Donnerstag, 6. 6. 1996
Trotz des geruhsamen Nachmittags am gestrigen Tag haben wir uns von den Strapazen der ersten Woche noch nicht vollständig erholt, so daß wir relativ lange schlafen, in Ruhe frühstücken und anschließend unsere Vorräte ergänzen. Während R. wieder einmal zeitaufwendig (nicht ihre Schuld!) Geld tauscht, suche ich die Post und werfe die pflichtschuldigst geschriebenen Ansichtskarten in den Briefkasten.
Unser heutiges Ziel ist die Ameib-Ranch. Unterwegs verzichten wir darauf, ganz nahe an die Spitzkoppe heranzufahren und bewundern das „Matterhorn Namibias“ nur aus der Ferne. Die Ranch erreichen wir nach relativ kurzer Fahrt von ca. 180 Kilometern und bekommen problemlos ein sehr geräumiges Zimmer. Nachmittags wandern wir zur Philips - Cave, einer Höhle mit Buschmannzeichnungen. Besonders eindrucksvoll ist eine Zeichnung, die einen weißen Elefanten darstellt, aber auch die Abbildungen der Strauße, Antilopen und der beutetragenden Jäger sind absolut naturalistisch ausgeführt.
Obwohl die Wanderung nur wenig mehr als eine Stunde dauert, bekommen wir einen realistischen Eindruck davon, was es heißt, sich bei diesen Temperaturen extrem zu bewegen - der Schweiß fließt in Strömen. Im Anschluß an die Wanderung besichtigen wir noch die skurilen Felsformationen und „Wackelsteine“ bei „the Bull Parties“ sowie beim „Elefantenkopf“, bevor wir auf die Ranch zurückkehren.
Hier erwarten uns weitere Attraktionen: auf der Farm gibt es Elefanten (da sind wir nach 17 Jahren doch etwas unsicher, ob es die damals dort tatsächlich gab – zumindest haben wir keine gesehen!!) Schakale, Warzenschweine, Kudus, Geparde, jede Menge Federvieh sowie Affen. All diese Tiere (s. o. Elefanten ??) werden in Käfigen oder Gehegen gehalten. Auf die Affen, besonders auf einen von ihnen, muß ich unbedingt noch einmal zurückkommen, und zwar „natürlich“ in Verbindung mit R.. Sie will partout einmal jemandem auf der Ebene von einhundertsechsundfünfzig Zentimetern in die Augen sehen und bewegt sich dicht auf den Affenkäfig zu. Dabei unterschätzt sie offensichtlich die Reichweite der Arme des großen Affenmannes, der schon mit gierigen, weit aufgerissenen Augen auf sie und den richtigen Augenblick wartet. Als R. sich auch noch etwas herunter- und vorbeugt, schaut er nicht etwa in ihren ohnehin nicht sehr offenherzigen Ausschnitt, sondern greift blitzschnell mit seiner linken Hand durch das Käfiggitter und verkrallt sich in ihrem Kurzhaarschopf, in den er sich offenbar verliebt hat. Ich stehe zwei, drei Meter entfernt und weiß nicht, was ich tun soll, eingreifen, um sie aus dieses mißlichen Lage zu befreien, oder mich erst einmal vor Lachen ausschütteln. Aber geistesgegenwärtig, bevor sie von dem Affen vollends skalpiert wird, ergreift R. entschlossen die Initiative und entwindet sich dem schmerzhaften Zugriff. Mit mir beobachten zwei Farmarbeiter die Szene, und nachdem die Gefahr vorbei ist, feixen sie über ihre breiten, schwarzen Gesichter, dabei ihre spitzen, zugefeilten Zähne zeigend. Meine Frau beweist abermals Humor, denn nachdem sie ihren Schrecken überwunden hat, stimmt sie in das allgemeine Gelächter ein.
Nach einem opulentem Abendessen in der Boma der Ranch lassen wir den Abend mit einer guten Flasche Wein ausklingen, den wir auf einer Bank vor unserem Zimmer genießen. Dabei bewundern wir einmal mehr den phantastischen Sternenhimmel, der sich über uns wölbt.
