungsumkehr-fähigkeiten? Wir werden sehen.

Letzte Aktivitäten für heute sind die Genussbilanz und Kostenbilanz für unseren McBrides Aufenthalt.
Die Gesamtkosten von USD 292.- für Parkeintritte, Campsite, Game Walks und Boat Trip haben einen hohen Gegenwert bezüglich Erlebnis und Erholung ergeben und entsprechen unserer Planung. (Die reine Lodge-Variante hätte bei McBrides weit mehr als 1000 USD gekostet und in anderen Lodges im nördlichen Kafue noch deutlich mehr. Und wäre dabei auch so viel Filet-und-Feuer-Romantik mit inbegriffen gewesen wie in unserem Camping?)
Für uns ist heute ein einfaches Abschiedsessen im Nordkafue geplant als kulinarische Nachlese mit kaltem Kartoffel-Tomaten-Salat und einem letzten Schluck (seichwarmem) Shiraz-Wein. Dies mundet uns Glücklichen aber alles hervorragend; höchstwahrscheinlich emotional gewürzt mit dem lodernden Lagerfeuer Nr.3 als Geschmacksverstärker.

Kafue NP, McBrides Camp
Tagesdistanz: Auto 0 km
Boot wenige km
Fuss einige km
Themenstarter88 Beiträge · seit 200705. Nov. 2011 · #9
Dienstag, 20.09.2011

Frühzeitig fahren wir zurück Richtung Mumbwe und begegnen während 2 ½ h einfach niemandem. Später erstaunt dann ein auffallendes Strassenschild eines Freiluftgefängnisses, wo sogar deren Vision klar deklariert ist.



In Mumbwe tanken wir voll (man zahlt momentan 7960 Kwacha, d.h. etwa 1,6 Fr. pro Liter) und ergänzen unseren Wasser-flaschenvorrat. Wir verschenken noch 2 Hemden an übel gekleidete Männer, welche grosse Freude zeigen und die Hemden gleich anziehen. Dann ist es aber Zeit für die Abfahrt, denn mittlerweile kommt gleich eine ganze Gruppe winkender Männer über die Strasse auf uns zu.



Flott geht die Fahrt auf der Teerstrasse weiter bis das Navigationsgerät uns fast metergenau auf eine Abzweigung Richtung unserer nächsten Destination (Puku Pan Lodge) führt. Dass diese scheinbar neue Strasse in der Strassenkarte von 2007 noch nicht eingezeichnet ist, irritiert nicht gross, denn es führen ja gemäss Reiseführer zwei Wege nach Puku Pan.



Auch die laufende Kontrolle liefert gute Resultate, denn auf den nächsten 3 km zeigt das Navi fast jede Strassenkurve exakt an. Dann aber plötzlich zeigt das Navi trotz weiterführendem Weg plötzlich keine Strasse mehr an und vermeldet ganz lapidar und streng periodisch „bitte auf den eingezeichneten Weg fahren“. Was sollen wir tun? Wir sind ja auf dem einzigen vorhandenen Weg. Also folgen wir – zumal auch die Himmelsrichtung stimmt und es schlicht keine Abzweigmöglichkeit gibt – der Fahrspur. Von Weg ist dann aber bald nicht mehr die Rede. Das dürre Gras zwischen den Rädern ist streckenweise fast 2m hoch und andernorts die Fahrspur ein ganz übel ausgetrocknetes Elefantengetrampel, so dass sogar halbes Schritttempo uns gehörig durchschüttelt.



Aber die Landschaft ist sehr abwechslungsreich: Miombobäume, ausgetrocknete Sümpfe und Bachläufe, hin und wieder ein kleiner Felsen und viele kleine Termitenhaufen.
Und plötzlich stehen wir vor einem Trockenbach mit fürchterlichen Steilborden. Mutig (oder schon fast ein wenig verzweifelt?) wage das Runterrutschen. Ja und dann gelingt auch die weniger schlimme Auffahrt auf der anderen Seite im zweiten Anlauf. Also sofort abhaken und ja keine Nervosität auf die Beifahrerin übertragen!

