freshy schrieb: Ich beziehe mich nur auf den Titel des Threads. Wie alles hat auch diese Medaille zwei Seiten, was sich für mich jedoch anhört, als ob die Schuld bei den Schwarzafrikanern zu suchen sei.
Ob „Schuld“, na ja? Selbstverständlich meine ich nicht, dass die Schwarzafrikaner Schuld an der Überschwemmung mit unserem Textilmüll haben. Ich hatte die unzureichende Eigenproduktion angesprochen. Man kann nämlich mit gutem Gewissen sagen, dass es afrikanischen Staaten nicht gelungen ist, wichtige Konsumwünsche und –erfordernisse ihrer Bevölkerung aus eigener Kraft (Produktion) zu bedienen. Zu Vieles muss importiert werden. Damit ist auch ein (Groß)Teil von Eigenstaatlichkeit futsch, weil die Devisen für den Konsumgüterimport für sie schwierig zu verdienen sind. Wie schon eingangs gesagt, sind die Gründe dafür mannigfaltig, mangelndes unternehmerisches Engagement im Aufstellen von Produktion für nachgefragte Produkte könnte aber schon auch eine Rolle spielen.
Ein Beispiel mit Österreichbezug.
Ab den 1960er Jahren etablierten sich Vorarlberger (!) Stickereien am nigerianischen Markt mit farbenprächtigen Stoffen mit floralen Mustern und Spitzenprodukten, die auf alte nigerianische Traditionen zurückgehen. Fast schon skurril, dass der Wunsch nach farbenprächtiger Familien- und Landestracht aus dem fernen Ländle gestillt wurde bzw. werden musste. „Austrian Lace“, solo oder in Stoffen verarbeitet, oder einfach nur schöne Stoffe unter dem Lace-Label, waren jahrelang DER Platzhirsch und Renner bei modebewussten Nigerianern der Yoruba u. a. Ethnien. Der Detailhandel vor Ort war in nigerianischer Hand, hauptsächlich Frauen, die mit Bargeld und Reiseproviant nach Lustenau zum Einkaufen reisten, eine direkte Telefonverbindung gab es (noch) nicht. Das Ländle boomte vom nigerianischen Markt. Ab den 1980er Jahren waren sie aber längst von den chinesischen Anbietern kopiert und mit billiger Massenware aus den Markt gedrängt. Austrian Lace und Stoffe reüssieren heute nur mehr im Hochpreissegment als Prestigeprodukt, high end fashion.
https://iamschick.com/fashion/austrian-lace-launches-new-project-reflecting-the-times-to-celebrate-fashion-and-creativity-in-nigeria/Folgende Fragen drängen sich (mir) auf: Es gab/gibt eine stark nachgefragte Produktgruppe, die praktisch eine totsichere Bank ist, eingefahrene Vertriebs- und Marketingstrukturen. Warum fanden sich nicht schon längst nigerianische Unternehmer, die sagten, das machen wir selber? Textilindustrie gibt es ja. Oder bildet unsere Leute aus, wenn ihr weiter verkaufen wollt, oder kauft unsere Baumwolle oder irgendwas…. irgendeine Umwegrentabilität müsste doch wenigstens drin sein. Warum kam die Konkurrenz für das Ländle aus China und nicht aus Nigerien?
Indien hat es vorgezeigt, als es vor Jahrzehnten den großen internationalen Konzernen sagte. Wenn ihr bei uns verkaufen wollt, müsst ihr auch bei uns produzieren. Basta! Und umsatzbezogene Lizenzgebühren (als verdeckte Gewinnausschüttung vor Steuer) lassen wir auch nicht zu.
Austrian Lace mag dafür jetzt ein schlechtes Beispiel sein, weil es volkswirtschaftlich ein Zwergerl ist. Ich wollte mein Argument nur mit einem konkreten Beispiel unterlegen
Grüße