Freitag, 7. 6. 1996
Entgegen unserer ursprünglichen Absicht fahren wir heute schon in den Etosha National Park, weil wir befürchten, daß wir mit unserem Bargeld oder unseren bargleichen Mitteln etwas knapp werden könnten. In den staatlichen Restcamps in Namibia kann man nämlich mit Kreditkarte zahlen! Zudem erhoffen wir uns einige etwas geruhsamere Tage, denn die Zeit bisher hat doch ganz schön geschlaucht. Nach 400 Kilometern erreichen wir Okaukuejo, das erste Camp in der Etosha-Pan. Leider ist kein Rondaveel mit Kochgelegenheit mehr frei, wir nehmen notgedrungen mit einem geräumigen Zimmer vorlieb, das wir aber auch nur für zwei Tage bekommen.
Okaukuejo verfügt, wie alle anderen Camps in der Etosha, über eine beleuchtete Wasserstelle. Hier sehen wir abends Elefanten, Schakale, ein junges Rhino, etliche Antilopen und Zebras und jede Menge Leute... Mit Photoapparaten und Videokameras, mit Bier und Wein und Chips ausgerüstet, lassen sie sich den Wildtierbestand der Etosha wie auf einem Präsentierteller unter Flutlicht servieren. Überall Gelächter und Gekreische, ein ständiges Kommen und Gehen, trubeliger als in einem Großstadtzoo: Volksfestatmosphäre. Für uns steht fest - das ist unsere Sache nicht!
Samstag, 8. 6. 1996
Früh brechen wir zu unserer ersten Pirschfahrt auf. Im Gegensatz zum Krüger Nationalpark in Südafrika sehen wir hier riesige Zebra-, Gnu- und Antilopenherden. An einer Wasserstelle beobachten wir äußerst streitbare Oryxantilopen, die anderen Tierarten den Zugang zum Wasser verwehren. Wir stellen fest, daß Tierbeobachtung hier in der Etosha fast ausschließlich an Wasserstellen möglich ist, der Park ist verkehrsmäßig nicht so „optimal“ erschlossen wie der Krügerpark.
Nach einer ausgedehnten Siesta starten wir nachmittags zu einer weiteren Pirschfahrt, diesmal direkt an der eigentlichen Pfanne entlang. Über zwanzig Giraffen stolzieren erhaben vor dem blendenden Weiß der endlosen Pfanne zu einem Wasserloch, ganz plötzlich galoppieren sie jedoch raumgreifend in die entgegengesetzte Richtung, ohne dabei ihre Anmut zu verlieren. Was sie in Panik versetzt hat, ahnen wir, als wir in etwa 200 Meter Entfernung einen majestätischen, ausgewachsenen männlichen Löwen sehen.
Der liegt jedoch nur träge im Gras und läßt sich die warme Nachmittagssonne auf den Pelz brennen. Schon ist es Zeit, ins Camp zurückzukehren, denn die Nacht kommt schnell in diesen südlichen Breiten, und die Parkranger sind unerbittlich mit Strafen, wenn man erst nach Sonnenuntergang das Camp erreicht.
Vor dem Abendessen bummeln wir zur Wasserstelle. Ein einzelner Vorzeigeelefant dreht und wendet sich photographiergerecht nach allen Seiten im ausdrucksvollen Licht der untergehenden Sonne, dabei Rüsselbewegungen ausführend, die jedem Hobbytierphotographen das Herz im Leibe aufgehen lassen. Ich bitte R., die Gelegenheit zu nutzen und eine Aufnahme zu machen. Sie prüft sehr gewissenhaft das Motiv, wendet sich von links nach rechts, geht vor und zurück, dabei ihrer Nachbarn nicht achtend. Sie tritt abwechselnd auf Füße und gegen Schienbeine, bohrt ihre Ellbogen in Rippen und Weichteile der mehr oder weniger Unbeteiligten und vollführt andere, sehr sonderliche Bewegungen. Dabei bewegt sie sich aber so graziös, daß ich unwillkürlich an eine Art rituellen Tanz denken muß. Übt das dunkle, schwarze Afrika seine Magie aus? Hat so der Tanz um das goldene Kalb (den mächtigen Elefantenbullen) ausgesehen?