Abwechslung – oder sagen wir besser Ablenkung - gibt es zum Glück im Tierreich: ein ganzes Rudel grosser Antilopen und darunter die majestätische Rappenantilope. Von weitem auch mehrere leuchtende Sattelstörche, viele drollige Warzenschweinfamilien und ganze Sippschaften von Steppenpavianen. Allein meine Hände bleiben am Steuer und am Schaltknüppel und nicht auf dem Fotoauslöser. Fotografieren ist in dieser Situation nur Priorität 3 (Priorität 2 ist Durchkommen und Priorität 1 „cool“ bleiben). So dauert unsere Offroad-Expedition über viele viele weitere Kilometer. Das Navi zeigt mittlerweile nur noch die Zeitdistanz zum Ziel, welche allerdings angestiegen ist von 30 Minuten auf 1 ½ h. Da entfährt sogar mir ein „Mensch, wo sind wir denn?“. Nach zirka 30km dann der gemeinsame Beschluss: wir geben uns noch maximal 5 derartige km. Wenn bis dann die Situation sich nicht entspannt, kehren wir (verzweifelt) um. Aber nach 5 km hat sich die Szenerie noch keineswegs gebessert. Würden wir überhaupt auf dem Rückweg die steilere Bachwand schaffen? Ich fahre fatalistisch weiter. Irgendwo muss ja irgendetwas sein. Vor Monaten ist man ja hier auch mal mindestens einer durchgefahren. Ja und siehe da: nach keinen zwei weiteren km münden wir in einen deutlich besseren Weg. Nur: ist jetzt links oder rechts besser? Da hilft uns die Koordinatenveränderung des Navis wenigstens die bessere Richtung zu wählen.
Deutlich beruhigt sind wir erst als später ein kleines Schild mit „Puku Pan“ erscheint und uns links abbiegen lässt. Und das Navi ist kurzfristig mal wieder gleicher Meinung. Aber schon bald geht es wieder in die Wiesen, durch kleine Sumpfpassagen, durch Bachbetten und über veraltete Bengelbrücken. Mit mittlerweile deutlich gesteigertem Vertrauen ins Auto und in die eigenen Fahrkünste schaffen wir auch diese Hindernisse.
Aber auch hier ist an Fotos machen überhaupt nicht zu denken, aber jetzt aus ganz anderem Grund: die Tsetses sind unglaublich aggressiv und stechfreudig. Das von Tom im Namibia-Forum so hochgelobte „Avon Skin So Soft Original Dry Oil Body Spray“ nützt ebenso wenig wie das Antibrumm Forte oder das Autan.
Höhepunkt des Tages (mindestens für mich) ist dann eine Bachbettdurchquerung in ganz knapp Fahrzeugbreite zwischen einem Baum und einem 2 m tiefen Ausschwemmungsabgrund. Exakt und kontrolliert fahren ist da nur eine Vorraussetzung, Hoffen der Rest. Zur genauen Lagebeurteilung und "Zentimeterkontrolle" musste ich ganz einfach kurz raus. Resultat: „es“ hat gehalten aber „sie“ haben so richtig zu geschlagen: die Tsetses haben mehr als einen Treffer pro Sekunde gelandet, obwohl ich wie wild um mich geschlagen habe. Und dann als halbwegs beruhigende Zugabe: wieder minutenlang Tsetse platthauen im Auto. Aber dies war für mich schon fast wie lauter Applaus zur Meisterung der bisher wohl kritischsten Fahrsituation.

Der Rest unserer Odyssee lief locker. Nach gut 4 h Expedition im Niemandsland stehen wir unverhofft auf dem hütten- und menschenlosen Airstrip der Puku Pan Lodge und bald auch auf dem Tsetse-freien Campingplatz. Aufatmen in ganz verschiedener Hinsicht!
Und uns allein gehört ein riesiger Aussichtsturm, ein grosses Duschenhaus, ein Lagerfeuer und der riesige Campsite. Da liegt jetzt sogar ein Bierchen und Füsse auf dem Tisch drin!




Keine Bengelscheisse …


…sondern fast ein high-tech boiler house

Puku Pan Lodge Campsite: 30 USD pppn
Tagesdistanz : 281 km
Themenstarter88 Beiträge · seit 200706. Nov. 2011 · #10
Mittwoch, 21.09.2011

Ruhige Nacht mutterseelenallein auf Puku Pan. Patrick als Platzwart hat bereits um 6:00 Uhr ein Campfeuer gemacht und das Duschwasser aufgeheizt. Die warme Dusche war nicht einmal nötig, denn diese Nacht war deutlich weniger kalt. Beweis dazu: ich habe es ohne Socken im Schlafsack wohlig warm empfunden. Und wieder einmal früh und gemütlich frühstücken tut auch gut. Wir schaffen es aber dennoch vor 8 Uhr auf eigenen Game Drive zu fahren und wählen dabei das flussnahe Strässlein Richtung der Kaingu Lodge. Fahrerisch kaum grössere Probleme und doch mal ein Bachbett oder eine Bengelbrücke als kleines Stimulans.



Trotz später Morgenpirsch ergeben sich viele Tiersichtungen mit Schwerpunkten Pukus, Impalas, Warzenschweine, Steppenpaviane und Wasserböcke. Herausragend für heute ein Kudu-Rudel. Beim Puku Hide in der Nähe der Kaingu Lodge kommt noch der Elefant und der Buschbock dazu.



Heute fallen uns auch die Flusslandschaft und einzelne Baobab-Bäume mit ihren skurrillen Formen und Rindenoberflächen besonders auf.