Um ernsteren verbalen oder handgreiflichen Auseinandersetzungen mit Verletzungen, Blutvergießen bzw. dem Ausbruch des dritten Weltkrieges vorzubeugen, wage ich es, sie auf ihren Übereifer hinzuweisen und sie um etwas mehr Vorsicht zu bitten. Aber jetzt geht es los: sie brauche ihren künstlerischen Freiraum und keine Bevormundung, die anderen stünden schon seit mindestens, wenn nicht schon länger da, sie hätte die gleichen Rechte und ich keine Ahnung und, und, und..., also kurz, ich werde wie ein Massenmörder, Hochverräter, Kinderschänder, Vergewaltiger, im höchsten Grade Schwachsinniger behandelt. Um ihr Zeit und Gelegenheit zu geben, etwas abzukühlen, gehe ich schon vor und beginne mit der Zubereitung des Abendessens, wieder auf dem Campingkocher, denn wir haben ja keine Kochgelegenheit im Zimmer. Das Essen paßt dann so richtig zu der Stimmung: die Spaghetti sind zwar diesmal ausreichend, dafür aber matschig - glitschig, die Tomatensauce ist nicht besonders gut gelungen, die Mücken sind aufdringlich und der richtige Bierdurst will sich sich auch nicht einstellen. Später verlasse ich noch einmal kurz das Zimmer, um zum Auto zu gehen, dabei bleibt die Moskitoschutztür zwangsläufig etwa zwei Sekunden geöffnet, weil ich erstens selbst durchgehen muß und zweitens fürsorglich nachfrage, ob ich etwas mitbringen soll oder kann. Jetzt kommt zu meinen bisherigen Vergehen auch noch Seuchenverbreitung! Sehr früh erlischt bei uns das Licht...
Sonntag, 9. 6. 1996
Ein neuer, herrlicher Tag, die Stimmung ist wieder gut, wir freuen uns auf weitere Erlebnisse. Beim Abholen des Permits sagt mir der Parkranger, daß die anderen Camps im Nationalpark ebenfalls ausgebucht seien. Na ja, wir wollen es aber auf jeden Fall in Halali, einem weiteren Camp im Nationalpark, versuchen, notfalls müssen wir zelten.
Unterwegs kommt uns mit einem irrsinnigen Tempo ein Fahrzeug entgegen, eine dichte Staubfahne hinter sich herziehend. Ich fahre wie in eine Nebelwand, bin also gezwungen, meine Geschwindigkeit stark zu reduzieren. Als sich der Nebelstaub lichtet, trauen wir unseren Augen kaum: in nur fünf Meter Entfernung schreiten stolz und von uns vollkommen unbeeindruckt zwei fast ausgewachsene männliche Löwen über die Fahrbahn. Erregt fordere ich R. auf, schnell zu photographieren, da ich ja am Steuer sitze. Aber wir haben schlechte Karten: der Photoapparat ist noch staubsicher in der Tasche verstaut, es müssen zwei Klick-, ein Klett- und drei Reißverschlüsse geöffnet und das Objektiv gewechselt werden, dann ist der große Seitenspiegel des Fahrzeugs im Wege, außerdem steht die Sonne nicht richtig, und zwei Grashalme versperren die optimale Sicht. Die ersten Aufnahmen gelingen erst, als die beiden Löwen schon fast unsichtbar im hohen Gebüsch verschwunden sind. Ich versuche, mit dem Auto die Verfolgung aufzunehmen, aber nach kurzer Zeit muß ich aufgeben, es ist aussichtslos, die beiden Kameraden sind verschwunden. Nur langsam legt sich unsere Aufregung, ist an die Fortsetzung unserer Pirschfahrt zu denken - das waren eben mit Sicherheit keine Photomodelle oder Salonlöwen... An einer Tränke „wartet“ dann jedoch eine große Gnuherde auf uns, sie läßt sich alle Zeit der Welt, und wir können müßig den liebevollen Umgang der Gnumütter mit ihren neugeborenen Kälbern beobachten. Es ist beinahe Mittag, als wir wieder aufbrechen, jetzt pressiert es uns ein wenig, wir haben Hunger, wollen uns nach dem langen Hocken im Auto die Beine vertreten, und außerdem ist die Übernachtungsfrage noch nicht gelöst. Und siehe da, für uns steht ein wunderschöner Bungalow mit zwei Schlafzimmern, zusätzlichem Wohnraum mit integrierter Küche, Dusche, WC, überdachter, schattiger Veranda, Grillplatz vom Feinsten und ausreichend Parkmöglichkeit zur Verfügung. Hier muß man sich einfach wohlfühlen!

Bevor wir uns häuslich einrichten, bummeln wir erst einmal durch das weitläufige Camp. Obwohl wir nur Gummischlappen an den Füßen haben, kämpfen wir uns auch noch trotz brennender Sonne einen recht steilen Aussichtshügel hinauf. Danach haben wir uns eine ausgiebige Siesta wirklich verdient. Um uns verdient macht sich heute nachmittag auch R., sie wäscht in der nahegelegenen Waschküche verschmutzte T-Shirts und Socken aus. Anschließend fahren wir wieder pirschen, die Umgebung von Halali ist sehr viel abwechslungsreicher als im übrigen Park, weil einige Hügel und Kuppen das ansonsten ebene Gelände auflockern. Als Highlight erleben wir eine riesige Elefantenherde, ca. 30 Tiere mit vielen Kleintieren dabei, die sich an einer Wasserstelle vergnügt. Obwohl die grauen Riesen eigentlich keine natürlichen Feinde haben, werden einige Halbwüchsige als Wächter abgestellt, die das Geschehen genauestens beobachten und lästige Störenfriede, wie beispielsweise Gazellen, nachdrücklich vertreiben.
Abends bereiten wir ein Braai zu: Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten, Zucchini werden mit wenig Wasser in den schweren, gußeisernen Topf gegeben, der in das Grillfeuer gestellt wird. Ab und zu ein wenig Wasser nachgießen, mehr ist vorerst nicht zu tun. Also viel Muße, dabei genüßlich ein Bierchen zu schlürfen. Anschließend nur noch die Steaks auf den Grill legen, und schon erwartet uns ein köstliches Mahl. Dazu lassen wir uns einen guten südafrikanischen Rotwein munden. Die Säuberung des Braaitopfes, der von außen vollkommen verrußt ist, bereitet allerdings erhebliche Mühe. Morgen muß unbedingt eine Bürste her, vor allen Dingen für die Hände...
Ach ja, mein Athroseknie macht sich unangenehm bemerkbar, ich kann kaum noch auftreten. Die wahrscheinliche Ursache ist, daß ich mit stark angewinkeltem rechten Bein fahren bzw. Gas geben muß, weil sich die durchgehende Sitzbank beim Toyota nicht weiter nach hinten verstellen läßt. Ich hoffe inständig, daß sich die Beschwerden bald legen, denn wir haben noch einige tausend Kilometer vor uns. Und R. reicht mit ihren doch recht kurzen Beinen kaum an die Bedienungspedale heran.
Montag, 10. 6. 1996
Morgens fahren wir in die Etosha-Pfanne hinein. Einfach unvorstellbar, dieses weite, weiße, gleißende Nichts. Als wir mit dem Fernglas den Horizont absuchen, entdecken wir einige dunkle Punkte; erst nach geraumer Zeit können wir sie als Strauße identifizieren, die im Gänse- oder Straußenmarsch auf den Rand der Pfanne zumarschieren. Zwei scheue Dik - Diks, kaum größer als ausgewachsene Hasen, suchen schleunigst das Weite, als wir uns nähern. Doch schon bald schmerzen uns die Augen von dem anstrengendem Suchen nach Tieren, der gleißenden Sonne mit von dem hellen Boden refektierenden Licht und dem allgegenwärtigen Staub. Wir brechen unsere Pirschfahrt früh ab, kehren ins Camp zurück und pflegen der Ruhe.
Allzuschnelle Wiederholungen empfehlen sich nicht! Wir wiederholen die gestrige Speisefolge und essen noch einmal Braai und Steak. Es ist jedoch nicht zu übersehen, daß R. mit „langen Zähnen“ kaut. Aber auch mir schmeckt es bei weitem nicht so gut wie gestern.
Dienstag, 11. 6. 1996
Hervorragend erholt gehören wir zu den ersten Fahrzeugen, die frühmorgens das Camp verlassen. Es wird der Vormittag der Herden: Unvorstellbar, wieviele Zebras, Gnus, Kudus, Perdeantilopen, Oryxe, Springböcke, Schwarznasenimpalas, Strauße, Elefanten, Giraffen und andere, von uns nicht zu identifizierende Antilopen die diversen Wasserstellen bevölkern. Als ob sie sich verabredet hätten, uns zu Ehren zur Parade aufzumarschieren.
Elefanten bei Goas
Auf dem Rückweg erspäht R. einen Singhabicht, der wie auf einem Präsentierteller recht nahe auf einem toten Ast sitzt. Aber von wegen Singhabicht: er ist und bleibt stumm wie ein Fisch.