Nach guten drei Stunden sind wir bereits wieder müde. Haben wir damit unser Aktivitätensoll für heute bereits abgeleistet? Oder haben uns die Tsetse der vergangenen Tage eine rasch wirkende Schlafkrankheit geimpft?

[foto: 352230]

Wie dem auch immer sei: unser Assimilierungsversuch gebietet uns jetzt so wie so einige Stunden echtes dolce far poco. Es reicht von Mittag bis gegen Abend gerade mal zum Kleider waschen und Kaffee kochen. Der ganze Rest ist Plaudern, Lesen und Tagträumen im Schatten des grossen Aussichtsturmes.
Erst gegen Abend wird unsere Zweisamkeit „gestört“ indem die Camping-Kollegen aus Simbabwe wie abgemacht auch auf Puku Pan erscheinen, scheinbar auf einem gut befahrbaren Weg. Und damit wird unser Querfeldein (und auch die „Führung“ durch das Navi) von gestern noch misteriöser.
Um 17:30 Uhr gibt es einen kurzen Kühlschrank-Wochenrückblick, damit wir um 18:30 Uhr losfahren können zum Night-Drive. Wir sind mit dem Fahrer-Führer Martin und dem Scheinwerfermann allein. Dieser arme Kerl schwenkt volle 3 ½ h ohne Unterbruch seine Lampe von rechts nach links und von links nach rechts. Dieser hat sich echt Mühe gegeben und auch was geleistet und hat daher ein ordentliches Trinkgeld verdient. Für uns zählt vor allem die tierische Ausbeute: (nebst den bekannten Pukus, Impalas und anderen kleinen Böckchen)sind es neu Zibetkatzen, grasende Hippos und als Höhepunkt ein im Scheinwerferlicht toll leuchtendes Stachelschwein mit ausgebreitetem Stachelkranz, ein wunderschöner schwarz-weisser Anblick. Eigentlich ein rundum gelungener Tiertag,……… wenn da nur nicht immer wieder der unausgesprochene und doch deutlich gemachte Wunsch von Rosmarie nach Löwensichtung durchdringen würde!
Bei der Rückkehr um 10 Uhr sind unsere Augen so richtig schlafmüde und den Gute-Nacht-Kuss überlassen wir gegenseitig der individuellen Phantasie.

Kafue NP, Puku Pan Campsite
Tagesdistanz: selbst gefahren 37 km; chauffiert ähnliche Strecke
Themenstarter88 Beiträge · seit 200707. Nov. 2011 · #11
Donnerstag, 22.09.2011

Früher geht es wohl kaum mehr! Bereits um 6:00 Uhr brechen wir mit Führer Matin (sambische Anlehnung an Martin) und den Camping-Nachbarn Paolo und Sheila zum Morning Walk auf.



Bereits jetzt ist es bei aufgehender Sonne so warm, dass keine Jacke mehr nötig ist. Der Sonnenaufgang selbst ist ungewohnt rot.



Wir kennen kein Ziel für diesen Walk und lassen uns einfach mal führen. Viel besser ist wohl das geflügelte Wort „der Weg ist das Ziel“. Denn wörtlich auf dem Wegboden liegen auch begeisternde Details, seien es die Fussspuren von Löwen, der Kot von Elefanten oder auch verdorrte Blätter oder erste kleine Blüten.



Nach einigen Kilometern Flachwandern geht es auf runden schwarzen Felsen aufwärts und „povero Paolo“ beginnt zu schwitzen und zu jammern. Mit zweimal Teehalt und Info zu Fauna und Flora überwindet Matin auch diese – für einmal europäische – Schwäche.





Nach einer weiteren halben Stunde, vorbei an erstaun-lichen Steinrundlingen und vorbei an einem häufig belegten Aussichts- und Lagerplatz von Löwen (heute leider verlassen --> povera Rosmarie) haben wir den Berg bereits erklommen.



Hier bietet sich eine eindrückliche 360° Aussicht auf die Ebene ringsum und zum Kafue Fluss. Sambia liegt uns zu Füssen. Ich kann das erhabene Gefühl der Löwen nachfühlen (auch in geschäftlicher Hinsicht): kein noch gefähr-licheres Tier noch weiter oben, und die niedereren Tiere kann man ja bei Bedarf auffressen oder mindestens fortjagen!
Auf dem Rückweg beginnen die Tsetse aktiver zu werden. Und jetzt beginnt das Gejammer von Sheila. Auch dies hat Matin schnell im Griff. Ein flexibler Zweig mit frischen grünen Blättern gesucht, und schon kann Sheila elegant wedeln und auch ihren Rücken frei halten. Vor lauter Beschäftigung mit uns selbst und mit den Tsetse vergessen wir ganz, dass es daneben auch noch andere Tiere gibt. Erwähnenswert für heute ein imposantes Aasgeiernest, ein Bushbock und mehrere extrem scheu Mangusten.



Was folgt jetzt? Eine lockere Abfolge von Schattenplatz-Aktivitäten, alle ohne vorgegebenes Ziel, ohne Zeitvorgaben und ohne Systematik. Frühstücken – duschen – plaudern – umräumen – käfelen – waschen – dösen – beobachten – sich fragen: what’s next?. Dies nenne ich Einstieg in die afrikanische Lebensweise. Jetzt sind wir voll assimiliert!

Unsere nächste schatten-externe Aktivität: ein privater zielloser Game-Drive. Dies hat den guten Nebeneffekt, dass sowohl wir selbst als auch der Kühlschrank abgekühlt werden. Beides funktioniert nur bei laufendem Motor.
Die grösste Herausforderung an diesem Nachmittag: trotz willkürlicher Wegwahl und trotz Fehlen irgendwelcher Wegsignalisation und trotz eisigem Schweigen des Navigationsgerätes, den Heimweg zum Campingplatz zu finden. Für dieses Mal hilft die Himmelsrichtung der untergehenden Sonne. Aber der vermeintlich intelligente 5-Minuten-Tsetse-Wegflug-Halt einige Hundert Meter vor dem Camp haut nicht hin. Diese verd…… Biester lassen einfach nicht los von uns und vom Fahrzeug. Folge: auf dem eigentlich tsetse-freien Campingplatz müssen wir noch fast eine halbe Stunde zeitparallel kochen und Tsetse schlachten, bis auch die allerdreisten Viecher (welche sich direkt auf Lippen und Nase setzen) flach am Boden liegen. Bei dieser Koch-Ambiance reden wir heute lieber nicht vom kulinarischen Höhenflug des Eintopfnachtessens. Verraten sei nur, dass wir die Einladung von Paolo und Sheila zum Verdauungstrunk gern angenommen haben. Die beiden zaubern aus ihrem super eingerichteten Camping-fahrzeug einen schön gekühlten südafrikanischen Champagner hervor, allerdings serviert in breiten schweren Wassergläsern. Was soll’s. Hauptsache: die gute Laune ist (wieder) da hüben und drüben.
Und als ob es noch einen Stimmungsverstärker bräuchte, präsentiert sich ein fast unglaublich roter Sonnenuntergang durch die Bäume am Fluss.



Unser Fazit des längeren Lagerfeuergespräches mit diesem italo-simbabwischen Paar: Wir müssen noch viele weitere Reisen im südöstlichen Afrika unternehmen um auch nur halbwegs alle schönen Orte dieser Grossregion zu sehen. Aber das Beste davon ist doch: das Hier und das Jetzt.

Kafue NP, Puku Pan Campsite
Tagesdistanz: zu Fuss und im Auto je zirka 10 km
Themenstarter88 Beiträge · seit 200708. Nov. 2011 · #12
Freitag, 23.09.2011

Hat uns der Ferienalltag bereits derart gepackt? Oder ist es ganz einfach senile Bettflucht? Wir halten es bereits um 6 Uhr nicht mehr aus im Dachzeltbett. Also denn halt: Frühstück -> Packen -> Abfahrt.
Problemlos gondeln wir weit mehr als 1 h ostwärts durch den Mopanewald auf gut befahrbaren Wegen (dies bedeutet hier Tempo 30). Am Gate dann eine nachdenklich stimmende Verabschiedung durch den Gatekeeper „Bitte kommt wieder, damit wir überleben können“.
Auf guter und breiter Schotterstrasse und Tempo 60 (welch ein Gegensatz zu unserer Anreise zu Puku Pan!) geht es nordwärts und bald sind wir auf der Teerstrasse noch schneller (Tempo 90) Richtung Lusaka.
Höhepunkt entlang der Strasse: Wie kauft man Tomaten an einem Stand, wo drei Frauen alle je nur Tomaten anbieten? Wir bringen es nicht über uns, eine zu benachteiligen und kaufen gleich bei jeder ein Häuflein, was für uns eine ganze Woche oder für eine Intensiv-Tomatenkur reicht. Und zum Abschluss des 3 x 3000 Kwacha Geschäftes ( = 3 x 60 Rp.) schenken wir den drei Frauen noch je eine Bluse oder einen Pulli. Mensch, ich habe noch selten so leuchtende Augen gesehen! Ja, bei dieser Dankbarkeit macht Schenken tatsächlich grosse Freude. Später stossen wir dann auf weitere, noch grössere Tomatenstände. Ist heute der grosse nationale Tomaten-Tag? Oder ist einfach Tomatensaison und dann jede Frau Tomatenverkäuferin?