Dankbar nehme ich zur Kenntnis, daß sich R. am Nachmittag der „großen Wäsche“ widmet. Dafür säubere ich den Wagen, es ist dringend erforderlich, denn ich befördere ganze Kehrschaufelladungen Sand und Staub von der Ladefläche. Nach Sonnenuntergang setzen wir uns an die beleuchtete Wasserstelle. Hier herrscht eine ganz andere Atmosphäre als in Okaukuejo, es geht beschaulich zu, alle sind mucksmäuschenstill und ausschließlich damit beschäftigt, die trinkenden Tiere zu beobachten.
Unsere Geduld wird belohnt: wir sind schon fast im Aufbruch begriffen, als plötzlich lautlos ein dickes, ausgewachsenes Rhino auftaucht. Sofort beginnt es, in langen Zügen durstig zu trinken. Wieviel Verständnis habe ich doch für dieses Rhino, wenn ich auch ungern die brackige Brühe aus diesem Tümpel zu mir nehmen möchte - vielmehr stelle ich mir einen Biersee vor...
Mittwoch, 12. 6. 1996
Uns gefällt es in Halali so gut, daß wir weitere zwei Übernachtungen buchen. Damit ersparen wir uns auch, innerhalb des Parks noch einmal umzuziehen. Um trotzdem den Park in seiner gesamten Größe, Schön- und Wildheit kennenzulernen, starten wir heute zu einer ganztägigen Pirschfahrt. Schon nach 13 Kilometern sehen wir, daß auf der linken Straßenseite etliche Fahrzeuge parken. Wir halten ebenfalls und entdecken sechs Löwinnen in ca. 50 Metern Entfernung. Aber sie sind träge, offensichtlich vollgefressen, und es passiert schier garnichts. Also fahren wir weiter, Richtung Namutoni. Unterwegs das schon fast übliche Bild: Antilopen, Gnus, Zebras, Springböcke usw. an den Tränken und weidend auf den Savannen. Raubvögel sitzen auf abgestorbenen Bäumen oder ziehen hoch oben in der Luft ihre Kreise und spähen nach Beute, ein Mungo überquert zielstrebig die Staubstraße und verschwindet eiligst im hohen Gras, Giraffen zupfen aus hohen Bäumen schmackhafte Blätter, und Erdmännchen tauchen in ihre verzweigten Höhlenbauten, wenn Gefahr im Verzuge ist. In der Nähe von Namutoni machen uns Touristen aus Zimbabwe auf zwei weitere Löwen aufmerksam, die aber relativ weit entfernt und von dichtem Gestrüpp verborgen sind.

Wasserloch in Halali
Nach einem kleinen Lunch im Camp besuchen wir noch einmal das Wasserloch Kalkheuwel, an dem jetzt eine große Elefantenherde die übrige Tierwelt nachhaltig verärgert: sie beschlagnahmt die Tränke einfach für sich und läßt niemanden auch nur in die Nähe kommen. Unzählige Zebras, Antilopen, Giraffen, Warzenschweine, Gnus, Oryx, Springböcke und Perlhühner wieseln und quirlen ständig ungeduldig durcheinander, dabei immer wieder Staubwölkchen aufwirbelnd. Die Zebras scheinen besonders agressiv und durstig zu sein, denn unter ihnen bricht ständig Streit aus. Sie bellen, ja wirklich, sie bellen fast wie Hunde, schlagen ärgerlich und aufgeregt mit den Hinterhufen nach potentiellen Rivalen aus und verjagen sich gegenseitig aus strategisch günstigen Positionen. Soviel Action haben wir noch an keiner anderen Wasserstelle gesehen. Die Fahrt führt weiter an der Pfanne entlang.