Weil der Satellitentelefon-Kontakt mit dem Autovermieter nicht geklappt hat, melden wir die fehlende Dachzeltausrüstung per Handy, sobald dieses in der Region Mumbwa Verbindung hat. Aber dann müssen wir wegen den Wahlen in Sambia an diesem Wochenende und wegen den vermuteten Kundgebungen einen anderen Treffpunkt abmachen im Downtown Shopping Center.
Vorerst läuft alles noch ländlich und friedlich. Am Strassenrand immer öfter Verkaufsfrauen. Die können einem fast Leid tun. Wie lange müssen sie wohl auf den nächsten Käufer warten? Und analog gefragt zum zweiten auffallenden Strassenverkauf: wie lange stehen wohl die fast unzähligen Holzkohlesäcke am Strassenrand. Man hat fast den Eindruck in dieser Region sei jeder Mann ein Köhler.





Bereits mehr als 10 km vor der Stadt geraten wir in eine erste Wahl-Demonstration mit aggressiven Jugendlichen. Erst blockieren sie die Strasse, stellen sich vor unser Auto, dann wollen sie Geld, versuchen das Auto zu öffnen (vorsichtshalber haben wir vorher von innen verriegelt) und wollen es dann auch besteigen. Wie kommen wir da ungeschoren wieder raus? Europäisch rasche Entscheide und effiziente Massnahmenumsetzung sind jetzt gefragt. Mein Fluchtplan mit erst langsamer, dann beschleunigter Fahrt neben dem Strassentrassee ist zum Glück erfolgreich. Wir haben ja 4x4 Antrieb für offroad! Aber: was wird uns da in der Stadt selbst noch alles begegnen oder geschehen? Soll ich jetzt doch noch meine Pfefferspray-Kanone in Betriebsbereitschaft stellen? Statt in die Hosen, mache ich lieber in Zuversicht. Also vorwärts, Walter! (sage ich selbst zu mir).
Demonstrationen und fürchterlich dröhnende Lautsprecher gibt es zwar noch mehrere; aber zum Glück geraten wir in der Stadt Lusaka in keine ähnlich kritische Situation mehr.
Beim Treffen mit den (verspäteten) Mechanikern des Vermieters erhalten wir unsere fehlenden Zeltstangen und ich rapportiere die wiederkehrenden Schwierigkeiten beim Schalten und die zeitweilig unerklärlichen Geräusche im Bereich des Getriebes. Der Mechaniker findet eine Testfahrt nicht nötig und meint nur „Don’t worry, this is normal when driving in the same gear for a longer time“. Dies übersteigt eindeutig mein Beurteilungs-vermögen und ich akzeptiere diese Erklärung. Hauptsache: wir fühlen uns mit dieser Beruhigung tatsächlich wohler.
Nach diesem Treffen mit dem Autovermieter kaufen wir noch den halben Laden Spar leer (unter anderem 15 Grossflaschen Trinkwasser, bis das Verkaufsgestell nichts mehr her gibt) um für einen einwöchigen Ausritt ins Ungewisse gerüstet zu sein.

Und jetzt gibt es für heute nur noch ein Ziel: sofort zum Pioneer‘s Campsite und endlich wieder mal ein Stück Fleisch im Teller und einen angemessenen Schluck Wein im Glas! Und so ist es dann auch. Und es tut unheimlich wohl. Und jetzt bin ich richtig bereit für …… neue Entbehrungen in der nächsten Woche.

Lusaka, Pioneer’s Campsite, 5 USD pppn
Tagesdistanz: 334 km
326 Beiträge · seit 201108. Nov. 2011 · #13
Hallo Girwal,
Danke für den wunderbar geschriebenen Bericht Eurer Reise. Freue mich schon auf die Fortsetzung. Kannst Du ggf. ein Bild mit Landkarte einstellen, damit wir die Reise auch auf der 'Karte' mitverfolgen können? Wäre echt klasse.
VG
cfm
Nimm das Leben nicht so ernst, du kommst da doch nicht lebend wieder raus! Reiseberichte: KTP 2012 | Addo 2012 | Hluhluwe-iMfolozi 2013 | KTP 2013 | Mokala 2013 | Rundreise Südafrika 2013
Themenstarter88 Beiträge · seit 200709. Nov. 2011 · #14
Samstag, 24.09.2011