Auf einem etwa einhundert Meter entfernten Hügel bemerke ich während des Fahrens aus den Augenwinkeln auf einmal Bewegung. Sollten das Geparden sein. R. schaut durch das Fernglas und schüttelt sich anschließend vor Lachen aus: es war nur irgendwelches Federvieh. Und ich muß mir auch noch Flachsereien wie „Fluggeparde“ und ähnliches mehr anhören...Kurze Zeit später sichtet R. weitere Elefanten, die mit Futtersuche beschäftigt sind. Sie reißen sogar dicke Äste von den Bäumen und entlauben sie. Ich unterstelle, quasi als Retourkutsche zu den „fliegenden Geparden“, daß sie die Dickhäuter nur erkannt hat, weil sie in Größe und Farbe nicht ganz vollreifen Erdbeeren.entsprechen... Auf dem Rückweg besuchen wir noch einmal „unsere“ Löwinnen vom frühen Morgen; zumindest zwei von ihnen sind immer noch an Ort und Stelle. Sie waren wohl so satt, daß sie den ganzen heißen Tag im Schatten eines Gebüschs verdöst haben.
Kurz nach fünf Uhr sind wir wieder im Camp. Ich schwöre: das erste Bier hat meinen Magen nicht erreicht, das ist auf dem Wege dahin verdunstet! Unsere Stimmung ist blendend, vor allen Dingen auch, weil meine Kniebeschwerden fast vollständig verschwunden sind. Ich habe für meinen rechten Fuß eine Ablagemöglichkeit a u f dem Gaspedal gefunden, Gas geben muß ich allerdings mit dem Hacken, aber das ist nur ein wenig gewöhnungsbedürftig. Wichtig ist, daß das Bein weit ausgestreckt bleiben kann.
Zum Abschluß von Halali, so meinen wir heute, zwinkern uns abends an dem Wasserloch ein Mamarhino und ein Babyrhino aus ihren kleinen Äuglein zu, und als Zugabe winken sie zum Abschied mit ihren kurzen Stummelschwänzchen. Speziell für R. erscheinen dann noch zwei Fleckenhyänen, knicken beim Saufen ihre überproportional langen Vorderläufe ein und machen so artig vor ihr einen Diener.
Donnerstag, 13. 6. 1996
Gemächlich bummeln wir mit dem Auto Richtung Ostausgang des Etoshaparks. Ob der einsame Geier, der eitle Sekretär und die vielen buntschillernden Gabelracken unsere Wehmut bemerken? Die große Elefantenherde von gestern nachmittag - die bad boys und girls, die die anderen Tiere nicht ans Wasserloch gelassen haben - will uns jedenfalls noch einmal sehen und bewundern, sie promeniert gelassen mit den Rüsseln winkend an uns vorbei. Wir sind sicher: die vielen tausend Tiere, die wir hier in ihrer natürlichen Umgebung erleben durften, werden wir nicht vergessen!
Als Ergänzung noch einige Fotos aus den Folgejahren im Okt./Nov.Unser heutiger Zielort ist Grootfontein, das Agrarzentrum von Namibia. Nachmittags schlendern wir durch den Ort, ergänzen unsere Vorräte, trinken in einer deutschen Bäckerei „Tchibo“-Kaffee und genehmigen uns dazu ein Stück Kuchen. Hier ergattern wir auch eine relativ neue, deutschsprachige Tageszeitung. Übereinstimmend stellen wir später fest, daß uns die sogenannten Neuigkeiten aus aller Welt piepegal sind. Wir haben sie die letzten zwei Wochen nicht vermißt, obwohl wir zuhause das politische Geschehen immer sehr aufmerksam verfolgen. Den handlichen Weltempfänger, den wir mit auf die Reise genommen haben, fahren wir nur spazieren. Vor dem Essen rauche ich in einer Bar noch ein Pfeifchen. Auf dem Wege dahin fällt mir auf, daß mit Beginn der Dunkelheit vor allen Läden extrem starke Scherengitter angebracht, Türen und Fenster verrammelt und scharfe Hunde in die ohnehin mit Stacheldraht gesicherten Höfe gelassen werden. Auch der Thresen der Bar ist mit einem Scherengitter versehen, das nur zu den reglementierten Öffnungszeiten um etwa einen Meter geöffnet wird. Diese Maßnahme mag wohl wegen der hohen Kriminalitätsrate gerechtfertigt sein, aber in einer Umgebung, wo derartige Sicherheitsvorkehrungen nötig sind, würde ich mich auf Dauer nicht wohlfühlen.
Nach dem Abendessen trinken wir an der Hotelbar als „Absacker“ einen Gin - Tonic. Dabei unterhält sich R. fast fließend mit zwei jungen Schwarzen auf Englisch. Toll! Nur die weiche Aussprache, der fast singende Tonfall der beiden, macht ihr einige kleinere Schwierigkeiten. Aber man kann ja nachfragen.