Primäres Ziel für heute: von Punkt A (Lusaka, Pioneer’s Campsite) nach Punkt B (Kasanka Nationalpark, Pontoon Campsite) gelangen.
Auf sehr guten geteerten Strassen ohne Schlaglöcher kommen wir gut voran. Mit eigenen 90 bis 100 km/h werden wir anfangs öfters überholt. Später sind dann aber kaum noch Fahrzeuge auf der Great North Road, schon gar nicht Touristen. Diese scheinen trotz Hauptreisezeit hier eine fast ausgestorbene Spezies zu sein.
In der Region um Kapiri Mposhi wird viel Landwirtschaft betrieben und entlang der Strasse häufen sich die Stände mit Früchte, Tomaten, Zwiebeln, Kartoffeln und Gemüse. Bei einem Halt nach Kapiri Mposhi sind wir sofort umringt von jungen Verkäuferinnen. Wir wählen eine riesige Papaya (welche uns gleich drei Mal ein leichtes Mittagessen – garniert mit trockenen Guetzli und Kaffee – hergibt). Die leer ausgegangenen Verkäuferinnen tun mir leid. Was tue ich? Ich grabe in der Mitbringseltasche bis zuunterst, während Rosmarie neugierig zuschaut. Dann liegt die Überraschung in meinen Händen: ich habe den ersten Sack mitgeschleppte Feuersteine aufgerissen. Und kaum zeige ich, was in meinen Händen ist, reissen die Verkäuferinnen mir fast die Hand ab und die vorwitzigste will sich gleich alle Feuersteine erklauben. Ziemlich imperativ und brachial muss ich für die Verteilung an alle sorgen.
Später fahren wir lange durch trockene Gebiete und uns wir noch klarer wie wichtig das Wasser hier ist, sei es für die Pflanzenbewässerung oder auch für den direkten menschlichen Gebrauch. Und damit hat auch die Wasserstelle eine hohe soziale Bedeutung. Sie ist der tägliche Treffpunkt und gut ersichtlich ein wichtiges Diskussionsforum. Uns ist das Plakat am Pumpenturm besonders aufgefallen, da es die gut spürbare christlich-natürliche Denkweise der Sambier recht deutlich ausdrückt.





Mit der Abzweigung von der – in jüngerer Vergangenheit von den Chinesen erbauten – Teerstrasse in den Kansanka Nationalpark kommen uns unsere Verehrer wieder in den Sinn. Hat es hier wohl auch von diesen Biestern? Leider ja, aber zum Glück nicht allzu viele, und vor allem beim Pontoon Campsite fast keine mehr. Folglich: heute wollen wir mit Wasser duschen und nicht mit weiteren Flaschen von Avon Skin So Soft Original Dry Oil Body Spray.
Bereits der Ersteindruck des Campsites erzeugt ein fast nicht überbietbares Campergefühl: einsamer Stellplatz unter riesigen grünen Mahagoni-Bäumen, gleich am Rand und mit Aussicht auf den Sumpf, ganz nahe am fliessenden Kansanka River, eigene Tierbeobachtungshütte, Buschtoilette und Buschdusche.





Und gleich fragt der Caretaker „“Wann wollt ihr duschen?“ Wir schauen uns ungläubig an uns sagen einfach mal „um halb sechs“. Und tatsächlich schleppen um halb sechs zwei Caretaker je einen offenen Kessel warmes Wasser daher. Damit füllen sie den am Seilzug aufgehängten Duscheimer. Und los kann das Vergnügen gehen!





Unter diesen Umständen ist es doppelt gut, dass Rosmarie und ich ein eingespieltes Team sind. Denn strotzdreckig und zu zweit mit nur einem Duscheimer sauber zu werden, braucht recht grosse Rücksichtnahme und gute Koordination. Dies klappt natürlich hervorragend. Und was auch klappt ist das fast unglaublich befreiende Gefühl des openair Duschens.
Dass uns dann auch die Plätzli, Gschwellti und Tomatensalat (wegen „cook it, peel it or forget it“ äusserlich leicht angekocht und geschält) hervorragend schmecken, dies ist bei dieser Umgebung nur noch eine logische Folge.
Aber die schönste und emotionalste Erinnerung an den heutigen Tag ist ein kleines Schulmeiteli auf dem einsamen Heimweg. Speziell neckisch sind die beiden senkrecht nach oben stehenden Zöpflein. Seine Freude an meiner Handvoll Feuersteinen zeigt es zurückhaltend aber doch deutlich spürbar. Es öffnet, nachdem die erste Hand voll ist zaghaft auch die zweite Hand. Und ich fühle mich plötzlich gute 30 Jahre zurück versetzt als feuersteinverteilender Bräutigam. War ich damals auch so sentimental wie heute?






Kansanka NP, Pontoon Campsite
Tagesdistanz: 537 km
zuletzt bearbeitet 09. Nov. 2011
655 Beiträge · seit 200610. Nov. 2011 · #15
Lieber Girwal,
herzlichen Dank für Deinen wunderbaren Bericht, der große Lust auf "Nachfahren" macht!
Ich möchte zu Deinen "give aways" eine Anmerkung machen. Ich war auch oft in Versuchung, Dinge unterwegs zu verschenken, ohne dass vom Gegenüber eine "Gegenleistung" kam. Nicht erst, als uns im Kaokofeld Steine hinterher geworfen wurden, als wir nichts gaben, habe ich mir öfter die Frage gestellt, ob ich z.B. auf unserem Wochenmarkt der Marktfrau, der ich nichts abkaufe, etwas schenken würde. Oder ob ich dem Straßenkehrer Geld in die Hand drücken würde.
In Deinem Bericht schreibst Du von der kleinen Schülerin, dass sie auch die zweite Hand öffnet, als in der ersten Feuersteine gelandet sind. Das macht mich nachdenklich. Oder, dass bei den Frauen die Schnellste alles an sich bringen würde. Solche Geschenke können gewaltige Streits auslösen, die wir sicher nicht beabsichtigt haben, aber fast zwangslufig ausbrechen, weil wir ja nicht alle bedenken können.
Wir haben es in der Hand, ob wir in Ländern mit völlig anderem Lebensstandard Haltungen bewirken, die wir nicht gewollt haben.
Trotzdem interessiert mich, was Du mit Feuersteinen meinst. Denn für eine Leistung (Feuerholz gesammelt oder so), gebe ich gerne zum vereinbarten "Tarif" eine Kleinigkeit dazu.
Lb Gruß von Helga
0
1'003 Beiträge · seit 200810. Nov. 2011 · #16
Warscheinlich hatte Girwal den Bericht mit den vielen Abba Fans von Crazy Zebra nicht mehr im Kopf gehabt ... 😗

Aber sonst schöner Bericht.

Gruss
Christian
54 Beiträge · seit 201010. Nov. 2011 · #17
Richtig: was machen die Frauen bloss mit den Feuersteinen? Machen sie wirklich damit Feuer wie ehedem in der Steinzeit? Streichhölzer haben doch auch in Sambia Einzug gehalten! Oder sind die zu teuer?

Was das Verschenken betrifft: Wir waren jetzt erst September/Oktober 2011 auf einer Reise durch Sambia, bis Bangweulu, Kapishya, Luangwa NPs. Also weite Strecken unterwegs. Auf der ganzen Reise wurden wir angebettelt, nicht nur von Kindern. Das ging so weit, dass der Caretaker eines Campgrounds mich zu seinem Sponsor machen wollte. Als ob man sich in Sambia daran gewöhnt hätte, dass alle Welt nur dazu da ist, Hilfe zu bringen. Lähmt das nicht eigene Aktivität?

Leider schreibe ich nicht gerne. So wird es auch von uns keinen so schönen Bericht geben, wie man sie hier im Forum finden kann.

Gruß, Werner
461 Beiträge · seit 200810. Nov. 2011 · #18
Feuersteine = auf Schweizerdeutsch "Fürstei" = auf Deutsch Bonbons.
Traditionelle harte Bonbons die in der Schweiz vorwiegend bei Hochzeiten Kindern zugeworfen werden die Glückwünsche zurufen.

Entwicklungshilfe Ende 🙂
Themenstarter88 Beiträge · seit 200710. Nov. 2011 · #19
Hallo liebe Tagebuchleser

@alle Kommentatoren
Eure positiven Rückmeldungen über diesen Thread und Zusatzfragen über PM haben mich gefreut. Vielen Dank.

Bevor ich bald den zehnten und weitere Tagesberichte einstelle, möchte ich die noch offenen Fragen und Rückmeldungen aus meiner Sicht beantworten:

@ cfm
Eine Landkarte zur Nachverfolgung unserer Reiseroute werde ich - sobald ich eine für mich beherrschbare Methode sehe - auch einstellen.
Zuvor aber kannst du mit einfachen Mitteln dieses Ziel auch erreichen:
Gehe einfach auf "Karten" in der linken Spalte, klicke alle Overlaykarten weg und vergrössere mit dem Mausrad die Karte westlich von Lusaka. Dann siehst du die von mir in den Berichten erwähnten Orte, wie auch die Strassen und die Umrisse der Nationalparks.

@ Helga
Deine nachdenkliche Haltung gegenüber unbedachten Give-aways und gegenüber Almosen ohne Gegenleistung kann ich durchaus teilen. Wenn ich aber gegenüber Leuten, die primitiv oder sogar im Elend leben, einen langen Augenblick lang (so lange wie die das süsse Bonbon anhält) Wohlgefühl erwecken kann (im Falle des Mädchens) oder wenn ich mit einem mitgebrachten währschaften Hemd einen zerrissenen alten Lumpen ersetzen kann, dann kann ich dies gut machen ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Dies tue ich gern freiwillig gegenüber Leuten die nicht einmal betteln.
Ganz anders verhalte ich mich gegenüber aggressiven Bettlern, welche nur Almosen erwarten ohne etwas dafür zu leisten. In diesem Fall gehe ich auch vom Prinzip Leistung-und-Gegenleistung aus.
Du wirst in der Folge noch einige weitere Beispiele von gezielter Mitbringsel-Abgabe oder Kleine-Feuerstein-Freude-machen lesen können.

@ Werner
Lies bitte meinen obigen Kommentar an Helga. Und da du in der Zwischenzeit von Tom erfahren hast, was Feuersteine sind, wirst du ja auch verstehen, dass ich auch für ein "den Weg zeigen" oder für ein "Anschleppen von Feuerholz" gerne auf ein geldloses Dankeschön mit Feuersteinen ausweiche, um nicht jede Diesnstleistung gleich mit Geld abzugelten.

@ Tom
Vielen Dank für die Entwicklungshilfe. Wahrscheinlich kann ich dich später nochmals brauchen, wenn ich - bewusst oder unbewusst - weitere sprachliche Helvetismen verwenden werde.

Gruss von Girwal
zuletzt bearbeitet 10. Nov. 2011
Themenstarter88 Beiträge · seit 200710. Nov. 2011 · #20
Sonntag, 25.09.2011

Tagebuch schreiben bei loderndem Lagerfeuer: dies hätte gestern eigentlich zündende Ideen für heute absetzen müssen. Tat es jedoch nicht und ist heute auch gar nicht nötig, denn wir nutzen den (heiligen) Sonntag zum Ausruhen und Wenigtun.
Ausschlafen bis sage und schreibe 7:30 Uhr. Marschbereit sind wir erst um 9 Uhr und haben immer noch kein klares Tagesprogramm. Mensch, so ungeplant; und so was passiert mir und sogar auch Rosmarie! Sollten wir uns ob unserer neoafrikanischen Lebensweise nicht besser sambisch Waahte und Roohse nennen?

Die Sonntagsausfahrt führt uns erst zum Ponton. Nach Messung der noch vorhandenen Wassertiefe (kleiner als der Raddurchmesser) lege ich den Respekt vor der Furt ab und wir fahren hart neben dem Ponton vorbei. Jetzt hat von uns allen das Auto die saubersten Füsse.



Gemächlich schaukeln wir weiter durch Wälder und ausgetrocknete Sümpfe in Richtung entferntes Nationalparkende. Wir bleiben einsam ohne irgendwelche menschliche Begegnung. Und auch bei der Luwomba Lodge am andern Parkende ist kein einziger Tourist. Dies ermöglicht uns eine spontane Kanufahrt auf dem kleinen Luwomba Fluss mit einem stark unterbeschäftigten Lodge-Guide. Erst gleitet das Kanu völlig lautlos flussabwärts zwischen den stark verwachsenen Ufern, vorbei an vielen ins Wasser ragenden Bäumen. Dieses Ambiente allein ist schon faszinierend und hat einen Hauch von Urwaldexpedition.





Kaum etwas bewegt sich ausser das träge fliessende Wasser. Umso mehr fallen die Vögel auf: unter anderen zwei Arten Kingfisher sowie Reiher und Malachit-Eisvogel.



Bei der Rückkehr entgegen der Strömung muss unser Bootsführer mit seiner Kelle (Ruder oder Paddel kann man diesem ausgefransten Holzwerkzeug nicht sagen) kräftig stacheln und schaufeln. Wir untätigen Faulenzer geniessen die jetzt unerwartet intensivierten Tiersichtungen: über den Fluss hangelnde und springende Paviane, sich unverhofft in den Fluss stürzende Krokodile (bis > 2m) und sogar eine der sehr scheuen Sitatunga-Antilopen, welche zuvor verborgen am Flussufer gelegen hatte. Insgesamt ein gemütliches Zweistunden-Erlebnis. Es ist zwar sambisch gesehen sehr teuer (46‘000 MK pp) aber auch sehr eindrücklich und befriedigend und taugt durchaus als stille Sonntagspredigt in der Natur.
Auf der Rückfahrt zur Campsite zeigt sich im Wald sogar ein afrikanischer Wiedehopf. Sonst aber scheint die Tierwelt jetzt auch Siesta zu machen.

Nach der grossen Papaya- und Kaffeepause will Rosmarie nochmals zu den Sporengänsen. Mach ich natürlich sehr gern mit, wo ich doch mein Foto-Soll (wenigstens einmal Stativ, Telekonverter und Fernauslöser pro Woche eingesetzt) noch längst nicht erfüllt habe. Aber so lustig die Arsch-hoch-Kopf-unter Bewegungen der Gänse sind, so wenig ergiebig sind die Nur-noch-Federn-und-Füsse Fotos. Aber als Erinnerung taugen sie allemal.





Zu unserem grossen Erstaunen sind wir am Abend nicht mehr allein auf der Campsite, sodass wir sogar die Buschdusche teilen müssen. Das haben alle Beteiligten glänzend gemeistert, sogar die armen Caretaker, welche zweimal Wasser erhitzen und anschleppen mussten.
Aber nicht ganz gemeistert hat Rosmarie ihre Suche nach den unerhört dekorativen Mahagoni-Fruchtschalen. Sie ist dabei im Sumpf eingesunken, fast stecken geblieben und kommt mit schwarz verschlammten Schuhen und Beinen zurück. Hätte ich doch in diesem Moment statt meiner Hilfsbereitschaft lieber den Fotoapparat zuvorderst gehabt! Dann hätte ich sogar ohne Stativ eine scharfe Foto von einer neuen flügellosen Vogelart schiessen können: vom schwarzbeinigen Mahagoni-Sucher.

Kasanka NP, Pontoon Campsite
Tagesdistanz: 50 km